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Weisheit und subjektiver Weisheitsgewinn - Eine Interviewstudie

von Barbara Catrin Parr (Autor) Angelika Kühl (Autor)

Diplomarbeit 2009 146 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Gliederung

Einleitung (Barbara)

1. Was ist Weisheit
1.1 Populärwissenschaftliche Erklärung von Weisheit (Barbara)
1.2 Bedeutung des Weisheitsbegriffs (Barbara)
1.3 Was ist Persönlichkeitsreife und Persönlichkeitswachstum? (Barbara)

2. Stand des Problems
2.1 Vorstellung der nichtpsychologischen Theorien (Barbara)
2.2 Vorstellung der psychologischen Theorien (Angelika)
2.2.1 Das Berliner Weisheitsparadigma, eine explizite Weisheitstheorie
2.2.2 Sternbergs „Balance-Theorie“, eine implizite Weisheitstheorie
2.2.3 „Gelebte Weisheit“, eine Interviewstudie von S. Bluck u. J. Glück

3. Fragestellung – macht das Leben weise? (Barbara)
3.1 Konzeptionen von Persönlichkeitsreife (Angelika)

4. Methode der Untersuchung (Angelika)
4.1 Rekrutierung der Interviewpartner (Angelika)
4.1.1 Kritik an der Stichprobe (Barbara)
4.2 Das Interview (Angelika)

5. Ergebnisse (Angelika & Barbara)
5.1 Inhalt der Interviews (Angelika & Barbara)
Interview Martina komprimiert
Interview Manuela komprimiert
Interview Cornelius komprimiert
Interview Sven komprimiert
Interview Bernd komprimiert
Interview Nina komprimiert
Interview Rolf komprimiert
Interview Stefan komprimiert
Interview Stephanie komprimiert
Interview Antje komprimiert
Interview Maike komprimiert
Interview Renate komprimiert
Interview Sara komprimiert
5.2 Auswertung der Interviews (Angelika & Barbara)
Interview Martina Ergebnis
Interview Manuela Ergebnis
Interview Cornelius Ergebnis
Interview Sven Ergebnis
Interview Bernd Ergebnis
Interview Nina Ergebnis
Interview Rolf Ergebnis
Interview Antje Ergebnis
Interview Maike Ergebnis
Interview Renate Ergebnis
Interview Sara Ergebnis
Interview Stefan Ergebnis
Interview Steffi Ergebnis
5.3 Interpretation der Ergebnisse (Angelika & Barbara)
5.4 Fazit und Ausblick (Angelika)

6. Zusammenfassung (Angelika)

7. Literaturverzeichnis (Angelika & Barbara)

8. Anhang (Angelika & Barbara)
8.1 Interviews in ungekürzter Fassung

Vorwort

Bevor wir uns ausführlich dem eigentlichen Thema „Weisheit“ widmen, möchten wir uns noch kurz mit einem Gegenteil von Weisheit auseinandersetzen, der neuen deutschen Rechtschreibung. Im Wesentlichen werden wir die neue Rechtschreibung berücksichtigen, aber es widerstrebt uns zutiefst, beispielsweise das Wort Philosophie mit „F“ zu schreiben, und schon gar nicht mit zwei „F“. Der geneigte Leser möge uns aber auch bei vielen anderen Wörtern die unserem Alter entsprechende „altmodische Schreibweise“ nachsehen. Wir können aber zuversichtlich versichern, dass, egal ob alte oder neue Schreibweise, der Sinn des Gemeinten immer deutlich werden wird.

Die Feministinnen unter den Lesern bitten wir um Entschuldigung dafür, dass wir aus Gründen des Leseflusses auf die Benutzung beider Geschlechter verzichtet haben. Wir sind der Meinung, dass wirklich jeder Text für den Leser/ die Leserin mit diesem politisch korrekten Unsinn verhunzt wird. Wenn Aussagen in der maskulinen oder der femininen Form im Text erscheinen, dann ist selbstverständlich auch das jeweils gegenteilige Geschlecht gemeint.

Das gemeinsame Schreiben einer Diplomarbeit ist insofern eine Herausforderung, als man sich über die Inhalte einig werden muss. Das ist uns in aller Regel nicht allzu schwer gefallen. Allerdings ist es sehr zeitaufwändig gewesen, da wir uns vor und nach dem Schreiben der jeweiligen Kapitel noch mal besprechen mussten. Insofern ist diese Arbeit ein Gemeinschaftswerk, auch wenn jede Autorin ihre jeweiligen Kapitel alleine verfasst hat.

Einleitung

„Schreiben Sie doch über Weisheit“, schlug Prof. Dr. Gerhard Vagt vor, als ich wegen meiner Diplomarbeit bei ihm vorstellig wurde. „ Machen Sie doch ein paar Interviews und fragen Sie ein paar Leute, ob es Begebenheiten, Situationen oder Ereignisse in deren Leben gab, bei denen sie das Gefühl hatten, weiser geworden zu sein.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Spannendes Thema, dachte ich, denn ich hatte mich anlässlich eines Seminars schon einmal mit diesem Thema auseinander gesetzt. Damals kam in mir der Gedanke auf, dass es so etwas wie Weisheit gar nicht wirklich gibt, es vielmehr eine schöne Wunschvorstellung, ein Ideal, wäre, von dem eigentlich keiner so genau weiß, was es ist. Und jetzt soll ich Interviews führen mit ganz „normalen“ Menschen und sie nach ihrer Weisheit befragen? Wenn es denn wenigstens der Dalai Lama oder der Papst, Sokrates oder Platon oder sonst wer in dieser Preisklasse sein könnte. Aber Gespräche mit meinem Nachbarn (der ohne Frage außerordentlich gebildet ist) oder mit einem Kriminalbeamten (dessen Ansichten mich mehr als verblüfften) oder einer Schülerin? Was soll dabei herauskommen?

Also fing ich an, mir Gedanken über Weisheit zu machen. Was ist Weisheit eigentlich? Weshalb werden mir auf befragen, wer denn weise sein könnte, immer die üblichen Verdächtigen genannt? Jeder schien den Dalai Lama (der wurde in der Tat immer genannt) für weise zu halten, aber keiner konnte mir wirklich sagen, weshalb. Einige voteten für Mutter Theresa, andere wieder für Altkanzler Helmut Schmidt. Aber kann denn jemand, der bequem im Ausland sitzt und angesichts seines bedrängten und unterdrückten Volkes freundlich lächelnd Reden schwingt, weise sein? Fraglos hat Mutter Theresa viel für Arme und Kranke getan, aber die Kritik an ihr verstummt nicht (Aroup Chatterjee, The final verdict 2003). Und warum nannte keiner der Befragten Albert Schweitzer? Selbstaufopferung mag heldenhaft sein, es ist aber qua Definition das Gegenteil von klug und weise. Und kann jemand, dessen Hauptnahrungsmittel Tabak ist, wirklich als weise gelten? Was also ist es, was einen Menschen als weise erscheinen lässt? In Kapitel 2.1 werden wir einige philosophische Theorien vorstellen, die sich mit dem Thema Weisheit als Synonym für „gutes Leben“ befassen. Unter „gutem Leben“ sei hier nicht verstanden, dass es warm und trocken ist und genug zu essen gibt. Es geht vielmehr darum, gut zu leben im Sinne von „ein guter Mensch sein“.

Wenn ich mich so in unserer Welt umschaue, habe ich nicht das Gefühl, dass wir es in punkto Weisheit weit gebracht haben. Zumindest als Massenphänomen ist Weisheit nicht sehr entwickelt. Natürlich, bei Licht betrachtet, hat uns die Religion einige Jahrhunderte in unserer Entwicklung aufgehalten. Jegliches Erkennen der Welt (und was sie im Innersten zusammenhält) war verpönt und über lange Zeiträume waren die, die sich philosophisch oder naturwissenschaftlich damit befasst haben, mit dem Tode bedroht. Aber auch in unserer heutigen, säkularen Gesellschaft sind es bestenfalls nur wenige, die der allgemeinen Vorstellung von Weisheit genügen.

Oder liegt es daran, dass wir Weisheit und die damit verbundenen Eigenschaften nur zu hoch aufhängen? Ist Weisheit doch einfach nur die Fähigkeit, gut zu leben, mit sich und der Welt im Reinen zu sein, ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen, ohne uns auf Kosten Anderer zu bereichern?

Einen Weisen habe ich aber doch kürzlich selbst erleben dürfen und möchte das aus aktuellem Anlass, und weil es so schön ist, auch erwähnen. Anlässlich der Diskussion um Meinungsfreiheit in China während der Olympiade 2008 wurden Passanten auf den Straßen Pekings über das Thema befragt, und eine Antwort fand ich wirklich weise. Der mir leider unbekannte Passant meinte auf die Frage nach mangelnder bzw. nicht vorhandener Meinungsfreiheit in China: „Selbstverständlich haben wir in China Meinungsfreiheit. Hier darf jeder frei seine Meinung äußern, solange er die gesellschaftliche Harmonie nicht stört“. Ein wahrer Philosoph.

Je länger und intensiver ich mich mit Weisheit auseinandersetzte, umso deutlicher trat zu Tage, dass das Thema ein Fass ohne Boden ist und dass die ursprünglich angepeilten 6 bis 8 Interviews nicht ausreichen würden, um etwas Vernünftiges daraus zu schließen. Dankenswerter Weise ließ sich meine Kommilitonin Angelika von meiner Begeisterung für das Thema anstecken. Und so fügt es sich ganz wunderbar, dass Prof. Vagt es für eine gute Idee hielt, dieses Werk gemeinsam anzugehen. Also herzlich Willkommen und… auf geht´s!

1. Was ist Weisheit?

1.1 Populärwissenschaftliche Erklärung von Weisheit

Was versteht man im Allgemeinen unter Weisheit? Wie kann man sich einem so schwer zu definierendem Begriff nähern? In Kapitel 2 werden wir zeigen, dass der Begriff in der Antike für „ein gutes Leben führen“ stand. Gemeint war damit die Erreichung einer idealen menschlichen Grundhaltung. Eine „ideale menschliche Grundhaltung“ ist jedoch kein zeitstabiler Begriff und ist zudem noch von gesellschaftlichen Normen abhängig. Bei Wikipedia finden wir unter dem Stichwort „Weisheit“:

„Als Weisheit wird allgemein eine auf Lebenserfahrung, Klugheit, Einsicht und innerer Reife beruhende Überlegenheit im geistigen Sinne bezeichnet. Sie unterscheidet sich dadurch sowohl vom bloßen Wissen als auch von Intellekt und Intelligenz.

Weisheit wird auch definiert als Synonym für „Einsichten in und Wissen über sich selbst und die Welt, welches ein reifes Urteil in schwierigen Lebenslagen erlaubt“ (Grimm & Grimm 1999, S.1124). Es geht hier also sowohl um selbstbezogene als auch um auf-die- Welt-bezogene, mehr allgemeine Einsichten. Staudinger (1999) unterscheidet diese beiden Aspekte nach der Ontologie der ersten und dritten Person. Die Einsichten einer Person (Ontologie der ersten Person) beziehen sich auf eigene Erfahrungen, während sich die Einsichten auf das Leben von außen (Ontologie der dritten Person) eher auf eine Beobachterperspektive beziehen. Daraus folgt, dass wir unterscheiden können zwischen einer selbstbezogenen, persönlichen Weisheit, die auf den Einsichten einer Person auf das eigene Leben beruht, und einer allgemeinen Weisheit, bei der es sich um Erkenntnisse allgemeiner Art handelt, bei der das eigene Leben nicht direkt betroffen ist.

Ein lang anhaltender Streitpunkt innerhalb der historischen Entwicklung von Weisheitskonzepten besteht in der Unterscheidung zwischen philosophischer und praktischer (alltäglicher) Weisheit sowie der grundsätzlichen Frage, ob Weisheit als göttlich oder menschlich anzusehen sei (Staudinger 2001a). Erst durch den Wertepluralismus der Aufklärung wurde eine Annäherung der unterschiedlichen Lager möglich“.

1.2 Bedeutung des Weisheitsbegriffs

Obwohl Weisheit als Begriff und als Konzept schon in der Antike die Philosophen beschäftigte und wir durchaus versucht sein könnten, Weisheit als Ganzes als altmodisch, unmodern und überholt zu betrachten, kommt dem Konzept der Weisheit auch heute noch (zunehmend) eine wichtige Bedeutung zu. Gerade der in unserer Zeit vorherrschende Wertepluralismus führt, so scheint es, bei vielen Zeitgenossen zu einer zunehmenden Orientierungslosigkeit in Bezug auf die Frage, wie die ideale menschliche Grundhaltung auszusehen habe. Ja schlimmer noch, bei vielen Mitmenschen stellt sich diese Frage noch nicht einmal. Dabei sind wir überzeugt davon, dass Weisheit gerade heute helfen kann, viele Probleme unserer Welt zu lösen. Im Zusammenleben der Völker, bei der Akzeptanz unterschiedlicher Religionen, bei der gerechteren Verteilung der Ressourcen, in der Friedens– und Konfliktforschung sowie im Umgang mit unserem Planeten als Ganzes wäre mehr Weisheit bitter notwendig. Aber Weisheit wird immer noch allzu oft ersetzt durch egoistisches Denken von Peer-Groups, Lobbyisten oder Vertretern anderer Interessengruppen (kulturell, rassisch, religiös und wirtschaftlich). „Gemeinschaftliche Weisheit ist unmittelbar von großer praktischer Bedeutung. In neuen Therapieverfahren, in der Friedens- und Versöhnungsarbeit, in Bürgerinitiativen zur Verbesserung der Gemeindepolitik, in Unternehmen, in der Politikberatung und in Kunst, Musik oder Theater werden gemeinschaftliche Felder untersucht und genutzt zur Gestaltung von Lösungen auf einer umfassenden und menschlichen Grundlage“. (Mahr & Mahr, 2006)

1.3 Was ist Persönlichkeitsreife und Persönlichkeitswachstum?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wachstum ist definiert als: “(…) lebender Organismus an Größe, Länge, Umfang zunehmen; an Stärke und Intensität gewinnen“ (Duden 1989). Wachsen bedeutet also eine kontinuierliche Veränderung als Entwicklung zum Positiven. Der Begriff der Reife impliziert den Abschluss einer Entwicklung, also den Endzustand eines Wachstumsprozesses.

