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Das Wendebild in Jens Sparschuhs „Der Zimmerspringbrunnen“

Forschungsarbeit 2009 36 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arbeitsmodell

3 Interpretation von Sparschuhs „Der Zimmerspringbrunnen“
3.1 Die „Wende“ als Ambivalenzerfahrung: Das Wendebild des Romans „Der Zimmerspringbrunnen“
3.1.1 Charakteristika in der inhaltlichen Darstellung der Ambivalenzerfahrung
3.1.1.1 Die Euphorie des beruflichen Neuanfangs
3.1.1.2 Kennenlernen neuer beruflicher Strukturen und Mechanismen
3.1.1.3 Erste praktische Berufserfahrungen / Verkaufsversuche
3.1.1.4 Auswirkungen des beruflichen Erfolges auf das Privatleben
3.1.1.5 Die Kreation des Neuen
3.1.1.6 Absatzsteigerung durch Eigeninitiative und neue Verkaufsstrategien
3.1.1.7 Die Suche nach Vollkommenheit
3.1.2 Erzählverfahren

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Viele Forschungsdisziplinen haben sich bis jetzt mit der deutschen Einheit auseinandergesetzt und werden sich auch in Zukunft mit diesem Phänomen beschäftigen. Hierbei sind folgende Forschungsrichtungen relevant:

- Die Geschichtswissenschaft, v. a. zeitgeschichtliche Studien, die die historischen Entwicklungslinien von der Teilung Deutschlands, über die Parallelexistenz beider deutscher Staaten (als BRD und DDR mit ihren eigenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen) während der Nachkriegszeit und die unternommenen Anstrengungen auf dem Weg in die Wiedervereinigung beider Staaten beschreiben können (z. B. Gundelach 1997, Eckert 2005, Hollitzer 2004).
- Die Auseinandersetzung mit der Nachwendezeit und dem wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozess der ehemaligen DDR in Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften, um diese Aspekte dem Leser transparenter zu machen (u. a. Abels 2006, Abels 2007, Bothfeld 2004, Dienel 2004, Glaab 1999, Kasse 1999, Maennig 2000, Müller 2000, Quaisser 2006, Ragnitz 2000, Ritter 2006, Sahner 2005, Schroeder 2000, Thomas und Weidenfeld 1999, Werz 2000, Wolf 2004).

Dabei erhellt jede einzelne herausgearbeitete Nuance das Verständnis der Wiedervereinigung (wie es dazu kam und welche Folgeprobleme daraus entstanden) in ihrer ganzen Komplexität und Differenziertheit.

Die Auseinandersetzung mit den historischen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren, die die Struktur und den Prozess der deutschen Einheit determinieren, berücksichtigen auch die Autorinnen und Autoren (z. B. Friedrich Christian Delius, Thomas Brussig, Monika Maron, Volker Braun, Clemens Meyer, Jens Sparschuh, Christoph Hein oder auch Ingo Schulze der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in ihren Texten (einen guten Überblick, wenn auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, bieten z. B. Bremer 2002, Grub 2003 und Opitz / Opitz-Wiemers 2008).

Wie stellte sich die Situation der deutschen Gegenwartsliteratur mit der Auseinandersetzung der deutschen Einheit Anfang der 1990er Jahre dar? Für die Verarbeitung der Wiedervereinigung in der Gegenwartsliteratur seit 1990 ist zu konstatieren, Autorinnen und Autoren der Gegenwartsliteratur in einem bestimmten Modus mit der Verarbeitung der Deutschen Einheit beschäftigten, der konstitutiv für die formale und inhaltliche Gestaltung ihrer Werke ist.

Treffend charakterisieren Jeßing und Köhnen die Situation der Gegenwartsliteratur nach 1990:

Das Nebeneinander der poetischen Absichten und Mittel findet sich im Jahrzehnt nach der politischen Wende und Wiedervereinigung noch einmal vervielfältigt […]. Zunächst stehen Fragen von Moral, Macht und Ästhetik an. (Jeßing / Köhnen 2007: 126; Hervorhebung im Original)

In diesem Zusammenhang ist in aller Kürze näher auf den innerdeutschen Literaturstreit einzugehen. Auslöser des Streites war Christa Wolfs Erzählung Was bleibt? im Juni 1990. Die Autorin hatte diesen Text bereits 1979 geschrieben und vor dem Hintergrund der politischen Verhältnisse der DDR 1989 – vor seiner Publikation – überarbeitet. Diese Überarbeitung brachte Wolf den Vorwurf seitens der Literaturkritik ein, dass sie sich der Verantwortung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem politischen System der DDR entziehen wolle. Generalisierend gingen aus diesem Literaturstreit folgende Fragestellungen hervor: Welche Rolle nehmen Literatur und Autorschaft in der Diktatur ein? Wie bewerten die Autoren die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse der DDR? Wie reflektieren sie die Wirkungen des Lebens in der DDR für die Biografien und Sozialisation der Individuen? (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 667; Jeßing / Köhnen 2007: 127; Dietrich 1998: 65-78; Cramer 1995: 18-29) Diese Fragestellungen seien an dieser Stelle der Vollständigkeit halber nur genannt, weil deren ausführliche Betrachtung im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde.

