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Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und den USA

Konflikt oder gegenseitige Abhängigkeit?

Seminararbeit 2007 18 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien
2.1. Die Theorie des (Neo-) Realismus
2.2. Die Interdependenztheorie

3. Ökonomische Konfliktpunkte zwischen China und den USA
3.1. Afrika und der Kampf um die Rohstoffe
3.2. Exkurs: Blockade der Internationalen Organisationen
– Die Fälle Sudan und Iran
3.3. Handelsbeziehungen
3.4. Billigarbeitsplätze
3.5. Produktpiraterie

4. Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Aufstieg Chinas

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 sind die Vereinigten Staaten die einzig verbliebene Supermacht. Ihr Vorsprung im ökonomischen und militärischen Bereich scheint uneinholbar. Und auch die amerikanische Kultur breitet sich weiter in der ganzen Welt aus.

Dennoch erwächst den USA in Südostasien seit einigen Jahren ein neuer Konkurrent auf der internationalen Weltbühne: Die Volksrepublik China. Sie steuert v.a. wirtschaftlich, aber auch militärisch, scheinbar unaufhaltsam auf den Status einer Weltmacht zu, die den Vereinigten Staaten durchaus Konkurrenz um die weltweite „Vormachtstellung“ machen könnte. Oft ist auch schon von einem neuen Kalten Krieg die Rede. Auf Grund dessen beschäftigen sich die Menschen aus den USA aber auch aus anderen Ländern mehr und mehr mit dem Thema China.

Die folgende Analyse untersucht hauptsächlich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und den USA. Grund dafür ist, dass die Ökonomie die Ursache für den Konflikt zwischen beiden Staaten zu sein scheint. Dahinter steckt das Argument, dass die Volksrepublik China schon lange Zeit im Besitz von Atomwaffen ist und einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat innehat, ohne große internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben. Erst seit einigen Jahren steht das Land aus Fernost im Mittelpunkt des internationalen Interesses, was vor allem den anhaltenden zweistelligen Wachstumsraten im Jahr geschuldet ist. Daher kann der wirtschaftliche Aufstieg dementsprechend als Hauptursache für die neuerliche Aufmerksamkeit in Bezug auf China gedeutet werden.[1] Neben dem ökonomischen Bereich sollen zudem noch kurz die Auswirkungen des Wirtschaftsaufschwungs Chinas betrachtet werden, was sich v.a. auf die Rüstungspolitik und den Taiwan-Konflikt beziehen soll.

Es wird dabei versucht, die Beziehungen zwischen China und den USA mit Hilfe von Theorien zu erklären. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob sich der Wirtschaftskonflikt zwischen den beiden Staaten eher mit dem (Neo-)Realismus oder der Interdependenztheorie erklären lässt. Es geht also darum, zu untersuchen, ob es eher Konflikte oder eher Abhängigkeiten gibt, weil beide Theorien von jeweils einem Schlagwort gekennzeichnet sind.[2]

2. Theorien

Bevor die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und den USA untersucht werden, sollen hier zuallererst der Realismus und die Interdependenz als Theorien der Internationalen Beziehungen kurz vorgestellt werden, weil in den folgenden Kapiteln versucht wird, bestimmte Ereignisse anhand dieser Theorien zu erklären.

2.1. Die Theorie des (Neo-)Realismus

Der Realismus entstand vor dem Hintergrund der großen Krisen des 20. Jahrhunderts mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und der Ost-West-Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion.[3] Sie fragt danach, wie die internationale Politik tatsächlich beschaffen ist und ist daher gegenwartsorientiert.[4] Zu unterscheiden ist zwischen „klassischem“ und Neorealismus.

Das zentrale Stichwort des Realismus ist „Macht“. Dementsprechend versuchen alle Staaten, ihre Macht mit unterschiedlichen Methoden, v.a. aber mit militärischen Mitteln, zu vergrößern. Im klassischen Realismus ist dies mit der Natur der Menschen zu erklären, die unabhängig von Zeit und Ort schon immer danach strebten, ihren Selbsterhaltungstrieb nachzukommen, darüber hinaus ihren Einfluss zu vergrößern und andere zu beherrschen.[5]

