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Die Bedeutung der Mutter für die Erziehung bei Pestalozzi

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frauen in Pestalozzis Leben

3. Pestalozzis „Wohnstubenpadagogik"

4. Mutterliebe

5. Anleitung für Mütter
5.1 Das Buch der Mütter
5.2 Wie Gertrud ihre Kinder lehrt

6. Die Mutter Gertrud aus Lienhard und Gertrud

7. Kritische Auseinandersetzung und persönliches Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung der Mutter in der Erziehung bei Pestalozzi.

Nach Pestalozzi ist die Mutter die erste und wichtigste Lehrerin ihrer Kinder. Sie legt die Grundsteine für spätere Bildung und Entwicklung derer. Sie ist Vermittlerin zwischen ihrem Kind und der Welt, in der es aufwächst. Er schreibt, „die Mutter ist bef lhigt , und zwar von ihrem Schöpfer selbst befähigt, die wichtigste Triebkraft in der Entwicklung des Kindes zu werden. Der glühendste Wunsch für sein Wohlergehen ist schon in ihr Herz eingepflanzt; und welche Kraft kann einflussreicher, anspornender sein als die mütterliche Liebe, - die sanfteste und zugleich unerschrockenste Kraft in der ganzen Naturordnung?"1 Pestalozzi sieht die Mutterliebe als angeborenen, von Gott gegebenen Trieb, sich um das Wohlergehen seines Kindes zu sorgen und zu kümmern.

In dieser Arbeit werde ich zunächst auf die drei Frauen in Pestalozzis Leben eingehen, die für sein Mutterbild ausschlaggebend waren: seine Mutter vom Lande, die Magd der Familie und seine Ehefrau. Daraufhin wende ich mich Pestalozzis Wohnstubenpädagogik und seinen Anleitungen für Mütter in seinen beiden Werken Buch der Mütter und Wie Gertrud ihre Kinder lehrt zu, um schließlich sein Idealbild der Mutter an der Figur der Gertrud aus Lienhard und Gertrud herauszuarbeiten. Zuletzt erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit seiner beschriebenen Mutterrolle und ein persönliches Fazit.

2.Frauen in Pestalozzis Leben

Johann Heinrich Pestalozzi, Sohn einer italienischen Kaufmannsfamilie, wurde am 12. Januar 1746 in Zürich geboren. Seinen Vater, Johann Baptist Pestalozzi (1718-1751), ein Wund- und Augenarzt ohne akademische Ausbildung, verlor er mit fünf Jahren. Seine Erziehung und die seiner beiden Geschwister, Johann Baptist und Anna Barbara, übernahm die Mutter Susanne Pestalozzi, geb. Hotz (1720-1796) zusammen mit der Magd des Hauses Barbara Schmid. Diese hatte dem Vater auf dem Sterbebett versprochen die Familie nicht zu verlassen: „Gerührt, edel und in Unschuld und Einfalt bis zur Erhabenheit großherzig, gab sie meinem sterbenden Vater das Wort: , Ich verlasse Ihre Frau nicht , wenn Sie sterben. Ich bleibe bei ihr bis in den Tod, wenn sie mich nötig hat.' Ihr Wort beruhigte meinen sterbenden Vater, sein Auge erheiterte sich, und mit diesem Trost im Herzen verschied er."2

Barbara Schmid, von allen Familienmitgliedern ,Babeli` genannt, blieb bei der Familie und wurde eine Vertrauensperson für Pestalozzi. Seine Familie behandelte Babeli als wäre sie eine Tante. Pestalozzi beeindruckte ihre „Ausharrung und Aufopferung und zugleich (...) Umsicht und Klugheit"3, vor allem , „da sie [Babeli] von allen äußeren Bildung entblößt, vor wenigen Monaten vom Dorf weg nach Zürich kam".4

Susanne Pestalozzi war die jüngste Tochter des Chirurgen Hans Jakob Hotz. Die weitere Verwandtschaft von Pestalozzis Mutter waren Bauern, die in oder um Wädenswil am Zürichsee Landwirtschaft betrieben. Er schreibt von ihr: „ Meine Mutter war vom Lande und auf dem Lande erzogen und hatte in ihrem Witwenstand wenig Umgang mit Menschen."5

