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Ungeschriebener Ordre-Public-Vorbehalt bei der Vollstreckung europäischer Haftbefehle

©2019 Seminararbeit 43 Seiten

Zusammenfassung

In dieser Arbeit werden zunächst das Verhältnis von nationalem und europäischem Recht und die Grundsätze des europäischen Haftbefehls erläutert, bevor auf die Problematik an sich eingegangen wird. Hier werden die wichtigsten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs dargestellt und im Hinblick auf einen ungeschriebenen Ordre-public-Vorbehalt bei der Vollstreckung europäischer Haftbefehle analysiert. Am Ende folgt eine persönliche Stellungnahme.

Europa. Ein Raum gleicher Wertvorstellungen. Ein Raum gleicher Zielsetzungen. Ein Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts. Aber gibt es diesen Raum wirklich? Gibt es tatsächlich einen Mindeststandard an Grund- und Menschenrechten, der von allen Mitgliedstaaten geschützt wird?

Diese Frage keimte vor gut zwei Jahren erneut auf. Grund war der Fall Puigdemont. Der katalanische Separatistenführer sollte aufgrund eines Europäischer Haftbefehls von Deutschland an Spanien ausgeliefert werden. Ihm wurde Rebellion und Veruntreuung vorgeworfen. Im Herbst 2017 ließ er ein Unabhängigkeitsreferendum durchführen, obwohl dieses zuvor für verfassungswidrig erklärt worden war. Da die deutschen Richter den Betroffenen lediglich einer Veruntreuung schuldig gesprochen hatten, war eine Auslieferung wegen Rebellion aufgrund fehlender beiderseitiger Strafbarkeit unzulässig. Spanien zog den europäischen Haftbefehl zurück, denn richterliche Entscheidungen sind nicht zu bewerten, sondern zu respektieren.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

A. Einleitung

B. Grundlagen
I. Verhältnis des Unionsrechts zum nationalen Recht
1. Sichtweise des EuGH
2. Position des BVerfG
II. Europäischer Haftbefehl
1. Allgemeines
2. Grenzen

C. Ordre-public-Vorbehalt?
I. Grundeinstellung des EuGH
1. Allgemeines
2. Rs. Âkerberg-Fransson
3. Rs. Melloni
4. Gutachten über den Eintritt der EU in die EMRK
5. Generalanwältin Sharpston in der Rs. Radu
6. Rs. Jeremy F
7. Zusammenfassung
II. BVerfG Beschluss v. 15.12.2015
1. Sachverhalt
2. Entscheidung
a) Möglichkeit einer Identitätskontrolle
b) Ausnahme von dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung
c) Übereinstimmung mit Unionsrecht
3. Kritik
4. Solange 3-Entscheidung?
a) Befürwortende Ansicht
b) Gegenansicht
5. Zwischenergebnis
III. EuGH in der Rs. Pal Aranyosi/Cäldäraru
1. Sachverhalt
2. Entscheidung
a) Ausnahme von der Institution des gegenseitigen Vertrauens
b) Dreistufige Prüfung für das Vorliegen eines Ablehnungsgrundes
aa) Risikoprüfung
aaa) Abstrakte Gefahr
bbb) Konkrete Gefahr
bb) Aufklärung und Abhilfe
cc) Rechtsfolge
dd) Nachverfahren
3. Kritik
4. Zusammenfassung
V. EuGH in der Rs. Taricco 1
1. Sachverhalt
2. Entscheidung
3. Kritik
4. Zusammenfassung
VI. EuGH in der Rs. M.A.S. und M.B. / Taricco II
1. Sachverhalt
2. Entscheidung
3. Begründung
4. Kritik
5. Zusammenfassung

D. Stellungnahme

Literaturverzeichnis

Ambos, Kai/König, Stefan/Rackow, Peter (Hrsg.), Rechtshilferecht in Strafsachen, Kommen­tar, Baden-Baden 2015 (zitiert: Bearbeiter in Ambos/König/Rackow §...Rn...)

Ambos, Kai : „Internationales Strafrecht“, 5. Aufl., München 2018

Andreou, Pelopidas : „Gegenseitige Anerkennung von Entscheidungen in Strafsachen in der Europäischen Union“, Baden-Baden 2009

Bifulco, Raffaele/Paris, Davide : „Der italienische Verfassungsgerichtshof“, in: von Bogdandy, Armin/Grabenwarter, Christoph/Hiber, Peter (Hrsg.), Handbuch Ius Publicum Europaeum, Bd. VI - Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa: Institutionen, Heidelberg 2016, S. 271-356

Böse, Martin : „Legitimität des europäischen Kooperationsrechts - Menschenrechtliche Stan­dards zwischen Freiheitsschutz und Effektivitätsdenken, in: Tiedemann, Klaus/Sieber, Ul- rich/Satzger, Helmut/Burchard, Christoph/Brodowski, Dominik (Hrsg.), Die Verfassung mo­derner Strafrechtspflege, Baden-Baden 2016, S. 211-219

Brodowski, Dominik: „ Europäischer ordre public als Ablehnungsgrund für die Vollstreckung Europäischer Haftbefehle?“ in HRRS 2013, S. 54-56

Ders. : „Ne bis in idem im europäisierten Auslieferungsrecht“ in StV 2013, S. 339-346

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Burchardt, Dana : „Kehrtwende in der Grundrechts- und Vorrangrechtsprechung des EuGH? - Anmerkung zum Urteil des EuGH vom 5.12.2017 in der Rechtssache M.A.S. und M.B. (C­42/17, „Taric co II“)“ in EuR 2018, S. 248-264

Bülte, Jens : „Anwendungsvorrang und Gesetzlichkeitsprinzip im europäisierten Strafrecht und Strafverfahrensrechts“ in NZWiSt 2015, S. 397-400

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Ders. : „Grundrechte im Europäischen Straf- und Strafverfahrensrecht im Lichte der Rechtspre­chung des EuGH“ in: Festschrift für Helmut Fuchs, 2014, S. 111-136

Erb, Volker/Esser, Robert/Franke,Ulrich/Graalmann-Scheerer, Kirsten/ Hilger, Hans/Ig- nor, Alexander (Hrsg.), Löwe-Rosenberg, StPO, Kommentar, Bd. 11 - EMRK; IPBPR, 26. Aufl., Göttingen 2012 (zitiert: Bearbeiter in Löwe-Rosenberg StPO, Art...Rn...)

