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Die Entwicklung des Heimatkundeunterrichts im Bildungs- und Erziehungskonzept der DDR

Examensarbeit 2002 102 Seiten

Didaktik - Sachunterricht, Heimatkunde

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Bildungspolitik der DDR
2. 1 Bildungspolitik und gesellschaftliche Entwicklung der DDR – Fragen zur Periodisierung
2. 2 Das einheitliche sozialistische Bildungssystem
2. 2. 1 Struktur und Aufbau des Bildungssystems
2. 2. 2 Ziele, Aufgaben und Funktion des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems
2. 2. 3 Die Bedeutung der Unterstufe im Bildungssystem der DDR
2. 3 Die Disziplin Heimatkunde als spezifische Form der Bildung und Erziehung in der Unterstufe
2. 3. 1 Die Integration des Heimatkundeunterrichts im Bildungs- und Erziehungskonzept der DDR
2. 3. 2 Die ideologische Beeinflussung der Schüler im Heimatkundeunterricht
2. 3. 3 Die Aufgaben des Lehrers im Heimatkundeunterricht

3 Lehrpläne und Unterrichtshilfen für die Planung und Durchführung des Heimatkundeunterrichts
3. 1 Die Lehrpläne für die Disziplin Heimatkunde
3. 1. 1 Entwicklung der Lehrpläne für die Disziplin Heimatkunde
3. 1. 2 Einordnung der Lehrpläne des Heimatkundeunterrichts in das Fach Deutsch
3. 1. 3 Aufbau der Lehrpläne
3. 1. 4 Die Lehrpläne der Klassenstufe 1
3. 1. 5 Die Lehrpläne der Klassenstufe 2
3. 1. 6 Die Lehrpläne der Klassenstufe 3
3. 1. 7 Die Lehrpläne der Klassenstufe 4
3. 2 Die Unterrichtshilfen für die Disziplin Heimatkunde
3. 2. 1 Aufbau und Struktur der Unterrichtshilfen für die Disziplin Heimatkunde
3. 2. 2 Die Unterrichtshilfen für die Klassenstufen 2, 3 und 4 am ausgewählten Beispiel Einführung in den Kalender
3. 2. 3 Unterrichtshilfen zur fachlichen Vorbereitung auf den Heimatkundeunterricht

4 Die Teillehrgänge des Heimatkundeunterrichts
4. 1 Teillehrgang 1 – Einführung in das gesellschaftliche Leben
4. 1. 1 Ausgewählte gesellschaftliche Sachverhalte
4. 1. 2 Verkehrserziehung als Bestandteil des gesellschaftlichen Teillehrgangs
4. 1. 3 Die Ziele der Vermittlung historischen Wissens
4. 1. 4 Der Begriff der Heimat im gesellschaftlichen Teillehrgang
4. 1. 5 Die Rolle der Pionierorganisation im Heimatkundeunterricht
Exkurs: Die soziale Verantwortung der Schüler am Beispiel der Timur-Bewegung
4. 2 Teillehrgang 2 – Kenntnisse über die Natur - Naturbeobachtungen
4. 2. 1 Ausgewählte naturkundliche Sachverhalte
4. 2. 2 Die Betrachtungsweise der Natur als Beitrag zur weltanschaulichen Erziehung
4. 2. 3 Gesundheitserziehung als Bestandteil des naturwissenschaftlichen Teillehrgangs

5 Ausgewählte didaktisch-methodische Verfahren zur Gestaltung des Heimatkundeunterrichts
5. 1 Unterrichtsfernsehen als didaktisch-methodisches Verfahren der Medienerziehung im Heimatkundeunterricht
5. 1. 1 Ziele und Aufgaben des Unterrichtsfernsehens im Heimatkundeunterricht
5. 1. 2 Die pädagogische Arbeit mit dem Unterrichtsfernsehen am ausgewählten Beispiel Ein Plakat klagt an
5. 2 Erkundungen und Exkursionen als didaktisch-methodisches Verfahren im Heimatkundeunterricht
5. 2. 1 Methodische Vorgehensweise von Erkundungen am ausgewählten Unterrichtsbeispiel Der Abschnittsbevollmächtigte der Deutschen Volkspolizei
5. 2. 2 Vorbereitung und Durchführung von Exkursionen im Heimatkundeunterricht
5. 3 Unterrichtsmittel im Heimatkundeunterricht
5. 3. 1 Die Rolle des Lehrbuchs im Heimatkundeunterricht
5. 3. 2 Die Karte als Gegenstand der Erkenntnistätigkeit im Heimatkundeunterricht

6 Konzeptionelle Weiterentwicklung des Heimatkundeunterrichts nach 1990
6. 1 Konzeptionelle Veränderungen der Lehrpläne
6. 2 Veränderte Anforderungen an die Lehrkraft
6. 3 Auseinandersetzung mit Zielen, Aufgaben und Inhalten bei der Gestaltung des Heimatkundeunterrichts

7 Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Für die Deutsche Demokratische Republik liegen nach ihrer ’Abwicklung’ noch kaum wissenschaftliche Auswertungen der Theorien und Praxen des Unterrichts vor; insbesondere für die Fachmethodik der Heimatkunde fehlen sie bislang (Richter 2002, S. 29).

Der gesellschaftliche Umbruch 1989 führte zu längst erforderlichen Veränderungen im Bildungs- und Erziehungskonzept der DDR. Kritik an den Lehrplaninhalten des Heimatkundeunterrichts führten deshalb zu Streichungen politisch relevanter, die Geschichte der DDR betreffender, Themen. Aufkommende Diskussionen richteten sich vorwiegend auf die der demokratischen Gesellschaft anzupassenden neuen Lehrplaninhalte. Kritiker, Fachberater, Schulleiter und auch Heimatkundelehrer waren damit beschäftigt, Begriffe aus dem Unterstufenunterricht der DDR neu zu formulieren. Am 29. und 30. Juni 1990 fand in Berlin ein erstes deutsch-deutsches Kolloquium mit Fachkräften der Unterstufen und Grundschulen aus Ost und West statt. Hauptschwerpunkte waren dabei neben dem Umbruch der Unterrichtsgestaltung, der Gedankenaustausch zu neueren fachdidaktischen Ansätzen sowie eine zukunftsorientierte Bilanzbildung von Unterstufe und Grundschule. Den Blick in die Zukunft gerichtet, wurde dabei leider die Vergangenheit „vergessen“. Heute, 13 Jahre nach den politischen Veränderungen in der ehemaligen DDR, existieren vereinzelte Aufsätze von wenigen Autoren, welche sich mit der Vergangenheitsbewältigung des Heimatkundeunterrichts auseinandersetzen. Gespräche mit ehemaligen Schülern der DDR entsprachen fast immer der Aussage, dass der Heimatkundeunterricht zu den beliebtesten Fächern der Unterstufe zählte, weil er nicht politisch durchdrungen war.

