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Oral History und Interviewanalyse der Jugend in der DDR

Was erfährt man von Lothar Priwall über seine Erfahrungen in der DDR?

©2022 Hausarbeit 23 Seiten

Zusammenfassung

Ziel dieser Arbeit ist es, herauszuarbeiten, wie das Leben als Heimkind und Ex-Häftling ausgesehen haben kann und welche (Stigmatisierungs-)Erfahrungen Lothar Priwall in der DDR gemacht hat. Nachdem zunächst der heutige Forschungsstand vorgestellt und die Oral History allgemein erklärt wird, soll ein grober Einblick in die Heimerziehung und die Jugendhaft der DDR gegeben werden, von der Lothar Priwall redet. Anschließend wird sein Interview bezüglich der Forschungsfrage dieser Arbeit analysiert und interpretiert, um daraus ein abschließendes Fazit zu ziehen.

Schon immer wurde Geschichte weitergegeben. Die Menschen waren jedoch nicht immer in der Lage, diese schriftlich festzuhalten, weshalb sie ihre Erfahrungen oft nur mündlich mitteilten. Diese mündlichen Überlieferungen gelten bis heute als ein wichtiger Quellentypus. Viele dieser Quellen konnten nachträglich verschriftlicht werden, jedoch wurde eine große Zahl historischer Subjekte im Laufe der Geschichte vernachlässigt. Meist widmete man nur den wichtigsten Persönlichkeiten oder bestimmten Ereignissen die Aufmerksamkeit. Die große Mehrheit der Bevölkerung, nämlich die "üblichen" Bürger, blieb dabei jedoch aus. Eben diese gewann in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung. Aus dem Wunsch heraus, diese Lücken zu füllen und Wissen über die vergangene Zeit zu erlangen, das bisher nicht bekannt war, entstand die Forschungsmethode Oral History. Bei der Oral History dienen Zeitzeugen selbst als historische Quelle und berichten über ihre eigenen Erfahrungen der Vergangenheit.

In der aktuellen Geschichtsforschung kommt vor allem der NS- und DDR-Zeit eine große Bedeutung zu, da damals nur eingeschränkt geforscht wurde. Dies liegt daran, dass die Oral History faktisch illegal war. So ist das Interview mit dem Zeitzeugen Lothar Priwall ein Beispiel. Der Zeitzeuge Lothar Priwall schildert seine Erfahrungen als damaliges Heimkind und Ex-Häftling in der DDR. In dieser Arbeit soll sowohl das Leben als Heimkind und Ex-Häftling in der DDR im Fokus stehen als auch die subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen Lothar Priwalls. Dafür ist die Oral History deshalb am besten geeignet, da sie es nicht nur ermöglicht, einen sehr tiefen Einblick in die vergangene Zeit zu erhalten, sondern auch in die Gefühlswelt und subjektiven Wahrnehmungen des Zeitzeugen.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Forschungsmethode der Oral History
3.1 Definition Oral History
3.2 Debatte

4. Kindheit und Jugend in der DDR
4.1 Grundgedanken der Heimerziehung
4.2 Der „Asozialen-Paragraph“

5. Interviewauswertung
5.1 Auschnitt eins
5.2 Auschnitt zwei
5.3 Auschnitt drei

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

Einleitung

Schon immer wurde Geschichte weitergegeben. Die Menschen waren jedoch nicht immer in der Lage, diese schriftlich festzuhalten, weshalb sie ihre Erfahrungen oft nur mündlich mitteilten. Diese mündlichen Überlieferungen gelten bis heute als ein wichtiger Quellentypus. Viele dieser Quellen konnten nachträglich verschriftlicht werden, jedoch wurde eine große Zahl historischer Subjekte im Laufe der Geschichte vernachlässigt (vgl. Wierling 2003, 81). Meist widmete man nur den wichtigsten Persönlichkeiten oder bestimmten Ereignissen die Aufmerksamkeit. Die große Mehrheit der Bevölkerung, nämlich die „üblichen“ Bürger, blieb dabei jedoch aus (vgl. Brüggemeier 1987, 145). Eben diese gewann in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung. Aus dem Wunsch heraus, diese Lücken zu füllen und Wissen über die vergangene Zeit zu erlangen, das bisher nicht bekannt war, entstand die Forschungsmethode Oral History. Bei der Oral History dienen Zeitzeugen selbst als historische Quelle und berichten über ihre eigenen Erfahrungen der Vergangenheit (vgl. Wierling 2003, 85).

