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Das Thema des Erinnerns im Bilderbuch "Blumkas Tagebuch"

©2022 Hausarbeit 23 Seiten

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wird das Bilderbuch "Blumkas Tagebuch" auf das Thema des Erinnerns hin analysiert. Dabei wird neben dem Schrifttext auch der Bildtext und das Zusammenspiel beider Ebenen betrachtet und herausgearbeitet, wie der Gegenstand des Erinnerns in dem Werk auf vielfältige Weise reflektiert wird und von der Rezipientin entdeckt werden kann.

In der Arbeit wird der Frage nachgegangen, auf welche Weise die Künstlerin Iwona Chmielewska das Thema des Erinnerns in ihrem Werk, umsetzt. In Bezug auf die gewählte Vorgehensweise bei der Analyse des Bilderbuches ist an dieser Stelle auf Staiger (2019) und Kurwinkel (2020) zu verweisen.

Nachdem zunächst auf den Gegenstand der Analyse in Betreff seiner Produktion, Distribution und Rezeption eingegangen wird, folgt die eigentliche Analyse, die sich en détail mit der Umsetzung des Themas Erinnern auf verschiedenen Ebenen der Bild-Text-Narration befasst: Auf die Betrachtung der Handlung folgt die Untersuchung der Erzählstruktur und des Aufbaus, der Figuren und des Raumes der Erzählung; dabei wird der analysierende Blick stets auch auf die oben genannte Fragestellung hin fokussiert. Es folgt die Analyse des Themas in Bezug auf sein Eingewobensein in die Motive und anderen Themen des Bilderbuches. Der sich anschließende Abschnitt nimmt dann den Paratext in den Blick, bevor sich ein Kapitel gänzlich der Bild-Text-Interdependenzen widmet. Ein Fazit, das die Erkenntnisse prägnant zusammenfasst, die die vorangehenden Punkte in Bezug auf die Fragestellung ergeben haben, schließt die Arbeit ab.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DAS BILDERBUCH „BLUMKAS TAGEBUCH"
2.1. Gattung
2.2. Produktion
2.3. Distribution
2.4. Rezeption

3. DIE ANALYSE
3.1. Handlung
3.2. Struktur und Aufbau der Erzählung
3.3. Figuren
3.4. Raum
3.5. Sprache
3.6. Motive und Themen
3.6.1. Motive
3.6.2. Themen
3.7. Paratextuelle Dimension
3.7.1. Epitext
3.7.2. Peritext
3.8. Bild-Text-Verhältnis

4. FAZIT

5. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Die Bilderbuchanalyse kann keinem starren Schema folgen, sondern muß [sic!] sich auf die jeweiligen Bild-Text-Struktur sowie auf die ästhetischen, dramaturgischen und thematischen Besonderheiten des Buches einlassen.“ (Thiele 2000, S.13)

Diesem Zitat fühlt sich die folgende Arbeit verpflichtet bei der Analyse des Bilderbuches „Blumkas Tagebuch“. Dabei wird der Frage nachgegangen, auf welche Weise die Künstlerin Iwona Chmielewska das Thema des Erinnerns in ihrem Werk, dem Bilderbuch „Blumkas Tagebuch“, umsetzt. In Bezug auf die gewählte Vorgehensweise bei der Analyse des Bilderbuches ist an dieser Stelle auf Staiger (2019) und Kurwinkel (2020) zu verweisen.