Die Hausarbeit wird sich mit der Entwicklung des Heimatkundeunterrichts in der DDR auseinandersetzen. Im Rahmen dieser Arbeit liegt der Fokus auf der Darstellung der lehrplanorientierten Umsetzung der beiden Teillehrgänge des Heimatkundeunterrichts im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR. Bereits im Vorfeld entbrannten Diskussionen über die Wahl des Themas. Während Interessenten aus den alten Bundesländern ein großes Interesse an der politischen Indoktrination des Unterrichts zeigen, fordern ehemalige Schüler aus den neuen Bundesländern eine positive Darstellung der Themen und ihrer Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. Diese Arbeit wird beiden nicht gerecht. Sie dient vorwiegend der Aufarbeitung eines wichtigen Entwicklungsabschnittes in der Geschichte des Heimatkundeunterrichts. Dabei sollen Widersprüche zwischen dem politisch-ideologischen Ansatz des Heimatkundeunterrichts und der Lebenswirklichkeit der Schüler dargestellt werden.

Ohne Vorwissen über die Bildungspolitik der DDR sind jedoch diese Überlegungen unmöglich (Kap. 2). Die Darstellung von Entwicklung und Aufbau des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems bilden somit die Arbeitsgrundlage für die weitere Erarbeitung der folgenden Kapitel. In diesem Kontext muss auch die Einordnung des Heimatkundeunterrichts als Disziplin des Deutschunterrichts verstanden werden.

Mit den allgemein formulierten Zielen und Aufgaben des Heimatkundeunterrichts erfolgt die Vertiefung der bisher gewonnenen Erkenntnisse durch die intensive Darstellung der Lehrplaninhalte aller vier Klassenstufen (Kap. 3). Dabei soll die Abhängigkeit der Lehrplaninhalte von der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR deutlich werden. Die Auseinandersetzung mit den Lehrplaninhalten, führt schließlich zu detaillierten Aussagen bezüglich der einzelnen Themengebiete (Kap. 4). Der Einfluss der bildungspolitischen Maßnahmen des Ministeriums für Volksbildung auf die Gestaltung und Umsetzung der Stoffgebiete bildet dabei den Schwerpunkt dieses Kapitels. Hier erfolgt des Weiteren eine kritische Auseinandersetzung mit den Zielen der einzelnen Themenbereiche und ihrer Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler. In diesem Kapitel werde ich mich außerdem mit der Aktualität einzelner Themen für den heutigen Sachunterricht beschäftigen.

Der thematischen Aufarbeitung des Heimatkundeunterrichts, folgt im Kapitel 5 die Darstellung didaktisch-methodischer Verfahren zur praktischen Umsetzung im Unterricht an ausgewählten Beispielen. Schwerpunktmäßig beziehe ich mich in diesem Kapitel neben der Skizzierung einiger Methoden und Unterrichtsmittel auf die Aufgaben des Lehrers bei der Einbeziehung und Verknüpfung differenzierter didaktisch-methodischer Verfahren.

Kapitel 6 umfasst den Prozess der konzeptionellen Weiterentwicklung des Heimatkundeunterrichts nach 1990. Es wird der Versuch werden, die differenzierten Konzeptionen, welche nach dem politischen Umbruch in den neuen Bundesländern entstanden, im Vergleich zum bisherigen Heimatkundeunterricht zu betrachten. Da sich die Lehrplankonzepte nach 1990 vorwiegend auf die Neugestaltung der Unterrichtsinhalte beziehen, möchte ich in diesem Kapitel die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Aufgaben und Ziele aus der Sicht der Lehrer betrachten.

Die Klärung der vielen offenen Fragen zur Entwicklung des Heimatkundeunterrichts im Bildungs- und Erziehungskonzept der DDR stellt eine Herausforderung dar, der ich am Ende so weit gerecht werden will, dass diese Arbeit, die Aussage zu Beginn der Einleitung ein wenig revidiert.

2 Die Bildungspolitik der DDR

Die Bildungspolitik der DDR stand unter dem mächtigen Einfluss der Regierung, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und aller großen Organisationen. Sie arbeiteten gemeinsam an dem ideologischen Selbstbild der Gesellschaft der DDR und versuchten, es der jeweiligen Entwicklung anzupassen. Die Bildungspolitik galt als „[...] Instrument, um die sozialen, ökonomischen und politischen Ziele zu realisieren“ (Hearnden 1973, S. 10) und wurde „[...] sowohl von kontinuierlich wirkenden Faktoren als auch von zeitlich begrenzten Reformbestrebungen bestimmt“ (Baske 1979, S. 15). Im Zentrum der Bildung und Erziehung in der DDR stand die marxistisch-leninistische Weltanschauung.

Das vorrangige Ziel bestand in der Verhaltensformung des Individuums im Sinne des politischen Herrschaftssystems. Dabei richtete sich die Bildungspolitik der SED nach der zentralen Steuerung des Bildungswesens. An der Bedeutung dieser ideologischen Erziehung wurde bis zum Herbst 1989 festgehalten.

„Anläßlich der Vorbereitungen auf den IX. Pädagogischen Kongreß (Juni 1989) artikulierten zahlreiche Offene [sic] Briefe und Eingaben [...] Kritik an Diskrepanzen zwischen erklärten Zielen und [.] Verwirklichungen des Erziehungswesens, ohne daß [...] der Eingang dieser Eingaben bestätigt wurde“ (Fischer 1992, S. 47).

2. 1 Bildungspolitik und gesellschaftliche Entwicklung der DDR – Fragen zur Periodisierung

Der Einfluss der ‚Partei der Arbeiterklasse’, der SED auf die Bildungspolitik, lässt keine strikte Trennung der bildungspolitischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu. Beides ist im Herbst 1989 gescheitert.

