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Protestbewegung in der Systemtheorie von Niklas Luhmann

Welcher Stellenwert kann der Neuen Frauenbewegung zugesprochen werden?

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Zur Fragestellung

2. Systemtheorie und Protestbewegung
2.1. Funktionen sozialer Bewegungen
2.2. Arbeitsweise sozialer Bewegungen
2.3. Motivation der sozialen Bewegungen
2.4. Protest und strukturelle Kopplung

3. Frauenbewegung
3.1. Ziele und Forderungen
3.2. Theoretischer Ansatz von Sabine Wesely
3.3. Frauenbewegung und Gender Studies

4. Luhmann, die Frauen und George Spencer Brown
4.1. Unterscheidung und Asymmetrie
4.2. Die Logik der Unterscheidung in Systemen mit funktionaler Differenzierung
4.3. Die Problematik des ausgeschlossenen Dritten
4.4. Der kritische Betrachtung zum Code der Frauenbewegung

5. Schlussfolgerung

6. Literaturangaben

7. Zusammenfassung/ Abstract

1. Zur Fragestellung

Die Systemtheorie von Niklas Luhmann versucht die Ordnung und Organisation der Gesellschaft als ein System von Segmenten zu erfassen. Dabei geht es ihm weniger darum die Gesellschaft normativ zu beurteilen oder vorzuschreiben wie sie sein sollte, sondern darum, diese in ihrer Funktionsweise zu verstehen, indem er eine beobachtende Position einnimmt. Luhmann begreift die moderne Gesellschaft als Ausdifferenzierung von Teilsystemen, die sich über ihre Funktionen definieren. Diese funktionale Differenzierung kennt im Gegensatz zur segmentären und stratifikatorischen Differenzierung vergangener Gesellschaften, keine Abtrennung der Mitglieder einzelner Segmente nach gesellschaftlichen Schichten, hier wird jedes Mitglied über eine Rolle einer Funktion und damit einem gesellschaftlichen System zugeteilt. Dabei kann jeder prinzipiell an jedem System teilnehmen und eine spezifische Rolle, beispielsweise die Rolle des Wählers im System „Politik“ oder die Rolle des Konsumenten im System „Wirtschaft“, einnehmen. An diesem Punkt der funktionalen Differenzierung setzt der Protest der neuen sozialen Bewegungen an, weil in diesem System Entscheidungen getroffen werden, über die der Einzelne keinen Einfluss mehr hat und die eine verheerende Wirkungen mit sich bringen können (Hellmann 1995: S. 62). Besonders der Drang nach Individualität ist es, was die neuen sozialen Bewegungen vorantreibt. In diesen Tenor stimmt auch die Frauenbewegung ein. In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern sie als Vertreterin der neuen sozialen Bewegungen in Luhmanns Konzept passt, vor allem vor dem Hintergrund des oft genannten Vorwurfs gegen Luhmann, seine Theorie würde sich mit bestimmten Ereignissen gar nicht auseinandersetzen. Der Universalitätsanspruch seiner Theorie wird beispielsweise durch die Kritik der modernen Gesellschaft in Frage gestellt (Hellmann 1996: 39).

Als theoretische Grundlage zur Bearbeitung dieses Themas dienen Luhmanns Aufsätze „Alternative ohne Alternativen. Die Paradoxie der ‚neuen sozialen Bewegungen’“ von 1986, „Protestbewegungen“ aus dem Jahr 1995 und zum Thema Frauenbewegung „Frauen, Männer und Georg Spencer Brown“ von 1988.

Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich so, dass zunächst erläutert wird, wodurch sich neue soziale Bewegungen definieren. Darauf aufbauend soll ihre besondere Stellung in der Systemtheorie dargestellt und speziell auf die Frauenbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angewendet werden. Am Ende der Arbeit soll die besondere Funktion von Protestbewegungen allgemein bestätigt werden, dass die Protestbewegungen im Sinne von Niklas Luhmann ein mehr oder weniger notwendiges Übel sind, und die Frauenbewegung, will sie sich tatsächlich als solche bezeichnen, laut Luhmann noch etwas an ihrer Vorgehensweise arbeiten muss.

