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Die Kulturgeschichte der zoologischen Gärten

Von der Menagerie zum Event-Raum Zoo

Hausarbeit 2005 27 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Tierhaltung der antiken Hochkulturen
2.1 Formen der Tierhaltung im antiken Rom

3. Der Kolonialismus und die Kuriositätenkabinette
3.1 Außergewöhnliche Menschen aus fernen Ländern

4. Das Problem des Transports

5. Jagen statt Tierkämpfe

6. Die Entstehung der Menagerien
6.1 Die Wandermenagerien
6.2 Die Menagerie von Versailles

7. Wege zur Öffentlichkeit

8. Der Jardin des Plantes

9. Die Gründung zoologischer Gärten in Europa
9.1 Motive der zoologischen Gärten
9.2 Kolonialismus und Exotismus Teil 2

10. Die Hagenbecks: Vom Fischhandel zum modernen Zoo
10.1 Der Tierpark in Stellingen

11. Hagenbecks Erbe: Der Zoo im 20. und 21. Jahrhundert

12. Schlusswort

13. Literatur

1. Einleitung

Der Zoo, eine städtische Einrichtung die uns selbstverständlich erscheint und immer einen Ausflug wert ist. Jung und Alt, Einheimische und Touristen, einzelne Personen, Familien und Gruppen, alle zieht es sie in den Zoo. Doch woher kommt diese Begeisterung? Seit wann gibt es eigentlich den Zoo und wer hat ihn erfunden? Hat überhaupt jemand den Zoo erfunden oder ist der Menschheit die Tierhaltung in die Wiege gelegt? Diese Fragen sollen im Folgenden geklärt werden. Die kulturgeschichtliche Entwicklung des Zoos ist immer in Abhängigkeit der jeweiligen Epoche zu betrachten, den Zoo als solchen gibt es erst im 18. Jahrhundert. Vorher variieren die Formen und Motive der Tierhaltung und es kann nicht von Zoos oder zoologischen Gärten gesprochen werden, dennoch ergeben sie im Ganzen einen wichtigen Teil der Zoo-Geschichte. So werden diese Formen und Motive der einzelnen Epochen vorgestellt und ihre Bedeutung für die Entwicklung des Zoos hervorgehoben. Diese Arbeit spannt den Bogen von der antiken Form der Tierhaltung über das Mittelalter und die Neuzeit auf die Moderne. Die Reise beginnt in königlichen Gärten und römischen Kampfarenen, wird in Kuriositätenkabinetten, Jagdparks, und Menagerien fortgesetzt, bis zu den bürgerlichen Zoos des 19. Jhds. und der Bedeutung Carl Hagenbecks für den heutigen Zoo.

2. Die Tierhaltung der antiken Hochkulturen

Grundsätzlich ist in allen antiken Kulturen eine Form der Tierhaltung zu finden, welche primär haus- und landwirtschaftlichen Zwecken dient. Neben domestizierten Pflanzenfressern wie Kühe, Pferde, Schafe und Ziegen, werden auch Hunde zum Schutz der Herde oder des Hauses gehalten. Das Ziel dieser haus- und landwirtschaftlichen Nutzung von Tieren ist vor allem die Produktion von Nahrung und Kleidung sowie die Zucht von Nutzvieh für die Landwirtschaft, den Krieg oder als Transportmittel im Alltag. Darüber hinaus beschützen Hunde die Herde und das Haus, wiederum andere werden religiös verehrt. Die bekanntesten Beispiele sind wohl die ägyptischen Katzen oder die indischen Kühe. Die antiken Hochkulturen entwickeln jedoch neue Formen der Tierhaltung. Während weiterhin der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund steht, werden ausgewählte Tiere zur Belustigung, zur Verschönerung von Gärten und Anlagen oder zur Repräsentation des eigenen Standes gehalten. Dieser Brauch entsteht in der oberen sozialen Schicht und wird von Herrschern und deren engsten Untergebenen gepflegt. Da sich die Aristokratie durch Abgrenzung vom einfachen Volk in mannigfaltiger Art und Weise selbst definiert und legitimiert, ist das Hauptmerkmal der neuen Formen der Tierhaltung die Repräsentation des eigenen Standes. So haben auch die Stätten der Tierhaltung, wie Paläste, Tempel und Gärten, die Aufgabe der Repräsentation von Macht und Reichtum. Wenn im Folgenden von „Tierhaltung“ gesprochen wird, ist nicht die landwirtschaftlich orientierte Form der unteren sozialen Schichten gemeint, sondern die neu aufgekommene Tierhaltung der Aristokratie. Einige Beispiele sollen nun dieses sozial- und kulturhistorische Phänomen verdeutlichen[1].

