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Kindliches Erleben von Naturerfahrungen. Bedeutung, pädagogische Ansätze und Verbindung mit der Kinder- und Jugendliteratur

©2019 Seminararbeit 19 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Naturerfahrungen in der Kindheit, welches nach dem theoretischen Teil mit ausgewählter Kinder- und Jugendliteratur verknüpft wird. Anfangs wird auf den geschichtlichen Wandel der Naturverbundenheit eingegangen, um anschließend die Bedeutung von Naturerfahrungen für Kinder zu erklären.

Um den Zusammenhang von Mensch und Natur zu bewahren beziehungsweise wieder herzustellen, wird daraufhin auf verschiedene Ansätze eingegangen. Die Wildnis- und Waldpädagogik werden im Zusammenhang mit Naturerlebnissen für Kinder näher erklärt.

Um Schülern Naturerfahrungen bieten zu können, wird zunächst die Einordnung von außerschulischen Lernorten im Rahmenlehrplan beschrieben. Daraufhin wird auf vier verschiedene Kinder- und Jugendbücher eingegangen, welche das Thema Natur beinhalten.

Um dieses Thema in den Unterricht miteinzubeziehen, werden ein bis zwei Textstellen aus jedem Buch herausgenommen. Für diese werden Aktivitäten in der Natur vorgestellt, wodurch das Thema Literatur im Deutschunterricht mit praktischen außerschulischen Inhalten verbunden wird. Die Schüler und Schülerinnen können durch die beschriebenen Aktivitäten Erfahrungen in der Natur sammeln und somit das Erzählte im Buch in der Wirklichkeit erfahren und ihren Horizont hinsichtlich Naturbildung erweitern.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Wandel der Naturverbundenheit

3. Bedeutung von Naturerfahrungen

4. Ansätze der Wildnis- und Waldpädagogik

5. Außerschulische Lernorte und ihre Einordnung in den Rahmenlehrplan

6. Natur in Verbindung mit Kinder- und Jugendliteratur
6.1. Unser Baum
6.2. Das Apfelwiesen Komplott
6.3. Das Blaubeerhaus
6.4. Die Wilden Kerle- Die Legende lebt!

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Naturerfahrungen in der Kindheit, welches nach dem theoretischen Teil mit ausgewählter Kinder- und Jugendliteratur verknüpft wird. Anfangs wird auf den geschichtlichen Wandel der Naturverbundenheit eingegangen, um anschließend die Bedeutung von Naturerfahrungen für Kinder zu erklären.

Um den Zusammenhang von Mensch und Natur zu bewahren beziehungsweise wieder herzustellen, wird daraufhin auf verschiedene Ansätze eingegangen. Die Wildnis- und Waldpädagogik werden im Zusammenhang mit Naturerlebnissen für Kinder näher erklärt.

Um Schülern Naturerfahrungen bieten zu können, wird zunächst die Einordnung von außerschulischen Lernorten im Rahmenlehrplan beschrieben. Daraufhin wird auf vier verschiedene Kinder- und Jugendbücher eingegangen, welche das Thema Natur beinhalten. Um dieses Thema in den Unterricht miteinzubeziehen, werden ein bis zwei Textstellen aus jedem Buch herausgenommen. Für diese werden Aktivitäten in der Natur vorgestellt, wodurch das Thema Literatur im Deutschunterricht mit praktischen außerschulischen Inhalten verbunden wird. Die Schüler und Schülerinnen können durch die beschriebenen Aktivitäten Erfahrungen in der Natur sammeln und somit das Erzählte im Buch in der Wirklichkeit erfahren und ihren Horizont hinsichtlich Naturbildung erweitern.

2 Geschichtlicher Wandel der Naturverbundenheit

Naturverbundenheit war bei unseren fernen Vorfahren noch Normalität, da sie als Naturvölker in einer Jäger- und Sammlerkultur mit der Natur im Einklang und in einer bewussten Wechselbeziehung gelebt haben. Sie passten sich an die äußeren Bedingungen an und sahen die Natur als Ressource zum Überleben. Hinzu kommt, dass die Menschen früher immer in Gemeinschaften lebten, da sie vom Wissensstand der anderen Individuen abhängig waren (vgl. Suchant, 2018).