In der aktuellen Geschichtsforschung kommt vor allem der NS- und DDR-Zeit eine große Bedeutung zu, da damals nur eingeschränkt geforscht wurde. Dies liegt daran, dass die Oral History faktisch illegal war (vgl. Wierling 2003, 85). So ist das Interview mit dem Zeitzeugen Lothar Priwall ein Beispiel. Der Zeitzeuge Lothar Priwall schildert seine Erfahrungen als damaliges Heimkind und Ex-Häftling in der DDR. In dieser Arbeit soll sowohl das Leben als Heimkind und Ex-Häftling in der DDR im Fokus stehen als auch die subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen Lothar Priwalls. Dafür ist die Oral History deshalb am besten geeignet, da sie es nicht nur ermöglicht, einen sehr tiefen Einblick in die vergangene Zeit zu erhalten, sondern auch in die Gefühlswelt und subjektiven Wahrnehmungen des Zeitzeugen.

Ziel dieser Arbeit ist es, herauszuarbeiten, wie das Leben als Heimkind und Ex-Häftling ausgesehen haben kann und welche (Stigmatisierungs-) Erfahrungen Lothar Priwall in der DDR gemacht hat. Nachdem zunächst der heutige Forschungsstand vorgestellt und die Oral History allgemein erklärt wird, soll ein grober Einblick in die Heimerziehung und die Jugendhaft der DDR gegeben werden, von der Lothar Priwall redet. Anschließend wird sein Interview bezüglich der Forschungsfrage dieser Arbeit analysiert und interpretiert, um daraus ein abschließendes Fazit zu ziehen.

Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird im Folgenden auf die geschlechtsspezifische Differenzierung, z.B. Interviewpartner*innen, Zeitzeug*innen usw. verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter.

Forschungsstand

Bei der Recherche zu den Themenbereichen der Heimerziehung und der Jugendhaft in der DDR fällt auf, dass es bisher nur relativ wenig öffentlich zugängliche und eindeutig abgeschlossene Studien gibt. Dies liegt daran, dass das Thema Heimerziehung in der DDR lange Zeit nicht erforscht werden konnte, da dies in der DDR illegal war (vgl. Wierling 2003, 85). In der aktuellen Geschichtsforschung ist das Thema sehr aktuell und beliebt - es gibt viele Aufrufe, zum Beispiel der TU Dresden, Zeitzeugen zu interviewen und es sind viele Studien dazu gerade im Prozess, weshalb es in den nächsten Jahren wahrscheinlich zu weitaus mehr Ergebnissen kommen wird. Auf ein paar der gefundenen Studienergebnisse zu den Themen Heimerziehung, Arbeit und Gewalterfahrungen in der DDR wird im Folgenden eingegangen.

Bei der Recherche fallen oft die Namen Karsten Laudien, Anke Dreier-Hornig und Agnes Arp. Sie beschäftigten sich über mehrere Jahre intensiv mit der Heimerziehung in der DDR und veröffentlichten viele Werke und Studien zu diesem Thema. In einem Werk „Jugendhilfe und Heimerziehung im Sozialismus“ aus dem Jahre 2016 wurden manche dieser Studien zu unterschiedlichsten Themenbereichen der Heimerziehung zusammengefasst. Einer dieser Beiträge ist auf Agnes Arp zurückzuführen, die sich mit der heutigen sozialen Situation ehemaliger Heimkinder in Thüringen auseinandersetze. Sie wollte herausfinden, ob die damaligen Heimerzieher in der Lage waren, die Heimkinder auf das spätere gesellschaftliche und berufliche Leben vorzubereiten (vgl. Arp 2016b, 40). Es wurden vom November 2010 bis September 2011 Interviews mit 31 ehemaligen Heimkindern geführt. Bei der Studie konnte herausgefunden werden, dass die Kindheit der Heimkinder meist durch Lieblosigkeit und Gewalt geprägt war (vgl. Arp 2016b, 45). Es wurde wiederholt berichtet, dass sie sich nie auf ein eigenständiges Leben nach dem Heim vorbereitet gefühlt haben. Sie fühlten sich hingegen allein gelassen, hoffnungslos und hatten meistens Schwierigkeiten bei dem Finden von Arbeit (beziehungsweise dem Eingliedern in vorgeschriebene Arbeit) und mussten oft mit Diskriminierung und Ausgrenzung rechnen (vgl. Arp 2016b, 46). Die Heimerziehung verhinderte nach Arp damit eher die Integration in das gesellschaftliche Leben und verschärfte bereits bestehende Ausgrenzungsprozesse.