Nach Staudinger kann sich Weisheit im Laufe der Lebensspanne unter bestimmten Voraussetzungen entwickeln. Diese Entwicklung vollzieht sich jedoch keinesfalls automatisch, sondern das Individuum muss sich darum aktiv bemühen. Die Entwicklung von Weisheit ist, laut Staudinger, also ein aktiver und teilweise auch bewusster Vorgang (bewusstseinsfähig, aber nicht bewusstseinspflichtig). Intelligenz ist bei diesem Vorgang fraglos ein Vorteil, (aber wobei ist Intelligenz nicht von Vorteil?) da das Individuum nur an Weisheit gewinnen kann, wenn es gelingt, aus Erfahrungen zu lernen und gewonnene Einsichten bei der Lösung neuer Probleme zu integrieren. Hilfreich kann auch der Kontakt mit anderen, verschiedenartigen Menschen sein, besonders dann, wenn das Individuum über soziale Interaktion diese Kontakte als Gesprächs- und/oder Reflexionspartner nutzen kann. Insbesondere (wir haben es bereits befürchtet): „Störerfahrungen, die uns aus dem gewohnten Trott werfen, seien dazu geeignet, an ihnen zu wachsen, wenn deren Integration gelänge und die dadurch entstehende Chance zur Weiterentwicklung gesehen werde“ (Staudinger 2001b). Weisheit entsteht aus Krisenbewältigung?

2. Stand des Problems

2.1 Vorstellung der nichtpsychologischen Theorien

Der Begriff der Weisheit geht weit zurück vor die Zeit, in der sich die Psychologie mit diesem Thema auseinander zu setzen versucht. Vorwiegend beschäftigt sich die Ethik, ein Teilgebiet der Philosophie mit der Frage, welche Charakteristiken (Persönlichkeitsmerk- male) eine Person aufweisen soll (muss), um als weise zu gelten. Obwohl es häufig ein zentrales Thema der Philosophie ist, sich Gedanken über den Ursprung, den Sinn und das Ziel des Lebens zu machen, scheint es wenig sinnvoll, diese Überlegungen in die Betrachtung von Weisheit mit einzubeziehen. Es ist wichtig zu wissen, ob eine reife Person einen Sinn im Leben sieht oder nicht. Wie sich dieser Sinn jedoch genau zusammensetzt, ist vorerst irrelevant. Den philosophischen Begriff der Weisheit möchten wir daher definieren als „ Anleitung zum guten Leben“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als einer der ersten und wichtigsten Denker machte sich Sokrates (469-399 v. Chr.) so seine Gedanken zu diesem Thema. Seine herausragende Bedeutung zeigt sich u. a. darin, dass alle griechischen Denker vor ihm als „Vorsokratiker“ bezeichnet werden. Er postulierte, dass es für den Menschen wesentlich sei, über sich selbst Bescheid zu wissen, wobei der Mensch über den Mut verfügen muss, der Realität als Wahrheit ins Auge zu sehen und sich keinen Illusionen hinzugeben. Mit der von Sokrates eingesetzten Methode des Fragens (Mäeutik) wollte er Menschen zu der Erkenntnis bringen, wie sie sich verhalten sollen, um wahrhaftig Mensch zu sein. Wichtig war für Sokrates auch, sich um sich selbst zu kümmern, um das Gute in der eigenen Seele. Er bezeichnete dies mit „arete“ und wir würden es heute wohl mit „Persönlichkeitsmerkmal“ übersetzen. Es geht also nach Sokrates um das Gute an sich, um die Suche nach einer idealen Lebensweise, die auf Dauer glücklich macht. Dies kann, nach Sokrates, erreicht werden durch ständige Selbstkontrolle und das Hören auf die inneren Stimmen, die er Daimonien nannte. Diese „inneren Stimmen“ sind vermutlich nicht therapiebedürftig, wir würde es heute eher als „Bauchgefühl“ bezeichnen.

Leider brachte ihm seine Methode des strukturierten Dialoges eine Anklage wegen Verhetzung der Jugend ein. Insbesondere seine Verteidigungsrede (Platon) während dieses Prozesses und sein gelassener Umgang mit dem Todesurteil (Schierlingsbecher) zeigten seine wahre Weisheit und machten ihn unsterblich.

Ein weiterer wichtiger Denker war Platon (428-348 v. Chr.) Er war ein Schüler des Sokrates, dessen Denken und Methode er in vielen seiner Werke schilderte (von Sokrates selbst ist nicht viel Geschriebenes überliefert). Die Vielseitigkeit seiner Begabungen und die Originalität seiner wegweisenden Leistungen als Denker, Schriftsteller und Wissenschaftsorganisator machten ihn zu einer der bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Geistesgeschichte. Das gute Leben besteht, so Platon, darin, die Welt zum Guten zu verändern. Platon nennt einige Leitlinien für menschliches Handeln, die er „ Kardinaltugenden “ nennt. Dies sind Gerechtigkeit (dikaiosyne), Tapferkeit (andreia), Maß(halten) (sophrosyne) und eben auch die Weisheit (sophia). Für Platon besteht Weisheit in der Fähigkeit, Prinzipien des Lebens zu erkennen. Ziel dabei ist es, nicht wie bei der Klugheit, das eigene Leben besser zu führen, sondern das Leben zu verstehen.

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Aristoteles (384-322 v. Chr.), der auch als „Urvater des Humanismus“ (Weischedel, 2004) bezeichnet wird, hat sich mit dem für Menschen erreichbaren guten Leben beschäftigt. Im Dasein des Menschen komme es vor allem auf Selbstverwirklichung an (Aristoteles, Nikomachische

Ethik 1129b-1130a.) Wie alle Lebewesen strebt auch der Mensch nach dem, was für ihn gut ist und ihn zufrieden macht. Für Aristoteles ist der Mensch jedoch vor allem Logos, also Vernunft. Daher lasse sich das Handeln der Menschen vor allem durch Vernunft leiten und nicht durch Leidenschaften. Entscheidend für Aristoteles ist die Ausgewogenheit von Affekten und Zielen. Diese dürfen sich nicht widersprechen, so dass der Mensch nicht hin- und her gerissen sei und vergangene Entscheidungen nicht zu bereuen habe. Eine weitere Annahme des Aristoteles vom Menschen als Vernunftwesen bedeutet auch, dass es die Bestimmung des Menschen sei, die Welt zu erkennen.

Als das Wesentliche im menschlichen Leben sah Epikur (341- 270 v. Chr. ( zur Datierung der Geburt siehe Erler, 1994)) das Erlangen von Glück an und verstand darunter das Vermeiden von Schmerz und das Streben nach Lust an. Allerdings verstand Epikur unter Lust die Beschäftigung des Geistes mit Kunst und Philosophie. (Von dieser Vorstellung von Lust haben wir uns heutzutage deutlich entfernt.) Nach seiner Meinung führt das Erlangen von Lust über ein Gleichmaß der Seele, welches nur durch die Überwindung der Leidenschaften (Furcht, Begierde und Schmerz) zu erreichen ist.

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Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere (1 – 65) war ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Seine Reden, die ihn bekannt gemacht haben, sind verloren gegangen. Sein Weisheitsbegriff wird am Deutlichsten in seiner Schrift „vom glücklichen Leben“. Hier schreibt er: „ … Hör also auf, den Philosophen das Geld zu verbieten. Niemand hat die Weisheit zur Armut verurteilt. Der Philosoph wird reiche Schätze besitzen, die aber niemandem entrissen sind, nicht von fremdem Blut triefen, erworben sind ohne Unrecht an irgendwem, ohne schmutzige Herkunft“ (Briefe an Luclius, Philosophische Schriften Bd. III Hamburg 1993).

Bei Seneca wird auch der zeitliche Aspekt der Weisheit deutlich, als Phänomen der jeweiligen Epoche. Seneca galt auch schon zu seiner Zeit als weise, hatte aber z.B. keinerlei Problem mit Sklaverei, solange man Sklaven nur menschlich behandelt. Einen Befürworter der Sklaverei würde man heute nur noch schwerlich als weise bezeichnen wollen.

Während also im Altertum das gute und richtige Leben sehr auf den Menschen und seine Fähigkeit zur Vernunft geprägt war, so wandelte sich diese Sichtweise drastisch im Mittelalter. In dieser Epoche ist das philosophische Denken über Weisheit eher christlich- religiös geprägt und somit das vernünftige Denken (Logos) geradezu eliminiert.

Augustinus (354 – 430) sieht den Glauben schon dem Denken übergeordnet und Selbsterfahrung ist seiner Meinung nach vor allem der Erkenntnis Gottes gewidmet.

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Etwas gemäßigter ist da schon die Lehre des Thomas von Aquin (1225 – 1274), dessen Hauptziel menschlichen Handelns im Streben nach Glück bestand. Glück kann nach seiner Auffassung durch Selbstverwirklichung, die allerdings frei von Egoismus sein muss, erreicht werden. Irdisches und materielles Glück gelten bei Thomas von Aquin nicht als verwerflich. Er definiert sieben Kardinaltugenden (Meyer 1961), von denen die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung lauten und zwei Verstandestugenden auf das Erlangen von Wahrheit ausgerichtet sind. Die Weisheit beschäftigt sich mit der Theorie, dem Sinn des Lebens, während Thomas von Aquin die Klugheit eher als die praktische Seite des Lebens betrachtet. Klugheit befasst sich also eher mit profanen Verhaltensstrategien des täglichen Lebens.

Als höchste Tugend, gewissermaßen als „Krönung“ allen Handelns wird bei Aquin die Liebe betrachtet, die jedwedes Tun, auch moralisches Handeln, erst wirklich „gut“ macht.

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In der Neuzeit wird der religiöse Einfluss in der Philosophie deutlich geringer und Gott verliert die Stellung als Bezugspunkt für ein gutes und richtiges Leben. Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778) sieht die menschliche Wahrheit vorrangig im Gefühl und weniger im Verstand begründet (Rousseau, 1984). In diesem Gefühl finden sich Anweisungen für das Handeln. Was der Mensch als gut empfindet, ist gut, was als schlecht empfunden wird, ist schlecht. Als Kontrollinstanz steht das Gewissen, das er als dem Menschen angeboren betrachtet.

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Immanuel Kant ´s (1724 – 1804) kategorischer Imperativ verlangt die Achtung anderer als Zweck an sich. Kant definiert Glück als subjektiv erlebte Bedürfnisbefriedigung. Sein „handle immer so, dass dein Handeln zugleich Grundlage für ein allgemeines Gesetz sein könnte“ fragt nicht danach, ob die Person glücklich ist oder nicht. Es geht ihm lediglich um die feste Maxime, Gerecht und ohne Willkür zu handeln (Kant 1990).

Ludwig Andreas Feuerbach (1804 – 1872) brach endgültig mit der philosophischen Idee, dass Gott oder der Glaube die Ursache ethischen Handelns sei (Feuerbach, Das Wesen des Christentums, 1841). Er suchte den Ursprung des ethischen Handelns im Menschen selbst und betonte den Glückseligkeitstrieb und die Selbstbejahung im Blickpunkt des guten Lebens.

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Nicht wirklich festlegen wollte sich Friedrich Nietsche (1844 – 1897). Er empfahl, der Mensch möge sich alter Werte entledigen und sich neue, eigene schaffen. Bei ihm gibt es keine universell anzustrebende Persönlichkeit, sondern jeder solle an sich glauben und trotz aller Widrigkeiten des Lebens Selbiges bejahen. Ihm selbst scheint es weniger gelungen zu sein, wie sein unrühmliches Ende deutlich macht.

Ganz in der Tradition von Thomas von Aquin sieht Bertrand Russel (1872 – 1970) im Mittelpunkt des guten Lebens die Befriedigung der eigenen Wünsche und zählt dazu auch Werte wie Freundschaft, Liebe und auch Altruismus.

Ach, wir könnten noch stundenlang so schwelgen, denn sowohl in der Antike als auch in der Neuzeit gibt es noch Dutzende von Philosophen, aber wir werden dabei nicht zu grundlegend neuen Erkenntnissen gelangen. Aber doch, Einer sei noch gestattet:

„Vergnügen bringt das Leben, wenn die Weisheit fehlt.“ (Sophokles, 496 – 406 v. Chr.) Es ist eben alles eine Frage des Standpunktes.

2.2 Vorstellung der psychologischen Theorien

Beleuchten wir nun die wissenschaftlichen Aspekte der Weisheit, wie sie moderne Wissenschaftler der heutigen Zeit verstehen und definieren. Es wird dabei zwischen den impliziten und den expliziten Theorien von Weisheit unterschieden. Der Unterschied besteht darin, dass Theorien, die auf Meinungen von Laien, also dem Alltagsbegriff „Weisheit“ basieren, implizit genannt werden, während eine Theorie, die von einem Experten, wie z.B. Psychologen, Theologen, Philosophen aufgestellt und auf Literatur und theoretischem Wissen basiert, als explizit bezeichnet wird. Dabei beschäftigen sich auch Wissenschaftler mit impliziten Theorien und erforschen hier subjektive Erfahrungen von Laien zum Thema Weisheit, während die expliziten Theorien sich mit dem Konstrukt Weisheit beschäftigen und versuchen, dieses messbar zu machen.

Der Laie geht davon aus, dass ein weiser Mensch einer ganz besonderen Spezies Mensch angehört. Weisheit ist eine ganz besondere Eigenschaft, die kaum erreichbar ist, während die explizite Forschung davon ausgeht, dass jeder ein wenig Weisheit in sich trägt, wir also alle in unterschiedlichem Maße ausgeprägt weise sind.

2.2.1. Das Berliner Weisheitsparadigma (BWP), eine explizite Weisheitstheorie

Im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin haben vor allem Paul Baltes, Ursula Staudinger und Ute Kunzmann ein Modell zum Thema Weisheit entwickelt, das zuerst von der kognitiven Sichtweise geprägt ist, d.h. auf Erkenntnis beruhend. Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne ist dabei auch grundlegend, demnach auch Gewinn und Verlust der Ressourcen nach dem SOC –Modell (Selektion der Kompetenz, Optimierung der vorhandenen Ressourcen und C(K)ompensation der Schwächen). (Staudinger & Baltes 2000) Später kommen noch erweiternd emotionale und soziale Fähigkeiten als Kriterien hinzu.

Das BWP definiert nicht nur den Begriff Weisheit und was diese ausmacht, sondern versucht auch das Konstrukt zu messen.