2. Systemtheorie und Protestbewegung

Der Ausgangspunkt der modernen Gesellschaft in der Systemtheorie Niklas Luhmanns ist die funktionale Differenzierung. Daraus resultiert die Entstehung von Protestbewe-gungen und ihre Funktion.

Die Ursache für die Entstehung der neuen sozialen Bewegungen und damit auch die Abgrenzung zu alten Protestbewegungen, sind in dem Aufkommen einer breiten Strömung von Gegenmeinungen (Luhmann 1996: 75) zu sehen. Damit ist die Annahme der Gesellschaftsmitglieder verbunden, dass es eine Alternative gäbe, die auf jeden Fall besser als der bestehende Zustand wäre. Unter einer wahren Alternative versteht Luhmann ausschließlich die Veränderung der Systemstruktur, dass heißt eine Aufhebung der funktionalen Differenzierung. Alles andere wird eher als Alternative im Sinne eines Vorschlags, der zur Wahl gestellt wird verortet, wobei dieser genauso gut auch von einem funktionalen Teilsystem gemacht werden kann (Luhmann1996: 76)[1].

2.1. Funktionen sozialer Bewegungen

Die Funktion der sozialen Bewegungen lässt sich besser aus der Sicht der Folge-probleme schließen, die sich aus der sozialen Differenzierung ergeben. Da die Funktionssysteme autonom sind, können sie die Gesellschaft nur unter dem einen, ihnen zugerechneten Gesichtspunkt betrachten. Es gibt kein Zentrum, welches das richtige Funktionieren des Systems steuert oder kontrolliert, sodass Probleme, die sich aus der Arbeitsweise der Funktionssysteme ergeben, aber nicht mehr in ihren Tätigkeitsbereich fallen, nicht wahrgenommen werden können (vgl. Hellmann 1996: 23). An dieser Schwachstelle setzen die neuen sozialen Bewegungen an. Sie beobachten und beschreiben die neue soziale Ordnung und machen dabei auf Themen aufmerksam „die innerhalb des politischen Systems keine Aufmerksamkeit finden bzw. nicht entscheidungsfähig gemacht werden können, weil die Problemlage als solche noch gar nicht erkannt ist und überhaupt erst in Widerspruchs- und Konfliktform gebracht werden muss.“ (Froschauer/ Lueger 1993: 387)[2]. Damit kommt den Protestbewegungen eine Funktion zu, die sonst keines der Funktionssysteme erfüllt (Luhmann 1991: 153).

2.2. Arbeitsweise sozialer Bewegungen

Voraussetzung für das Funktionieren der sozialen Bewegungen ist die Differenzierung zwischen Zentrum und Peripherie (Luhmann 1996: 205). Auf dieser Basis ist vor allem das politische System Anlaufpunkt für Protestbewegungen[3]. Hier wird die soziale Grenze zwischen Adressat, an den die Wunschvorstellung gerichtet wird und Empfänger, dem die Erfüllung des Wunsches zukommt, gewährleistet. Der Adressat ist das Zentrum, die Protestbewegung befindet sich demzufolge in der Peripherie. Auch wenn bei dieser Aufteilung zwischen Desiderat (Zentrum) und Erfüllung (Peripherie) unterschieden wird, bedeutet das nicht, dass die Erfüllung den Erfolg der Protestbewegung ausmacht. Beim Protest geht es viel mehr darum, einen Platz in der öffentlichen Meinung zu bekommen und Anhänger zu haben, welche die Durchsetzung des Ziels nicht allzu ernst nehmen. Denn sobald eine Forderung erreicht ist, bedeutet das genau, wie in dem Fall, dass die Forderung an Interesse verliert, dass der Protest eingestellt wird und sich die Protestbewegung auflöst (vgl. Luhmann 2003: 316). „Alles kommt darauf an sichtbar zu werden und sichtbar zu bleiben - und sei es durch Demonstration oder spektakuläre Aktionen des zivilen Ungehorsams.“ (Luhmann 2003: 316). Darauf aufbauend ist es für die Protestbewegung von untergeordneter Relevanz, ob die Konsequenzen der Forderungen vom System umgesetzt werden können oder nicht.

