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Die Funktion der Dialektik in Bertolt Brechts Lyrik. Ein Vergleich seiner Exilgedichte "An die Nachgeborenen" und "An die Gleichgeschalteten"

©2017 Hausarbeit 11 Seiten

Zusammenfassung

In dieser Arbeit wird die Funktion der Dialektik für Brechts politische Exillyrik anhand der Exilgedichte "An die Nachgeborenen" und "An die Gleichgeschalteten" vergleichend untersucht. Brechts politische Gedichte sollen sich vor allem an die breite Masse der Arbeiterklasse richten und dabei eine gesellschaftsverändernde Funktion erlangen, indem sie sich mit Fragen auseinandersetzen, die die Existenz aller durch die herrschende Politik Unterdrückten betreffen. Der oberste Anspruch an seine eigenen Texte besteht deshalb weniger im Wohlklang des Gesagten, als in dessen "Volkstümlichkeit" und dem "Realistischen". Der "Gebrauchswert" (nach Brecht eine literarische Kategorie) wird zum Maßstab für seine Kunstwerke.

Zur Verdeutlichung der von ihm angesprochenen Probleme nutzt der Dichter häufig das sprachliche Mittel der Dialektik: mittels bildhafter Gegenüberstellungen von (sich widersprechenden, gegensätzlichen) Symbolen oder anderen Sprachfiguren, der Verwendung von Rede und Gegenrede innerhalb seiner Texte, versucht er einen hinterfragenden Denk- und Erkenntnisprozess in seinen Lesern und Zuhörern anzuregen.

Leseprobe

1) Einleitung

Eugen Berthold Friedrich Brecht (1898-1956), oder - wie er sich selbst nannte - Bert Brecht, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschen Literatur und gilt als Gründervater des epischen Theaters. Vornehmlich thematisiert der Autor in seinen Texten die sozialhistorischen Ereignisse seiner Zeit, wobei zum Ende der 1920erJahre eine deutliche Wandlung seines Bewusstseins und seiner dichterischen Praxis (im Vergleich zu seiner frühen Lyrik) zu verzeichnen ist1. Diese wurzelt womöglich unter anderem in seiner Hinwendung zum Marxismus2 und bestimmt fortan die Gestaltung seiner kritischen Texte, welche ein Dorn im Auge der aufsteigenden Faschismusbewegung waren und daher bald als verboten (weil „undeutsch“3 ) deklariert wurden.

Brechts politische Gedichte sollen sich vor allem an die breite Masse der Arbeiterklasse richten und dabei eine gesellschaftsverändernde Funktion erlangen, indem sie sich mit Fragen auseinandersetzen, die die Existenz aller durch die herrschende Politik Unterdrückten betreffen4. Der oberste Anspruch an seine eigenen Texte besteht deshalb weniger im Wohlklang des Gesagten, als in dessen „Volkstümlichkeit“ und dem „Realistischen“5. Der „Gebrauchswert“ (nach Brecht eine literarische Kategorie) wird zum Maßstab für seine Kunstwerke6.

Zur Verdeutlichung der von ihm angesprochenen Probleme nutzt der Dichter häufig das sprachliche Mittel der Dialektik: mittels bildhafter Gegenüberstellungen von (sich widersprechenden, gegensätzlichen) Symbolen oder anderen Sprachfiguren, der Verwendung von Rede und Gegenrede innerhalb seiner Texte, versucht er einen hinterfragenden Denk- und Erkenntnisprozess in seinen Lesern und Zuhörern anzuregen’. Wolfgang Mieder betont die häufige Erscheinung und die damit verbundene Relevanz der Dialektik (nach den sprichwörtlichen Verfremdungen) in der ,Brechtliteratur‘ in seinem Buch7 8. In diesem Zusammenhang schlägt sich auch das Forschungsinteresse meiner Arbeit nieder, mit welcher ich die Funktion der Dialektik für Brechts politische Exillyrik anhand der oben genannten Titel vergleichend untersuchen möchte.