Weisheit ist dieser Theorie zufolge „ein System von Expertenwissen, das sich auf die fundamentale Pragmatik des Lebens bezieht, unter Einschluss von Wissen und Urteil über das Verhalten und den Sinn des Lebens…Unter fundamentaler Pragmatik verstehen wir Wissen und Urteil über die allerwichtigsten Aspekte des Menschseins und die Mittel und Wege von Führung, Bewältigung und Verstehen guten Lebens.“ (Baltes & Freund 2003), aber auch „außergewöhnliche intellektuelle, soziale und emotionale Fähigkeiten“ (Baltes & Kunzmann 2003) und schließlich: „Weisheit bedeutet ein perfektes Zusammenspiel von Geist und Charakter, d.h. Orchestrierung von Wissen und Tugend“.(Baltes &Freund 2003)

Es wird angenommen, dass Experten im Thema Weisheit, in einer bestimmten Art und Weise mit bestimmten, nämlich schwierigen Fragen des Lebens umgehen, d.h. es geht nicht nur um Wissen sondern auch um Urteilsfähigkeit über bestimmte Themen. Diese Themen sind im Besonderen Fragen der Lebensplanung, -gestaltung und –deutung.

Dazu gehört das Bewusstsein über die Veränderung, die Bedingungen und die Geschichtlichkeit der Entwicklung über die Lebensspanne. Kenntnisse über sich selbst, die Endlichkeit des Lebens und das soziale Zusammenspiel menschlichen Lebens ist wichtiger Bestandteil des Expertenwissens, ebenso Verletzlichkeit, Sexualität und Emotionalität sowie die Konsequenz für Leben und Verhalten aus diesen Faktoren.(Staudinger & Baltes 1996 S. 59-60)

Wer aber ist ein solcher Experte und wie wird man zu Einem? Zum Einen gehören interne, persönliche Faktoren, wie z.B. allgemeine Intelligenz, soziale Intelligenz, Kreativität etc.. Zum Zweiten sind es Faktoren, die Experten zu solchen machen, wie z.B. Erfahrung, Training, Übung, das Vorhandensein eines Vorbildes oder Mentors. Außerdem geht man davon aus, dass gewisse Umweltbedingungen die oben genannten Faktoren verstärken, z.B. das soziale Umfeld, die Kultur etc.

Wie man nun von diesem Wissen profitieren und wie man beurteilen kann, ob eine Problemlösung als weise zu bezeichnen ist, soll durch die folgenden fünf Kriterien identifiziert werden können:

1. Reiches Faktenwissen
2. Reiches Verfahrenswissen
3. Lifespan-Kontextualismus
4. Wert-Relativismus
5. Erkennen und Umgehen mit Ungewissheit

Was bedeuten diese Punkte? Reiches Faktenwissen und reiches Verfahrenswissen beziehen sich in diesem Kontext auf grundsätzliche Lebensfragen, wobei mit Verfahrenswissen strategische Fähigkeiten gemeint sind.

Lifespan-Kontextualismus bedeutet, dass bei der Lösung eines aktuellen Problems die Erfahrungen aus der ganzen Lebensspanne einbezogen und bedacht werden.

Der Wert-Relativismus impliziert Toleranz und bedeutet, dass der weise Mensch in der Beurteilung eines Problems auch die Werte und Standpunkte anderer Menschen berücksichtigt. Zu guter Letzt muss der weise Mensch in seinem Urteil die Ungewissheit mit einkalkulieren, d.h. berücksichtigen, dass nichts voraussagbar ist und evtl. ein Plan B vorhanden sein muss.

Wie wird nun Weisheit gemessen? Im Prinzip werden den Probanden Aufgaben gestellt, die diese lösen sollen. Sie sollen laut nachdenken über die Lösung des Problems, dieser Prozess wird als Audiodatei aufgenommen und von unabhängigen Auswertern nach den o.g. 5 Kriterien beurteilt,. Es ist ein langer, aufwändiger Prozess, der weltweit Anerkennung genießt. Ergebnisse diverser Untersuchungen haben ergeben, dass zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr ein deutlicher Anstieg an Weisheit zu verzeichnen ist, sich aber im höheren Lebensalter weder ein signifikanter Abfall noch ein Anstieg zeigt.

Diese Form der Untersuchung stellt jedoch im Prinzip eine Analyse der Beraterfähigkeiten dar, nicht jedoch der tatsächlichen weisen Handlungskonsequenz. Weisheit ist nach moderner Definition laut Baltes, Glück und Kunzmann (2002) ein Zusammenhang von „… Facetten aus diversen Bereichen menschlichen Funktionierens (und) umfasst - einschließlich pragmatischen Wissens (z.B. Wissen, das durch die Erfahrungen eines langen Lebens gesammelt wurde), verfahrens-orientierten Wissens (z.B. Heuristik und Strategien, einschließlich der Fähigkeit logisch zu denken und zu urteilen), emotionale Reife (z.B. Ausgewogenheit der allgemeinen emotionalen Verfassung) sowie Motivation in Bezug auf sich selbst und andere (z.B. Fokus auf Werte statt auf Laster) - so verknüpft die Aktivierung dieser Funktionsbereiche im Kontext von Weisheit diese erst zu einem sinnvollen Ganzen. Eine solche verknüpfende Koordination wäre dann die spezifisch einzigartige Qualität von Weisheit.“

2.2.2. Sternbergs „Balance-Theorie der Weisheit“ eine implizite Weisheitstheorie

Robert J. Sternberg, ein amerikanischer Psychologe hat sich u.a. mit der Erforschung impliziter Weisheit beschäftigt. Für ihn ist Weisheit das Vorhandensein und die Anwendung von vorhandenem Wissen auf konkrete Lebensprobleme. Mit vorhandenem Wissen sind Kenntnisse gemeint, die man nebenbei und ohne bewusstes Zutun erlernt. Weisheit erlangt man, durch Anwendung dieses vorhandenen Wissens in problematischen Lebenssituationen, und dabei und das ist das Entscheidende dieser Theorie das Erreichen von Gemeinwohl (common good). Nur Lösungen eines Problems, die den Aspekt des Gemeinwohls beinhalten, können als weise bezeichnet werden.

(Sternberg und Lubart 2001)

Dabei müssen folgende Aspekte ins Gleichgewicht gebracht werden:

1. Persönliche Interessen, Ziele und Werte
2. Gemeinschaftliche Interessen, Ziele und Werte
3. Extrapersonelle Interessen, z.B. Umweltbedingungen
4. Kurzfristige und langfristige Folgen müssen dabei im Blick bleiben

Eine Entscheidung kann laut Sternberg nicht weise sein, sobald einer dieser Aspekte nicht berücksichtigt wird, da entweder die eigenen Interessen oder das Gemeinwohl, sei es auf der persönlichen oder der Umwelt-Ebene außer Acht bleiben. Auch wenn eine Lösung nur kurzfristig Hilfe bringt, kann die Entscheidung nicht als weise bezeichnet werden.

Man kann eine Lösung herbeiführen, indem man sich selbst an das Gegebene anpasst, versucht, das Gegebene zu verändern oder eine andere Begebenheit aufsucht und dabei kurzfristige und langfristige Auswirkungen berücksichtigt.

Die Theorie von Sternberg impliziert ein bereichsspezifisches Wissen, ein Kennen seiner eigenen Grenzen, da das vorausgesetzte stillschweigende Wissen in bestimmten Kontexten erlangt wird und der Blick für kurzfristige und langfristige Zielsetzungen ein Wissen über eigene Grenzen erfordert.

2.2.3. „Gelebte Weisheit“ eine Interview-Studie von S. Bluck und J. Glück

Eine Interview-Studie zum Thema Weisheit wurde in den Jahren 2003 und 2004 von Bluck und Glück durchgeführt. Die Ähnlichkeit der Fragestellung zu der hier vorliegenden Arbeit veranlasst uns, auf diese Studie und deren Ergebnisse einen Blick zu werfen.

Die Fragestellung der Studie war „Bitte denken Sie an eine Situation in der Sie etwas Weises getan, gedacht oder gesagt haben. Wie war die Situation? Was haben Sie getan?“

Interviewt wurden 86 Personen, (28 Jugendliche, 27 jüngere Erwachsene und 31 ältere Erwachsene), 51% davon männlich und 51 % davon mit Gymnasial-Bildung.

Aus der Studie und auch aus zwei weiteren Studien zu dem Thema ergab sich, dass die erlebten Situationen fundamental, also keine Alltagssituationen waren und, dass zumeist negative Erlebnisse erinnert wurden, die man zu einer positiven Lösung brachte, diese waren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ergaben sich keine Altersunterschiede.

Folgende Verhaltensweisen wurden als weise empfunden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es gab folgende Altersunterschiede: Jugendliche berichteten häufiger von Situationen, in denen sie Empathie und Unterstützung zeigten, während junge Erwachsene Erlebnisse schilderten die Selbstbestimmtheit und Selbstvertrauen erforderten und ältere Erwachsene empfanden sich als weise handelnd oder denkend in Situationen, die Wissen und Flexibilität erforderten. Bei diesem letzten Ergebnis zeigen sich Alters-, oder/und Kohorten-Unterschiede, die mit den jeweiligen Entwicklungsaufgaben der jeweiligen Lebensphasen übereinstimmen (Glück 2004)

3. Fragestellung – macht das Leben weise?

Die im vorigen Kapitel gezeigten expliziten psychologischen Theorien sind natürlich von sehr akademischer Natur und spiegeln vermutlich nur sehr wenig von dem wider, was „Lieschen Müller“ unter Weisheit versteht. Unsere Befragung beschäftigt sich aber eben mit genau diesem Aspekt der Weisheit, nämlich der Laienvorstellung, den impliziten Theorien. Was ist es also, was einen Menschen weise oder weiser macht. Sehr aufschlussreich war eine kleine mündliche Befragung im Freundes- und Bekanntenkreis sowie in der Familie im Vorfeld der dann geführten und hier dargestellten Interviews. Hier zeigte sich schon im Ansatz, dass es im Wesentlichen eher die schwierigen Lebenssituationen sind, bei denen die Menschen das Gefühl hatten, weiser geworden zu sein. Allerdings zeigte sich auch, dass es nicht so sehr auf das Erleben einer oder mehrerer Krisensituationen ankommt, sondern vielmehr deren Bewältigung das entscheidende Kriterium zu sein scheint. Wenn z.B. zwei Personen eine eheliche Scheidung zu bewältigen hatten, so wurde demjenigen, der diese Situation sowie sein weiteres Leben erfolgreich gemeistert hatte, durchaus ein vermuteter Weisheitsgewinn zugestanden. Derjenige, der jedoch durch diese Lebenskrise „abgestürzt“ war, wie es durch Verlust geregelter Lebensumstände oder etwa dem Verfall durch Alkohol geschehen kann, dem wurde das Zugeständnis eines Weisheitsgewinns eher verweigert. Das heißt, nur wem es gelingt, eine Lebenskrise auf der Grundlage der gegebenen gesellschaftlichen Normen sowie derzeit geltenden moralischen Prinzipien zu bewältigen, kann weiser geworden sein. Hier zeigt sich vermutlich auch schon eine erste Schwäche unseres Untersuchungsdesigns. Da wir bei den Interviews unseren Interviewpartnern vollkommen freie Hand lassen, worüber sie berichten, steht zu befürchten, dass das Ergebnis, nämlich die Einschätzung des eigenen, subjektiv erlebten Weisheitsgewinns verfälscht werden könnte. Nämlich dann, wenn die in den mündlichen Voruntersuchungen gezeigten Meinungen (erfolgreiche Krisenbewältigung) quasi instinktiv in jedem Menschen schlummern. Dies würde natürlich in der Regel dazu führen, dass wir bei unseren Interviews nur erfolgreich gemeisterte Krisen zu hören bekommen. Diejenigen Ereignisse aber, die nicht erfolgreich gemeistert wurden, werden natürlich verschwiegen, sei es aus Scham über das Versagen oder schlicht schon deshalb, weil sie nicht mehr erinnert werden bzw. nicht mehr erinnert werden wollen. Um zu einer vernünftigen Hypothese zu gelangen, werden wir die Ergebnisse der Interviews in geeignete Kategorien einteilen. Diese Kategorien sollen uns am Ende die Möglichkeit bieten, die Gründe für einen subjektiven Weisheitsgewinn besser fassbar und deutlicher zu machen. Insbesondere soll uns daran gelegen sein, in diesen Kategorien noch andere Gründe für Weisheitsgewinn zu finden als lediglich Katastrophenbewältigung.

3.1 Konzeptionen von Persönlichkeitsreife

Wenn wir an weise Menschen denken, denken wir zumeist an eine alte Person, ein „Bilderbuch-Weiser hat vielleicht sogar einen weißen Bart, ist jedenfalls in den Köpfen der meisten Menschen reiferen Alters.

Bei der Arbeit an dieser Diplomarbeit und den dabei entstandenen Gesprächen mit Außenstehenden, kam immer wieder die Frage auf, ob auch Kinder weise sein können. Die meisten verneinten dies zunächst. Bei der Verdeutlichung durch das Beispiel, dass ein Kind, das z.B. eine Krebserkrankung erfolgreich besiegt habe und lange im Krankenhaus gelebt und sich mit dem Tod und Schmerzen auseinander gesetzt haben könnte, räumten alle ein, dass es doch in Ausnahmefällen weise Kinder gäbe.

Setzt man die Weisheitstheorien Sternbergs oder Baltes voraus, steckt in uns allen mehr oder weniger viel „Weisheit“, also auch in Kindern, aber eben nicht in dem Maße, wie in den meisten Erwachsenen, eben durch mangelnde Lebenserfahrung. Aus den empirischen Befunden des „BWP“ geht schließlich auch hervor, dass der größte „Weisheitszuwachs“ im Alter zwischen 15 und 25 stattfindet und nicht etwa später noch signifikant zunimmt. Gut, 15 jährige sind keine Kinder mehr, aber dieses Ergebnis sagt ja auch nicht aus, dass vorher kein Weisheitsgewinn stattgefunden hat.

Natürlich kann ein Kind, das noch nicht richtig sprechen kann, nicht als weise bezeichnet werden, aber ab welchem Alter sprechen wir einem Kind auch nur ansatzweise diese Fähigkeit zu?

Laut dem Entwicklungsmodell von Jean Piaget erwirbt ein Kind ab 12 Jahren die Fähigkeit, logisch zu denken und Operationen auf andere Operationen anzuwenden. Vorher sind Abstraktionen, also auch die Fähigkeit, Situationen im Geiste durchzuspielen, nicht möglich. Ist da vielleicht die Grenze? Kann man erst ab 12 Jahren weise werden?

Laut Piaget bildet die Assimilation, also die kognitive Integration von Sinneswahrnehmungen, und die Akkommodation, die Integration dieser Kognition in die bereits vorhandenen Kognitionen, die Grundlage des Weltbildes von Erwachsenen und Kindern. Dieser Punkt passt sehr gut in die Vorstellung von Weisheitserwerb, etwas wahrnehmen, in die vorhandene Kognition integrieren, Schlüsse ziehen und eine Lösung für ein Problem finden. Dennoch ist Piagets Modell zufolge das 12. Lebensjahr die magische Grenze, da ein Kind vor diesem Alter mit anderen Dingen der kognitiven Entwicklung beschäftigt ist und diese erst abschließen muss, um eine nächste Stufe zu erreichen.