Nachdem zunächst auf den Gegenstand der Analyse in Betreffseiner Produktion, Distribution und Rezeption eingegangen wird, folgt die eigentliche Analyse, die sich en détail mit der Umsetzung des Themas Erinnern auf verschiedenen Ebenen der Bild-Text-Narration befasst: Auf die Betrachtung der Handlung folgt die Untersuchung der Erzählstruktur und des Aufbaus, der Figuren und des Raumes der Erzählung; dabei wird der analysierende Blick stets auch auf die o.g. Fragestellung hin fokussiert. Es folgt die Analyse des Themas in Bezug auf sein Eingewobensein in die Motive und anderen Themen des Bilderbuches. Der sich anschließende Abschnitt nimmt dann den Paratext in den Blick, bevor sich ein Kapitel gänzlich der Bild-Text-Interdependenzen widmet. Ein Fazit, das die Erkenntnisse prägnant zusammenfasst, die die vorangehenden Punkte in Bezug auf die Fragestellung ergeben haben, schließt die Arbeit ab.

2. Das Bilderbuch „BlumkasTagebuch"

Bevor Gattung, Produktion, Distribution und Rezeption des Bilderbuches „Blumkas Tagebuch“ thematisiert wird, soll hier knapp auf seine Kennzeichnung eingegangen werden: Das Buch wurde von der Autorin Iwona Chmielewska auch illustriert und durch den Gimpel Verlag herausgegeben. Mit 29,90€ liegt der Preis im oberen Bereich der Kosten für ein Bilderbuch. Es handelt sich um ein gebundenes Hardcover Bilderbuch im Vierfarbdruck. Das im Hochformat gedruckte Buch umfasst 64 Seiten. (Vgl. Chmielewska 2011)

Es existieren weder andere medialen Formen oder Adaptionen des Bilderbuches noch ein Trailer, der es bewirbt. Lediglich ein Video, das die Autorin bei dem Entstehungsprozess des Bilderbuches portraitiert und das wohl unabhängig vom Vertrieb des Buches entstand, ist auf derVideoplattform YouTube einzusehen. (Vgl. Hinterberger2019)

2.1. Gattung

In Bezug auf seine Gattung kann das Bilderbuch als erzählendes Sachbilderbuch eingeordnet werden. Diese Einstufung ergibt sich aus der Tatsache, dass historische Fakten mittels fiktiver Elemente, einer Erzählung, vermittelt werden. Darüber hinaus ist es dem Genre des realistischen Bilderbuches zuzuordnen, da sich keine fantastischen Aspekte ausmachen lassen; die Naturgesetze werden nicht verletzt. (Vgl. Kurwinkel 2020, S.29)

Der Darstellungsstil des Bilderbuchs ist die Collage; bunte, gemusterte Papiere, vergilbtes liniertes Blockpapier, Zeichnungen mit Tinte, Zeichnungen mit Buntstiften, Ausschnitte aus Zeitungen, Wasserfarbenmalerei, Fotos und gepresste Pflanzen (oder Fotos von Pflanzen) sowie Stempeldrucke aus Pflanzenblättern werden miteinander kombiniert. Indem auf diese Weise dokumentarisches und künstlerisches Material verbunden wird, korrespondiert die Bildebene mit der Gattung des Bilderbuches insofern, als dieser eigen ist, Faktuales mit Fiktionalem zusammenzubringen.

2.2. Produktion

Iwona Chmielewska ist eine polnische Illustratorin und Autorin der Gegenwart und übte bei der Produktion von „Blumkas Tagebuch“ beide Funktionen aus. Sie genießt einen internationalen Ruf: Einen Schwerpunkt bilden neben polnischen Bilderbüchern auch südkoreanische Werke; nurdrei ihrerWerke erschienen bislang auch in deutscherSprache. (Vgl. Chmielewska 2019)

Sie beschreibt den Produktionsprozess von „Blumkas Tagebuch“ als etwas Intimes, wobei sie „nicht das Gefühl hatte, etwas Neues zu schaffen, sondern etwas zu entdecken, was bereits da war“ (Hinterberger 2019, Min 1:18ff). Das Buch war keine Auftragsarbeit, die Autorin beschreibt den Anlass für die Entstehung als eine Art transzendentalen Auftrag bzw. als Berufung. Bereits als Kind habe sie das Schicksal von Korczak und seinen Kindern gekannt und beschäftigt, als es dann zu dem Entschluss kam, das Buch zu verfassen, ging dem eigentlichen Schaffensprozess eine Phase der Recherche voraus, in der Chmielewska die Berichte und erhaltenen historischen Schriftstücke studierte, die ihr zugänglich waren. Auch zu dem Verhältnis von Bild- und Schrifttext äußert sich die Autorin: Ihr sei wichtig, dass beide Ebenen für sich stehen und sich ergänzen, dass die Bilder außerdem das hinzufügen, was der Text nicht sagt. (Vgl. ebd.)

