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Judo - der Weg zu einem ausgeglichenen Leben?

Aggressionspotential und Ärgerkontrolle von Judokas und Fußballern

Examensarbeit 2009 100 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Hintergrund der Arbeit
1.2 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
1.3 Methodische Vorgehensweise
1.4 Forschungsstand im Überblick

2 Historie der Kampfsportarten
2.1 Judo – der sanfte Weg
2.2 Entwicklung des Judos in Deutschland
2.3 Die Grundelemente des Judo

3 Dimensionen der seelischen Gesundheit
3.1 Was versteht man unter Ärger?
3.1.1 Wie entsteht Ärger?
3.1.2 Formen des Ärgers
3.2 Was versteht man unter Aggression?
3.2.1 Wie entsteht Aggression?
3.2.2 Formen der Aggression
3.3 Gegenüberstellung von Ärger und Aggression

4 Aktueller Forschungsstand: Effekte des Judos auf die seelische Gesundheit
4.1 Studie von Reynes & Lorant (2002)
4.2 Studie von Reynes & Lorant (2004)
4.3 Studie von Nosanchuk & MacNeil (1989)
4.4 Studie von Nosanchuk (1981)
4.5 Studie von Nosanchuk & Lamarre (1999)
4.6 Studie von Trulson (1986)
4.7 Studie von Skelton, Glynn & Berta (1991)
4.8 Studie von Daniels & Thornton (1990)
4.9 Studie von Robazza, Bertollo & Bortoli (2006)
4.10 Fazit

5 Aktueller Forschungsstand: Effekte des Fußballs auf die seelische Gesundheit
5.1 Studie von Lemieux, P., McKelvie, S. & Stout, D. (2002)
5.2 Studie von Thomas, S., Reeves, C. & Smith, A. (2006)
5.3 Studie von Coulomb, G. & Pfister, R. (1998)
5.4 Studie von Coulomb, G. & Rascle, O. (2006)
5.5 Fazit:

6 Eigene empirische Untersuchung
6.1 Fragestellung
6.2 Aufbau des Fragebogens
6.2.1 Das State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar
6.2.2 Der „Aggression Questionnaire“
6.2.3 Selbst entwickelter Teil des Fragebogens
6.3 Vorgehensweise der Befragung
6.3.1 Befragung von Judokas (n=40)
6.3.2 Befragung von Fußballern (n=40)
6.4 Ergebnisse: Aggressions- und Ärgerpotential bei Judokas und Fußballern
6.4.1 Wie unterscheiden sich Judokas von Fußballern auf dem State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar?
6.4.2 Wie unterscheiden sich Judokas von Fußballern auf dem Aggression Questionnaire?
6.4.3 Unterschiede im Bezug auf die Körpergröße
6.4.4 Wie beeinflusst die Bildungsstufe Aggression und Ärger?
6.4.5 Aggressive Handlungen vor und seit Trainingsbeginn
6.4.6 Was sind die Trainings- und Motivationsgründe von Judokas und Fußballern?
6.5 Interpretation der Ergebnisse

7 Zusammenfassung und kritische Diskussion
7.1 Aussichten und Implikationen für die Praxis
7.2 Kritik und Würdigung der eigenen Untersuchungsmethode
7.3 Schlussbetrachtung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Hinweise für die Interpretation der Skalen des STAXI (Schwenkmezger et al., 1992, S. 25)

Abbildung 2: Mittelwerte der Ärger-Disposition-Skala nach Gruppen

Abbildung 3: Mittelwerte der Ärger-Temperament-Skala nach Gruppen

Abbildung 4: Mittelwerte der Ärger-Reaktion-Skala

Abbildung 5: Mittelwerte der Skala zur Erfassung von nach innen gerichtetem Ärger

Abbildung 6: Mittelwerte der Skala zur Erfassung von nach außen gerichtetem Ärger

Abbildung 7: Mittelwerte der Ärger-Kontroll-Skala

Abbildung 8: Mittelwerte von TA, TA/T, TA/R, AI, AO, AC im Vergleich nach Gruppen

Abbildung 9: Mittelwerte der Physical Aggression Skala nach Gruppen

Abbildung 10: Mittelwerte der Verbal Aggression Skala nach Gruppen

Abbildung 11: Mittelwerte der Anger Skala nach Gruppen

Abbildung 12: Mittelwerte der Hostility Skala nach Gruppen

Abbildung 13: Mittelwerte von PA, VA, A, H im Vergleich nach Gruppen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gruppenstatistiken

Tabelle 2: Gruppenstatistiken hinsichtlich des Aggression Questionnaires

Tabelle 3: Mittelwerte der Variablen TA, TA/T, TA/R, AI, AO, AC nach Körpergröße

Tabelle 4: Mittelwerte der Variablen PA, VA, A, H nach Körpergröße

Tabelle 5: Mittelwerte der Variablen TA, TA/T, TA/R, AI, AO, AC nach Bildungsstand

Tabelle 6: Mittelwerte der Variablen PA, VA, A, H nach Bildungsstand

Tabelle 7: Jährliche Mitgliedsbeiträge in Judo- und Fußballvereinen

1 Einleitung

1.1 Hintergrund der Arbeit

Hartmann und Graf (1979, S. 8) betiteln Judo als einen „Sport, der gleichzeitig Lebensphilosophie ist: Kampf ohne Hass, Kraft unter Kontrolle, Ritterlichkeit, stoisches Hinnehmen von Sieg und Niederlage“. Dieses Zitat deckt sich mit dem gängigen Stereotyp, Judo mache aggressiv, ganz und gar nicht. Fakt ist, dass Aggression im Sport gängige Praxis ist. Fast jeder assoziiert mit dem Namen Mike Tyson einen Boxer, welcher einem seiner Gegner in einem Kampf ein Stück des Ohres abbiss. Auch ist vielen Frank Rijkaard ein Begriff, welcher bei der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 1990 Rudi Völler anspuckte.

Sport hat aber umgekehrt auch das Potential, Aggressionen zu kontrollieren und einzudämmen. Viele Menschen sehen sowohl Judo als auch Fußball als gesellschaftlich annehmbares Ventil um Aggressionen abzubauen. Andere behaupten, es mache in erster Linie aggressiv (Weinberg & Gould, 2003, S. 512).

