Lade Inhalt...

Die Behandlung der Graphic Novel "Irmina" von Barbara Yelin im Rahmen des gymnasialen Deutschunterrichts

©2021 Hausarbeit (Hauptseminar) 15 Seiten

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Einsatz der Graphic Novel "Irmina" im Deutschunterricht. Die Autorin Barbara Yelin erzählt in diesem 2014 erschienenen Werk die Geschichte einer jungen Frau in der Zeit des dritten Reiches, deren Charakter sich im Laufe der Handlung von einer nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung suchenden Frau zur Nationalsozialistin und Antisemitin wandelt. Yelin orientiert sich dabei an Aufzeichnungen ihrer Großmutter Irmina und spricht Themen an, die das Werk zur Behandlung im Deutschunterricht anbieten: Nationalsozialismus, Selbstbestimmung, Fremdheitserfahrungen und gesellschaftliche Rollenbilder.

Um die Möglichkeiten des Einsatzes von "Irmina" im Deutschunterricht zu eruieren, fasst die vorliegende Arbeit zu Beginn die Handlung des Werkes, wichtige Entstehungsaspekte sowie den Stil der Autorin zusammen. Im Anschluss werden die wichtigsten inhaltlichen Aspekte aufgezeigt und zueinander in Beziehung gesetzt. Dazu werden kurz die wichtigsten fachdidaktischen Gesichtspunkte der Graphic Novel aus der Sicht der Deutschlehrkraft aufgeführt, um im Folgenden die Kriterien zur Auswahl von Gegenwartsliteratur für den Deutschunterricht nach Sabine Burtscher in Irmina zu erläutern und zu gewichten. Anschließend beschäftigt die Arbeit sich mit der Verknüpfung des Werkes mit dem Bildungsplan. Sie wählt dabei die am besten zur Lektüre passende Leitperspektive aus, und formuliert sinnvolle Lernziele für die Behandlung von "Irmina" im Unterricht. Zum Abschluss wird auf Basis der obigen Auswahl eine passende Klassenstufe für das Werk ausgewählt.

Leseprobe

Inhalt

Einführung

Entstehungskontext, Handlung und bildmediale Gestaltung

Inhaltliche Aspekte

Schwächen des Werkes

Kurze Zusammenfassung der fachdidaktischen Aspekte der Graphic Novel

Kriterien nach Burtscher
Polyvalenz
Interkulturelle Perspektiven
Grundmuster menschlicher Erfahrung
Spiegelung und Reflektion von Werten

Leitperspektive Prävention und Gesundheitsförderung

Lernziele

Klassenstufe

Literatur

Einführung

Comics, Mangas und Anime sind in Deutschland schon seit langer Zeit populär. In den letzten Jahren fanden aber auch Graphic Novels eine wachsende deutsche Leserschaft. Graphic Novels sind Romane in Form von Comicbüchern, die sich vor allem durch einen besonderen literarischen Anspruch von anderen Formen grafischen Erzählens unterscheiden. Es stellt sich deshalb die Frage, ob dieses Genre auch im Deutschunterricht aufgegriffen und als Lektüre berücksichtigt werden sollte.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich aus diesem Grund mit dem Einsatz der Graphic Novel Irmina im Deutschunterricht.1 Die Autorin Barbara Yelin erzählt in diesem 2014 erschienenen Werk die Geschichte einer jungen Frau in der Zeit des dritten Reiches, deren Charakter sich im Laufe der Handlung von einer nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung suchenden Frau zur Nationalsozialistin und Antisemitin wandelt. Yelin orientiert sich dabei an Aufzeichnungen ihrer Großmutter Irmina und spricht Themen an, die das Werk zur Behandlung im Deutschunterricht anbieten: Nationalsozialismus, Selbstbestimmung, Fremdheitserfahrungen und gesellschaftliche Rollenbilder.