Esser, Robert : „Europäisches und Internationales Strafrecht“, 2. Aufl., München 2018

Gaede, Karsten : „Das Erwachen der Macht? Die europäisierte Funktionstüchtigkeit der Straf­rechtspflege“ in wistra 2016, S. 89-9

Gless, Sabine : „Internationales Strafrecht“, 2. Aufl., Basel 2015

Grützner, Heinrich/Pötz, Pul-Günter/Kreß, Claus/Gazeas, Nikolaos (Hrsg.), Internationaler Rechtshilfeverkehr in Strafsachen, Kommentar Bd. 2, 3. Aufl. (27. Ergänzungslieferung), Hei­delberg 2012 (zitiert: Bearbeiter in Grützner/Pötz/Kreß/Gazeas §...Rn...)

Hackner, Thomas/Schierholt, Christian: „Internationale Rechtshilfe in Strafsachen“, 3. Aufl., München 2017

Haggenmüller, Sarah: Der Europäische Haftbefehl und die Verhältnismäßigkeit seiner An­wendung in der Praxis, Baden-Baden 2018

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Ders.: „Europäisches Strafrecht“, 5. Aufl., Heidelberg 2015

Hochmayr, Gudrun: „Unionstreue trotz Verjährung“ in HRRS 2016, S. 239-243

Jähnke, Burkhard/Schramm, Edward: „Europäisches Strafrecht“, Berlin/Boston 2017

Jarass, Hans: „Zum Verhältnis von Grundrechtecharta und sonstigem Recht“ in EuR 2013, S. 29-45

Kloska, Ewa: „Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung im Europäischen Strafrecht“, Ba­den-Baden 2016

Kokott, Juliane: „Bedeutung und Wirkungen deutscher und europäischer Grundrechte im Steu­erstrafrecht und Steuerstrafverfahren“ in NZWiSt 2017, S. 409-417

Kühne, Hans-Heiner: „Auslieferung nach Abwesenheitsverurteilung (Italien) - »Solange III«“ in StV 2016, S. 299-302

Lochmann, Moritz: „Taricco I - ein Ultra-vires-Akt? Zur Rechtsfortbildung durch den EuGH“ in EuR 2019, S. 61-86

Meyer, Frank: Anmerkung zu EuGH, Urteil v. 5.4.2016, C-404/15 und C-659/15 PPU „Pal Aranyosi/Cäldäraru“ in JZ 2016, S. 621-624

Ders.: „Das BVerfG und der Europäische Haftbefehl - ein Gericht auf Identitätssuche“ in HRRS 2016, S. 332-340

Ders.: Anmerkung zu EuGH, Urteil v. 5.12.2017 - C-42/17, ECLI:EU:C:2017:936, M.A.S. u. M.B. in JZ 2018, S. 304-308

Nettesheim, Martin: Anmerkung zu BVerfG Beschl. v. 15.12.2015 in JZ 2016, S. 424-428

Oehmichen, Anna: „EuGH: Keine längere Verjährung in Italien bei Verstoß gegen Rückwir­kungsverbot und Bestimmtheitsgrundsatz“ in FD-StrafR 2017, 400148

Pascu, Octavian Gabriel: „Strafrechtliche Fundamentalprinzipien im Gemeinschaftsrecht“, Frankfurt am Main 2010

Pechstein, Matthias/Nowak, Carsten/Häde,Ulrich (Hrsg.), Frankfurter Kommentar zu EUV, GRC und AEUV, Bd. IV - AEUV, Artikel 216-358, Tübingen 2017

Petrus, Szabolcs: „Europäisches Strafrecht“, Frankfurt am Main 2015

Pilz, Stefan: „Innerstaatliche Verjährung bei Strafverfahren wegen Mehrwertsteuerstraftaten“ in NJW 2018, S. 221

Polzin, Monika: „Das Rangverhältnis von Verfassungs- und Unionsrecht nach der neuesten Rechtsprechung des BVerfG“ in JuS 2012, S. 1-6

Rosenau, Henning: „Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung im Rahmen der europäischen Kriminalpolitik“ in: Prävention und Repression im Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, Baden-Baden 2014, S. 95-115

Ruffert, Matthias: „Europarecht: Vorrang des Unionsrechts und Grundrechtsschutz“ in JuS 2018, S. 496-498

Sachs, Michael: „Grundrechte: Identitätskontrolle bei Anwendung von Unionsrecht“ in JuS 2016, S. 373-375

Safferling, Christoph: „Internationales Strafrecht“, Heidelberg 2011

Ders.: „Der EuGH, die Grundrechtecharta und nationales Recht: Die Fälle Âkerberg Fransson und Melloni“ in NStZ 2014, S. 545-551

Satzger, Helmut: „Grund- und menschenrechtliche Grenzen für die Vollstreckung eines Euro­päischen Haftbefehls? - „Verfassungsgerichtliche Identitätskontrolle“ durch das BVerfG vs. Vollstreckungsaufschub bei „außergewöhnlichen Umständen“ nach dem EuGH“ in NStZ 2016, S. 514-522

Ders.: Internationales und Europäisches Strafrecht - Strafanwendungsrecht/Europäisches Straf- und Strafverfahrensrecht/Völkerstrafrecht, 8. Aufl., Baden-Baden 2018

Sauer, Heiko: „ „Solange“ geht in Altersteilzeit - Der unbedingte Vorrang der Menschenwürde vor dem Unionsrecht“ in NJW 2016 S. 1134-1138

Schallmoser, Nina Marlene: „Europäischer Haftbefehl und Grundrechte“, Wien 2012

Schaut, Andreas: „Europäische Strafrechtsprinzipien“, Baden-Baden 2012

Schermuly, Katharina: „Grenzen funktionaler Integration“, Frankfurt a.M. 2013

Scheuermann, Sandra: „Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung im geltenden und künf­tigen Europäischen Strafrecht“, Hamburg 2009

Schomburg, Wolfgang/Lagodny, Otto/Gleß, Sabine/Hackner, Thomas (Hrsg.), Internationale Rechtshilfe in Strafsachen, Kommentar 5. Aufl., München 2012 (zitiert: Bearbeiter in Schom- burg/Lagodny/Gleß/Hackner §...Rn...)

