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Adorno´s ästhetische Theorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 30 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Affirmation

Das Nichtidentische

Kunst und Autonomie

Autonomes Wesen und sozialer Akt

instrumentelle Rationalität

Identität

Angst

Aufklärung

Kritische Ästhetik

Leiden

Ästhetische Identifikation und Genuß

Wahrhaftigkeit in Kunst und Sprache

Mimesis

Das Schöne, Rückblick

Kunstbegriff im Wandel der Zeit

Adorno und der Ozean

Literaturliste

Adorno und der Ozean

Oder: Die Notwendigkeit von Ästhetik

„Jenes nicht der Fall Seiende an der Kunst zu denken, ist die Nötigung zur Ästhetik“[1]

Jetzt, wo ich dabei bin diese Hausarbeit bin abzuschließen, das Licht ausmache, die Fenster schließe, stelle ich fest, wie viel Einblick mir Adorno gebracht hat.

Ausgerechnet Adorno, dessen kryptische Wahrheiten oft so sehr diffundieren, dass man beim Versuch eines strukturierenden Nachvollziehens schnell zum Sisyphos geriert. Wie oft ist mir der Sinn nach drei Seiten wieder runtergrollt?

So ist es weniger Adornos Argumentationskette, die fragmentarisch und aphoristisch bisweilen regelrecht in Wortartistik ausartet, als vielmehr sein Endziel, worauf Kunst zu zielen vermag, was mich begeistert. Das Wesen seiner Teleologie hat mich jedoch am meisten angeregt. Vielleicht sah Adorno sich ein klein wenig selbst als Künstler. Die Wahl seiner sprachlichen Mittel ließen diesen Deutungsversuch durchaus zu, was mich jedoch überzeugt, ist das Ergebnis meiner Lektüre, so wie sie auch nach Kunstkontakt stehen könnte, als Ahnung eines neuen Deutungshorizont.

Gerade in heutigen Zeiten fehlender Visionen, völliger Abgeklärtheit und zynischer Gestaltung des „globalen Dorfes“ tut es gut, sich eines kritischen Rüstzeugs zu versichern, aber auch den Fatalismus gegen eine positivere Weitsicht zu tauschen.

Ich werde Adornos „Ästhetische Theorie“ im folgenden skizzieren und Parallelen zu anderen transzendental orientierten ästhetischen Theorien[2] nachweisen und damit auf die außergewöhnliche Kraft von Kunst und von Schönheit hinweisen, weil ich es für eine wichtige Komponente des eigenen Erfahrungs- und Deutungshorizontes halte und dessen Wirkungsmacht viel größere Beachtung, z.B. in der heutigen Pädagogik, erfahren sollte. Trotz der totalen Bilderoffensive der marktwirtschaftstreibenden Marketingsysteme empfinde ich das Schöne und Kunst immer noch als Anderes[3]. Sich dieser Tatsache bewusst zu werden, bedeutet auch, den abgestumpften Panzer der Wahrnehmung um sich selbst lüften zu können und den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern.

Affirmation

„Ungewiß, ob Kunst überhaupt noch möglich sei [..].“[4]

Die Barbarei, welche der Aufklärung folgte und im kalten Krieg, selbst im geschichtlichen Bewußtsein um die beiden großen Kriege dieser Welt, auch nicht wirklich überwunden wurde, ist sicherlich mitbestimmend für Adornos und auch Horkheimers kritischer Einstellung zu dem, was Vernunft wurde und werden sollte.

Es lastet nun nicht mehr nur die Enttäuschung jener uneingelösten Ziele der humanistischen Idee, sondern auch ihre „Unnaivität“[5] und eine „ästhetische Ungewissheit“ existenzialistischer Natur auf ihr.

Besonders die Unmöglichkeit eines adäquaten (zwangsläufig ästhetischen) Ausdrucks für das erlittene Leid durch die Nazis im Angesicht der Notwendigkeit von Expression, ist unauflösbares Dilemma für Adorno.

