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Eine Analyse von Robert Walser: "Jakob von Gunten. EinTagebuch"

Essay 2008 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Robert Walser: Jakob von Gunten - Eine Analyse

Der Erziehungsroman Jakob von Gunten, geschrieben von Robert Walser, schildert aus der Ich-Perspektive in tagebuchartiger Form die Erfahrungen und Erlebnisse eines Heranwachsenden, der als Zögling in eine Knabenschule, das Institut Benjamenta, eintritt. Der nicht kohärente Plot setzt ohne Einleitung an einem nicht näher auszumachenden Zeitpunkt ein und endet damit, dass der Protagonist Jakob mit dem Institutsvorsteher die Schule verlässt.

Jakob von Gunten ist wie der Literaturkritiker Martin Walser eins sagte „ein Entwicklungsroman[1] ”, in dem die Hoffnungslosigkeit und Unangepasstheit des Ichs an die moderne bürgerliche Lebenswelt und ihre Ideale im Vordergrund steht. Denn hinter der oftmals ironisch-heiteren Schreibweise und Einfachheit des Autors verbirgt sich ein düsterer Inhalt, der von existentiellen Ängsten unterlegt ist.

Der Protagonist - aus “einem sehr guten Hause[2] ” stammend - verlässt das Elternhaus aus Angst, von der Vortrefflichkeit des eigenen Vaters erstickt zu werden, um im Institut Benjamenta zum Diener bzw. zur „kugelrunden Null”, wie Jakob leitmotivisch wiederholt, erzogen zu werden. In der Unterwerfung und der damit verbundenen Selbstverleugnung, sieht er ein Mittel, Enttäuschungen vermeiden zu können. Jakob scheint sozusagen den Prozess den Theodor Adorno später in seinem autoritären Syndrom beschreibt zu verkörpern. Demnach ist er sich bewusst, dass die „Internalisierung“ des gesellschaftlichen Zwanges und die soziale Anpassung des Individuums an die Gesellschaft nur dann vollbracht werden kann, wenn das Ich an Gehorsam und Unterordnung Gefallen findet. Das Institut Benjamenta bietet ihm dazu die ideale Grundlage. In eben jener Schule gibt es nur eine „einzige [Unterrichts]stunde und die wiederholt sich immer[3] ”. Diese Stunde besteht hauptsächlich darin, den Eleven Geduld und Gehorsam einzuprägen. Die Erziehung gleicht einer Dressur, in der selbst die Stellung der Nase, der Ohren, die des Körpers und vor allem die des Mundes immer gehorsam erscheinen muss, was nur dem Eleven Kraus einwandfrei zu gelingen scheint. Er (Kraus) ist die Personifikation des Institutsideals, dem es gelungen ist, sich bis zur Selbstverleugnung zu bescheiden. Folglich hat er „nichts anderes im Sinn […] als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen[4].” Er hat sich sozusagen auf ein instinkthaftes, wunschloses Dasein reduziert, dessen „Ich” komplett annuliert wurde.

Die Auslöschung des „Ichs” spielt im Roman ohnehin eine zentrale Rolle, da es sich hierbei indirekt um Walsers primäre Kritik an der modernen Kultur und Gesellschaft handelt. Der Einzelne ist nämlich, so scheint es, nur noch als einer von vielen denkbar, weil die Individualität des Einzelnen, in der Masse untertaucht. Deshalb sagt auch Jakobs Bruder Johann im Laufe des Romans zu ihm, dass „der Einzelne [...] der Sklave des grossartigen Massengedankens[5] ” ist. Das moderne Ich, was vor allem an Kraus’ Beispiel deutlich wird, muss, wie auch Sigmund Freud in seinem Werk Die „kulturelle" Sexualmoral und die moderne Nervosität andeutet, einen Grossteil seiner Persönlichkeit und die dazu gehörenden Wünsche und Triebe abtreten, um sich in der modernen Lebenswelt zurechtzufinden und sich in ihr als „kugelrunde Null” zu etablieren. Andernfalls wird es von ihr abgestossen oder steht ihr als Verbrecher gegenüber.

Symbolisiert wird die Assimilation Jakobs und die Auslöschung seines Subjekts, durch das im Institut obligatorische Tragen der Uniform. Dadurch wird Jakob auf dieselbe Stufe der anderen Eleven gesetzt. Einen ähnlichen Prozess wird, so scheint uns Walser mitteilen zu wollen, vom modernen Menschen durchlebt, da dieser, wie bereits bemerkt, seine persönlichen Merkmale abtreten muss, um schliesslich in der bürgerlichen Lebenswelt als „Mann ohne [individuelle] Eigenschaften” (cf. Musil) nahezu verloren zu gehen. Jakob ist sich aber dieses Prozesses mehr als bewusst. Er ist ja freiwillig ins Institut gegangen, und scheint sich sogar froh zu unterwerfen, denn er ist wie er selbst anerkennt „gern unterdrückt[6] ”, da er nur in den „untern Regionen atmen[7] ” kann. Somit freut er sich auch, eine Uniform aufgezwungen zu bekommen, weil er sonst nicht recht wüsste, was er anziehen sollte. Das liegt scheinbar daran, dass ihm seine eigene Identität diffus erscheint. Zudem erkennt er die im Institut herrschende Atmosphäre der Stagnation, was aus seinen Beschreibungen hervorgeht. Die Eleven und Vorsteher leben träge und geistesabwesend vor sich hin, weswegen Jakob resümierend feststellt: „Ich entwickle mich nicht[8] ”. Dass Jakob diesen Punkt der Entwicklungslosigkeit erreicht hat, setzt voraus, dass er sich zuvor untergeordnet und klein gemacht hat.

[...]


[1] Martin Walser, Selbstbewußtsein und Ironie. Frankfurter Vorlesungen, Suhrkamp Verlag. Frankfurt/Main 1981

[2] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985, S. 12

[3] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985, S 8-9

[4] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985, S.22

[5] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985, S. 67

[6] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985, S. 122

[7] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985 S. 145

[8] Robert Walser, Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1985 S. 144

Details

Seiten
6
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640360475
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129840
Institution / Hochschule
Universidade da Lisboa
Note
1,0
Schlagworte
Eine Analyse Robert Walser Jakob Gunten EinTagebuch

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Titel: Eine Analyse von Robert Walser: "Jakob von Gunten. EinTagebuch"