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Rumänien und die Erinnerung – Diskurse um Faschismus und Kommunismus seit 1947

Hausarbeit 2008 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kollektive Erinnerung und „erinnerungskulturelle Trennlinien“
2.1 Bedeutung der kollektiven Identität für Europa
2.2 Europas Spaltung durch „erinnerungskulturelle Trennlinien“

3 Politikgeschichte Rumäniens 1916 bis 2008
3.1 Von 1916 bis 1944
3.2 Der Holocaust in Rumänien
3.3 Von 1945 bis 1989
3.4. Von 1990 bis 2008

4 Die Diskurse um den Zweiten Weltkrieg und den Faschismus
4.1 Im Kommunismus
4.2 Nach 1989

5. Die Diskurse um den Kommunismus
5.1 Die verzögerte Aufarbeitung
5.2 Die Neudeutung der Postkommunisten
5.3 „Widerstand durch Kultur“
5.4 Der bewaffnete Widerstand
5.5 Erfolge der Aufarbeitung

6 Ausblick – Demontierung oder Zementierung der erinnerungskulturellen Trennlinien in Rumänien?

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Europäische Union ist nach Helmut König „eine ökonomische und administrative Einheit bei einem auffälligen und viel beklagten Mangel an Identifikation und Solidarität“.[1] Politisch sind die Einigungsprozesse unübersehbar: seit den Römischen Verträgen hat die Zahl der Mitgliedsstaaten stetig zugenommen bis zur letzten Erweiterung im Jahr 2007. Doch die lange Geschichte des Scheiterns, die das Verfassungs- bzw. Grundlagenvertrag-Projekt nun schon hinter sich hat macht deutlich, dass der politisch-institutionellen Einigung eine andere vorausgehen oder zumindest mit dieser einhergehen muss: das Zusammenwachsen als gefühlte Gemeinschaft. Ohne das die Bevölkerungen der europäischen Nationalstaaten sich auch als zusammengehörig empfinden, wird die politische Einigung schnell an ihre Grenzen gelangen. Nicht umsonst bemühen sich die Vertreter der europäischen Institutionen in Brüssel, das Projekt Europa beliebter zu machen: Imagekampagnen sollen die Attraktivität des europäischen Gedankens steigern, Konferenzen zum Thema sollen neue Konzepte entwickeln, und neu konzipierte Schulbücher sollen schon bei den Kleinsten das Entstehen einer europäisch bestimmten Identität fördern. Verfolgt man europapolitische Reden oder liest in Publikationen zum Thema „Europäische Identität“, wird dort der Zusammenhang Europas mit dem Terminus der Kultur- und Wertegemeinschaft begründet.[2] Die Staaten Europas bekennen sich gemeinsam zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und zu freiheitlichen, pluralistischen Verfassungen. Diese Haltung würde, so die Argumentation, in der gemeinsamen Geschichte wurzeln: die griechische Antike, die christlichen Königreiche des Mittelalters, die Renaissance und die Aufklärung bis hin zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der zur Gründung der Nationalstaaten führte, sind von gesamteuropäischer Bedeutung und Wirkung gewesen. Neben dieser positiven Bestimmung des Kerns der europäischen Zusammengehörigkeit stellt sich aber auch die Frage, wo Trennlinien verlaufen. Mögen auch die Ereignisse der letzten Jahrhunderte Auswirkungen auf ganz Europa gehabt haben – nicht alle haben sie gleich erlebt. Welche Rolle spielen unterschiedliche Erinnerungen und Interpretationen des Vergangenen für die Integration Europas? Denn zum einen ist vor allem das 20. Jahrhundert Auslöser ganz verschiedener Erfahrungen und Entwicklungen für die europäischen Nationen gewesen, und zum anderen ist Erinnern „kein natürlicher Prozess […], sondern auf vielfältige Weise durch soziale Bedingungen und Umstände hergestellt oder verhindert“.[3] Gesellschaften konstruieren sich nach politischen Brüchen ihre Vergangenheit neu, entwickeln Gründungsmythen, Legitimationsstrategien für negative Ereignisse und Symbolfiguren, ausgehend von den Bedürfnissen und Konflikten der Gegenwart, da „der Bezug auf vergangene Ereignisse nicht durch diese selbst, sondern durch die Gegenwart determiniert ist.“[4] In den Ländern Ost- und Südosteuropas, die innerhalb eines Jahrhunderts gleich mehrere grundlegende politische Systemwechsel erlebten, wurde die dominante Geschichtserzählung mehrfach neu geschrieben.

