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Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen

©2022 Hausarbeit (Hauptseminar) 15 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wieso der Mensch es noch heute als selbstverständlich ansieht, andere nicht-menschliche Lebewesen töten und verzehren zu dürfen.

Die Debatte um das Tierwohl ist eine derzeit sehr häufig anzutreffende Auseinandersetzung in Deutschland. Diese wird meistens im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelherstellung und dem Konsum von Fleisch thematisiert, dabei jedoch in der öffentlichen Diskussion häufig vermischt mit Thematiken wie der ökologischen Nachhaltigkeit sowie einer ethisch und moralisch ‚richtigen‘ Ernährungsweise.

Diesen Fragen nachgehend soll die in allen Kulturkreisen verbreitete, aber heute kritisch betrachtete Annahme einer anthropologischen Differenz, nach der die Menschen anderen nicht-menschlichen Lebewesen aufgrund ihrer einzigartigen Fähigkeiten überlegen seien, geprüft werden.

Auch das Konzept des Speziesismus, einer moralischen Diskriminierung und Degradierung anderer Arten ausschließlich aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, wird dabei eingezogen.

Menschen, die das Töten von Tieren ablehnen, argumentieren auf der anderen Seite gegen die Vertretbarkeit des Tötens von Tieren, mit der Fähigkeit dieses Leid zu empfinden. Ist die Leidensfähigkeit von Tieren also ein Kriterium, weshalb diese nicht getötet werden dürfen, auch wenn der Mensch den oben genannten Konzepten zufolge dem Tier doch als überlegen gilt? Und wie plausibel ist auf der anderen Seite eine selbstverständliche Grenzziehung zwischen den auf Basis ihrer Leidensfähigkeit schützenswerten Tieren und den Pflanzen, die der Mensch selbstverständlich töten darf?

Schließlich handelt es sich auch bei Pflanzen um Lebewesen, denn einiges spricht dafür, dass nicht nur ‚das liebe Vieh, sondern auch Gemüse- und Getreidepflanzen empfindungsfähig sind. Auch hier kommt es, zugeschrieben durch den Menschen, zu einer Überhöhung der Tiere gegenüber den Pflanzen. Woher kommt diese Selbstverständlichkeit, mit der wir Menschen anderen Arten ihren Platz zuweisen?

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderer Lebewesen
2.1 Das Konzept des Speziesismus
2.2 Anthropologische Differenz

3. Das Kriterium der Empfindungs- / Leidensfähigkeit
3.1 Das Problem mit der Leidensfähigkeit
3.2 Die Empfindungsfähigkeit der Pflanzen als entkräftigendes Argument?

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Debatte um das Tierwohl ist eine derzeit sehr häufig anzutreffende Auseinandersetzung in Deutschland. Diese wird meistens im Zusammenhang mit der Nahrungsmittelherstellung und dem Konsum von Fleisch thematisiert, dabei jedoch in der öffentlichen Diskussion häufig vermischt mit Thematiken wie der ökologischen Nachhaltigkeit sowie einer ethisch und moralisch ‚richtigen‘ Ernährungsweise (vgl. Fischer 2020: 1).

In letzter Konsequenz [jedoch] liegt dieser Diskussion die Frage nach der Stellung des Menschen in der Natur zu Grunde: Ist der Mensch die ‚Krone der Schöpfung’ und ‚Herrscher der Erde’ , und darf er somit Tiere töten, um sie zu verzehren? (ebd.).

Diesen Fragen nachgehend soll die in allen Kulturkreisen verbreitete, aber heute kritisch betrachtete Annahme einer anthropologischen Differenz, nach der die Menschen anderen nicht-menschlichen Lebewesen aufgrund ihrer einzigartigen Fähigkeiten überlegen seien, geprüft werden. Die erste These, die es im Rahmen dieser Arbeit zu prüfen gilt, lautet daher:

T1: Um das Töten von Tieren zu rechtfertigen, kann eine anthropologische Differenz zwischen Menschen und Tier im 21. Jahrhundert nicht mehr herangezogen werden.

Auch das Konzept des Speziesismus, einer moralischen Diskriminierung und Degradierung anderer Arten ausschließlich aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, soll dabei einbezogen werden.

Menschen, die das Töten von Tieren ablehnen, argumentieren auf der anderen Seite gegen die Vertretbarkeit des Tötens von Tieren, mit der Fähigkeit dieser Leid zu empfinden. Ist die Leidensfähigkeit von Tieren also ein Kriterium, weshalb diese nicht getötet werden dürfen, auch wenn der Mensch den oben genannten Konzepten zufolge dem Tier doch als überlegen gilt? Und wie plausibel ist auf der anderen Seite eine selbstverständliche Grenzziehung zwischen den auf Basis ihrer Leidensfähigkeit schützenswerten Tieren und den Pflanzen, die der Mensch selbstverständlich töten darf? (vgl. Lemke 2015: 54). Schließlich handelt es sich auch bei Pflanzen um Lebewesen, denn „einiges spricht dafür, dass nicht nur ‚das liebe Vieh‘, sondern auch Gemüse- und Getreidepflanzen empfindungsfähig sind“ (ebd.). Auch hier kommt es, zugeschrieben durch den Menschen, zu einer Überhöhung der Tiere gegenüber den Pflanzen. Woher kommt diese Selbstverständlichkeit, mit der wir Menschen anderen Arten ihren Platz zuweisen?

Um einer Antwort auf diese Fragen näher zu kommen1, gilt es dabei generell zu klären, welche Eigenschaften ein Lebewesen aufweisen muss, um eine moralische Berücksichtigung zu verdienen (vgl. Bode 2018: 22f.). Aus Interesse dieser konfliktbehafteten Thematik nachzugehen, lautet die zweite These:

T2: Die Empfindungsfähigkeit von Lebewesen als alleiniges Argument gegen das Töten von Tieren anzuführen, ist eine defizitäre Argumentation.

