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Georg Büchners Gesellschaftskritik als werkbiographische Konstituente

Examensarbeit 2009 65 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung in die Thematik

2 Überblick über die Forschungslage
2.1 Probleme der Büchner-Philologie
2.2 Tendenzen der Rezeptions – und Wirkungsgeschichte
2.3 Forschungsperspektiven
2.4 Anmerkungen zum Briefwerk

3 Der zeitgeschichtliche Hintergrund im Spiegel persönlicher Erfahrungen
3.1 Die politische Lage des Vormärz
3.2 Bedeutung des Elternhauses für Büchners Entwicklung
3.3 Schul- und Studienzeit: Entfaltung des kritischen Bewusstsein

4 Büchner als Gesellschaftskritiker
4.1 Kennzeichen und Methodik der Büchnerschen Kritik
4.2 „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen“
4.2.1 Aufruf zur Revolution - Der Hessische Landbote
4.2.1.1 Entstehungshintergrund
4.2.1.2 Sozialkritische Inhalte
4.2.2 Einsicht in den Fatalismus der Geschichte
4.2.3 Kritik an der „jungdeutschen“ Bewegung
4.3 Kritische Betrachtung der Religion
4.4 „Ich werfe mich mit aller Gewalt in die Philosophie“
4.4.1 Determinismus und Materialismus
4.4.2 Kritik am teleologischen Standpunkt
4.4.3 Frage der Theodizee
4.5 „Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft“

5 Manifestation der Kritik im Werk
5.1 Kritik als Werkkonstituente
5.2 Dantons Tod
5.2.1 Entstehung und Hintergründe
5.2.2 Ästhetik des Dramas
5.2.3 Politisch-sozialer Diskurs
5.2.4 Philosophischer Diskurs
5.2.5 Hedonismus versus Altruismus
5.2.6 Der „Fluch des Muß“
5.2.7 Analogien zwischen Autor und Figur
5.3 Die Erzählung „Lenz“
5.3.1 Entstehungshintergrund
5.3.2 Gesellschaftskritische Aspekte
5.3.2.1 „der Wahnsinn packte ihn“
5.3.2.2 „Leiden sei mein Gottesdienst“
5.3.2.3 „Ich verlange in allem Leben“
5.4 Leonce und Lena
5.4.1 Entstehung
5.4.2 Parodie der feudalen und bürgerlichen Gesellschaft
5.4.2.1 „nichts als Pappendekkel und Uhrfedern!“
5.4.2.2 „O wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte!“
5.4.2.3 „ein entsetzlicher Müßiggang“
5.5 Woyzeck
5.5.1 Büchners Umsetzung der historischen Stoffvorlage
5.5.2 Menschliche Natur versus Tugend des Bürgers
5.5.3 Determination versus Selbstbestimmung
5.5.4 Gegenüberstellung zum idealistischen Drama

6 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Quellen

Forschung

Nachschlagwerke

Internetquellen

„Der Haß ist so gut erlaubt als die Liebe, und ich hege ihn im vollsten Maße gegen die, welche verachten.“[1] (Georg Büchner )

1 Einleitung in die Thematik

Büchner, einer der politisch radikalsten Schriftsteller des Vormärz, lässt „die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel“ gehen und fordert „die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk“ (II, 440). Seine Kritik richtet sich „gegen die, welche verachten“ (II, 379). Büchners deterministische Grundhaltung, der Mensch sei das Produkt seiner sozialen Umstände, bewegt ihn zu einer schonungslosen Beurteilung der politisch-ökonomischen Lage Deutschlands und der sozialen Missstände, die er als Ursache für das Leid der Menschen sieht.

Büchners kritische Bekundungen finden ihren Ausgangspunkt nicht in der rein theoretischen Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, sondern in praktischer Lebensanschauung. Dabei bemüht sich der revolutionäre Dichter um Wahrheit und Wirklichkeitstreue und empfindet Mitleid für das „Leben des Geringsten“ (I, 234). Seine Literatur ist das Resultat einer intensiven Auseinandersetzung mit der Gesellschaft seiner Zeit, die er mit der „Autopsie, die aus allem spricht“ (II, 441) und ohne Rücksicht auf bürgerliche Moral und herrschaftliche Macht kritisiert.

Die vorliegende Arbeit möchte aufzeigen, wie gerade Büchners kritische Grundhaltung die sein, wenn auch kurzes, Leben durchzieht konstitutiv für das literarische Schreiben wurde. Zu erarbeiten ist, inwiefern die verschiedenen kritischen Diskurse, die Büchner beschäftigen sich in Inhalt und Aufbau seines literarischen Werks manifestieren.

Im folgenden Kapitel werden zunächst die wichtigsten Forschungspositionen resümiert und besonders divergierende Meinungen gegenübergestellt.

Die weitere Arbeit gliedert sich in zwei inhaltliche Schwerpunkte. Kapitel 3 befasst sich in einem ersten Schritt mit den gesellschaftlichen, historischen sowie persönlichen Voraussetzungen, die an der Entwicklung einer kritischen Grundhaltung mitgewirkt haben. In einem zweiten Schritt werden die kritische Positionen Büchners zu den einzelnen Gesellschaftsbereichen - gesondert vom literarischen Werk - erarbeitet. Grundlage der Untersuchung bilden die theoretischen Schriften Büchners, zu denen das Briefwerk, die Schulschriften, die naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften sowie die revolutionäre Flugschrift „Der Hessische Landbote“ gezählt werden. Im Anschluss erfolgt die Analyse des Werkkomplexes, um zu zeigen, inwiefern Büchners Gesellschaftskritik als Konstituente wirkte.

Es sei angemerkt, dass die Untersuchung den Schwerpunkt auf die Kritik und deren poetische Transformation in das Werk legt und keine Gesamtinterpretation leisten kann, die weitaus umfangreicher ausfiele und im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden soll.