Im Vergleich dazu könnte man in Erik H. Eriksons Modell einen früheren Beginn erahnen, nämlich bereits in der Stufe “Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl”, die ca. im 6. Lebensjahr beginnt und bis in die Pubertät anhält. In dieser Phase möchte das Kind an der Welt des Erwachsenen teilnehmen und nicht mehr nur “so tun als ob”. Das bedeutet auch, dass es mit anderen zusammen arbeiten möchte und es den Wunsch hat, etwas Gutes und Nützliches zu tun. Das richtige Maß zu finden ist in dieser Phase der Entwicklung, laut Erikson, sehr wichtig, um Störungen in der Entwicklung zu vermeiden. Die Fähigkeit, sich auf andere einzustellen, eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit anderen und auch das Gefühl zu entwickeln, etwas zu leisten, zu schaffen, ist sicherlich ein Grundstein in der Weisheitsentwicklung, da das erfolgreiche Problemlösen ein wichtiges Prinzip von Weisheit darstellt.

Sieht man sich die Stufentheorie über „Die moralische Entwicklung des Menschen“ von Lawrence Kohlberg an, müsste der Beginn der Weisheitsentwicklung in der 2. Stufe liegen, die Stufe des Individualismus. Diese Stufe erreichen die meisten Kinder unter 9 Jahren. Sie besagt, dass eine Kosten-Nutzen-Orientierung stattfindet. Das impliziert ein Planen, ein vorausschauendes Handeln und Denken und daher sollte man annehmen, dass ab hier der Beginn eines Lernens von Weisheit stattfinden kann.

Laut der Theorie von Kohlberg wird die Stufe 5 nur von 25 % der Erwachsenen erreicht und die Stufe 6 nur von einigen wenigen. Die sechste Stufe ist das höchste Ziel der Entwicklung, die universelle Gerechtigkeit und eine majorisierende Äquilibration. Kohlberg beschreibt in seiner Theorie die kognitive Entwicklung und nicht die emotionale Entwicklung oder die Entwicklung des Handelns, d.h. dass Menschen in einigen Lebenslagen, durchaus wissen, wie man weise zu handeln hätte, dies jedoch nicht zwangsläufig tun.

Ab welchem Alter nun die Weisheitsentwicklung beginnt, kann nicht abschließend geklärt werden, da die Theorien sehr unterschiedlich sind, aber auch die Persönlichkeitsentwicklung an sich sehr vielfältig und individuell ist.

Vermutlich beginnt der Anstieg an Weisheit in dem Moment, wo das Kind im Geiste Situationen durchspielen, logisch folgern kann und selbständig Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungen mögen im Normalfall trivialer Natur sein, aber sie sind grundlegend für die Weisheitsentwicklung, da erfolgreich gelöste Probleme und richtige Entscheidungen die Entwicklung prägen und positiv beeinflussen und so eine Voraussetzung für Weisheit darstellen.

4. Methode der Untersuchung

Trotz der sehr langen und vielfältigen Ansichten und Theorien zu Weisheit, gibt es noch immer Einiges in dieser Richtung zu erforschen. Nicht nur quantitativ, um zu messen wie weise der einzelne Mensch ist oder wie Weisheit überhaupt gemessen werden könnte. Auch qualitativ kann noch viel getan werden.

Bei unserer hier vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine kleine, qualitative Studie zur Hypothesengenerierung. Wir möchten uns der Frage annähern, was zur subjektiven Weisheitsgewinnung führt, d.h. was glaubt der einzelne Mensch, welches konkrete Ereignis bei ihm persönlich zu einem Zuwachs an Weisheit geführt hat.

Leider können wir dazu kein Camp bauen, Leute rekrutieren, Aufgaben stellen und die Menschen beobachten wie weise oder auch nicht weise sie sich verhalten. Menschen im Alltag zu beobachten und herausfinden wie weise sie sich verhalten, um Alltagsprobleme zu bewältigen und Problemlösungen zu finden, wäre auch zu mühsam für eine akademische Studie. Außerdem, wer sollte beurteilen was weise ist und was nicht?

Daher haben wir uns für ein durchführbares Verfahren entschieden: narrative Interviews in Form von Dialogen.

Die Probanden sollten uns dafür mitteilen, welches Ereignis oder welche Ereignisse für sie persönlich zu einem Zuwachs an Weisheit geführt haben. Die Interviewerin hat dabei die Aufgabe zum Einen das Interview auf Band festzuhalten und zum Anderen zum Erzählen zu ermutigen und dabei den Probanden beim Thema zu halten ohne eine Richtung vorzugeben.

Dabei beurteilen wir keineswegs, ob es tatsächlich einen Weisheitsgewinn gegeben hat und/oder wie effizient dieser ist. Es ist lediglich von Wichtigkeit, dass der Proband selber subjektiv den Eindruck hat, dass das erzählte Ereignis ihn selbst weiser gemacht hat und wie das geschehen ist.

Wir analysieren also Alltagsstrategien von „Nicht-Experten“, in der Form dass wir das gesprochene Wort eins zu eins transkribieren in einen Text, den wir dann bearbeiten können. Wir „komprimieren“ dann das Interview, indem wir die Zwischenfragen der Interviewerin löschen und, soweit es das Verständnis des Textes zulässt, nur den Text des Probanden übrig lassen. Wir lassen in der komprimierten Form des Interviews auch alle Worte heraus, die man schriftlich nicht benötigt, wie „ähh“, „mhh“, usw.

Wir halten uns bei der groben Einteilung der Interviews zunächst an die Regeln zu qualitativen Studien von Gerhard Kleining (Kleining 2003 [2]) und später, bei der feineren Analyse, an die Techniken zur Erinnerungsarbeit von Frigga Haug

(Frigga Haug 1999).

Nach Kleining erarbeiten wir Gemeinsamkeiten der Interviews, bilden Kategorien und erarbeiten mehrere Ideen was zum Weisheitsgewinn geführt hat und finden idealerweise eine oder mehrere Hypothesen.

Trotz der Hypothesen und Theorien, die wir uns durch einschlägige Literatur angeeignet haben, müssen wir im Interview neutral sein und unsere eigene Meinung zu dem Thema überwinden, dem Probanden gegenüber offen sein und keinesfalls den Weisheitsgewinn in irgendeiner Form in Frage stellen.

Wir stellen den Probanden offene Fragen und verhalten uns wie in einem Dialog, um die Versuchsperson zum sprechen zu animieren und dem Gespräch eine Richtung zu geben, um ein möglichst breites Spektrum an Antworten und Informationen zu erhalten.

Da wir keine hypothesenprüfende Forschung betreiben, wäre es nicht richtig präzise Fragen zu stellen, da wir keine präzisen, messbaren Antworten erhalten möchten. Vielmehr möchten wir ein breites Spektrum an Antworten und mit Glück Gemeinsamkeiten in den Interviews erhalten, um zu einer oder mehreren Hypothesen zu gelangen.

Um die eventuelle Falsifizierbarkeit der Hypothese/n brauchen wir uns in dieser Arbeit nicht zu kümmern.

Die interviewte Person soll uns in eigenen Worten ein Ereignis schildern, das sie persönlich, als eigenständiger Mensch weiser gemacht hat. Erst am Ende der Schilderung können wir erfassen, was die Person glaubt und was genau zum Weisheitsgewinn geführt hat, so können wir im ganzen Gespräch offen bleiben ohne uns vorher festzulegen und das Gespräch in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Das transkribierte Gespräch wird als komprimierter Text, von den beiden Autorinnen dieser Arbeit analysiert. Dies hat den Vorteil, dass nicht nur eine Meinung, eine Betrachtung zum Zuge kommt, sondern die Diskussion und die unterschiedliche Sichtweise zweier sehr unterschiedlicher Persönlichkeiten zum Tragen kommt. Dadurch wird der Text aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Hinzu kommt, dass wir uns bemüht haben sehr unterschiedliche Probanden zu befragen, wobei die jeweiligen Gesprächspartner der einen Autorin der anderen unbekannt sind, sodass kein Vorurteil, keine vorgefertigte Meinung den Blick trübt und eine gewisse Objektivität gewahrt bleibt.

Aus den erlangten Texten versuchen wir nun Gemeinsamkeiten heraus zu kristallisieren, um hieraus unsere Hypothese/n ableiten zu können, wobei auch Gegensätze eine Gemeinsamkeit darstellen können, z.B. wenn eine Person etwas als kalt bezeichnet und eine andere Person als heiß, mag dies im ersten Moment als gegensätzlich angesehen werden. Letztendlich sprechen beide Menschen jedoch von einem Temperaturempfinden.

Die Technik, die wir anwenden, um den Kern des Interviews zu erschließen, ist die „Erinnerungsarbeit“ von Frigga Haug.

Wir behandeln die transkribierten Interviews als Text und arbeiten zu zweit als Kleinstgruppe zur Analyse des Textes. Im ersten Schritt lesen wir den Text, um den Inhalt des Textes grob zu erfassen.

Im zweiten Schritt versuchen wir, uns in die erzählende Person einzufühlen und die Eindrücke, Gefühle und Stimmungen nachzuempfinden.

Im Anschluss sammelt man Statements zu der aktuellen Szene, z.B. „Es gehört sich nicht als Tochter negative Gefühle zur eigenen Mutter zu haben.“

Dann kommt der aufwändigste Teil der Textarbeit: die Textanalyse. Wir beginnen mit dem stellen gezielter Fragen:

1. Wo im Text Handlungen, Interesse und Gefühle vorkommen
2. Wie werden andere Personen im Text dargestellt?
3. Drückt die Person sich aktiv oder passiv aus?
4. Wie konstruiert sich der Erzählende?
5. Welche Verknüpfungen werden gemacht, d.h. Persönliche Verbindungen, die nicht selbstverständlich sind, z.B. keiner sagte etwas, also musste ich etwas sagen
6. Welche Widersprüche tauchen auf?
7. Welche Leerstellen entstehen, d.h. welche Dinge teilt der Erzähler mit ohne sie auszusprechen, z.B. sich zwischen den Beinen waschen, ohne zu benennen, was gewaschen wird
8. Werden sprachliche Besonderheiten gebraucht?
9. Werden Klischees, Floskeln, Redewendungen benutzt?

Durch dieses Zerlegen und erneute Zusammensetzen von Texten entstehen neue Ansatzpunkte. Nicht nur das Offensichtliche im Text wird gesagt, sondern andere nicht konkret ausgesprochene Dinge.

Man kann den Text am Ende dieses Prozesses zu einem Kernsatz zusammenfassen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach der Analyse der einzelnen Texte, werden die Interviews kategorisiert, d.h. nach Gemeinsamkeiten geordnet und die Hypothese bzw. die Hypothesen formuliert.

Im Kapitel 5.2. „Auswertung der Interviews“, wird ein Interview exemplarisch bearbeitet, um die Technik zu verdeutlichen.

4.1 Rekrutierung der Interviewpartner

Das Thema der Diplomarbeit wurde im Umfeld mit viel Interesse aufgenommen. Die anfängliche Befürchtung, keine Interviewpartner zu finden, weil sich selbstverständlich niemand für weise hielt oder sich zumindest in der Öffentlichkeit nicht traute, es zuzugeben, hat sich nicht bestätigt. Alle Interviewpartner stammen aus dem weiteren Bekanntenkreis, zumindest bei Barbara sind keine engen Freunde oder gar Verwandte interviewt worden. In einigen Fällen handelte es sich bei den Interviewten sogar um völlig Fremde. Eine Auswahl der Gesprächspartner über ein vermutetes Gesprächsthema fand nicht statt. Wir haben uns bemüht, vollkommen offen an Interviewpartner heranzutreten, ohne im Vorfeld die augenblickliche Lebenssituation zu würdigen.

4.1.1 Kritik an der Stichprobe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Stichprobe ist in keiner Weise repräsentativ. Schon auf Grund der Anzahl der Interviewpartner ist das offensichtlich. Was die soziale Schichtung angeht, so gehören die Interviewpartner gut durchmischt allen gesellschaftlichen Schichten an. Vom Akademiker bis zum Präkariat ist alles vertreten.

Ca. ein Viertel der Teilnehmer hat studiert oder studiert noch und hat ein deutliches kulturelles oder politisches Interesse. Bis auf drei Personen leben alle Interviewpartner in einer Partnerschaft. Alle Gesprächspartner haben die deutsche Staatsbürgerschaft, wenngleich eine Teilnehmerin inzwischen ihren Plan verwirklicht hat und nach Schweden ausgewandert ist.

Das Alter der Teilnehmer halten wir für gut durchmischt. Der älteste Teilnehmer ist 73 Jahre, die Jüngste ist 12. Das Durchschnittsalter liegt bei 39,30 Jahren.

Eine Selektion fand natürlich schon dadurch statt, dass wir nur mit interessierten und von sich aus auskunftsfreudigen Interviewpartnern gesprochen haben, die den eigenen Intellekt zumindest nicht als vollkommen unweise eingeschätzt haben. Zumindest hielt sich keine der Versuchspersonen das Thema betreffend für vollkommen ungeeignet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(A) = Interviews von Angelika, (B) = Interviews von Barbara

Darüber hinaus wurden noch zwei Interviews geführt, die auf Grund schlechter Aufnahmequalität nicht transkribiert werden konnten.

4.2. Das Interview

Das Interview wurde als unstrukturiertes, vollkommen freies Interview geführt. Die Interviews wurden sowohl bei einigen Interviewten zu Hause als auch im Hause der Autorinnen geführt. Über das Thema des Interviews wurden alle Gesprächspartner schon bei der Terminvereinbarung in Kenntnis gesetzt. Dies geschah dadurch, dass die eigentliche Frage:

„Gibt es in Deinem Leben Situationen, Ereignisse oder Erlebnisse, bei denen Du subjektiv das Gefühl hattest, weiser geworden zu sein?“

bereits am Telefon bei der Terminvereinbarung gestellt wurde. Einen weiteren Kontakt gab es dann in der Regel bis zum Gesprächstermin nicht mehr. Im Durchschnitt waren also alle VP schon ca. eineinhalb bis zwei Wochen vor dem Interview über das Thema informiert und entsprechend vorbereitet. Wir bemühten uns um eine ruhige und abgeschiedene Atmosphäre. Eine Zeitvorgabe für das Interview bekamen die Versuchspersonen nicht. Der Zeitrahmen bewegte sich zwischen 35 Minuten und zwei Stunden. Die durchschnittliche Gesprächsdauer lag bei ca. 75 min. Alle Gespräche wurden mit dem Einverständnis der Gesprächspartner auf Kassette aufgenommen und anschließend 1:1 transkribiert. Mit den VP wurde vor dem Gespräch strikte Vertraulichkeit vereinbart, verbunden mit der Zusicherung, lediglich die Vornamen, das Alter und den Beruf zu veröffentlichen.