Diese Unnaivität[6], und da ist Hegel beizupflichten, hat über all die Dekaden[7] Kunst auch mitbestimmt: „Was [...] die Würdigkeit der Kunst betrifft [...], so ist es allerdings der Fall, dass die Kunst als ein flüchtiges Spiel gebraucht werden kann, dem Vergnügen und der Unterhaltung zu dienen, unsere Umgebung zu verzieren, dem Äußeren der Lebensverhältnisse Gefälligkeit zu geben und durch Schmuck andere Gegenstände herauszuheben.“[8]

Adorno legt einen Wesenszug frei, auf dem Kunst fußt, die Affirmation[9]. Eine Affirmation die nicht mehr sein darf, nachdem was sich abspielte, auch im Beisein der Kunst. Zuspruch und Bejahung, und damit eigentlich wieder jene konservierende Achse, um die Adornos Thesen sich in vielem drehen und auszumachen sind, keine Weltformel, sondern ein Faktor.

Kunst ist stets auch Gedächtnis der Kultur gewesen, Logbuch, oftmals sogar wahrhaftiger als jede Geschichtschronik, Richter und Gewissen (gewesen), freilich erst im Zuge der Aufklärung dessen bewusst geworden, doch immer schon Einstellungen festhielt.

Ihre „ästhetische Distanz zur Wirklichkeit“[10] lässt Adorno sozusagen die Vertrauensfrage stellen und analysieren, wann Kunst noch ist und was sie noch auszurichten vermag.

Der Zwangscharakter der Aufklärung selbst bestätigt Adorno in seinem Willen zur Dialektik: „Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie. Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann.“[11] Dieser vortreffliche Satz sieht sich z.B. im politischen Tagesgeschehen immer wieder aufs Neue bestätigt.

Das Nichtidentische

Für Adorno exponiert Kunst im Grunde das „Nichtidentische“. Denken gründet auf Identifizieren, das Nichtbegriffliche wird begreifbar gemacht, vermittelt. Identität ist für Adorno die „Urform der Ideologie“[12], ist Systemzwang. Dialektik ist das Bewusstmachen des Nichtidentischen und damit „Entlarvung der Scheinhaftigkeit und Unwahrheit“[13] der systemischen Identität.

In diesem Nichtidentischen liegt die Absage an Adornos konstatierter Kulturindustrie und dessen gesellschaftlicher Totalität. Widerstand gegen die vereinheitlichende Tendenz der Kulturindustrie durch eine Mechanik des Infragestellens.

Dialektik soll dabei die Versteinerung der Begriffe in denen wir unsere Wirklichkeit leben immer wieder von neuem aufbrechen, als Korrektiv. Dabei eignet sich das Wesen der Kunst hervorragend dazu, Bewußtsein auf eine progressive Wahrnehmung der Welt zu trainieren. Da Kunst nicht zuletzt sich selbst dialektisch hinterfragen muß, ist sie doch Teil der Welt und auch ihren Gesetzen in bestimmtem Maße unterlegen.

Für Adorno zeigt Kunst was sie nicht ist und nicht mehr ist: „Sie bestimmt sich im Verhältnis zu dem, was sie nicht ist.“[14]

Kunst ist damit kondensiertes Dispositiv von Progression, denn Progress ist ihr Wesen.

Dieses Nichtseiende, auf das in Kunstwerken verwiesen wird, ist ihr „Scheincharakter“, ist „Widerspruch zwischen dem, was sie sind, und dem, als was sie auftreten.“[15]

Ein spannender Widerspruch, ist doch Kunstwerk Ding („Augenblick“) und ihr „Inneres“, ausblendende Erscheinung („Prozeß“[16] ) dieses. Zugleich opponiert das Kunstwerk aber gegen Verdinglichung und der scheinbaren Wahrhaftigkeit der Begriffe.

Das führt zu Adornos Ansinnen eine „Ästhetische Theorie“ zu verfolgen, um dem Phänomen Kunst nachzuspüren, was sich erwartungsgemäß als schwieriges Unterfangen erweist, sind Kunst und Philosophie doch aufeinander angewiesen: Der Gegenstand der Ästhetik „[...] bestimmt sich als unbestimmbar, negativ. Deshalb bedarf Kunst der Philosophie, die sie interpretiert, um zu sagen, was sie nicht sagen kann, während es doch nur von der Kunst gesagt werden kann, indem sie es nicht sagt.“[17]

Ästhetik kann sich weder Begriffen noch ihrer Erfahrung anvertrauen, sind es diese doch die sie in Kunst nicht zementieren darf. Ästhetik muß dabei als kritische Instanz der Kunst vermittelt werden, das von Adorno eingeforderte Dogma vertreten und nicht in Regression zu verfallen.