Laudien und Dreier-Hornig organisierten außerdem eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Sie beschäftigten sich mit der Zwangsarbeit in der DDR-Jugendhilfe. Die Studie wurde von 2015 bis 2016 durchgeführt und basiert auf bestehenden Akten, Berichten von Betroffenen und auch selbst durchgeführten Befragungen (vgl. Laudien & Dreier-Hornig 2016, 2) . In der Studie wurde herausgefunden, dass das Arbeiten in DDR-Kinderheimen von leichten Aufgaben (Tisch abräumen etc.) bis hin zu erzwungener Arbeit reichte (vgl. Laudien & Dreier-Hornig 2016, 4). Bei der Recherche kam zum Einen heraus, dass Jugendliche sowie Kinder Arbeiten ausführen sollten, die keinen erkennbaren pädagogischen oder schulischen Hintergrund hatten (vgl. Laudien & Dreier-Hornig 2016, 5). Diese Arbeiten wurden offiziell zwar entlohnt, jedoch wurde dieses Geld in Realität mit den Kosten des Heimes verrechnet und es blieb nur wenig für die Jugendlichen übrig (vgl. ebd.). Sie wurden für Kommunen, Kreise und Betriebe als Arbeitsreserve angesehen und zu Leistungen gezwungen, die meist keine Rücksicht auf Alter und Gesundheit des Individuums nahmen (vgl. ebd.). Diese Zwangsarbeiten haben bei vielen Schäden hinterlassen, unter denen sie bis heute leiden (vgl. Laudien & Dreier-Hornig 2016, 8). Die bekanntesten Einrichtungen, bei denen es vermehrt zu Zwangsarbeit kam, sind der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau und das Arbeitslager Rüdersdorf.

Eine weitere Studie, die hier vorgestellt wird, ist erneut auf Agnes Arp zurückzuführen. Dieses Mal untersuchte sie die Gewalterfahrungen ehemaliger Heimkinder aus DDR-Spezialheimen. Die Studie beruht auf 31 Interviews, die mit ehemaligen Heimkindern zwischen den Jahren 2010 und 2012 geführt wurden. Bei der Untersuchung fand Arp heraus, dass alle dieser Heimkinder von einer Kindheit berichteten, die von Gewalt und Verängstigung geprägt war (vgl. Arp 2016a, 237). Das wohl relevanteste und überraschendste Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass die Zeitzeugen trotz massiver psychischer und physischer Gewalt eigene Gewalterfahrungen oft vollständig negierten oder vereinfachten. Oft wurden Demütigungen, Strafen, Schläge, Drohungen und öffentlichen Bloßstellungen, die manchmal auch sexuellen Charakter hatten, beschrieben (vgl. Arp 2016a, 238). Sie alle haben in ihren Interviews von Gewalterfahrungen erzählt, jedoch bei der Frage „Haben Sie im Heim Gewalt erlebt?“ geantwortet, dass sie Gewalt zwar gesehen, aber nicht selbst erlebt hatten (vgl. Arp 2016a, 254). Arp begründet dies im Anschluss damit, dass diese Gewalt als „Strafe“ für die meisten normal geworden ist und sie es gar nicht als eine „Gewalterfahrung“ ansahen, sondern lediglich als übliche Strafe. Viele haben ihre Gewalterfahrungen auch weitestgehend verdrängt und sie blieben unausgesprochen, nicht nur von den Heimkindern, sondern auch von den Erziehern und Eltern selbst (vgl. Arp 2016a, 256).

