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Was sind wissenschaftliche Revolutionen?

Eine Analyse von Thomas Kuhns Begriffsverständnis der wissenschaftlichen Revolutionen anhand der Werke 'Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen' und 'Was sind wissenschaftliche Revolutionen?'

Hausarbeit 2008 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
1) Die vorparadigmatische Phase
2) Paradigma
3) Die normale Phase
4) Die revolutionäre Phase
5) Inkommensurabilität

III. Was sind wissenschaftliche Revolutionen?
1) Paradigma
2) Merkmale der revolutionären Veränderung
(a) Die Ganzheitlichkeit der revolutionären Veränderungen
(b) Die Sprache der revolutionären Veränderungen
(c) Die Ähnlichkeiten der revolutionären Veränderungen

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang: Schematische Darstellung für den Erkenntnisfortschritt der Wissenschaften nach Tomas S. Kuhns Theorie

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Thomas Samuel Kuhn, amerikanischer Wissenschaftshistoriker und –Theoretiker, entwarf in seinem Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen[1] eine neue Konzeption der Wissenschaftsgeschichte und damit auch eine andere Sicht auf die Wissenschaftstheorie.[2] Denn nach Kuhn entsprachen traditionelle Zugangsweisen zur Wissenschaft, wie der Induktivismus der Faslifikationismus, nicht den historischen Gegebenheiten. Seine Theorie beinhaltet die Idee des revolutionären wissenschaftlichen Fortschritts, wobei der wissenschaftlichen Gemeinschaft eine besondere Rolle zugeschrieben wird.[3]

Die vorliegende Arbeit untersucht diesbezüglich Kuhns Verständnis von dem Begriff der wissenschaftlichen Revolution. Textgrundlage für die Analyse ist sein Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Dabei habe ich mich besonders auf die Kapitel II - V und IX – XII konzentriert. Die Auseinandersetzung mit Kuhns Verständnis von wissenschaftlichen Revolutionen in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen bildet den ersten und umfangreichsten Teil dieser Hausarbeit. Bei dieser Analyse werde ich, die von Thomas S. Kuhn verwendeten Termini, wie z.B. vorparadigmatische Zeit, Paradigma oder Normalwissenschaft, erläutern.

Im zweiten Teil der Arbeit habe ich Kuhns Vortrag von 1981 Was sind wissenschaftliche Revolutionen? herangezogen, indem er ein neues Verständnis des Begriffs der wissenschaftlichen Revolutionen aufzuweisen scheint. Veröffentlicht wurde dieser Vortrag, da sein Werk Die Struktur wissenschaftlichen Revolutionen viele Diskussionen auslöste und zu zahlreichen Missverständnissen führte. Im Gegensatz zum ersten Teil wird hier Thomas S. Kuhns Verständnis von wissenschaftlichen Revolutionen nur unter den Gesichtspunkten Paradigma, die revolutionäre Veränderung und Merkmale der revolutionären Veränderung, ermittelt.

Die Ergebnisse aus I und II stelle ich im dritten Teil dieser Ausarbeitung gegenüber. Um Wiederholungen zu vermeiden, werde ich nur auf die Unterschiede zwischen Kuhns Verständnis von wissenschaftlichen Revolutionen in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen und Was sind wissenschaftliche Revolutionen? eingehen.

Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, inwieweit sich Kuhns Verständnis über den Begriff der wissenschaftlichen Revolution geändert hat. Zudem soll herausgefunden werden, inwieweit sich die Definitionen für den Fortschritt der Wissenschaften auswirken.

II. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen

Ähnlich wie Ludwik Fleck[4], entwarf Thomas Samuel Kuhn seine Theorie „besonders in Abgrenzung von der Wissenschaftstheorie und Theorie der Wissenschaftsentwicklung des kritischen Rationalismus“[5]. Der Wissenschaftshistoriker sah, im Gegensatz zur kumulativen Wissenschaftsentwicklung des Rationalismus, einen diskontinuierlichen, von sozialen Faktoren bestimmten Wandel in der Wissenschaftsgeschichte. Fortschritt in der Wissenschaft werde nur durch revolutionäre Prozesse erzielt, so Kuhn. Da es modernen Wissenschaftlern immer schwerer fiele, relevante wissenschaftsgeschichtliche Ereignisse zu erklären, ging Kuhn dazu über diese Ereignisse innerhalb der Zeit, in welcher sie auftraten zu betrachten.[6] Thomas Kuhn erkennt drei Phasen in der Wissenschaftsgeschichte. Zentraler Begriff in seinem Werk ist der Terminus Paradigma. Dieser wird etwas weiter unten, in II. 2., erklärt. Doch zuerst wird die erste der drei Phasen des wissenschaftlichen Wandels vorgestellt. Es handelt sich um die vorparadigmatische Zeit.