Mit dem Tod von Pestalozzis Vater wurde Susanne Pestalozzi mittellos und besaß keinen sozialen Status mehr. Sie stammte vom Lande und war so nicht im Besitz der Bürgerrechte von Zürich. Der Tod des Vaters brachte die Familie in wirtschaftlich ungesicherte Verhältnisse und war somit eine große Belastung für die Mutter. Obwohl die Familie sparsam lebte, entschied sich Susanne Pestalozzi wegen den günstigen schulischen Verhältnissen, in der Stadt zu bleiben. Wegen der schlechten finanziellen Lage war die Bildung und Entfaltung der Kinder eingeschränkt. Susanne Pestalozzi gab alles, um ihren Kindern ein gutes Leben zu bieten: „Meine Mutter opferte sich mit gänzlicher Hingebung ihrer selbst und unter Entbehrungen alles dessen, was in ihrem Alter und in ihren Umgebungen Reize hätte haben können, der Erziehung ihrer drei Kinder auf."6 Sie ermöglichte Pestalozzi eine schulische Ausbildung.

Er besuchte verschiedene Schulen und begann das Studium der Philologie, Theologie und der Philosophie in Zürich. Bricht dieses jedoch auf Grund einer landwirtschaftlichen Lehre ab, da er als Bauer die Welt verändern wollte7.

Die Kinder wurden von der Mutter stark behütet und in ängstlicher Fürsorge und Liebe großgezogen, selbst Kontakt mit anderen Kindern verbat sie. So schreibt Pestalozzi, dass er wie „ ein Schaf" gehütet war, das nicht aus dem Stall durfte. Er durfte nie zu den „Knaben [seines] Alters auf die Gasse, kannte keines ihrer Spiele, keine ihrer Übungen, keines ihrer Geheimnisse"8 und sah sich in ihrer Mitte als „ungeschickt und ihnen selbst lächerlich"9. Durch die Überbehütung der Mutter konnte Pestalozzi nicht in Kontakt mit Gleichaltrigen treten und so seine sozialen Fähigkeiten nicht ausbauen.

Pestalozzi weist bis zu seinem Lebensende auf den Zusammenhang vieler seiner charakterlichen Schwächen und den Verlust des Vaters hin und bezeichnet sich selbst als ein verweichlichtes „Weiber- und Mutterkind"10, da er in einem Frauenhaushalt groß geworden ist: „Ich verlor meinen Vater fr ii h, und dieser Umstand entschied fi ber die L fi cken meiner Erziehung, die mir durch mein ganzes Leben nachteilig waren."11, „Mein Vater starb mir sehr früh und ich mangelte von meinem 6 Lebensjahr an in meinen Umgebungen alles, dessen die m ii nnliche Kraftfindung in diesem Alter so dringend bedarf."12

Seine Aufenthalte im großväterlichen Pfarrhaus im ländlichen Höngg waren der Gegenpol zu der weiblichen dominierenden Erziehung Pestalozzis. Der Großvater Andreas Pestaluz-Ott verkörperte für ihn die väterliche Autorität. Er wurde zur wichtigsten männlichen Bezugspersonen von Heinrich Pestalozzi. Bei seinen Besuchen in Höngg sah er die Natur in ihrer Schönheit, aber auch das Elend der Landbevölkerung. Durch den Großvater und dessen Versuche die ärmlichen Verhältnisse zu verbessern, wurde Pestalozzi inspiriert. Schon früh berührten ihn die Probleme der benachteiligten Bevölkerung. Er beschreibt diese Empfindungen folgendermaßen: „(...) es erregte sich sehr fr ii he in meinen jugendlichen Jahren ein lebendiger Gedanke, ich könnte mich fähig machen, diesfalls Scherflein zur Verbesserung der l ii ndlichen Erziehung beizutragen."13 Bei Pestalozzi regte sich durch die Arbeit des Großvaters der Wunsch, den armen und ungebildeten Menschen durch seine Erziehung zu helfen.

Im Jahre 1767 lernte Heinrich Pestalozzi Anna Schulthess (1738 — 1815) kennen. Diese stammte aus einer angesehenen, reichen Züricher Kaufmannsfamilie und genoss schulische Bildung. Nachdem die Eltern von Anna sich anfangs gegen die Verbindung mit Pestalozzi sträubten, gelang es ihnen, dass der Vater die Einwilligung zur Hochzeit gab. Allerdings durfte Pestalozzi die Braut nicht, wie üblich, am Elternhaus zur Trauung abholen, da sich ihre Mutter vehement gegen die Verbindung sträubte. Sie sagte damals zu ihrer Tochter: „ , ch wünsche, daß es Dir so ergehe wie du hoffst, denn du wirst nur auf Wasser und Brot eingeladen."14

Die ungebildete, aber äußerst fürsorgliche Mutter Susanne Pestalozzi, die liebevolle und großherzige Amme Barbara Schmid und die kluge Ehefrau Anna Schulthess bewirkten, dass Johann Heinrich Pestalozzi der Mutter eine so bedeutende Rolle in der Erziehung der Kinder zuschreibt. Für ihn ist die Mutter die erste Lehrerin der Kinder, die für die gründliche Erziehung und Bildung derer Sorge tragen muss.

