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Sinti und Roma in Auschwitz. Genozid einer Minderheit

©2022 Hausarbeit (Hauptseminar) 19 Seiten

Zusammenfassung

Wenn man an das Dritte Reich, den Nationalsozialismus oder den Zweiten Weltkrieg denkt, kommen einem sofort Bilder von Konzentrationslagern, Gaskammern und die Misshandlungen der Juden in den Kopf. Doch was ist mit allen Sinti und Roma, welche auf die gleiche Stufe, die der niedrigsten der Gesellschaft, gestellt wurden? Wieso wird im Zusammenhang mit Auschwitz meist das Leid der etlichen Juden und nicht das Schicksal der Sinti und Roma verbunden, aus welchem nach Befreiung im Vergleich zu den Juden niemand mehr gerettet werden konnte, da sie alle ausnahmslos dem Tod bestimmt waren?

Diese Arbeit soll die Größe des Grauens und der Misshandlung der Sinti und Roma beleuchten und nach dem Einstieg des historischen Exkurses, einen intensiven Blick auf die Deportationen legen, ebenso auf die Entstehung der Zigeunerfrage, bevor es dann abschließend zur aufschlussreichen Aufarbeitung des Porajmos gehen wird.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Einführung in die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland

2. Sinti und Roma in Zeiten des Nationalsozialismus
2.1 Rechtliche Lage 1933-39
2.2 Deportationen 1939-45
2.3 „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau

3. Historiographie der „Zigeunerverfolgung“
3.1 Entstehung der „Zigeunerfrage“
3.2 Aufarbeitung des Porajmos

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Oft kann ich nicht schlafen, weil mich die Erinnerung an Auschwitz plagt. Oft werde ich wach und sehe wieder alles vor mir. Was man da gesehen hat, kann man einfach nicht in Worte fassen. Und trotzdem muss ich davon sprechen. Allein schon für die, die es nichtmehr tun können, die man umgebracht hat oder die man als Überlebende nicht angehört hat. Man hat uns Überlebende Jahrzehnte lang ja gar nicht gefragt. [...] Uns Sinti und Roma hat man fast immer überhört. Eigentlich ist das bis heute so.1

Unerhört, ungewollt, umgebracht. So erging es den meisten Sinti und Roma in Zeiten des Nationalsozialismus, wie Auschwitz-Überlebender Walter Winter berichtet. Mit einem „Z“ gezeichnet und im „Zigeunerlager“ der Grausamkeit und dem Tod überliefert. So sah die „Lösung der Zigeunerfrage“ in der praktischen Umsetzung der NS- Vernichtungspolitik aus. Uralte Vorurteile bildeten die Grundlage der Stereotypisierung, welche den Sinti und Roma die Charakteristika des „Asozialen“ aufdrangen und mit der propagierten „Zigeunerplage“, wie diese die Nationalsozialisten darstellten, ihnen das Leben wortwörtlich zur Hölle machte. Von anfänglicher Romantisierung bis hin zum äußersten Rassismus - in dieser Arbeit möchte ich einen historischen Überblick über diese Transformation geben und anhand eines historischen Zeitstrahls ein Verständnis für den Werdegang des „Zigeuners“ im Deutschen Reich gewähren. Wie genau ist der Antiziganismus entstanden und warum ist der Porajmos im Vergleich zum Holocaust bis heute so unbeleuchtet? Wann kam es zur aktiven Wende der Anerkennung in der Nachkriegszeit und zur Aufarbeitung des Porajmos? Auf diese Fragen soll meine folgende Arbeit Antwort geben. Das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit des Porajmos mangelt bis heute und steht meist im Schatten des Holocausts. Museen, Bildungspläne, Filme - meist nur bestückt mit der Darstellung der Gräueltaten gegenüber den Juden. Wenn man an das Dritte Reich, den Nationalsozialismus oder den Zweiten Weltkrieg denkt, kommen einem sofort Bilder von Konzentrationslagern, Gaskammern und die Misshandlungen der Juden in den Kopf. Doch was ist mit allen Sinti und Roma, welche auf die gleiche Stufe, die der niedrigsten der Gesellschaft, gestellt wurden? Wieso wird im Zusammenhang mit Auschwitz meist das Leid der etlichen Juden und nicht das „Zigeunerlager“ verbunden, aus welchem nach Befreiung im Vergleich zu den Juden niemand mehr gerettet werden konnte, da sie alle ausnahmslos dem Tod bestimmt waren?

