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Die narrative und filmische Umsetzung ausgewählter Motive aus Lewis Carrols Erzählungen um Alice im Film "The Matrix"

Unter besonderer Berücksichtigung des Aspekts der künstlichen Geschöpfe und Welten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die narrative und filmische Umsetzung ausgewählter Motive aus den Erzählungen Alices Abenteuer im Wunderland und Durch den Spiegel und was Alice dort fand in dem Film The Matrix
a.) Der Kaninchenbau als Tor in eine Traumwelt in Alices Abenteuer im Wunderland und Durch den Spiegel und was Alice dort fand und als Tor aus der Traumwelt im Film The Matrix oder: Morpheus und das weiße Kaninchen – Wegweiser auf der Suche nach sich selbst
b.) Reflektierte Träume – das Spiegelmotiv
c.) „Wer in aller Welt bin ich?“ – „Erkenne dich selbst“
d.) Aufwachen aus der Traumwelt – die unerreichbare blaue Pille
e.) „Nur ein Satz Spielkarten“ – „Nur ein Agent“ – Der Sieg über die künstlichen Geschöpfe
f.) Schwarz gegen Weiß – Maschine gegen Mensch – Das Schachmotiv

2. Die konstruierte künstliche Welt in den Erzählungen von Lewis Carroll und im Film The Matrix im Vergleich - Zusammenfassung

3. Literaturverzeichnis

1. Die narrative und filmische Umsetzung ausgewählter Motive aus den Erzählungen Alices Abenteuer im Wunderland und Durch den Spiegel und was Alice dort fand in dem Film The Matrix

a.) Der Kaninchenbau als Tor in eine Traumwelt in Alices Abenteuer im Wunderland und als Tor aus der Traumwelt im Film The Matrix oder: Morpheus und das weiße Kaninchen – Wegweiser auf der Suche nach sich selbst

„The Matrix has you…“[1], dieser Satz beendet Neos Suchprogramm, das er auf seinem Computer gestartet hatte. Er legt seine Kopfhörer weg, mit denen er zuvor „dissolved girl“ von Massive Attack gehört hatte, was seine, im Verlauf des Films immer stärker erkennbaren, Zweifel bezüglich seines Lebens, verdeutlicht. Wie Alice fühlt er sich „aufgelöst“ und bezweifelt seine Existenz in der Traumwelt.

Neo ist zunächst sehr verwirrt über die mysteriöse virtuelle Kontaktaufnahme, insbesondere, als er die weiteren eingetippten Wörter liest: „Follow the white rabbit.“[2] Das Folgen des weißen Kaninchens wird für den Zuschauer umso eindringlicher, da jeder Buchstabe in Nahaufnahme langsam eingeblendet wird und die Kamera dem Eintippen von links nach rechts horizontal folgt. Mit dieser Technik wird die Intensität und Bedeutsamkeit dieser unglaublichen Aufforderung unterstrichen, da es für den weiteren Verlauf der Handlung entscheidend ist, ob Neo der Anweisung nachkommt oder nicht. Doch Neo will es zunächst nicht wahrhaben was er auf seinem Bildschirm sieht und drückt mehrmals die Escape-Taste, doch die grünen Buchstaben auf schwarzem Grund, die dominierenden Farben der Matrix, bleiben wo sie sind. Damit wird schon zu Beginn der Handlung deutlich, dass es für Neo kein Zurück gibt und er tatsächlich von der Matrix gefangen wurde, was ja, wie man bald von Morpheus erfahren wird, kein neuer Zustand ist, sondern eigentlich schon sein ganzes Leben der Fall ist, nur weiß Neo dies noch nicht.

„Knock, knock, Neo!“[3] Mit dieser Vorwarnung auf das unmittelbar folgende Klopfen an seiner Zimmertür tritt ein Wendepunkt in dem Leben Neos ein. Vor seiner Zimmertür, mit der nicht zufällig gewählten Nummer 101, als Pendant zu „Room 101“, dem Gehirnwäschezentrum in George Orwells Roman „1984“, steht sein Kunde Choi, dem er eine illegale Software verkauft. Zur Tarnung versteckt Neo diese in Jean Baudrillards Buch „Simulacra and Simulations“ unter dem Kapitel „On Nihilism“. Da der Begriff „Nihilismus“, der vom lateinischen Wort „nihil“ abstammt und mit „nichts“ übersetzt werden kann, eine Weltanschauung beschreibt, die die vorfindbaren Sinnangebote in der Welt als unglaubwürdig erklärt, wird bereits auf Neos Zweifel angespielt und ein Hinweis auf die Scheinwelt gegeben. Die radikale Auflehnung gegen das bestehende System, entsprechend des Nihilismus, zeigt sich in dem Film ab dem Punkt, wenn Neo zu einem Rebellen unter der Führung Morpheus wird.