Mit konkreter und stets zustandskritisierender Sprache ist Brecht als Autor einer von den Provokateuren gegen die herrschende Regierung, leistet „Widerstand gegen die Unterdrückung der Besitzlosen durch die Besitzenden“ und zählt zu den verfolgten Künstlern des deutschen Reiches. Er flüchtet 1933 mit seiner Familie über Prag (u.a.) nach Dänemark, wo sie sechs Jahre seiner Exilzeit auf der kleinen Insel Thurö nahe der Hafenstadt Svendborg verbringen9. Doch auch als „verbannter“ Exilant stagniert seine dichterische Tätigkeit nicht. Neben einigen Theaterstücken, wie z.B. „dem guten Menschen von Sezuan (zw. 1938 und 1940)“, entsteht u.a. die vom Autor selbst zusammengestellte Sammlung der „Svendborger Gedichte“ (1934-1938), welche 1939 in Kopenhagen erscheint und der auch die zwei Gedichte meiner Forschungsarbeit zu entnehmen sind.

2) Hauptteil

2.1) Analytische und interpretatorische Gemeinsamkeiten der Gedichte

Eingebettet in den Kontext der Herkunft und der Exilsituation Brechts werden die Gedichte schon in ihrem Titel für den Leser greifbarer gemacht: [I] „An die Gleichgeschalteten“ (1935) und [II] „An die Nachgeborenen“ (zw. 1934 und 1938) formulieren einen rufenden Appell an einejeweils benannte, sehr weit gefasste Gruppe von Menschen. Die Charakterisierung der Adressaten wird später im Einzelnen genauer versucht.

Dank ihrer bildhaften und symbolreichen Sprache findet sich in beiden Werken eine ausdrucksvolle Beschreibung von „Zeitzuständen“ wieder. Geschildert werden sie durch ein lyrisches ,er‘ in [I] und ein lyrisches ,ich‘ in [II]. Damit sind zwei charakteristische Gattungsmerkmale lyrischer Texte grundsätzlich erfüllt10. Auf der Ausdrucksebene fällt zwar auf, dass keinerlei Reime, geschweige denn wiederkehrende Rhythmen vorzufinden sind. Doch sind sie klassischerweise in einem linksbündigen Flattersatz gedruckt (bis auf fünf Einrückungen in [I]) und eröffnenjede Zeile mit Großbuchstaben - wohlbekannt als aktive Gestaltungsmittel der Dichtkunst. Zum Verzicht auf Reime sagt der Autor selbst, dass regelmäßige Rhythmen und Reime ihm nicht angebracht erschienen, weil sie dem Gedicht etwas „am Ohr vorübergehendes“ verleihen11. Hinblickend auf den Klang der Zustandsbeschreibungen und nicht zuletzt die beschriebenen Zustände selbst, wird erkennbar, dass beiden Gedichten eine sehr leidvolle, klagende Stimmung innewohnt, die wiederum der einer Elegie gleichkommt. Außerdem verbindet sie, schon durch die direkte Adressierung im Titel, ihre dialogische Funktion12 eines Appells.

Die Texteinstiegsmomente geben einen Ausblick auf [II] „finstere“ und [I] von „Unterdrückung“ geprägte Zeiten. Unter [I] „Herrschern“ und „Machthabern“, [II] „Mördern“ und „Schlächtern“ finden sich die [I] „Unterdrückten“, deren [II] „Kräfte gering waren“ - als unabdingbares Gegenstück zu den Machthabenden. Unabdingbar meint, dass die Herrscher ohne ihre Beherrschten, wie Unterdrücker ohne die „zu Unterdrückenden“, freilich ihrer Macht beraubt wären. Diese Antinomien aus ,Oberen‘ und ,Unteren‘ (u.a.) weisen wieder auf gesellschaftliche Missstände dialektisch hin - wodurch ein Spannungsfeld entsteht.

Weil beide Texte von einem Sprecher wiedergegeben werden, der unmittelbar in die von ihm überlieferten Verhältnisse eingebunden zu sein scheint, ist nun zu schauen, welche Rolle er in den eben erläuterten Spannungsfeldern einnimmt: Eindeutig befindet er sich (in beiden Fällen) auf der Seite der „Niederen“, welche als Opferrolle zu verstehen ist.