Die Autorinnen waren bemüht, die VP reden zu lassen. Lediglich bei weiterem oder längerem Abschweifen der einzelnen Personen brachten wir das Gespräch gefühlvoll wieder aufs richtige Gleis.

Der Umgang mit den Gesprächspartnern entsprach den Grundsätzen aus der klientenzentrierten Gesprächstherapie. Die hier als notwendig und hinreichend erachteten Bedingungen (Kongruenz, absolute nicht-urteilende Wertschätzung sowie Empathie) waren der Maßstab für unsere Interviewhaltung.

5. Ergebnisse

5.1. Inhalt der Interviews

Interview Martina komprimiert

Also mir fällt da spontan eigentlich nur etwas ein, ich weiß nicht, ob das konkret etwas mit Weisheit zu tun hat, aber das war, als meine Oma gestorben ist. Dieses ganz intensive „bei ihr sein“, mit ihr da zu sein mit der Familie zusammen, mal alleine, mal zu mehreren, das ist etwas, was mich sehr gerührt hat und was mich auch sehr viel gelehrt hat.

Ich meine das Ereignis an sich, jemand anderen alt werden zu sehen, der einem sehr am Herzen liegt. Meine Oma hat mir immer sehr viel bedeutet. Sie war sehr alt, sie war schon 95, wurde auch über die Zeit immer klappriger, also war auch klar: irgendwann wird sie sterben. Und dann tatsächlich so direkt dabei zu sein, also direkt involviert, dazustehen und zu entscheiden: ja soll sie jetzt ins Krankenhaus oder soll sie nicht um dann zu entscheiden „nein“ sie soll nicht, weil sie nicht will, also wirklich auch dann ganz konkret die Verantwortung mit zu übernehmen. Das war für mich auf der einen Seite sehr fremd und sehr neu, aber dann hatte das auch wieder so eine Selbstverständlichkeit und ich denke da heute auch noch ganz oft daran. Diese Situation, dieses mit ihr zusammen durchzustehen und hinterher auch froh zu sein, das so gemacht zu haben. Und ich stehen halt jetzt im Prinzip wieder vor einer ähnlichen Situation mit meinem Großvater, der eben inzwischen auch sehr alt ist, auch 95 Jahre alt, sich eigentlich auch mehr und mehr verabschiedet von allem und dann eben wieder die Frage aufkommt: Was machen wir, wie gehen wir damit um. Und da dann mit den Erfahrungen, die ich mit der Oma gemacht habe, dann diese Situation auch durchzustehen. Oder, was heißt durchzustehen, ihn zu begleiten, um für mich selber auch immer noch einen Gewinn daraus zu haben.

Erst mal in einer Situation gewesen zu sein, die sich eigentlich keiner wünscht, das durchgestanden zu haben mit Oma und das ist o.k.

Das zog sich, ja. Also, dass es ihr ganz schlecht ging, war an einem Sonntag und sie ist gestorben Montag Nacht eine Woche später. Also es ging schon dann die ganze Woche, dass es ihr zusehends schlechter ging, im Prinzip von Tag zu Tag. Ich bin dann zu ihr, Sonntag, wie gesagt, fing es an, dann bin ich Montag und Dienstag vor der Arbeit noch hingegangen und am Mittwoch habe ich mich dann entschieden, dort zu bleiben und bin dann auch gar nicht mehr zur Arbeit gegangen die ganze Woche. Bin dann praktisch den ganzen Tag bei ihr geblieben in Abwechslung mit anderen Familienmitgliedern und die letzten zwei Tage ist dann auch nachts jemand da geblieben, also dass sie dann wirklich rund um die Uhr jemanden bei sich hatte – mein Opa war ja auch da, der musste dann auch irgendwie gestützt werden. Das war für ihn ja auch ganz schwer.

Sie hat dann auch an einem der letzten Tage, wo wir auch gar nicht mehr wussten, ob sie uns bewusst wahrnimmt dann doch gezeigt, dass sie merkt, wer ihr gerade die Hand hält. Meine Mutter war dann bei ihr gewesen und die beiden haben ein sehr schwieriges Verhältnis miteinander gehabt und meine Mutter wollte dann gehen und meine Oma hat sie nicht loslassen wollen. Von daher, sie muss das gemerkt haben, da bin ich mir sehr sicher.

Wenn man mich vorher gefragt hätte, ob ich mir das zutrauen würde, hätte ich gesagt „nee“. Ich war in der Situation eigentlich ein bisschen froh, dass ich nicht weggelaufen bin. Es war natürlich ganz klar, für sie da gewesen zu sein.

Ich kann es dir gar nicht genau sagen. Der Tod an sich ist ja so weit weg aus dem täglichen Leben, dass man keine Vorstellung hat von dem, was da passiert. Das sind eklige Sachen, da muss ich mich vielleicht übergeben, vielleicht sabbert sie. So diese Dinge, die man so ein bisschen diffus vor Augen hat. Das Ding an sich, was passiert da, wie sieht das aus, wie hört sich das an, macht es Geräusche, wie riecht es, das ganze Drum und Dran ist etwas, was man halt nicht kennt.

Das hatte ich eigentlich ständig vor Augen. Also da habe ich auch keine Angst davor. Dadurch, dass ich nun mit meinen Großeltern im Prinzip so seit 10 Jahren ungefähr ein enger werdendes Verhältnis hatte und ja auch mitbekommen habe dass sie immer sehr selbständig waren, haben immer ihren eigenen Kram gemacht und es wurde halt immer so weniger. Kannst du hier helfen, kannst du das mal machen? Also von daher dieses, es geht irgend wann nicht mehr so, irgendwann kann man nicht mehr alles alleine machen, irgendwann ist es dann auch tatsächlich mal zu Ende. Das war nicht so der Punkt.

Du fragst jetzt nach Weisheit. Und Weisheit hat für mich immer etwas mit alten Leuten zu tun. Und wenn ich an alte Leute denke, denke ich automatisch an meine Großeltern.

Es ist nicht der Tod, es ist ja der Prozess des Sterbens, der mich da sehr angerührt und sehr beeindruckt hat.

Also ich glaube nicht, dass nach dem Tod nichts ist. Ich bin mir aber auch nicht sicher ob ich das nur glaube, damit ich mich persönlich etwas besser fühle oder ob ich tatsächlich daran glaube, dass da noch was ist. Also ich bin da auch recht wahllos in der Vorstellung dessen, was danach sein könnte.

Ich stelle mir jetzt – also wenn ich irgendwo etwas lese was mir gefällt, wo etwas darüber geschrieben ist wie es sein könnte, dann suche ich mir halt hier und da das heraus, was mir gut gefällt und baue mir das zu meiner eigenen Vorstellung zusammen. Ich habe jetzt nicht so die christliche Vorstellung des entweder Fegefeuers oder Paradieses, wobei das ja auch nie näher beschrieben ist, wie das sein kann, sondern ich habe da so meine eigenen Vorstellungen, die ich mir wie gesagt aussuche wo immer ich mal was lese, was mir gefällt.

Ja ich denke, also das ist gar nicht so sehr um meinetwegen aber ich stelle mir halt vor, dass die anderen Leute, die sterben, dass die so irgendwie um mich rum sind. Also jetzt nicht irgendwie als Gespenster um mich rum, aber ich glaube zum Beispiel daran wenn ich jetzt an meine Oma denke, dass die irgendwie da ist. Und wenn da nichts wäre, dann wäre sie nicht da. Und das gefällt mir nicht. Also einfach die Vorstellung was man so sagt: Nein, jemand ist nicht tot solange er nicht vergessen ist oder so. Ich denke, wenn man so an seine Lieben denkt, die von einem gegangen sind, dann sind die auch irgendwie da. Ich meine das nicht körperlich, sondern spirituell.

Also das ist sich in einer Weise recht ähnlich mit Kindererziehung. Also da gibt es durchaus Parallelen, sich einfach auf den anderen einzulassen und zu gucken, wo ist der gerade, was kann der oder die schon, das Kind kann es schon, ein alter Mensch kann es vielleicht gerade noch und sich einfach auf die Augenhöhe desjenigen zu begeben. Das habe ich gelernt. Also nicht speziell, nicht nur in dieser einen Woche, die ich meine Oma begleitet habe, sondern schon auch in der Zeit davor, um wirklich zu gucken, was geht noch, wo brauchen sie noch Unterstützung, ja, das habe ich gelernt. Und das habe ich tatsächlich durch die Beiden gelernt. Ich hätte es vielleicht auch bei meiner ältesten Tochter schon lernen können, aber wirklich in der Konsequenz habe ich das erst bei meinen Großeltern gekonnt.

Das hat sicherlich etwas damit zu tun, weil ich jetzt auch älter geworden bin und vielleicht auch eher bereit bin, mir die Frage zu stellen. Also nicht so „voran und mir nach“, sondern wirklich zu gucken, wer kommt denn da noch hinterher in welchem Tempo und wie kommt man da auf einen Nenner.

Ich glaube, wenn man gemütlich im Schaukelstuhl sitzend ohne jegliche Anschläge von Krisen oder Katastrophen durchs Leben schaukelt, dann, woran soll man lernen?

Ich glaube auch, dass so jemand, wenn es dann doch zu einer Krise käme, recht aufgeschmissen sein könnte. Man kann sie halt bewältigen oder man läuft davor weg oder gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Aber ganz ohne geht es sicherlich nicht und ich glaube, wenn man sich wirklich damit auseinander setzt und auch bereit ist, eine Lehre daraus zu ziehen auch wenn das manchmal ziemlich unangenehm sein kann, dass einen das letztlich weiterbringt und schlussendlich dann, auch wenn man alt und grau ist, zur Weisheit bringt.

Ja, das war doch ein schönes Schlusswort. Oder..?

Interview Manuela komprimiert

So eine Begebenheit ist meine Erfahrung mit dem Arbeitgeber. Ich hab` ja früher gedacht, dass ich bis zu meiner Rente bequem und gemütlich bei dem Arbeitgeber arbeiten kann. Aber ich hab` gelernt, dass gewisse Einflüsse Veränderungen in der Gesellschaft, Veränderungen in Unternehmen dazu führen, dass man, wenn man gewisse Prozesse nicht mehr mittragen kann, sich dann verändern muss.

Und daraus hab` ich gelernt, dass vielleicht auch andere Veränderungen später noch in meinem Leben eintreffen, wo ich vielleicht sagen konnte, o.k., das ist toll, wir können so bleiben, aber, ich werd` mich nicht mehr so fest binden, sondern flexibler sein.

Ich denke, es hat nichts mit dem Erstgesagten zu tun, sondern ganz einfach aus der Situation heraus, dass ich nun mit dem Arbeitgeber gebrochen habe, stand für mich die Frage: „Möchte ich in Deutschland bleiben, möchte ich wieder in einem deutschen Unternehmen arbeiten“ und bin zu dem Schluss gekommen, wenn man sich umschaut in Deutschland, egal ob das Banken sind oder, von Freunden aus gesehen, die Paketbranche oder andere Unternehmen, dass diese Entwicklung, wie sie bei dem Arbeitgeber durchgeführt wurde in anderen Unternehmen auch ist, das heißt, ich denke, dass ich nicht unbedingt zufriedener geworden wäre, wenn ich jetzt in Deutschland weiter arbeiten würde. Gut, das ist ein Punkt. Der andere Punkt, ich hab` immer gesagt, ich wollte ganz gern` meine Rente in Frieden verbringen, also, wenn ich (später) hier in Deutschland bleiben will, liegt es ja nahe, dass ich versuche, jetzt eher nach Schweden zu kommen.

Na ja, das bedeutet, offener zu sein, genauer zu beobachten, auf Signale zu achten, die ich vielleicht zu Anfang, … doch ignoriert habe, dass ich mir gesagt habe, nee, so schlimm kann das nicht werden. Aber eben offener zu sein, sensibler zu sein, Signale wahrzunehmen und darüber nachzudenken, ja, ich denke, ja und dann im Endeffekt, muss ich sagen, da kam ich nicht drumherum, eine Entscheidung zu treffen.

Ha, für die meisten Leute wird es nicht weise sein. Aber sagen wir so. Die meisten Leute denken: „Haa, so ein guter Job, so gut bezahlt, das kann man doch nicht machen, und heute in der Situation, den meisten Leuten erscheint das sicherlich nicht weise. Für meine Selbstzufriedenheit und so wie ich mich fühle, ist es heut` der beste Entschluss, für mich, für meine Gesundheit, für mein körperliches Wohlbefinden ist der Entschluss gut.

Aus heutiger Sicht kann ich das natürlich sagen. Ich hätte den Prozess, mich vom Unternehmen zu trennen und mich selbst zu verwirklichen, natürlich eher beginnen können. Aber, ich weiß ja, wie es war. Ich muss ja Schritt für Schritt erst mal zu Entscheidungen finden und das ist nicht so schnell getan.

Ich habe immer viel gearbeitet und ich hab` sicherlich auch gut verdient, aber ich hab` ja das Geld in dem Sinne nie großartig ausgegeben, also sage ich, selbst wenn ich in Schweden etwas weniger verdienen sollte und würde, reicht es genau so. Wofür soll ich denn so viel in diesem Hamsterrad laufen, dass ich im Prinzip gar keine Zeit habe, Geld auszugeben. Aber am Ende bin ich kaputt, muss mich regenerieren, damit ich dann im Endeffekt wieder in mein Hamsterrad stiefele und das ist die Sache ganz einfach nicht wert.

Ich seh ja die Kollegen, wie sie krank werden, das seh` ich auch bei mir in der Firma, bis sie umkippen, bis sie krank werden, ja, und weil sie halt die Zwänge haben - Familie, Haus etc.

Und wenn man für sich sagen kann: gut, ich kann diesem Zwang entrinnen, was sicherlich nicht jeder kann, also für mich ist es nach wie vor eine gute Entscheidung, mit der ich gut leben kann.

Sagen wir´s mal so. Ich kann mir diesen Luxus leisten, einfach aufzuhören, ja.

Das wird nicht jeder können, obwohl man natürlich sagen muss, vielleicht ist es auch ein Privileg, `ne Familie zu haben. Das weiß ich ja nun nicht.