Diese Arbeit soll die Größe des Grauens und der Misshandlung der Sinti und Roma beleuchten und nach dem Einstieg des historischen Exkurses, einen intensiven Blick auf die Deportationen in das Auschwitzer „Zigeunerlager“ legen, ebenso auf die Entstehung der Zigeunerfrage, bevor es dann abschließend zur aufschlussreichen Aufarbeitung des Porajmos gehen wird.

1. Einführung in die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland

Die Geschichte der Sinti und Roma lässt sich bis auf das 15. Jahrhundert zurückführen. Der 20. September 1407 gilt symbolisch als das Ankunftsdatum der Sinti im Heiligen Römischen Reich der deutschen Nation, denn vor ihrer Ankunft verbrachten die zugewanderten Gruppen lange Zeit im byzantinischen Reich. Die Stadt Hildesheim prüfte die Geleitbriefe der durchziehenden „Tartaren“ und begrüßte diese mit Wein, was darauf hindeutet, dass die Sinti und Roma nicht von Beginn an mit Hass behandelt wurden. Der Antiziganismus entwickelte sich erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, da mit dem Fall von Konstantinopel im Jahr 1453 eine neue historische Epoche jahrhundertelanger „Türkenkriege“ entstand.2

Aufgrund deren Aufenthalt im byzantinischen Reich und der Übernahme von einigen griechischen Sprachelementen galten Sinti und Roma als „Spione und geheime Verbündete muslimisch-türkischer Reichsfeinde“. Sie gehörten zu den Verlierern der großen Krise der Frühen Neuzeit und Verbindungen zum türkischen Fortschritt, wie der Belagerung von Wien im Jahr 1529, waren auch in den folgenden Jahrzehnten offensichtlich. Mit der Erklärung der „Vogelfreiheit“ der Sinti war die Ermordung an ihnen somit straffrei. Schon damals war der Status von Minderheiten ein Indikator für eine Krise des sozialen und politischen Systems.3

Dieser erste Antiziganismus war eine imaginäre Gefahr, die später um soziale und kulturelle Aspekte ergänzt wurde. Seit Ende des 15. Jahrhunderts kam es zu Niederlassungs- und Kontaktverboten, gewaltsamen Vertreibungen, Hetzjagden und Morden. Man verweigerte ihnen sowohl die Ansiedlung als auch die meisten Besetzungen. Es waren die Behörden, die sie zwangen, dauerhaft umzuziehen - eine Überlebenstaktik, die die Sinti von einem deutschen Gebiet, das sie vorübergehend duldete, in ein anderes führte.

Die Karte des Alten Reichs, ähnlich einem Flickenteppich, zeigt die Möglichkeiten der damaligen Binnenmigration. Das Territorium des nächsten Monarchen war meist nicht weit entfernt und bat vorübergehende Sicherheit. Viele gehörten dem Heer der Umherirrenden und Verarmten an, die sich selbst in Frage stellten, weil Fürsten in der Frühen Neuzeit immer mehr die vollständige Kontrolle über ihre Territorien wollten und geschlossene Untertanenverbände gründeten.4

Die Sinti waren nicht die Einzigen, die sich den Vertreibungen unfreiwillig entzogen. Das Stigma der Obdachlosigkeit/Wanderschaft, des Bettelns, der Armut, dieser sichtbaren „Anderen“ war das zweite Kernelement des Antisemitismus. Sie wurden jedoch nicht nur vertrieben und verfolgt. Gesetze und Vorschriften waren nur ein Teil einer vielfältigen gesellschaftlichen Praxis. Grenzen waren nicht undurchlässig und es gab eine Ehe zwischen Minderheiten und der sie umgebenden Gesellschaft. Es gab bedeutende Soldaten und Generäle im Dreißigjährigen Krieg sowie wohlhabende Familien. Bis ins 18. Jahrhundert gelangten die Sinti immer wieder in wichtige Positionen bei deutschen Fürsten, etwa als Soldaten, Verwalter oder Polizisten. Die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen haben sich jedoch geändert.