Für unsere näheren Verwandten, beispielsweise den (Ur-)Großeltern, war ein eigener Garten zur Selbstversorgung etwas ganz Natürliches. Sie kannten sich mit den Tieren und vor allem Pflanzen in ihrer Umgebung aus, da sie diese neben Nahrung unter anderem für Medizin als Heilkräuter brauchten. Auch hier war der Familienzusammenhalt von Bedeutung, da für gewöhnlich alle auf dem Hof bei der Versorgung der Nutztiere, dem Anbauen und der Ernte des Obstes und Gemüses und anderen anfallenden Aufgaben halfen. Die Kinder lernten in diesem Zusammenhang schon von Anfang an den Umgang mit der Natur und konnten beispielsweise beobachten, dass das Gemüse und Obst von Sonne und Regen abhängig ist und wie sich in Bezug auf Tiere korrekt verhalten wird (vgl. ebd.).

Bis ungefähr zum Anfang des 21. Jahrhunderts haben die Kinder ihre Zeit größtenteils draußen in der Natur verbracht. Sie haben diese vor allem erkundet, dort gespielt, sie gestaltet, sich erholt und als Ort für soziale Interaktion mit Freunden genutzt (vgl. Köhler, 2012). Doch je mehr Wissenschaft und Technik sich entwickeln, desto mehr wird sich von der Natur entfernt. Die heutigen Kinder leben in einer digitalisierten Welt und haben Zugang zu Fernsehern, Smartphones, Tablets und Computern. Schon 2008 wurde herausgefunden, dass der Fernseher das wichtigste Medium und neben dem Treffen von Freunden, die beliebteste Freizeitaktivität darstellt (vgl. von Grafenstein, 2009). Auf das heutige Jahr bezogen, dürften diese Ausprägungen vor allem hinsichtlich Computer und Smartphones weiter angestiegen sein. Natur wird bei den meisten Kindern heutzutage nur noch als Aktionsraum gesehen, in dem sie beispielsweise ihren Sport ausüben oder im Urlaub entspannen können (vgl. Suchant, 2018).

Neben der Wissenschaft und Technik haben sich auch die Landschaft an sich und ihre Einwohner stark verändert. Laut einer Erhebung im Jahr 2017 leben 31% der Menschen in Deutschland in einer Großstadt, 27% in einer Stadt, 27% in einer Kleinstadt und nur 15% in einem Dorf (vgl. Die Zeit, 2017). Die Werte für Bewohner in Städten steigen jährlich an und eine Statistik der UNO zeigt, dass im Jahr 2050 mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben werden (vgl. Forschung & Lehre, 2018).

Diese städtischen Lebensräume grenzen die biologische Artenvielfalt ein, doch erhalten beispielsweise wildlebende Pflanzenarten, welche allerdings für die moderne Gesellschaft unbekannt sind und somit nicht wahrgenommen werden (vgl. Köhler, 2012). Anstatt sich an der Natur zu erfreuen, welche vor allem in ländlichen Gebieten nahezu unangetastet bleibt, bevorzugen viele Menschen heutzutage den städtischen Wohnraum. Dort gibt es dem Anschein nach mehr Freizeitmöglichkeiten und Arbeitsstellen. Außerdem sind die Menschen an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden und haben unzählige Einkaufsmöglichkeiten. Naturerfahrungen in der Stadt gehen dadurch aber auch drastisch zurück.

Das freie Spielen und Erkunden der Natur kennen heutzutage fast nur noch die Kinder, welche in ländlichen Gebieten wohnen. Dort gibt es gut erreichbare Naturorte und naturbezogene Freizeitaktivitäten, wodurch diese Kinder im Vergleich zu Stadtkindern über signifikant höhere Naturerfahrungen verfügen. Diese Erfahrungen sind aber vor allem im kindlichen Alter besonders wichtig, da nachgewiesen wurde, dass unsere Naturkontakte in der Kindheit unsere Wahrnehmung von Natur im höheren Alter beeinflusst (vgl. ebd.).