Es gibt mehrere Theorieansätze und Modelle, welche die Entstehung und die Gründe von Aggression und Ärger thematisieren. Schlicht und Strauß (2001) gehen auf Ansätze ein, die einen oder mehrere psychologische Prozesse thematisieren. Sie nennen die triebtheoretischen Ansätze Siegmund Freuds und Konrad Lorenz, die Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard et al., die Theorie der aggressiven Hinweisreize von Berkowitz und der Theorie des sozialen Lernens von Bandura (Schlicht und Strauß, 2001). Ob sich eine der oben genannten Theorien im Verlauf dieser Arbeit bestätigen lässt, wird sich zeigen.

Es soll in dieser Arbeit untersucht werden, ob regelmäßiges und konstantes Judotraining das psychische Wohlbefinden fördert. Es wird davon ausgegangen, dass Aggressivität abgebaut, Selbstbeherrschung gesteigert und die Fähigkeit mit Ärger kontrolliert umzugehen (Ärgerkontrolle) in hohem Maße verbessert wird. Menschen, die regelmäßig Fußball spielen, weisen hingegen ein höhere Aggressionspotential auf und können ihren Ärger weniger gut beherrschen als Judokas.

1.2 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es, die Effekte des Judos und Fußballs auf die seelische Gesundheit zu erforschen. Es sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, ob männliche Judokas weniger aggressiv sind als männliche Fußballer. Außerdem soll überprüft werden, ob sich Judokas im Vergleich zur Kontrollgruppe weniger häufig ärgern beziehungsweise ihren Ärger besser kontrollieren können. Daraus ergibt sich folgende Forschungsfrage, die im Rahmen dieser Magisterarbeit beantwortet werden soll:

Hat Judotraining einen Einfluss auf das Aggressionspotential von Judokas? Wenn ja, wovon hängt dieser Einfluss ab. Gibt es Unterschiede bezüglich der Selbstbeherrschung zwischen Judokas und Fußballern?

Um diese Fragen beantworten zu können, bedarf es der Klärung der folgenden Punkte:

1) An welchen Parametern lässt sich das Aggressionspotential bzw. die Selbstbeherrschung feststellen? Wie lässt sich Ärger überprüfen?
2) Wie lässt sich der Erfolg messen?

1.3 Methodische Vorgehensweise

Im theoretischen Teil dieser Arbeit wird auf die Historie der asiatischen Kampfkünste – respektive auf die Historie von Judo – eingegangen. Weiterhin wird geklärt, was unter Ärger verstanden wird, wie er entsteht und welche Formen es hiervon gibt. Nachfolgend wird untersucht, was Aggression bedeutet, wie sie entsteht und welche Formen davon auftreten können.

Im Anschluss werden die Effekte des Judos auf die seelische Gesundheit untersucht. Grundlage hierfür sind verschiedene sportpsychologische Studien. Vor allem Artikel der Forscher Reynes und Lorant (2002, 2004), sowie Nosanchuk (1981, 1989, 1999) werden hierfür herangezogen. Der letzte Abschnitt des theoretischen Teils befasst sich mit den Effekten des Fußballs auf die seelische Gesundheit. Auch hier wird der aktuelle Forschungsstand kurz thematisiert.

Im empirischen Teil werden Judokas und Fußballer hinsichtlich ihres Aggressionspotentials und ihrer Ärgerkontrolle untersucht: es soll herausgefunden werden, ob Erstere auf Grund ihrer sportlichen Betätigung weniger Aggressionspotential aufweisen und besser in der Lage sind, mit Ärger kontrolliert umzugehen (Ärgerkontrolle), als Letztere. Hierfür wurde ein Fragebogen entwickelt, der auf dem State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar von Schwenkmezger, Hodapp und Spielberger (1992), sowie auf dem Buss-Perry Aggression Questionnaire (Buss & Perry, 1992) basiert.

Mittels des Fragebogens wurden Judokas des Judovereines Rot-Weiß Lörrach (n=10), Judokas des Budo-Sportzentrums Offenburg (n=14), Judokas des Kodokan Freiburg (n=6), sowie Judokas des 1. Viernheimer Judoclub (n=10) befragt. Zudem wurde der Fragebogen von Fußballspielern ausgefüllt. Hierzu zählen Fußballspieler des FC Bötzingen (n=12), Fußballer des FSV Altdorf (n=10), und Fußballer der luxemburgischen Polizeischule (n=18). Teil 1 bis 3 des Fragebogens dienen persönlichen Angaben und Einschätzungen, basierend auf dem STAXI von Schwenkmezger et al. (1992) und auf dem Aggression Questionnaire von Buss und Perry (1992). Der 4. Teil des Fragebogens erfragt unter anderem demographische Angaben, Trainingszugehörigkeit und Fragen zu körperlich aggressiven Handlungen vor und seit Trainingsbeginn.

Die empirische Untersuchung teilt sich in folgende Phasen auf:

1. Phase: Aushändigung des Fragebogens an erwachsene, aktive Mitglieder (Judoverein Rot-Weiß Lörrach, 1. Viernheimer Judoclub, Kodokan Freiburg, Budo-Sportzentrum Offenburg).
2. Phase: Aushändigung des Fragebogen an eine homogenen Kontrollgruppe (erwachsene Fußballspieler des FC Bötzingen, des SFV Altdorf, der Polizeischule Luxemburg).
3. Phase: Auswertung und Deutung der Ergebnisse der ausgefüllten Fragebögen mittels SPSS.
4. Phase: Zusammenfassung der Ergebnisse und kritische Diskussion: Implikationen für die Praxis werden herausgearbeitet, d.h. Aussichten und Chancen des Judosports in Bezug auf das Aggressionspotential und die Ärgerkontrolle im Vergleich zu Fußballern. Weiterhin werden Verbesserungsvorschläge für die eigene Untersuchungsmethode erläutert.

Die Ergebnisse werden in der Schlussbetrachtung hinterfragt und kritisch bewertet.

1.4 Forschungsstand im Überblick

Nachfolgend wird der aktuelle Forschungsstand kurz wiedergegeben. Im 4. Teil dieser Arbeit wird dieser ausführlicher behandelt, indem die Studien einer Kritik unterzogen und Verbesserungsvorschläge angefügt werden.