Dabei schien die Bildungspolitik der DDR am 25. Februar 1965 nach „[...] zwanzigjähriger Anstrengung zum Ziel gekommen zu sein“ (Waterkamp 1985, S. IX). Mit dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR“, dass durch die damalige Volkskammer verabschiedet wurde, fing ein neuer historischer Prozess in der sozialistischen Bildungspolitik an. Als „größte Errungenschaft des Sozialismus“ benannt, begann damit eine Umgestaltung des „[...] überkommenden Bildungswesen[s], an das 1945 anzuknüpfen war“ (ebd., S. IX).

Eine Periodisierung dieser Entwicklung wird in der Literatur jedoch sehr differenziert betrachtet.

„Angesichts der kontinuierlichen Wirkung einer bildungspolitischen Gesamtkonzeption stellt sich die Frage, ob es möglich ist, markante Stationen, Etappen und Zäsuren in der Entwicklung des Bildungswesens zu bestimmen. Die bisherigen Versuche zeigen, daß es schwierig ist, die Periodisierungsfrage einwandfrei und im Wesentlichen akzeptabel zu lösen. Ein Vergleich der in zahlreichen Veröffentlichungen vorgenommenen Periodisierungen führt zu dem Ergebnis, daß hinsichtlich der Zäsuren, der zeitlichen Abmessung von Etappen und der Bezeichnung der einzelnen Phasen erhebliche Differenzen bestehen. Dies gilt nicht nur für Arbeiten, die außerhalb der DDR erschienen sind. Auch die von Erziehungswissenschaftlern der DDR verfaßten Darstellungen weichen in dieser Beziehung voneinander ab“ (Baske 1979, S. 15).

Ebenso erschwerend für die Einteilung der Bildungspolitik in Perioden der gesellschaftlichen Entwicklung war die „[...] Wirksamkeit der kontinuierlichen bildungspolitischen Faktoren“ (ebd., S. 16), welche sich durch den gesamten bildungspolitischen Prozess zogen und Neuerungen dadurch relativierten (vgl. ebd., S. 16).

Da die Bildungspolitik jedoch eng in das politisch-ideologische System der DDR eingebettet gewesen ist, empfiehlt sich eine Anbindung „[...]an die allgemeine Periodisierung der DDR-Geschichte, besonders an die Parteigeschichte der SED“ (Anweiler 1988, S. 19). Ohne allgemeingültigen Anspruch haben sich jedoch 3 Hauptperioden der Entwicklung der Bildungspolitik herauskristallisiert.

1. 1945 – 1949, „antifaschistisch-demokratische Schulreform“
2. 1949 – 1961, „Aufbau der sozialistischen Schule“
3. 1961–1989, „Gestaltung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems“

Als eine mögliche vierte Periode wurde in der Forschung der achtziger Jahre der Regierungswechsel 1971 zwischen Ulbricht und Honecker diskutiert.

„Das Jahr 1971 (der Übergang von Walter Ulbricht zu Erich Honecker) brachte zweifellos für die Geschichte der DDR und teilweise auch für die Schulentwicklung einen bedeutenden Einschnitt, ebenso wurden Anfang der achtziger Jahre deutliche neue Akzente gesetzt. Zu einer parteiamtlich sanktionierten Periodisierung der rund zweieinhalb Jahrzehnte nach 1961 ist es aber noch nicht gekommen“ (ebd., S. 20).

Bei der Betrachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung der DDR sind jedoch bildungspolitische Beschlüsse nicht immer zum Meilenstein einer Erneuerung im Bildungswesen geworden. Eine Periodisierung für den Zeitraum ab 1952 fand bis heute keine Berücksichtigung. Am 29. Juli 1952 beschloss das Politbüro nicht nur ihr „[...] oberste[s] Erziehungsziel von der allseitig entwickelten Persönlichkeit [...]“, sondern auch „[...] die Überarbeitung von Lehrplänen und Lehrbüchern [...]“ sowie „[...] eine auf Schulstufen bezogene Lehrerausbildung [...]“ (Baske 1979, S. 17). Ebenso wurde die Einführung der „ zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule“ 1958/59 und „[...]die Verlängerung der Pflichtschulzeit von 8 auf 10 Jahre“ (ebd., S. 18) in der Periodisierung ohne Zäsur bedacht. Erst das Konzept der SED, ein einheitliches sozialistisches Bildungssystem zu schaffen, dessen Grundlage die Beschlüsse der Partei waren, führte zu einer neuen und bis dahin dritten Periode der Bildungspolitik der DDR.

2. 2 Das einheitliche sozialistische Bildungssystem

Mit der Gründung der DDR 1949 wurde damit begonnen, ein einheitliches sozialistisches Bildungssystem aufzubauen. Das Leitbild bei der Umgestaltung dieses gesellschaftlichen Prozesses war die Erziehung zu ‚allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten’. Dabei war das Bildungssystem eng mit den gesellschaftlichen und politischen Zielen der DDR verknüpft. „Die Erziehung der Menschen und die Lösung der ökonomischen Aufgaben sind eine Einheit.“ (Baske 1979, S. 45). Dieser Satz gehörte zum rhetorischen Repertoire des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Es galt ein neues Bildungsprogramm zu entwickeln, welches auch den gesellschaftlichen Anforderungen der nächsten Jahrzehnte in der DDR gerecht werden konnte. Dabei kristallisierte sich das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ als Kernstück dieser Zielformulierung heraus.

Als der Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) am 25. Februar 1965 dieses Gesetz beschloss, wurde auch von einer der größten Errungenschaften des Sozialismus gesprochen. Selbst westdeutsche, kritische Analytiker äußerten sich hinsichtlich mancher Leistungen dieses Bildungssystems positiv:

„Da gibt es jenseits unserer Grenze ein Bildungssystem, das schon seit Jahrzehnten einen Großteil jener bildungspolitischen Zielvorstellungen zu realisieren scheint, von denen man hier (BRD) kaum mehr zu träumen wagt: eine durchgängig horizontale Gliederung des Bildungswesens mit einer zehnjährigen einheitlichen Grundbildung für alle, eine konsequente Wissenschaftlichkeit des Unterrichts, eine fest installierte Bindung von Arbeiten und Lernen in Form des polytechnischen Unterrichts und ähnliches mehr“ (Fischer 1992, S. X f.).