Versucht die Kunst dem Singulären ein Podium zu bieten, ohne die im Denken verankerte Gewalt gegenüber den Gegenständen[18], zielt sie auf Versöhnung und besagte Negation zugleich.

Kunst „nimmt in der besonderen Form ästhetischer Autonomie eine Verwandlung und Anverwandlung von Wirklichkeit vor, indem sie die Elemente des Wirklichen ihren eigenen Formgesetzen gemäß zu neuen Gestaltungen vereinigt.“[19]

Ästhetik ist in Adornos Augen die Philosophie der Kunst, weniger des Schönen oder des Naturschönen[20]. Sondern eine Philosophie die notwendig ist, genauso wie Kunst immer notwendig ist. Beide sollten Flügel der humanistischen Idee in Richtung Erkenntnis sein. Solange Kunst, wie auch Philosophie, so weit ich das überschauen kann, nicht antihumanistisch sein kann. „Die ideale Wahrnehmung von Kunstwerken wäre die, in welcher das dergestalt Vermittelte unmittelbar wird; Naivetät ist Ziel, nicht Ursprung.“[21]

Kunst und Autonomie

„Kunst geht auf Wahrheit, ist sie nicht unmittelbar; insofern ist Wahrheit ihr Gehalt. Erkenntnis ist sie durch ihr Verhältnis zur Wahrheit; Kunst selbst erkennt sie, indem sie an ihr hervortritt. Weder jedoch ist sie als Erkenntnis diskursiv noch ihre Wahrheit die Widerspiegelung eines Objekts.“[22]

Kunst, genetisch den Kulthandlungen entsprungen, emanzipierte sich und wurde autonom im Sinne „selbstgesetzlichen Handelns“[23]. Noch heute gründet sich darin ihre Stärke gegenüber der empirischen Wirklichkeit, z.B. in eigenen „Formgesetzen“[24]. Sie entzieht sich für Adorno jeder Verfügbarkeit. Wird dadurch human, sperrt sich „jeglicher Ideologie des Dienstes am Menschen“[25] und zeigt in ihrer „Inhumanität“ fehlende Humanität auf, setzt sich ab, ohne sklavisch zu dienen, ohne Nutzen und beweist damit Freiheit. Kunst als solche kritisiert Gesellschaft durch ihre „Gegenposition“, dem „bloßen Dasein“.[26] In diesen Worten kommt das dialektische Moment der Kunst zum Tragen als ein konstituierendes.

Durch ihr Außenstehen kann sie aber nicht ohne Affinität sein, ein abgekoppeltes Hinaustreiben ins Arbiträre würde ihr zum Schicksal. In dem Augenblick, indem sie Autonomie schafft, „verdammt sie sich dazu, dem Seienden und Bestehenden einen Zuspruch zu spenden [..]“[27] und fällt damit wieder zurück, in ihr präsäkulares Rollenverständnis. Jenen (Adornoschen) „Verblendungszusammenhang“ der Gesellschaft stützend und damit die „Unwahrheit“[28], solange sie nicht auch gegen sich selbst opponiert (also reflektiert und zum Reflektieren führt), sich negiert.

Im Klassizismus verdeutlicht sich für Adorno dieser Zusammenhang. Klassizistische Kunst kippte vorne über in Identität und begrub sozusagen das Nichtidentische unter sich und schuf ein ausgrenzendes Paradigma[29], eine „Hohlform“[30].

Somit muß Kunst dialektisch, reflexiv arbeiten: „Wahrheitsfähig kann die Kunst nur durch eine dialektische Brechung ihrer Autonomie sein, wenn sie nämlich, obgleich autonom und von der empirischen Realität unterschieden, doch intern auf sie Bezug nimmt, ohne sie lediglich zu reproduzieren, zu spiegeln oder nachzuahmen“[31] und autonom dem aus der Wirklichkeit entnommenen Verwandelten eine eigene Form stellt, der „Unwirklichkeit“ unterordnet, indem sie bspw. Funktionen neu besetzt.

Das diese Bedingungen Adornos problematisch für mehrere Kunstgattungen sind, ist offenbar (Konkretismus, Formalismus).