Um die Möglichkeiten des Einsatzes von Irmina im Deutschunterricht zu eruieren, fasst die vorliegende Arbeit zu Beginn die Handlung des Werkes, wichtige Entstehungsaspekte sowie den Stil der Autorin zusammen. Im Anschluss werden die wichtigsten inhaltlichen Aspekte aufgezeigt und zueinander in Beziehung gesetzt. Dazu werden kurz die wichtigsten fachdidaktischen Gesichtspunkte der Graphic Novel aus der Sicht der Deutschlehrkraft aufgeführt, um im Folgenden die Kriterien zur Auswahl von Gegenwartsliteratur für den Deutschunterricht nach Sabine Burtscher in Irmina zu erläutern und zu gewichten. Anschließend beschäftigt die Arbeit sich mit der Verknüpfung des Werkes mit dem Bildungsplan. Sie wählt dabei die am besten zur Lektüre passende Leitperspektive aus, und formuliert sinnvolle Lernziele für die Behandlung von Irmina im Unterricht. Zum Abschluss wird auf Basis der obigen Auswahl eine passende Klassenstufe für das Werk ausgewählt.

Entstehungskontext, Handlung und bildmediale Gestaltung

Entstehungskontext

In Irmina finden wir die besondere Konstellation des Werkes einer Enkeltochter über ihre Großmutter. Yelin selbst sagt: „[…] es ist der erzählerische Versuch einer Rekonstruktion“2. Rekonstruiert wird, exemplarisch für viele Deutsche zur Zeit des dritten Reiches, Irminas Weg zur Anhängerin und Profiteurin des Nationalsozialismus, die vor den Verbrechen des dritten Reiches den Blick abwendet. Irmina ist somit keine Biografie: Die Autorin schrieb das Werk auf der Basis der Aufzeichnungen ihrer Großmutter Irmina, füllte die Lücken dieser aber eigenständig, und konzentrierte sie andererseits auf die für sie wesentlichen Stellen.

Handlung

Yelin beginnt die Erzählung im London der frühen dreißiger Jahre. Irmina hat Deutschland im Rahmen eines Austauschprogrames verlassen, um in England ein unabhängiges Leben zu finden. Sie ist jung, unpolitisch, aber nonkonformistisch. In London beginnt sie eine Beziehung mit dem dunkelhäutigen Studenten Howard, der von der Karibikinsel Barbados stammt und im Rahmen eines Stipendiums in Oxford studiert. Die weitere Handlung beschäftigt sich mit den Widerständen, die sich den beiden wiederholt entgegenstellen. Irmina werden immer wieder Charakterzüge etwa aufgrund ihrer deutschen Nationalität unterstellt, aus Trotz verteidigt sie sogar Gewalttaten des NS-Regimes, mit dem sie an sich nichts zu tun haben will. Howard seinerseits ist Opfer von Rassismus. Als Irminas ökonomische Situation in London prekär wird, entscheidet sie sich für die Rückkehr nach Deutschland, und die Brieffreundschaft der beiden verliert sich.

In Berlin arbeitet Irmina für das Reichsluftwehrministerium zu einem Hungerlohn. Nichtsdestotrotz genießt sie persönliche Unabhängigkeit. Über eine Verwandte bewegt sie sich immer weiter in nationalsozialistische Kreise, steht dem Regime aber weiterhin neutral gegenüber: Sie interessiert sich einzig für ihr eigenes Schicksal. Irmina trifft auf den Architekten und SS-Offizier Gregor Meinrich. Nachdem ihre Versetzung nach London nicht bewilligt wird, ihr Vorgesetzter ihr gegenüber übergriffig, ihre Brieffreundschaft zu Howard zu Ende und ihre wirtschaftliche Situation weiterhin prekär ist, heiratet sie Gregor Meinrich. Die Ehe wird im Werk als ein Ereignis dargestellt, das Irmina geschieht, nicht als eine Entscheidung, die sie trifft.

Gregor und Irmina bekommen zusammen einen Sohn, den sie allein aufzieht, da er im Krieg kämpft. Aus der Nonkonformistin der Londoner Tage ist eine Mitläuferin bis Unterstützerin des Faschismus geworden: Vor Reichsprogromnacht und Holocaust schließt sie die Augen, ihren Sohn erzieht sie zum Antisemitismus. Irmina flieht vor den Bombenangriffen Berlins ins ländliche Bayern, wo sie vom Tode ihres Mannes und kurze Zeit später vom Kriegsende erfährt.