Optimale „[…] traumhaft anmutende Lehrer-Schüler- bzw. Lehrer-Studenten-Relationen, die materielle Absicherung des Studiums durch Stipendien, wohl auch die institutionelle Verbindung von Lernen und Arbeit unter Produktionsbedingungen […]“ (ebd., S. XI) lassen jedoch nicht vergessen, dass dieses Bildungssystem von den zentralen Parteiorganen der SED gesteuert wurde.

2. 2. 1 Struktur und Aufbau des Bildungssystems

‚Grundlegende Bestandteile des einheitlichen Bildungssystems’[1] waren vor allem die Einrichtungen der Vorschulerziehung (Kinderkrippen und Kindergärten), die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS), die Einrichtungen der Berufsausbildung, die Fachschulen, Universitäten und Hochschulen sowie die Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung der Werktätigen. Den zentralen Mittelpunkt des Bildungssystems stellte die POS dar. Ebenso wie die Vorschuleinrichtungen, die Volkshochschulen, die Pädagogischen Hochschulen sowie die Institute für Lehrerbildung war sie dem Ministerium für Volksbildung unterstellt. Des Weiteren gehörten das Staatssekretariat für Berufsbildung, das Ministerium für Gesundheitswesen (Kinderkrippen) und das Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen zum administrativen Bereich des Bildungssystems.

Als grundlegender Schultyp war die POS untergliedert in:

1. die Unterstufe mit den Klassen 1 bis 3,
2. die Mittelstufe mit den Klassen 4 bis 6,
3. die Oberstufe mit den Klassen 7 bis 10.

Der Aufbau des Bildungssystems ermöglichte einen ‚nahtlosen Übergang’ zwischen den einzelnen Bildungsstufen. Dabei bestand ein wesentliches strukturelles Merkmal in der ‚Durchlässigkeit’ der verschiedenen Bildungswege. So gab es „[…] in der Regel mehrere Wege, um eine bestimmte Qualifikation zu erreichen“ (Glaeßner/Rudolph 1978, S. 99).

Das Bildungssystem der DDR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darst. 1: eigene Darstellung in Anlehnung an Anweiler 1988, S. 128.

2. 2. 2 Ziele, Aufgaben und Funktion des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems

Mit dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ sollten zunächst gesellschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden, um das allgemeine Erziehungsziel, die Herausbildung der allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit sowie die Gewährleistung einer Bildung auf hohem Niveau für alle Menschen in der DDR, umsetzen zu können. Sämtliche Strukturen des Bildungssystems waren auf dieses Ziel ausgerichtet. Dabei wurde die Vermittlung einer hohen Spezialbildung[2] immer eng mit der sozialistischen Moralerziehung verknüpft. Es galt den Anforderungen der „wissenschaftlich-technischen Revolution“ gerecht zu werden. Deshalb war es auch eine vorrangige Aufgabe des Bildungssystems, jeden Bürger zu befähigen, am wissenschaftlich-technischen Fortschritt mitzuwirken, um so den „Sozialismus zu stärken“.

Dieses Bildungssystem hatte demzufolge auch die Funktion zu einer „[…] Festigung der „sozialistischen Schule“ (Anweiler 1988, S. 81) zu führen und repräsentierte damit die ideologischen Grundsätze der politischen Herrschaft der DDR. So sollte den Schulen „[…] nach eigenen Aussagen der SED - […] eine zentrale Rolle als ideologische Instanz zukomm[en]“ (ebd., S. 81). Nicht selten versuchte sich die SED mit diesem neuen Bildungsgesetz, vorbildhaft von der westdeutschen Bildungspolitik abzugrenzen.

Damit standen sich politisch-ideologische Ansätze sowie der Erwerb von Fähigkeiten und Fertigkeiten verbunden mit humanistischen Wertvorstellungen gegenüber. Von der damaligen Staatsregierung wurden diese Widersprüche jedoch als Einheit gesehen. So steht im „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR“ im § 5 Absatz 1, dass „[…] [die] Erziehung als die Vermittlung von Wertvorstellungen und –maßstäben sowie von Verhaltensweisen und Bildung als die Vermittlung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten […]in der DDR als Einheit gesehen [werden]“ (Friedrich-Ebert-Stiftung 1985, S. 13).

Demzufolge muss das erklärte Ziel des Bildungssystems, die Herausbildung einer allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit, vor allem politisch gedeutet werden. Es galt eine Einheit zwischen Wissen, Können und sozialistischem Bewusstsein herzustellen. So übernahm das Bildungssystem gleichzeitig eine Selektionsfunktion, der vor allem systemkritische Menschen zum Opfer fielen.

2. 2. 3 Die Bedeutung der Unterstufe im Bildungssystem der DDR

Die Gewährleistung einer Bildung auf hohem Niveau im Sinne der Ideologie des Staates begann bereits intensiv in der Unterstufe der POS. Hier sollte neben der systematischen Ausbildung der Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen, vor allem zur Liebe zum sozialistischen Vaterland erzogen werden. Heute würden wir sagen, dass dies fächerübergreifend geschah. Wobei jedes Fach in der Unterstufe als gleichberechtigt galt und „[…]in einem planmäßigen, wissenschaftlichen und systematischen Unterricht [,] einen für diese Alters- und Entwicklungsstufe besonders hohen Stellenwert ein[nahm]“ (Drews 1990, S. 23). Dies sollte vor allem durch einen engen Praxis- und Lebensbezug von Bildung, Unterricht und Erziehung mit dem Ziel erreicht werden, […] die DDR zur „gebildeten Nation“ […] zu machen (Information zur politischen Bildung 256, S. 34).

In dem Unterricht der Unterstufe wurden außerdem „[…] die Grundlagen für den weiterführenden Unterricht (in der Mittelstufe) und für die Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt gelegt“ (Lompscher 1972, S. 8). Damit galt sie als „solides Fundament“ für die Erziehung der Schüler zu „allseitig gebildeten Persönlichkeiten“. Unterstützend wirkte dabei auch die Arbeit der politischen Kinder- und Jugendorganisationen, speziell der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“[3], in der unter „freiwilligem Zwang“ fast jeder Schüler Mitglied war.