Sich selbst als weise einzuschätzen, ich denke, das ist für mich ausgeschlossen. Das ist arrogant und selbst, was bringt es, sich selbst als weise zu bezeichnen. Wenn natürlich jemand häufig von anderen Personen weise genannt wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit schon höher, dass dieser Mensch wirklich auf Grund seines, seiner

Erfahrung, seines Tuns, aus der Sicht der Anderen auch mehrheitlich auch die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Ein erfolgreicher Mensch, der mag auch klug sein, aber der versteht es mit Sicherheit auch, sich durchzusetzen, sich mit Ellenbogen durchzusetzen und nimmt keine Rücksicht auf andere Menschen. Das hat nichts mit Weisheit zu tun.

Interview Cornelius komprimiert

Mein Name ist Cornelius, ich bin 1956 geboren und versuche das zu leben was ich denke und zwar in der Hinsicht, dass ich gute Gedanken, also Gedanken die ich selber gut finde unters Volk bringe. Für unterschiedliche Altersgruppen, Kinder, Jugendliche auch Ältere, Senioren, Gesunde und Kranke. Ich versuche das mit einer Laterne zu machen.

Ich ziehe also fast täglich mit irgendeiner Laterne durch die Szene und jeder der mag, kann sich dann so einen Geistesblitz (ein Zitat einer berühmten Person, Anm. der Autorin) oder Kinderreim ziehen.

Studiert habe ich Philosophie, Nebenfach Theologie und Psychologie.

Vor dem Studium habe ich eine Ausbildung gemacht zum Diakon, habe also viel in Kirchengemeinden gearbeitet, überwiegend ehrenamtlich. Ja, habe vielfältige Erfahrungen gesammelt in Gemeinden und ich denke ich habe auch Erfahrungen gesammelt, die mich weiser gemacht haben.

Weisheit ist für mich ein Wissen, ein Orientierungswissen, das zu tun hat mit eigenen Erfahrungen.

Dieses Orientierungswissen hat meines Erachtens was zu tun mit der ganz konkreten Lebensgestaltung und ist auch eine Antwort auf die Frage: Was ist für mich wirklich wesentlich? Was hilft mir weiter? Was ist das Tragende für mich was ist das Tragende in meiner Lebenssituation?

Es gab in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Kirchengemeinde, eine Situation, die mich in eine Art Schockzustand versetzte, es war ein 20 jähriges Mädchen das verübte Selbstmord und bis dahin konnte ich mir nicht vorstellen, dass einer so etwas tun kann.

Ich war 28 und diese Situation hat auch ein Stück weit mein Menschenbild korrigiert , dass nämlich Menschen doch mehr innere Nöte haben als gedacht.

Die Frau die hatte sich erhängt im Park, im Eppendorfer Park und das war schon eine, alle haben es als eine Botschaft empfunden, ja knallharte Botschaft. Protest auch, ein Stück weit gegen unsere Gesellschaft und diese Situation die brachte auch ein bisschen Bewegung. Zunächst mal in Form von Fragen, eine Frage war: Warum kann das passieren? Wer hat da versagt?

Ich machte aber auch die Erfahrung, dass in einer Gemeinschaft die Trauersituation wesentlich besser zu bewältigen ist, als also… mit ca. 20 Jugendlichen waren wir auf der Beerdigung, haben sogar auch gesungen und ich hab diesen Trauerprozess als sehr heilsame Erfahrung betrachtet. Bezogen auf Weisheit würde ich sagen, dass ich reifer oder weiser geworden bin in punkto Menschenbild, dass sich mein Menschenbild vervollständigt hat oder… dass mein Bild… bunter geworden ist.

Der Mensch ist für mich wesentlich bunter geworden, d.h. er hat für mich mehr Seiten, auch abgründige Seiten, als man auch wahrnimmt und… authentische Begegnungen auch die authentischen Begegnungen mit sich selber vollzieht sich für mich dann, wenn ich diese Seiten auch betrachte, wenn ich also auch das sehe was destruktiv ist. Und ich denke, dass erst die Beachtung auch der aggressiven oder der destruktiven Elemente, dass die Beachtung einfach zu jedem, zu einer authentischen und heilsamen Lebensgestaltung dazu gehört.

Also ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand dazu fähig ist auch jemand aus dem Freundeskreis, das war einfach nicht vorstellbar, das habe ich noch nie erlebt, aber dass jemand das auch wirklich macht, das war eine neue Erfahrung, aber dann auch zweitens die Trauer selber auch mit. Ich glaube dieser Prozess, Trauerprozess hat zugleich auch ein Prozess mit neuen Erfahrungen und diese Erfahrungen, auch diese Erfahrung von Gemeinschaft, es war wiederum auch etwas was mich ein Stück weiter gebracht hat, denke ich.

Das nächste Beispiel bezieht sich so auf Beziehungen. Ich habe jahrelang die Sicht gehabt, dass die Beziehung zu einer Frau das entscheidende Glücksmoment im Leben darstellt und die Erfahrung, dass eine Beziehung auseinander geht, da könnte ich auch zwei bis drei Beispiele nennen, dass eine Frau keine Lust mehr auf die Beziehung zu mir, das war auch sehr schmerzhaft, auf den zweiten Blick fand ich das aber auch positiv, insofern als dass mir klarer wurde, dass ich mein Glück nicht abhängig machen kann von den schwankenden Gefühlen einiger Menschen, dass also… es gibt ja dieses schöne Wort „loslassen“, ich glaube dass hinter dem Wort „loslassen“ ein sehr entscheidender Lernprozess steht, den man im Grunde auf alle Dinge beziehen kann. Verlusterfahrungen sind für mich mittlerweile Erfahrungen, die eine Chance darstellen, leichter zu werden. Mehr zu versuchen, auch im Augenblick zu leben, weniger in der Vergangenheit und in der Zukunft.

Die innere Leichtigkeit, ja, die innere Leichtigkeit zu studieren, die im konkreten Augenblick dann erfahrbar ist.

Doch also ich würde sogar sagen, dass das Glück überwiegt, weil das Glück die Glücksmomente hängen, nach meinen Erfahrungen, ganz eng zusammen mit Leid – Erfahrungen.

Spontan fallen mir 2 Beispiele ein, zum einen mit Kindern. Ich hab ja selbst mehrere Paten-Kinder und weisheitsträchtig sind für mich Spaziergänge in der Natur und z.B. auch, ich mach das gerne, dass ich mir von Kindern die Natur zeigen lasse.

Ein Patenkind hat im Alter von 5 Jahren einen leuchtenden Stern am Himmelszelt gesehen und sagte dann: „Da wohnt Gott“, so und dann fragte ich denn: „Was verstehst Du unter Gott? Was ist Gott für Dich?“ und dann sagte sie: „Gott passt auf alles auf, auf alle Menschen und auf alle Tiere auch“, naja und so entwickelte sich öfter ein Gespräch über die Welt, aus Sicht der Kinder und ja, das sind für mich schöne Momente.

Ein anderes Beispiel vielleicht noch, ich glaube dass… ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass man mit einer Frau, die im Sterbeprozess ist, viele schöne Dinge erleben kann. Ich hab mit der Mutter meines Freundes, die schwer an Krebs erkrankt war, hab ich zusammen die Trauerfreier gestaltet. Sie fragte mich dann auch, ob ich die Ansprache halten kann, auf ihrer Trauerfeier. Und ich habe die Trauerrede dann auch mit ihr zusammen durchgesprochen, das war für mich eine sehr ungewöhnliche Erfahrung, die ich da gemacht habe, aber auch eine sehr bereichernde, nämlich dass es möglich ist offen darüber zu sprechen. Das Leben auch ein Stück weit zu integrieren, zu sichten, Erfahrung zu sichten… wesentliches auf den Punkt zu bringen. Das ist für mich auch ein wesentliches Moment in punkto Weisheit, dass Weisheit sich nicht vor Realitäten verschließt, sondern mit einer Offenheit verbunden ist, die empfänglich ist, für alle Facetten der Realität.

Ja Weisheit hat natürlich im Wesentlichen auch zu tun mit Verstehen. Ich mache die Erfahrung, dass sich viele Verstehensvollzüge stufenartig entwickeln.

Verstehen ist kein abgeschlossener Prozess, sondern ist eher ein Entwicklungsprozess. So kann ich das auch im Kontext meiner Lebensgeschichte nachvollziehen.

Interview Sven komprimiert

Also, ich bin Sven, bin in Wedel geboren und bin zurzeit Bauweseningenieur –Student, Ich spiele gerne Fußball obwohl ich wenig Zeit dafür habe. Das Studium lässt das nicht so großartig zu, arbeiten muss ich natürlich auch viel nebenbei.

Ich wohne mit meiner Freundin zusammen, was natürlich auch mal ein bisschen Zeit kostet.

Es gibt ja immer Erlebnisse, die einen weiser machen im Großen und Ganzen …

… und da werden mir schon ein paar Sachen einfallen.

Also, zum Beispiel mit meinen Eltern, weil die sich damals getrennt hatten, …

… das ist noch gar nicht so lange her, da hab` ich viel gegen die Trennung gemacht und dadurch bin ich an mir selber auch gewachsen.

Also, ich habe viel mit meiner Mutter gesprochen. Und sie hat irgendwann einmal zu mir gesagt, die Gespräche, die ich mit ihr führe, die hätte mein Vater mit ihr führen müssen.

Ich habe immer nur die Möglichkeiten gesucht, um die Trennung zu verhindern. Man hat angefangen zu erzählen, so geht das nicht, also so kannst du das nicht machen. Also, da sind ja einige Sachen vorgefallen, dass meine Mutter auf meinen Vater geschimpft hat.

Sie hat immer wieder mit Sachen angefangen, die früher passiert sind, ganz häufig. Dinge, die gar nicht erst jetzt passiert sind, sondern früher. Aber irgendwann ist mir mal klar geworden, wenn ich ein Kind habe und das macht morgens irgendwelchen Mist, dann kann ich dem abends dafür keinen Arsch mehr voll hauen,…..

…das funktioniert ja nicht. So, und auf solche Sachen, da kommt man dann nach und nach drauf. Da bin ich dann immer weiter drauf eingegangen.

Und ich denke schon, dass man daran gewachsen ist.

Mein Vater hat versucht, immer so ein bisschen Ruhe und Frieden zu wahren. Also, es ist mehr, ja wie soll ich das beschreiben, mehr so, er versucht dem Ganzen einfach aus dem Weg zu gehen.

Er fängt jetzt nicht groß an, zu diskutieren und, das musste er ja nie tun. Er hat was gesagt und es ist im Endeffekt so passiert, so war`s ja immer.

Also, wenn mal irgend was war und er hat dann gesagt, so ist es, und meine Mutter hat sich dann irgendwo immer gefügt, z.B. wenn sie mal mit Freunden los wollte und er hat gesagt, nee du, da musst du die Kinder mitnehmen. Irgendwann hat meine Mutter angefangen, sich zu wehren. Da hatte er natürlich Schwierigkeiten mit der Situation. Er hat was gesagt und es ist nicht mehr passiert, was er wollte. Er musste dann schon bisschen was tun und das hat er nicht getan und das habe ich dann so ein bisschen übernommen.

Am Ende war es so, dass ich im Endeffekt seine Interessen vertreten habe. Obwohl er`s eigentlich hätte selber machen müssen.

Ob er`s nicht konnte oder nicht wollte, weiß ich nicht. Vielleicht, manche Menschen sind da ja auch immer unterschiedlich. Der Eine kann`s, der Eine kann`s nicht so gut wiedergeben und vielleicht fehlten ihm auch einfach die Argumente.

Das alles ist noch gar nicht so lange her, ich glaube 24, 23 war ich da ungefähr. Und die Bedeutung, also, erst mal habe ich mir gedacht, mir kann das nicht passieren. Also man hat immer so gehört, so, ja, da haben sich die Eltern getrennt. Aber bei meinen Eltern fand ich, war immer alles o.k. Und ganz plötzlich ging es dann los mit Streitereien und immer haben sie sich mal gestritten. Das passiert in den besten Ehen, klar. Aber dann schlug es dann plötzlich um. Als Mama auch gedrängt hat, dass Papa ausziehen soll, da wurde mir langsam klar, so, hier läuft was falsch. Das kann es nicht sein. Es lief immer alles gut , und schwupps, soll er ausziehen. Und ich habe halt immer gedacht, das kann mir nicht passieren. Bei meinen Eltern ist alles o.k.

Aber es war schon hart. Aber ich konnte da, glaube ich, besser mit umgehen als mein Bruder Phillip. Das ist mein kleinster Bruder.

Der konnte damit am schlechtesten umgehen, auch vom Alter her schon. Also ich konnte damit ganz gut umgehen. Ich habe sowieso schon alleine gewohnt glaube ich zu dem Zeitpunkt und war ja nicht mehr direkt zu Hause.

Also, ich habe das ja auch nicht immer so, so mitgekriegt. Also ich konnte das schon, es war schon schwer, aber ich konnte damit doch ganz gut umgehen, muss ich sagen.

Also ich habe eindeutig die Lehre daraus gezogen, so, so kann man es nicht machen. Das funktioniert so einfach nicht.

Man kann nicht nach 25 Jahren Ehe auf alles, wie man sagt, halt mal mit dem Knüppel drauf hauen. Das funktioniert nicht.

Also das, das funktioniert nicht und so möchte ich es auf gar keinen Fall machen.

Also, in meiner Beziehung ist es halt so, also es wird nichts unter der Decke gehalten. Es wird gleich drüber gesprochen, damit so was gar nicht aufkommen kann. ….

…...wenn irgendwas nicht passt oder irgendwas stört, dann kommt das auf den Tisch. Nicht jede Kleinigkeit, aber wenn etwas ist, was einen größer stört, dann muss das, dann kommt das gleich auf den Tisch.

Also, ich möchte das so nicht erleben. Nach 25 Jahren in den Sack gesteckt werden und da mit dem Knüppel erschlagen werden. Nee, echt nicht.

Da hätte ich absolut keine Lust drauf. Echt nicht. Und deswegen versuche ich das…, das sage ich meiner Freundin auch jedes mal. Die soll mit mir reden wenn was ist. Immer reden, reden, reden, reden.

Das ist so was von wichtig. Ich glaube, ich habe mal gelesen oder gehört: ein weiser Mensch lernt aus den Fehlern der anderen.

Ob das so ist, weiß ich nicht, aber so hatte ich`s dann eigentlich vor.

Ja, diesen Fehler wollte ich nicht machen. Aber 25 Jahre glücklich verheiratet und dann in die Tonne.

Ich sage mal, es gibt ja Paare, die sind 60 Jahre lang zusammen oder verheiratet oder wie auch immer und lieben sich immer noch. Also, ich bin der Meinung, nach 25 Jahren nicht mehr lieben, das kann nur passieren, wenn halt Sachen vorfallen, wenn man sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Aber wenn das schon passiert, denn ist das aber auch oftmals so, dann, dann entwickeln sie doch unterschiedliche Interessen.