In „Jugendliche und Kampfsport – Persönlichkeitsentwicklung und Wertevermittlung in der Kampfsportausbildung“ von Langewitz und Bernart (2007) geht es um die Befragung von über 50 Jugendlichen, mit der Zielsetzung herauszufinden, ob Judo nicht nur die körperliche Fitness trainiert, sondern auch moralische Werte vermittelt, die wiederum zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Unter moralischen Werten wird beispielsweise der Respekt gegenüber dem Lehrer, Trainingspartnern und Mitmenschen verstanden oder die Einhaltung gewisser Regeln, welche nicht nur beim Judo, sondern auch im alltäglichen Leben unumgänglich sind. In dieser Studie wurde ein Abbau von Aggressionen festgestellt und die Mehrheit der Befragten fühlte sich durch das Judotraining ausgeglichener. Bei den befragten Judokas konnten auch ausgeprägte soziale und kulturelle Werte bescheinigt werden. Soziale Werte beinhalten Toleranz, Solidarität und Mitgefühl, wohingegen kulturelle Werte Gepflogenheiten, Sitten und Bräuche meinen. Judokas sind häufig sozial engagiert (ehrenamtliche Tätigkeiten). Ob dies auch auf die Judokas der durchgeführten Studie zutrifft, wird sich im empirischen Teil zeigen.

Murphy (1994) fand heraus, dass gewisse Kampfkünste einen Beitrag zur integralen Entwicklung des Menschen leisten. Sie fördern nicht nur das „moralische Empfinden“, sondern auch die athletischen Fähigkeiten und sind demnach den modernen Trendsportarten überlegen.

Nach Szabo und Parkin (2001) weisen Kampfsporttrainierende niedrigere Aggressionswerte auf. Allerdings stellt sich nun die Frage nach dem Aggressionspotential von Judokas, die ihr Training aufgeben. Die Forscher beobachteten gesteigerten Ärger, als auch Stimmungsschwankungen beim Aussetzen des Trainings. Dies bestätigt die positiven Forschungsergebnisse zu den Konstrukten Aggressionsverhalten und Ärger.

Reynes und Lorant (2002) fanden in einer Längsschnittstudie mit Hilfe des Buss-Perry Aggression Questionnaire heraus, dass Judotraining nicht zu einem Abbau von Aggressivität führt. Es wurden hierzu 27 Grundschüler und 28 junge Judokas untersucht.

Reynes und Lorant (2004) fanden in einer weiteren Längsschnittstudie, welche auf der von 2002 aufbaut mit Hilfe des Buss-Perry Aggression Questionnaire heraus, dass traditionelles Training, welches Kata und Meditationselemente beinhaltet, Aggressivität weder abbaut, noch aufbaut. Sind diese Elemente allerdings nicht vorhanden, scheint Judotraining einen negativen Effekt auf Ärger-Punktwerte zu haben. Befragt wurden hierzu 14 Judokas, 9 Karateka und 20 Grundschüler.

Nosanchuk (1981) erforschte ein Querschnitt von 42 Karateka unterschiedlicher Kampfsportschulen und fand mittels eines dreiteiligen Fragebogens, welcher aus dem Picture Frustration Test von Rosenzweig (1978) und aus items, welche Novaco (1975) entwickelt hat, zusammengestellt ist, heraus, dass längere Trainingszugehörigkeiten mit geringeren Aggressivitätsphantasien gekoppelt sind.

Nosanchuk und MacNeil (1989) beobachteten mittels einer Querschnittstudie, die aus dem Picture Frustration Test von Rosenzweig (1978) und aus items, welche Novaco (1975) entwickelt hat, bestehen, dass Kampfsportler (38 Ausübenden von Karate, Taekwondo und Jiu-Jitsu ) mit zunehmendem Gürtelgrad in traditionellen Kampfsportschulen geringere Aggressionsphantasien aufweisen.

Nosanchuk und Lamarre (1999) untersuchten mit Hilfe einer Querschnittstudie die Auswirkungen von traditionellem Judotraining auf das Aggressionspotential. 51 Judokas wurden examiniert. Die Aggressivität ging mit zunehmendem Alter und Trainingserfahrung zurück. Überraschenderweise hatte das Geschlecht keinen Einfluss in dieser Studie. Die Forscher bedienten sich an Szenarien aus einer Studie von Novaco (1975) und an dem Picture Frustration Test von Rosenzweigs (1978).

Trulson (1986) untersuchte anhand einer Längsschnittstudie 34 männliche, jugendliche Straftäter. Es stellte sich heraus, dass traditionelles Taekwondo Training gesetzeswidrige Neigungen jugendlicher Straftäter reduziert, wohingegen die moderne Art des Taekwondo eine gesteigerte Tendenz bezüglich Straffälligkeit auf dem MMPI[1], sowie einen großen Zuwachs von Aggressivität und einen geringeren Wert auf dem JPI bewirkte. Wie auch in der Studie von Nosanchuk und Lamarre (1999), bedient sich Trulson an Szenarien der Studien von Novaco (1975) und dem Picture Frustration Test von Rosenzweig (1978). Diese verbindet er mit dem Jackson Personality Inventory (1986).

Skelton et al. (1991) untersuchten mittels einer Querschnittstudie 68 Kinder aus verschiedenen Taekwondoschulen. Es zeigte sich, dass zunehmende Taekwondo-Kenntnisse mit einer Abnahme aggressiven Verhaltens einhergehen. Untersucht wurde dies, indem ein auf dem Revised Child Behavior Profile aufgebauter Fragebogen den Eltern der Kinder zum Ausfüllen gegeben wurde.

Daniels und Thornton (1990) untersuchten in einer Querschnittstudie fünf Gruppen (Karataka, Jiu-Jitsuka, Badmintonspieler, Rubyspieler, und eine Kontrollgruppe) mit jeweils 18 Studenten. Mit Hilfe des Buss-Durkee Inventars fanden sie heraus, dass Jiu-Jitsu- und Karatetraining mit einem Rückgang von „Assaultive Hostility“ einhergeht.

Anhand einer weiteren Querschnittstudie analysierten Robazza, Bertollo und Bortoli (2006), inwiefern Judokas, Ringer und Rugbyspieler ihre Ärgergefühle als leistungssteigernd ansehen. Sie verwendeten hierzu eine modifizierte Version des STAXI. Es stellte sich heraus, dass die Probanden dazu tendierten, Ärger während des Wettkampfes als leistungssteigernd und nicht als leistungshemmend zu interpretieren. Es gibt demnach Situationen, in denen Ärger förderlich ist. Auf die Ärgerkontrolle im alltäglichen Leben wurde in dieser Studie nicht eingegangen.