Als Primärtext für diese Arbeit wurde die von Henri Poschmann edierte kritische Gesamtausgabe gewählt, die für viele Büchnerforscher zurzeit die maßgeblichste ist.[2]

2 Überblick über die Forschungslage

Die Darstellung beansprucht keine Vollständigkeit, da die Forschungsliteratur zu Büchner mittlerweile sehr umfangreich geworden ist, um sie in einer Arbeit vorzustellen. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen und Forschungspositionen zu geben.

2.1 Probleme der Büchner-Philologie

Büchner, „der kein Dogma achtet, falsche Würde in ihre Lächerlichkeit auflöst und den Blick in den Abgrund unter Wunschbildern nicht scheut“[3], irritiert mit seinen literarischen Texten, die sich einer eindeutigen Interpretation entziehen. Dies ist, neben den Problemen der Textüberlieferung ein Grund für die durch Höhen und Tiefen gekennzeichnete Forschungsgeschichte der Büchnerschen Werke.

Die Schwierigkeiten der Büchner-Edition und die daraus resultierenden unterschiedlichen Textlesearten begleiten die gesamte Forschungsarbeit und führen zu immer wiederkehrenden kontroversen Diskussionen.[4] Schwann fällt auf, dass sich aus den diversen textkritischen Kontroversen „ein regelrechter Glaubenskrieg um den Alleinvertretungsanspruch der ‚richtigen’ Büchner-Exegese“ entwickelt hat und befürchtet, man könne sich aus diesem Grund nicht mehr auf die wesentlichen Themen zu Büchners Werk konzentrieren.[5]

Ein aktuelles Beispiel der problematischen Texteditionsgeschichte bilden die Auseinandersetzungen um die neue Marburger Historisch-kritische Gesamtausgabe (u.a. hrsg. von Thomas Michael Mayer, Burghard Dedner), die zum Austritt des Büchner-Forschers Henri Poschmann aus der „Georg Büchner Gesellschaft e.V.“ geführt haben. Poschmann kritisiert, dass die fruchtlosen Streitgespräche nicht nur die Forschungsarbeit behindern, sondern auch dem eigentlichen Sinngehalt des Werkes schaden. Er erläutert am Beispiel der Woyzeck-Textedition, die Bearbeitung gehe soweit, dass der eigentliche „Erzähltext in rohes Arbeitsmaterial aufgelöst“[6] werde und stellt der Marburger Gesamtausgabe seine eigene gegenüber, die aus den „vorangegangenen editorischen Unternehmungen […] die nötigen Lehren gezogen“[7] habe. „Eine statische Quantifizierung der Textbestandteile ist […] wenig fruchtbar“[8], meint auch Knapp, der darauf hinweist, der Text solle am Ende „als Ganzes“[9] stehen.

2.2 Tendenzen der Rezeptions – und Wirkungsgeschichte

Die Arbeit von Dietmar Goltschnigg konzentriert sich auf die Wirkungsgeschichte Büchners und deren Entwicklung von 1875 bis heute. Büchners Schriften wurden lange Zeit nicht beachtet: „Erst die Vorstöße der Naturalisten und der nachfolgenden Avantgardebewegung, die mit den klassischen Kunstnormen brachen und sich auf Büchner als einen Vorgänger beriefen, bewirkten den Durchbruch zu einer adäquateren Rezeption.“[10]

Das Spektrum der Aufnahme reiche von absoluter Vereinnahmung des Dichters und seiner Ideen bis zur völligen Ablehnung und dem Verbot seiner Schriften. Dieser Umstand zeige sich darin begründet, dass die Rezeption Büchners nicht nur von der literarischen, sondern auch vom politischen Geschehen in Deutschland beeinflusst sei.[11] Die daraus resultierenden disparaten Ansichten zeigen sich in jüngster Zeit in Untersuchungen zur Büchner-Rezeption in der DDR und im Zusammenhang der Ereignisse um den deutschen Herbst.[12]

Es wird deutlich, dass Büchners Schriften unterschiedliche Interpretationsansätze bieten. Es werden diejenigen Erfahrungswerte und Weltanschauungen in das Werk hinein projiziert, die der jeweilige Zeitabschnitt mit sich bringt.

2.3 Forschungsperspektiven

Im Verlauf der Rezeptionsgeschichte zeigte sich ein weiterer problematischer Aspekt: Die Vereinnahmung des Dichters für bestimmte politische Positionen und ideologische Zwecke. Büchners Äußerungen, besonders jene zu politischen und metaphysischen Fragen, sind offen und multiperspektivisch, zum Teil auch widersprüchlich angelegt und dementsprechend bieten sie den Forschern unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Büchner wurde einerseits als revolutionärer Kommunist und Vorgänger Marx’ gesehen und andererseits zum Nihilisten oder Atheisten degradiert.[13] Knapp nennt beispielhaft den linksorientierten Literaturwissenschaftler Georg Lukács und den eher konservativen Karl Viёtor. Beide Forscher fänden, trotz ihrer diametral entgegengesetzten Auffassungen, jeweils ihren eigenen politischen Standpunkt im Werke Büchners wieder und legten dementsprechend den Schwerpunkt ihrer Arbeit fest.[14] Auch Albert Meier kommt zu dem Schluss, dass die „bei Büchner festgestellte weltanschauliche/politische Haltung […] sich jeweils mit der des Interpreten“[15] decke. Meier sieht diesen Aspekt unter anderem bei dem marxistisch orientierten Hans Mayer bestätigt, der in Büchners kunstästhetischen Anschauungen aus diesem Grund Parallelitäten zur „marxistischen Ästhetik“ ziehe.[16] M. Šmulovič dagegen sieht die Hauptbedeutung Büchners darin, dass er „der erste echte Volksrevolutionär innerhalb der deutschen Literatur werden konnte, ein in seinen Überzeugungen unbeirrbarer Materialist, Atheist und Republikaner.“[17] Für Schwann argumentiert Šmulovič auf einem „wissenschaftlich indiskutablem Niveau“[18], da er sich nicht wirklich am Werktext orientiere, sondern umso mehr an „klassenkämpferisch besetzter Metaphorik“[19].