In einer letzten Studie von Tobias Gfesser, Theresia Rechenberg et al. aus dem Jahre 2021 wurde untersucht, ob die Stigmatisierung von ehemalig traumatisierten Heimkindern die Behandlung dieser beeinträchtigte (vgl. Gfesser & Rechenberg et al., 44). Dazu wurden innerhalb einer Selbsthilfegruppe der „Betroffeneninitiative Missbrauch in DDR-Kinderheimen“ Leitfadeninterviews zum Thema Stigmatisierung durchgeführt und anschließend analysiert. Bei der Studie wurde herausgefunden, dass alle Betroffenen von Stigmatisierung in der DDR und damit einhergehenden Hilfesuchbarrieren berichteten (vgl. ebd.).

3 Forschungsmethode der Oral History

Das Interview, um das es in dieser Arbeit geht, ist ein Beispiel für ein Interview, wie es in der Oral History gebraucht wird und verdeutlicht daher gut die Forschungsmethode. Im Folgenden soll vorerst ein grober Einblick in die Definition und die Debatte der Forschungsmethode gegeben werden.

3.1 Definition Oral History

Dorothee Wierling, auf die viele grundlegende Werke zur Forschungsmethode der Oral History zurückgehen, definiert diese als ein „Vorgehen innerhalb der Geschichtswissenschaft [...], bei dem Erinnerungsinterviews mit „Zeitzeugen“ als historische Quelle dienen.“ (Wierling 2003, 81). Die Oral History ist Quellentypus und Forschungsmethode zugleich. Die Forschungsmethode bezieht sich laut Wierling (vgl. ebd.) sowohl auf das Erschaffen der Quelle als auch auf das Archivieren und das Auswerten dieser und ist mittlerweile aus der Forschung nicht mehr wegzudenken (vgl. Stöckle 1990, 131). Meist werden in einem Projekt zwischen 15 und 30 Interviews geführt, da sie laut Brüggemeier die Grundlage für eine verlässliche Auswertung und eine hinreichende Verallgemeinerung bieten (vgl. Brüggemeier 1987, 153). Die Interviews werden im Anschluss verschriftlicht (=transkribiert) und dann ausgewertet. Im Mittelpunkt der Oral History steht die Subjektivität der Erfahrungen (vgl. Wierling 2003, 83). Durch die Alltagserfahrungen des Zeitzeugen lässt sich die soziale Wirklichkeit rekonstruieren - in der Oral History geht es nämlich nicht um ein objektives Abbilden der Realität, sondern immer um eine soziale, persönliche Wirklichkeit, die beeinflusst wird von einem Fremd- und Selbstverständnis (vgl. Brüggemeier 1987, 167 f.). Sie enthält Bewertungen und Einschätzungen, die es ermöglichen und notwendig sind, um den Zeitgeist der Vergangenheit zu erfassen.

Wie man auch am Namen erkennen kann, hat die Oral History ihren Ursprung in den USA (Bosshart- Pfluger 2013, 136). Bereits seit vielen Jahren spielt sie dort eine große Rolle, denn man nutzte diese Methode zur Erforschung vieler „schriftloser Kulturen“ (vgl. Michalik 2013, 46). Dies beruht auf der Tatsache, dass die USA ein Einwanderungsstaat ist, indem die Vorgeschichte der US-Gesellschaft oft außerhalb der USA liegt und nie festgehalten wurde (z.B. Nachkommen afrikanischer Sklaven oder auch Indianer-Völker) (vgl. Wierling 2003, 84). Vor allem seit den 1940er Jahren lebte die Methode mit der Erfindung des Telefons, des Radios und Tonbandgerätes auf. Man musste nun nicht mehr alles verschriftlichen, sondern konnte das Wissen in Audiodateien speichern.

Die mündliche Überlieferung diente also in Amerika schon lange Zeit als Ersatz für fehlende schriftliche Quellen. In Deutschland hingegen ist die Oral History erst seit den 1970er Jahren bekannt (vgl. ebd.). Dies basiert hauptsächlich darauf, dass es, wie bereits erwähnt, in Osteuropa und der DDR illegal war, Oral History zu betreiben (vgl. ebd.).