Schorkopf, Frank : Anmerkung zu EuGH, Gutachten 2/13 v. 18.12.2014 in JZ 2015, S. 781­784

Schönberger, Christoph : Anmerkung zu BVerfG Beschluss v. 15.12.2015 - 2 BvR 2735/14 in JZ 2016, S. 422-424

Schumann, Stefan : „Anerkennung und ordre public“, Berlin 2016

Sieber, Ulrich/Satzger, Helmut/v. Heintschel-Heinegg, Bernd (Hrsg.), Europäisches Straf­recht, Kommentar, 2. Aufl., Baden-Baden 2014 (zitiert: Bearbeiter in Sieber/Satzger/v. Heint- schel-Heinegg §...Rn...)

Streinz, Rudolf: „Europarecht“, 10. Aufl., Heidelberg 2016

Ders. (Hrsg.), EUV/AEUV, Kommentar, 3. Auflage, München 2018 (zitiert: Bearbeiter in Streinz Art...Rn...)

Swoboda, Sabine: „Definitionsmacht und ambivalente justizielle Entscheidungen“ in ZIS 2018, S. 276-295

Weidemann, Jürgen: „Das nationale Strafrecht vor den Schranken des EuGH“ in wistra 2016, S. 49-52

Wohlfahrt, Christian: „Die Vermutung unmittelbarer Wirkung des Unionsrechts“, Heidelberg

Vorrang des Gesetzlichkeitsprinzips “ in NJW-Spezial 2018, 88 (Ohne Angabe des Autors)

Abkürzungsverzeichnis

a.A. anderer Ansicht

AEUV Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union

a.F. alter Fassung

Art. Artikel

Aufl. Auflage

Bd. Band

BeckRS Beck-Rechtsprechung

bspw. beispielsweise

BVerfG Bundesverfassungsgericht

BVerfGE Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts

bzw. beziehungsweise

ders. derselbe

dt. Deutsch

EGMR Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

EMRK Europäische Menschenrechtskonvention

ER Europarecht

EU Europäische Union

EuGH Europäischer Gerichtshof

EuHb Europäischer Haftbefehl

EuR Zeitschrift für Europarecht

europ. europäisch

EUV Vertrag über die Europäischen Union

f. folgend

FD-StrafR Fachdienst-Strafrecht (Zeitschrift)

ff. fortfolgende

Frankfurt a.M. Frankfurt am Main

GA Generalanwalt/Generalanwältin

gem. gemäß

GenStA Generalstaatsanwaltschaft

GG Grundgesetz

GR Grundrechte

GRC Grundrechtecharta

grds. grundsätzlich

h.M. herrschende Meinung

HansOLG Hanseatisches Oberlandesgericht

HRRS Onlinezeitschrift für Höchstrichterliche Rechtsprechung zum Strafrecht

Hsrg. Herausgeber

hstl. hinsichtlich

insb. insbesondere

Int. SR Internationales Strafrecht

IPBPR Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom 19.12.1966 (BGBl. 1973 II S. 1534).

iR im Rahmen

iRd im Rahmen des

IRG Gesetz über die internationale Rechtshilfe in Strafsachen

iSd im Sinne des

iVm in Verbindung mit

JR Juristische Rundschau

JuS Juristische Schulung

JZ Juristenzeitung

Kap. Kapitel

lit. littera (= Buchstabe)

n.F. neuer Fassung

nat. national

NJW Neue Juristische Wochenschrift

Nr. Nummer

NStZ Neue Zeitschrift für Strafrecht

NZWiSt Neue Zeitschrift für Wirtschafts-, Steuer- und Unterneh­mensstrafrecht

OLG Oberlandesgericht

RbEuHb Rahmenbeschluss über den Europäischen Haftbefehl

Rn. Randnummer

Rs. Rechtssache

Rspr. Rechtsprechung

S. Satz

s.o. siehe oben

SchlA v. Schlussanträge vom

sog. sogenannt

SR Strafrecht

StGB Strafgesetzbuch

StV Strafverteidiger

u. und

u.a. unter anderem

UA Unterabsatz

Urt. v. Urteil vom

v. vom

vgl. vergleiche

wistra Zeitschrift für Wirtschafts- und Steuerstrafrecht

ZIS Zeitschrift für internationale Strafrechtsdogmatik

A. Einleitung

Europa. Ein Raum gleicher Wertvorstellungen. Ein Raum gleicher Zielset­zungen. Ein „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“1. Aber gibt es diesen Raum wirklich? Gibt es tatsächlich einen Mindeststandard an Grund- und Menschenrechten, der von allen Mitgliedstaaten geschützt wird?

Diese Frage keimte vor gut zwei Jahren erneut auf. Grund war der Fall Puigdemont. Der katalanische Separatistenführer sollte aufgrund eines Eu- Hbs von Deutschland an Spanien ausgeliefert werden. Ihm wurde Rebel­lion und Veruntreuung vorgeworfen. Im Herbst 2017 ließ er ein Unabhän­gigkeitsreferendum durchführen, obwohl dieses zuvor für verfassungswid­rig erklärt worden war. Da die deutschen Richter den Betroffenen lediglich einer Veruntreuung schuldig gesprochen hatten, war eine Auslieferung wegen Rebellion aufgrund fehlender beiderseitiger Strafbarkeit unzuläs- sig.2 Spanien zog den EuHb zurück,3 denn „[r]ichterliche Entscheidungen sind nicht zu bewerten, sondern zu respektieren“4.