Nicht weniger wichtig war die Diskussion des Wenderomans als literarische Gattung, die vom Feuilleton eröffnet wurde. Dahinter stand die Forderung an die Autoren der Gegenwartsliteratur, den historischen Einschnitt 1989/1990 auch literarisch zu verarbeiten (vgl. Opitz / Opitz-Wiemers 2008: 668-670; Platen 2006: 35f.; Grub 2003: 68-90 und 116-129). Im Vordergrund stand dabei die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Wende, weniger ein literaturästhetischer Anspruch. Auch wenn die meisten erschienenen Werke – wie Platen zu Recht konstatiert – „sich in die Nähe dieser Erwartungen rücken lassen“, erfüllte letztendlich „keines […] die Erwartungen an den Wenderoman“ (Platen 2006: 36; vgl. auch: Schönleben 2007: 26). Aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten die Deutsche Einheit zu betrachten – zum Beispiel autobiografisch wie in Markus Wolfs Spionagechef im geheimen Krieg (1996), humoristisch wie in Thomas Brussigs Helden wie wir (1995) oder als skeptische Beurteilung wie in Günter Grass‘ Ein weites Feld (1995) (vgl. Jeßing / Köhnen 2007: 127) –, scheint das Vorhaben, einen Wenderoman zu schreiben, der als prototypisch für diese Gattung gelten kann, unrealisierbar zu bleiben.

Dennoch ist der hierbei ‚spielende‘ Beitrag der Gegenwartsliteratur für die Verarbeitung der Wiedervereinigung seit 1990 weder als obsolet noch als überflüssig einzuschätzen, ermöglicht sie dem Leser doch – wie es bereits schon anklang – ein besseres Verständnis der Deutschen Einheit in ihrer ganzen Vielfalt.

Im weiteren Verlauf der Arbeit setze ich mich näher dem Wendebild in Jens Sparschuhs Roman „Der Zimmerspringbrunnen auseinander. Bevor ich dieses Werk interpretiere, arbeite ich zunächst mein Arbeitsmodell heraus, das die Grundlage für Auseinandersetzung mit Sparschuhs Roman bilden soll.

2 Arbeitsmodell

Als Arbeitsmodell für die Interpretation von Sparschuhs „Der Zimmerspring-brunnen“ möchte ich die Auffassung etablieren, dass die Wirkung literarischer Gesellschaftsschilderung der Deutschen Einheit, die dem Individuum eine bessere historische Erfahrung der Wende- und Nachwendezeit ermöglicht, entscheidend von der Form des literarischen Werkes bestimmt wird. Denn nach Warning, der diesen Aspekt treffend zusammenfasst, gilt:

Fiktion ist nicht das Gegenteil, sondern ein bestimmter Modus der Vermittlung von Wirklichkeit. (Warning 1993: 35)

Was heißt das? Um die spezifische inhaltliche Darstellung eines bestimmten Werkes der Wendeliteratur zu verstehen, muss der Leser die Funktion der Form des Werkes – das er rezipiert – entschlüsseln und mit dem gelesenen Inhalt in Beziehung setzen, um das Werk unter einem bestimmten Gesichtspunkt (zum Beispiel Grenzen und Krise der Sprache, Existenzbedrohung des Individuums etc.) interpretieren zu können.