3.Pestalozzis „Wohnstubenoadagogik"

Pestalozzi wuchs mit seinen Geschwistern in engen Wohnungsverhältnissen auf, die ihm wenige Anreize zum Lernen gaben. Babeli und seine Mutter stammten beide vom Land und waren somit in seinen Augen ungebildet. Sie konnten ihm, wie er im Nachhinein feststellte, nicht die nötigen Anregungen geben, um seine Bildung zu fördern. Das Fehlen seiner frühkindlichen Erziehung veranlasste Pestalozzi, für die mütterliche Wohnstube ein Bildungs-und Erziehungskonzept zu entwickeln. „Was ich versiiumte habe, bzw. was an mir versiiumt wurde, das soll allen Kindern der Welt erspart bleiben."15 Er forderte von der Mutter, dass sie dem Kind alle Reize darbietet, die es für eine gute Entwicklung benötigt.

Pestalozzi geht davon aus, dass Erziehung und Bildung in der Wohnstube bei der Mutter beginnt, denn für ihn wird das Kind „von dem Augenblick an, da die Mutter das Kind auf den Schoß nimmt, unterrichtet."16

Als Wohnstube bezeichnet er den Ort, an dem die Mutter fungiert, kocht, bügelt, und aufräumt, während das Kind bei ihr ist: „Und es gibt nur einen Raum in der Welt, dessen hervorstechenden Kennzeichen die völlige Einswerdung von Natur und Liebe ist: Die Wohnstube, d.h. die Familie"17.

Herbert Gudjons schrieb über Pestalozzis Wohnstubenerziehung: „ Die Familie hat nach Pestalozzi für die Menschwerdung die zentrale Funktion schlechthin, sie ist die eigentliche Vermittlungsstelle und Klammer zwischen Individuum und Gesellschaft."18 Das Kind lernt in der Wohnstube die Wechselbezüge von Liebe, Arbeit, Zeiteinteilung, Umgang mit Geld und gegenseitige Fürsorge kennen.

Der Mutter, die als Hauptperson in der Wohnstube agiert, kommt die bedeutende Rolle zu, die Kinder zu erziehen und zu bilden. Nach Pestalozzi erfährt das Kind durch die Mutter grundlegenden Erfahrungen für sein späteres Leben. Die Fürsorge durch sie erweckt im Kind Glauben und Liebe. Durch eine liebevolle Atmosphäre in der Wohnstube fühlt sich das Kind geborgen und erlangt so die Voraussetzungen, seine Naturanlagen zu entwickeln. Die Mutter muss in der Lage sein, die Naturanlagen ihrer Kinder zu fördern, indem sie für ihre Kinder eine Sensibilität für diese an den Tag legt.

Nach Pestalozzi sollte jede Mutter fähig sein, ihren Kindern zu Hause Unterricht zu erteilen, da sie als „erste Niihrerinn des Physischen ihres Kindes [...J auch von Gottes wegen seine erste geistige Niihrerinn seyn"19 soll.

In der Wohnstube soll die Mutter das Herz der Kinder bilden. Das Herz ist, nach Pestalozzi, das Symbol für Sittlichkeit, die nur durch erfahrene Liebe und Vertrauen entsteht. Sie ist Voraussetzung für die Bildung der Menschlichkeit im Menschen. Durch diese werden die Grundlagen für ein sittliches Leben geformt. Sittlichkeit kann nur entstehen, wenn Liebe und Vertrauen geschenkt wurden.

Nach Pestalozzi sollten Mütter, ihre Kinder mit all ihren Kräften und besonders mit ihrer Liebe umsorgen, um die Grundalgen für deren Bildung zu legen. Pestalozzi verfasste aus diesem Grund das Buch der Mutter und Wie Gertrud ihre Kinder lehrt.

[...]


1 Pestalozzi, J.H.: Mutter und Kind. Eine Abhandlung in Briefen über die Erziehung kleiner Kinder, zitiert nach Seichter, Sabine: Pädagogische Liebe. Erfindung, Blütezeit, Verschwinden eines pädagogischen Denkmusters; Paderborn, 2007. S. 96.

