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Schwesterbeziehungen in den Grimm‘schen Märchen

Hausarbeit 2008 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschwisterpaare – Schwester / Bruder
2.1 Hänsel und Gretel und Brüderchen und Schwesterchen
2.2 Geschwisterliebe vs. erotische Liebe

3 Eine Schwester und mehrere Brüder

4 Schwesternpaare und mehrere Schwestern

5 Schwester und Stiefschwester(n)

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In vielen Märchen werden Geschwisterbeziehungen thematisiert, so gehören Titel wie Hänsel und Gretel oder Brüderchen und Schwesterchen zu den bekanntesten Märchen überhaupt.

In der vorliegenden Arbeit soll auf die Schwesterbeziehungen in den Grimmschen Märchen eingegangen werden. Grundlagen hierfür sind Band eins und zwei der Kinder- und Hausmärchen aus dem Jahre 1857. Hierin sind 228 Märchen und 10 Kinderlegenden gesammelt.

Bei näherer Betrachtung der Märchen kommt man zum Ergebnis, dass in nahezu jedem fünften Märchen (19,7 Prozent)[1] Geschwisterbeziehungen thematisiert werden. Hierbei hat man es aber bei über 2/3 der Märchen mit Brüder-Erzählungen zu tun. Ein Grund hierfür stellt sicherlich das stark geschlechterspezifische Leben der damaligen Zeit dar. Die Männer und Jungen waren die, die in die Welt auszogen, um dort ihr Glück zu suchen oder Abenteuer zu erleben. Die Sphäre der Frau beschränkte sich doch meistens auf die Hausarbeit und die Kindererziehung.

Es scheint spannender und beliebter zu sein, Geschichten über die Welt außerhalb dieser Sphäre zu erzählen – dies kann erklären, warum es deutlich mehr durch Männer bzw. hier Brüder dominierte Märchen in dieser Sammlung gibt.

In dieser Arbeit soll aber nicht auf diese brüderdominierten Märchen eingegangen werden, vielmehr werden im Folgenden die Schwesterverbindungen in den Grimm‘schen Märchen thematisiert, das heißt der Fokus liegt alleine auf den Märchen, in denen ein Mädchen auf seine Geschwister trifft, sei es auf einen oder mehrere Brüder, auf die Schwestern oder auch auf die Stiefschwestern.

Interessant ist die Beobachtung, dass kein einziges Märchen existiert, in dem man es mit der Konstellation mehrere Schwestern und ein Bruder oder mehrere Schwestern und mehrere Brüder zu tun hat. Sobald also zwei Schwestern in einem Märchen auftreten, kann die Existenz eines Bruders definitiv ausgeschlossen werden.

Darüberhinaus ist auch die Anzahl der Geschwister interessant. So scheint die Zahl drei, wie allgemein in der Märchenwelt auch, bei diesem Aspekt eine entscheidende Rolle zu spielen. So gibt es nur ein einziges Märchen, das mit einer Anzahl von 12 Schwestern[2] von der beliebten Dreierkombination abweicht. Mit Ausnahme dieses Märchens kann also auch immer mit Sicherheit gesagt werden, dass es sich in den Märchen entweder um ein Schwesternpaar oder um drei Schwestern handelt.

Im Folgenden wird eine Einteilung in fünf Gruppen unternommen. In der ersten werden die Beziehung zwischen Bruder und Schwester und in der zweiten die zwischen einer Schwester und mehreren Brüdern untersucht. Daraufhin folgt die Betrachtung des Verhältnisses zwischen mehreren Schwestern und als letzte Gruppe soll untersucht werden, wie sich Schwestern und Stiefschwestern begegnen.

2 Geschwisterpaare – Schwester / Bruder

2.1 Hänsel und Gretel und Brüderchen und Schwesterchen

Hänsel und Gretel und Brüderchen und Schwesterchen sind wohl die bekanntesten Märchen, die von Geschwisterpaaren handeln. Wie verhalten sich die beiden Geschwister zueinander, was ist typisch bezüglich ihres Umganges? Das sind Fragen, die im Folgenden beantwortet werden sollen. Auffällig ist, dass in beiden Märchen zunächst der Bruder als männlicher Akteur den aktiven Part inne hat. Nirgends ist niedergeschrieben, wie alt die Kinder sind und in welchem Altersverhältnis sie zueinander stehen, doch trotzdem wirkt es in beiden Märchen so, als hätte man es mit einem großen Bruder und seiner kleinen Schwester zu tun. Wahrhaft brüderlich werden die Schwestern zu Anfang des Mädchens und in Anbetracht des bevorstehenden Schicksals getröstet. So heißt es bei Hänsel und Gretel: „„Still Gretel“, sprach Hänsel, gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.“[3] und auch das Brüderchen übernimmt die Initiative und wirkt wie der Mutterersatz für seine Schwester. „Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: „Seit die Mutter tot ist, habe wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit den Füßen fort.“[4]

Dieses Handeln ist wohl nicht nur auf das Alter, über das wir wie gesagt keine genauen Informationen haben, sondern viel mehr auf die Geschlechterrolle der damaligen Zeit zurückzuführen. Bereits im Kindesalter wurde es Jungen beigebracht, sich ritterlich und geschickt zu verhalten. Von Tränen ist lediglich bei den Mädchen die Rede.

So verwundert es nicht, dass es Hänsel ist, der durch List den ersten Aussetzungsversuch scheitern lässt und auch beim zweiten Mal einen Plan ausheckt.

Auch bei Brüderchen und Schwesterchen ist es das Mädchen, welches anfänglich den passiveren Teil innehat. So fordert alleine das Brüderchen nach Wasser und hört letztendlich auch nicht auf das Schwesterchen, welches das warnende Rauschen vernehmen kann.