3 Bedeutung von Naturerfahrungen

Um die Relevanz von Natur und ihren Erfahrungen für Kinder herauszufinden, wird zunächst die psychologische Sicht auf die Umwelt erörtert. Die nichtmenschliche Natur, wie beispielsweise Pflanzen, Tiere und Landschaften, beeinflusst Kinder neben ihrer menschlichen Umwelt ebenfalls. Der Mesch ist Teil dieser Natur und ist somit unmittelbar mit ihr verbunden (vgl. Gebhard, 1994).

Diese Verbindung spielt auch in der ökologischen Psychologie, auch Umweltpsychologie genannt, eine entscheidende Rolle. Dort wird neben der Art und Qualität der menschlichen Umwelt die Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt untersucht und zueinander in Beziehung gesetzt. Daraus wurden Erkenntnisse gesammelt, dass es keine Trennung beider gibt und sich die äußere und innere Natur des Menschen gegenseitig beeinflussen (vgl. ebd.). Dies bedeutet also, dass der Einklang der Natur mit dem inneren Befinden zusammenhängt und positive Wirkungen auslöst.

Kinder beschäftigen sich aktiv mit ihrer Umwelt, also auch mit der äußeren Natur und nehmen sie somit in sich auf. Untersuchungen ergaben, dass eine vielfältige Reizumgebung für Kinder von außerordentlicher Bedeutung ist und schließt somit, neben der menschlichen Umwelt, auch die nichtmenschliche Umgebung mit ein. Diese abwechslungsreichen Reize haben positive Auswirkungen auf die Gehirnleistung und psychische Entwicklung (vgl. Gebhard, 1994).

Natur bietet Kindern Beständigkeit und Abwechslung zugleich. Sie vermittelt Sicherheit und Verlässlichkeit, da beispielsweise ein Baum sich Jahr zu Jahr weiterentwickelt und Zeitläufe übersteht. Diese Entwicklung und Veränderung können die Kinder beobachten, was ihnen wiederum Abwechslung bietet, da sich die Natur in den Jahreszeiten verändert und neue Erfahrungsmöglichkeiten bereitstellt (vgl. ebd.).

Naturerfahrungen haben laut Gebhardt (1994) zwei spezifische Ebenen. Einerseits fördern sie allgemein die seelische Entwicklung von Kindern und tragen dazu bei, dass sie sich für den Erhalt und Schutz der Natur einsetzen. Die zunehmende Umweltverschmutzung ist ein Indiz dafür, dass sich der Mensch immer mehr von der Natur entfernt. Die Erhaltung eines vielfältigen Ökosystems, welches für die Reinhaltung der Luft, Schutz von Trinkwasser, Bestäubung von Nutzpflanzen und Erhalt von Tierarten von Bedeutung ist, gerät bei den meisten Menschen in Vergessenheit (vgl. Köhler, 2012). Diese zunehmende Entfernung der Natur wird in Fachkreisen auch „Umweltvergessenheit“ genannt. Sie trägt dazu bei, dass sich die Menschen sozialpsychologisch von ihr entfernen und sich mit anderen Sachen beschäftigen (vgl. Gebhardt, 1994). Die heutige Gesellschaft ist nicht mehr darauf angewiesen, selbstständig in der Natur nach Lebensmitteln zu suchen oder diese anzubauen und davon zu leben. Sie können auf dem einfachsten Weg ihre Lebensmittel in einem Supermarkt kaufen, ohne überhaupt genau zu wissen, woher die einzelnen Produkte stammen und was genau in ihnen enthalten ist. Die Abhängigkeit und der Austausch mit der Natur, welche die Menschen früher noch hatten, gehen also drastisch zurück.