2.3. Distribution

Der Gimpel Verlag, der „Blumkas Tagebuch“ herausgebracht hat, war ein kleiner Verlag, der insgesamt nur 13 Bilderbücher vertrieb, und von 2006 bis 2017 existierte. (Vgl. Wikipedia 2020)1 Er wurde von Luca Emanueli und Adam Opyrchal in Niedersachsen gegründet und war laut Aussage der Verlagsgründer darauf spezialisiert, qualitativ hochwertige und schöne Bilderbücher zu verlegen. Die Bücher, die in diesem Verlag vertrieben werden, eint, dass sie mit gedämpften Farben gestaltet sind und dass der Schrifttext direkt im Bildtext steht, so sind diese Ebenen unmittelbar visuell verwoben und nicht lose voneinander positioniert. Eine weitere Besonderheit des Gimpel Verlages liegt in seiner Anbindung an die polnische Kinderliteratur. (Vgl. Göres 2013)

Neben „Blumkas Tagebuch“, das in Polen zum Bilderbuch des Jahres gewählt und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, erschien im Gimpel Verlag auch das Bilderbuch „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“. (Vgl. ebd.) Beide Werke teilen neben dem Stoff, den sie behandeln, das Leben in Janusz Korczaks Waisenhaus, die besondere Liaison von historischen Fakten und literarischer Fiktion, wobei differenzierend hinzugefügt werden muss, dass das letztgenannte Werk seine historischen Quellen stärker in den Fokus rückt.2 (Vgl. Jaromir 2013)

2.4. Rezeption

Das vorliegende Bilderbuch ist dem Typus des Crossover-Bilderbuchs zuzuordnen, da das Phänomen der Doppelsinnigkeit, wie es EWERS definiert, begegnet: Die erwachsene Leserin kann die ausschließlich im Bildtext erscheinenden Motive, die auf das Thema der Shoah verweisen, aufgrund ihres Weltwissens erfassen und einordnen, der kindlichen Rezipientin bleibt die Idee, auf die die Symbole verweisen, verborgen bis zu dem Zeitpunkt, da sie in ihrem Leben das notwendige Wissen erwirbt. Dennoch entstehen durch diesen Wissensunterschied für die kindlichen Rezipientinnen keine Lücken oder Abbrüche in der Erzählung. (Vgl. Ewers 2000, S.123; Blümer 2012, Kapitel 3.6.) Erwachsene Rezipientinnen haben auf diese Weise nicht mehr nur die Rolle der M/tleserin inne, sie sind Leserinnen.

Auch das Cover des Bilderbuchs spricht Kinder und Erwachsene gleichermaßen an: Als Identifikationsfigur für jüngere Leserinnen ist das Mädchen Blumka zu sehen; als eine Einladung für ältere Rezipientinnen kann die Abbildung Korczaks verstanden werden, entweder weil diese den Reformpädagogen wiedererkennen oder einfach, weil es eine erwachsene Figur darstellt. Nicht zuletzt ist auch das vordergründige Thema der Erzählung eines, das Erwachsene - zumal Erwachsene in ihrer Rolle als Erziehende - anspricht: die Pädagogik Korczaks. Entgegen dem Eindruck, der zunächst aufkommen mag, der Aspekt der Pädagogik Korczaks spreche nur erwachsene Leserinnen an, richtet sich die Umsetzung des Themas gleichermaßen an die kindlichen Rezipientinnen, was nicht zuletzt auch in der Logik der Pädagogik Korczaks begründet ist, die Kinder dezidiert in den Erziehungsprozess einbeziehen und nicht außenvorlassen will. (Vgl. Godel-Gaßneret al. 2017, S.79; siehe Kapitel 3.6.2.)