2 Historie der Kampfsportarten

Kunst und Handwerk, Jagd und Religion sind wertvolle Kulturgüter. Oftmals wird hierbei vergessen, dass die Kampfkunst auch hinzuzuzählen ist. Diese ist in der Tat eine der ältesten Künste der Menschheit. Der Begriff Kampfkunst leitet sich von dem Begriff „ars martialis“ ab und stammt aus dem Lateinischen. Übersetzt bedeutet er die Kunst des Mars. Mars war ein Kriegsgott im antiken Rom und wird mit dem Begriff ‚martialisch’ oder ‚kriegerisch’ assoziiert. Auf der ganzen Welt entwickelten sich unterschiedlichste Kampfpraktiken, welche entweder für kriegerische Zwecke oder zum persönlichen Schutz gebraucht wurden. Unter ‚Kampfsport’ werden „Sportarten und Bewegungssysteme [verstanden], die sich aus alten Kampfkünsten und Waffenübungen entwickelt haben, noch heute dem Zweikampf oder zur Selbstverteidigung dienen bzw. die Bewahrung alten Brauchtums und traditioneller Bewegungskultur zum Inhalt haben“ (Weinmann, 1991, S. 7). Seit Menschengedenken gibt es Selbstverteidigungs- und Kampfsysteme unterschiedlichster Art. Wurden die Kampfkünste im Altertum und im Mittelalter hauptsächlich des Angriffs und der Verteidigung wegen genutzt, entwickelten sich aus einigen Kampfkünsten über Jahre hinweg Kampfsportarten (Weinmann, 1991). Kriegerische Aspekte gelangten in den Hintergrund, wohingegen der Wettkampfgedanke und erzieherische Ideen mehr und mehr an Bedeutung gewannen. Eine Legende berichtet:

„Ein weiser Japaner beobachtete im Winter in seinem Garten den Schneefall auf einen Weidenbaum. Die Last des Schnees brachte die Zweige zum Nachgeben, der Schnee stürzte mit aller Wucht nach unten und die Weidenzweige kehrten in ihre alte Lage zurück, während daneben ein spröder Ast von einem Kirschbaum brach“ (Peters, 1997, S. 10).

Der Weise käme dieser Betrachtung folgend zu der Einsicht, dass Menschen auf Aggressionen und Angriffe genauso reagieren können, wie der Weidenzweig. Die Idee einer waffenlosen Verteidigung war geboren (Peters, 1997). Heute ist Judo eine der bekanntesten waffenlosen Verteidigungen.

2.1 Judo – der sanfte Weg

Judo ist eine asiatische Kampfsportkunst und bedeutet wörtlich übersetzt ‚sanfter Weg’. Das Prinzip des Judo lautet „Siegen durch Nachgeben“ beziehungsweise „maximale Wirkung bei einem Minimum an Aufwand“ (Lehmann, 1987; Weinman, 1991). Hartmann und Graf (1979, S.11) definieren Ju als das „Prinzip des Nachgebens und der Anpassung an die Absichten des Partners, um zu einer Problemlösung – beim Wettkampf zum Sieg, im Alltag zum Wohlergehen – zu gelangen [und Do als den] Weg und [die] Lehre, um durch aktive Betätigung die eigene Persönlichkeit, seinen Charakter zu entwickeln“. Was heute unter dem Namen Judo bekannt wurde, verkörpert der 1882 von Jigoro Kano Shihan als Judoschule gegründete Kodokan (Peters, 1997). Professor Jigoro Kano entwickelte diesen Sport aus japanischen Kampf- und Verteidigungskünsten der Feudalzeit basierend auf den Grundsätzen Seiryoku Zenyo, d.h. der möglichst wirksame Gebrauch der körperlichen und geistigen Kräfte und Jita Kyoei, d.h. das Wohlergehen für alle durch gegenseitiges Helfen und Verstehen (Weinmann, 1991, S. 108).

2.2 Entwicklung des Judos in Deutschland

Judo wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa bekannt. Anfangs erweckte Jiu-Jitsu[2] die größere Aufmerksamkeit. Allerdings verlor das Jiu-Jitsu an Bedeutung aufgrund der schnellen Entwicklung des Judo im Mutterland Japan, so dass selbst japanische Experten dieser alten Kampfkunst im eigenen Lande kaum noch ein Betätigungsfeld hatten (Lehmann, 1987). Judo wurde in Deutschland erst Ende der 20er Jahre richtig bekannt, als Alfred Rhode den ersten Judo-Club gegründet hatte. 1934 lösten die Nationalsozialisten sämtliche Judoverbände auf und unterstellten deren Mitglieder dem Fachamt ‚Schwerathletik’ im nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen. „Damit hatten die faschistischen Machthaber die Voraussetzung geschaffen, auch den Judosport als Mittel zur moralischen Erziehung und physischen Ausbildung der Jugend bei der Verwirklichung ihrer aggressiven Ziele einzusetzen“ (Lehmann, 1987, S. 11). Nach dem zweiten Weltkrieg erfuhr der Judo-Sport in Deutschland einen rasanten Aufschwung. Im Jahre 1964 wurde Judo schließlich zur olympischen Disziplin.

2.3 Die Grundelemente des Judo

Es ist eine Tradition des Judosports, dass alle judospezifischen Begriffe auf Japanisch gelehrt werden. Judokas trainieren in einem Dojo, was soviel wie „Übungshalle“ heißt; der Trainer wird als Sensei bezeichnet. Judokas wird eine große Disziplin abverlangt. Beim Betreten der Judostätte ist eine kurze Verbeugung üblich. Auch vor Beginn des Trainings sind traditionelle Verhaltensweisen wie die Begrüßung (Rei) oder der Konzentrationssitz (Mokuso) gebräuchlich. Lehmann & Müller-Deck (1987) sind der Meinung, dass traditionelle Rituale als wichtig erachten werden müssen, um den Erziehungsprozess erfolgreich zu gestalten (S. 16).

Formale Kämpfe, die auf den traditionellen Elementen des Judos basieren, werden Kata genannt, während Zweikämpfe auf der Tatami, also den Judomatten als Randori bezeichnet werden. In den meisten Judovereinen werden die formalen Kämpfe kaum noch durchgeführt. Judo wird in Deutschland heutzutage meist wettkampforientiert gelehrt. Aus diesem Grund wird beim Training großen Wert auf Technikschulung und Randori gelegt.