Der hier aufgegriffene Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung, die Ba­sis des EuHbs, kann jedoch nicht schrankenlos gelten. Es findet sich aller­dings kein kodifizierter Ablehnungsgrund, wenn es um die Verletzung grund- und menschenrechtlicher Garantien geht.5

Somit stellt sich die Frage wie zu verfahren ist, wenn durch die Ausliefe­rung unveräußerliche europ. oder nat. Grundrechtsgarantien betroffen sind, denen das Sekundärrecht der EU nicht gerecht wird.6 Diese Thematik soll in der nachstehenden Arbeit untersucht werden. Zunächst wird das grds. Verhältnis von nat. und europ. Recht und die Grundsätze des EuHbs erläutert, bevor auf die Problematik an sich eingegangen wird. Hier wer­den die wichtigsten Entscheidungen des BVerfG und des EuGH dargestellt und im Hinblick auf einen ungeschriebenen ordre-public-Vorbehalt bei der Vollstreckung EuHbs analysiert. Am Ende folgt eine persönliche Stellung­nahme.

B.Grundlagen

I. Verhältnisdes Unionsrechts zum nationalen Recht

1. Sichtweise des EuGH

Der EuGH vertritt grds. einen umfassenden Anwendungsvorrang des Uni­onsrechts vor jeglichem nat. Recht. Grundlage hierfür bildet die Selbst­ständigkeit der europ. Rechtsordnung, welche auf der Abtretung mitglied­staatlicher Hoheitsrechte fußt.7

2. Position des BVerfG

Auch das BVerfG nimmt grds. einen Anwendungsvorrang des EU-Rechts an, sieht diesen jedoch in der Integrationsermächtigung (Art. 23 I, 59 II 1 GG) begründet.8 So kann der Vorrang nicht schrankenlos gelten. Vielmehr müssen die nat. Grundrechte Beachtung finden. Das BVerfG übt „seine Gerichtsbarkeit über [... „unionsrechtlich determinierte deutsche Hoheitsakte sowie Hoheitsakte der EU“9 ] nicht mehr aus“, „[s]olange die Europäischen Gemeinschaften [...] einen wirksamen Schutz der Grund­rechte gegenüber der Hoheitsgewalt der Gemeinschaften generell gewähr­leisten, der dem vom Grundgesetz als unabdingbar gebotenen Grund­rechtsschutz im wesentlichen gleichzuachten ist, zumal den Wesensgehalt der Grundrechte generell verbürgt“10.

Eine Ausnahme bildet die Identitätskontrolle. Unabhängig vom allgemei­nen europ. Grundrechtsschutz11 soll überprüft werden können, „ob infolge des Handelns europäischer Organe die in Art. 79 [III] GG für unantastbar erklärten Grundsätze der Art. 1 und 20 GG verletzt werden“12. Liegt ein solcher Verstoß vor, müssen entgegenstehende Unions(rechts)akte gege­benenfalls unangewendet bleiben. Allein das BVerfG ist befugt, eine der­artige Verletzung festzustellen. Die Identitätskontrolle ist nur in Ausnah­mefällen zulässig, da insoweit die Rspr. des EuGH, die GRC und Art. 6 EUV ausreichend Schutz gewähren.13

II. Europäischer Haftbefehl

1. Allgemeines

Der EuHb findet seinen Ursprung in dem Rahmenbeschluss des Rates vom 13.06.2002 über den EuHb und die Übergabeverfahren zwischen den Mit­gliedstaaten (RbEuHb)14. Dieser wurde durch den Rahmenbeschluss 2009/299/JI15 des Rates vom 26.02.2009 geändert.16

Grundlage17 bildet das Statut der gegenseitigen Anerkennung (Art. 82 I AEUV)18, welches der Realisierung einer einheitlichen justiziel­len Zusammenarbeit in Strafsachen dienen soll. Hierdurch sollen die Mit­gliedstaaten gegenseitig auf die hinreichende Gewährung rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Grundsätze vertrauen können. Dies soll gerade auch dann gelten, wenn etwaige Harmonisierungsmaßnahmen noch nicht erfolgt sind. Wenn die flüchtigen Straftäter aufgrund der europ. Freizügig­keitsrechte problemlos innereurop. Grenzen überschreiten können, dann soll dies im Gegenzug ebenso für die Strafverfolgungsorgane möglich sein. Den Strafverfolgungsbehörden wird ein „Raum der Freiheit, der Si­cherheit und des Rechts“ (Art. 3 II EUV, Art. 67 ff., insb. 82 ff. AEUV) eröffnet, um die Strafverfolgung bestmöglich gewährleisten zu können.19

Mithilfe des EuHbs sollte dem undurchsichtigen und zeitintensiven klas­sischen Auslieferungsverfahren Abhilfe geschafft werden. Das traditio­nelle zweistufige Auslieferungsverfahren sollte durch ein einstufiges, rein justizielles, ersetzt werden. Im klassischen Rechtshilferecht folgte nach der durch das OLG vorgenommenen Zulässigkeitsprüfung (§§ 12f. IRG) die Auslieferungsbewilligung. Eine politische, auf Ermessen beruhende, Bewilligungsentscheidung der Exekutive sollte es iRd EuHbs jedoch nicht mehr geben.20 Des Weiteren kann bei der Auslieferung aufgrund des ge­genseitigen Vertrauens der Mitgliedstaaten weitgehend auf die bisher er­forderliche beiderseitige Strafbarkeit verzichtet werden (Art. 2 II RbEuHb).21

2. Grenzen

Der Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung kann nicht schrankenlos gelten. Art. 3, 4, 4a RbEuHb beinhalten deshalb obligatorische bzw. fakul­tative Ablehnungsgründe, bei deren Vorliegen der vollstreckende Staat die durch den EuHb begehrte Auslieferung verweigern muss bzw. kann.22