Vor allem ältere Arbeiten argumentieren einseitig und vereinnahmen Büchner für ihre politisch-ideologischen Zwecke, was der Lebenspraxis Büchners und seinem offenen Weltbild widerspricht.[20]

Cornelie Ueding kritisiert die Einseitigkeit einiger Forschungsansätze, die jeweils nur einen thematischen Schwerpunkt im Werk Büchners „wie Einsamkeit, Angst, Verzweiflung und Zynismus, Genuss und Leid, (…)“[21] untersuchten. Eine solch isolierte Betrachtung unterliege der Gefahr, den einen Aspekt zum Mittelpunkt des ganzen Werkes zu erheben.

Büchner betrachtet nicht nur eine Perspektive menschlicher Erfahrung, sondern thematisiert in seinem Werk die ganze Bandbreite des Lebens. Beides – Kritik und Werk – ist nicht voneinander zu trennen und muss geschlossen betrachtet werden. Dementsprechend führen ältere Forschungsarbeiten, die Büchner nur unter einem jeweiligen Aspekt betrachten wollen, zu einseitigen und missverständlichen Deutungen.

In jüngeren Arbeiten, wie die von Jancke und Hauschild, sieht Glebke ein methodisches Vorgehen, das sich von solch einer parteiischen Ansicht gelöst hat und Büchners Werk in einem komplexeren Zusammenhang und mehr als „homogenes Ganzes“[22] betrachtet.

Jan Thorn-Prikker stellt die Einheit von Biographie und Werk bei Büchner in Frage und weist darauf hin, dass der Gehalt eines Werkes letztlich in diesem selber zu suchen und zu beweisen sei. Sein methodischer Ansatz basiert auf einer textimmanenten Vorgehensweise.

Neuere Forschungsarbeiten haben für „früher begegnende pauschalisierende Inanspruchnahmen und fruchtlose ideologische Spiegelgefechtereien keinen Platz mehr“[23], so kommentiert der Büchnerforscher Henri Poschmann in seinem 1992 erschienenen Sammelband und zieht somit eine positive Bilanz.

Die vorliegende Arbeit schließt sich neueren Forschungsarbeiten an, die die Person Georg Büchner und sein Werk in einem komplexen Zusammenhang sehen und möchte zeigen, dass Büchners Gesellschaftskritik die Grundlage für seine weiterführende literarische Arbeit bildet. Büchners dichterisches Schaffen wird vor dem Hintergrund seiner politisch-revolutionären Aktivitäten, seiner ästhetischen Ansichten und seiner naturwissenschaftlichen Forschungen beleuchtet. Einseitige Betrachtungen, die Büchner für ideologische Zwecke vereinnahmen, werden in dieser Untersuchung zwar angesprochen, aber nicht als Grundlage für weitere Überlegungen und Schlussfolgerungen verwendet, da Büchner nach der neueren Forschungssicht nicht als Vertreter einer Richtung gesehen werden kann.

2.4 Anmerkungen zum Briefwerk

Büchners Briefwerk ist für das Verständnis seines literarischen Werkes von großer Bedeutung, da es wesentliche Aussagen zu seinen gesellschaftlichen, politischen und kunstästhetischen Positionen enthält.

Im Umgang mit den Briefen müsse man berücksichtigen, dass diese zum größten Teil fragmentarisch sind und lediglich die Überreste eines viel größeren Briefkorpus bilden. Büchner passe außerdem Inhalt, Sprache und Stil dem jeweiligen Adressaten an. Knapp spricht von kommunikativen Strategien, die Büchner anwendet. Dazu gehörten, je nach den Bedingungen des Kontexts, „Beschwichtigungs- und Präventivstrategien“[24] zur Schonung seiner Eltern und seiner eigenen Person vor den Repressionen des Kontrollstaates.

Beachte man diese Tendenzen bei der Bewertung von Büchners Absichten, lasse sich das Risiko von Fehlinterpretationen weitgehend einschränken.[25]

3 Der zeitgeschichtliche Hintergrund im Spiegel persönlicher Erfahrungen

3.1 Die politische Lage des Vormärz

Mit dem Begriff „Vormärz“[26] umschreiben wir heute die Phase ab Ende des 18. Jahrhunderts hauptsächlich bis etwa Mitte des 19.Jahrhunderts, eine Zeit des Übergangs, der politischen Aufruhen und der Erneuerungen.

Die industrielle Revolution und die Herausbildung des bürgerlichen Kapitalismus bewirken gesellschaftliche, soziale und politische Strukturveränderungen. Neue Ansätze in Politik und Gesellschaft kündigen ein neues, modernes Zeitalter an, das vor allem durch die Ereignisse der Französischen Revolution und die Ideen der Aufklärung vorbereitet wird. In Frankreich gelingt der emanzipierten bürgerlichen Klasse durch die Revolution die Beseitigung der feudalen Struktur. Die Ziele der Aufklärung, Freiheit und Gleichheit, werden in der Verfassung von 1789 durchgesetzt.

Deutschland dagegen erleidet durch die Folgen des Wiener Kongresses – die Wiederherstellung der alten Verhältnisse vor der Zeit Napoleons – einen enormen Rückschritt in seiner gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung. Das deutsche Bürgertum bleibt, anders als in Frankreich und England, politisch unselbständig und passiv.