Mit der Industrialisierung und der Bildung von Nationalstaaten brach die Erwerbsgrundlage, z.B. Söldner, zusammen, große Teile der Bevölkerung begannen wieder in Massenarmut zurückzufallen, der moderne Staatssozialismus siegte und das Zusammenleben wurde schwieriger.5 Nach der Französischen Revolution und Auflösung des Reichs und der meisten kleine Fürstentümer wurden die Sinti im Königreich Württemberg im Jahr 1807 zu Staatsbürgern ernannt. Die Gleichheit und Beseitigung des Antiziganismus war damit jedoch nicht geschaffen. „Der Zigeuner wie der Israelite steht auf einer niederen Stufe der Cultur“ behauptete die Kreisregierung des Schwarzwaldkreises 1829.6

In der Mitte des 19. Jahrhunderts fand man einige Ansätze einer Bürgerrechtsbewegung im Sinne von einer Veränderung in der beruflichen Struktur. Da ab den 1860er Jahren mit der vermehrten Einwanderung der Roma, welche aus der Sklaverei in Südosteuropa befreit wurden, ökonomische Krisen und Kritik der Politik gegen Minderheiten entstand, setzte der Staat nach der Reichsgründung 1871 verstärkt auf Überwachung und Reglementierung.

Obwohl Sinti und Roma rechtlich gleichgestellt waren, wurden anhand diverser Verordnungen die Freiheitsrechte eingeschränkt, bis die sogenannte „Zigeunerpolitik“ erfunden wurde.7 1899 wurde in München die „Zigeunerzentrale“ der Kriminalpolizei gegründet. Nach und nach folgten weitere Bundesstaaten mit solch einer Gründung bis 1911. Drastischer wurden die Maßnahmen zu Beginn des Ersten Weltkrieges; die Grundgesetze wurden außer Kraft gesetzt und in der Demokratie Weimars wurden, trotz Protesten von Verfassungsjuristen, in Bayern 1926 und Hessen 1929, erstmals ganz offen diskriminierende und rassistisch formulierte Gesetze gegen Sinti und Roma verhängt.8 Dies machte es den Gruppen schwer, reguläre Wohnverhältnisse aufrecht zu erhalten. Man kann also nicht sagen, dass der Antiziganismus aus den Händen der Nationalsozialisten entstand, sondern die Geschichte einen widersprüchlichen und komplexen Rückgang hat, da die rassistisch fundierte „Zigeunerpolitik“ vor Ende der 1920er nicht existierte. Bis 1933 war das Leben der Sinti und Roma jedoch noch mit dem der deutschen Staatsbürger zu vergleichen.9 Ab 1933 folgte mit der Einführung der Verfolgungspolitik und der Errichtung der Lager das „Primat des politischen Terrors“.10

2. Sinti und Roma in Zeiten des Nationalsozialismus

2.1 Rechtliche Lage 1933-39

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar, änderte sich das Leben der Sinti und Roma enorm. Die Politik wurde neu auf dem Rassismus aufgebaut und dies wurde „durchgesetzt [...] mittels terroristischer Ausschaltung politischer Gegner, Abschaffung grundlegender Rechte wie Presse- und Versammlungsfreiheit sowie zielgerichteten Kampagnen und Aktionen vor allem gegen die 500 000 Personen zählende jüdische Bevölkerung“.11 Die Ausgrenzung der Sinti und Roma ähnelte also den antisemitistischen staatlichen Maßnahmen sehr und sie wurden den Juden ähnelnd ab 1933 immer häufiger Opfer gewaltsamer Übergriffe in Hoffnung, durch diese Ausgrenzung die „arische NS- Volksgemeinschaft“ zu begründen.12 Die Radikalisierung lokaler Initiativen trieben den Ausgrenzungsprozess in den 1930er Jahren voran.

„Dies betrifft etwa den Entzug von Wandergewerbescheinen, den Ausschluss aus kommunaler Fürsorge, die überproportional hohe, zwangsweise Sterilisation von Sinti und Roma nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ seit 1934 oder die schrittweise Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen aus dem öffentlichen Schulsystem.“13