Der erste Höhepunkt der Märchen geht gleichsam mit einem Rollenwechsel einher. Das Brüderchen wird in ein Reh verwandelt und Hänsel eingesperrt. Von nun an übernehmen die Mädchen die aktive Rolle. Gretel wird zur Geknechteten[5], die sich um den Haushalt kümmern muss und auch das Schwesterchen sorgt sich nun mütterlich um den verwandelten Bruder. Sie bereitet das Haus und pflegt ihn selbst nach der Verwundung.

Gegen Ende ist es auch Gretel, die durch eine List letztendlich das Ende der Hexe herbeiführt: „Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserner Tür zu und schob den Riegel vor.“[6] Es ist also ein Wandel in der Dominanz des Geschwisterpärchens zu beobachten. Die anfänglich sehr passiven Mädchen gewinnen durch ihr Schicksal an Stärke und erleben eine enorme Entwicklung.

Diese Beobachtung passt auch zur folgenden Theorie: „Die Gestalt des Brüderchens selber stellt das Ergebnis einer Ichspaltung dar.“[7] Gemeint ist, dass das Schwesterchen gespalten und durch Widersprüchlichkeiten geprägt ist. Ihre Persönlichkeit sei in zwei Personen gespalten. Ein Teil wird hierbei verkörpert durch das Brüderchen – also einen Menschen, der einem kaum näher stehen könnte, so fließt doch das gleiche Blut in ihren Adern. Elke Feustel erklärt, dass diese Spaltung des Mädchens mit der der Widersprüchlichkeit der Mutter zusammenhängt. Sie schreibt über die rauschenden Warnungen an der Quelle: „Zu dem Mädchen muss die Mutter mit ihrer eigenen Angst immer wieder in ähnlicher Weise gesprochen haben, wie es jetzt buchstäblich elementar dem Kind entgegenschallt – ein weiteres Indiz dafür, dass die Grimm‘sche Erzählung wesentlich aus der Sicht des Mädchens zu verstehen ist und nicht etwa als eine reale Geschwistergeschichte interpretiert werden darf.“[8]

Es gibt also Theorien, die Brüderchen und Schwesterchen nicht als ein wahres Geschwistermärchen verstehen – es lassen sich zwar durchaus Begründungen auch für diese These finden, die sich im Besonderen auf das Verhältnis zwischen dem Schwesterchen und ihrer Stiefmutter beziehen. Wie in einem der folgenden Kapiteln gezeigt wird, ist Brüderchen und Schwesterchen nicht nur ein Märchen, das sich um ein Geschwisterpaar dreht, sondern ebenso ein Märchen, in dem das Verhältnis zwischen einer Schwester und ihrer Stiefschwester thematisiert wird. Dass dies auch eng mit der Verbindung zwischen Stiefmutter und –tochter zusammenhängt, wird in diesem Teil erläutert.

Trotz allem und sogar in Einheit mit dieser Theorie kann das Märchen Brüderchen und Schwesterchen trotzdem zusammen mit Hänsel und Gretel betrachtet werden und somit als Märchen, in dem wir eine Entwicklung der Schwester aus dem Dunstkreis der Eltern hinaus in eine eigenständiges Leben beobachten können. Mit Hilfe des Bruders als Gegenstück gelingt es den Schwestern, eine eigene Persönlichkeit auszubilden.

Es stellt sich die Frage, welche Aspekte dieser Geschwisterbeziehung sich auf die Realität und auf die heutige Zeit übertragen lassen. Die beschriebene Liebe und Zuneigung existieren sicherlich auch in Wirklichkeit und bis zum heutigen Tage zwischen einigen Geschwisterpärchen, trotz allem ist dieser Zusammenhalt in der heutigen Zeit häufig nicht mehr so entscheidend wie damals. In den Märchen werden Notlagen beschrieben, in denen es nahezu überlebenswichtig ist, sich gegenseitig zu helfen. Meist bildet das Geschwisterpaar hier einen Gegenpol zum Elternpaar. Es gilt, sich entweder gemeinsam gegen die Eltern durchzusetzen oder eben gemeinsam ohne diese klarzukommen. Im heutigen Alltag kommt es nur ausgesprochen selten vor, dass ein Geschwisterpaar alleine und ohne seine Eltern oder andere erziehende Personen sein Leben meistern muss. Aus diesem Grund ist eine derart intensive Verbindung und Beziehung nicht mehr lebensnotwendig und auch nicht in allen Fällen existent.

[...]


[1] Es werden in 47 von 238 Märchen Geschwisterbeziehungen thematisiert.

[2] Vgl. Die zertanzten Schuhe. In: Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Bd.2. S.217 – 221.

[3] Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Bd. 1. Seite. 100.

[4] Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Bd. 1. Seite 79.

[5] Vgl. Stiasny, Kurt: Was Grimmsche Märchen erzählen. Bd.1. Schaffhausen 1982. S.23.

[6] Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Bd. 1. Seite 107.

[7] Drewemann, Eugen: Brüderchen und Schwesterchen. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Olten 1990. Seite 27.

[8] Feustel, Elke: Rätselprinzessinnen und schlafende Schönheiten. Typologie und Funktionen der weiblichen Figuren in den Kinder-und Hausmärchen der Brüder Grimm. Hildesheim 2004. Seite 37.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640340613
ISBN (Buch)
9783640339143
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127688
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
2
Schlagworte
Schwesterbeziehungen Grimm‘schen Märchen

Autor

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Titel: Schwesterbeziehungen in den Grimm‘schen Märchen