Gleichwohl ist nicht ausgeschlossen, dass Kinder in einem gemeinsamen Leseprozess mit Erwachsenen beginnen, Fragen zu stellen, die sich auf die Shoah beziehen, wenn sie angesichts der Motive des Bildtextes irritiert werden: Denkbar wäre z.B. die Frage nach dem Sinn des Viehwagons, der auf der vorletzten Seite der Erzählung abgebildet ist. Der Schrifttext der Seite schreibt lediglich vom „Krieg, der auch Blumkas Tagebuch mit sich fortriss“ (Chmielewska 2011, S.60)3, ohne den Waggon zu erklären. Wie das Kind dann an die Thematik herangeführt wird, liegt in den Händen der erwachsenen Teilnehmerin. Das Bilderbuch eignet sich insoweit aus didaktischer Sicht, das Thema der Shoah erstmalig zu behandeln, als es das Kind nicht mit der Grausamkeit überwältigt und sich aufzwingt, sondern pädagogischen Freiraum lässt.

3. Die Analyse

3.1. Handlung

Die Handlung lässt sich in einen Hauptstrang und mehrere Nebenstränge unterteilen: Der Hauptstrang besteht aus dem Portraitieren von zwölf Kindern und Korczaks Pädagogik, das die Protagonistin Blumka leistet, indem sie ein Tagebuch führt. Die erste textfreie Doppelseite der Erzählung zeigt das Entstehen des Fotos, anhand dem sich die Binnenerzählung ausrichtet. Es werden gleichsam alle Personen gezeigt, die später einen Nebenstrang der Handlung ausmachen. Zu identifizieren sind sie alle anhand individuell charakteristisch gemusterter Kleidung, die sich durch das Buch zieht. So kann auf Ebene der Bilder mehr erzählt werden, als der Text es leistet. Diese Doppelseite ist wie eine Großaufnahme in einem Film oder auch wie der Anfang eines geflochtenen Bandes: Hier beginnt die Geschichte, alle Protagonistinnen sind verknotet und verfolgen dann ihren eigenen Handlungsstrang, zusammengehalten werden sie durch das Foto sowie durch die Erwähnung in Blumkas Tagebuch. Der Vergleich mit der Großaufnahme ist so zu verstehen, dass hier die im Folgenden handelnden Figuren in Ganzkörperaufnahme gezeigt werden, bevor die Rezipientin sie über Blumkas Tagebuch näher kennenlernt, die Erzählung ahmt somit das Zoomen einer Kamera nach.

Jedem Kind ist im Hauptstrang der Erzählung eine Doppelseite gewidmet. Zwölf Doppelseiten beinhalten anschließend die Vorstellung Janusz Korczaks und seiner Erziehungsmethoden. Auf jeder Doppelseite ist ein Text zu lesen, der das Kind - oder zwei Aspekte der Pädagogik Korczaks - episodisch vorstellt, während die in collagenartiger Weise komponierten Bilder den Text pluriszenisch erweitern und auf diese Wiese die episodisch getexteten Seiten zu echten Nebensträngen der Handlung öffnen. So ist bspw. auf den Seiten, auf denen das Mädchen Pola vorgestellt wird, im Text zwar nur von Korczak und Pola die Rede, zu sehen ist jedoch auch der Junge Stasiek, wie er der kleinen Pola einen Querschnitt des menschlichen Hörapparates vorstellt. (Vgl. ebd. S.22)

3.2. Struktur und Aufbau der Erzählung

Die Erzählung setzt sich aus zwei Erzählebenen zusammen: Exposition und Schluss der Erzählung werden durch einen nicht näher charakterisierten extradiegetischen Erzähler geleistet und bildet somit die Rahmenerzählung, die der Rezipientin Blumka vorstellt und zum Schluss, nach Abbruch der Tagebuchaufzeichnung, die Geschichte beendet. Das kann die Binnenerzählung, Blumkas Tagebuchaufschriebe, nicht leisten, ohne Authentizität einzubüßen.