Die ersten nennenswerten Berichte stammen aus Ägypten. Dort werden seit dem 5. Jahrtausend heilige Tiere in den Tempeln oder in deren Umgebung gehalten. Ab dem 2. Jahrtausend beginnt man Raubtiere wie Löwen und Geparden im Krieg einzusetzen. Von größerer Bedeutung ist jedoch der „Garten des Ammon“. Amun oder Ammon gilt als Stadtgott von Theben, dort errichtet zu seiner Ehre die Königin Hatschepsut (Regierungszeit 1490-1468 v. Chr.) den Garten. Die beherbergten Tiere sind Pflanzenfresser, darunter Giraffen, Elefanten, Strausse und Antilopen. Hier beginnt die Verbindung von Garten und Tierhaltung, welche sich bis heute durchgesetzt hat.

In China errichtet Kaiser Wen-Wang 1150 v. Chr. den 375-400 Hektar großen „Park der Intelligenz“. Die Tiere stammen im Gegensatz zum „Garten des Ammon“ nicht aus der nächsten Umgebung, sondern werden aus verschiedenen Regionen zusammengetragen und dienen neben der Betrachtung auch der Jagd. So hält sich der Kaiser Raubtiere wie Tiger, Fische in eigens angelegten Teichen und Vögel. Friedliche Säugetiere scheinen in den Hintergrund zu rücken. Ein Novum ist zudem die Sammlung von Pflanzenarten aus entfernten Regionen, welche im Park heimisch werden. Darüber hinaus können einige Tiergärten genannt werden, die in altorientalischen Gebieten ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. entstehen. Zum Beispiel durch die sumerische Kultur, in Babylon und in Assur, der Hauptstadt von Assyrien.

Größere Tiergärten spielen dagegen im antiken Griechenland kaum eine Rolle, jedoch halten sich wohlhabende Bürger zahme Affen, Geflügel und Vögel in den Gärten der prächtigen Villen um den Reichtum zu präsentieren. Ebenso verfahren Priester, welche ihre Tempel mit Tieren ausschmücken. Erst durch Alexander den Großen (König von 336-323 v. Chr.) werden wilde Tiere bedeutend. Angeregt durch die Eroberung Persiens hält sich der griechische Herrscher einen Elefanten. Dieses Tier ist wohl das beste Beispiel der repräsentativen Funktion der Tierhaltung. Da der Elefant in dieser Zeit das größte bekannte Tier ist, symbolisiert er Macht, Unbesiegbarkeit und den Triumph über die scheinbar unzähmbare Natur. Zudem zeugt das Tier von der Unterwerfung anderer Länder und der militärischen Überlegenheit, was vor allem den diplomatischen Beziehungen zu Gute kommt. Hier zeigt sich auch ein wissenschaftliches Interesse an Tieren, Aristoteles (384-322 v. Chr.), dem Lehrer und Ziehvater von Alexander dem Großen, ist es erlaubt den Elefanten zu studieren.

2.1 Formen der Tierhaltung im antiken Rom

Hier gestaltet sich die Tierhaltung weitaus differenzierter[2]. Zum einen errichten die wohlhabenden Bürger Roms in den Gärten ihrer Villen Volieren, Fischteiche und kleinere Gehege. Zweck dieser Einrichtungen ist die Verschönerung der Gärten, also Prachtentfaltung und Repräsentation sowie das Vergnügen die Tiere zu beobachten. Anfangs werden in den Gehegen Hasen und Eichhörnchen gehalten, später kommen Hirsche, Rehe und Wildschweine dazu. Das Wild wird zu einem weiteren Zweck in die Gärten integriert, nämlich zur Jagd und damit zur hauswirtschaftlichen Versorgung. Raubtiere sind in bürgerlichen Kreisen eher selten zu finden, zudem werden sie hauptsächlich in den ländlichen, landwirtschaftlichen Betrieben gehalten.