Judokas tragen einen weißen Judoanzug (Judogi) sowie einen Gürtel in einer bestimmten Farbe. Die Farben geben Aufschluss über das technische Können des jeweiligen Judokas. Nach einer gewissen Trainingszugehörigkeit dürfen Judokas an einer Gürtelprüfung teilnehmen. Beim Bestehen dieser Prüfung sind sie berechtigt, den nächst höheren Gürtel zu tragen. Es gibt 8 Schülergrade (Kyu-Grade), sowie 10 Meistergrade (Dan-Grade). Als Meister ist man befugt, den schwarzen Gürtel zu tragen. Die Judotechniken unterteilen sich in die Fallschule (Ukemi), Wurftechniken (Nage-Waza), Grifftechniken und Bodentechniken (Katame-Waza), sowie Würge- und Hebeltechniken. Ursprünglich enthaltene Waffen-, Tritt- und Schlagtechniken wurden Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Lehrplan entfernt, um Judo zu einer Lehre für Körper und Geist werden zu lassen.

Nachfolgend soll nun auf den Aspekt „Körper und Geist“ eingegangen werden und im ersten Schritt die Dimensionen der seelischen Gesundheit erörtert werden.

3 Dimensionen der seelischen Gesundheit

3.1 Was versteht man unter Ärger?

Ärger ist eine grundlegende Emotion, welche im alltäglichen Leben häufig auftritt und meist sehr intensiv erlebt wird. Sie ist eine der Emotionen, über die am meisten geredet wird, die aber zugleich am wenigsten erforscht ist (Novaco, 1978). Dieses Statement liegt zwar schon einige Zeit zurück, aber Weber (1994) sieht hier immer noch enormen Forschungsbedarf und fügt an, dass Novacos Aussage immer noch in abgeschwächter Form zutrifft.

Was aber ist eine Emotion genau? Im allgemeinen Sprachgebrauch wird unter einer Emotion ein mentaler und physiologischer Prozess verstanden, welcher mit einer breiten Auswahl an Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen einhergeht. Sie stellt eine Gemütsbewegung, oder auch Erregung, dar (Das Bertelsmann Lexikon, 1994). Sie ist eine primäre Determinante im Sinne von subjektivem Wohlbefinden und spielt eine zentrale Rolle bei vielen menschlichen Aktivitäten. Es gibt in der Forschung viele Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Definition und Klassifizierung von Emotionen. (z.B.?)

Darauf soll jedoch nicht näher eingegangen werden, sondern die Emotion „Ärger“ beleuchtet werden.

Die Emotion Ärger wird häufig auch als Verdruss betitelt und geht mit einer spontanen inneren Reaktion auf einen Mitmenschen oder eine Situation einher. Das Resultat von Ärger wird als Ärgernis bezeichnet. Hodapp (2000, S. 199) definiert Ärger, Wut oder auch Zorn als „vielschichtige Gefühle, die wir erleben, wenn wir uns durch andere geschädigt fühlen“.

Hannelore Weber (1994, S. 53) schreibt: „Die Emotion Ärger […] kann das Verhalten Aggression nach sich ziehen [und das Verhalten] Aggression kann durch [die Emotion] Ärger motiviert sein“. Schwenkmeztger et al. (1992, S. 8) definieren Ärger als einen emotionalen Zustand, der „aus Gefühlen der Spannung, Störung, Irritation oder Wut besteht und mit einer Aktivierung des autonomen Nervensystems verbunden ist“.

3.1.1 Wie entsteht Ärger?

Die Ärgerauslösung umfasst nach Hodapp (2000) drei Komponenten, nämlich das ärgerauslösende Ereignis, die personspezifische Ärgerneigung sowie die kognitive Bewertung der Situation. Henning und Marietta Allmer (1995) schreiben, dass die Entstehung von Ärger als das „Resultat der subjektiven Bewertung der gegebenen Situationskonstellation aufgefasst wird [und dass] Situationsbewertungen dafür maßgeblich [sind], ob in einer Situation Ärger entsteht oder nicht“ (S. 119). Verrez und Sobez (1980) gehen davon aus, dass Ärger deshalb auftritt, weil andere Menschen ein Prinzip verletzen, welches der Wahrnehmende innerhalb seines Wertsystems als zentral ansieht und als wichtig erachtet.

Kritik oder Provokationen zählen zu den häufigsten Auslösern von Ärger. Auch können Beleidigungen oder Herabwürdigungen, wie beispielsweise verbale Angriffe zu Ärger führen. Hodapp (2000, S. 201) führt außerdem „Ärgernisse unterschiedlicher Provenienz (z.B. soziale und physikalische Reize)“ als Ärgerauslöser an. Attributionstheoretische und kognitive Ansätze verdeutlichen, dass die kognitive Bewertung eines Ereignisses für das Entstehen von Ärger zentral ist. Hodapp (2001) bezeichnet diese Ansätze als „einschätzungstheoretische Ansätze“. Auch verweist er auf Rule und Ferguson (1983), welche in ihrem attributionstheoretischen Ansatz davon ausgehen, dass die Intensität des Ärgers davon abhängt, wie viel Schuld dem Schadensverursacher zugeschrieben wird. Weiterhin äußert er, dass Ärger vor allem dann auftritt, wenn der Eindruck einer absichtlichen Provokation entsteht (Hodapp, 2000).

Es gibt zwei Aspekte der Intentionsbewertung, welche für Ärgerentstehung von großer Bedeutung sind. Zum einen kann eine „beabsichtigte Intentionsrealisierung blockiert oder behindert [werden]“, was zur Folge hat, dass eine Überprüfung des investierten Vorbereitungsaufwands und des eigenen Könnens nicht realisiert werden kann. Zum anderen kann es zu einer „Verfehlung einer Intention“ kommen (Allmer, 1995, S. 121). Schwenmezger et al. (1992) sehen die Blockierung einer zielgerichteten Handlung als Ursache für die Genese einer Ärgeremotion allerdings nicht als hinreichend an.

Schwekmezger et al. verweisen auf Cole, Hunt und Reis (1958), welche ein Phasenmodell der Ärgerentstehung erläutern.

„Eine frustrierende Bedingung, die als Blockade einer Handlung oder als Störung des homöostatischen Gleichgewichts wahrgenommen wird, nimmt die gesamte Aufmerksamkeit einer Person in Anspruch. Das Handlungsziel kann nicht erreicht werden oder wird aus den Augen verloren – es entsteht Ärger“ (Schwenkmezger et al., 1992, S. 8).