Büchners Geburtsdatum, der 17. Oktober 1813, fällt zusammen mit dem zweiten Tag der Völkerschlacht bei Leipzig.[27] Mit der Niederlage Napoleons endet die Fremdherrschaft in Deutschland und die Phase der Restauration setzt ein. Deutschland bleibt in eine Vielzahl kleiner Territorien zersplittert, die durch adelige Fürsten regiert werden.

Die Restauration vereinigt die feudal-konservativen Kräfte in der „Heiligen Allianz“ sowie im „Deutschen Bund“. Es bilden sich bürgerliche Oppositionsbewegungen, die sich in drei Richtungen aufspalten: Die Liberalen, die demokratisch-republikanischen Vertreter und sozialistisch-kommunistische Strömungen bestimmen das politische Bild in Deutschland. Hauptforderungen der liberalen Bewegung sind bürgerliche Freiheit, eine konstitutionelle Monarchie und die Garantie der Menschen- und Bürgerrechte in Deutschland. Dagegen fordert die radikalere demokratisch-republikanische Opposition die Abschaffung der Monarchie und die Errichtung einer Demokratie.

Das Wartburgfest, das 1817 auf Veranlassung der Burschenschaften ausgerichtet wird, feiert die nationalen Ideale „Freiheit, Einheit, Vaterland“.[28] Studenten und Dichter, wie z.B. Theodor Körner, berufen sich auf den Nationalismus. Vereinigungen wie das „Junge Deutschland“, sehen sich in der Nachfolge Hegels, für den die französische Revolution politisch das durchgesetzt hat, was die Aufklärung theoretisch vorbereitete, die Befreiung des Subjekts.[29]

Nach der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den Theologiestudenten und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand setzt in Deutschland eine Welle verschärfter repressiver Maßnahmen ein, die 1819 in den „Karlsbader Beschlüssen“ erlassen werden. Sie beinhalten das Verbot der Burschenschaften, Zensurmaßnahmen, Einschränkung der Pressefreiheit und die Kontrolle der Universitäten („Demagogenverfolgung“). Nicht erlaubt ist „Kritik an Herrscherhaus und Regierung, an Adel und Militär, Christentum und Moral.“[30] Die revolutionären Vereinigungen setzen sich in den Untergrund ab.[31] Die Teilnehmer opponierender Protestaktionen, wie das Hambacher Fest (1832) und der Frankfurter Wachensturm (1833), werden von der Regierung verfolgt, eingesperrt oder ins Exil vertrieben.

Vor diesem politischen Kontext entfaltet sich Büchners gesellschaftskritische Haltung, die zunächst von den unterschiedlichen Persönlichkeiten seiner Eltern und dem humanistischen Bildungsideal der Schule beeinflusst wird.

3.2 Bedeutung des Elternhauses für Büchners Entwicklung

Die Eltern Büchners repräsentieren zwei für die Zeit typisch gegensätzliche Einstellungen. Der eher konservativ eingestellte Vater, Ernst Büchner, hält an der Monarchie fest, was seine Sympathie gegenüber Napoleon erklärt. Die Mutter Caroline, eine geborene Reuß, vertritt dagegen eine eher liberale Tendenz und hofft auf ein geeintes demokratisches Deutschland.

Die Fähigkeit zum analytisch-kritischen Denken und das Interesse für die Revolutionsgeschichte erlangt Büchner durch den Einfluss des Vaters. Einige Quellen der literarischen Schriften Büchners stammen aus der väterlichen Bibliothek, die neben der Geschichte der Französischen Revolution auch medizinische Gutachten zu Mordfällen und Aufsätze zum Suizid enthält.[32]

Die Mutter vermittelt dem jungen Büchner die Dichtung der Zeit (Schiller, Körner, Uhland). Die romantisch-freiheitlich gesinnte Haltung der patriotischen Dichter nimmt Büchner in seinen frühen Gedichten und Schulschriften wieder auf.[33]

Die anklingende kritische Haltung gegenüber religiösen Sinnzuschreibungen, die sich in den Schulschriften zeigt, verdeutlicht eine Richtung, die eher auf Büchners Vater zurückverweist. Im Gegensatz zur „Empfindungswelt“ der idealistisch-christlich gesinnten Mutter vertritt Ernst Büchner eine positivistisch-atheistische Einstellung.[34]

3.3 Schul- und Studienzeit: Entfaltung des kritischen Bewusstsein

Die Grundlagen für Büchners gesellschaftskritische Anschauungen und seine revolutionäre Gesinnung werden in der Schul- und Studienzeit gelegt. Anfangs übernimmt der junge Büchner die bürgerlichen Werte seiner Zeit, verwirft sie aber aufgrund von Erfahrungen, die er in der Studienzeit macht.

Erste schriftstellerische Versuche, die während der Gymnasialzeit am Darmstädter Pädagog entstehen, sind noch „stark von klassizistischen Vorbildern abhängig“[35].

In der Schulrede „Heldentod der vierhundert Pforzheimer“, in deren Mittelpunkt der „Welt-Erlöser-Tod“ (II, 26) steht, klingen Büchners Begeisterung für den Nationalismus und die Ideen der Aufklärung an. Der jugendliche Autor bekennt dort emphatisch:

Nein, mein Vaterland ich habe nicht nötig mich deiner zu schämen, mit Stolz kann ich rufen ich bin Teutscher, […] sie kämpften für Glaubens-Freiheit, sie kämpften für das Licht der Aufklärung […], von Teutschland ging durch ihn das Heil der Menschheit aus, er zeugte Helden […]. (II, 20f.)

Diese Textstelle zeigt Büchners „noch unreflektierte Begeisterung für soldatische Tapferkeit und seine Projektion eines heroischen Welt- und Geschichtsbilds“[36].