1) Die vorparadigmatische Phase

Thomas S. Kuhns Theorie basiert auf der Annahme, dass die Anfänge der Wissenschaft ursprünglich durch zufälliges „Zusammentragen von Fakten“[7] gekennzeichnet war. Diese frühe Wissenschaft nennt Kuhn vorparadigmatische Wissenschaft. In dieser vorparadigmatischen Zeit stritten sich, so Kuhn, verschiedene Schulen mit verschiedenen Interpretationen über den gleichen Bereich von Phänomenen. „[A]lle Tatsachen, die irgendwie zu der Entwicklung einer bestimmten Wissenschaft gehören können, [schienen] gleichermaßen relevant zu sein“[8], sodass es kaum möglich war zu detaillierter Fachwissenschaftlicher Arbeit zu gelangen. Die vorparadigmatische Wissenschaft besaß also Kuhn zufolge keine einheitlichen Methodologien und keinen festen Wissenskanon. In diesem Zusammenhang führt Thomas S. Kuhn zusätzlich den Begriff der nachparadigmatischen oder normalen Wissenschaft ein. Denn indem sich die Theorie einer Schule durchsetze wird sie zu einem Paradigma. Je mehr Fachwissenschaftler sich anschließend zu diesem Paradigma bekennen, desto mehr andere Schulen fangen an sich aufzulösen, so Kuhn.[9] Der Wandel von einer vorparadigmatischen zu einer normalen Wissenschaft ist endgültig geschafft, wenn die Forschungsergebnisse des Wissenschaftsbereichs

„in kurzen Artikeln [veröffentlicht werden], die sich nur an die Fachkollegen wenden, an diejenigen, bei denen die Kenntnis eines gemeinsamen Paradigmas vorausgesetzt werden kann und die sich als die einzigen erweisen, welche die an sie gerichteten Arbeiten zu lesen vermögen“[10].

Auf diese Definition aufbauend wird nun der Begriff des Paradigmas vorgestellt.

2) Paradigma

Der Begriff des Paradigmas steht im Mittelpunkt des nicht-kumulativen wissenschaftsgeschichtlichen Wandels, lässt sich aber schwer präzisieren.[11] Thomas S. Kuhn sieht in den Paradigmen

„anerkannte Beispiele für konkrete wissenschaftliche Praxis – Beispiele, die Gesetz, Theorie, Anwendung und Hilfsmittel einschließen – Vorbilder […], aus denen bestimmte fest gefügte Traditionen wissenschaftlicher Forschung erwachen“[12].

Erfolgreiche Paradigmen erlangen ihren Status nur dadurch, da „sie bei der Lösung eigener Probleme, welche ein Kreis von Fachleuten als brennend erkannt hat, erfolgreicher sind als die mit ihnen konkurrierenden“[13]. Zudem zeichne sie sich durch mathematische Hilfsmittel und Forschungsmethoden sowie durch festgelegte Regeln und Normen für die wissenschaftliche Praxis aus. Als Beispiel nennt Kuhn Franklins Erkenntnisse auf dem Gebiet der Elektrizität, die seiner Meinung nach so erfolgreich gewesen waren, dass diese zu einem Paradigma wurden. Die Leistung des Paradigmas war in diesem Fall

„neuartig genug, um eine beständige Gruppe von Anhängern anzuziehen, die ihre Wissenschaft bisher auf andere Art betreiben hatten, und gleichzeitig sei sie noch offen genug, um der neuen Gruppe von Fachleuten alle möglichen ungelösten Probleme zu stellen“[14]

Hat sich ein Paradigma in einem bestimmten Forschungsbereich einmal etabliert, definiert es die Probleme, gibt Regeln an und bestimmt Forschungsmethoden und –Techniken, wodurch sie zur Grundlage für die normale Wissenschaft wird. Gesichertes Wissen in den Wissenschaften erscheint nur innerhalb eines Paradigmas möglich.

3) Die normale Phase

Eng verbunden mit dem Begriff des Paradigmas ist die zweite Phase der Wissenschaftsentwicklung, die Kuhn die normale Phase nennt. Die Wissenschaft in dieser Phase nennt Kuhn normale Wissenschaft. Diese definiert er als

„eine Forschung, die Fest auf einer oder mehrerer wissenschaftlichen Leistungen der Vergangenheit beruht, Leistungen, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinsacht eine Zeitlang als Grundlagen für ihre Arbeit anerkannt werden“[15].