Leo Montada (1989, S. 1) beschreibt in Möglichkeiten der Kontrolle von Ärger im Polizeidienst, dass eine Ärgerreaktion aus einer „erlebten tatsächlichen oder drohenden Beeinträchtigung, Behinderung oder Enttäuschung“ entsteht (S. 1). Einer anderen Person muss demnach Verantwortlichkeit zugeschrieben werden. Zudem müssen Pflichten oder Ansprüche verletzt sein und es darf für das ärgerauslösende Verhalten keine Entschuldigungsgründe geben. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass Ärger dann entsteht, wenn etwas den eigenen Motiven bzw. Bedürfnissen zuwiderläuft und an diesem „missfälligen, motiv-inkongruenten Geschehen ein anderer die Schuld trägt, der mit seinem Verhalten Regeln und Standards verletzt“ (Weber, 1994, S. 46).

3.1.2 Formen des Ärgers

Ärger wird in verschiedene Stärkegrade eingeteilt. Die stärkste Form des Ärgers wird als Wut oder umgangssprachlich auch als „Rage“ bezeichnet. Selg, Mees und Berg (1997) gehen davon aus, dass Ärger und Wut nur sehr schwer voneinander zu trennen sind. „Wut enthält weniger kognitive Anteile, weniger Reflexion; sie wirkt gleichsam spontaner“ (Selg et. al, 1997, S. 9). Von Wut wird demnach nur bei höheren Erregungsgraden gesprochen, die leichter zu Aggressionen führen. Daher kann ein fließender Übergang zwischen Ärger und Wut angenommen werden. Die intensivste und größte Ärgerreaktion wird immer dann auftreten, wenn dem Akteur Böswilligkeit zugeschrieben wird (Mees 1992). Ob Wut nur den intensiveren Ärger darstellt, oder eine vom Ärger qualitativ differente Emotion ist, bleibt offen.

Zu den sanfteren Formen des Ärgers werden Unmut, Missmut und Unbehagen gezählt. Ekman und Friesen (1978) fanden heraus, dass die Ärgermimik durch verschiedene Merkmale gekennzeichnet ist. Hierzu zählen ein geöffneter Mund oder auch zusammengepresste sowie gespannte Lippen. Weiterhin sind eine senkrechte Stirnfalte und zusammengezogene Augenbrauen, das Heben der Oberlippe oder geöffnete und angespannte Augenlider zu beobachten. Hodapp (2000) bezeichnet Ärger als eine „sozial konstruierte Emotion“ (S. 200).

Schwenkmezger und Hodapp (1993) unterscheiden zwischen Ärgerzustand und Ärgereigenschaft. Ärger als Zustand ist von einer Aktivierung des autonomen Nervensystems begleitet. Zudem wird der Ärgerzustand als emotionales Bedingungsgefüge aufgefasst, welches „aus subjektiven Gefühlen der Spannung, Störung, Irritation und Wut besteht“, wohingegen Ärger als Disposition die Repräsentation „interindividueller Unterschiede in der Häufigkeit und Intensität beschreibt, in der ein Ärgerzustand erlebt wird“ (Hodapp, 2000, S. 203).

Die Ärgereigenschaft differenziert sich in nach innen und nach außen gerichteten Ärger. Nach innen gerichteter Ärger (Anger-in) richtet sich gegen die eigene Person. Nach außen gerichteter Ärger (Anger-out) richtet sich gegen andere Personen oder Objekte (Hodapp, 2000). „Interindividuelle Unterschiede im Ausmaß des Versuchs, den Ausdruck von Ärger kontrollieren zu können, wird als Anger Control bezeichnet“ (Schwenkmezger et al., 1992, S. 9).

3.2 Was versteht man unter Aggression?

Wohl kaum Begriff in der psychologischen Terminologie eint so viele differente Handlungsweisen wie der der Aggression (Lischke, 1972). Die Ohrfeige, welche die Mutter ihrem Kind gibt, das Töten eines Feindes mit einer Waffe oder mit den eigenen Händen, das Insultieren von Mitmenschen, das Demolieren von eigenen oder fremden Gegenständen, das so genannte aggressive Schweigen oder auch die Selbstanklage des zu Schwermut und Niedergeschlagenheit neigenden Menschen, all diese Phänomene werden in einem Terminus erfasst.

Im alltäglichen Leben kommt es häufig vor, dass Menschen Ärger mit Aggression gleichsetzen und umgekehrt. Im Gegensatz zum Ärger stellt die Aggression allerdings keine Emotion dar. Weber (1994) beschreibt Aggression als Verhalten mit dem anderen Schaden zugefügt wird. Mitscherlich (1969) hingegen definiert Aggression als dasjenige, was durch Aktivität eine innere Spannung aufzulösen sucht. Baron und Richardson (1994, S. 7) verstehen unter Aggression „any form of behavior directed toward the goal of harming of injuring another living being who is motivated to avoid such treatment“. Weinberg und Gould schreiben: “Aggression is physical or verbal behavior; it is not an attitude or emotion. Aggression involves harm or injury, which may be either physical or psychological” (2003, p. 513). Ein wichtiges Kriterium für Aggression ist die Intentionalität: unbeabsichtigter Schaden ist nicht aggressiver Natur. Fährt man in etwa unbeabsichtigter Weise im Straßenverkehr eine Person an, stellt dies keinen aggressiven Akt dar. Berg, Mees und Selg (1988) behaupten, dass ein zufälliges Zufügen von Schmerz nicht als Aggression angesehen werden kann. Jarvis (1999) definiert Aggression folgendermaßen:

„Aggression is not competitiveness, nor is it anger. Competitiveness is an attitude, anger is an emotion. While anger and competitiveness may both contribute to aggression, aggression itself is a behaviour. Aggression by definition involves actively doing something unpleasant to someone. Aggressive behaviour may come in many forms, ranging from verbal abuse […] to physical violence” (S. 45).

Aus diesem Zitat wird ersichtlich, dass Aggression ganz klar von Ärger abzugrenzen ist. Während Aggression Verhalten ist, verkörpert Ärger eine Emotion. Auch wird deutlich, dass Aggression mit unschönem Handeln gegenüber Dritten oder sich selbst einhergeht. Bereits in den 1970er Jahren definiert Schott Aggression als Handlung, bei der der Ausführende die Absicht hat, jemanden zu schädigen oder ihm wehzutun (Schott, 1971).