1830, kurz nach der französischen Juli-Revolution, die Büchner „einen entscheidenden politischen Denkanstoß“[37] gibt, hält er seine „Rede zur Verteidigung des Kato von Utika“. Darin referiert er über verschiedene Beurteilungen des Selbstmordes.

Der junge Büchner lobt die Eigenschaften des Kato, der für „Vaterland, Ehre, Freiheit“ (II, 32) einstehe. Dies seien Eigenschaften, die man sich zum Vorbild nehmen solle; der Heldentod sei Ausdruck einer „großen Tugend“ (II, 33). Den christlichen Standpunkt, der Selbstmord sei ein Handeln gegen die Rechte Gottes, lehnt er ab. Was allein zähle, sei die subjektive Motivation des Einzelnen für seine Tat, die allein vor dem Hintergrund des historischen Kontextes zu bewerten sei.[38]

Büchner sieht das Opfer des eigenen Lebens gerechtfertigt sofern die Tyrannei ein Leben in Freiheit nicht ermöglicht.

In seiner Schulrede spiegelt sich der Glaube an die Möglichkeit eines geschichtlichen Gesamtfortschritts. Er vertraut noch in die Kraft des Individuums, das den Verlauf der Geschichte positiv beeinflussen kann.[39]

In der 1831 verfassten Rezension „Über den Selbstmord“ kritisiert Büchner die induktive Beweisführung des Verfassers (ein Mitschüler Büchners) und stellt im Anschluss seine eigene Sicht dar: „[…] ich glaube aber daß das Leben selbst Zweck sei, denn: Entwicklung ist der Zweck des Lebens, das Leben selbst ist Entwicklung, also ist das Leben selbst Zweck.“ (II, 41). In dieser einfachen Folgerung liegt Büchners Absage an die teleologische Argumentation der christlichen Moral- und Heilslehre begründet, die den Sinn und Zweck des Lebens in der Ausrichtung auf ein übergeordnetes Ziel, die Aufhebung der Trennung zwischen Gott und dem Menschen, sieht.

Der Schluss der Rezension („die Gebrechen und Mängel des armen Sterbenden“ II, 43) zeigt eine kritischere Auseinandersetzung mit dem „Heldentod“, ein deutlicher Hinweis auf Büchners spätere Position, in der er das heroische Geschichtsbild verwirft.[40]

Durch die direkte Anschauung der Situation im damaligen Großherzogtum Hessen und der dort herrschenden sozialen Misere bleibt Büchner nicht verborgen, unter welcher Not die Landbevölkerung lebt. Er beginnt die Diskrepanz zwischen den in der Schule vermittelten klassischen Idealen von Freiheit und Schönheit und der politisch-sozialen Realität wahrzunehmen und zu reflektieren. Büchner erkennt die Unvereinbarkeit zwischen der Vorstellung eines Ideals und den wirklichen Lebensverhältnissen.

Zu dieser Zeit bildet sich bei ihm ein kritisches Bewusstsein heraus, das ihn zeitlebens dazu befähigt, auch die eigenen Vorstellungen immer wieder zu revidieren und weiterzuentwickeln. Nach Abschluss des Gymnasiums steht „seine Parteinahme für die revolutionären Umtriebe fest.“[41]

Im weiteren Verlauf der Schulzeit und zu Beginn des Studiums entfaltet sich Büchners politisches Verständnis. 1831 immatrikuliert er sich an der Medizinischen Fakultät der Straßburger Académie. In Frankreich verfolgt er mit großem Interesse die gesellschaftlichen Prozesse eines politischen Systems, das den hessischen Zuständen weit voraus ist. Dort trifft er auf ein engagiertes Bürgertum, das auf die wachsende Macht der Juli-Monarchie und der Geldaristokratie mit „dem Aufbau legaler wie konspirativer, kampffähiger regionaler und nationaler Organisationen“[42] reagiert. In diesen Vereinigungen findet er Vorbilder für seine eigenen politischen Aktivitäten.

Durch die Auseinandersetzung mit dem französischen Sozialismus und Materialismus gewinnt der junge Büchner Anregungen für die Entwicklung seiner eigenen politisch-weltanschaulichen Ansichten. In einem Brief an seine Eltern berichtet er begeistert von der freiheitlichen Gesinnung eines „Kosmopoliten“: „Bei den Simonisten sind Mann und Frau gleich, sie haben gleiche politische Rechte.“ (II, 368) Eine Vorstellung, von der Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt war. Hinweise für Büchners Auseinandersetzung mit dem französischen Materialismus finden sich in den späteren Werken und Schriften wieder.

4 Büchner als Gesellschaftskritiker

4.1 Kennzeichen und Methodik der Büchnerschen Kritik

Büchners kritische Positionen, die er zunächst nur im privaten Rahmen seiner Briefe äußert, stellen keinen umfassenden systematischen Gesamtentwurf einer Gesellschaftskritik dar. Vielmehr haben wir es mit Aussagen zu den unterschiedlichsten Wissensbereichen zu tun, die zum Teil auch widersprüchlich erscheinen. Neben den Briefen findet man kritische Äußerungen in den philosophisch-naturwissenschaftlichen Schriften. Diese wiederum beziehen sich zum Teil, wie einige Briefpassagen, intertextuell auf das Werk. An diesen Schnittstellen von theoretischen und literarischen Textbezügen wird zu zeigen sein, wie Büchners Werk konstituiert ist.