Nach der langen politischen Trennung des Kontinents besteht jetzt die Chance, Europa wieder zu vereinen, auf der politischen Ebene wie auch auf der abstrakten Ebene der Emotionen, des Gefühlten. Der Zusammenbruch des Kommunismus stellt die Entwicklung der so notwendigen kollektiven europäischen Identität aber auch vor enorme Herausforderungen. So schreibt Helmut König: „Das Auftauchen der unter autoritärem Verschluss gehaltenen Erinnerungen ging einher mit der Neuauflage vergessener Abgrenzungen, mit mörderischen Feindbildern und dem Auffrischen von Rechnungen, von deren Existenz hierzulande kaum noch jemand eine Ahnung hatte.“[5] Was also, wenn einander widersprechende „Erzählungen“ in Europa aufeinandertreffen? Was, wenn es „erinnerungskulturelle Trennlinien“ gibt, die Europa spalten?[6]

Ziel dieser Arbeit soll es sein, den Prozess des Erinnerns im Kontext seiner sozialen wie politischen Bedingungen am Beispiel Rumäniens darzustellen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Jahre des Faschismus und die unmittelbar daran anschließende Zeit des Kommunismus. Betrachtet werden sollen Formen der Verdrängung, der Verklärung, der Mythisierung, aber auch Erfolge hin zu einer Aufarbeitung und Anerkennung der Opfer dieser beiden Diktaturen.

Am Beginn der Arbeit wird das Konzept der „erinnerungskulturellen Trennlinien“ erläutert und überlegt, worin die Bedeutung eines einheitlichen europäischen Geschichtsverständnisses liegt. In Kapitel 3 wird die historische Entwicklung Rumäniens vom Ersten Weltkrieg bis heute skizziert, um die Voraussetzung zu liefern für die Kapitel 4 und 5, die sich mit den Diskursen um Faschismus und Kommunismus befassen. Ziel ist es darzustellen, welche Erinnerungskultur in Rumänien heute vorherrscht und wer mit welcher Absicht die öffentlichen Diskurse zur Interpretation der beiden Diktaturen bestimmt. Im letzten Kapitel soll dann geklärt werden, wie dies mit dem angestrebten europäischen Geschichtsdiskurs zu vereinbaren ist.

2 Kollektive Erinnerung und „erinnerungskulturelle Trennlinien“

2.1 Bedeutung der kollektiven Identität für Europa

Der Bezug auf eine gemeinsame Vergangenheit ist vor allem dann entscheidend, wenn politische Ordnungen der Legitimation bedürfen.[7] Im Fall der Europäischen Union ist das nicht anders als für die kleinere Einheit des Nationalstaats. Politische Ordnungen bedürfen der kollektiven Identität, dem Glauben an Zusammengehörigkeit. Nur dann entsteht unter den Mitgliedern der Gemeinschaft der politische Wille, eine Einheit zu bilden.[8] Nur dann haben die politischen Institutionen, welche die Gemeinschaft vertreten, die notwendige Legitimität.[9]

Es ist also letztlich eine Frage des Überlebens, ob es gelingt, solch eine kollektive Identität auch innerhalb Europas zu etablieren, oder um es anders auszudrücken, ob es gelingt, „Europa eine Seele zu geben“.[10] Dazu gehört, dass die Bürger Europas eine weitaus stärkere emotionale Bindung an ihre Gemeinschaft entwickeln, als dies bisher der Fall ist. Und entscheidend wird auch sein, ob es Europa gelingt, eine „transnationale, kontinentale Erinnerungsgemeinschaft“ zu werden.[11]

2.2 Europas Spaltung durch „erinnerungskulturelle Trennlinien“

Nach Helmut König bestimmen vor allem die Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit seinen verheerenden Kriegen, Diktaturen und dem Holocaust das gemeinsame Gedächtnis der europäischen Staaten. Dabei sind die kollektiven Erinnerungen innerhalb der einzelnen europäischen Staaten ganz verschieden – Deutschland und Polen, um zwei extreme Beispiele zu wählen, haben den Zweiten Weltkrieg aus ganz verschiedenen Perspektiven erlebt, nach 1945 eine andere Entwicklung eingeschlagen und demnach auch ganz verschiedene Erinnerungen und Assoziationen für diese Zeit entwickelt. Jede Gesellschaft hat nach 1945 ihre Erinnerung, ihre Selbstpositionierung innerhalb der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für sich vorgenommen, und dabei auch Mythen kreiert: Frankreich in der Überbetonung der Résistance, Österreich im Bild des von Hitler erzwungenen, ungewollten Anschlusses an Deutschland. In Osteuropa schließlich liefen diese Prozesse der Konstruktion des Gedächtnisses noch einmal unter anderen

Vorzeichen: die kommunistische Diktatur gab vor und setzte durch, was die gültige Interpretation des Vergangenen sein sollte. Heute, im Zuge der europäischen Einigung, zeigen sich die Folgen dieser nationalen Bearbeitung der eigenen Rolle im Faschismus: in Europa treffen „kollidierende Erinnerungen“ aufeinander.[12]

Stefan Troebst stellt fest, dass durch verschiedene historische Erfahrungen der europäischen Länder, vor allem in Bezug auf die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg, zwei „erinnerungskulturelle Trennlinien“ entstanden sind, die Europa spalten.[13] Diese teilen Europa in drei erinnerungskulturell verschiedene Regionen: Westeuropa; die Länder Südosteuropas, die den Kommunismus heute als ihnen aufgezwungene Diktatur empfinden; und diejenigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die erinnerungskulturell stärker an Moskau gebunden sind.