Als alleinstehende Schulsekretärin im Stuttgart der frühen 80er Jahre erhält sie noch einmal Post von Howard: Er ist inzwischen gewählter Präsident von Barbados und lädt sie zu einem Wiedersehen auf der Karibikinsel ein. Dort erfährt sie, dass Howard seine älteste Tochter Irmina genannt hat, da er sie für ihren Mut immer bewundert habe. Irmina gesteht ihm, dass sie ihrer Meinung nach niemals so mutig war, und die beiden verlieren sich in Sprachlosigkeit. Das Werk endet mit Irminas Rückkehr nach Deutschland.

Irminas Charakter durchläuft im Laufe der Geschichte einen Wandel: Zu Beginn geht sie stark ihren eigenen, für die Zeit ungewöhnlichen Weg, auf der Suche nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit, sie kann als nonkonformistisch charakterisiert werden. Sie ist dabei ehrgeizig, sich ihre Stellung in der Gesellschaft selbst zu erarbeiten. Im Laufe der Geschichte verliert sie diesen Ehrgeiz, und fügt sich in die Rolle der Hausfrau und Mutter, sowie der Nationalsozialistin und Antisemitin. Sie wird dadurch abhängig, unfrei, und gibt ihre eigenen Ambitionen auf. Dieser Prozess führt für Irmina zu einem unglücklichen, schweigsamen Leben.

Bildmediale Gestaltung

Barbara Yelins Werk ist in großen Teilen in dunklen, metallischen Tönen vor einem oft düsteren Hintergrund gehalten. Die Farben grau und blau dominieren stark. Yelin verwendet dabei einen „verwischten“ Strich, der den Figuren eine gewisse Lebendigkeit verleiht. Die Farbe Rot deutet sich als die Liebe in ihrer Beziehung zu Georg an, entpuppt sich dann aber als Symbolik für den Nationalsozialismus. Die Strips bestehen meist aus sechs ungleichen Panels, selten besetzt ein Panel auch einen Strip oder gleich zwei Seiten. Yelins Sprache ist dabei kurz und prägnant: Die Sätze sind kurz und tendenziell alltagssprachlich, ohne in Umgangssprache abzugleiten.

Inhaltliche Aspekte

Barbara Yelin verfasste Irmina, „um eine Charakterstudie über eine beunruhigende Veränderung einer Person zu machen.“3 Diese Veränderung besteht in Irminas Abwendung vom Individualismus hin zur Mitläuferin im Nationalsozialismus. Für die schulische Auseinandersetzung mit dem Werk bieten sich vier Aspekte besonders an.

Der intuitiv erste Aspekt des Werkes ist die Auseinandersetzung mit dem historischen Nationalsozialismus aus der individuellen Perspektive von Irmina, die im Laufe der Geschichte in den Sog des dritten Reiches gerät. Inwiefern Irmina überzeugte Nationalsozialistin oder Mitläuferin des Regimes ist, wird aus dem Werk nicht direkt ersichtlich. Der unpolitische Charakter Irminas während der ganzen Handlung und ihre fortgesetzte Suche nach dem eigenen Vorteil deuten aber auf ein Mitläufertum ihrerseits hin. Eine interessante Interpretationsfrage ist dabei, inwieweit diese Charakterzüge zum Unglück Irminas beitragen.

Der zweite inhaltliche Aspekt, der Irmina für den Deutschunterricht empfiehlt, sind die Gender-Rollen, in denen sich Irminas Geschichte entwickelt. Irminas Individualismus in der Londoner und der frühen Berliner Zeit ist geprägt vom Streben, der tradierten Rolle der Ehefrau und Mutter ihres bürgerlichen Herkunftsmilieus zu entkommen. Sie sucht hier nach Unabhängigkeit, und bewegt sich zeitweise im Umfeld der emanzipatorischen Bewegung der Suffragetten. Ihre Geschichte lässt sich nur vor dem Hintergrund einer Gesellschaft und Zeit verstehen, die Frauen in die Rolle der dienenden Hausfrau und Mutter drängt. Irmina landet letztendlich genau in der Rolle, der sie zu entkommen suchte.