Die Rahmenerzählung ist im Hier und Jetzt verortet und führt in den Entstehungsort ein, sie sorgt außerdem für Distanz zum folgenden Inhalt, da sie das Geschriebene in die Vergangenheit stellt. Zum Schluss des Buches liefert sie einen Verweis auf das Schicksal der Tagebuchschreiberin, sie holt dadurch die Leserin wieder zurück aus der Lektüre des Tagebuchs und kommentiert den Sinn des Tagebuchschreibens. Zwischen den beiden rahmenden Abschnitten fügt sich die metadiegetische Binnenerzählung ein: der Inhalt von Blumkas Tagebuch.4

Die Vernetzung dieser beiden Erzählebenen wird durch den Bildtext verdeutlicht: Auf der Seite des einleitenden Erzählabschnitts ist am oberen Rand der untere Teil eines geschlossenen Heftes zu sehen. Es wird dann aufgeschlagen mit der nächsten Seite, die im Bilderbuch umgeblättert wird, und so wie sich die Rezipientin durch das Bilderbuch blättert, so blättert sie auch durch Blumkas Tagebuch. Auf den Seiten des abschließenden Erzählteils ist dann die letzte Seite und das Vorsatzpapier des Heftes zu sehen, bevor es auf der letzten Seite geschlossen von der Rückseite dargestellt ist. Die Rahmenerzählung vollzieht das Öffnen und Schließen des Tagebuches, die Binnenerzählung steuert den Inhalt des Tagebuches bei.

Die Funktion der beiden Erzählebenen reicht jedoch darüber hinaus, sie ist korrelativer Art, wenn man folgender Deutung folgen will: Blumka schreibt ihr Tagebuch zunächst für sich, womöglich mit dem Zweck, ihre Gedanken und Umgebung für sich festzuhalten. Darüber kann nur spekuliert werden, zumal Blumka eine gänzlich fiktive Person ist, nicht so wie etwa Anne Frank. Der Erzähler der Rahmengeschichte erweitert nun den Kreis der erinnernden Personen um die Leserschaft, indem er Blumkas Tagebuch derselben zugänglich macht, es für sie öffnet und schließt. So kann auch der Schlusskommentar des Erzählers verstanden werden, wenn er einen Grund für das Tagebuchschreiben nennt: „Weil [das Tagebuch] geschrieben wurde, damit man all das nicht vergisst ..." (Chmielewska 2011, S.61). Er spricht aus, was in der vorangehenden Geschichte z.B. durch das Motiv des Vergissmeinnichts angedeutet wird.

