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Das Ideal des Schönen in der Kunst bei Hegel

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

Einleitung: Überblick

I. Begriffsklärung

II. Der Begriff des Schönen
1. Die Idee des Schönen
2. Das Naturschöne
3. Die Schönheit der abstrakten Form und abstrakten Einheit des sinnlichen Stoffs
4. Das Kunstschöne und das Ideal

III. Umsetzung der Idealität des Kunstschönen
1. Transferierung des Ideals in die Wirklichkeit durch die
a) Schilderung eines idealen Weltzustandes für die Verwirklichung der Einheit von
Individualität und Allgemeinheit
b) Situation
c) Handlung
2. Form und Gestalt der äußeren Darstellung
a) Versetzen des Ideals in sinnliches Material
b) Hervortreten einer bestimmten geistigen Individualität des Ideals in die konkrete
Wirklichkeit und Zusammenstimmung beider
c) Übereinstimmung des Kunstwerks mit dem Glauben, der Empfindung und der
Vorstellung des Publikums
3. Anforderungen an den Künstler
a) Phantasie, Genie und Begeisterung
b) Objektivität der Darstellung
c) Manier, Stil und Originalität

Schluss: Die Stellung der Kunst gegenüber Religion und Philosophie

Literaturverzeichnis:

Einleitung: Überblick

Der gemeine Mensch bezeichnet ein Kunstwerk als „schön“, wenn es positive Gefühle in ihm auslöst oder dem aktuellen Schönheitsideal entspricht. In beiden Fällen handelt es sich um ein subjektives Urteil, welches aufgrund seiner Abhängigkeit vom Gemütszustand einer einzelnen Person beziehungsweise vom momentan vorherrschenden Zeitgeist keine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Um die Herstellung dieser bemüht sich nun die Philosophie. Zwar beschäftigte sich schon Platon in seiner Ideenlehre mit dem Begriff des Schönen; die Ästhetik als eigene philosophische Disziplin, als Lehre vom Schönen, wurde erst durch die Philosophen Baumgarten und Kant begründet. Vom griechischen Wort aisthesis abgeleitet, was mit Wahrnehmung oder Empfindung übersetzt werden kann, meint sie wörtlich die Lehre vom sinnlich Erscheinenden oder von der Wahrnehmung. Die von Hegel in Berlin gehaltenen Vorlesungen über die Ästhetik betrafen die Philosophie der Kunst oder noch konkreter die Philosophie der schönen Kunst. Für ihn hat die philosophische Ästhetik nur mit dem Kunstschönen zu tun, insbesondere mit dessen Beziehung zum Absoluten. Folgende Arbeit behandelt nun das Ideal des Schönen in der Kunst bei Hegel.

Zu Beginn werden einige für Hegels Philosophie grundlegenden Begriffe geklärt. Im zweiten Punkt werden das allgemeine Wesen des Schönen, das Naturschöne, die Schönheit der abstrakten Form und schließlich das Kunstschöne und sein Ideal erörtert. Weiter geht es um die konkrete Umsetzung der Idealität des Kunstschönen, das heißt um den Handlungshintergrund, die Situation und deren Kollision, die Handlung selber und deren Charaktere, Form und Gestalt der äußeren Darstellung und um die persönlichen Anforderungen an den Künstler. Abschließend wird aufgezeigt, wie Hegel die Kunst gegenüber der Religion und der Philosophie einordnet