Dabei müssen die Begriffe der Empfindungs- und Leidensfähigkeit voneinander abgegrenzt werden, auch wenn sie in einem sehr engen Verhältnis zueinanderstehen. Ist ein Lebewesen empfindungsfähig, bedeutet dies, dass es z.B. über eigene Wahrnehmungen oder Gefühle verfügt. Wie stark diese ausgeprägt sind, ist unter anderem abhängig von dem Nervensystem der Spezies.

„Empfindungsfähig zu sein bedeutet auch leidensfähig zu sein“ (Fischer 2020: 28). Die Empfindungsfähigkeit kann daher als Oberbegriff angesehen werden, unter den auch die Leidensfähigkeit von Lebewesen fällt. Leid zu empfinden ist dabei jedoch als ein ausgeprägteres Empfinden anzusehen als beispielsweise ein Wärme- und Kälteempfinden. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet daher:

Wieso sieht es der Mensch noch heute als selbstverständlich an andere nicht-menschliche Lebewesen töten und verzehren zu dürfen?

Im folgenden Kapitel wird zunächst der ersten These nachgegangen und insbesondere die Annahme einer anthropologischen Differenz hinterfragt sowie das Konzept des Speziesismus beleuchtet. Im dritten Kapitel wird eine konträre Perspektive, nämlich die der Tierschützer, die sich auf Basis der Leidensfähigkeit von Tieren gegen das Töten und Verzehren dieser aussprechen, näher betrachtet. Dabei wird die zweite These diskutiert. Spannend ist hierbei der Kontrast der Perspektiven auf die Stellung des Menschen gegenüber der des Tieres und die Frage danach, ob diese beiden Perspektiven überhaupt miteinander vereinbar sind. In einem letzten Abschnitt wird abschließend ein Resümee gezogen und der Versuch unternommen eine Antwort auf die Fragestellung zu finden.

2. Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderer Lebewesen

Die Geschichte der Beziehung zwischen Menschen und Tieren reicht über Jahrtausende hinweg und schon immer bediente sich der von Hunger und Entbehrung getriebene Mensch des Fleisches der Tiere, um satt zu werden und in letzter Konsequenz, um zu überleben. Bis vor einigen Jahrzehnten, vielleicht bis vor einem Jahrhundert, herrschte unter dem Großteil der Weltbevölkerung, insbesondere in westlichen Gefilden, der Konsens, es gäbe eine eindeutige Grenze zwischen Menschen und Tieren (vgl. Bode 2018: 18), bei denen der Mensch dem Tier als überlegen galt. Doch woher kommt diese selbstverständliche Erhöhung des Menschen gegenüber dem Tier? Wieso nimmt die Spezies Mensch seit je her an, über den Tieren und allen anderen Lebewesen zu stehen und diese selbstverständlich zu ihren Bedingungen halten, töten und verzehren zu dürfen?

2.1 Das Konzept des Speziesismus

Um diesen Fragen nachzugehen, müssen zunächst einige theoretische Grundbegriffe und Konzepte eingeführt werden. Wir sprechen von Ethik, wenn wir abwägen, ob Handlungen richtig oder falsch sind, um eine Entscheidung (für uns selbst) rechtfertigen zu können. In der theoretischen Tierethik2 geht es dabei vor allem darum, „ob und, wenn ja, inwieweit wir es überhaupt mit moralisch relevanten Wesen zu tun haben“ (Bode 2018: 13). Um dies zu beantworten, müssen wir uns laut Bode zunächst die Frage stellen, ob wir Menschen den Tieren gegenüber überhaupt eine moralische Verpflichtung haben und ob wir ihre Belange in irgendeiner Form berücksichtigen müssen (vgl. ebd. S. 22). Beantworten wir uns diese Frage mit ‚Ja‘, dann wird dies zumeist auf ihre Fähigkeit Leid zu empfinden zurückgeführt. Menschen, die sich gegen das Töten und Verzehren von Lebewesen aussprechen, argumentieren oftmals damit, dass „fühlende Wesen […] grundsätzlich moralische Berücksichtigung [verdienen]“ (Bode 2018: 22).3

Beantworten wir diese Frage mit „Nein“, so müssen Tiere in keiner Weise Berücksichtigung finden.

Nach dem Konzept des Speziesismus wird in der Tierethik die Einstellung vertreten,

dass ausschließlich Menschen moralisch relevant sind. Nur Angehörige der Spezies ›Mensch‹ können moralisch relevant sein, alle Wesen, die anderen Spezies angehören, sind es nicht (Ach, Borchers 2018: 147).

[...]


1 Ich spreche bewusst von „näher kommen“, da eine solche Fragestellung gewiss nicht abschließend im Rahmen einer Hausarbeit geklärt werden kann. Dennoch soll versucht werden sich einer möglichen Antwort so gut wie möglich zu nähern.

2 Es gibt zudem den Bereich der anwendungsorientierten Tierethik, die sich damit beschäftigt, ob und wenn ja, inwiefern Menschen Tiere zu ihren Zwecken „gebrauchen“ dürfen (vgl. Bode 2018: 13). Dieser soll hier jedoch nicht weiter verfolgt werden.

3 Hierauf wird in Kapitel 3 näher eingegangen.

Details

Seiten
15
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783346735072
ISBN (Buch)
9783346735089
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Philosophisches Seminar
Erscheinungsdatum
2022 (Oktober)
Note
2,0
Schlagworte
Gastrosophie Fleischkonsum Ethik Tierwohl Moral Tötung von Tieren Stellung des Menschen Leidensfähigkeit von Tieren Speziesismus
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Titel: Die Überhöhung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen