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Ramadan in Deutschland

Zur Bedeutung religiöser Feste für Gläubige in der Diaspora

Essay 2008 11 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Ramadan in Deutschland

Essay

Seit fast vier Wochen ist Ramadan, der für Muslime wichtigste Monat im Jahr. Es ist die Zeit des rituellen Fastens. Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang verzichten die Gläubigen auf jegliche Art sinnlicher Befriedigung, sprich auf Essen, Trinken, Rauchen und sexuelle Kontakte. In den islamischen Ländern richtet sich das öffentliche Leben während des Ramadan ganz nach den Bedürfnissen der Fastenden aus. Dies schlägt sich auch in veränderten Arbeitszeiten und und einem angepassten Tagesrhythmus wieder – Behörden und Schulen öffnen später, Arbeitnehmer gehen zum abendlichen Fastenbrechen nach Haus, die Arbeitszeit der Gastronomen und ein Großteil des sozialen Lebens verschieben sich gar völlig in die Nacht.[1]

Doch wie verbringen Muslime in der westlichen, säkularisierten Welt diesen Monat? Welche Bedeutung hat das Fasten für sie und inwiefern ist es ihnen möglich, diese wichtige, religiöse Pflicht entsprechend zu erfüllen? Auf wieviel Akzeptanz stoßen sie in der christlich geprägten bzw. säkularen Gesellschaft und welche Bedingungen erschweren dem Fastenden den Alltag?

Dazu soll vorerst die Funktion von Festen im Allgemeinen und von religiösen Festen und Feiertagen im Speziellen geklärt werden. Dem folgend möchte ich kurz auf die Bedeutung der Religion und der Glaubensgemeinschaft für Migranten aus anderen, speziell den islamischen, Kulturkreisen eingehen. Da, wie sich herausstellen wird, Feste und Feiertage eine zentrale Rolle in der religiösen Gemeinschaft spielen, schließt sich beispielhaft ein Überblick über die Charakteristika und die Bedeutung des Ramadan für die Muslime an. Dabei werde ich die jeweilige Gestaltung dieses Monats in islamischen Gesellschaften und im Gegenzug durch muslimische Minderheiten in der Diaspora vergleichend beschreiben und eventuelle Unterschiede und Konfliktfelder aufzeigen. Außerdem stelle ich einige Ideen und Denkanstöße für den Umgang mit den auftretenden Problematiken vor.

1. Die Funktion von Festen

Feste bereichern seit jeher das Zusammenleben der Menschen in den unterschiedlichsten Kulturkreisen. Ob Geburtstage, Hochzeiten, Nationalfeiertage oder (wenn auch teilweise nur noch ursprünglich) religiöse Festtage wie das christliche Weihnachten, das jüdische Chanukka (Lichterfest) oder das islamische id-ul'adha (Opferfest) – der Alltag erlebt immer wieder Unterbrechungen. Feiern macht Freude – dies ist wohl allgemein bekannt, doch welche weiteren essentiellen Funktionen hat das gemeinsame Begehen von Festen?

Schaut man sich beispielsweise die heutige Bedeutung von Weihnachten in einem säkularisierten Staat wie Deutschland an, wird schnell klar, dass es für die Mehrheit der Menschen seinen eigentlichen, religiösen Charakter verloren hat. Weihnachten ist zum „Fest der Liebe“ geworden, die Menschen genießen das Zusammensein der Familie, was im Alltag oft zu kurz kommt. So trägt Weihnachten zur Stärkung des Familienverbandes bei. Auch Rituale, ein weiteres Merkmal von Festen, kann man finden – in den meisten Familien wiederholen sich die Abläufe – vom Weihnachtsbraten bis zur Bescherung – in jedem Jahr aufs Neue.[2] "In Ritualen bearbeiten Menschen soziale Differenzen, erzeugen soziale Ordnungen und schaffen Gefühle der Zugehörigkeit. Sie bieten Menschen die Möglichkeit, sich im gemeinsamen Handeln zu begegnen, miteinander zu kommunizieren und zu interagieren. Rituale vermitteln emotionale Sicherheit und soziale Verlässlichkeit. Besonders in Zeiten ökonomischer, politischer und sozialer Ungewissheit spielen ihre Möglichkeiten, Gemeinschaften zu erzeugen, eine wichtige Rolle".[3]

Somit lassen sich wichtige Funktionen herausstellen: Feste erzeugen und festigen die Gemeinschaft, sie schaffen und stärken die sozialen Bindungen des Einzelnen und bieten dadurch Orientierung.[4] Man kann sich dies an einem ganz simplen Beispiel verdeutlichen, indem man sich einmal den umgekehrten Fall vorstellt: Erhält man keine Einladung zur Hochzeits- oder Geburtstagsfeier eines Freundes oder nahen Verwandten, fühlt man sich (zu Recht) von der jeweiligen Gemeinschaft ausgeschlossen.

Ein weiteres Merkmal ist die meist reiche Ausstattung von Festen – gerade in armen Gesellschaften neigt man dazu, seine Feste im Überfluss zu feiern. So werden Speisen aufgetischt, die sich im „normalen Leben“ niemand der Anwesenden leisten könnte, es „wird symbolisch im Fest der Mangel zu überwinden versucht“.[5] Dadurch heben sich die Zeiten der Feste vom Alltag ab und lassen dessen Probleme und Lasten, zumindest für einen Augenblick, in den Hintergrund treten.

2. Religiöse Festtage

Obwohl jedes, auch noch so weltliche Fest im Ansatz religiösen Charakter aufweist – man denke nur an die stark gottesdienstähnlichen Eröffnungszeremonien großer Sportveranstaltungen[6] - möchte ich das Augenmerk weg von den säkularen hin zu den religiös motivierten Festen lenken, denn hier ergeben sich weitere wichtige Funktionen. Natürlich spielen die vorgenannten eine ebenso zentrale Rolle. Die Besonderheit religiöser Feste ist, „dass transzendente Aspekte, die über die eigene unmittelbare Erfahrung hinausreichen und durch das Lehrsystem der jeweiligen Religion bestimmt sind, eine größere Rolle spielen. Ebenso werden in religiösen Festen eher existenzielle Fragen thematisiert als bei Sportereignissen“.[7] Sie „organisieren sich zentral um Akte des religiösen Kultes. Unter Kult ist hier eine bestimmte Form des religiösen Rituals verstanden, nämlich diejenige, in der eine religiöse Gemeinschaft die für die konstitutive Ursprungstradition rituell erneuert“.[8]

Eine letzte wichtige Funktion religiöser Feste stellt die Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen dar: So grenzt beispielsweise das Freitagsgebet den Muslim vom Christen oder Juden ab, deren heilige Tage der Sonntag beziehungsweise der Sabbat sind.[9] „Abgrenzungen vollziehen sich nicht nur durch das Begehen von Festen, sondern gerade auch durch das Nicht-Begehen [...] [und] haben identitätsstiftende Funktion“.[10]

3. Religiöse Bindung als Orientierung in der Fremde

Die Diasporasituation „stellt [...] die Menschen vor die Frage der kulturellen Identität. Oft betonen und überhöhen sie die Werte ihres Ursprunglandes “.[11] Dies lässt sich durch die zahlreichen Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten erklären, die während der Eingewöhnungszeit in der neuen Heimat auftauchen. Ein wohl typisch menschliches Phänomen ist das Verklären der eigenen Vergangenheit. Gerade in neuen Situationen, die Unsicherheit und Unbehagen hervorrufen, sehnt sich der Mensch schnell zurück in ein gewohntes, Sicherheit und Geborgenheit, zumindest aber Orientierung, bietendes Umfeld. Kommen im neuen Land auch noch Ablehnung, als fremdartig empfundene Werte- und Moralvorstellungen und mangelndes Verständnis durch die Umwelt dazu, wundert es nicht, dass die Suche nach Orientierung in der eigenen, bekannten Kultur – und damit auch Religion – mündet. So „verstärkt die gesellschaftliche Missachtung dessen, worauf die eigenen Vorfahren stolz waren, nostalgische Tendenzen“.[12]

Während der Migration selbst, demnach im aktuellen Prozess der Flucht bzw. des Fortzugs, haben religiöse Bindungen für viele eine wichtige unterstützende und Trost bietende Bedeutung. Gerade angesichts von Gefahren auf der Flucht und einer unklaren Zukunft bieten religiöse Rückversicherungen Halt und Zuversicht. [Obwohl der] Aufbau religiöser Institutionen zu diesem Zeitpunkt nicht ihr vordringlichstes Ziel [ist, und es] vielmehr gilt [...], das eigene Leben in der neuen Umwelt zu gestalten, sich zurechtzufinden, die Sprache des Landes zu erlernen und vieles mehr, [...] erfolgt [früher oder später] unweigerlich der Zusammenschluss und die Organisierung der Migranten in eigenen Vereinen, Gesellschaften, Einrichtungen und Landsmannschaften. [...] Für die Neuankömmlinge und Flüchtlinge bieten die religiösen Vereinigungen psychologisch-emotionale Unterstützung, Hilfe und Trost als auch ein Gefühl von Vertrautheit und Heimatverbundenheit. Die Ausübung der religiösen Vollzüge erhalten gewissermaßen die Verbindung zur zurückgelassenen Heimat. Hier werden die gleichen rituellen Handlungen durchgeführt, die Sprache gesprochen und Personen gleicher kulturell-nationaler Herkunft getroffen. [Die] Unterstützung und Stabilisierung des Einzelnen durch Religion wird durch die Bedeutung von Religion zur Vergewisserung der eigenen Identität ergänzt und verstärkt. [...] In der neuen, fremd-kulturellen Umwelt [erfolgt] oftmals eine neue und geschärfte Wahrnehmung der eigenen religiösen Zugehörigkeit.[13]

Zu dem Gefühl des Fremd- und Ausgeschlossen-Seins kommt oft die Angst vor Verlust der eigenen Identität.[14] Und wenn sich der Mensch (zumindest anfangs) weder mit der Kultur und Gesellschaft seines neuen Landes, noch mit den Werten und Traditionen seiner Heimat identifizieren kann – woran soll er sich dann orientieren? Eine Rückbesinnung auf altvertraute kulturelle und religiöse Bezüge liegt somit nahe.

So lässt sich zusammenfassend sagen, dass oft erst durch die Erfahrungen in der Diaspora „die religiöse Zugehörigkeit und Orientierung von vielen der Zugezogenen als bedeutsam erfahren [wird]“.[15] Auch wenn die Annahme weit verbreitet ist, gehen „die religiösen Bezüge und Bindungen in der westlichen, säkularisierten Welt nicht verloren, [sondern werden] im Gegenteil [...] erneuert und verstärkt“.[16]

Die eingangs beschriebenen, zentralen Bedeutungen und Funktionen von Festen für die jeweilige Gemeinschaft, finden sich auch – oder gerade – bei den zugewanderten Minderheitenreligionen wieder: Der gemeinschaftliche, temporäre Ausstieg aus dem grauen Alltag und der oft noch fremden Umwelt, hinein in heimische, gewohnte Traditionen und Rituale bindet die Menschen umso fester aneinander und bietet dem Einzelnen Halt. „Für alle Religionen gesellschaftlicher Minderheiten [...] ist es so, daß das kulturelle Gedächtnis der Menschen sie zu den großen Festen ihres religiösen Jahres die Gemeinschaft suchen läßt, die die Traditionen der Vorfahren mit ihnen teilt“.[17] Demnach sind die gemeinsamen religiösen Feste und Feiertage in der Fremde von besonderer Bedeutung. Das Beispiel des muslimischen Fastenmonats Ramdan soll dies im folgenden verdeutlichen.