Der Begriff „Gesellschaftskritik“ ist ein eher vager und offener Ausdruck, der sich nicht eindeutig und abschließend definieren lässt. Im Bereich der Geisteswissenschaften wird der Begriff häufig synonym zu „Zivilisationskritik“, „Kulturkritik“ oder „Kritische Sicht auf Staat und Gesellschaft“ verwendet. Die enge Verknüpfung mit geschichtlichen Prozessen, dem die Gesellschaftskritik einerseits unterliegt, und die sie andererseits kritisiert, bewirkt die grundsätzliche Offenheit des Begriffes.[43]

In dieser Arbeit wird der Begriff der „Gesellschaftskritik“ als Sammelbegriff verwendet, der für die Gesamtheit aller gesellschaftlichen Teilbereiche steht, die Büchner in seinen Schriften diskutiert.

Büchners Gesellschaftskritik soll als Interpretationskategorie[44] fungieren und Aufschluss über Entstehung und Bedeutung der poetischen Werke geben. Es wird an den Werken zu zeigen sein, wie sehr Inhalt und Aufbau des Textes durch Büchners Art, kritisch zu denken, geprägt sind.

Was macht das Besondere der Büchnerschen Kritik aus und was qualifiziert sie insbesondere als Konstituente für das Werk?

Büchners Schreiben charakterisiert sich durch „die Verbindung von Poesie, kritischer Intelligenz und naturwissenschaftlich-analytischer Leidenschaft“[45].

Der Autor entwickelt seine Kritik aus der Beobachtung und Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, die er vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung reflektiert und beurteilt. Diese Kritik entwickelt er nicht nur „a priori“, mit den Mitteln des Verstandes, sondern vorwiegend „a posteriori“, nach empirischen Methoden, die Erfahrungen berücksichtigen. Dieser Aspekt widerspricht dem Vorgehen Immanuel Kants, der weiterführende objektive Erkenntnisse rein auf der Basis der Vernunft – unabhängig von der Empirie – entwickelt.[46]

Für die Bewertung von Büchners Kritik ist weiterhin wichtig, dass ihm jeglicher Dogmatismus fremd ist.[47] Er selber distanziert sich in seiner naturwissenschaftlichen Arbeit „Ueber Schädelnerven“ von „der Anschauung des Mystikers und dem Dogmatismus des Vernunftsphilosophen“ (II, 159) und wendet sich gegen eine realitätsferne Methodik des Erkenntnisgewinns, die glaubt, „mittels der Vernunft die Welt erkennen zu wollen“[48]. Stattdessen präferiert er das „frische grüne Leben“ (ebd.), aus dem er seine empirischen Untersuchungen ableitet. Nach Büchners Ansicht, ist es bisher noch nicht gelungen, zwischen der Vernunft „und dem Naturerleben, das wir unmittelbar wahrnehmen, eine Brücke zu schlagen, [das] muß die Kritik verneinen.“ (ebd.) In diesem Zusammenhang reflektiert er auch die philosophischen Abhandlungen von Descartes und Spinoza.

Büchners Gesellschaftskritik zeichnet sich neben der Erfahrungsoffenheit durch ein Geschichtsbewusstsein aus. Einsichten in geschichtliche Prozesse dienen dem Autor als Voraussetzung für die Entwicklung seiner Kritik. Dabei studiert er nicht nur den Geschichtsverlauf, sondern hinterfragt gleichzeitig dessen Sinn.

Zeitlebens befasst sich Büchner mit den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Phänomenen. Kennzeichen seiner Kritik ist einerseits die theoretisch-kritische Auseinandersetzung mit den verschiedensten Strömungen seiner Zeit, andererseits die Einbindung eigener Erfahrungen in die Kritik.

Die Themen und Inhalte seiner Werke sind, unter Berufung auf seine bisherigen Erfahrungen, gesellschaftskritisch bedingt. Genauer gesagt bildet die Kritik die bestimmende Wissens- und Erkenntnisgrundlage für den Inhalt und den Aufbau des literarischen Korpus, der innerhalb von drei Jahren, in der Zeit von 1834 bis 1836, entsteht. So steht die Kritik bei Büchner nicht als theoretische Auseinandersetzung unabhängig neben seinem Werk, sondern wirkt als bestimmende Voraussetzung für sein gesamtes literarisches Schaffen.

4.2 „Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen“

Die Bewertung der politischen Lage in Frankreich, besonders im Hinblick auf die Auswirkungen der Juli-Monarchie, wird in einem Brief an die Familie vom Dezember 1832 deutlich: „[…] das Ganze ist doch nur eine Komödie. Der König und die Kammern regieren, und das Volk klatscht und bezahlt.“ (II, 365). Ähnlich bewertet der Autor 1833 die deutschen politischen Verhältnisse: „Unsere Landstände sind eine Satyre auf die gesunde Vernunft, […]“ (II, 366).

Anlässlich der gewalttätigen Ausschreitungen des Frankfurter Wachensturms schreibt Büchner:

Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. […] Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und großgezogen sind, merken wir nicht mehr, daß wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füßen und einem Knebel im Munde. (II, 366)

Es wird deutlich, dass Büchner die „Berechtigung revolutionärer Gewalt ausdrücklich bejaht“[49], da die große Mehrheit des Volkes in einem „Gewaltzustand“ lebe, welcher wiederum nur durch Gewalt aufgelöst werden kann. Dem Staat, der seine Interessen und seine Macht mit Gewalt durchsetze und die Mehrheit des Volkes unterdrücke, dürfe also auch mit Gewalt begegnet werden.

Zugleich thematisiert der politische Schriftsteller die Ungleichheit zwischen Freiheit und Gesetz:

Ein Gesetz, das die große Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Und dies Gesetz, unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und durch die dumme Pfiffigkeit seine Agenten, dies Gesetz ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft, und ich werde mit Mund und Hand dagegen kämpfen, wo ich kann. (II, 366f.)

Die Gesetze legitimieren den Gewaltzustand, in dem die Mehrheit des Volkes lebt und sichern die Macht einer herrschenden Minderheit.