I. Begriffsklärung

Die Einheit und den tragenden Grund aller Wirklichkeit bezeichnet Hegel als das Absolute, die absolute Idee oder den absoluten Geist. Dieses Göttliche verkörpert sich in seinen Daseinsformen Natur und subjektiver Geist, durch die es sich selbst die Bedingungen seiner Existenz geschaffen hat. Denn der absolute Geist ist „nur als absolute Tätigkeit und damit als absolute Unterscheidung seiner in sich selbst zu fassen. Dies andere nun, als das er sich von sich selbst unterscheidet, ist einerseits eben die Natur“ (Ästhetik I, 128[1] ), die Kraft ihrer äußeren Existenz in Raum und Zeit unabhängige Materie, andererseits das bewusste Leben, die Subjektivität, welche dadurch gekennzeichnet ist, ein Bewusstsein von sich selber und ihrer Umgebung zu haben und auf Selbsterhaltung und Ziele hin orientiert zu sein. „Den höchsten Inhalt nun, welchen das Subjektive in sich zu befassen vermag, können wir kurzweg die Freiheit nennen. Die Freiheit ist die höchste Bestimmung des Geistes“ (Ästhetik I, 134) und gründet sich auf die im Subjekt enthaltene Vernunft, welche die in der Welt und im Menschen vorhandenen Gegensätze in eine Einheit bringt „Die physischen Bedürfnisse, das Wissen und Wollen des Menschen erhalten also in der Tat eine Befriedigung in der Welt und lösen den Gegensatz von Subjektivem und Objektivem, von innerer Freiheit und äußerlich vorhandener Notwendigkeit in freier Weise auf“ (Ästhetik I, 136). Da aber, wo Endlichkeit ist, Widersprüche stets immer von neuem durchbrechen, bleibt der Inhalt dieser Freiheit beschränkt und relativ. Der Mensch sucht daher nach „einer höheren, substantielleren Wahrheit, in welcher alle Gegensätze und Widersprüche des Endlichen ihre letzte Lösung und die Freiheit ihre volle Befriedigung finden können“ (Ästhetik, 137). Hiermit wären wir nun wieder bei der absoluten Idee, dem einen absoluten Einheitsgrund angelangt. Das Absolute vollendet sich jedoch erst in seiner Entwicklung, oder um mit Hegels Worten zu sprechen: „Das Wahre ist das Ganze“ (PG 15[2] ).

Als Subjektiver ist der Geist vollkommene Vernunft, ein Denken also, welches der Wirklichkeit in ihrem Widerspruch folgt und daher erkennen kann, wie jede Stufe sich zur Nächsten weiterentwickelt. Die Substanz der Subjektivität ist vernünftige Selbsterkenntnis, das heißt das Selbstbewusstsein entsteht mit Hilfe des Begriffdenkens. „Die näheren Begriffsbestimmungen nun, welche dem Begriff seiner eigenen Natur nach zugehören, sind das Allgemeine, Besondere und Einzelne“ (Ästhetik, 148). Allgemein drückt der Begriff nun die in ihm enthaltene Idee aus und ist sowohl das Umfassende nach außen und innen, als auch die Einheit von Subjekt und Objekt im Inneren. Denn die Idee als das Wahre erzeugt als Begriff eine Wirklichkeit und bringt sie mit sich selbst, dem Begriff, in Übereinstimmung. Weil Begriffe nur vor dem Hintergrund anderer Begriffe, zu denen sie in Gegensatz gebracht werden, einen bestimmten Sinn haben, negiert sich der allgemeine Begriff in freier Selbstbestimmung zu im Einzelnen hervortretenden Besonderheiten und wird dadurch zum Prinzip einer mannigfaltigen Totalität. Totalität meint hier eine sich auf sich beziehende Einheit als einer Einheit über das Unterschiedene, Konkrete, Besondere. Die Idee ist „vollbrachte Übereinstimmung und vermittelte Einheit dieser Totalitäten. Nur so ist die Idee die Wahrheit und alle Wahrheit“ (Ästhetik, 150).

II. Der Begriff des Schönen

1. Die Idee des Schönen

Das Erscheinende erlangt nicht allein durch sein äußeres Dasein Wahrheit, sondern die Realität muss dem Begriff entsprechen, was meint, das Ich oder ein äußerer Gegenstand hat in seiner Wirklichkeit den Begriff selber zu realisieren. Die Idee ist zwar ihrem allgemeinen Prinzip nach schon wahr. Indem das Wahre sich nun auch äußerlich realisiert und „nun in diesem seinem äußerlichen Dasein unmittelbar für das Bewusstsein ist und der Begriff unmittelbar in Einheit bleibt mit seiner äußeren Erscheinung, ist die Idee nicht nur wahr, sondern schön. Das Schöne bestimmt sich dadurch als das sinnliche Scheinen der Idee“ (Ästhetik, 151). Allerdings bleibt die Schönheit nur einer bestimmte Art der Darstellung und Äußerung des Wahren.