Was sind Konflikte entlang dieser Trennlinien? Troebst benennt zunächst die in Westeuropa und v.a. in Deutschland fest verwurzelte Hierarchisierung von Faschismus und Kommunismus. Die Einzigartigkeit des Holocaust ist größtenteils Konsens ebenso wie die Nichtgleichsetzbarkeit der nationalsozialistischen Diktatur mit der kommunistischen.[14] In den Staaten Osteuropas hingegen, die den Kommunismus als ebenso brutal empfunden haben wie den Faschismus, besteht diese Unterscheidung kaum. Troebst zählt dazu vor allem das Baltikum und Kroatien, als Staaten, die mehr oder weniger geschlossen die Zeit des Kommunismus als demütigend, fremd und oktroyiert empfinden.[15] Aber auch in Rumänien, wie später noch aufgezeigt wird, kann man Aussagen finden, in denen der Holocaust mit den in der Zeit des Kommunismus begangenen Verbrechen gleichgesetzt wird (wenn auch oft mit dem Absicht, vom Diskurs um die Beteiligung der rumänischen Armee am Holocaust abzulenken). Die Staaten West- und Mitteleuropas verstehen den Holocaust und die Überwindung seiner Ursachen als Gründungsimpetus der Europäischen Union und Kern des europäischen Zusammenwachsens. Eine Gleichsetzung mit dem Kommunismus wird „reflexartig als Relativierung des Holocaust gewertet“.[16] Die Staaten Osteuropas hingegen empfinden das westeuropäische Erinnerungsdiktat als „patronisierend, okzidentalisierend und mit Blick auf den Kommunismus relativierend“.[17]

[...]


[1] König, Helmut: Europas Gedächtnis. In: König, Helmut; Schmidt, Juli; Sicking, Manfred (Hrsg.): Europas Gedächtnis: Das neue Europa zwischen nationalen Erinnerungen und gemeinsamer Identität. Bielefeldt 2008. S. 9-37. Hier S. 20.

[2] Ebd., S. 9. Als exemplarisch für die beschriebene Argumentation kann gelten: Meier-Walser, Reinhard; Rill, Bernd: Der europäische Gedanke. Hintergrund und Finalität. Grünwald 2000.

[3] König, Helmut: Europas Gedächtnis (wie Anm. 1). S. 13.

[4] Ebd., S. 14.

[5] Ebd., S. 30.

[6] Troebst, Stefan: Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust. Divergierende Erinnerungskulturen im grösseren Europa. In: Berliner Journal für Soziologie 15 (2005), Heft 3, S. 381-400. Hier S. 381.

[7] Vgl. König, Helmut: Europas Gedächtnis (wie Anm. 1). S. 14.

[8] Der Franzose Ernest Renan definiert die Nation im Jahr 1882 als eine Gemeinschaft, der die Willens- und Absichtserklärung aller zugrunde liegt, eben jene Gemeinschaft zu bilden. Neben dieser „Willensgemeinschaft“ ist aber auch die „Gedächtnisgemeinschaft“, also der Bezug auf eine gemeinsame Vergangenheit, entscheidend. Vgl. ebd., S. 18.

[9] Eine ausführliche Darstellung des Zusammenhangs zwischen kollektiver Identität und politischer Legitimität in: Meyer, Thomas; Eisenberg, Johanna (Hrsg): Europäische Identität als Projekt. Wiesbaden 2009.

[10] König, Helmut: Europas Gedächtnis (wie Anm. 1). S. 17. König greift auf eine Formulierung Jacques Delors zurück.

[11] Ebd., S. 21.

[12] König, Helmut: Europas Gedächtnis (wie Anm. 1). S. 28.

[13] Troebst, Stefan: Jalta versus Stalingrad (wie Anm. 6). S. 381.

[14] Was nicht heißen soll, dass nicht auch darüber Kontroversen geführt würden, so z.B. die als „Historikerstreit“ bezeichneten Diskussionen zwischen Ernst Nolte, Jürgen Habermas und anderen im Jahr 1986. Aber gerade die Tatsache, das durch Äußerungen wie die von Nolte, in denen der GULag als Vorausgänger der Konzentrationslager beschrieben wird, solch heftige Debatten entstehen, zeigt, wie verankert diese Hierarchisierung ist und wie energisch sie verteidigt wird.

[15] Troebst, Stefan: Jalta versus Stalingrad (wie Anm. 6). S. 385.

[16] Ebd., S. 388. Troebst bezieht die Aussage auf die heftigen Reaktionen der deutschen Presse, als die lettische Außenministerin Sandra Kalniete 2005 in einer Rede eben diese Gleichsetzung vornahm.

[17] Ebd., S. 388.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640350582
ISBN (Buch)
9783640350254
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128932
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kulturwissenschaften
Schlagworte
Rumänien Erinnerung Diskurse Faschismus Kommunismus

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Titel: Rumänien und die Erinnerung – Diskurse um Faschismus und Kommunismus seit 1947