Nachdem Neo Choi die Software übergeben hat sagt dieser zu ihm: „Halleluja, hast mich gerettet, Mann. Du bist mein Erlöser!“[4] Die messianische Rolle wird Neo also gleich zu Beginn zugeschrieben, obwohl Choi die Bezeichnung hier zunächst nur als Floskel benutzt. In der weiteren Kommunikation zwischen Choi und Neo wird deutlich, wie Neo derzeit sein Leben sieht und was ihn beschäftigt: „Kennst du das Gefühl, wenn du nicht weißt, ob du wach bist oder noch träumst?“[5] Er weiß, dass in der Welt, wie er sie derzeit erlebt, etwas nicht stimmt und ist deshalb auf der Suche nach Morpheus. „At the beginning of The Matrix, driven by his own doubts and questions, Neo is beginning to look beyond his everyday experience for a deeper truth.”[6] Der Zuschauer kann sich mit Neo identifizieren, denn auch er ist oft auf der Suche nach Antworten und dem Sinn des Lebens. „They search, like Neo, for the truth.“[7]

Als Neo dann noch das eintätowierte weiße Kaninchen sieht, ist er wie hypnotisiert. Die Kamera zoomt zunächst aus Neos Perspektive auf die Tätowierung, dann wechselt die Kameraeinstellung und Neos Gesicht wird aus der Untersicht, aus der Perspektive des Tattoos, herangezoomt. Durch die direkt aufeinander folgenden Zooms, wirkt die Szenerie wie eine Kommunikationssituation zwischen Neo und dem weißen Kaninchen. Neo ist von dem Anblick des weißen Kaninchens gefangen, es fungiert also quasi als „Eyecatcher“. Er starrt auf das Tattoo, verwirrt von der Tatsache, dass sich die Aufforderung auf dem Computerbildschirm bewahrheitet hat und geht, gegen alle Vorsicht und Zweifel, mit Choi und seiner Clique in einen Club, in der Hoffnung, am Ende Antworten zu bekommen.

In dem Club begegnet Neo Trinity, die ihm vor Augen führt, weshalb er dem weißen Kaninchen gefolgt ist: „Es ist die Frage, die uns keine Ruhe lässt […] Du kennst die Frage“[8], woraufhin Neo antwortet: „Was ist die Matrix?“[9] Neo weiß jetzt, dass Trinity eine Verbündete ist, „das Motiv ist nun explizit ausgesprochen, nun will auch der Zuschauer wissen, was die Matrix ist.“[10] Es folgen keine weiteren Erklärungen über die Konstruktion der Matrix und durch diese Unwissenheit und Neugier beim Zuschauer, die im Film durch Neo vertreten wird, bleibt die Spannung aufrechterhalten.

Nachdem Neo von den Agenten verhaftet und verwanzt wird, wacht er in seinem Bett auf, in der Annahme, dass das Passierte nur ein Alptraum war. Der Traum fungiert hier bereits als Tarnung für etwas Reelles, das dem Menschen verborgen bleiben soll, wobei Neos verwanzter Körper an diesem Punkt des Films noch nicht real ist und erst später aus der Traumwelt entkoppelt wird.

Dass Neo das Verhör doch nicht geträumt hat, bekommt er zu spüren, als Trinity ihn entwanzt und zu Morpheus bringt. Motive des Film noir dominieren die Szene, in der Neo im Auto zu Morpheus chauffiert wird, genauso wie deren spätere Begegnung. „Neo, an alienated young man who is called out of the obscurity of his corporate cubicle to lead a band of rebels against the ubiquitous foe, Artificial Intelligence.”[11] Der entfremdete Held, der diesen Status nur in so weit erahnen kann, wie Morpheus ihn am Telefon darüber aufgeklärt hat: „Du bist auserwählt, Neo“[12], wird nachts bei strömendem Regen abgeholt. „Du kennst die Welt da draußen. Du kennst ihre Irrwege und ich weiß, dass du diese nicht gehen willst“[13], erklärt ihm Trinity kurz bevor sie ihm die Wanze aus dem Bauch entfernt: „Das war ja doch kein Traum.“[14]