Wie oben bereits angedeutet bildet das Paradigma die Voraussetzung für die Entstehung der normalen Wissenschaft. Hat sich ein Paradigma etabliert, so bildet die Gruppe ihre Anhänger die Normalwissenschaftler. Denn,

„das Paradigma bestimmt den Standard für legitime Forschung innerhalb der treffenden Wissenschaft. Es koordiniert und bestimmt das Vorgehen beim Problemlösen […] in der Normalwissenschaft“[16].

Der größte Teil der Normalwissenschaft beschäftigt sich mit der ausführlichen Ausarbeitung eines Paradigmas. Begriffliche, theoretische, instrumentelle und methodische Fragen innerhalb eines Paradigmas sollen durch „Aufräumarbeiten“[17] der Normalwissenschaften geklärt und gelöst werden. Sie haben also meistens nur „relativ geringfügige Reparaturen an der jeweils gängigen Theorie vorzunehmen“[18]. Darunter fällt der „Versuch, die Natur in die vorgeformte und relativ starre Schublade“[19] des Paradigmas zu zwängen, „einige ihrer noch bestehenden Unklarheiten zu erhellen und die Lösung von Problemen zu ermöglichen, auf die sie vorher lediglich die Aufmerksamkeit gelenkt hat“[20]. Aus den gesamten Ergebnissen wird schließlich eine Paradigmatheorie entwickelt. Die meisten Normalwissenschaften arbeiten sowohl mit Tatsachen als auch mit Theorien. Sie versuchen Unklarheiten bezüglich der im Paradigma enthaltenen Phänomene und Theorien zu lösen, wodurch sie sowohl neue Tatsachen als auch ein exakteres Paradigma erhalten. Die normale Wissenschaft muss also bedeutsame Tatsachen bestimmen, Fakten und Theorien gegenseitig anpassen und neue Theorien ausformulieren und verallgemeinern. Zudem muss sich der Wissenschaftler „bemühen die Welt ordnend zu erfassen und die Exaktheit und den Umfang dieser Ordnung anzudehnen“[21], die Welt also dem Paradigma anpassen.

[...]


[1] Erstmals 1962 erschienen und acht Jahre später um ein Postskriptum ergänzte Auflage. Vgl. Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. Berlin und Heidelberg 2007. S. 89.

[2] Vgl. Kuhn, Thomas Samuel. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2. H – O. Stuttgart 2004. S. 504.

[3] Vgl. Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft 2007. S. 89.

[4] Auch finden sich zahlreiche Zusammenhänge bezüglich der Begriffszuweisung der beiden Wissenschaftler. Z. B. Kuhns Begriff des Paradigmas und Flecks Bezeichnung für Denkstil, Kuhns wissenschaftliche Gemeinschaft und Flecks Denkkollektiv oder Kuhns Begriff der Inkommensurabilität und Flecks Kommunikationsproblem. Vgl. dazu Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt am Main 1999.

[5] Kuhn, Thomas Samuel. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2. H – O. Stuttgart 2004. S. 504.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt am Main 1976. S. 30. Gemeint ist hiermit, dass Daten durch zufällige Beobachtungen und Experimente zusammengetragen wurden.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Ebd. S. 31ff.

[10] Ebd. S. 34.

[11] Margaret Mastermann entdeckte z.B. 21 verschiedene Bedeutungen oder Verwendungen des Begriffs in Kuhns Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen. Vgl. Lauth, Bernhard und Jamel Sareiter: Wissenschaftliche Erkenntnis. Eine ideengeschichtliche Einführung in die Wissenschaftstheorie. Paderborn 2002. S. 118.

[12] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen 1976. S. 25.

[13] Ebd. S.37.

[14] Ebd. S. 25.

[15] Ebd.

[16] Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft 2007. S. 91.

[17] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen 1976. S. 38.

[18] Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft 2007. Ebd.

[19] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen 1976. Ebd.

[20] Ebd. S. 41.

[21] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen 1976. S. 55.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640340507
ISBN (Buch)
9783640339051
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127643
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Philosophie
Note
1,7
Schlagworte
Revolutionen Eine Analyse Thomas Kuhns Begriffsverständnis Werke Struktur

Autor

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Titel: Was sind wissenschaftliche Revolutionen?