Büchner erkennt die materielle Lage des Volkes:

[…] überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte mich sehr bitter. (II, 423)

In den Worten des Dichters spiegeln sich sowohl tiefes Mitgefühl und ehrliche Zuwendung für die Notlage des Volkes als auch der Wille zur politischen Agitation, denn für ihn ist „das Verhältnis zwischen Armen und Reichen […] das einzige revolutionäre Element in der Welt“ (II, 400).

Die Strategie des politisch engagierten Autors besteht zunächst darin, „dem Volk die Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse [des] bestehenden Systems aufzuzeigen und […] die Notwendigkeit der Revolution bewusst zu machen“[50]. Ohne die Aufklärung des Volkes hält Büchner zum „gegenwärtigen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung [für] eine vergebliche Unternehmung“, da er nicht die „Verblendung“ jener teilt, die „in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen“ (II, 367). Damit spielt er auf die liberale Partei an, deren „tolle Meinung“ (ebd.) Schuld am gescheiterten Aufstand sei. Nur „das notwendige Bedürfnis der großen Masse [könne] Umänderungen herbeiführen, […] alles Bewegen und Schreien der Einzelnen [sei] vergebliches Torenwerk“ (II, 369). Dennoch hält Büchner nach wie vor eine revolutionäre Umwälzung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse für notwendig, auch wenn er sich vorerst „in die Gießener Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche“ (II, 369) nicht einmischen wird.

Wiederholt formuliert Büchner die Problematik, die er in der Behandlung des Volkes sieht, das aufgrund von mangelnder Intelligenz und Aufklärung für Manipulationen anfällig ist und das ihm zugefügte Unrecht nicht erkennt.[51]

Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. (II, 376f.)

Die Politischen Ereignisse erscheinen immer mehr als „Komödie“. Büchner selbst kommt sich vor „wie Larifari in der Komödie; will er das Schwert ziehn: so ist’s ein Hasenschwanz…“ (II, 382). In diesen Worten drückt er zugleich seine Ohnmacht gegenüber den politischen Verhältnissen aus, gegen die er als Einzelner nichts ausrichten kann. Er schämt sich „ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-Aristokratismus zu Gefallen.“ (II, 386)

Büchners Kritik richtet sich gegen die Willkür eines aristokratischen Staates sowie gegen die Herrschaft eines Volkes, das politisch dem Anspruch der von der Aufklärung geforderten Vernunft, nicht entsprechen kann. „Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie. Ein Huhn im Topf jedes Bauern macht den gallischen Hahn verenden.“ (II, 400) Solange es den Bauern wirtschaftlich gut geht, die Fürsten ihnen Versprechungen für eine Verbesserung ihrer Lage machen, lassen auch die revolutionären Kräfte im Volk nach und die Bereitschaft für einen Aufstand sinkt.

Büchner wird 1836 als Privatdozent in Zürich anerkannt. Von dort berichtet er über die Unterschiede[52], die er zwischen republikanischen und feudalistischen Staatensystem feststellt:

Die Straßen laufen hier nicht voll von Soldaten, Accessisten und faulen Staatsdienern, man riskiert nicht von einer adeligen Kutsche überfahren zu werden; dafür überall ein gesundes, kräftiges Volk, und um wenig Geld eine einfache, gute, reine republikanische Regierung, die sich durch eine

[...]


[1] Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann u. Mitarb. v. Rosemarie Poschmann. Bd. II: Schriften, Briefe. Dokumente. Frankfurt am Main 1999, S. 379.

[2] Die Ausgabe erweist sich als äußert leserfreundlich und bezieht die Ergebnisse der aktuellen Büchner-Forschung kritisch ein. Vgl. dazu auch das Vorwort von Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. - 3. Auflage - Stuttgart; Weimar 2000, sowie den Forschungsbericht von Jürgen Schwann: Georg Büchners implizite Ästhetik. Rekonstruktion und Situierung im ästhetischen Diskurs. Tübingen 1997, S. 19.

[3] Henri Poschmann: Vorbericht. In: Wege zu Georg Büchner. Internationales Kolloquium der Akademie der Wissenschaften (Berlin-Ost). Hrsg. von ders. Berlin; Bern; Frankfurt am Main; New York; Paris; Wien 1992, S. 7.

[4] Beispielhaft dafür auch die Debatte um den angeblichen Lesefehler des Wortes „modern“. Vgl. Dietmar Goltschnigg: Die „abgelebte modernde Gesellschaft zum Teufel“! Politische, sozial- und kulturgeschichtliche Randbemerkungen. In: Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar, Band 1: 1875-1945. Hrsg. von Dietmar Goltschnigg. Berlin 2001, S. 11-13.

[5] Jürgen Schwann: Georg Büchners implizite Ästhetik. Rekonstruktion und Situierung im ästhetischen Diskurs. Tübingen 1997, S. 18.

[6] Vgl. Henri Poschmann: Zur Ausgabe der sämtlichen Werke. Informationstext des Herausgebers. Zitiert nach: http://www.georg-buechner-online.de.

[7] Henri Poschmann: Kommentar. In: Georg Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann u. Mitarb. v. Rosemarie Poschmann. Bd. I: Dichtungen. Frankfurt am Main 1992, S. 422.

[8] Gerhard P. Knapp: Georg Büchner.- 3. Auflage - Stuttgart; Weimar 2000, S. 99.

[9] Ebd., S. 99.

[10] Poschmann [Anm. 7], S. 418.

[11] Vgl. Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar, Band 1: 1875-1945. Berlin 2001, S. 13ff.

[12] Zum Beispiel wurde 1988 in der DDR ein Büchner-Film von Thomas Steinke, in dem es u.a. um die Aktualität Büchners gehen sollte, überraschend und kommentarlos abgesetzt. Im Gegensatz dazu missbrauchte das System Büchner als „frühkommunistischen Publizisten“ und Vorkämpfer für den Arbeiter-und-Bauern-Staat“. Vgl. dazu die Einleitung von Dietmar Goltschnigg, ebd., S. 14.