Dies zeigt sich in [I] schon mit den einleitenden Worten „Um sein Brot nicht zu verlieren / In den Zeiten zunehmender Unterdrückung / ...“,13 14 aus der eine Existenzangst hervorgeht, welche sowohl aus der Unterdrückung resultiert, als auch gleichzeitigihren Nährboden darstellt. In [II] „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! / Das arglose Wort ist töricht.

lässt sich ebenfalls ein klares Bedauern über die tristen Umstände herauslesen und damit die „niedere“ Position des lyrischen Vermittlers. Dies sind nur wenige von weiteren Beispielen, aus denen ich ableite, dass beide Gedichte - wenigstens aus der Bedeutungsebene heraus - als Elegien, also ,Klagelieder‘ gelesen werden können.

Ein letztes Spannungsfeld, was in beiden Texten dialektisch aufgebaut wird und zu ihren gemeinsamen Hauptthemen gehört:jenes zwischen einem Schweigen gegenüber einem Sprechen (z.B.) über „furchtbare Untaten“. In [I] heißt es da:

„Er bezeichnet / Die furchtbare Untat als etwas so Unauffälliges wie Regen / Auch so unhinderbar wie Regen.“15

Mittels des äußerst kunstvoll eingebauten Naturmotivs „Regen“ wird die Unhinderbarkeit besagter Untaten mit der Übermacht der Natur (Unhinderbarkeit des Regens) metaphorisch verglichen. In dieser Unhinderbarkeit wurzelt wohl auch die Annahme, dass es aussichtslos sei, sich solch unmenschlicher Verbrechen anzunehmen. Gelähmt durch diese Auffassung (der Unhinderbarkeit) verfolgt der Besagte die Strategie des Schweigens:

„Ja, dieser sein Entschluß / Keine Unwahrheit zu sagen, dient ihm dazu, von nun an / Die Wahrheit zu verschweigen.“16 17 Dieses Phänomen kommt der Gleichschaltung nahe, welche von den Nationalsozialisten zu Zeiten ihrer Herrschaft in Deutschland angestrebt wurde. Parallel dazu finden wir in [II] „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“1’ ebenfalls ein Naturmotiv - „Bäume“ als Elemente der Natur und auch als Symbol des Lebens. Sie stehen den „Untaten“ der beschriebenen Zeiten gegenüber, sowie das „Gespräch“ dem „Schweigen“. Diese Zeilen bieten verschiedene Ansätze der Auslegung. Einer wäre die Anklage eines Verbrechens, was darin bestünde, über Natürliches zu sprechen, während die unnatürlichen Verbrechen verschwiegen werden18. Mittels der dialektischen Struktur dieser Zeilen bekommt die rhetorische Frage des lyrischen ,ichs‘ eine tragische Melodie, die in der begründenden Zeile („... / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“19 ) wieder in der allumfassenden Finsternis dieser Zeit mündet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass hier zwei (elegische) Klagegedichte von dialektischem Charakter vorliegen, die einem Fingerzeig gleichen. Einem Fingerzeig auf die Ungerechten, welche unterdrücken und ausbeuten - aber auch auf die Opfer und deren Verschweigen, denen gewissermaßen eine Akzeptanz (und damit eine Mitverantwortung am Bestehen) der unmenschlichen Zustände zugeschrieben wird. Somit mahnend und (zum Kampfe) motivierend in einem, findet sich der Grundzug des Leitgedankens von Brechts politischen Exilgedichten darin wieder20.

2.2) Einzelbetrachtung der Texte

2.2.1) „An die Gleichgeschalteten“

Das verhältnismäßig unbekannte Gedicht Brechts istimjahr 1935 über den Moskauer Sender gesprochen worden und problematisiert die Gleichschaltung der deutschen Reichsbürger durch die nationalsozialistische Regierung. In der Druckform erscheint es mit 76 Zeilen linksbündig und ohne absatzhafte Unterbrechungen, also nicht versgebunden. Als Flattertext sind die Zeilen unterschiedlich lang und geben ihm somit eine gänzlich unregelmäßige Form. Dieser Unregelmäßigkeit in der Form folgt auch der Klang des Gedichts, da es zudem reimlos ist. Diese besondere, ungleichmäßige Gedichtform soll als Werkzeug dienen, die appellierende Wirkung an die Hörerschaft zu verstärken, indem die Aussagen wie Ausrufe formuliert werden.