Nachdem sie das Gebäude erreicht haben, in dem sich Morpheus aufhält, steigen sie das Treppenhaus hinauf. Die Kamera filmt den Aufstieg aus der absoluten Aufsicht, wobei sie sich langsam dreht. Dadurch wird erneut das Motiv der Desorientierung des Film noir angeführt, welches in ähnlicher Weise auch in Durch den Spiegel und was Alice dort fand vorkommt: „Das ist ja eher ein Korkenzieher als ein Pfad!“[15] Alice versucht einen Hügel zu erreichen um von ihm aus das Territorium zu überblicken, läuft allerdings, aufgrund der gespiegelten Welt immer weiter vom Objekt weg, als dass sie sich nähert.

Als eine weitere Charakteristik des Treppenhauses fallen die im Schachbrett-Muster angelegten Kacheln auf, die einerseits auf das Schachbrett-Spiel Schwarz gegen Weiß bzw. Maschine gegen Mensch verweisen, welches auch in Durch den Spiegel und was Alice dort fand auftaucht, worauf ich später noch genauer eingehen werde, andererseits auf die künstliche Welt der Matrix, in der alles schematisch angeordnet ist.

„Du fühlst dich im Moment sicher wie Alice im Wunderland, während sie in den Kaninchenbau stürzt, mmh?“[16] Der Vergleich zu Alices Abenteuer im Wunderland wird hier erstmalig von einem Protagonisten des Films verbalisiert. Morpheus schreitet durch das Zimmer, während Neo sich auf einen der beiden Sessel setzt. Da die Kamera Morpheus aus Neos Perspektive aus der Untersicht zeigt, Neo aus Morpheus Perspektive aber nicht aus der Aufsicht gefilmt wird, sondern auch aus einer leichten Untersicht, wird deutlich, dass Neo vor Morpheus sehr viel Respekt und Ehrfurcht hat, Morpheus sich aber nicht über ihn stellt, ihn auch respektvoll behandelt und für sehr bedeutend hält. „Du siehst aus wie ein Mensch, der das, was er sieht hinnimmt weil er damit rechnet, dass er wieder aufwacht.“[17] Morpheus hält Neo vor Augen, dass sein Gefühl, in einem Traum zu leben, obwohl nicht beschrieben wird, weshalb die Welt um Neo für ihn so irreal erscheint, tatsächlich das Konstrukt der Matrix beschreibt.

Hier lässt sich erneut eine Parallele zu Alices Abenteuer im Wunderland ziehen. Alice gelangt in das Wunderland und sieht und erlebt Dinge, die rational eigentlich nicht möglich sind. Zunächst findet sie die Phantasiewesen, die Beschaffenheit des Wunderlands und ihre eigenen Transformationen sehr merkwürdig und versucht sie sich durch Selbstgespräche und Fragereien zu erklären. Ein Beispiel hierfür ist die Szene, in der Alice auf die Teegesellschaft, bestehend aus dem Märzhasen, dem Hutmacher und dem Siebenschläfer, stößt. Als sie den Siebenschläfer sieht, der von den anderen als Kissen benutzt wird, denkt sie sich, dass es „sehr unbequem für den Siebenschläfer“ sein muss, „allein, da er schläft, nehme ich an, dass es ihm nichts ausmacht.“[18] Die Menschen in The Matrix werden auch von den Maschinen benutzt, bekommen aber, aufgrund der Einspeisung der simulierten Welt in ihren Geist, nichts davon mit.

