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Interkulturelle Bildungschancen und -defizite bei den Quechua-Völkern in Peru

Hausarbeit 2008 28 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzer Überblick zur Bildungspolitik in Peru

3. Aktuelle Bildungssituation in Peru

4. Spaltung der Gesellschaft = Spaltung von Wissen?
4.1 Die Identität der Indios und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft
4.2 Endogenes Kulturgut vs. Okzidentalisches Wissen

5. Lösungsstrategien zur Unterstützung der Bildung der Quechua
5.1 Bilinguismus, Zweisprachigkeit
5.2 Bi- bzw. Interkulturalität
5.3 Beispiele für Pilotprojekte

6. Schlussbetrachtung

7. Annex

8. Literaturliste

1. Einleitung

Peru war schon vor der Invasion der Spanier in Lateinamerika durch Christopher Kolumbus ein mehrsprachiges Land[1]. Viele indigeneSprachen und Varianten existierten im alten Inka-Reich[2]. Jedoch wurde demQuechua ein besonderer Status zugemessen. Es galt als universelle Verständigungssprache, als „lengua general“[3] in Verwaltung undRegierung, besonders aber für den wirtschaftlichen Handel innerhalb der verschiedenen Ethnien und mit dem Königreich der Inka[4]. Hier war dieBeherrschung des Quechua unabdinglich. Man vermutet, dass Sie schnell von den eroberten Völkern der Inka aufgenommen und angewendet wurde[5].

Auch wenn das Spanische über viele Jahrhunderte hinweg eine klare Hegemoniestellung besaß und das Quechua verdrängt und unterdrückt wurde, existiert auchheute noch ein beachtlicher Sprecheranteil von eingeborenen Sprachen in Peru[6]. Man zählt heutezwischen 3 und 4 Mill.[7] Sprecherverschiedener Quechua-Varianten in Peru. Zwischen 9 und 14 Mill. sind es insgesamt in den Andenstaaten Lateinamerikas[8].

Vor allem aber durch die starke Isolation der Quechua-Völker gegenüber der spanischen Sprache konnte sich diese mündlich überlieferte Sprache aufrechterhalten.

Jedoch gibt es heutzutage große soziale Ungerechtigkeiten[9] zwischen denIndigenen und dem Rest der peruanischen Bevölkerung. In dieser Arbeit, möchte ich auf den Bereich der Bildung in Peru näher eingehen. Dabei habe ich zurZielstellung, beide Standpunkte in Betracht ziehen, die der autochthonen Völker der Quechua und die okzidentale Sichtweise.

Das peruanische Bildungssystem ist durch eine hohe Wiederholerrate, schlecht ausgebildete Lehrer und unzureichend ausgestattete Schulen gekennzeichnet.Diese Defizite betreffen hauptsächlich die ärmeren ländlichen Regionen und hier ganz besonders die indigene Bevölkerung. Ein Zusammenhang zwischen armerund indigener Bevölkerung ist hier zu erkennen. Indigene leben demnach viel öfter in Armut und besitzen eine weitaus schlechtere Schulbildung alsNicht-indigene[10].

El estudio indica que el 63,8% de los jefes de hogar que en el año 2000 manifestaron tener como lengua materna el quechua, el aymará o una lengua deamazonía, se encontraba en situación de pobreza. En el caso de los jefes de hogares rurales que tienen el castellano como lengua materna la condición depobreza llega sólo al 39.7%[11].

Es soll in dieser Arbeit im Näheren darauf eingegangen werden, welche Bildungsdefizite im Andenstaat existieren und mit welchen Schwierigkeiten sich dieQuechua-Völker im Zusammenhang mit der Bildung konfrontiert sehen. Wie werden die Indianer im Allgemeinen in der Gesellschaft wahrgenommen und welche Rollespielt dabei die westliche Ideologie und das Kulturverständnis der autochthonen Völker? Dabei wird zunächst versucht, den Begriff einer indianischenIdentität zu untersuchen, der stark mit sprachlichen bzw. bildungspolitischen Aspekten in Verbindung steht. Ein kurzer historischer Abriss zurBildungspolitik bildet dabei den Einstieg in die Problematik. Im letzteren soll die Interkulturalität mit ihren Ansätzen kurz dargestellt werden. WelcheMöglichkeiten und Strategien könnten die Situation verbessern? Kann sich eine eigenständige Identität der Indianer durch zweisprachigen, interkulturellenUnterricht herausbilden, erhalten und kann sie gefördert werden? Bei dieser Darstellung konzentriere ich mich auf die größte indigene Bevölkerungsgruppeder Quechua in Peru. Eine wichtige Forscherin auf dem Gebiet der interkulturellen Erziehung in Lateinamerika ist Utta von Gleich, die hier in der Arbeitmehrfach zitiert wird. Ich lasse dabei die verschiedenen Sprachvarietäten des Quechua außer Acht. Zwar beschränke ich mich in dieser Arbeit auf dieQuechua-Völker, sie soll aber auch Aufschluss geben über die Problematik indigener Völker im kulturellen Raum der Anden überhaupt. DerenBildungsproblematik unterscheidet sich nur geringfügig