Wesentlich bedeutender ist das öffentliche Ereignis der Gladiatoren- und Tierkämpfe in den Arenen, nach dem Motto „Brot und Spiele“. Um das Volk zu unterhalten und damit gefügig zu machen werden nicht nur Kämpfe zwischen Mensch und Tier, sondern auch Kämpfe zwischen Tieren veranstaltet. Diesem blutrünstigen Spektakel können alle sozialen Schichten beiwohnen, wodurch die exotischen Tiere erstmals auch vom Volk gesehen werden können. Zu diesem Zweck errichtet man neben den fest installierten Zwingern in den Kolloseen auch temporäre Gehege, in denen die Tiere bis zu den Kämpfen leben. Wie man unter anderem in der allseits bekannten „Asterix“ Comicserie[3] mehrfach nachlesen kann, ist es neben den Kämpfen sehr beliebt Verurteilte „den Löwen zum Fraß vor zu werfen“. Alleine unter Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) werden an die 3500 Tiere abgeschlachtet, darunter 420 Tiger, 260 Löwen, etliche Elefanten, Nashörner, Flusspferde und Krokodile[4]. Es stellt sich nun die Frage woher diese Tiere kommen. Größtenteils werden sie in den Provinzen Afrikas planmäßig gejagt und kommen in großen Kolonnen in Rom an. Zum anderen Teil stellen sie diplomatische Geschenke dar, beziehungsweise werden während Kriegszügen erbeutet. Diese Beutetiere nehmen grundsätzlich an Triumphzügen teil, um dem Volk den militärischen Erfolg und die Unbesiegbarkeit Roms zu demonstrieren. Auf der anderen Seite werden sie ebenso symbolisch für den Sieg und die Macht in den Arenen getötet, wodurch neben dem kommerziellen Verwendungszweck wiederum die repräsentative Funktion von Bedeutung ist.

Mit dem Ende des Weströmischen Reiches im Jahre 476 enden die Tierkämpfe in Europa, die noch vorhandenen Tiere werden größtenteils von reisenden Schaustellern übernommen. So reduziert sich die kommerzielle Tierhaltung und auch die repräsentative Funktion beschränkt sich im frühen europäischen Mittelalter auf kleinere Gärten und Gehege der Aristokratie sowie Bärenzwinger, Wolfsgruben und Hirschgräben wohlhabender Städte.

Fasst man die Aspekte der Tierhaltung in der Antike zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Der Adel und die Aristokratie halten sich einheimische und exotische Tiere zum Vergnügen, zur Verschönerung der Gärten, aus hauswirtschaftlichen Gründen und zur Repräsentation von Macht und Reichtum. Die Herrscher benutzen erbeutete Tiere zur Rechtfertigung und Legitimierung der Herrschaft gegenüber dem Volk, indem Triumphzüge und Arenen allen sozialen Schichten ermöglichen die exotischen Tiere zu sehen. Trotz dieser anfänglichen Öffentlichkeit ist der Leitgedanke späterer zoologischer Gärten, nämlich die Wildtiere artgerecht und zur öffentlichen Bildung zu halten weitgehend unterentwickelt.

3. Der Kolonialismus und die Kuriositätenkabinette

Mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents im Jahre 1492 und der Umsegelung Afrikas 1499 beginnt die Zeit des Kolonialismus. Als Beweise für die erfolgreichen Expeditionen und als Geschenke werden unbekannte Tier- und Pflanzenarten aus den fremden Ländern nach Europa gebracht[5]. Maßgeblich im 16. Jhd. erreicht der Geist der Renaissance seinen Zenit, die Menschen sind, angeregt durch die Forschungsreisen, begeistert von den Wundern der Natur. Es beginnt der Exotismus, ein in Adelskreisen herrschendes, starkes Interesse an diesen Kuriositäten. Die Sehnsucht nach exotischen Tieren und Pflanzen wird zusätzlich durch antike Werke wie Ovids „Metamorphosen“ oder die „Naturgeschichte“ von Plinius gesteigert, denn der Buchdruck beschleunigt deren Verbreitung[6]. Aber nicht nur die effizientere Verbreitung dieser Werke, auch der Zeitgeist lässt sie wieder in Mode kommen.

Im Bezug auf die Haltung lebender Tiere gibt es wenige Veränderungen, die großen Säugetiere rücken in den Hintergrund, während vermehrt Vögel gehalten werden. Es handelt sich hier meistens um Papageien, Aras, Paradies- und Kanarienvögel, welche von portugiesischen Händlern aus Südamerika nach Europa gebracht werden. Die Vögel werden in Volieren gehalten, wie zum Beispiel die des Kaisers Maximilian II in Ebersdorf (1552) oder die Voliere in Versailles. Letztere glänzt 1665 mit über 40 Arten[7]. Zu nennen ist außerdem die Fortführung eines antiken Phänomens. Als Zeichen der Unterwerfung der Natur und zu repräsentativen Zwecken im Rahmen von festlichen Umzügen, lässt der Gesandte Manuel I. von Portugal den Elefanten „Hanno“ vorführen. Zu diesem Zweck wird der Elefant mehrmals mit Gold überzogen, bis er nach zwei Jahren (1516) daran erstickt[8].