Berg et al. (1988) hingegen distanzieren sich von einer möglichen Definition des Aggression-Begriffs und fügen an, dass sich ein exaktes Eingrenzen als schwierig erweisen wird. Vielmehr formulieren sie, unter welchen Voraussetzungen sie etwas als Aggression bezeichnen würden. Ihnen zufolge besteht eine Aggression in einem „gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichteten Austeilen schädigender Reize“ (1988, S. 14). Weiterhin führen sie an, dass Aggression ein Verhalten meint und nicht bereits eine spekulative Ursache hiervon. Auch meint Aggression keinen Affekt wie Ärger, Wut oder Hass.

Aggressivität hingegen wird als eine Persönlichkeitsvariable, d.h. als eine Eigenschaft angesehen. Unter Aggressivität verstehen Selg, Mees und Berg (1997) eine erschlossene, relativ überdauernde Bereitschaft zu aggressivem Verhalten. Unter aggressiven Menschen werden solche verstanden, die immer wieder ein aggressives Verhalten an den Tag legen. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass verbal aggressive Menschen nicht zwangsläufig physisch aggressiv sind.

3.2.1 Wie entsteht Aggression?

Die Ethnologie, deren bekannteste Vertreter Lorenz (1963) und Eibl-Eibesfeldt (1970) sind, führt Aggression auf einen biologischen Trieb zurück. Lorenz (1963) ist der Meinung, dass unser Organismus habituell aggressive Impulse produziert, welche sich so lange aufstauen, bis eine gewisse Schwelle überschritten wird. Die Folge ist eine Entladung in einer aggressiven Aktion. Im Anschluss herrscht erst einmal Ruhe. Aggressive Impulse stauen sich allerdings langsam wieder an und nach einem gewissen Zeitraum kommt es wieder zu einer aggressiven Handlung. Lorenz (1963) sieht in dem Aggressionstrieb einen arterhaltenden Instinkt. Beide Forscher sind der Meinung, dass diese Energie zur Regulierung des Aggressionstriebes auf Ersatzhandlungen – beispielsweise sportliche Wettkämpfe – umgeleitet werden kann. Die Hypothese der kathartischen Wirkung ist experimentell allerdings nicht haltbar.

Neben diesen triebtheoretischen Ansätzen sind die Frustrations-Aggressions-Hypothese von Dollard et al., sowie die Theorie der aggressiven Hinweisreize von Berkowitz zu nennen (Schlicht und Strauß, 2001). Erstgenannte besagt, dass Reize wie Frustration oder Ärger zu einem aggressiven Verhalten führen. Letztgenannte beinhaltet, dass das Auftreten von Aggressionen wahrscheinlicher ist, wenn erregte Personen Hinweisreize erhalten, die sie mit Aggressionen verbinden. Berkowitz postulierte weiterhin, dass Frustration nicht unweigerlich zu dem Bedürfnis führt, einem anderen lebenden Organismus Schaden zuzufügen. Der Prozess wird vielmehr durch den emotionalen Status des Ärgers vermittelt.

Die von Bandura aufgestellte Theorie des sozialen Lernens erklärt Aggression als ein erlerntes Verhaltensrepertoire. Es findet ein instrumentelles Konditionieren und eine soziale Modellierung statt, sprich ein Imitationslernen. Weinberg und Gould (2003, S. 517) äußern sich wie folgt: “It emphasizes the important role that significant others have in the development or control of aggression, since medeling and reinforcement are the key ways in which people learn aggressive behavior“. Weinberg und Gould (2003, S. 517) zufolge ist die Theorie der aggressiven Hinweisreize eine der treffendsten Aggressionstheorien: “[…] it combines the best elements of the original frustration-aggression and the social learning theories and uses an interactional model […] to explain behavior“. Außerdem führen sie an: ”strong support has been found for the revised frustration-aggression and social learning theories. Frustration predisposes individuals to aggressiveness, and aggression occurs if people have learned that it is an appropriate reaction to frustration“ (p. 523).

3.2.2 Formen der Aggression

Es gibt unterschiedliche Formen der Aggression: sowohl die offene physische Form gegenüber Lebewesen oder unbelebten Objekten, die offene verbale oder nonverbale Form[3], die verdeckte Form[4], die indirekte Form[5] oder auch die emotionale Form[6]. Berg et al. (1988) schreiben: „eine Aggression kann offen (körperlich oder verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein“ (S. 14).

Jarvis (1999) unterscheidet zudem zwischen „hostile“ und „instrumental aggression“. Die so genannte feindselige Aggression ist primär dazu gedacht, anderen Schaden zuzufügen und wird von Ärger begleitet. Von instrumenteller Aggression wird hingegen gesprochen, wenn das jeweilige Verhalten voraussichtlich Schaden verursachen wird, aber die Intention eine andere ist (in etwa seinen Gegner zu bezwingen). In Kontaktsportarten wird ein gewisser Grad an instrumenteller Aggression akzeptiert. Allerdings fügt Jarvis auch hinzu: ”The case of [Judo] raises particular problems for making a clear distinction between hostile and intrumental aggression, as the whole aim of the sport is to cause some degree of harm“ (1999, S. 47). Unter „harm“ kann man Hebel- oder Würgetechniken verstehen.

Auch Gould und Weinberg (2003) differenzieren zwischen „hostile“ und „instrumental“ aggression:

“Psychologists distinguish two types of aggresion: hostile, or reactive aggression and instrumental aggression […]. In hostile aggression, the primary goal is to inflict injury or psychological harm on another, whereas instrumental aggression occurs in the quest of some nonaggressive goal” (p. 513).

Berg et al. (1988) führen darüber hinaus auch den Begriff der Selbstaggressionen an. Demnach kann ein Mensch zugleich Subjekt und Objekt seines Verhaltens sein. Auch Phantasien können als Aggressionen eingestuft werden, sofern man Phantasietätigkeit als verdecktes Verhalten akzeptiert. Zusammengefasst kann gesagt werden, dass als Aggression solches Verhalten bezeichnet werden kann, bei dem „schädigende Reize gegen einen Organismus (oder ein Organismussurrogat) ausgeteilt werden“ (Berg et al., 1988, S. 16).

3.3 Gegenüberstellung von Ärger und Aggression

Die Begriffe Ärger und Aggression stehen im Alltagsgebrauch nah beieinander. Es kommt vor, dass die Begriffe synonymisch verwendet werden. Schwenkmezger et al. (1992, S. 10) verweisen auf Biaggio, Supplee und Curtiss (1981) und fügen an, dass Ärger gegenüber Aggression eher ein „elementares emotionspsychologisches Konzept ist [welches sich auf einen emotionalen Zustand bezieht], der hinsichtlich der Intensität von relativ milder Erregung bis hin zur Wut variiert […]“

Das Konzept der Aggression beinhaltet eine destruktive und „bestrafende“ Komponente, ist also eher verhaltensorientiert (Schwenkmezger et al., 1992). Hieraus folgt, dass die Ärgeremotion eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Manifestation von aggressivem Verhalten darstellt.