Und ich denke einfach, dann ist es möglich, dass die Liebe, dass die Liebe mit der Zeit verschwindet, sage ich mal.

Aber sonst, wenn man, wenn man den gemeinsamen Interessen nachgeht und viel gemeinsam macht, dann bin ich doch der Meinung, dass sie nach 25 Jahren nicht unbedingt verschwinden muss, sicherlich. Wenn ich das auf meine Eltern beziehen muss, ist ja einfach auch zu viel schief gelaufen, aber, dass die Liebe weg ist, so würde ich Liebe, na ja, Liebe, es wird immer ein bisschen, ist vielleicht ein bisschen sehr stark ausgedrückt. Aber dass da noch was ist, also weg ist das nicht. Es ist noch da.

Der Haufen, der Scherbenhaufen war größer, als die Liebe. Sagen wir mal so.

Was habe ich daraus gelernt? Also, na ja, wie gesagt, also den Anfang, den ich mitgekriegt hab` als Kind, der war o.k. …

…da habe ich nichts daran auszusetzen. Aber dann, diese, dieser spätere Rosenkrieg zwischen den beiden …

…. das kostet doch einfach zu viel Energie. Das möchte ich so nicht. So was kostet einfach zu viel Energie und, ja, Weisheitsgewinn. Ich würde einfach viele Sachen nicht so machen, die meine Eltern zum Schluss gemacht haben. Mitten drin, am Anfang, mitten drin da gibt es durchaus Sachen, die ich auch so machen würde.

Aber zum Ende hin, dieser Rosenkrieg und das, nee.

Interview Bernd komprimiert

Mein Name ist bekannt, trotzdem, ich bin Bernd …

Ich bin geschieden, aber die Scheidung hat mich nicht weiser gemacht, die Scheidung wohl weniger, wohl eher die Tochter. Ja, das glaube ich schon.

Also vorweg noch mal grundsätzlich zum Begriff „weise“, da habe ich so ein paar Schwierigkeiten damit, für mich ist das ein antiquierter Begriff, verbinde damit eigentlich alte Männer mit Rauschebärten und Alten, die dann irgendwo sitzen und über das Leben und die Dinge an sich nachdenken. Ich sehe das eher ein bisschen pragmatischer, denke, dass es mit Lebenserfahrung zu tun hat, wohl schon, dass man über bestimmte Ereignisse dann auch nachdenkt und auch über sich nachdenkt. Aber ich glaube, weise zu sein oder zu werden, ist ein sehr hoher Anspruch und ob ich den für mich so erkennen kann, das glaube ich zu bezweifeln. Ich sage dann eigentlich eher zu dem Begriff Lebenserfahrung und daraus lernen und anwenden. So, das ist also das. Das hat mich vorangebracht in meinem Leben. Ein einschneidendes Erlebnis scheint wohl immer dieses Erlebnis zu sein, dass so ein bisschen außer der Bahn läuft oder jemanden möglicherweise aus der Bahn werfen kann. So ein Erlebnis war die Tochter, die Geburt meiner Tochter. Das, denke ich, ist bei jedem Elternteil ein spannendes Erlebnis. Bei mir ging es noch ein Stück weiter. Meine Tochter wurde geboren und fünf Tage danach verstarb mein Vater. Das ist eine Geschichte gewesen, die nur in Einzelheiten interessant ist, weil mein Vater sich sehr gefreut hatte auf das Enkelkind, weil er ein sehr kindervernarrter Mensch gewesen ist und dann zur Geburt nach Hamburg, er wohnte eben noch außerhalb, nicht kommen wollte weil er gesagt hat, das Kind wird sehr mitgenommen sein, die Mutter wird noch mitgenommen sein. Lass mal erst die anderen Verwandten kommen und ich komme eine Woche später und dann habe ich sie für mich und dann ist sie ausgeruht und dann finde ich das etwas günstiger für mich, für das Kind, die Mutter und für dich auch. So – nun ist es leider so gewesen, dass er fünf Tage nach der Geburt einen Verkehrsunfall erlitten hat. Er ist angefahren worden als Radfahrer und ist in ein Wachkoma gefallen, hat 1 ½ Jahre noch gelebt und hat meine Tochter, so vermuten wir heute, bewusst nie wahrgenommen.

Das wissen wir nicht genau, aber nachdem, was die Ärzte sagen und was wir dort erlebt haben, denke ich das, dass er es bewusst nicht wahrgenommen hat. Ja, und im Nachhinein irgendwann kommt man nicht umhin, einfach mal darüber nachzudenken. Hat das was zu bedeuten, diese fünf Tage? Ein Mensch kommt, ein Mensch geht, was sagt mir das? Und ich glaube, dass ich darüber mit meiner Tochter sehr viel enger verbandelt bin, nicht weil es meine Tochter ist, sondern, weil es dieses Kind ist und in diesem Zusammenhang mit dem Tod meines Vaters halt gekommen ist. Ich habe diese Fürsorge, Kinderfürsorge übernommen von jeher in mein Denken und glaube, dass sowohl meine Tochter sich dadurch etwas geändert hat, als auch für mich. Meine Tochter, hoffe ich, denke ich, glaube ich fest dran, dass sie sehr viel Zuneigung bekommen hat. Möglicherweise vielleicht übertriebene Fürsorge, da muss man immer sehr vorsichtig sein, das ist der Part. Für mich ist es so, dass ich seit diesem Erleben ein wenig, ja, offener, mit etwas offeneren Augen durch die Welt marschiere, versuche es zumindest. Ich glaube, man verfällt immer wieder in einen gewissen Trott wenn die Alltagsroutine Platz greift, aber so bestimmte Vorkommnisse, was dann so Auslösemomente sind, die lassen einem sofort relativ stark dann an bestimmte Sachen denken und dann sagt man sich halt, stopp, das hast du daraus gezogen. Und für mich ist es das Erlebnis, vernünftig mit sich selbst umzugehen, offen für andere, für bestimmte Menschen da zu sein, die Familie ein wenig enger zu pflegen. Die Familienbande zu pflegen und auch das Bewusstsein, es kann relativ schnell vorbei sein mit dem eigenen Leben, mit einem Leben ohnehin und bis dahin so viel mitzunehmen und auch weiterzugeben, wie es irgendwie möglich ist, wie man es selbst verkraften kann. Das ist so eine Erfahrung, die ich daraus gezogen habe. Ja – es gibt weitere Kleinigkeiten auch im Zusammenhang mit meiner Tochter. Irgendwann wurde von einer Ärztin diagnostiziert, sie hätte eine Bluterkrankung, es ging in Richtung Blutkrebs. Es waren bestimmte Symptome zu sehen. Das war so nach einem halben Jahr. Da lebte mein Vater eben noch, aber das sind so alles Dinge gewesen, die vermeintlich, zwar nicht für mich, aber für mein Umfeld lebensbedrohlich waren, ja und die haben dann dazu geführt, dass ich eben über dieses Thema so ein bisschen nachgedacht habe und für mich selbst den Entschluss gefasst habe, etwas bewusster mit den Sachen umzugehen. Ja – ob das nun Weisheit ist, ob das wirklich in diese Kategorie passt, weiß ich nicht genau. Ich finde es sehr anspruchsvoll für sich selbst zu entscheiden oder zu sagen, ich bin weise, ich bin ein weiser Mensch. Ich habe schon gesagt, ich finde das eigentlich ein bisschen antiquiert. Wenn es dazugehört, nachdenken über das Erlebte und wie mache ich weiter, so ein bisschen diese Reflexion, oder wie gebe ich bestimmte Dinge weiter, dann würde ich sagen, geht es um diesen Bereich. Aber, ja, eigentlich verbinde ich das doch eher mit noch sehr viel mehr Lebenserfahrung und möglicherweise auch viel existenzielleren Bedrohnissen unter eigenem Tun.

Ja, es gibt ja sehr viele Ereignisse, das können ganz platte Geschichten sein. Ich bin Beamter, stehe so wie eigentlich jeder Mensch in einem bestimmten Hirarchiesystem und man erkennt in einem sozialen Umfeld, wenn man vorankommen will, muss man bestimmte Dinge machen, andere lassen. Das ist so mal, ganz platt gesagt, die erste Form von Weisheit. Man erlebt etwas, bezieht es auf sich und dann entscheidet man sich, wie möchte ich vorankommen, möchte ich das so machen, möchte ich andere Dinge in den Vordergrund stellen und von daher, man lernt schon daraus. Es ist natürlich in relativ abgeschwächter Form schon eine Art der Weisheit. Andere Dinge, ich glaube es gibt viele Ereignisse, die im Leben dazu führen, dass der Mensch ein wenig über sich nachdenkt, wenn er denn die Ruhe dazu hat, wenn er denn von seinem Leben her den Eindruck hat, das läuft wunderbar, das läuft gut, ich kann jetzt mal ein wenig halblang machen, ich kann mal etwas zur Ruhe kommen, ich kann möglicherweise mal genießen, was ich dort erarbeitet habe. Ich denke, Menschen, die Tag täglich in ihrem Kampf überhaupt ums Überleben sind und nur Schwierigkeiten haben, dass die zwar auch lernen und Dinge dann verändern können, aber dass die möglicherweise nicht die Muße haben, tatsächlich darüber nachzudenken, was sie dort machen und ob das der richtige Weg ist. So in einem existenziell bedrohtem Umfeld zu leben. Also ich denke, eine gewisse Ruhe muss schon da sein. Und ich habe den Vorteil, dass ich meinen Weg gefunden habe, egal in welchem materiellen Status. Es ist der Weg, den ich wollte. Ich fühle mich wohl, ich fühle mich zufrieden. Für mich ist das, was ich erreicht habe, völlig ausreichend und ich fange langsam an zu genießen, auch schon zu schauen, was denn da erschaffen worden ist. Ich komme zurück auf meine Tochter, die ist jetzt fast 16 Jahre alt, ich erfreue mich immer wieder daran, wie sie geworden ist, was aus ihr geworden ist, was für ein Mensch sie ist. Ich genieße nicht die Freiheit, die ich jetzt habe dadurch dass sie eigenständiger wird und ihren eigenen Weg geht. Aber ich freue mich für sie, dass sie diesen Weg so wunderbar finden kann und auch in Freiheit und richtig schön zufrieden. Und diese Zeit, die ich da für mich habe, die verwende ich halt darauf dann zu sagen, o.k. ich ziehe mich mal ein wenig zurück., mache jetzt das, was mir gefällt, ohne ja Aussteiger zu sein.

Für meine geschiedene Frau und mich, für uns, war dieses Kind immer sehr, sehr wichtig und immer Zentrum unseres Denkens und Handelns, das muss man schon sagen. So – wir haben dieses Kind, diesen Menschen auf einen Weg gebracht und das ist schon so, dass man hinterher fragt, ist es richtig gewesen, was du gemacht hast? Ja anscheinend, wenn ich jetzt sehe, was sie macht, wie sie es macht, in welche Richtung sie marschiert. Egal was da noch kommt, dann wird das wohl schon so die richtige Art und Weise des Herangehens an so eine Erziehung gewesen sein. Also Reflexion, das was du gemacht hast, war wohl nicht ganz falsch. Hier und da gibt es sicherlich irgendwelche Kleinigkeiten die man hätte ändern können, aber im Großen und Ganzen wäre das richtig. Wenn ich das jetzt erkenne, das geht dann nicht um die Führung oder um die Erziehung des Kindes, sondern es geht darum, die Führung von zwischenmenschlichen Kontakten. Überall gibt es mir die Sicherheit zu sagen, na ja so schlimm kann es wohl nicht sein, mit mir umzugehen. Folglich kann ich auf andere Menschen zugehen und ich habe eine gewisse Sicherheit, dass ich von meinem Denken her und von der Art und Weise, wie ich mit den Menschen umgehe nie ganz falsch liegen werde. Das ist schon ein Gewinn an Selbstsicherheit, an Lebensqualität. Man merkt, dass bestimmte Menschen, auf die es einem selbst ankommt, dass die vernünftig mit einem umgehen, auch gerne, denke ich schon, das ist so die Frage. Aber das ist ein Schluss, den ich eben auch aus diesen ersten Jahren Kindeserziehung doch ziehe. Es ist weit hergeholt für die Persönlichkeit eines Menschen und ich glaube, auch meiner Persönlichkeit ist das dienlich gewesen. Wir haben uns auch im Vorwege schon sehr damit beschäftigt, was kommen wird. Wann bekommen wir ein Kind, wie ist unsere Lebensplanung und das war der passende Zeitpunkt und die Ziele waren übereinstimmend, das passte alles wunderbar zusammen. So – nun ist das so ein bisschen weit hergeholt, aber das ist meine Meinung, dass es eben doch die Menschen formt. Es gibt natürlich andere Geschichten im täglichen Leben. Sei es bedrohliche, sei es Glücksmomente, die man irgendwann hat oder besondere Erfolge, die einen schon prägen, wo man im Nachhinein sich entweder selbst hinsetzt und sagt, was ist eigentlich gewesen, oder wo man quasi dazu gezwungen wird zu reflektieren. Doof ist es halt, wenn man etwas erreichen will, da muss man bestimmte Leistungen bringen, man muss durch Qualifikationsstufen, durch Ausbildung, durch Auswahlgespräche, durch Kommissionen und, und, und. Wenn man das mehrere Male macht, reflektiert man irgendwann schon, dass so, wie man sich dort präsentiert, wie bestimmte Ziele erreicht werden können, dass das wohl der richtige Weg ist, oder im negativen Fall doch der falsche Weg. So, denke ich, zieht jeder aus bestimmten Erfolgserlebnissen oder negativen Erlebnissen seine Lehren, die man dann ja als Lebensweisheit quasi bezeichnen könnte, denke ich mal.