Das Interesse an den Menschen, die lange Zeit vernachlässigt wurden, nimmt in der heutigen Zeit zu, was man daran sehen kann, dass immer mehr durch die Oral History hervorgebracht wird (vgl. Brüggemeier 1987, 147). Besonders beliebt ist die Forschungsmethode bei Themen wie dem Nationalsozialismus, der Nachkriegszeit und dem Leben in der DDR. Man erhofft sich von ihr Bereicherungen und hat hohe Erwartungen (vgl. Brüggemeier 1987, 145). Heute werden viele Oral- History-Quellen in Online-Archiven wie zum Beispiel der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft oder der Stiftung Denkmal zur Verfügung gestellt. Im Präsenzbestand werden sie jedoch in Deutschland nur an zwei Orten aufbewahrt: im Archiv „Deutsches Gedächtnis“ der Universität Hagen und bei der „Werkstatt der Erinnerung“ an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (vgl. Andresen 2015, 12 ff.).

3.2 Debatte

Als ein Merkmal der Oral History kann bezeichnet werden, dass sie schon seit Beginn sehr kontrovers betrachtet und immer wieder stark kritisiert wird. Das Spannungsverhältnis zwischen der hohen Erwartungshaltung und der Skepsis gegenüber der Oral History ist damit ein wesentliches Merkmal dieser in Deutschland (vgl. Brüggemeier 1987, 145).

Die Oral History wurde immer wieder stark diskutiert. Laut Grele sei die Oral History keine wissenschaftliche Methode, denn sie produziere die Quellen selbst und die Erinnerungen, die im Mittelpunkt stehen, seien unzuverlässig und nicht realitätsgetreu und somit keine verlässlichen Quellen (vgl. Grele 1980, 196). Sie seien nach Andresen nicht objektiv genug und es lasse sich in ihnen ein Bedürfnis nach Identifikation ablesen (vgl. Andresen 2015, 9 f). Ronald Grele sagt zudem, sie sei „nichts weiter als ein endloses Geschreibsel über unbedeutende Dinge [...], das ohne jeden Sinn für die eigentlichen Übermittler von Material blieb“ (vgl. Grele 1980, 198).

Viele Wissenschaftler halten an der Objektivität von Quellen fest, während bei Oral History der Wert auf die Subjektivität gelegt wird (vgl. Leo 2015, 142). Die Vertreter der Oral History sehen die Stärke der Methode gerade in der Individualität - ihnen ist bewusst, dass sie kein objektives Abbild der Vergangenheit entstehen lassen. Die Erinnerungen liegen in verschlüsselter Form vor (vgl. Brüggemeier 1987, 153): sie können durch Traumata blockiert oder verdrängt sein, manche werden auch unterbewusst verändert (vgl. Wierling 2003, 96 ff.). Erinnerungen stehen laut Wierling immer auch in Verbindung mit der (sozialen) Umwelt, das Gedächtnis ist das Produkt von sozialen Prozessen (vgl. Wierling 2003, 97). Oral Historians geht es darum, die Wahrnehmung und Bewertungen ihrer Zeitzeugen zu erfahren. Durch das offene Interview, bei dem der Zeitzeuge ungezwungen und oft ohne gezieltes Abfragen seine Lebensgeschichte schildert, können notwendige subjektive Sichtweisen und Erfahrungen im sozialen, religiösen oder auch politischen Bereich wiedergegeben werden (vgl. Brüggemeier 1987, 155). So können aufgrund dieser unbewussten Elemente historische Prozesse und die soziale Wirklichkeit geschildert werden (vgl. Brüggemeier 1987, 166). Für Oral Historians ist das eigene Produzieren ihrer Quellen keine Schwäche, sondern die Besonderheit und der Vorteil der Forschungsmethode (vgl. Andresen 2015, 15). Sie beruhen so auf einem bestimmten Forschungsinteresse und können gezielt hergestellt werden, was in sonst keiner anderen Forschungsmethode möglich ist.

Trotz der langwierigen Umstrittenheit ist die Oral History heute eine beliebte und anerkannte Forschungsmethode (vgl. Wierling 2003, 89).