Seit dem Bildungsgesetz 1965 war die Unterstufe auf die Klassen 1 – 3 begrenzt, wobei die Klasse 4 eine „[…]Übergangsklasse von der Unter- zur Mittelstufe […]“ (Drews 1990, S. 23) darstellte. Unterrichtsschwerpunkte in diesem Teilbereich der POS bildeten die Fächer Deutsch, Mathematik, Werken, Schulgarten, Musik, Nadelarbeit, Kunst und Sport. Der Werk- und Schulgartenunterricht war dabei eng mit gesellschaftlich-nützlicher Arbeit verbunden. Eine zentrale Stellung in der Unterstufe nahm der muttersprachliche Unterricht, das Fach Deutsch, ein. Er gliederte sich in mehrere Teilbereiche (Disziplinen). Einzuordnen sind hier das Lesen, der Rechtschreibunterricht, der Grammatikunterricht, die Disziplin mündlicher und schriftlicher Ausdruck sowie die Disziplin Heimatkunde, auch heimatkundliche Anschauung genannt.

2. 3 Die Disziplin Heimatkunde als spezifische Form der Bildung und Erziehung in der Unterstufe

Der Unterricht in der Disziplin Heimatkunde war wesentlicher Bestandteil der Unterstufe und der Klasse 4. Integriert in das Unterrichtsfach Deutsch nahm er dort eine zentrale Stellung ein, wobei er stets auf das vorherrschende sozialistische Gesellschaftssystem gerichtet war. Dabei ging es nicht um die Herausbildung einer sich frei und kritisch äußernden Persönlichkeit, sondern um die Anpassung der heranwachsenden Jugend an das politische System der DDR. Gekennzeichnet durch eine politische Bildung und Erziehung sollte der Heimatkundeunterricht der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR entsprechen. Die Lehrkräfte hatten dabei die Aufgabe, neben einer Verknüpfung mit muttersprachlichen Themen vor allem Grundlagen für den späteren gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Fachunterricht zu schaffen. Der hohe Grad an Wissenschaftlichkeit im Heimatkundeunterricht wurde in einigen Publikationen nach 1989 mit einer fehlenden Kindorientierung kritisiert (vgl. Baier 1994). Bei der Interpretation einzelner Unterrichtsbeispiele werde ich mich mit dieser Aussage näher auseinandersetzen.

Die Disziplin Heimatkunde wurde in die wesentlichen Teillehrgänge „Einführung in das gesellschaftliche Leben“ und „Kenntnisse über die Natur - Naturbeobachtungen“ untergliedert[4]. Die Schüler sollten in einem lebendigen Unterricht nicht nur ihre Umwelt näher kennen lernen, sondern sich auch schöpferisch mit ihr auseinandersetzen. Ziel war allerdings eine ideologische Gesinnung, welches von einem durch die SED gesteuerten Bildungs- und Erziehungskonzept umzusetzen war. Gebunden an ein dogmatisches Lehrplansystem konnte es kaum gelingen, einen kreativen und vor allem wirklichkeitsnahen Unterricht durchzuführen.

2. 3. 1 Die Integration des Heimatkundeunterrichts im Bildungs- und Erziehungskonzept der DDR

Wie bereits im Kapitel 2. 2. 3 erwähnt, sollten die Schüler in der Unterstufe zur Liebe zu ihrem sozialistischen Vaterland, der DDR, erzogen werden. So wurde bereits 1955/56, als die Disziplin Heimatkunde erstmalig im Lehrplan der Unterstufe erschien, eine eindeutige Zielformulierung festgelegt. „Die patriotische Erziehung steht im Mittelpunkt der gesamten Erziehungs- und Bildungsarbeit unserer deutschen demokratischen Schule überhaupt“ (Vetterlein 1957, S. 5). Zu dieser Erkenntnis gelangten 48 Heimatkundelehrer, die am 23. Mai 1956 im Deutschen Pädagogischen Zentralinstitut in Berlin an einer Konferenz teilnahmen, auf der Fragen und Probleme dieser neuen Disziplin besprochen wurden. Dabei stellten sie fest, dass viele Lehrer nach Interessen und Fachkenntnissen unterrichteten. So beschäftigte sich ein Botaniker vorwiegend mit der Pflanzenwelt oder ein Zoologe mit den Tieren. Dem galt es nun entgegenzusteuern, in dem das Hauptziel, „die Beziehung der Heimatkunde zu der gesellschaftlichen Entwicklung“, lehrplanmäßig formuliert wurde (vgl. ebd., S. 6).

Heimatkunde mit dieser Zielausrichtung konnte somit nicht nur als vorbereitender Unterricht für den folgenden gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Unterricht ab der Mittelstufe betrachtet werden. Er ist vor allem eine Disziplin gewesen, bei der die gesellschaftliche Entwicklung der DDR besonders gut nachzuvollziehen war.

Die Beschäftigung mit Themen der Heimat, aufgeteilt in Gesellschaft und Natur, zielte auch hier auf die allseitig gebildete Persönlichkeit mit einem hohen Grad an Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit hin. Dabei orientierten sich Wissenschaftlichkeit, Parteilichkeit und Lebensverbundenheit am marxistischen Geschichtsbild. Während Lebensverbundenheit als Erweiterung des kindlichen Erfahrungsbereiches definiert wurde, sollten Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit zur besseren Erfassung der eigenen Umwelt beitragen. Dies bezog sich auf das Leben in der sozialistischen Gesellschaft. Es galt, im Heimatkundeunterricht eine Verbindung und Übereinstimmung zwischen dem Unterricht und dem Gesellschafts- und Erziehungskonzept der DDR herzustellen, wobei die Arbeit der Werktätigen im produktiven Bereich des Heimatkundeunterrichts eine besondere Stellung einnahm.

2. 3. 2 Die ideologische Beeinflussung der Schüler im Heimatkundeunterricht

Der Disziplin Heimatkunde kam im Schulsystem der DDR eine besondere Bedeutung zu. Die hier erzielten Fähigkeiten und Fertigkeiten im Wissen, Können und Verhalten der Schüler galten als Grundlage für andere Unterrichtsfächer, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen und spezifische Aufgaben lösen zu können. Dabei waren die Entwicklung gesellschafts- und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ebenso bedeutend, wie deren Bezug zur Praxis. Die Schüler sollten sich in diesem Prozess schöpferisch mit den Zusammenhängen zwischen Natur und Gesellschaft beziehungsweise mit ihrer Umwelt auseinandersetzen und zu einer richtigen Urteilsfähigkeit gelangen. Richtige Urteilsfähigkeit war in diesem Fall nicht mit eigener Urteilsfähigkeit gleichzusetzen. In den Lehrplänen gab es diesbezüglich eine genaue Orientierung. Die Schüler sollten nicht nur zur Liebe zum Vaterland erzogen werden, sondern auch die Verbindung zwischen der DDR und „dem anderen deutschen Staat“ so herstellen, dass die Werktätigen der DDR geachtet und die Feinde des Staates gehasst wurden. Keine andere Disziplin und auch kein anderes Unterrichtsfach in der Unterstufe stellten so eine unmittelbare Beziehung zwischen sozialistischer Bildung und Erziehung her.