Das bedeutet für den Leser – wobei hier der wirklich anwesende Leser gemeint ist, der den Text liest (vgl. Neumann 1976: 52f.) –, dass er an der Rezeption eines literarischen Werkes aktiv beteiligt ist. Denn erst durch diesen Vorgang wird der Text als solcher generiert. Zu diesem Aspekt merkt Iser treffend an:

Der Text gelangt folglich erst durch die Konstitutionsleistung eines ihn rezipierenden Bewußtseins zu einer Gegebenheit, so daß sich das Werk zu seinem eigentlichen Charakter als Prozeß nur im Lesevorgang zu entfalten vermag. (Iser 1994: 39)

Dabei werden die Leseprozesse vom Text gesteuert. Konkret bedeutet dies, dass der Leser am Beginn der Lektüre eines Textes bestimmte Bilder entwirft, die im weiteren Verlauf seiner Lektüre eine Bestätigung oder Revidierung erfahren (vgl. Jeßing / Köhnen 2007: 297). Verantwortlich ist dafür nach Iser der „wandernde Blickpunkt“ (Iser 1994: 186) des Lesers, der die Rezeption eines literarischen Textes begleitet. Da dieser „wandernde Blickpunkt“ (ebd.) des Lesers ständigen Perspektivwechseln unterliegt (vgl. Iser 1994: 186), setzt sich die Lektüre eines literarischen Werkes aus unterschiedlichen Leserperspektiven zusammen. Dabei bildet der Rezipient (verschiedene) Hypothesen. Diese werden dann auf ihre Gültigkeit hin überprüft, um sie nach erfolgter Überprüfung zu bestätigen oder wieder zu verwerfen. Hierzu ergänzen Jeßing und Köhnen zu Recht:

Eine vom Text angezeigte Perspektive wird durch die Vorstellungsbilder des Lesers realisiert, von einer anderen ergänzt und wiederum korrigiert. Dies ist der Prozess des Illusionsaufbaus, der dadurch in Gang gebracht wird, dass ein Text Horizonte eröffnet, Andeutungen macht oder Ansichten bietet, die vorausweisen […], oder dass er bei fortschreitender Lektüre auf das Zurückliegende Bezug nimmt […]. (Jeßing / Köhnen 2007: 297-298; Hervorhebung im Original)

Diese Vorstellungsbilder des Lesers unterliegen besonders an den von Ingarden so genannten ‚Leer-‘ bzw. ‚Unbestimmtheitsstellen‘ (Ingarden 1960: 261 und 265) des Textes einem ständigen Wandel. Diese Unbestimmtheitsstellen finden sich an Kapitelenden, bei Handlungs- und Szenenwechseln, bei einem offenen Ende oder einer fragmentarischen Darstellung; sie entstehen, wenn „die Ansichten der fiktiven Welt unbestimmt bleiben“ (Jeßing / Köhnen 2007: 298) oder ihre Semantik Widersprüche aufweist.

Was bedeutet dies für das Verstehen eines literarischen Textes? Damit ein Rezipient einen literarischen Text verstehen kann, muss er die Ganzheit des gelesenen Werkes rekonstruieren, weil nur durch die Rekonstruktion – die dem Füllen der Unbestimmtheitsstellen des Textes dient – der Zugang zu diesem Werk gewonnen wird (vgl. Barck 1976: 122; Warning 1993: 12).

3 Interpretation von Sparschuhs „Der Zimmerspringbrunnen“

3.1 Die „Wende“ als Ambivalenzerfahrung:

Das Wendebild des Romans „Der Zimmerspringbrunnen“

Jens Sparschuh stellt in seinem Roman Der Zimmerspringbrunnen – Zitate werden im Folgenden mit der Sigle Z gekennzeichnet ¬– die Deutsche Einheit als Ambivalenzerfahrung dar. Diese Erfahrung, die durch den Gegensatz von beruflichem Neuerfolg und privatem Scheitern gekennzeichnet ist, wird anhand der Handlungen und Erfahrungen des Protagonisten Hinrich Lobek, der zugleich der Erzähler des Romans ist, entfaltet. Aufgrund der vorliegenden Ich-Erzählsituation des Romans erfährt der Leser die Wende-Erfahrungen von Lobek ‚ungefiltert‘ aus seiner direkten Wahrnehmung des Gehörten und Gesehenen sowie seiner berichteten Gedanken. Der dabei entstehende Eindruck der Unmittelbarkeit des Erzählten dient Sparschuh meiner Meinung nach dazu, ein hohes Maß an Authentizität in der Darstellung zu erreichen.