Beide Erzählebenen sind überwiegend analeptisch angelegt: Sie berichten von bereits vergangenen Ereignissen. Während der Erzähler in seiner Exposition fürzeitliche Distanz zur Binnenerzählung sorgt, indem er im Präteritum schreibt, Wörter wie „einst“ oder „damals“ verwendet und auf diese Weise den Inhalt des Tagebuches einleitet, so führt er am Schluss der Erzählung unvermittelt zwei im Präsens konjugierte Verben ein. Diese Stelle sei im Folgenden einer kurzen Untersuchung unterzogen: Hier irritiert der Erzähler nicht nur durch den Tempuswechsel, sondern auch durch die Verwendung des Personalpronomens „wir“. In diesem Abschnitt wird die Leserin auf eine Weise eingebunden bzw. angesprochen, m/tgemeint, wie es vorher im Buch nicht geschieht. Ein Kunstgriff, der die Aufmerksamkeit der Rezipientin noch einmal zu bannen versucht, wo doch eigentlich die Binnenerzählung schon abgeschlossen scheint. Das erscheint plausibel nicht auch zuletzt deswegen, weil hier eine Frage formuliert wird, die erst auf der letzten Seite der Erzählung beantwortet wird. Die Beantwortung der Frage: „Woher [wir] wissen [...], was in [ihrem Tagebuch] geschrieben stand?“ (ebd. S.60), erfolgt in zwei Nebensätzen, von denen der erste im Perfekt steht und den Akt des Tagebuchschreibens beinhaltet, der aus der Perspektive der Rezipientin und des Erzählers in der Vergangenheit liegt, und der zweite im Präsens, um den überzeitlichen Sinn des Tagebuchschreibens zu ergänzen. Hier erfüllt der Tempuswechsel demnach eine Funktion; er holt die Relevanz des Tagebuchs aus der Vergangenheit, in der es verfasst wurde, in die Gegenwart, in die es hineinwirkt, um „all das nicht [zu vergessen]“ (ebd. S.61). Um die hier erörterte These zu unterstützen, kann auch der Bildtext angeführt werden: Zu sehen ist das zugeklappte Tagebuch, aus dem nach unten hin die kleinen Blüten des Vergissmeinnichts hinausrieseln.

Die Binnenerzählung changiert zwischen Präteritum, Perfekt und Präsens. Blumka portraitiert die elf anderen Kinder und sich selbst auf je einer Doppelseite. Dabei beginnt sie mit einem einführenden Satz, der meist nach dem Schema: „Das ist [Name des Kindes]“, aufgebaut und in einer größeren Schriftgröße gedruckt ist als der folgende Text. Die Vorstellung des Kindes wird dann anschaulich und bildhalft mittels Anekdoten, die in einem Vergangenheitstempus formuliert sind, und Charakterisierungen, die im Präsens geschrieben sind, fortgeführt. Auch die Doppelseiten, die Korczak und seinen Erziehungsmethoden gewidmet sind, wechseln sich ab zwischen nachträglichem, anekdotischem Erzählen und gleichzeitigem Erzählen. Die Dauer der Binnenerzählung lässt sich somit als zeitraffend charakterisieren, die Frequenz des Schrifttextes, da jede Anekdote nur einmal erzählt wird, als singulativ und die zeitliche Anordnung als achronologisch.

Dazu korrespondiert der Bildtext, der u.a. Aspekte aus den kleinen Episoden des Textes aufgreift und darstellt. Der Bildtext bewirkt darüber hinaus den Eindruck des semidokumentarischen Erzählens, das sich insbesondere aus der verwendeten Collagen­Technik speist, bei der Ausschnitte aus womöglich historischen Werbeschriften und Zeitungen ausgeschnitten werden und auf einen neuen Hintergrund, in einen neuen Kontext geklebt werden. Mit einer solchen Technik sind auch die stets gleich gestalteten Kleider der zwölf Kinderaufdem Foto realisiert. (Vgl. Hinterberger2019)

Die Erzählsituation der Binnenerzählung lässt sich gut beschreiben: Es handelt sich bei den Tagebuchaufzeichnungen um eine Ich-Erzählsituation mit interner Fokalisierung, denn obwohl Blumka v.a. Kinder aus dem Waisenhaus und Janusz Korczak portraitiert, bleibt sie selbst immer in ihrer Perspektive. Das ist erkennbar daran, dass sie an manchen Stellen Kommentare einfließen lässt. (Vgl. Chmielewska 2011, S.24) Der Bildtext trägt die Erzählsituation der Binnenerzählung: Zu sehen sind meistens collagenartig zusammengestellte Bilder, die ein Detail des Schrifttextes aufgreifen und weitererzählen. Diese assoziativen Arrangements wirken wie Gedankenfetzen, Assoziationen. Die Leserin mag sich des Eindrucks nicht erwehren, ihr würden Bilder aus Blumkas Gedächtnis präsentiert. So können diese trefflich mit dem von Thiele geprägten Begriff der Vorstellungsbilder beschrieben werden. (Vgl. Kurwinkel 2020, S.128f., zit.n. Thiele 2003a, S.80) Dennoch ist durch diese Wahl des Erzählers für die Leserin eine gewisse Distanz zum dargestellten Geschehen gewahrt, denn Blumka ist als Erzählerin, als vermittelnde Instanz, für die Rezipientin greifbar. (Vgl. Pretzl 2018)