Der zweite Ansatzpunkt für das Machtstreben geht von „internationaler Anarchie“ aus. Das heißt, dass über den Staaten keine zentrale Sanktionsinstanz existiert. Von dieser Prämisse ausgehend, streben die einzelnen Staaten nach Sicherheit, welche aus der Angst resultiert, von anderen Staaten vernichtet zu werden. Aufgrund dieses „Sicherheitsdilemmas“ setzen die Staaten nun verschiedene Mittel ein, um das Nationalstaatsinteresse gegenüber anderen – im Grunde genommenen „feindlichen“ Ländern – durchzusetzen.[6] Der zentrale Punkt ist hier also nicht das Streben nach Macht, sondern das Streben nach Sicherheit, was durch die Struktur des internationalen Staatensystems gegeben ist. Problematisch ist dabei, dass dieses Bedürfnis nach Sicherheit wieder zu einem Kreislauf der Machtkonzentration führt. Einfach erklärt: Wenn ein Staat aus Schutzgründen seine Streitkräfte verstärkt, sehen sich andere Staaten gezwungen, ebenfalls aufzurüsten, weil sie nicht wissen, welche Intentionen der erste Staat hat. Von diesem Punkt geht der Neorealismus aus.[7] Hierbei ist noch anzumerken, dass die Rivalität zwischen Staaten um das ökonomische erweitert wird. Dies bedeutet, dass wirtschaftliche und soziale Sicherheit neben der militärischen Sicherheit eine ebenso hohe Bedeutung erfahren.[8] Zudem ist die internationale Politik ein Nullsummenspiel nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip: Das, was ein Staat gewinnt, verliert ein anderer.[9]

Staaten sind laut dieser Theorie die einzigen Akteure der internationalen Politik.[10] Nicht-Regierungsorganisationen werden ganz vernachlässigt. Die innerstaatlichen Prozesse, wie zum Beispiel ein möglicher Konflikt zwischen Regierung und Parlament, werden als „black box“ angesehen und ebenfalls nicht analysiert.

2.2. Die Interdependenztheorie

Interdependenz bedeutet gegenseitige Abhängigkeit. Für sie ist folgender Satz bezeichnend: „Wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten, in der Ereignisse oder Entscheidungen in einem Staat nicht ohne Folgen für Politik oder Ökonomie anderer Staaten bleiben.“[11] Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind der Terroranschlag vom 11. September 2001, wo die Sicherheit der USA auch von den Polizeiaktionen anderer Länder abhängig war, oder die Asienkrise in den Jahren 1997/98, die auch für Volkswirtschaften in Europa und den Vereinigten Staaten Auswirkungen hatte.[12]

In einer interdependenten Welt verfolgen die jeweiligen Akteure ihre eigene Politik. Durch diesen Mechanismus kommt es zu einer wachsenden Verflechtung des internationalen Systems, was wiederum eine Kooperation der einzelnen Akteure notwendig macht. Daraus entwächst auch die Hauptthese der Interdependenztheorie: Sie besagt zwar nicht, dass militärische Konflikte vollends ausgeschlossen sind, jedoch wird Krieg durch die wechselseitigen Abhängigkeiten immer unwahrscheinlicher. Stattdessen nimmt die Wahrscheinlichkeit für einen friedlichen Weg zur Konfliktbewältigung zu.[13] Lehmkuhl fasst diesen Punkt folgendermaßen zusammen: „Durch die konsequente Verfolgung der Prinzipen des Freihandels soll eine Weltgesellschaft, eine ’world of interdependent societies’ errichtet werden. Mit Hilfe des Freihandels entwickle sich eine internationale Arbeitsteilung, in der jeder wirtschaftliche Akteur auf alle anderen wirtschaftlichen Akteure angewiesen sei. Die so geschaffenen wechselseitigen Abhängigkeiten förderten die Harmonisierung der Interessen und wirkten konfliktreduzierend.“[14] Für das Verständnis kann folgendes Beispiel dienen: Es gibt zwei Staaten: Staat A und Staat B. Staat A exportiert sein ganzes Öl in Staat B und Staat B bezieht seine gesamten Ölimporte von Staat A. Diese beiden Länder werden nach der Interdependenztheorie versuchen, bei Konflikten eine friedliche Lösung zu finden. Der Grund dafür ist die gegenseitige Abhängigkeit, von der beide Seiten profitieren. Würde es zu einem bewaffneten Konflikt kommen, verlöre Staat A einen wichtigen Absatzmarkt und Staat B seine gesamten Energieimporte, was sich in beiden Fällen sehr negativ auf die Wirtschaft auswirken würde.

Im Gegensatz zum Realismus sind nicht nur die Staaten die wesentlichen Akteure der Politik, sondern auch Nicht-Regierungsorganisationen wie Unternehmen, Verbände oder auch Einzelpersonen.[15] Es ist jedoch nicht eindeutig, ob Schnittpunkte mit dem Realismus existieren. Der Interdependenzansatz argumentiert zum Beispiel auch, dass heutzutage die militärische Gewalt nicht mehr das einzige Mittel ist, um seine Macht durchzusetzen. Wichtig ist zudem die Verfügungsgewalt über bestimmte ökonomische Ressourcen. Als Beispiel kann die Erhöhung des Ölpreises dienen, worauf sich schlecht mit militärischer Gewalt reagieren lasse.[16] Ähnlich argumentieren, wie schon beschrieben, auch die Neorealisten.[17] Bei der Analyse bestimmter Ereignisse können an diesem Punkt also Schwierigkeiten auftreten.

Der Interdependenzansatz unterscheidet die Dimensionen „vulnerability“[18] und „sensitivity“[19]. In der nachfolgenden Arbeit wird jedoch auf diese Unterscheidung verzichtet, weil bei einer Bewertung keine präzise Bestimmung der beiden Dimensionen möglich ist.[20]

[...]


[1] Vgl. Fehlbier, Tobias, Chinas wirtschaftlicher Aufstieg, in: 360°. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft 1 (2006), Heft 1, S. 22-34, hier S. 23.

[2] Der (Neo-) Realismus beschäftigt sich mit Konflikten, die Interdependenztheorie dagegen mit der Frage nach gegenseitigen Abhängigkeiten.

[3] Vgl. Krell, Gert, Theorien in den Internationalen Beziehungen, in: Knapp, Manfred/ Krell, Gert (Hrsg.), Einführung in die Internationale Politik (= Studienbuch), 4., überarbeitete und erweiterte Auflage, München 2004, S. 57-90, hier S. 62.

[4] Vgl. Lemke, Christiane, Internationale Beziehungen. Grundkonzepte, Theorien und Problemfelder (= Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft), München/Wien 2000, S. 20.

[5] Vgl. Krell, Theorien (wie Anm. 3), hier S. 62f.

[6] Meyers, Reinhard, Art. Theorien der internationalen Beziehungen, in: Woyke, Wichard (Hrsg.), Handwörterbuch Internationale Politik (= Schriftenreihe bpb, Bd. 404), 9., völlig überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2004, S. 450-482, hier S. 470.

[7] Vgl. Krell, Theorien (wie Anm. 3), hier S. 63.

[8] Meyers, Art. Theorien (wie Anm. 6), hier S. 474.

[9] Vgl. Lemke, Internationale Beziehungen (wie Anm. 4), S. 23.

[10] Vgl. Meyers, Art. Theorien (wie Anm. 6), hier S. 470.

[11] Spindler, Manuela, Interdependenz, in: Schieder, Siegfried/ Spindler, Manuela (Hrsg.), Theorien der Internationalen Beziehungen (= UTB, Bd. 2315 / Politikwissenschaft), Opladen 2003, S. 89-116, hier S. 89.

[12] Vgl. ebd., hier S. 89.

[13] Vgl. Druwe, Ulrich/ Hahlbohm, Dörte/ Singer, Alex, Internationale Politik (= Politikwissenschaft aktuell, Bd. 3/Reihe Lehre), Neuried 1995, S. 98.

[14] Lehmkuhl, Ursula, Theorien Internationaler Politik. Einführung und Texte (= Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft), München 1996, S. 194.

[15] Vgl. Druwe/ Hahlbohm/ Singer, Internationale Politik (wie Anm. 13), S. 96.

[16] Vgl. Lehmkuhl, Theorien (wie Anm. 14), S. 197.

[17] Siehe dazu auch Anm. 8

[18] Diese Dimension beschreibt die mögliche Verletzbarkeit eines Staates von Seiten eines anderen aufgrund einseitiger Abhängigkeit. Ein Beispiel dafür wäre die existenzielle Abhängigkeit von Rohöl.

[19] Diese Dimension beschreibt die mögliche Verwundbarkeit eines Staates von Seiten eines anderen. Diese Bindung ist zwar wichtig, aber für die Wirtschaft nicht unbedingt notwendig. Ein Beispiel dafür wäre ein Abzug von wichtigen Ingenieuren aus einem Land.

[20] Vgl. Lemke, Internationale Beziehungen (wie Anm. 4), S. 31.

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640332298
ISBN (Buch)
9783640332304
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126783
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
USA China Außenpolitik Internationale Beziehungen Internationale Politik Theorien der Internationalen Beziehungen Konflikt Wirtschaft

Autor

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