Für den Verstand ist es nicht möglich, die Schönheit zu erfassen, weil er, statt zu jener Einheit von Begriff und Realität durchzudringen, deren Unterschiede gegenüberstellt und in selbständiger Trennung festhält. Zum Beispiel ist das Objektive für ihn etwas anderes als das Subjektive. „So bleibt der Verstand stets im Endlichen, Einseitigen und Unwahren stehen“ (Ästhetik, 152).

Dadurch, dass die Dinge für sich gesehen ihren Begriff und Zweck nicht in sich, sondern im Subjekt haben, und ihre dienende Beziehung auf dessen subjektive Zwecke ihr eigentliches Wesen ausmacht, wird ihnen ihre Selbständigkeit genommen. Bei der Betrachtung des Schönen löst sich jedoch diese bloß endliche Beziehung des Gegenstandes auf, indem das Subjekt seine Zwecke gegen das Objekt aufhebt und dasselbe als Selbstzweck betrachtet. „Denn dem Wesen des Schönen nach muß in dem schönen Objekt sowohl der Begriff, der Zweck und die Seele desselben wie seine äußere Bestimmtheit, Mannigfaltigkeit und Realität überhaupt als aus sich selbst und nicht durch andere bewirkt erscheinen“ (Ästhetik, 156). Der „schöne Gegenstand läßt in seiner Existenz seinen eigenen Begriff als realisiert erscheinen und zeigt an ihm selbst die subjektive Einheit und Lebendigkeit“ (Ästhetik, 155).

2. Das Naturschöne

„Das nächste Dasein nun der Idee ist die Natur und die erste Schönheit die Naturschönheit“ (Ästhetik, 157). Aber nicht überall in der Natur kommt der Begriff als die subjektive ideelle Einheit zum Vorschein. In den nur mechanischen und physikalischen vereinzelten Körpern, wie zum Beispiel dem Metall, wirkt er seelenlos und ohne selbständige Existenz. Schließen sich diese nun zu ein und demselben System zusammen, wie etwa die einzelnen Planeten mit der Sonne zu einem Sonnensystem, ist eine solche Existenz der ideellen Einheit „selbst noch mangelhafter Art, indem sie einerseits nur als Beziehung und Verhältnis der besonderen selbständigen Körper real wird, andererseits als ein Körper des Systems, der die Einheit als solche repräsentiert, den realen Unterschiedenen gegenübersteht“ (Ästhetik, 159). Erst im Leben tritt die unmittelbare Einheit von Idee und Wirklichkeit zu Tage. „Denn in der Lebendigkeit ist erstens die Realität der Begriffsunterschiede als realer vorhanden; zweitens aber die Negation derselben als bloß real unterschiedener, indem die ideelle Subjektivität des Begriffs sich diese Realität unterwirft; drittens das Seelenhafte als affirmative Erscheinung des Begriffs an seiner Lebendigkeit, als unendliche Form, die sich als Form in ihrem Inhalte zu erhalten die Macht hat“ (Ästhetik, 160). Konkret heißt das: Es wird zum einen zwischen dem Leib, in dem der Begriff seinen Bestimmtheiten ein äußeres Naturdasein gibt, und der Seele, der ideellen Einheit all dieser Bestimmtheiten, unterschieden. Zum anderen macht das Setzen und Auflösen des Widerspruchs von ideeller Einheit und realem Auseinander der Glieder des Körpers den steten Prozess des Lebens aus. „Diese in sich freie Selbständigkeit der subjektiven Lebendigkeit zeigt sich vornehmlich in der Selbstbewegung“ (Ästhetik, 165). Und letztlich haben wir im lebendigen Organismus ein Äußeres, in welchem das Innere, das sein Begriff ist, erscheint.