4. Was ist Ramadan?

Wie schon erwähnt, stellt der Monat Ramadan (eigentlich arab. ramaḍân) eine ganz besondere Zeit im islamischen Kalender dar. Dieser nach islamischer Zeitrechnung neunte Monat des Jahres ist die Zeit des Fastens. Das Fasten (arab. ṣaum) ist eine der 5 Grundpflichten jedes Muslims. Die anderen vier der „fünf Säulen des Islam“ sind das Glaubensbekenntnis (shahâda), das Gebet (ṣalat), die Abgabe der Almosensteuer (zakât) und die Pilgerfahrt nach Mekka (ḥajj).[18]

In konservativ islamischen Ländern wie Saudi Arabien oder Ägypten fastet während des Ramadan nahezu jeder Gläubige, der dazu gesundheitlich in der Lage ist.

Nur wer das Fasten, so wie es im Islam vorgeschrieben ist, ohne gesundheitlichen Schaden durchführen kann, ist zu diesem Gebot verpflichtet. Deshalb sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende Mütter, Frauen in der Menstruation und ähnliche Personengruppen von dieser Pflicht ausgenommen. Personen, deren gesundheitliche Situation sich voraussichtlich nicht bessern wird, wie z.B. chronisch Kranke oder Altersschwache, sollen für jeden im Ramadan versäumten Fastentag einen Bedürftigen speisen (die sog. Fidya). Andere, die unter die Ausnahmeregelung fallen und deren Situation sich bessern wird, wie z.B. Schwangere, stillende Mütter etc., holen die versäumten Fastentage zu einem späteren Zeitpunkt nach.[19]

Das Fasten im Monat Ramadan besitzt für die Muslime tiefe Bedeutung. Es ist ein Gottesdienst: die Gläubigen zeigen dem Schöpfer damit ihren Gehorsam und Ehrerbietung und hoffen auf Belohnung im Jenseits. Das Fasten ist eine „Prüfung für Aufrichtigkeit, Hingabe und Gehorsam gegenüber dem Herrn und Schöpfer des Universums“.[20] Da nach islamischer Überzeugung die sinnlichen Begierden des Menschen seinem Glauben und seiner Verbindung zu Gott im Weg stehen, muss er sich in Selbstkontrolle üben. Der Verzicht auf weltliche Genüsse während des Tages erfordert viel Disziplin, das Fasten ist somit eine Übung, die den Charakter des Menschen formen und seinen Glauben stärken soll. Die Muslime bekunden damit „ihren Glauben an Gott, ihr Vertrauen in sein Gesetz sowie ihren Willen, Leidenschaft, Geiz und Selbstsucht zu überwinden und Selbstdisziplin zu üben“.[21] Das Fasten ist eine „geistlich-spirituelle Anstrengung mit dem Ziel der Selbstbeherrschung und gibt Gelegenheit, wieder zu sich selbst zu finden“.[22] Es geht dabei also nicht nur um das Entbehren von Nahrung – auch seinen Geist soll der Fastende reinigen und sich bewusst von falschen Handlungen wie Lügen, übler Nachrede, Verleumdungen und Beleidigungen lösen. So soll schon der Prophet Muhammed gesagt haben: “Wenn sich jemand nicht der Falschheit in Wort und Tat enthält, dann liegt Allah nichts daran, dass er sich des Essens und Trinkens enthält.”[23]

[...]


[1] Vgl. Heine, S. 144

[2] Vgl. Rink, S. 3

[3] http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2006/ts_20060211/ts_20060211_07.html

[4] Vgl. ebd.

[5] REMID, S. 17

[6] Vgl. ebd, S. 14

[7] Rink, S. 3

[8] REMID, S. 19

[9] Vgl. ebd, S. 21

[10] Ebd.

[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Diaspora

[12] REMID, S. 225

[13] Baumann, S. 21 f.

[14] Vgl. REMID, S. 11

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 220

[18] Vgl. Thoraval, S. 288 ff.

[19] http://www.muslimefasten.de/Fragen_zum_Fasten.249.0.html

[20] http://www.muslimefasten.de/Der_Sinn_des_Fastens.1161.0.html

[21] Religionen feiern, S. 111

[22] Thoraval, S. 289

[23] 25 Fragen

Details

Seiten
11
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640344956
ISBN (Buch)
9783656415862
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128314
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Ramadan Deutschland Bedeutung Feste Gläubige Diaspora

Autor

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Titel: Ramadan in Deutschland