[...]


1 Die für den Tag und/oder für die Dauer bestimmte Wirkungsfünktion des politischen Zeitgedichts. In: Rastegar, N. (Hrsg.): Die Symbolik in der späteren Lyrik Brechts, Frankfurt am Main f978, S. 55-70

2 Leimen, Birgit: „...ich lebe in finsteren Zeiten!“. Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ - ein alarmierender Ruf nach der Menschlichkeit des Menschen. Hrsg.: Bund der Mitteldeutschen e.V. Bonn, 1989

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Mieder, Wolfgang: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ In: „Der Mensch denkt: Gott lenkt - keine Red davon!“. SprichwörtlicheVerfremdungenimWerkBertolt Brechts. Bem (u.a.) 1998, S. 7-73

9 Nielsen, Birgit S. (Verf.): Die Freundschaft Bert Brechts und Helene Weigels mit Karin Michaelis. In: Böhne, Edith; Motzkau-Valeton, Wolfgang (Hrsg.): Die Künste und die Wissenschaften im Exil 1933-1945. Gerlingen 1992, S. 71-96

10 Klausnitzer, Ralf: 6. Wie lesen, verstehen, interpretierenwir lyrische Texte? In: Literaturwissenschaft. Begriffe - Verfahren - Arbeitstechniken, S. 167-180. (2. überarb. Aull., Mai 2012)

11 Vgl.: Entwicklungsgeschichtliche Voraussetzungen der späteren Lyrik (1930-1941) In: Rastegar, N. (Hrsg.): Die Symbolik in der späteren Lyrik Brechts, Frankfurt am Main 1978, S. 121-132

12 Marsch, Edgar: Brecht - Kommentar zum lyrischen Werk. Winkler-Verlag München, 1974 Bertolt Brecht: „An die Gleichgeschalteten“. Gedichte. 4, 1934-1941. Suhrkamp Berlin (Hrsg.), 1961, S. 76-78

13 Gedichte. 4, 1934-1941. Suhrkamp Berlin (Hrsg.), 1961, S. 76-78

14 Bertolt Brecht: „An die Nachgeborenen“. Gedichte. 4, 1934-1941. Suhrkamp Berlin (Hrsg.), 1961, S. 143-145

15 Bertolt Brecht: „An die Gleichgeschalteten“. Gedichte. 4, 1934-1941. Suhrkamp Berlin (Hrsg.), 1961, S. 76-78

16 Ebd.

17 Bertolt Brecht: „An die Nachgeborenen“. Gedichte. 4, 1934-1941. Suhrkamp Berlin (Hrsg.), 1961, S. 143-145

18 Vgl.: „Parodie? Kontrafaktur? Travestie? Anlehnung? Zur Klassifikation und Interpretation von Metatexten unter Berücksichtigung ihrer mehrfachen Intertextualität. Überlegungen zu Gedichten von und nach Bertolt Brecht. Zabka, Thomas (Verf.) In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 2004, Vol.78(2), S. 344-52

19 Bertolt Brecht: „An die Nachgeborenen“. Gedichte. 4, 1934-1941. Suhrkamp Berlin (Hrsg.), 1961, S. 143-145

20 Die für den Tagund/oder für die Dauer bestimmte Wirkungsfunktion des politischen Zeitgedichts. In: Rastegar, N. (Hrsg.): Die Symbolik in der späteren Lyrik Brechts, Frankfurt am Main 1978, S. 55-70

Details

Seiten
11
Jahr
2017
ISBN (PDF)
9783346755797
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Erscheinungsdatum
2022 (November)
Note
1,0
Schlagworte
Lyrik Bertolt Brecht Textanalyse Geisteswissenschaften
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