Die Naturschönheit ist nur für das die Schönheit auffassende Bewusstsein schön. In welcher Weise und wodurch erscheint uns nun die Lebendigkeit in ihrem unmittelbaren Dasein als schön? Zuerst einmal betrifft die Schönheit „das Scheinen der einzelnen Gestalt in ihrer Ruhe wie in ihrer Bewegung, abgesehen von deren Zweckmäßigkeit für die Befriedigung der Bedürfnisse wie von der ganz vereinzelten Zufälligkeit des Sichbewegens“ (Ästhetik, 168). Weiter finden wir einen Organismus schön, der sich als beseelt zeigt, indem sich seine unterschiedlichen äußeren sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungsweisen für uns absichtslos und zufällig zu einem Ganzen, einem Individuum zusammenschließen. Bei dieser Wertung sind unser Denken, welches einen inneren Zusammenhang dieser selbständigen subjektiven Einheit erfasst, und unsere Empfindung, in der sich die Seele als Seele zeigt, beteiligt. Die echte Betrachtungsweise des Schönen in der Natur stellt letzten Endes eine sinnvolle Anschauung der Naturgebilde dar. Sinn bezeichnet einerseits die Organe der unmittelbaren Auffassung, andererseits heißen wir Sinn die Bedeutung, den Gedanken und das Allgemeine einer Sache. „So wäre denn also die Natur überhaupt als sinnliche Darstellung des konkreten Begriffs und der Idee schön zu nennen, insofern nämlich bei Anschauung der begriffsmäßigen Naturgestalten ein solches Entsprechen geahnt ist und bei sinnlicher Betrachtung dem Sinne zugleich die innere Notwendigkeit und das Zusammenstimmen der totalen Gliederung aufgeht. Weiter als bis zu dieser Ahnung des Begriffs dringt die Anschauung der Natur als schöner nicht vorwärts“ (Ästhetik, 174).

Die Mangelhaftigkeit des Naturschönen zeigt sich auch bei lebenden Organismen. Die Seele des Tieres bleibt nur innerlich, nur an sich diese Einheit, in welcher die Realität als Leiblichkeit eine andere Form hat als die ideelle Einheit der Seele; das heißt, sie äußert sich nicht selbst als für sich Ideelles, im Unterschied zum bewussten menschlichen Ich, welches von sich als dieser einfachen Einheit weiß und sich in diesem Fürsichsein auch für andere manifestiert. Deshalb erscheint beim tierischen Organismus „auch das Äußere nur als ein Äußeres und nicht an jedem Teil von der Seele völlig durchdrungen“ (Ästhetik, 194). Aber ebenso scheint die menschliche Seele mit ihrem inneren Leben nicht durch die ganze Realität der leiblichen Gestalt hindurch, da ein Teil der Organe nur animalische Funktionen hat. Außerdem sind das tierische und das menschliche Dasein auch bezüglich ihrer Schönheit von den Bedingungen der äußeren Natur abhängig und zudem fehlt beiden die absolute Selbständigkeit, da die Umweltbedingungen das unmittelbar Einzelne in partikuläre Physiognomien spezifiziert. Selbst das geistige Individuum weist einen Mangel an Schönheit auf, da es in seiner unmittelbaren Wirklichkeit, wie etwa in seinen Wünschen und Handlungen, nur fragmentarisch erscheint und sein konzentrierter Einheitspunkt nicht als zusammenfassendes Zentrum sichtbar und erfassbar wird. „Sodann muss der einzelne Mensch, um sich in seiner Einzelheit zu erhalten, sich vielfach zum Mittel für andere machen […] und setzt die anderen, um seine eigenen engen Interessen zu befriedigen, ebenfalls zu bloßen Mitteln herab. Das Individuum […] ist deshalb nicht aus seiner eigenen Totalität tätig und nicht aus sich selbst, sondern aus anderem verständlich“ (Ästhetik, 197) und büßt dadurch an Schönheit ein.

[...]


[1] Hegel, G.W.F.: Vorlesungen über Ästhetik I, Werke 13 Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 6. Auflage, 1999, Seite 128

[2] Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Meiner Verlag, Hamburg, 2006, Seite 15

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640323784
ISBN (Buch)
9783640321711
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126473
Institution / Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Note
1,0
Schlagworte
Ideal Schönen Kunst Hegel

Autor

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