Selg, Mees und Berg (1997) bezeichnen Ärger, Wut und auch Zorn als Gefühle, welche oft im unmittelbaren Umfeld von Aggressionen identifiziert werden können. Diese Gefühle sind demnach „aggressions-affin“, was bedeutet, dass sie oft im Zusammenhang mit Aggression auftreten. Allerdings können sie auch ohne Aggressionen auftreten. Viele Menschen sind in der Lage, Ärger „hinunterzuschlucken“, ohne dabei aggressiv zu werden. Im Gegensatz hierzu gibt es aber auch Menschen, welche aggressiv werden, ohne sich zuvor geärgert zu haben.

Ärger ist objektbezogen: „Etwas“ wird als Störung empfunden, das beseitigt werden soll. Es wird hierbei deutlich, aus welchem Grund Ärger und Aggressionen oftmals miteinander in Verbindung gebracht werden: „Aggressionen sind gelegentlich ein einfaches Mittel, störende Hindernisse zu beseitigen“ (Selg et al., 1997, S. 18).

Ärger kann Energie frei setzen, die für eine Aggression benötigt wird.

Nachdem der Forschungsstand zu den Dimensionen Ärger und Aggression vorgestellt und erläutert wurde, werden im nächsten Schritt aktuelle Forschungsergebnisse zu den Effekten des Judos auf die seelische Gesundheit angeführt und näher betrachtet.

4 Aktueller Forschungsstand: Effekte des Judos auf die seelische Gesundheit

Bei vielen Sportarten sind kaum Aggressionen festzustellen, so etwa bei läuferischen Disziplinen wie dem Marathonlauf. Auch bei künstlerischen Disziplinen wie dem Eiskunstlauf oder dem Gerätturnen sind aggressive Verhaltensweisen kaum anzutreffen. Anders hingegen bei der Sportart Judo. Hier werden tatsächlich gezielt schmerzbereitende Reize ausgeteilt. Das Aufgeben des Gegners wird durch Würgegriffe oder Hebeltechniken angestrebt. Es stellt sich die Frage, ob Judo dienlich ist, Aggressionen im täglichen Leben zu reduzieren, da es einen legitimen Weg bietet, aggressive Instinkte auszudrücken.

Nach Tiwald (1981) behauptet ist Kampf jedoch nicht mit Aggression gleichzusetzen. Nicht jeder Schlag ist eine Aggression und nicht jede Aggression geht mit körperlichem Schlagen einher. Ebenso wenig ist im Kampfsport Platz für Aggressivität, da die Wahrnehmung und das Denken dadurch beeinträchtigt werden: unkontrolliertes Verhalten sind die Folgen. Wer Judo beispielsweise als Ventil für Prügeleien betrachtet, wird sehr schnell merken, dass sich Wut und Zorn nicht lohnen werden: die Kampfkraft wird gemindert und das Resultat wird in den meisten Fällen eine Niederlage sein. Gerade beim Judo wird eine Aggression „sofort mehr oder weniger mit eigenem Schmerz oder einer Niederlage bezahlt werden“ (Tiwald, 1981, S. 33). Beim Erlernen von Judo muss daher die Aggression verschwinden.

Nach Tiwald (1981) ist Aggression von einer die Wahrnehmung und das Denken beeinträchtigenden Wut begleitet. Wie oben bereits erwähnt, bezeichnen auch Selg et al. Gefühle wie Wut und Ärger als aggressions-affin. Dies heißt allerdings nicht, dass diese Gefühle im Zusammenhang mit Aggression auftreten müssen. Aggressionen können auch ohne Wut auftreten. Hooligans prügeln sich oftmals aus reiner Lust. Sie sind aggressiv, aber keinesfalls wütend. Es kommt vor, dass sich Hooligans verschiedener Gruppen nach Prügeleien auf ein Bier verabreden. Jarvis (1999) bezeichnet dies als instrumentale Aggression. Die Aggression dient in diesem Fall nur dazu, die gegnerische Bande zu besiegen. Fakt ist, dass sich aggressive Menschen oftmals zum Kampfsport hingezogen fühlen. Tiwald (1981, S. 34) erwähnt, dass nirgendwo ihre Aggressivität besser abgebaut wird, als in einem ernst betriebenen und gut geleiteten Kampfsport-Training.

Jarvis (1999, S. 56) schreibt: „martial arts training appears to reduce aggression“. Er bezieht sich auf Kevin Daniels und Everard Thornton (1990), welche Karateka und das Auftreten von Aggressionen untersuchten. Sie fanden heraus, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen „assaultive hostility (reported tendency to respond with physical violence) and length of training (r = -0.64)“ gibt. Ob sich ihr Resultat auf Judokas projizieren lässt, ist fraglich. Weiterhin fanden Daniels und Thornton (1990) heraus, dass Kampfsportler, welche Kampfsport erst seit kurzem betreiben, feindseliger sind, als Kampfsportler, die schon länger Kampfsport betreiben. Dies bedeutet, dass die Feindseligkeit mit zunehmender Trainingszugehörigkeit abnimmt. Ob sich ihre Ergebnisse auch auf Judokas übertragen lassen, wird sich im empirischen Teil herausstellen.

Im Folgenden werden verschiedene Studien und deren Ergebnisse kurz zusammengefasst und kritisch hinterfragt. Anschließend werden Gemeinsamkeiten und Widersprüche der Studien beleuchtet.

[...]


[1] Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) ist ein Persönlichkeitstest in der klinischen Psychologie und Psychiatrie und dient dazu, psychische Störungen zu untersuchen

[2] eine von den japanischen Samurai stammende Kampfkunst der waffenlosen Selbstverteidigung

[3] beispielsweise Beleidigungen oder für die Aggression typische Mimiken

[4] hierzu zählen Phantasien

[5] z. B. üble Nachrede

[6] Stress, Ärger, Wut, Groll, Hass, Neid

Details

Seiten
100
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640342174
ISBN (Buch)
9783640342266
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127705
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für Sport und Sportwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Judo Leben Aggressionspotential Judokas Fußballern Fußball Bundesliga

Autor

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Titel: Judo - der Weg zu einem ausgeglichenen Leben?