Ebenso aus der Antike stammt das Verhalten der Aristokratie sich vom einfachen Volk abzugrenzen. Die exotischen Objekte werden eifrig gesammelt, da sie die Unterwerfung der Natur, die Kolonialisierung fremder Länder sowie den Reichtum des Besitzers bezeugen. Der Wert der Objekte ist mit seltenen Gewürzen, Zucker, Edelsteinen und Pelzen gleich zu setzen[9]. Gesammelt werden keine lebenden Tiere, sondern ausgestopfte, Skelette, einzelne Knochen, Zähne und Krallen, Felle und Häute, Pflanzen (getrocknet oder frisch), Edelsteine und vieles mehr. Die Objekte werden nicht willkürlich in den Räumlichkeiten verteilt, es werden eigens so genannte „Kunst- und Wunderkammern“ und „Kuriositätenkabinette“ angelegt[10]. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jhd. zählt es zum guten Ton in höfischen Kreisen, eine solche Wunderkammer zu besitzen. Aus Kostengründen und wegen des aufwendigen Transports, handelt es sich meist um kleinere Gegenstände. Zu den klassischen Kuriositäten zählen die als „Meernuss“ bezeichnete Kokosnuss, Schildkrötenpanzer, ausgestopfte Krokodile, Strausseneier, Korallenzweige, Elfenbein und das Horn des Narwals, welches man für das Horn des Einhorns hält. So entsteht auch eine Konkurrenz unter den Sammlern um die skurrilsten Stücke. Berühmte Sammler und Kuriositätenkabinette des deutschen Raumes sind Herzog Albrecht V von Bayern (München), Herzog Friedrich I von Württemberg (Stuttgart), August der I von Sachsen (Dresden) und Wilhelm der IV von Hessen-Kassel (Kassel). Außerdem im europäischen Raum, Katharina von Medici und andere Mitglieder des Medici-Geschlechts (Italien), der Erzbischof von Salzburg, Johann Jakob Khun von Belasy und weitere Fürsten, Monarchen und hohe Geistliche[11]. Vom Ende des 16. Jhd. bis in das 18. Jhd. verbreitet sich die Sammlertätigkeit auch in bürgerlichen Kreisen. Im Gegensatz zu den der Öffentlichkeit unzugänglichen Kunst- und Wunderkammern der Aristokratie, ist der Besuch der bürgerlichen Sammlungen erwünscht. Wie in Adelskreisen die Sammlung den eigenen Status repräsentiert, so hat auch ein Bürger die Möglichkeit durch die Präsentation seiner Kuriositäten an sozialem Prestige zu gewinnen und macht diese der Öffentlichkeit zugänglich[12].

[...]


[1] Beispiele aus: Baratay, Eric; Hardouin-Fugier, Elisabeth: Zoo. Von der Menagérie zum Tierpark. Berlin 2000. S. 12-13; Neugebauer, Wilbert: Die Wilhelma. Ein Paradies in der Stadt. Stuttgart 1993. S. 7.

[2] Baratay (wie Anm. 1), S. 12-14.

[3] Erstausgabe 1959; Geschrieben von R. Goscinny (1926-1977), gezeichnet von A. Uderzo (geb. 1927).

[4] Neugebauer (wie Anm. 1).

[5] Richter, Thomas: Wunderkammer. Kunst, Natur und Wissenschaft in Renaissance und Barock. Bern 2005. S. 5-7; Rieke-Müller, Annelore; Dittrich, Lothar: Unterwegs mit wilden Tieren. Wandermenagerien zwischen Belehrung und Kommerz 1750-1850. Marburg 1999. S. 114-131; Baratay (wie Anm. 1), S. 27.

[6] Baratay (wie Anm. 5).

[7] Ebd., S. 33-34.

[8] Ebd., S. 21.

[9] Ebd., S. 31.

[10] Baratay (wie Anm. 1), S. 28-34; Richter (wie Anm. 5), S. 5-14.

[11] Richter (wie Anm. 5), S. 9; Baratay (wie Anm. 1), S. 29-31.

[12] Richter (wie Anm. 5), S. 12.

Details

Seiten
27
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640354009
ISBN (Buch)
9783640353637
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129047
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde
Note
1
Schlagworte
Kulturgeschichte Gärten Menagerie Event-Raum

Autor

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