1977 schrieben Heinz Jacobi und Eckart Menzel einen Brief an die „Deutsche Akademie für Dichtung und Sprache“, in dem sie die Abschaffung des seit 1923 bestehenden Georg-Büchner-Preises forderten, mit der Begründung, es beständen deutliche Parallelen zwischen Büchners revolutionären Anschauungen und Praktiken und den terroristischen Aktionen der „Roten-Armee-Fraktion“. Vgl. ebd., S.15.

[13] Vgl. Michael Glebke: Die Philosophie Georg Büchners. Marburg 1995, S. 7.

[14] Vgl. Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. Eine kritische Einführung in die Forschung. Frankfurt am Main 1975, S. 113. Glebke weist ebenfalls auf diesen Aspekt hin, vgl. Glebke [Anm. 13], S. 7.

[15] Albert Meier: Georg Büchners Ästhetik. München 1983, S. 30.

[16] Vgl. ebd., S. 30.

[17] M. Šmulovič: Georg Büchners Weltanschauungen und ästhetische Ansichten. In: Text+Kritik. Georg Büchner III. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München 1981, S. 197-198.

[18] Schwann [Anm. 5], S. 58.

[19] Ebd., S. 58.

[20] Vgl. Soon-Nan Chang: Politik, Philosophie und Dichtung in Georg Büchners Lebenspraxis. Eine Untersuchung des Verhältnisses von Politik und Dichtung bei Büchner unter der besonderen Berücksichtigung seiner dichterischen Praxis anhand des Dramas „Dantons Tod“. Berlin 1988, S. 8 ff.

[21] Cornelie Ueding: Denken Sprechen Handeln. Aufklärung und Aufklärungskritik im Werk Georg Büchners. Bern 1976, S. 7f.

[22] Glebke [Anm. 13], S. 8.

[23] Poschmann [Anm. 3], S. 9.

[24] Knapp [Anm. 8], S. 51.

[25] Vgl. Heinz Wetzel: Dantons Tod und das Erwachen von Büchners sozialem Selbstverständnis. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Hrsg. von Richard Brinkmann und Hugo Kuhn. Stuttgart 1976, S. 439.

[26] Die Darstellung der historischen Epoche des Vormärz orientiert sich vorwiegend an den Ausführungen von Peter Stein: Vormärz. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Wolfgang Beutin u.a. - 5. überarbeitete Auflage - Stuttgart; Weimar 1994, S. 208-258. Alle anderen Quellen werden gesondert gekennzeichnet.

[27] Werner R. Lehmann: Nachwort. In: Georg Büchner. Werke und Briefe. Nach der historisch-kritischen Ausgabe von Werner R. Lehmann. Kommentiert von Karl Pömbacher, Gerhard Schaub, Hans-Joachim Simm und Edda Ziegler. München; Wien 1980, S. 543.

[28] Vgl. ebd., S. 544f.

[29] Vgl. Peter Uwe Hohendahl: Nachromantische Subjektivität. Büchners Dramen. In: Wege zu Georg Büchner. Internationales Kolloquium der Akademie der Wissenschaften (Berlin-Ost). Hrsg. von Henri Poschmann. Berlin; Bern; Frankfurt am Main; New York; Paris; Wien 1992, S. 11.

[30] Peter Stein: Vormärz. In: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. von Wolfgang Beutin u.a. – 5. überarbeitete Auflage – Stuttgart; Weimar 1994, S. 215.

[31] Lehmann [Anm. 27], S. 547f.

[32] Vgl. Knapp [Anm. 8], S. 2ff.

[33] Vgl. Jürgen Seidel: Georg Büchner. München 1998, S. 16f.

[34] Vgl. Hans Mayer: Georg Büchner und seine Zeit. Frankfurt am Main 1972, S. 38.

[35] Knapp [Anm. 8], S. 5.

[36] Ebd., S. 8f.

[37] Ebd., S. 7.

[38] Vgl. ebd., S. 10.

[39] Mayer [Anm. 34], S. 48.

[40] Vgl. Knapp [Anm. 8], S. 10.

[41] Lehmann [Anm. 27], S. 549.

[42] Jan-Christoph Hauschild: Georg Büchner. - Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe - Reinbeck 2004, S. 32.

[43] Vgl. dazu Georg Bollenbeck: Die konstitutive Funktion der Kulturkritik für Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung“. In: Euphorion 99 (2005), H. 1/2, S. 213 ff.

[44] Vgl. ebd., S. 215.

[45] Lehmann [Anm. 27], S. 535.

[46] Vgl. Glebke [Anm. 13], S. 119f.

[47] Vgl. ebd., S. 121.

[48] Ebd., S. 119.

[49] Hauschild [Anm. 42], S. 42.

[50] Chang [Anm. 20], S. 66.

[51] Vgl. Wetzel [Anm. 25], S. 439.

[52] Die Abschaffung des Zunftzwangs, die Einführung von Gewerbefreiheit (1798) und die daraus resultierenden wirtschaftlichen Vorteile führten in der Schweiz zu einem Wohlstand, der in Kontrast zu den hessischen Verhältnissen stand. (Vgl. Henri Poschmann. Kommentar. In: Georg Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hrsg. von Henri Poschmann u. Mitarb. v. Rosemarie Poschmann. Bd.II: Schriften. Briefe. Dokumente. Frankfurt am Main 1999, S. 1215.

Details

Seiten
65
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640345649
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128503
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,3
Schlagworte
Georg Büchners Gesellschaftskritik Konstituente

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Titel: Georg Büchners Gesellschaftskritik als werkbiographische Konstituente