Im Folgenden soll nun die Rahmenerzählung näher charakterisiert werden. Die Erzählinstanz nimmt zwar die Perspektive Blumkas ein und könnte somit als personal charakterisiert werden, sie erzählt jedoch mit einem zeitlichen Abstand von der in der Binnenerzählung dargestellten Vergangenheit des Tagebuches, der in etwa dem gleicht, den heutige Leserinnen des Buches zu dieser Zeit haben. Insofern weiß der Erzähler bspw. um den weiteren geschichtlichen Verlauf, nachdem das Tagebuch abbricht und das ist mehr, als die Personen der Erzählung wissen können. Die Erzählsituation als auktorial zu bezeichnen ist ebenfalls nicht zutreffend, da der Erzähler nicht allwissend ist und das auch an einer Stelle zum Ausdruck bringt. (Vgl. Chmielewska 2011, S.8) Eine Ich-Erzählsituation wäre denkbar, denn der Erzähler verwendet die diese Situation definierende grammatische erste Person im Plural, (Vgl. ebd. S.60) indes wäre auch das nicht gänzlich adäquat, da die Erzählinstanz an sich nicht näher charakterisiert oder gar als Figur eingeführt wird. Sie hat ihre Funktion vielmehr im Hinleiten und Weiterführen der Binnenerzählung, dabei ist sie, aufgrund ihrer zeitlichen Verortung, eher als Rezipientin des Tagebuches denn als Figur der Binnenerzählung zu verstehen. An dieser Stelle wird nun für die Einordnung der Rahmenerzählung als personale Erzählsituation plädiert, die in der heutigen Zeit stehend aus der Perspektive Blumkas erzählt. Dabei schwankt der Erzähler zwischen den Polen der externen Fokalisierung und der Nullfokalisierung - beides ergibt sich aus dem bereits beschriebenen zeitlichen Abstand des Erzählers zu der Entstehungszeit des Tagebuches, in das er die Binnenerzählung verortet.

[...]


1 An dieser Stelle muss auf Wikipedia als Quelle zurückgegriffen werden, da sich ansonsten keine Quellen haben finden lassen, die das Ende des Verlags dokumentieren.

2 So wird auf einem kleinen Werbekärtchen, das dem Bilderbuch „Fräulein Esthers letzte Vorstellung" beigelegt ist, ein begleitendes Buch zum Bilderbuch beworben („Fräulein Esther-zwischen Fakten und Fiktion"), indem umfangreiche Informationen zu den historischen Personen und Hintergründen, die als Vorlage dienten, sowie ein Quellennachweis enthalten sind.

3 Da das Bilderbuch keine Paginierung enthält, wurde Entsprechendes wie folgt selbstständig vorgenommen: S.l der Erzählung entspricht die erste Seite nach dem Buchtitel, sie ist auf dessen Rückseite gedruckt.

4 Ähnlich beschreibt es auch Kurwinkel. (Vgl. Kurwinkel 2020, S.119)

Details

Seiten
23
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783346735720
ISBN (Paperback)
9783346735737
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Erscheinungsdatum
2022 (Oktober)
Note
1
Schlagworte
Blumkas Tagebuch Deutsch Bilderbuch Bilderbuchanalyse Erinnern Gedenken
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Titel: Das Thema des Erinnerns im Bilderbuch "Blumkas Tagebuch"