Der dritte Aspekt in der Geschichte Irminas ist der der Fremdheit und der Stereotypisierung, den Irmina in England erfährt, und der zu ihrer Rückkehr nach Deutschland beiträgt. Wiederholt werden politische Vorgänge oder Vorurteile der Engländer auf Irmina projiziert, so dass sie sich in verschiedene Rollen gedrängt sieht, mit denen sie selbst nichts anfangen kann. Gesteigert wird dieser Aspekt noch durch die Figur des Howard, der in London postkoloniale und rassistische Diskriminierung erfährt. So beschreibt die Graphic Novel gesellschaftliche Ausschlussprozesse gegenüber einer weißen Ausländerin parallel zu denen gegenüber einem schwarzen Mann aus einer Kolonie. Hier bietet das Werk verschiedene Momente an, die dazu einladen, den Umgang mit Howard und Irmina in England zu vergleichen, beziehungsweise zu erörtern, ob Diskriminierung gegenüber unterschiedlichen Gruppen überhaupt verglichen werden kann.

So wichtig die genannten Aspekte sind, ist doch der zentrale Aspekt der Geschichte ein anderer: Indem Irmina sich in die Rolle der Hausfrau, Mutter und Nationalsozialistin fügt, gibt sie auf, was ihren Charakter prägt: Ihr Streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit, sowie ihren Nonkonformismus. Dabei ist die geistige Unabhängigkeit, die Fähigkeit, sich über die Dinge eigene, freie Urteile und Meinungen zu bilden ein wesentliches Merkmal menschlicher Existenz. Das Fehlen dieser geistigen Unabhängigkeit macht Irmina zur typischen Nationalsozialistin, sie wird abhängig, unfrei, ohne eigenen Willen außer dem zum Erhalt der eigenen Existenz. Ob Irmina sich selbst zu dieser Aufgabe entscheidet oder ob dies ein Verlustprozess entgegen ihrem eigenen Willen ist, stellt eine Frage der Interpretation dar, die letztlich darauf hinausläuft, inwiefern einzelne Menschen ihr Leben durch die Kraft ihrer eigenen Entscheidungen beeinflussen können.

Der Aspekt der Aufgabe der Selbstbestimmung verbindet die ersten drei Aspekte, und kann deshalb als der wichtigste, als der zentrale Aspekt des Werkes gesehen werden. Mit der Aufgabe ihrer geistigen Unabhängigkeit ergibt sich Irmina den Ausschlussprozessen der englischen Gesellschaft, sie fügt sich in die Rolle der Hausfrau, und wird von der Individualistin zur Nationalsozialistin.

Schwächen des Werkes

Obgleich Irmina viele interessante Fragen und Interpretationsmöglichkeiten aufweist, so hat das Werk doch gewisse narrative und ästhetische Schwächen. Als Irmina etwa gegen Ende der Geschichte in Person von Howard mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird, sagt sie, nicht die mutige Irmina gewesen zu sein. Wegen der Positionierung der Szene ganz am Ende des Werkes und ihrer Intensität kann sie als ein fazithaftes Eingeständnis von Irmina gesehen werden. Aber Mut ist nicht die richtige Kategorie für Irminas Geschichte: Sie ist zur Nationalsozialistin geworden, zur Antisemitin in der Zeit des Holocausts. Sie hat mit ihrer geistigen Unabhängigkeit einen wichtigen Teil ihrer Menschlichkeit aufgegeben. Das Stichwort „Mut“ trifft diesen Prozess nicht, und greift einige Schubladen zu tief.

[...]


1 Yelin 2020.

2 https://titel-kulturmagazin.net/2016/06/01/interview-mit-max-und-moritz-preistraegerin-barbara-yelin/?cn-reloaded=1

3 https://titel-kulturmagazin.net/2016/06/01/interview-mit-max-und-moritz-preistraegerin-barbara-yelin/?cn-reloaded=1

Details

Seiten
15
Jahr
2021
ISBN (PDF)
9783346737236
ISBN (Buch)
9783346737243
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Fachbereich Literaturwissenschaft
Erscheinungsdatum
2022 (Oktober)
Note
1,7
Schlagworte
Graphic Novel Irmina Barbara Yelin Barbara Comic Unterricht Deutschunterricht
Zurück

Titel: Die Behandlung der Graphic Novel "Irmina" von Barbara Yelin im Rahmen des gymnasialen Deutschunterrichts