4 Ansätze der Wildnis- und Waldpädagogik

Um die Verbindung zwischen Mensch und Natur wieder herzustellen und Naturbildung zu betreiben, haben sich verschiedene Ansätze entwickelt. Eines dieser Konzepte nennt sich „Wildnispädagogik“. Dieses Konzept hilft den Menschen zu verstehen, dass sie selbst Natur und ein Teil von ihr sind und dieses Verhältnis wieder stärken müssen (vgl. Suchant, 2018). Wenn dieser Bezug, wie bei vielen Menschen heutzutage, fehlt, können natürliche Kreisläufe nicht wahrgenommen und nachvollzogen werden. Die Wildnispädagogik setzt genau an diesem Punkt an und gibt den Menschen unterschiedliche Methoden an die Hand, um die äußere mit der inneren Natur zu vereinen. Dabei helfen Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsübungen, die Stärkung der Überlebungsfähigkeiten und verschiedene Rituale, wie der Redekreis, Singen und Erzählen von Geschichten (vgl. ebd.).

Ein weiterer Bestandteil der Wildnispädagogik ist das „Coyote Teaching“. Es ist eine aus alter Zeit stammende Methode des Lehrens und Lernens, wobei der Mentor mit seinen Schülern interagiert. Die Schüler und Schülerinnen werden dazu animiert, ihre eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu machen, wodurch sie sich weiterentwickeln. Sie sollen ihre natürliche Umgebung kennenlernen und sich mit ihrer eigenen Natürlichkeit bekannt machen (vgl. Suchant, 2018).

Jon Young, Ellen Haas und Evan McGown haben 2010 über die Grundlagen der Wildnispädagogik ein Buch namens „Coyote´s Guide“ veröffentlich, in welchem sie mit bestimmten Methoden die Verbindung von Mensch und Natur wieder herstellen wollen. Aus der Übersetzung entstand im Jahr 2014 das „Handbuch für Mentoren“ und 2017 das „Handbuch der Aktivitäten“. Diese beiden Bände wurden während der Übersetzung an die natürlichen Gegebenheiten in Deutschland angepasst (vgl. Young, 2015).

Aus dem Coyote Guide lassen sich für Kinder und ihre Naturerfahrungen zwei zentrale Aspekte erschließen. Ihnen muss ermöglicht werden, eigene Erfahrungen zu machen und über diese in Gespräche kommen zu können. Sie können den Zuhörern ihr Erlebnis und ihre Geschichten erzählen und sich mit ihnen austauschen. Der Mentor, als stetiger Begleiter, stellt dabei gezielte (Gegen-) Fragen, wodurch der Erzähler gedanklich auf seine Erfahrungen zurückgreifen kann. Diese Fragen sind individuell an die Fähigkeiten des Schülers oder der Schülerin angepasst. Anfangs muss allerdings darauf geachtet werden, dass Mentor und Schüler das gleiche erlebt haben, da für das Geschichtenerzählen ein gemeinsamer Erfahrungshintergrund von großer Bedeutung ist. Dies kann beispielsweise die Sichtung eines Nestes oder bestimmter Pflanzenarten sein. Anschließend kann der Erzähler auf individuelle Sichtungen seines Schülers eingehen (vgl. Young, 2015).

Bei der nächsten Erkundung in der Natur gehen die Schüler und Schülerinnen mit anderen Augen an Entdeckungen heran, da sie ihre Neugier vertiefen und ihnen bei jedem Mal neue Veränderungen auffallen. Durch ihre Interaktion mit der Natur wird Bewusstsein für sie geschaffen. Für Kinder ist das eigenständige Herausfinden und Entdecken sehr wichtig und interessant, wobei der Mentor zum spielerischen erkunden animieren soll. Dies geschieht mit allen Sinnen, da in der Natur viel gesehen, getastet, gerochen, gehört, geschmeckt und auch gespürt werden kann (vgl. ebd.).