2 Pestalozzi, J.H.: PSW 28, zitiert nach Bijan Adl-Amini: Pestalozzis Welt, Eine Einladung zur Erziehung; Juventa Verlag Weinheim und München 2001, S.50.

3 Pestalozzi, J.H.: PSW 28, zitiert nach Bijan Adl-Amini: Pestalozzis Welt, Eine Einladung zur Erziehung; Juventa Verlag Weinheim und München 2001, S.60.

4 Pestalozzi, J.H.: PSW 28, zitiert nach Bijan Adl-Amini: Pestalozzis Welt, Eine Einladung zur Erziehung; Juventa Verlag Weinheim und München 2001, S.60.

5 Pestalozzi, J.H.: PSW 17, zitiert nach Bijan Adl-Amini: Pestalozzis Welt, Eine Einladung zur Erziehung; Juventa Verlag Weinheim und München 2001, S.141.

6 Pestalozzi, J.H.: Schwanengesang, zitiert nach Sigrid Tschöpe-Scheffler: Pestalozzi — Leben und Werk im Zeichen der Liebe; Luchterhand 1996, S. 18.

7 Vgl. http://www.br-online.de/content/cms/Universalseite/2008/08/27/cumulus/BR-online-Publikation--200923-20080917143611.pdf (18.12.08).

8 PSW 29, S. 104 zitiert nach Arthur Brühlmeier/Gerhard Kuhlemann: Kindheit und Jungend in Zürich: http://www.heinrichpestalozzi.de/de/dokumentation/biographie/kindheit_und_jugend_in_zuerich/ (18.12.08)

9 PSW 29, S. 104 zitiert nach Arthur Brühlmeier/Gerhard Kuhlemann: Kindheit und Jungend in Zürich: http://www.heinrich-pestalozzi.de/de/dokumentation/biographie/kindheit_und_jugend_in_zuerich/ (18.12.08)

10 Pestalozzi, J.H.: Schwanengesang, in: Baumgartner, P. (Hersg.): Heinrich Pestalozzi, Werke in acht Bänden, Gedenkausgabe zu seinem zweihundertsten Geburtstag, Zürich 1949, Bd. II, S.427.

11 Pestalozzi, J.H.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. L.W. Seyffarth, zitiert nach Sigrid Tschöpe-Scheffler: Pestalozzi — Leben und Werk im Zeichen der Liebe; Luchterhand 1996, S. 18.

12 Pestalozzi, J.H.: PSW 28, zitiert nach Bijan Adl-Amini: Pestalozzis Welt, Eine Einladung zur Erziehung; Juventa Verlag Weinheim und München 2001, S.47.

13 Pestalozzi, J.H.: Schwanengesang, in: Baumgartner, P. (Hersg.): Heinrich Pestalozzi, Werke in acht Bänden, Gedenkausgabe zu seinem zweihundertsten Geburtstag, Zürich 1949, Bd. II, S.431.

14 Zitiert nach Dr. Arthur Brühlmeier: Johann Heinrich Pestalozzi:
http://www.bruehlmeier.info/Biographie%20China.htm (20.12.08).

15 Bijan Adl-Amini: Pestalozzis Welt, Eine Einladung zur Erziehung; Juventa Verlag Weinheim und München 2001, S.142.

16 Pestalozzi, J.H.: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt (WFB Verlagsgruppe: 1. Auflage 2006). S.179.

17 Pestalozzi, J.H.: Sämtliche Werke. Hrsg. v. L.W. Seyffarth, zitiert nach Sigrid Tschöpe-Scheffler: Pestalozzi — Leben und Werk im Zeichen der Liebe; Luchterhand 1996. S.43.

18 Gudjons, H.: Gesellschaft und Erziehung in Pestalozzis Roman Lienhard und Gertrud, zitiert nach Sigrid Tschöpe-Scheffler: Pestalozzi — Leben und Werk im Zeichen der Liebe; Luchterhand 1996. S.46.

19 Pestalozzi , J.H.: Die Sprache als Fundament (1799) zitiert nach Rappard, Irmengard: Die Bedeutung der Mutter bei J.H. Pestalozzi; Bonn, 1961. S.89.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640340279
ISBN (Buch)
9783640337613
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127584
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Schlagworte
Bedeutung Mutter Erziehung Pestalozzi

Autor

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Titel: Die Bedeutung der Mutter für die Erziehung bei Pestalozzi