4 Kindheit und Jugend in der DDR

Im Folgenden soll im Sinne des besseren Verständnisses eine grobe Einführung in bestimmte Themen gegeben werden, die im Interview von Lothar Priwall angesprochen werden.

4.1 Grundgedanken der Heimerziehung

Lothar Priwall wuchs in einem DDR-Kinderheim für Schwererziehbare auf. In der DDR galt das Prinzip der „Kommunistischen Erziehung“, auch Kollektiverziehung genannt (vgl. Laudien & Dreier-Horning 2015, 21). Grundprinzip war, dass das Individuum und das Kollektiv die gleichen Interessen und Werte vertraten. Es ging darum, „Kinder und Jugendliche gut auf die Arbeit und das Leben in der sozialistischen Gesellschaft vorzubereiten“ (Autorenkollektiv, Heimerziehung 1984, 44 zit. nach Laudien & Dreier-Horning 2015, 21). Kinderheime hatten also die Aufgabe, Kinder und Jugendliche, die Probleme mit dem Anpassen an die Werte des „sozialistischen Menschen“, der auch meist der „Neue Mensch“ genannt wurde, auf das gesellschaftliche Leben vorzubereiten. Wenn sich dabei Schwierigkeiten herausstellten, kam es meist zur Maßnahme der „Umerziehung“ (vgl. Laudien & Dreier-Horning 2015, 28). Die Umerziehung fand in Spezialheimen statt, die einen Gefängnischarakter hatten und durch Disziplin und „Brechen der Eigenimpulse“ (ebd.) zur „Umorientierung der Innenwelt des Kindes“ (ebd.) das Kind dem Kollektiv anpassten. Der Alltag war laut Dreier & Laudien bestimmt durch „Freiheitsbeschränkung, Menschenverachtung, Fremdbestimmung, entwürdigenden Strafen, Ver­weigerung von Bildungs- und Entwicklungschancen sowie erzwungener Arbeit“ (Laudien & Dreier- Horning 2015, 7). Als „schwer erziehbar“ galten Kinder meistens dann, wenn sie sich gegen kollektive Werte stellten - wenn sie anders als der Rest waren. Viele Kinder und Jugendliche wurden vorschnell als „schwer erziehbar“ eingestuft, denn es wurde meistens keine Rücksicht auf die Umstände wie beispielsweise geistige Behinderungen oder die Lebenssituation (Scheidung, Vernachlässigung oder Gewalterfahrungen der Eltern) genommen (vgl. Laudien & Dreier-Horning 2015, 28). Vielen Kindern und Jugendlichen wurde damit die Normalität abgesprochen (vgl. ebd.). Als Heimkind wurde man von vielen Menschen verurteilt und musste sogar mit Diskriminierung und der Verwehrung von Aufstiegschancen rechnen, wie bereits in der oben genannten Studie von Agnes Arp herausgefunden werden konnte. Mittlerweile konnte viel Leid und Unrecht der ehemaligen Heimkinder nachgewiesen werden: das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat deshalb seit 2018 zwei Fonds eingerichtet, die dabei helfen sollen, ehemaligen Heimkindern aus der Zeit von 1949 bis 1990 eine Aufarbeitung ihrer Vergangenheit zu ermöglichen und Verantwortung für Versäumnisse und Fehler zu übernehmen. Eine genauere Beschreibung dieser Fonds findet man auf der offiziellen Website des Ministeriums unter https://www.bmfsfj.de/bmfsfi/themen/familie/chancen-und-teilhabe-fuer-familien/fonds-heimerziehung/fonds-heimerziehung-137670

4.2 Der „Asozialen-Paragraph“

Lothar Priwall wurde in seinen Jugendjahren mehrere Male wegen „asozialem Verhalten“ verhaftet. Dies ist auf zwei ehemalige Paragraphen des DDR-Strafgesetzbuches zurückzuführen, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.