Ob die Arbeit mich weiser gemacht hat? Das mag sein. Ich denke, mein grundsätzliches Weltbild ist recht liberal. Ich bin immer, nicht angeeckt, aber ich bin immer der jenige gewesen, der als Pastor verschrien ist, als Sozialarbeiter in bestimmten Gruppen, wenn es halt ums diskutieren ging. Ich glaube, dass ich vielen Menschen gegenüber relativ offen entgegentrete, die auch schlimme Taten begangen haben und ich schon versuche, bestimmte Dinge zu beleuchten, warum bestimmte Sachen halt geschehen sind. Man sollte sich nicht anmaßen, dass man alles durchblickt und die Weisheit dann dort letztendlich buchstäblich mit Löffeln gefressen hat. Aber wenn man sich bemüht, auch in solch einem Umfeld bestimmte Gedankengänge halt nicht zu unterdrücken, weil es positiv ein schnellerer Arbeitsablauf ist, dann bestimmte Dinge halt doch anzusprechen und noch mal zu hinterfragen. Und dann hat mich mein Beruf schon geprägt, aber nicht so, dass ich mich da, ja, kaufen oder verraten lasse, das sicherlich nicht. Es hat aber auch damit zu tun, was ich bei der Polizei gemacht habe und wie mein Werdegang gewesen ist, dass ich immer Spaß an diesem Beruf hatte, weil ich auch viel Glück hatte. Ich bin immer zu sehr, sehr interessanten Dienststellen gekommen, zu denen ich auch wollte. Ich musste nie irgendetwas machen, wozu ich keine Lust hatte. Es waren immer etwas herausragende Geschichten und mit sehr viel, mit einem sehr hohen Lernfaktor für mich auch in sehr unterschiedlichen Bereichen. Ich glaube nicht, dass mich das in meinem Weltbild beschnitten hat. Wenn ich heute mit G8-Gegnern diskutiere, wenn ich mit Menschen aus dem Drogenbereich diskutiere, wenn ich mit meiner Schwester diskutiere, die im Drogenbereich tätig ist, nicht als Konsumentin sondern als Sozialarbeiterin im „NOKS“ und im „Drop In“, dann komme ich mit ihr immer noch auf einen Konsens und sie merkt, dass ich nicht der alte verknöcherte Beamte bin, sondern dass wir irgendwo doch miteinander reden können und dass man eine Basis findet. Und diese Fähigkeit, denke ich, habe ich zum Teil durch den Beruf, zum Teil aber eben auch durch meine Erziehung und durch mein Elterhaus, meine Bildung, die ich genossen habe. Egal von welchem Niveau aus man spricht oder über welches Thema man nun spricht. Bildung, wie gesagt, auch da, das hört sich immer sehr elitär an, egal welche Schulbildung. Hauptsache, es ist eine da. Und von diesem Standpunkt aus muss man die Sache betrachten und wenn man dann die Möglichkeit hat, in Ruhe das auch zu tun, dann denke ich, sollte man das machen. Das ist dann halt nur Gewinn und Weisheit.

Ja – o.k. Das war doch ein schönes Schlusswort. Mag so sein, ja.

Interview Nina komprimiert

Ja, da gibt`s ein Ereignis. Es war letztes Jahr im Sommer. Ein Bekannter oder ein Freund von mir ist nach einer Party verschwunden und er wurde tot in der Elbe gefunden, weil er (fängt an zu weinen)…. Entschuldigung …

Ja, das ist o.k., kein Problem. Soll ich dir ein Taschentuch besorgen? – Das ist völlig o.k.

Also, es war der Tag, an dem er seinen Realschulabschluss bestanden hatte, er ging auch auf´s Bornbrook (Anmerkung: eine Schule in Bergedorf), aber man muss halt seinen Realschulabschluss erst vorher machen und er hat am Nachmittag schon etwas gefeiert und war halt abends noch auf der Feier und hat dort auch noch getrunken und ist dann um, ich glaube 23.00 Uhr oder so nach Hause gegangen, ist aber nicht zu Hause angekommen. Und er ist – er wurde erst nach drei Tagen gefunden und das Erlebnis war für uns alle sehr, sehr schwierig zu verarbeiten und ich glaube, dass meine Einstellung zu Alkohol sich noch – also es hat sich verstärkt, dass ich wirklich gegen Alkohol bin.

Ich glaube, dass ich aus dem Ereignis sehr viel gelernt habe.

Also, wir wissen gar nichts genaues eigentlich, aber es war keine Straftat, wir gehen davon aus, dass er sich an den Strand gelegt hat und dann entweder eingeschlafen ist oder so und dann kam wohl die Flut.

Meinen Weisheitsgewinn in dieser Sache sehe ich im Umgang mit Alkohol und überhaupt, dass man auf sich selber aufpasst, auf seinen Körper und ….

Ja, dass man auch auf andere achtet, wenn Freunde irgendwie mal über die Stränge schlagen oder so.

Also, ich habe eigentlich gar nicht mitbekommen, dass der überhaupt gegangen ist.

Und ich glaube, ich war zu dem Zeitpunkt auch gar nicht mehr auf der Feier. Aber man denkt natürlich schon darüber nach, wie es wäre und ob man nicht was hätte machen können. Aber Vorwürfe mache ich mir eigentlich nicht.

Gibt es außer diesem Ereignis noch andere Erlebnisse, wo du sagst, da habe ich was gelernt, da bin ich weiser geworden?

Zum Beispiel bei meiner Konfirmation, …

… da habe ich einfach gelernt, dass, wenn ich in die Kirche gehe, dass ich das ganz anders wahrnehme und es bedeutet mir jetzt einfach ganz viel mehr.

Ich gehe viel bewusster in die Kirche gehe.

Religiös war ich eigentlich schon immer, aber ich bin nicht so bewusst in die Kirche gegangen und ich habe nicht so darüber nachgedacht.

Ich habe einfach darüber nachgedacht, ob ich mich konfirmieren lassen möchte oder nicht und dann bin ich für mich selber zu dem Schluss gekommen, dass ich mich in der Kirche wohlfühle und dass ich darüber nachgedacht habe, was mir die Kirche bedeutet und so.

Kirche bedeutet für mich, nicht alleine zu sein. Ich weiß, dass, egal, was passiert, dass immer jemand hinter mir steht.

Also, Religion gibt mir Kraft und ich glaube, dadurch kann ich Sachen erreichen, die ich vielleicht sonst nicht könnte.

Nach der Schilderung der anfangs erwähnten Ereignisse, dem Tod des Schulkameraden, hat die Probandin durchgängig während des ganzen Interviews geweint, daher erschien es besser, das Interview abzubrechen.

Interview Rolf komprimiert

Ja, es mag seltsam klingen, aber meine Generation ist im Grunde genommen ja geformt worden durch den Krieg. Und vielleicht ist das eine besondere Art der Weisheit schon ganz früh gewesen.

Wir haben ja alle noch als Kinder den Krieg intensiv miterlebt. Wobei meine Freunde und ich, die Kinder, mit denen ich aufgewachsen bin ja noch viel Glück hatten, weil wir es nur mit Bombenangriffen zu tun hatten, mit der Angst um die Väter, die an der Front waren und nicht vertrieben worden sind in dem Sinne.

Aber ich würde doch sagen, dass es, wie man auch immer Weisheit definiert doch schon unsere Generation, unsere Altersgeneration geformt hat.

Dann kam für mich das Zweite hinzu, dass es mich schon ganz früh damals ins Ausland gezogen hat, zunächst Europa und vom Nordkap bis Spanien und dann ganz intensiv Amerika. Studium und nachher ja auch meine berufsmäßige Tätigkeit in Amerika.

Weiter kommt das wiederum wohl dann auch untermalt durch mein literarisches Interesse. Ich bin schon ganz früh, schon als Schuljunge angefangen mit der Lektüre amerikanischer Bücher,…

…..sodass sich Hobby und nachher Beruf auch irgendwo verbunden haben, nicht. Aber das ist vielleicht nur ganz allgemein, dann kommen ja immer noch so individuelle, vielleicht Erfahrungen, die jeder Mensch durchmacht, die du ja auch durchgemacht hast sicher in deinem Leben.

Begegnung mit Menschen. Während des Krieges war mein Vater ja überhaupt nicht da, und , ich bin fast, was die männliche Seite angeht , durch meinen Großvater erzogen worden. Den ich auch nicht immer um mich hatte, aber meine Mutter ist dann oft mit mir während des Krieges zu meinen Großeltern gefahren. Und eigentlich hat mein Großvater mich in das Leben eingeführt und in die Umwelt – um mich herum. Hat mir gezeigt, wie die Blumen wachsen, wie man mit Tieren umgeht,

Ich weiß nicht, ob das als Weisheit bezeichnet werden kann, aber es sind ja formende Kräfte irgendwo, die dazu weittragend eine Lebenshaltung entwickeln. Dann , kommt ja auch im Leben immer die Begegnung mit anderen Menschen auch noch. Mit Amerikanern, Engländern, Schweden. Vor allen Dingen wenn man jung ist glaube ich, dass das einen ganz tiefen Eindruck auf den Menschen hinterlässt.

Das glaub` ich schon, nur, in dieser Beziehung spielt ja immer das Schicksal auch eine große Rolle. Ich bin solchen Menschen, die mich vielleicht zum Verbrecher hätten machen können, nie begegnet.

Ja – ich glaube, ich habe mein Leben immer so eingerichtet, dass ich solchen Menschen fast immer aus dem Weg gehen konnte.

Es sind prägende Erlebnisse. Ja – ein Schlüsselerlebnis war, als ich bei meinem Aufenthalt als Student, ich hatte mich, als ich meinen Master of Arts machte, mit zwei Freunden noch mal durch Mexiko und Amerika getrieben. Und als ich zurück fuhr, die anderen sind in Los Angeles noch eine Zeit lang geblieben, und ich musste mein Schiff kriegen nach Europa, da bin ich mit den Greyhound von Los Angeles über die Rocky Mountains nach New York gefahren mit dem Bus, eine Woche war ich etwa unterwegs. So mit kleinen Stopps dazwischen und ein Stopp war in Wyoming. Ich glaube, das war in der Gegend von Chayenne. Und, das war ein wunderbarer Spätsommertag, Herbsttag schon in den Rocky Mountains. Und da hab` ich noch mal zurück geschaut auf diese schneebedeckten Berge und da hatte ich mir geschworen, eines Tages kommst du zurück hier und zwar nicht nur als Tourist, sondern als jemand, der hier irgendwie mitarbeiten kann.

Das hatte ich mir damals vorgenommen, damals war ich 24, ja, und eines Tages war es dann soweit. Das habe ich – diese Szene habe ich nie vergessen.

Den Weisheitsgewinn sehe ich darin, dass ist irgendwo Bojen gibt im Leben, um einen Schifffahrtsausdruck zu benutzen, wohingegen die einen auf Kurs bringen. Diese schneebedeckten Berge waren so eine Boje.

Aber dann, ja, etwas anderes, was parallel eigentlich mitlief war auch die Lektüre bestimmter Werke. Ein Buch, was ich bis heute immer wieder mal lese oder bestimmte Kapitel. Und jedes mal gibt es gibt es mir etwas Neues. Jetzt zum Beispiel Hermann Melville´s „Moby Dick.“

Eigentlich der Roman einer Gott-Suche.

Aber es gibt noch mehr solcher Bücher oder Gestalten, zum Beispiel der, ein englischer Dichter und Schriftsteller, der in England gar nicht so gut angesehen war. Aber irgendwo doch so ein Klassiker ist - Virgil Kipling, der das Dschungelbuch geschrieben hat. Der hat so bestimmte Ausblicke auf die Welt oder Sichten der Welt, in Gedichten ganz toll dargestellt.

Und die habe ich auch schon als Schüler gelesen. Und irgendwie sind die mir immer wieder ins Gedächtnis zurück gekommen, wenn ich unterwegs war. Nicht nur in England sondern irgendwo. Ich glaube, das prägt einen Menschen auch und ja, verhilft einem Menschen zu einem Schatz von Erfahrungen, die vielleicht andere Leute Weisheit nennen können.

Dieser ganze genommen, wie kann man das noch nennen – Mikrokosmos. Mikrokosmos des Dschungels. Das kann man doch immer wieder vor sich sehen. Eine einzelne Persönlichkeit, selbst Moughli gehört für mich dazu. Also ich seh` da keine einzelne beispielhafte Persönlichkeit, sondern das ganze Panorama.

Das finde ich finde ich faszinierend. Aber das ist das eigentlich, eigentlich ist das Dschungelbuch nicht das, was mich an Kipling besonders interessiert sondern seine Sicht der Welt und seine Sicht des Daseins.

Es heißt in einem Gedicht, das kann man auf Deutsch nicht übersetzen: for to see, for to admire, nein warte mal, wie heißt das noch? For to see, for to admire, for to behold this world so wide. It never done no good to me, but I can`t drop it if I tried. Ich denke, diese wunderbare Welt sich anschauen, zu genießen , das ist eben das tolle an diesem Leben und so lange ich lebe, möchte ich auch nie davon los kommen, dass das Leben eben schön ist.

Und das kommt in Kiplings Gedichten immer wieder zum Ausdruck. Das Leben, das Ganze, die Welt um sich herum.

Jeder erlebt da ja mal Höhen und Tiefen, bei mir war das zum Beispiel einmal der Herzinfarkt, der mich plötzlich , ja aus dem Gefühl herausriss, eigentlich kann dir nie was passieren, und plötzlich bekommt man so einen Schlag und da, ja, meine eigene Tochter mit drei kleinen Kindern plötzlich ins Krankenhaus wegen Krebs musste, nicht.

Das sind dann diese negativen Erlebnisse, die die Sicht eines Menschen eben auch, oder die die Lebenshaltung oder die Weisheit eines Menschen auch irgendwo entwickeln oder prägen.

Und dann merkt man, dass ja so eine Kette von negativen Erfahrungen aber auch Teil des Lebens sind.

Interview Stefan komprimiert

Ich bin Stefan und bin 46 Jahre alt.

Es fällt mir ein bisschen schwer (über Weisheit zu sprechen), da ich mich mit dem Thema bisher nicht auseinander gesetzt habe. Ich finde das Buch Siddharta weise, es ist geschrieben über Buddha, eine religiöse Figur, die auf die Religion reflektiert und Religion und Weisheit hängt im gewissen Sinne zusammen.

Es gibt im Buddhismus gewisse Weisheiten und Wege, das hat alles schon mit Weisheit zu tun.

Wenn du meinst, dass je intelligenter ein Mensch ist, desto weiser ist er auch, das glaube ich nicht.

Vielleicht die Zeit, als ich meinen Zivildienst gemacht hab und im Altenheim gearbeitet habe.

Na, da kann ich mich nur wiederholen. Da hatte ich auch viel Zeit über Dinge nachzudenken und hatte mit Alten und Gebrechlichen zu tun, das Thema Tod und Vergehen und diese ganzen Sachen, wo man als junger Mensch nicht unbedingt so viel drüber nachdenkt, die sind dann auf einmal ganz präsent.

[...]

Details

Seiten
146
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640327683
ISBN (Buch)
9783640327928
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126844
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Psychologische Fakultät Universität Hamburg
Note
2
Schlagworte
Weisheit Weisheitsgewinn Eine Interviewstudie

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Titel: Weisheit und subjektiver Weisheitsgewinn -  Eine Interviewstudie