C. Ordre-public-Vorbehalt?

Ob der Vollstreckung eines EuHbs aufgrund weitergehender, grund- oder menschenrechtlicher Erwägungen widersprochen werden kann, ist höchst umstritten. Die Präambel des RbEuHbs schreibt grds. die Beachtung der GRC vor. Auch Erwägungsgrund Nr. 12 zeigt, dass der RbEuHb nicht die Pflicht berührt, die Grundrechte und die allgemeinen Rechtsgrundsätze, wie sie in Art. 6 EUV niedergelegt sind, zu achten. Die Erwägungsgründe verpflichten die Mitgliedstaaten jedoch nicht23. Auch stellen sie keine wei­teren Ablehnungsgründe dar.24

Es gibt keinerlei kodifizierte Ablehnungsgründe, wenn eine Verletzung des europ. oder nat. ordre-publics im Raum steht. So muss man sich mit der hierzu ergangenen Rspr. sowohl des BVerfG als auch des EuGH aus­einandersetzen, um die anfangs gestellte Frage beantworten zu können.

I. Grundeinstellung des EuGH

1. Allgemeines

Der EuGH vertrat lange Zeit den Standpunkt, ein ordre-public-Vorbehalt finde grds. keinen Raum iRd EuHbs.25 Das Auslieferungserbeten des er­suchenden Staates und die Vollstreckungshandlung des ausliefernden Staates erfolgen einheitlich in einem gemeinsamen Rechtsraum, der ein ausreichendes Maß an grund- und menschenrechtlichen Garantien sicher­stellt. Das gegenseitige Vertrauen der Mitgliedstaaten in ihre Strafjus­tizsysteme muss Beachtung finden. Nur so kann Art. 1 II RbEuHb Rech­nung getragen werden, der einen Verstoß gegen europ. Grundrechte im ersuchenden Staat weder als obligatorischen noch als fakultativen Ableh­nungsgrund anerkennt. Europ. Grundrechte werden lediglich in Art. 1 III RbEuHb erwähnt. Demnach berührt der RbEuHb nicht die Pflicht, die Grundrechte und die allgemeinen Rechtsgrundsätze, wie sie in Art. 6 EUV niedergelegt sind, zu achten. Weder hieraus noch aus der GRC kann ein allgemeiner ordre-public-Vorbehalt gezogen werden.26

2. Rs. Âkerberg-Fransson

Wie bereits gesehen geht der EuGH grds. von einem umfassenden uniona- len Anwendungsvorrang aus. Primär zu berücksichtigen sind stets die Ga­rantien der EMRK (vgl. Art. 6 III EUV, Art. 52 III GRC) sowie die der GRC (vgl. Art. 6 I GRC).27 Mit Urteil in der Rs. Âkerberg-Fransson macht er jedoch deutlich, dass nat. Grundrechte dann Anwendung finden, wenn sie einen höheren Schutz gewährleisten als die GRC. Hierbei darf gleich­wohl „das Schutzniveau der Charta“ und „der Vorrang, die Einheit und die Wirksamkeit des Unionsrechts [nicht] beeinträchtigt werden“28. Wiede­rum betont er die fundamentale Bedeutung einer wirksamen Zusammen­arbeit iRd Strafverfolgung und einer effektiven gegenseitigen Anerken­nung. Im Zweifel ist also davon auszugehen, dass der EuGH einer effekti­ven Strafverfolgung und dem Prinzip und der Pflicht zur gegenseitigen Anerkennung Vorrang vor einem europ. oder nat. Grundrechtsschutz ge­währen wird.29

3. Rs. Melloni

Dies zeigt sich bspw. in der Rs. Melloni.30 Vorliegend begehrte Italien mit­tels eines EuHbs die Auslieferung eines Beschuldigten aus Spanien. Durch Vorlage an den EuGH sollte geklärt werden, ob der Vollstreckung eines Abwesenheitsurteils widersprochen werden kann, wenn der Betroffene hiergegen keinerlei Rechtsmittel mehr geltend machen kann. Andernfalls wollte man wissen, ob der Vollstreckungsstaat dieses Fehlen an Rechts­mitteln als Grundlage für eine Ablehnung heranziehen kann. Es sollte also geklärt werden, ob Art. 53 GRC insoweit einen nat. ordre-public-Vorbe- halt beinhaltet, als der Vollstreckungsstaat die Auslieferung an die Mög­lichkeit knüpfen kann, dass Rechtsmittel eingelegt werden können.31

Dem EuGH zufolge widerspricht eine derartige Bedingung bereits dem Wortlaut des Art. 4a I lit. a und b RbEuHb, wenn der Betroffene, wie vor­liegend, zuvor von der Verhandlung gewusst hat und auf die Möglichkeit eines Abwesenheitsurteils hingewiesen worden ist. Zwar stellt das Anwe­senheitsrecht einen fundamentalen Bestandteil des fair-trial Grundsatzes dar (Art. 47, 48 II GRC), hierauf kann jedoch rechtmäßig verzichtet wer­den. Ein Verstoß gegen Art. 6 I, III EMRK ist folglich nicht ersichtlich, was auch vom EGMR so vertreten wird.32