Polizeibehörden, städtische Ämter und die örtliche Presse motivierten die Öffentlichkeit immer wieder, Sinti und Roma von der „Volksgemeinschaft“ auszuschließen und diese „Minderheiten“ als „Fremdrasse“ zu betrachten.14 Mit der im September 1933 gegründeten „Reichskulturkammer“ mussten alle im Kulturbereich tätigen Deutschen Mitglied werden und etliche Sinti und Roma verloren ihre Berufe, da sie als „nichtarisch“ aus der Kammer ausgeschlossen wurden.15 Verschärft wurde die Diskriminierung und Ausgrenzung durch zunehmende Zwangsmaßnahmen wie den Erlass des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933,16 durch welches Sinti und Roma ab 1934 zwangssterilisiert werden mussten. Die 1935 folgenden „Nürnberger Rassengesetze“, welche aus dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ und dem „Reichsbürgergesetz“17 bestehen, „verboten[en] Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, Liebesbeziehungen wurden als „Rassenschande“ verfolgt [und] [Ihnen] wurden die [...] zentralen Rechte beraubt.“18 Die Gesetze beziehen sich zwar auf Jüdinnen und Juden und nicht Sinti und Roma, da diese jedoch in ergänzenden Bestimmungen den Jüdinnen und Juden gleichgestellt wurden,19 leiden Sie unter den gleichen Auswirkungen der Gesetze.

Dies ist ein deutliches Beispiel, welches eine Antwort auf meine zu Beginn aufgeführte Forschungsfrage bietet: Alle dokumentierten Gesetze, Propaganda und Rassenpolitik berufen sich hauptsächlich auf die Juden, woraus sich deduzieren lässt, dass die jüdische Bevölkerung im Hauptfokus steht. Vor allem rückblickend ist die Gleichstellung der Juden mit den Sinti und Roma nicht immer unmittelbar einleuchtend, da die Verweise der Quellen zum Großteil auf Jüdinnen und Juden verweisen. Diese indirekte bzw. „verdeckte“ Ausgrenzung und Entrechtung ist primäre Ursache der heutigen Aufarbeitung der Geschichte.

Die ersten Deportationen begannen am 16. Juli 1936, zwei Wochen vor den Olympischen Spielen20 - hunderte Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten in das Zwangslager Berlin-Marzahn eingewiesen21 und brachten somit den Stein der Deportationen ins Rollen. Die Gründung der „Rassehygienischen Forschungsstelle“ von August 1936 bildete die Grundlage des „Rassegutachtens“ „für die Erfassung und Aus

[...]


1 Imke Lüster, Jonathan Maier, Sabine Sieg, Stefanie Steinbach, „Wir geben uns nicht in ihre Hände“. (Hg.) Bildungsmaterialien zum Widerstand von Sinti und Roma gegen den Nationalsozialsimus, Gedenkstätte Detuscehr Widerstand und Bildungsforum gegen Antizigansimus des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Berlin 2019, S. 92.

2 Daniel Strauß, Tim Müller, Sinti im Südwesten. Eine deutsche Geschichte, in: S. Mücke & P. Fritsch (Hg.), Ausgrenzung und Verfolgung. Ravensburger Sinti im Nationalsozialismus, Ravensburg 2021. S. 36.

3 Stauß, Sinti im Südwesten, S. 37.

4 Ebd.

5 Vgl. Strauß, Sinti im Südwesten, S. 36f.

6 Ebd., S. 38

7 Ebd., S. 39.

8 Ebd.

9 Vgl. Strauß, Sinti im Südwesten, S. 40f.

10 Ebd.

11 Karola Fings, Der Völkermord an den Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Lokale Verstöße, zentrale Initiativen und europäische Dimensionen, in: Oliver von Mengersen (Hg.), Sinti und Roma. Eine deutsche Minderheit zwischen Diskriminierung und Emanzipation, Bonn/München 2015, S. 102f.

12 Vgl. Ebd.

13 Ebd. 104

14 Vgl. Ebd.

15 Tobias von Borcke, Einführungstexte, in: Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Bildungsforum gegen Antiziganismus des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma (Hg.) „Wir geben uns nicht in ihre Hände“. Bildungsmaterialien zum Widerstand von Sinti und Roma gegen den Nationalsozialismus, Berlin 2019, S.23.

16 Ebd.

17 Fings, Der Völkermord an den Sinti und Roma im Nationalsozialismus. S. 104.

18 Borcke, „Wir geben uns nicht in ihre Hände“, S. 139.

19 Ebd.

20 Ebd. S. 39

21 Ebd. S. 23.

Details

Seiten
19
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783346740779
ISBN (Paperback)
9783346740786
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Erscheinungsdatum
2022 (Oktober)
Note
2,3
Schlagworte
sinti roma auschwitz genozid minderheit
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Titel: Sinti und Roma in Auschwitz. Genozid einer Minderheit