Die „Waldpädagogik“ ist ein weiterer Ansatz, der zum Ziel hat, Umweltbildung zu ermöglichen und der Naturentfremdung entgegenzuwirken. Als Teil der Naturpädagogik ist hier der forstliche Lebensraum des Waldes Lerngegenstand, welcher ebenfalls durch praktische Erfahrungsbeiträge einen Zusammenhang zwischen Mensch und Wald, beziehungsweise Natur, schaffen soll. Dazu sollen beispielsweise allgemein Wissen über den Wald und forstliche Arbeiten vermittelt, soziales Lernen ermöglicht oder auch die Persönlichkeit und eigene Kompetenzen gestärkt werden, indem der Wald mit allen Sinnen erlebt und in sich aufgenommen wird. Der Lebensraum Wald bietet viele Möglichkeiten, um Umweltaktionen mit Kindern zu erleben. Abgesehen von Pflanzen und Tieren kann unter anderem auch der Waldboden an sich erkundet werden (vgl. Bolay & Reichle, 2014).

5 Außerschulische Lernorte und ihre Einordnung in den Rahmenlehrplan

Wenn diese erwähnten Ansätze mit in die Schule integriert werden sollen, müssen direkte Naturerfahrungen ermöglicht werden. Dafür ist es notwendig, den Raum von unterrichtlichen Aktivitäten an sich und die damit verbundenen theoretischen und unterrichtlichen Aspekte offen zu gestaltet. Dies wird durch außerschulische Lernorte geschaffen, welche Aktivitäten des Unterrichts außerhalb des Schulgebäudes bezeichnen. Dabei werden unterschiedliche Lernbereiche des Unterrichts alltagsnah vermittelt und durch selbstständiges Sammeln von Erfahrungen der Schüler und Schülerinnen untersucht (vgl. von Grafenstein, 2009).

Die Biologiedidaktik versteht unter dem Begriff das Zusammentreffen von Menschen mit Naturobjekten. Diese können andere Menschen, Tiere oder Pflanzen sein. Durch diesen Kontakt wird das selbstständige Handeln und somit die Motivation gefördert. Hinzu kommt die Zusammenführung von Emotionen und Kognitionen, die beim Umgang mit dem Lebendigen die Verantwortung gegenüber ihnen schafft (vgl. ebd.). Diese Verantwortung und Achtung, vor allem gegenüber der Natur, kann also durch außerschulische Lernorte verstärkt werden.

Außerschulische Lernorte bieten vor allem Abwechslung vom alltäglichen Schulprogramm. Sie lassen den Kindern Raum für das Sammeln von eigenen Erfahrungen, wodurch sie die theoretische Schulinhalte auch praktisch anwenden können. Dies bietet den Kindern auch einen neuen Blickwinkel auf diese, da sie sich durch ihre Erlebnisse leichter in das Theoretische hineinversetzen können. Wenn in der Schule beispielsweise über unterschiedliche Länder gesprochen wird, kann ein Kind sich unter ihnen mehr vorstellen, wenn es bereits Bilder gesehen oder das Land sogar schon einmal selbst besucht hat. Das Kind hat somit einen Erfahrungshorizont, an dem es anknüpfen und sich somit in seine erlebte Situation hineinversetzen kann. Für das Thema Natur gilt genau dasselbe. Um diesen Erfahrungshorizont bei Schülern herzustellen, beziehungsweise zu erweitern, gelten außerschulische Lernorte als Unterstützer.

Außerschulische Lernorte, bezogen auf die Natur, sind auch im Rahmenlehrplan Brandenburg für das Fach Deutsch enthalten. Dort geht es in erster Linie um die Bedeutung nachhaltiger Entwicklung und das Verständnis von globalen Zusammenhängen. Dabei sollen die Schüler und Schülerinnen lernen, ihre Umwelt zu erkennen, analysieren und bewerten. Neben beim globalen Wandel geht es auch darum, natürliche Ressourcen wertzuschätzen und sich für ihren Erhalt einzusetzen. Dazu sollen sie unter anderem Erkenntnisse zum ökologischen und wirtschaftlichen Handeln erfahren, um ihr erworbenes Wissen anwenden zu können (vgl. Senatsverwaltung für Bildung Jugend und Familie (RLP), 2019a).