Die Disziplin Heimatkunde diente vorwiegend der Entwicklung von Einstellungen, Verhaltensweisen, Gefühlen und Charaktereigenschaften, die auf die marxistisch-leninistische Weltanschauung gerichtet waren. Dabei sollten die Schüler nicht nur zu einer rationalen Einsicht gelangen, sondern auch emotional am Leben in der DDR teilnehmen. Dieser politische Dogmatismus stellte eine psychologische Beeinflussung der Schüler dar, die nicht selten im Widerspruch zur elterlichen Erziehung stand. Spätestens in der Oberstufe führte diese Konfusion zu ernsten Disziplinverstößen und Ausgrenzungen von Schülern, die sich vom existierenden Weltbild nicht ideologisieren ließen.

Der Heimatkundeunterricht wurde vom Ministerium für Volksbildung gesteuert und von speziell dafür zuständigen Fachberatern kontrolliert. Eine Entwicklung zur Öffnung des Unterrichts hin zur Selbsttätigkeit der Schüler durch Projekte oder Freiarbeit war deshalb nicht möglich. Versuche, den Heimatkundeunterricht mit neuen Unterrichtsmethoden zu beleben, wurden nicht selten als „bürgerliche Pädagogik“ geahndet.

2. 3. 3 Die Aufgaben des Lehrers im Heimatkundeunterricht

Als im Schuljahr 1955/56 die Disziplin Heimatkunde erstmalig im Lehrplan der Unterstufe erschien, wurde, wie bereits im Kapitel 2. 3. 1 erwähnt, vom Deutschen Pädagogischen Zentralinstitut in Berlin gleichzeitig die Hauptaufgabe dieses neuen Unterrichts formuliert. Es galt „[…] die Beziehung der Heimatkunde zu unserer gesellschaftlichen Entwicklung“ (Vetterlein 1957, S.6) zu betrachten. Der Lehrer sollte diese Verbindung wissenschaftlich begründen und übermitteln. Exemplarisch für die gesellschaftliche Entwicklung der DDR wurden die Geschichte und die spezifischen Bedingungen des Heimtortes behandelt.

Die gezielte Umsetzung dieser Anforderungen erforderten vom Lehrer im Heimatkundeunterricht eine komplexe Sicht auf die Prozesse, welche die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler beeinflussen. Er musste neben der Übermittlung von wissenschaftlicher Bildung vor allem erzieherisch, im Sinne des Staates, wirksam werden. Dabei sollte sich der Lehrer eine genaue Übersicht über die Wirksamkeit anderer pädagogischer Prozesse auf die Schüler schaffen. Das bezog den Fachunterricht genauso ein wie den Schulhort, die Pionierorganisation, die Familie und die Freizeitgestaltung der Schüler in Arbeitsgemeinschaften und Sportvereinen. Mit diesen Erkenntnissen hatte der Lehrer die Aufgabe, einen „[…] lebensverbundenen und erzieherisch wirksamen Heimatkundeunterricht“ (Kunze 1983, S. 9) zu übermitteln. Das Wissen über das Leben der Schüler gab dem Lehrer außerdem die Möglichkeit, individuell pädagogisch, im Sinne des sozialistischen Bildungs- und Erziehungsprozesses, wirksam zu werden.

Der Heimatkundeunterricht kann die ihm (dem Lehrer) gestellte Aufgabe, die Schüler zu befähigen, sich in unserer sozialistischen Wirklichkeit immer besser zurechtzufinden, sich in ihr richtig zu verhalten und erfolgreich tätig zu werden, nicht allein, nicht isoliert von sich ganztägig und in vielfältigen Formen vollziehenden Bildungs- und Erziehungsprozeß erfüllen (ebd., S. 9).

Letztendlich sollte jedoch nicht vergessen werden, dass der Lehrer im Heimatkundeunterricht auch dafür verantwortlich war, Voraussetzungen für den weiterführenden Unterricht in der Mittel- und Oberstufe zu schaffen. Das erforderte ein hohes Maß an Wissen und Können beim Übermitteln von gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Kenntnissen.

3 Lehrpläne und Unterrichtshilfen für die Planung und Durchführung des Heimatkundeunterrichts

In der DDR waren Lehrpläne und Unterrichtshilfen feste Bestandteile des sozialistischen Bildungswesens. Sie dienten als wissenschaftlich begründetes, verbindliches, staatliches Programm der Bildungs- und Erziehungsarbeit im Unterricht und waren nach Unterrichtsfächern und Klassenstufen unterteilt (vgl. Zwahr 1986, S. 15).

Der Unterricht [...] wurde [...] in allen Klassenstufen und Unterrichtsfächern auf der Grundlage verbindlicher Lehrpläne erteilt. Sie waren das Hauptinstrument der staatlichen Einflussnahme auf den Inhalt und die Gestaltung des Unterrichts [...] (Döbert 1996, S. 62).

Während die Lehrpläne Ziele und Aufgaben für die Bildung und Erziehung der Schüler im Heimatkundeunterricht von dessen Einführung in der 1. Klasse bis zum Abschluss in Klasse 4 enthielten, stellten die Unterrichtshilfen empfehlende Anleitungen für Lehrkräfte zur Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung des Unterrichts dar. Die Unterrichtshilfen wurden dabei genau wie die Lehrbücher, parallel zu den neu entwickelten Lehrplänen eingeführt (Vgl. Döbert 1996, S. 66).

Im Mittelpunkt der Lehrpläne und Unterrichtshilfen stand jeweils der wissenschaftliche Gegenstand des Faches und dessen Verbindung zur Ideologie des Staates:

„Ausgehend von dieser untrennbaren Einheit von Wissenschaft und sozialistischer Ideologie ist der gesamte Inhalt der sozialistischen Allgemeinbildung von der Ideologie der Arbeiterklasse, dem Marxismus-Leninismus, durchdrungen, und in verschiedenen Fächern ist der Marxismus-Leninismus unmittelbarer Unterrichtsgegenstand. Die Aneignung des Inhalts der sozialistischen Allgemeinbildung in einem wissenschaftlichen und parteilichen Fachunterricht wird damit zur entscheidenden Grundlage für die Ausbildung des sozialistischen Bewußtseins und Verhaltens, für die Herausbildung unserer sozialistischen Weltanschauung“ (Neuner 1973, S. 40).