Wie bereits in zahlreichen anderen Entscheidungen33 geht der EuGH auch hier von einem abschließenden Verständnis der Art. 3, 4, 4a RbEuHb aus. Unter Zuhilfenahme von Art. 53 GRC verdeutlicht er, dass eine Ausliefe­rung auch dann nicht verweigert werden darf, wenn aus nat. verfassungs­rechtlicher Sicht ein Verstoß gegen den fair-trial Grundsatz oder die Ver­teidigungsrechte angenommen wird.34 Die Mitgliedstaaten können sich nur dann auf Art. 53 GRC berufen, „sofern durch diese Anwendung weder das Schutzniveau der Charta [...] noch der Vorrang, die Einheit und die Wirksamkeit des Unionsrechts beeinträchtigt werden“35. Sollten europ. Grundrechte einen einheitlichen Schutz gewähren, bleibt für Art. 53 GRC folglich kein Raum.36 Der GRC entsprechende Sekundärrechtsakte könn­ten von den Mitgliedstaaten unter Verweis auf einen Verstoß gegen nat. Grundrechte abgelehnt werden. Dann wäre die justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen, die auf dem Statut des gegenseitigen Vertrauens beruht,37 zum Scheitern verurteilt. Dies würde die Effektivität des RbEuHb s erheb­lich beeinträchtigen.38

4. Gutachten über den Eintritt der EU in die EMRK

Auch in dem Gutachten über eine Mitgliedschaft der EU in der EMRK39 wiederholte der EuGH den wichtigen Stellenwert des Prinzips der gegen­seitigen Anerkennung.40 Aufgrund dieser Institution ist jeder Mitglied­staat, „von Ausnahmefällen abgesehen“41, verpflichtet darauf zu ver­trauen, dass die anderen Mitgliedstaaten einen hinreichenden Schutz ge­währen.

In dem Einschub „von Ausnahmefällen abgesehen“ eine Ausnahmeklausel für einen ordre-public zu sehen, erscheint jedoch nicht sachgerecht. Dies ergibt sich nicht nur aus dem Begründungskontext des Gutachtens. Vielmehr hat der EuGH durch einen unmittelbar nachfolgenden Klammer­zusatz jedweden Ansatzpunkt für einen solchen Vorbehalt im Keim er­stickt. Hierdurch verweist er auf die Rs. Melloni und zwar besonders auf die Randnummern, welche einen etwaigen Vorbehalt gerade nicht erwäh- nen.42

Mit Ablehnung eines Beitritts zur EMRK wurde dem EGMR jegliche Dis­kussion mit dem EuGH über menschenrechtliche Gewährleistungen ver­wehrt. Der EGMR entgegnete in der Rs. Avotins v. Lettland, er werde wei­ter an der Bosphorus-Vermutung festhalten. Auf Unionsebene werde ein der EMRK vergleichbarer Grundrechtsschutz grds. vermutet. Hoheitliches Handeln der Mitgliedstaaten, welches mittelbar auf Akte der EU zurück­zuführen ist und rechtmäßig umgesetzt wurde, werde nur eingeschränkt begutachtet. Es werde lediglich überprüft, ob der Schutz grundrechtlicher Gewährleistungen „offensichtlich unzureichend“ ist („manifest deficien­cies“). Die nat. Gerichte müssten die Schutzstandards der EMRK jedoch auch dann gewährleisten, wenn dies gegen EU-Recht verstoße.43

5. Generalanwältin Sharpston in der Rs. Radu

Über etwaige Ausnahmefälle sprach bereits GA Sharpston in ihren Schlus­santrägen in der Rs. Radu. In strengen Ausnahmesituationen wollte sie ei­nen Raum für einen europ. ordre-public eröffnen. Der ersuchte Staat solle grds. eine Verletzung der EMRK und der GRC prüfen. „[W]enn nachge­wiesen wird, dass die Menschenrechte der Person, die übergeben werden soll, bei oder nach dem Übergabeverfahren verletzt worden sind oder in Zukunft verletzt werden“44, könne der an sich zur Vollstreckung verpflich­tete Staat einer Auslieferung in Extremfällen widersprechen. Insoweit habe das Primärrecht der EU Vorrang vor dem Sekundärrecht.45 Andernfalls sei zu befürchten, dass Art. 1 III RbEuHb keinerlei Bedeutung zukomme.46

Ihr Bestreben nicht beachtend, entschied der EuGH auch hier, die in Art. 3, 4, 4a RbEuHb genannten Gründe sind als abschließend anzusehen. Überdies können lediglich die Bedingungen des Art. 5 RbEuHb gerügt werden.47

6. Rs. Jeremy F.

In der Rs. Jeremy F. ging der EuGH jedoch von einer Institution aus, die als europ. ordre-public gedeutet werden kann. Demnach soll der ersu­chende Staat für die „Rechtmäßigkeit des Verfahrens der Strafverfolgung, der Strafvollstreckung oder der Verhängung einer freiheitsentziehenden Maßregel der Sicherung oder auch des strafrechtlichen Hauptverfahrens, das zur Verhängung dieser Strafe oder Maßregel geführt hat“48, Rechnung tragen. Der ersuchte Staat darf die Übergabe nur dann verweigern, „wenn eine schwere und anhaltende Verletzung der in Art. 6 [I EUV] enthaltenen Grundsätze durch einen Mitgliedstaat vorliegt und diese vom Rat gemäß Art. 7 [I EUV] mit den Folgen von Art. 7 [II] festgestellt wird“49. Die Eu­rop. Kommission sah hierin einen in Extremfällen greifenden Ablehnungs­grund des Vollstreckungsstaates im Sinne eines europ. ordre-publics.50

7. Zusammenfassung

Der EuGH vertrat lange Zeit einen umfassenden unionalen Anwendungs­vorrang vor jeglichem nationalen Recht zugunsten der Effektivität des Unionsrechts.51 Nur er sollte den Grundrechtsschutz innerhalb der EU de­finieren können. Ungeschriebene Ablehnungsgründe außerhalb der Art. 3, 4, 4a RbEuHb wurden nicht anerkannt.52 Die GRC definiert zwar einerseits das Schutzniveau der EMRK als Teil des europ. Grundrechts­schutzes (vgl. Art. 52 III GRC). Andererseits dient sie jedoch als Integra­tionsschranke für weiterreichende nat. Grundrechte. „Die GRC ist damit zugleich Grundrechtegewährleistungsdokument wie auch Grundrechte- verdrängungsdokument“53.