Wahrheit muß sich selbst verwirklichen, um wahr zu sein, ist sie doch „Gewordenes“, weil gebunden an Zeit und Ort, so Adorno. Philosophie und Kunst entnehmen ihren „Erfahrungsgehalt“ dem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang und sind eng mit ihm und dem „Zeitkern der Wahrheit“[32] verbunden. Somit ist Kunst sozialer Akt, aber auch autonom (u.a.) im bereits skizzierten Interesse an der Wahrheit bzw. dem Aufzeigen des Mangels an Wahrhaftigkeit.

Autonomes Wesen und sozialer Akt

Kunst bezieht sich demnach immer auf die empirische Wirklichkeit, zwar als Gegenthese zu ihr, wie Adorno meint, aber immer an ihr haftend, der Thema - Rhema Beziehung eines Satzes ähnlich. Und damit kann sie einer „Verabsolutierung der Autonomie“[33] widerstehen, das zwangsläufig im L´art pour L´art münden würde und wie schon erwähnt, ins Arbiträre abdriften müsste. Ebenso eine bloße Negation der Gesellschaft (z.B. Punk) in Ideologie aufgehen muß, oder eine bloße Darstellung der Wirklichkeit wieder in Affirmation führt und das entfremdende und verdinglichende System bejaht.

[...]


[1] T.W. Adorno Ästhetische Theorie, Bd.7, Ges. Schriften, Suhrkamp Ff/M. 1970, S.499 [im folgenden mit ÄT bez.]

[2] ohne in Esoterik abzugleiten

[3] leider habe ich keine Erfahrung mit Autoerotik und frage mich wie schöne Frauen das aushalten [Bitte um Verzeihung für diesen Exkurs, ist aber ehrlich gemeint]

[4] Hrg. L.Wiesing In: philosophische Ästhetik: T.W.Adorno Kunst als Ideologiekritik,, Druckhaus Aschendorff, Münster 1992, S. 234

[5] ebd.

[6] was ist wirklich das Gegenteil von Naivität? Berechnung?

[7] Von einer Vergeistigung der Kunst kann man ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. sprechen

[8] Hrg. L.Wiesing philosophische Ästhetik: G.W.F.Hegel Ästhetik als Philosophie der Kunst, Druckhaus Aschendorff, Münster 1992, S. 154

[9] nicht zuletzt ist Design eine hybride Form, hoch affirmativ aber bisweilen auch dissonant

[10] B. Scheer, Einführung in die ästhetische Philosophie, Primus Verlag Darmstadt 1997, S.170 [im folgenden mit EäP bezeichnet]

[11] T.W.Adorno Negative Dialektik, Suhrkamp, Ff/M. 1966 S.28

[12] ebd. S.151

[13] Taheo Kang, Kunst als Dialektik, http:www.geocities.com/mongunda/adorno.html S.3

[14] ÄT S. 12

[15] Taheo Kang, Dialektik der Kunst, http://www.geocities.com/mongunda/adorno.html S.5

[16] ÄT S.154

[17] ÄT S. 113

[18] des Zurechtstutzens dieser zu Begriffen

[19] EäP S.173

[20] Adorno kritisiert zwar das Ausblenden des Naturschönen im Zuge der Aufklärung, dem Feiern des „autonomen Subjekts“ und seiner Freiheit im künstlerischen Artefakt: „Machte man einen Revisionsprozeß ums Naturschöne anhängig, er träfe Würde als die Selbsterhöhung des Tiers Mensch über die Tierheit.“ [ÄT S.98], aber er fokussiert nicht auf eine Hoheit des Schönen. Naturschönheit ist eher Paradigma, Vorbild einer „Sprache der Schöpfung, [...] ist die Sprache der Natur stumm, so trachtet Kunst, das Stumme zum Sprechen zu bringen.“ [ÄT S.121]

[21] ÄT S. 502

[22] ÄT S. 419

[23] EäP S.171

[24] EäP S.171

[25] ÄT S.293

[26] ÄT S.335

[27] ÄT S. 293

[28] EäP S.172

[29] „Das Formideal [...] die Reinheit der Form ist der des sich bildenden, seiner Identität bewusst werdenden und des Nichtidentischen entäußerten Subjekts nachgebildet.“ [ÄT S.243]

[30] ÄT S.244

[31] EäP S.173

[32] ÄT S. 12

[33] EäP S.175

Details

Seiten
30
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638187053
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12924
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Ästhetik Adorno das Nichtidentische

Autor

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