Besonders die naturwissenschaftlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer bieten laut dem Rahmenlehrplan besondere Chancen, um dieses ökologische Handeln zu schulen. Dennoch ist das Schaffen von vielfältigen Lerngelegenheiten auch in den anderen Fächern möglich (vgl. ebd.). Um Naturbildung möglichst nah und anschaulich zu vermitteln, schlägt der Rahmenlehrplan verschiedene Möglichkeiten vor.

„Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung bzw. ein Lernen in globalen Zusammenhänge gelingt besonders gut in der Kooperation mit außerschulischen Partnern und der Einbeziehung von außerschulischen Lernorten, z. B. entwicklungspolitischen Bildungseinrichtungen, Naturerlebniseinrichtungen, ökologischen Landbaubetrieben, Weltläden.“ (RLP 2019a, S. 34)

Um diese Möglichkeiten in das Fach Deutsch und das Thema Kinder- und Jugendliteratur zu integrieren, müssen die Kompetenzen und Standards aus dem Teil C des Rahmenlehrplans miteinbezogen und verknüpft werden. Das Thema Lesen wird in verschiedene Standards unterteilt, aus denen die Schüler und Schülerinnen aufgelistete Kompetenzen erwerben sollen. Sie sollen allgemein beschrieben Lesefertigkeiten und Lesestrategien nutzen und mit Texten und Medien umgehen können. Dies bezieht sich auf die eigenen Fähigkeiten während des Lesens, das Textverständnis und das Erschließen von unterschiedlichen Textsorten.

In welcher Form diese Fähigkeiten vermittelt werden sollen, wird nicht detaillierte vorgegeben. Dies gibt der Lehrkraft also die Möglichkeit, ihren Unterricht offen zu gestalten und unter anderem außerschulische Lernorte und Naturbildung miteinzubeziehen. Kinder- und Jugendliteratur mit Naturerfahrungen in außerschulischen Lernorten zu verbinden, kann dementsprechend Vorteile hervorrufen.

6 Natur in Verbindung mit Kinder- und Jugendliteratur

Naturerfahrungen und umweltbezogene Kinder- und Jugendliteratur beeinflussen sich gegenseitig. Die Verbindung Beider, bedingt die ökologische Sicht der Kinder und trägt zu ihrer Entwicklung von Naturbeziehungen bei. Um diese Entwicklung im Deutschunterricht wirksam fördern zu können, müssen wahrhaftige Naturbegegnungen geschaffen und mit passender Kinder- und Jugendliteratur verknüpft werden (vgl. Köhler, 2012).

Im Folgenden werden daher nacheinander naturbezogene Textstellen aus ausgewählten Kinder- und Jugendbüchern mit möglichen Naturerlebnissen für Schüler und Schülerinnen verbunden. Es können verschiedene Handlungsmöglichkeiten für Naturerfahrungen aufgezeigt werden, da die einzelnen Bücher unterschiedlichen Themen, wie zum Beispiel Ferienerlebnisse, Tiere und Pflanzen oder Fußball, ansprechen.

Nach einer kurzen Inhaltsangabe des Buches, werden ein bis zwei Textstellen herausgenommen und mehrere Möglichkeiten aufgezeigt, diese in außerschulischen Lernorten aufzubereiten. Dadurch wird gewährleistet, dass die Kinder das Gelesene nicht nur verstehen, sondern sich aktiv in die Handlung hineinversetzen und mit ihren eigenen Erfahrungen verbinden können. Natur und Literatur kommen somit nicht nur thematisch im Buch vor, sondern werden praktisch mit den Naturerfahrungen der Kinder verknüpft. Um passende Naturerfahrungen- und erlebnisse zu schaffen, werden Handlungsvorschläge mitunter auch aus den vorher beschriebenen Ansätzen der Wald- und Wildnispädagogik dargestellt und mit bereits vorliegenden und eigenen Ideen kombiniert.