Einer dieser Paragraphen ist der Paragraph 249 im Strafgesetzbuch der DDR „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“, der auch „Asozialen-Paragraph“ genannt wird (vgl. ZFF 2018, 43 f.). In der DDR war die „ehrenvolle“ Pflicht zur „gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit für jeden Bürger“ gesetzlich festgeschrieben (vgl. Artikel 24, Abschnitt 2 des Kapitel 1 StGB-DDR. Bürger, die Arbeit verweigerten, wurden verurteilt und wegen „Asozialem Verhalten“ bestraft. Dies konnte bis zu zwei Jahre Haft vorsehen, bei Wiederholung auch bis zu fünf Jahre (vgl. ZFF 2018, 44). Bestraft wurde beispielsweise „[...] wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist, [...] wer der Prostitution nachgeht oder in sonstiger Weise die öffentliche Ordnung und Sicherheit durch eine asoziale Lebensweise beeinträchtigt“ (139 § 249 StGB-DDR).

In der DDR war das „asoziale“ Verhalten das Gegenteil der sozialistischen Persönlichkeit, das „Fremde im eigenen System“ (Lindenberger 2003, 180). Laut dem Bundesarchiv gab es in den Jahren 1969 bis 1989 insgesamt 160.142 verfolgte Straftaten nach dem Paragraph 249 und in den Jahren 1973 sowie 1980 betraf mehr als jedes zehnte Delikt „asoziales Verhalten“ (Schröder 1998, Tab. 6). Die meisten waren Jugendliche und junge Erwachsene bis 34 Jahre, ungefähr die Hälfte war jünger als 25 Jahre (vgl. Korzilius 2005, 434).

Ein weiterer Paragraph, auf den Lothar Priwall eingeht, ist der Paragraph 48 im DDR-Strafgesetzbuch, der mit dem „Asozialen-Paragraph“ zusammenhängt. Hier werden zusätzliche „staatliche Erziehungs­und Kontrollmaßnahmen“, von die auch Lothar Priwall berichtet, veranlasst. Er besagt unter anderem „Der Leiter der zuständigen Dienststelle der Deutschen Volkspolizei erhält [...] das Recht, dem Verurteilten Auflagen zu erteilen. Die Auflagen können enthalten: [...] die Verpflichtung zur Meldung bei einer Dienststelle der Deutschen Volkspolizei [...], die Untersagung des Aufenthaltes an bestimmten Orten [...], Die Kontrolle und Durchsuchung der Aufenthaltsräume [...]“ (§48, Abs. 3 im StGB-DDR) und noch viele Regelungen mehr. Bei Nichteinhaltung dieser Auflagen konnte es erneut zu einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren kommen. Viele von den damals verurteilten Bürgern, darunter auch Lothar Priwall, konnten nach der Wende rehabilitiert werden, da „Das bloße Nichtstun [...] strafrechtlich ohne Belang“ (Herzler 1997, 53) war.

5 Interviewauswertung

Im Folgenden soll das vorliegende Interview mit dem Zeitzeugen Lothar Priwall ausgewertet werden. Das Interview ist über die Internetseite www.zeitzeugen-portal.de frei zugänglich. Das Zeitzeugen­Portal wird bereitgestellt durch die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und stellt viele verschiedene Interviews mit Zeitzeugen in Form von Videos zur Verfügung.

Lothar Priwall wurde im Jahre 1953 in Leipzig geboren und wuchs in einem DDR-Kinderheim für Schwererziehbare auf (vgl. Zeitzeugenportal, Lothar Priwall). Als Jugendlicher und junger Erwachsener verbrachte er mehrere Jahre aus unterschiedlichen Gründen im Gefängnis und erzählt von seinen Erfahrungen als ehemaliges Heimkind und Ex-Häftling in der DDR.

Auf der Website des Zeitzeugen-Portals stehen sieben Videos zur Geschichte Lothar Priwalls zur Verfügung. Sie alle sind lediglich Ausschnitte aus seinem Leben und stehen nicht in unmittelbarem Zusammenhang zueinander. Auf drei dieser sieben Ausschnitte wird im Folgenden eingegangen.

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Details

Seiten
23
Jahr
2022
ISBN (PDF)
9783346748072
ISBN (Paperback)
9783346748089
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Erziehungswissenschaft
Erscheinungsdatum
2022 (Oktober)
Note
2,0
Schlagworte
Oral History Jugend Jugend in der DDR qualitative Forschungsmethode Heimerziehung heimerziehung in der ddr Jugendhaft in der DDR
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Titel: Oral History und Interviewanalyse der Jugend in der DDR