Mit seiner bisherigen Rspr. entzog der Gerichtshof § 73 S. 2 IRG seine unionsrechtliche Legalität.54 Gem. § 73 S. 2 IRG ist die Leistung von Rechtshilfe unzulässig, wenn die Erledigung den in Art. 6 EUV enthalte­nen Grundsätzen, genauer dem europ. ordre-public,55 widerspricht. Das OLG München erklärte dennoch, dt. Behörden und Gerichte würden an­hand des § 73 S. 2 IRG weiterhin prüfen, ob die Vollstreckung EuHbs der EMRK (vgl. Art. 6 II, III EUV) oder der GRC (vgl. Art. 6 I EUV) zuwi- derlaufe.56

II. BVerfG Beschluss v. 15.12.2015

Das BVerfG zeigte sich mit der Rspr. des EuGH nicht zufrieden. Die wohl wichtigste Entscheidung hierzu bildet sein Beschluss v. 15.12.2015.57

1. Sachverhalt

1992 wurde der Amerikaner R durch ein florentinisches Gericht zu einer Freiheitsstrafe von 30 Jahren verurteilt. 2014 wandte sich Italien mittels eines EuHbs an Deutschland, um dessen Auslieferung zu erreichen. Das für die Zulässigkeitsentscheidung zuständige OLG Düsseldorf äußerte Be­denken im Hinblick auf Art. 83 Nr. 3 IRG a.F. (=Art. 83 IV IRG n.F.). Vorliegend handelte es sich um ein Abwesenheitsurteil, von welchem R keinerlei Kenntnis hatte. Demnach hätte dem R im ersuchenden Staat ein Recht auf Wiederaufnahme des Verfahrens oder auf ein Berufungsverfah­ren, an dem er teilnehmen kann und bei dem der Sachverhalt, einschließ­lich neuer Beweismittel, erneut geprüft und das ursprüngliche Urteil auf­gehoben werden kann, gewährleistet werden müssen.58

R führte an, diese Möglichkeit würde ihm aufgrund der in Italien vorherr­schenden unübersichtlichen Rechtslage, bedingt durch diverse Rechtsän­derungen, verwehrt werden. Dem widersprechend äußerte die GenStA Florenz, die Durchführung einer weiteren Beweisaufnahme sei „jedenfalls nicht ausgeschlossen“59.

Da das OLG der Zulässigkeitsentscheidung ohne weitere Prüfung stattgab, erhob R Verfassungsbeschwerde und verlangte Eilrechtsschutz. Das BVerfG gab seiner Klage statt.60

2. Entscheidung

a) Möglichkeit einer Identitätskontrolle

In seiner Entscheidungsbegründung betont das BVerfG, dass es zwar grds. an dem im Solange-II Beschluss anerkannten Anwendungsvorrang des Unionsrechts festhält. Die Abtretung von Hoheitsrechten wird durch das GG und das Zustimmungsgesetz jedoch nicht schrankenlos gewährleistet. Art. 79 III GG iVm Art. 23 I 3 GG dient als Schranke im Hinblick auf den integrationsfest ausgestalteten Verfassungskern (s.o.).61

Laut BVerfG hätte eine Vollstreckung des italienischen EuHbs einen so fundamentalen62 Grundrechtsverstoß bewirkt, dass dadurch der unantast­bare Kernbereich der dt. Verfassungsidentität berührt worden wäre.63 Art. 1 GG beinhaltet das Rechtsstaatsprinzip und den darin und „in der Menschenwürdegarantie [...] verankerte[n] Grundsatz, dass jede Strafe Schuld voraussetzt“64. Demnach muss sich ein „Gericht in der öffentlichen

Hauptverhandlung in Anwesenheit des Angeklagten einen Einblick in seine Persönlichkeit, seine Beweggründe, seine Sicht der Tat, des Opfers und der Tatumstände“ verschaffen. Hiergegen wird durch das vorliegende Abwesenheitsurteil verstoßen. Durch die Auslieferung würde R in seinem Recht aus Art. 1 I GG verletzt werden. Eine Vollstreckung des EuHbs ist mithin unzulässig.65

[...]


1 Hecker EU SR post-Lissabon S. 15.

2 Tagesschau Auslieferung Puigdemonts zulässig (Stand: 12.07.2018) https://www.tages- schau.de/inland/puigdemont-auslieferung-115~_origin-3e0eef22-c6d0-4f55-805e-242ac abb80ae.html [ 23.06.2019].

3 Bräutigam Spanien zieht Haftbefehl gegen Puigdemont zurück (19.07.2018) https://www.tagesschau.de/ausland/puigdemont-32 1.html [23.06.2019].

4 Dugge Deutsches Urteil Problem für Spaniens Justiz (12.07.2018) https://www.tages- schau.de/ausland/puigdemont-auslieferung-117.html [23.06.2019].

5 Haggenmüller Der EuHb und die Verhältnismäßigkeit seiner Anwendung in der Praxis S. 119ff.

6 Satzger Europ. und Inter. SR, § 10 Rn. 26a.

7 EuGH Urt. v. 15.7.1964 - C-6/64, BeckRS 1964, 105086; Satzger in Sieber/Satzger/v. Heintschel-Heinegg § 1 Rn. 8.

8 Streinz ER Rn. 223ff.; Polzin JuS 2012 S. 2.

9 Brodowski JR 2016 S. 423.

10 BVerfG NJW 1987, 577, 582 - Solange II.

11 Sauer NJW 2016 S. 1136.

12 BVerfG NJW 2009, 2267, 2272.

13 BVerfG NJW 2016, 1149, 1151; BVerfG NJW 2009, 2267, 2272ff.; Kühne StV 2016 S. 299f.

14 Rahmenbeschluss 2002/584/JI, ABlEG 2002 Nr. L 190/1; Safferling Int. SR S. 498.

15 ABIEU 2009 L 81 v. 26.3.2009, S. 24ff.

16 Satzger Europ. und Inter. SR, § 10 Rn. 32f.

17 Vgl. Erwägungsgrund 10 des RbEuHbs; Scheuermann Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung im geltenden und künftigen Europ. SR S. 87.