6.1. Unser Baum

Das Sachbilderbuch „Unser Baum“ wurde 2018 von Gerda Muller übersetzt und illustriert und ist für Kinder ab der ersten Klasse geeignet.

Die Geschwister Leo und Carolina besuchen in ihren Ferien regelmäßig ihren Cousin Timm und ihren Onkel Paul. Die Familie lebt in einem Forsthaus im Wald, da ihr Onkel Paul als Förster tätig ist. Timm zeigt Leo und Carolina seinen Lieblingsplatz im Wald. Auf einer Lichtung steht eine majestätische, dreihundert Jahre alte Eiche. Ab diesem Moment verbringen die Kinder jede freie Minute ihrer Ferientage dort. Dabei lernen sie die Veränderung des Waldes in den Jahreszeiten und verschiedene Tier- und Pflanzenarten kennen, über die im Anhang näher informiert wird (vgl. Muller, 2018).

Da das Buch ausschließlich von dem Wald und den Erfahrungen der Kinder handelt, ist das gesamte Buch für Naturerfahrungen geeignet. Unter verschiedenen Gesichtspunkten können unzählige Textstellen mit den Schülern aufbereitet werden. Für den Anfang wäre es allerdings erst einmal interessant, mehr über die Eiche zu erfahren und diese selbst im Wald suchen und erkunden zu können.

„Timm geht voraus, immer den kleinen Pfad entlang, Leo und Carolina folgen ihm. Im Wald ist es schattig und ganz still [...]. Leo sieht die Lichtung als Erster und entdeckt einen riesengroßen Baum in der Mitte. „Darf ich vorstellen: Mein Freund, die Eiche“, sagt Timm.“ (Muller, 2018, S. 6)

In Mitteleuropa gibt es zwei einheimische Arten der Eiche- die Stieleiche und die Traubeneiche. Diese unterscheiden sich von den Längen ihrer Blätter und Eicheln. Es gibt aber auch Kreuzungsformen beider Eichen, wodurch es in unseren Wäldern und Parkanlagen auch unter anderem Roteichen gibt. Im Gegensatz zu den Stieleichen, behalten die Traubeneichen über den Winter ihre Blätter und schmeißen diese erst wieder im Frühling ab. Kinder können Eichen insbesondere an ihren Blättern mit den lappigen Einbuchtungen und ihren Früchten, den Eicheln, erkennen. Der äußerst dicke Stamm mit den davon seitlich abgehenden großen Ästen, ist ein weiteres Merkmal dieses Baumes (vgl. Neumann, 1999).

Um das Buch mit einem außerschulischen Lernort in Verbindung zu bringen, liegt es auf der Hand, mit den Schülern ein Waldstück zu besuchen. Dabei können sie sich frei bewegen und nach Eichen Ausschau halten. Falls sie fündig geworden sind, können sie beispielsweise die Äste zählen, den Baum abmalen, seine Rinde ertasten oder sich auch die Früchte und Blätter des Baumes näher anschauen. Die Kinder sollen bei ihren Entdeckungen freie Entfaltungsmöglichkeiten haben und die Bäume so kennenlernen und begutachten, wie es ihnen am besten gefällt. Der Ansatz des Coyote- Guides kann hierbei nützlich sein, da sich neben der Methode des selbstständigen Erkundens, die Kinder beim anschließenden Austausch des Erlebten an den vorher beschriebenen Gesprächsablauf halten. Die Lehrkraft handelt dabei als Mentor und tauscht sich mit seinen Schülern über ihre Erfahrungen aus.

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Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (PDF)
9783346755339
ISBN (Paperback)
9783346755346
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Erscheinungsdatum
2022 (November)
Note
1,7
Schlagworte
Kinder- und Jugendliteratur Buch Bücher Literatur Kinder Jugendliche Kindliches Erleben Natur Naturerfahrungen
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Titel: Kindliches Erleben von Naturerfahrungen. Bedeutung, pädagogische Ansätze und Verbindung mit der Kinder- und Jugendliteratur