Die Geschichte über einen Sirupbrunnen, die der Siebenschläfer Alice in einer kurzen Wachphase erzählt, klingt für sie so unglaubwürdig, dass sie ständig Fragen stellt und kundtut, dass es rational nicht möglich sei. Je länger sie sich aber im Wunderland aufhält, desto mehr akzeptiert sie die Welt, als eine von ihrem eigenen Leben völlig unterschiedliche Umgebung mit anderen Gesetzen und einer für sie fremden Logik. Indem Alice mehrmals von Menschen und Tieren aus ihrem realen Leben erzählt und versucht Gedichte zu rezitieren, wird deutlich, dass ihr bewusst ist, dass es noch eine andere Welt neben dem Wunderland gibt, auch wenn die Phantasiewelt nicht explizit als Traum dargestellt wird und daher nicht klar wird, ob Alice davon ausgeht daraus wieder aufzuwachen. Schon am Anfang ihrer Abenteuerreise, als sie verzweifelt versucht die richtige Körpergröße zu bekommen, um durch die kleine Tür zu passen, wird deutlich, dass Alice die Traumwelt komisch erscheint und sie sie auch hinterfragt. „Sie spürt, dass sie nicht mehr sie selber ist. Aber nicht mal das weiß sie genau. Vielleicht trügt ja auch die Erinnerung? Und niemand ist da, den sie kennt oder mit dem sie sprechen könnte.“[19]

Auch Neo konnte mit niemandem über seine Gedanken und Ängste sprechen und ist froh, endlich Morpheus gefunden zu haben und von ihm Antworten zu erhalten. „Du bist hier weil du etwas weißt, etwas, dass du nicht erklären kannst, aber du fühlst es.“[20] Neos Zweifel an der Welt werden verstärkt durch die Einstellungsgrößen. Morpheus und Neo sitzen sich gegenüber und jedes mal wenn Morpheus Gesicht in Nah- oder Grossaufnahme gezeigt wird, spiegelt sich Neo in seiner Sonnenbrille. Morpheus sieht Neo also durch die Spiegel bzw. Gläser der Matrix und kennt die Wirklichkeit dahinter. Neo hingegen sieht sein künstliches Ich in Morpheus Brillengläsern gespiegelt, von Unsicherheit und Zweifeln geplagt, wie es in der Matrix behaftet ist. „Neo sieht sein Spiegelbild überall, in so gut wie jeder reflektierenden Fläche. Als Morpheus ihm die blaue oder die rote Kapsel anbietet, sieht Neo Spiegelbilder seines Matrix-Ichs und seines echten Ichs.“[21]

Als wollte er das parallele Bestehen der Matrix und der wirklichen Welt unterstreichen, dreht Morpheus die Pillendose, mit den beiden Kapseln, die er Neo kurz darauf anbietet, in seiner Hand. Das Leben jedes Menschen hat also, wie die Dose, zwei Hauptseiten, die körperliche Ebene, als menschliche Batterie in der Wirklichkeit und die geistige Ebene, als virtuelles Ich in der Scheinwelt.

[...]


[1] The Matrix, USA 1999, R.: The Wachowski Brothers, DVD-Fassung (Warner Brothers), 00:07:12.

[2] Ebd., 00:07:22.

[3] Ebd., 00:07:31.

[4] The Matrix, 00:08:23.

[5] Ebd., 00:08:43.

[6] Jones, Richard R.: Religion, Community and Revitalization. In: Kapell, Matthew / Doty, William G. (Hrsg.): Jacking in to the Matrix franchise: cultural reception and interpretation, S. 55.

[7] Ebd., S. 55.

[8] The Matrix, 00:11:11.

[9] Ebd., 00:11:16.

[10] Platzgummer, Valentin: Die Errettung der Menschheit. Studien zu den Science-Fiction-Filmen „Gattaca“ und „Matrix“, S. 92.

[11] Isaacs, Bruce / Trost, Theodore Louis: Story, Product, Franchise: Images of Postmodern Cinema. In: Kappell/ Doty: Jacking into the Matrix franchise, S. 66.

[12] The Matrix, 00:21:27.

[13] Ebd., 00:22:51.

[14] Ebd., 00:23:52.

[15] Carroll, Lewis: Durch den Spiegel und was Alice dort fand, S. 31.

[16] The Matrix, 00:25:28.

[17] Ebd., 00:25:39.

[18] Carroll: Alices Abenteuer im Wunderland, S. 77.

[19] Flemming, Günther (Hrsg.): Nachwort. In: Carroll, Lewis: Alices Abenteuer im Wunderland, S. 181.

[20] The Matrix, 00:26:27.

[21] Di Filippo, Paul: Der Bau eines besseren Simulakrums: Literarische Einflüsse auf Matrix. In: Haber, Karen (Hrsg.): Das Geheimnis der Matrix, S.89.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640343287
ISBN (Buch)
9783640343119
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127864
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
Lewis Carroll Matrix Alice im Wunderland künstlicher Mensch Prometheus Roboter Maschine

Autor

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