18 Rosenau in Prävention und Repression im Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts S. 104f.; Safferling NStZ 2014 S. 546.

19 Satzger NStZ 2016 S. 514; Meyer JZ 2016 S. 624.

20 Satzger Europ. und Inter. SR, § 10 Rn. 32f.

21 Satzger Europ. und Inter. SR, § 10 Rn. 32; Satzger NStZ 2016 S. 514.

22 Haggenmüller Der EuHb und die Verhältnismäßigkeit seiner Anwendung in der Praxis S. 119ff.

23 Andreou Gegenseitige Anerkennung von Entscheidungen in Strafsachen in der EU S. 198.

24 Haggenmüller Der EuHb und die Verhältnismäßigkeit seiner Anwendung in der Praxis S. 123.

25 Hecker EU SR S. 439.

26 EuGH NJW 2011, 983, 984; Satzger NStZ 2016 S. 514.

27 Jähnke/Schramm EU SR S. 337; Hackner/Schierholt Int. Rechtshilfe in Strafsachen S. 41.

28 EuGH NJW 2013, 1415, 1416.

29 Satzger NStZ 2016 S. 515.

30 EuGH NJW 2013, 1215, 1219.

31 Haggenmüller Der EuHb und die Verhältnismäßigkeit seiner Anwendung in der Praxis S. 214f.

32 EuGH NJW 2013, 1215, 1218f.

33 EuGH NJW 2013, 1145; EuGH Urt. v.6.10.2009, Rs. C-123/08, ECLI:EU:C:2009:616 Rn. 57 - Wolzenburg; EuGH Urt. v.1.12.2008 - Rs. C-388/08 PPU, ECLI:EU:C:2008:66 9 Rn. 51 - Leymann und Pustovarov.

34 EuGH NJW 2013, 1215, 1218f.

35 EuGH NJW 2013, 1215, 1219.

36 GA Bot, SchlA v. 2.10.2012 - C-399/11, ECLI:EU:C:2012:600 Rn. 126 - Melloni.

37 Dannecker Fuchs-FS S. 123.

38 EuGH NJW 2013, 1215, 1218f.

39 EuGH JZ 2015, 773.

40 EuGH JZ 2015, 773, 777; Schorkopf JZ 2015 S. 782.

41 EUGH JZ 2015, 773, 777.

42 EUGH JZ 2015, 773, 777; Satzger NStZ 2016 S. 515f.; a.A. Schumann Anerkennung und ordre public S. 304f. (Der EuGH prüfe in der Rs. Radu und Melloni eigenhändig weitergehende Ablehnungsgründe. Demnach könne er einen europ. ordre-public-Vorbe- halt nicht grds. ablehnen).

43 EGMR BeckRS 2016, 13748 Rn. 112, 116; EGMR NJW 2006, 197, 202ff.; Swoboda ZIS 2018 S. 280.

44 GA Sharpston, SchlA v. 18.10.2012 - C-396/11, ECLI:EU:C:2012:648 Rn. 97 - Radu.

45 Schumann Anerkennung und ordre public S. 303.

46 GA Sharpston, SchlA v. 18.10.2012 - C-396/11, ECLI:EU:C:2012:648 Rn. 70, 73 - Radu.

47 Ambos/Poschadel in Ambos/König/Rackow Kap. 1 Rn. 70.

48 vgl. EuGH Urt. v.30.5.2013 - Rs. C-168/13 PPU, ECLI:EU:C: 2013: 358 Rn. 50 - Je­remy F; Schumann, Anerkennung und ordre public S. 305.

49 vgl. EuGH Urt. v.30.5.2013 - Rs. C-168/13 PPU, ECLI:EU:C: 2013: 358 Rn. 49 - Je­remy F.

50 GA Villalön, SchlA v. 6.7.2015 - C-237/15 PPU, ECLI:EU:C: 2015: 509 Rn. 81 - Lanigan.

51 Esser Europ. und Int. SR S. 453.

52 A.A. Haggenmüller Der EuHb und die Verhältnismäßigkeit seiner Anwendung in der Praxis S. 223f. (Der EuGH lehne einen europ. ordre-public-Vorbehalt nicht grds. ab, da in der Rs. Radu und Melloni eigenhändig weitergehende Ablehnungsgründe geprüft wur­den. Zudem sei es in den konkreten Fällen nie zu einer Grundrechtsverletzung gekom­men).

53 Swoboda ZIS 2018 S. 282.

54 Jähnke/Schramm EU SR S. 17f.; Brodowski HRRS 2013 S. 56.

55 Böse in Tiedemann/Sieber/Satzger/Burchard/Brodowski (Hrsg.), Die Verfassung mo­derner Strafrechtspflege S. 211 (213); Ambos, Int. SR S. 645.

56 OLG München StV 2013, 710, 710f.

57 BVerfG NJW 2016, 1149.

58 Satzger NStZ 2016 S. 516f.; Brodowski JR 2016 S. 416, 421.

59 BVerfG NJW 2016, 1149, 1159.

60 Brodowski JR 2016 S. 416, 421.

61 BVerfG NJW 2016, 1149, 1150ff.

62 Pascu, Strafrechtliche Fundamentalprinzipien im Gemeinschaftsrecht S.141.

63 BVerfG NJW 2016, 1149, 1152; Satzger NStZ 2016 S. 517.

64 BVerfG NJW 2016, 1149, 1152; vgl. Kühne StV 2016 S. 300.

65 BVerfG NJW 2016, 1149 1154.

Details

Seiten
43
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783346701763
ISBN (Paperback)
9783346701770
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Juristische Fakultät
Erscheinungsdatum
2022 (August)
Note
15
Schlagworte
ungeschriebener ordre-public-vorbehalt vollstreckung haftbefehle
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Titel: Ungeschriebener Ordre-Public-Vorbehalt bei der Vollstreckung europäischer Haftbefehle