Lehrpläne und Unterrichtshilfen wurden vom Ministerium für Volksbildung gesteuert und hierarchisch koordiniert. Fachberater hatten auf Kreis- und Bezirksebene die Aufgabe zu hospitieren und regelmäßige Unterrichtseinschätzungen an die Akademie der Pädagogischen Wissenschaften (APW) weiterzuleiten. Ideen und Themenvorschläge für den Heimatkundeunterricht konnten auch auf entsprechenden Fortbildungen, die von den Einrichtungen der Lehrerbildung durchgeführt wurden (PLIB: Pädagogisches Institut für Lehrerbildung in Ludwigsfelde), kundgetan werden. Inwiefern diese dann jedoch in die Lehrpläne aufgenommen wurden, entschied letztendlich das Ministerium für Volksbildung, welches sich an die politisch-ideologischen Richtlinien der Partei zu halten hatte.

3. 1 Die Lehrpläne für die Disziplin Heimatkunde

Die Lehrpläne für die Disziplin Heimatkunde wurden immer von den jeweiligen Anforderungen der sozialistischen Gesellschaft bestimmt. Mit dem Ziel der Herausbildung von sozialistischen Persönlichkeiten sollte der Lehrplan auf die Formung sozialistischer Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Natur und Gesellschaft gerichtet sein. Dabei hatte der Lehrer die Aufgabe, den Heimatkundeunterricht auf der Grundlage der Lehrpläne effektiv zu planen und zu gestalten. Hinweise in den Lehrplänen, welche die Planung und Durchführung des Unterrichts betrafen, waren für den Lehrer verbindlich, so dass eine individuelle Themenauswahl nicht möglich war. Der methodisch-didaktischen Gestaltung des Unterrichts gingen Empfehlungen voraus, deren Umsetzung jedoch heute nicht mehr überprüfbar ist.

Die Lehrpläne des Heimatkundeunterrichts enthielten Konzepte zur Wissensaneignung und Zielformulierungen, die eindeutig auf die Erziehung zur allseitig gebildeten Persönlichkeiten gerichtet waren. Somit formulierten die Lehrpläne „[...] gleichfalls verbindliche Erwartungen, welche erzieherischen Wirkungen durch den Unterricht beim Schüler erreicht und auf welchem Niveau Fähigkeiten entwickelt werden sollten“ ( Döbert 1996, S. 63). Die Kontrolle dieser Vorgaben unterlag den jeweiligen Fachberatern in Zusammenarbeit mit den Schuldirektoren und dem zu unterrichtenden Lehrer.

3. 1. 1 Entwicklung der Lehrpläne für die Disziplin Heimatkunde

Lehrpläne wurden in der DDR in bestimmten Abständen erstellt. Dies „[...] gestaltete sich prozeßhaft über einen Zeitraum von acht bis zehn Jahren, z. B. 1964 – 71 oder 1980 – 1990“ (Döbert 1996, S. 65). Das Ministerium für Volksbildung berief für die Erarbeitung der Lehrpläne eine „Zentrale Lehrplangruppe“ ein. An dieser Mitarbeit beteiligt waren Wissenschaftler der Akademie der Pädagogischen Wissenschaft sowie pädagogische Mitarbeiter und Wissenschaftler der Universitäten und Hochschulen, Schulfunktionäre und Lehrer (Vgl. ebd., 1996, S. 65).

Die Entwicklung der Lehrpläne für die Disziplin Heimatkunde greift auf vier wesentliche Generationen zurück[5]. Da die Regierung der DDR und somit die Führung der SED neue Lehrpläne anordnete, waren diese jeweils von wichtigen politischen Ereignissen in der gesellschaftlichen Entwicklung gekennzeichnet und markierten entscheidende Einschnitte bei der Umgestaltung des Schulwesens.

1. 1951: Prozess der sozialistischen Umgestaltung des Schulwesens
2. 1959: Prozess der sozialistischen Umgestaltung des Schulwesens
3. 1964 – 1971: Schulgesetz mit der Einführung der POS
4. 80er Jahre: Erhöhung des Bildungsniveaus

Ergänzt wurden diese Lehrplangenerationen durch einzelne präzisierte Lehrpläne, die im Schuljahr 1965/66 Jahrgangsweise eingeführt wurden.

Zwischenzeitliche Veränderungen einzelner Lehrpläne außerhalb der generellen Erneuerung des Lehrplanwerkes trugen den Charakter von Korrekturen und waren partieller Art. Sie betrafen die gesellschaftswissenschaftlichen Unterrichtsfächer weit häufiger als etwa die naturwissenschaftlichen oder fremdsprachlichen (Döbert 1996, S. 65).

Mit dem Schaffen der Zehn-Klassen-Schule 1951 begann der Umbruch im Schulwesen der DDR. Auf dem III. Parteitag der SED 1950 wurden erhebliche Veränderungen im Schulwesen angeregt, die die Schüler bemächtigen sollten, sich intensiver auf ihr späteres Berufsleben vorbereiten zu können. Dies erforderte nicht nur eine besondere Hervorhebung der polytechnischen Bildung, sondern auch die Konzipierung neuer Lehrpläne, welche die Lehrplangeneration von 1946 ablösen sollte. Da der Heimatkundeunterricht noch keine eigenständige Disziplin darstellte, wurden seine Inhalte im Rahmen des „Erläuternden Lesens“ behandelt. 6 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges war noch kein umfassender Durchbruch des sozialistischen Schulsystems spürbar. Um sich von der Ideologie des Nationalsozialismus zu befreien, griff das Ministerium für Volksbildung auf reformpädagogische Traditionen zurück und lief damit Gefahr, hinter der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR zurückzubleiben (Vgl. Giest 1990).