2.3. Motivation der sozialen Bewegungen

Die Motivation eines Einzelnen sich einer Protestbewegung anzuschließen, ist auf der sozialen Ebene zu suchen. Ein zentrales Motiv ist die Selbstverwirklichung (Luhmann 1995: 2002), die mit dem Anspruch der Autonomie und der Individualität in Verbindung steht. Darin äußert sich auch das Bedürfnis nach individueller Abgrenzung von der breiten Masse, die mit der funktionalen Differenzierung, in der jeder Mensch nur eine Funktion aber scheinbar keine Individualität inne hat[4], verloren geht. Aus diesem „Individualisierungsschub“ (Hellmann 2006: 11) ergibt sich die Gefahr vor der Exklusion, das heißt das Risiko vor dem Ausschluss aus dem System. Ursprünglich übernimmt die Familie die Funktion der gesellschaftlichen Inklusion des Individuums. Wenn diese aber versagt, was der Trend der modernen Gesellschaft ist, braucht es eine andere Anlaufstelle, welche die Mitglieder der Gesellschaft vor der Exklusion schützt. Diese Anlaufstelle wäre dann ein neues soziales Milieu, das sich in den neuen sozialen Bewegungen widerspiegelt. An dieser Stelle soll auf das Phänomen der sozialen Milieus nicht weiter eingegangen werden. Es soll nur sie von ihnen möglicherweise ausgehende Gefahr erwähnt werden. Luhmann spricht von „Effektakkumulationen“ als beunruhigende Erscheinungen der modernen Gesellschaft, weil sie nur schwer zu fassen und zuzuordnen sind (vgl. Hellmann 1996: 10). „Der Sinn des Zusammenseins liegt [...] außerhalb des Zusammenseins. Er setzt sich für die Teilnehmer aus ]höchst individuellen Problemen der ‚Sinnsuche’ und der ‚Selbstverwirklichung’ zusammen, die sich durch soziale Focussierung nur auf stets prekäre Weise bündeln und ausbeuten lassen.“ (Luhmann 1995: 203).

2.4. Protest und strukturelle Kopplung

Auch wenn es in Protestbewegungen um Interaktion geht und diese in gewisser Hinsicht organisiert sind, handelt es sich hier weder um Organisations- noch um Interaktionssysteme. Um Organisationssysteme handelt es sich deshalb nicht, weil hier keine Entscheidungen sondern Motive, commitments und Bindungen organisiert werden (vgl. Luhmann 1995: 202), um handelt es sich nicht Interaktionssysteme, weil der Sinn des Zusammenseins weniger in der Organisation der Interaktion, sondern eher in der Selbstverwirklichung der Mitglieder zu finden ist (vgl. Luhmann 1995: 203).

[...]


[1] „Für funktionale Differenzierung gibt es keine Alternative, es sein denn, man wollte auf eine segmentäre Differenzierung (von Wohngemeinschaften?) oder auf eine politbürokratische Hierarchisierung der Gesellschaft zurück.“ (Luhmann 1996: 76).

[2] vgl. auch Hellmann 1995: 72

[3] „Die Zentrum/Peripherie-Differenzierung des politischen Systems passt sich dem postliberalen Universalitätsanspruch des politischen Systems an, und das schafft die Möglichkeit auch Themenausschüsse noch zu thematisieren.“ (Luhmann 2003: 315).

[4] „Individualisierungsprozesse sind vorrangig als Prozesse gedeutet worden, in denen sich Individualität gegen den Imperativ der Gesellschaft entwickeln und bewähren muss, das Individualität also wesentlich gegen die Zumutung der funktionalen Differenzierung entsteht“ (Pasero 2003: 117)

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640392070
ISBN (Buch)
9783640391936
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129367
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Protestbewegung Systemtheorie Niklas Luhmann Welcher Stellenwert Neuen Frauenbewegung

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Titel: Protestbewegung in der Systemtheorie von Niklas Luhmann