3.1.1 Charakteristika in der inhaltlichen Darstellung der Ambivalenzerfahrung

3.1.1.1 Die Euphorie des beruflichen Neuanfangs

Lobek, der den Untergang der DDR als Bruch erlebte, zieht sich aus dem gesellschaftlichen Leben nach der Wiedervereinigung zurück; fortan bestimmen Arbeitslosigkeit, Isolation und Resignation den Lebensinhalt des Romanprotagonisten:

Die Kreise, in denen ich [Lobek; S. B.] mich bewegte, waren in den letzten Jahren immer kleiner, immer enger geworden. Eigentlich bewegte ich mich gar nicht mehr, sondern saß, seit meiner Abwicklung [als Mitarbeiter der Ost-Berliner Kommunalen Wohnungsverwaltung; S. B.], nur noch in der Wohnung herum. Oder: ich lag einfach auf dem Sofa und starrte zum Fenster, ganze Nachmittage … (Z: 10)

Zur Verstärkung dieser fast ausweglos erscheinenden Situation trägt die Einschätzung der Stellenvermittlung des Arbeitsamtes bei, die Lobek „[…] ohnehin von Anfang an als schwer vermittelbar […]“ (Z: 15) einstuft. Deshalb erscheint der damit einhergehende kommunikative Rückzug Lobeks –

er „[…] wurde immer schweigsamer […]“ (Z: 14) und verfällt „[…] nun fast völlig in Schweigen […]“ (Z: 15) –

und die Beschränkung seiner Gespräche mit anderen auf ein Minimum, das heißt auf die Worte ja, nein, hallo, eventuell und vielleicht (vgl. Z: 15) als folgerichtig – auch wenn das den Widerstand seiner Frau Julia hervorruft, die den „[…] fehle[nden] […] Austausch […]“ (Z: 15) mit ihrem Mann bemängelt. Verantwortlich ist dafür nach der Einschätzung des Protagonisten der Mangel an Themen, der als Gesprächsgegenstand dienen könnte. Deshalb ist Lobek nur noch in der Lage, ein Gespräch mit seinem Protokollbuch zu führen, das er als Kommunikationsersatz für die Artikulation seiner Kritik, Schwierigkeiten und Probleme verwendet (vgl. Grub 2003: 386; Z: 16). Einerseits bewegt Lobek die angekündigte Mieterhöhung für die gemeinsame Wohnung zum 1. Januar des neuen Jahres; auf der anderen Seite möchte er den Rückzug in seine alte Wohnumgebung, die er als ‚Hölle‘ empfand, unbedingt vermeiden (vgl. Z: 11-14).

Vor diesem Hintergrund beschließt der Romanprotagonist – nach der Lektüre seines Wassermann-Wochenhoroskopes (vgl. Z: 9 und 7; Kormann 2000: 175) – die Veränderung seines Leben durch das Schreiben „[…] eine[r] Bewerbung […]“ (Z: 9). Dabei denkt Lobek intensiv über einige Formulierungen in Anschreiben und Lebenslauf nach:

Im Grunde genommen war sie [die Bewerbung; S. B.] ja, bis auf zwei, drei offene Formulierungen, schon fertig. Ich [Lobek; S. B.] mußte mich nur noch entscheiden, wie ausführlich ich meinen bisherigen beruflichen Werdegang schildern sollte. Von meinem alten Lebenslauf war […], leider nicht mehr viel zu gebrauchen. Vollständig gestrichen hatte ich zunächst den Passus beginnend mit „Bin seit meiner Schulzeit überzeugter Vertreter der sozialistischen Ordnung“, dann aber überlegt, ob sich nicht doch etwas davon retten ließe, und mich schließlich zu der Kurzfassung entschlossen: „Langjährige Erfahrungen im Vertreterbereich“. (Z: 18f.)

Dieser intensive Denkprozess erweist sich im Nachhinein als erfolgreich, weil der Inhalt des von der Schwarzwälder Firma PANTA RHEIn erhaltenen Antwortschreibens in Lobek eine positive Stimmung, ja nahezu Euphorie auslöst, die Ausdruck einer positiv betrachteten Zukunft ist:

In der Wohnung angekommen, ging ich [Lobek; S. B.] ins Wohnzimmer, zog die Gardinen vor und legte die Neunte, meine Lieblingssinfonie, auf den Plattenteller. Mich selbst legte ich aufs Sofa. Die Platte drehte sich. Alles drehte sich. Alles drehte sich um mich. Ich schloß die Augen und besah mich von innen. Die letzten Wochen und Monate, die ganzen Jahre (und die kaputten) zogen an mir vorüber. Sie verschwanden auf Nimmerwiedersehen im Dunkel der Vergangenheit, im Licht einer neuen Zukunft … Zum Schlußchor stand ich auf, stellte mich vor die Schrankwand und dirigierte, innerlich bewegt, bis zum Ende durch. (Z: 20-21)

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640349371
ISBN (Buch)
9783640349074
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128655
Schlagworte
Wende Jens Sparschuh Zimmerspringbrunnen

Autor

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Titel: Das Wendebild in Jens Sparschuhs „Der Zimmerspringbrunnen“