Die Forderungen nach einer Umgestaltung des Schulwesens wurden immer lauter, so dass die SED auf einer Tagung 1959 nicht nur den Aufbau der zehnklassigen allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule beschloss, sondern auch einheitliche neue Lehrpläne forderte. Mit dem Beginn der zweiten Lehrplangeneration 1959 kam es zur deutlichen Abgrenzung vom „anderen deutschen Staat“. Der Heimatkundeunterricht erhielt eine neue Bedeutung und bekam in den Lehrplänen eine zentrale Position als Disziplin des Deutschunterrichts. Er sollte „[...] in den Klassen 1 bis 4 [.] die enge Verbindung der muttersprachlichen Bildung mit dem Erwerb von Grundkenntnissen aus dem Leben der sozialistischen Gesellschaft und von Grundkenntnissen über die Natur [...]“ (Neuner 1973, S. 290) schaffen. Auf Grund der Erneuerungen in den Lehrplänen der Oberstufe, fiel dem Heimatkundeunterricht die Aufgabe zu, das Niveau des zu vermittelnden Fachwissens, in Vorbereitung auf den weiterführenden Unterricht, erheblich zu steigern und den Anforderungen der Oberstufe anzupassen. Das Erreichen dieser Zielvorstellung sollte durch die Präzisierung und Abgrenzung der Disziplin Heimatkunde von den anderen Disziplinen des Deutschunterrichts erfolgen. Es galt eine genaue Darstellung der Inhalte des Heimatkundeunterrichts zu formulieren.

Mit dem „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ von 1965 begann die Vorbereitung auf die dritte Lehrplangeneration. 1964 wurden bereits erste präzisierte Lehrpläne herausgegeben, die sich den „[...] theoretischen Auffassungen von sozialistischer Allgemeinbildung entsprechend den neuen Erfordernissen und Bedingungen [...]“ (ebd., S. 25) der Gesellschaft anpassten.

Eine Präzisierung der Ziele und Aufgaben des Heimatkundeunterrichts erfolgte dann noch einmal mit der Bearbeitung der Lehrpläne für die vierte Lehrplangeneration, in deren Mittelpunkt die Konkretisierung der Schwerpunkte des Heimatkundeunterrichts stand. Es galt, den Wissenserwerb der Schüler auf einem hohen Bildungsgrad zu definieren. Damit wollte das Bildungswesen auch auf die stagnierende gesellschaftliche Entwicklung der DDR reagieren.

3. 1. 2 Einordnung der Lehrpläne des Heimatkundeunterrichts in das Fach Deutsch

Mit Beginn des Schuljahres 1955/56 erschien Heimatkunde erstmals im Lehrplan der Unterstufe für das Fach Deutsch als eigenständige Disziplin. Die Hauptabteilung Unterricht und Erziehung des Ministeriums für Volksbildung gab eigens dafür eine „[…] Direktive für den Unterricht in der Unterstufe […]“ (Vetterlein 1957, S. 5) heraus, in der „[…] Zweck, Aufgabe und Ziel der Heimatkunde klar und eindeutig festgelegt […]“ (Vetterlein 1957, S. 5) wurden. Die vorhergehenden Lehrpläne aus dem Jahr 1951 behandelten heimatkundliche Inhalte lediglich im Rahmen des „Erläuternden Lesens“. Bereits in der zweiten Lehrplangeneration kam es zur Bezeichnung heimatkundlicher Deutschunterricht mit der Disziplin heimatkundliche Anschauung als zentrale Position. Hauptanliegen war es, den Deutschunterricht eng mit der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR zu verbinden. So sollten im Leseunterricht Texte ausgewählt werden, die einen starken Bezug zum sozialistischen Vaterland und dem Heimatkreis darstellten. Da es für die Klassen 1 und 2 keine eigenständigen Heimatkundebücher gab, wurde die Fibel mit heimatkundlichen Inhalten belegt. Die Verbindung von Lese- und Heimatkundeunterricht wurde besonders bei der Behandlung von Kinderbüchern deutlich[6].

In den Lehrplänen des heimatkundlichen Deutschunterrichts wurde auch immer wieder auf die Wechselwirkung von Sprachentwicklung und Erkenntnisgewinnung hingewiesen. Erst das Benennen von sprachlichen Gegenständen und Sachverhalten und das Herstellen von sprachlichen Zusammenhängen sollten den Schülern ermöglichen, sich parteilich und stilistisch über bestimmte Ereignisse und Geschehen zu äußern.

Der Heimatkundeunterricht hatte, in enger Verbindung mit den anderen Disziplinen des Deutschunterrichts, die Funktion, „[...] bei den Schülern sozialistische Grundeinstellungen zur Gesellschaft, zur Arbeit und zu den Mitmenschen zu entwickeln und sie zu befähigen, sich in vielfältigen Lebenssituationen entsprechend den Pioniergesetzen[7] zu verhalten“ (Neuner 1973, S. 317).

[...]


[1] 1971 erschien im Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR“. Hier wurden die einzelnen Bestandteile des Bildungssystems ausführlich dargestellt.

[2] Unter Spezialbildung ist zum größten Teil ein naturwissenschaftlich-technisch stark ausgeprägter sowie der polytechnische Unterricht zu verstehen. Dieser Unterricht diente vorwiegend der Berufsvorbereitung und hatte einen hohen praktischen Anteil im Unterrichtsgeschehen. Eine weitere Form der Spezialbildung war die Entwicklung der Spezialschulen für Sport, Musik, Tanz, Theater und Bildende Kunst (1963).

[3] Vgl. Rolle der Pionierorganisation im Kapitel 4. 1. 5.

[4] Vgl. Kapitel 4 – Die Teillehrgänge des Heimatkundeunterrichts

[5] Ausgehend von den sehr differenzierten Aussagen in der Fachliteratur beziehe ich mich bei der Festlegung der Lehrplangenerationen auf zwei Bücher. So u. a. Hans Döberts Das Bildungswesen der DDR in Stichworten, des Weiteren ein Bestandsverzeichnis der Lehrpläne der DDR von 1945-1990. Die Bezeichnung Lehrplangeneration ist ein allgemeingültiger Begriff, der in den meisten Fachliteraturen verwendet wurde.

[6] Vgl. Exkurs: Die soziale Verantwortung der Schüler am Beispiel des „Timurtrupps“.

[7] Vgl. Kapitel 4. 1. 5 Die Rolle der Pionierorganisation im Heimatkundeunterricht

Details

Seiten
102
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638184823
ISBN (Buch)
9783638698535
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12654
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Sachunterricht
Note
1
Schlagworte
Entwicklung Heimatkundeunterrichts Bildungs- Erziehungskonzept

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Titel: Die Entwicklung des Heimatkundeunterrichts im Bildungs- und Erziehungskonzept der DDR