2. Kurzer Überblick zur Bildungspolitik in Peru

Das erste sprachpolitisch bedeutende Ereignis war das Erscheinen der ersten Quechua-Grammatik im Jahre 1560, erstellt durch den spanischenSprachwissenschaftler und Theologen Santo Tomas. Bis 1691 war keine eindeutige Sprachpolitik erkennbar. Danach war die Kenntnis des Spanischenobligatorisch[12].Jedoch schienen die Indios gegenüber dem Spanisch desinteressiert und waren kulturell zu isoliert. Einige Bemühungen der spanischen Krone zugunstenautochthoner Sprachen gab es sogar[13]. Durch vielerleiAufstände der Indianer, besonders der des Túpac Amaru, wurde das Quechua verboten und dies führte zu einer stärkeren Kastillanisierungspolitik[14]. Nach derUnabhängigkeit Perus waren die Kreolen die aufstrebende Schicht die. Sie profitierten maßgeblich von der Unabhängigkeit, insbesondere im wirtschaftlichenBereich[15]. ImGegensatz zu den Indianern, sie misstrauten den Kreolen und zogen sich aus dem Kampf der Unabhängigkeit weitgehend zurück[16]. Die „Criollos“trieben das Land in einen Neokolonialismus, in dem sie eine kulturelle Rückbesinnung auf die Ureinwohner nicht zulassen wollten[17]. Man hätte nachder Unabhängigkeit auf eine andere Sprachpolitik hoffen können. Da es jedoch keine sichtliche Veränderung der Herrschaftsideologie gab, sondern eher eineformale Unabhängigkeit erfolgte, die Einstellung gegenüber den autochthonen Sprechergruppen blieb unverändert[18], die Situationspitzte sich gar zu[19]. Diezweisprachigen Dorfvorsteher (Gamonales) waren gegen jegliche Bildung der Quechua, sie befehligen lieber Unwissende und hielten an kolonialenStrukturen fest. Die Sprachbarriere bestärkte also die soziale Hierarchie[20].

Auch bis in das 20. Jh. hatte sich daran nicht wahrlich viel verändert[21]. Der Primer Congreso Indigenista Interamericano gab 1940 in Mexiko den ersten Anstoß für ein Umdenken hinsichtlich der Besserung der sozio-politischenSituation der Indigenen Amerikas und entwickelte im Lauf der Jahrzehnte ein gewisses politisches Gewicht gegenüber den nationalen Regierungen inLateinamerika[22].

Das erste zweisprachige Projekt in Peru war das des Instituto Lingüistico de Verano in Yarinacocha[23] und der UNMSM inAyacucho[24]. Daserste universitäre Projekt der bilingualen Grundschule wird 1985 ins Leben gerufen[25]. So beginnt mitden ersten Pilotprojekten Mitte der 50er Jahre ein Richtungswandel hinsichtlich der Anerkennung und Aufwertung von kulturellen Minderheitssprachen[26]. Bis 1968, soGugenberger, wird politisch weitgehend versucht, die Strömungen des ersten Indigenismo[27] zu ignorieren.Erst mit dem Aufstreben der indigenen Bewegungen der siebziger Jahre werden zusammen mit der Regierung Velasco erste Erfolge errungen[28].

Steckbauer ist der Ansicht, dass mit der Agrarreform der Regierung Velasco (1968-1976) im Jahre 1968 eine wichtige Grundlage für die kommendenbildungspolitischen Reformen geschaffen wurde. Demnach verringerte es die Landflucht, es wurden Minifundios[29] geschaffen undein öffentliches Gesundheitssystem in ländlichen Gebieten und ließ erste Landschulen errichtet[30].

Somit wurden 1972 mit dem Ley General de Educación im ersten Schritt weitere Sprachen Perus offiziell als Kommunikationsmittel und Ausdruck vonKultur anerkannt[31].Der Erhalt und die Entwicklung der Sprachen sollte gefördert werden. Dennoch findet der Unterricht in Schulen weiterhin ausschließlich auf Spanisch statt.Drei Jahre später, am 27. Mai 1975, wird das Quechua offiziell zur Amtssprache Perus. Wie Steckbauer anmerkt, trägt es wahrlich nicht zur Integration bei,sondern eher zur Darstellung der Spaltung, auch deshalb, weil gar nicht geklärt ist, welche der 31 Quechua-Varietäten nun als offizielle Sprache genutztwerden soll. Bis heute, so Steckbauer, konnte dieses Gesetz nicht realisiert werden[32]. Der intensiveVersuch der Aufwertung der autochthonen Sprachen und Kulturen scheitert jedoch mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch der Regierung Velasco[33]. So wurde dieses(ineffektive) Gesetz durch den neoliberal-populistischen Fernando Belaúnde Terry im Jahre 1982 mit einem neuen Bildungsgesetz praktisch annulliert[34].

Nach einer Zeit nicht nennenswerter Entwicklung in dieser Frage, außer einem weiteren Versuch der Senatorenkammer, die Offizialisierung derUnterrichtssprache in autochthonen Gebieten 1987 durchzusetzen, wird 1991 ein regionales Gesetz für die Region Inca, rund um Cuzco, erlassen, wonach dasQuechua offizielle Sprache der Region sei. Die interkulturelle, zweisprachige Bildung gewinnt an Wert. Die Wiedereröffnung des Bereichs derGrundschulbildung in Quechua an der Universidad Nacional San Antonio Abad del Cuzco misst dem Gesetz Bedeutung bei.

In der weiteren Amtszeit Fujimoris finden jedoch kaum Fortschritte statt. Von Gleich spricht von einem „instrumentalem Bildungscharakter“, der eherNicht-Regierungsorganisationen[35], wie die „RedNacional de Educacion Bilingüe de la ONGS“ oder das „foro educativo“, gegen sich aufbringt. Die Organisationen versuchen weiter für eine bilingualeErziehung zu kämpfen[36]. Danach erfolgteine Wiederaufnahme der Interessen der Indigenen durch die Übergangsregierung Paniagua. In der darauf folgenden Regierung Toledos entsteht mehr Verwirrungals Weiterentwicklung in indigenen Angelegenheiten[37], obwohl Toledooft seine Verbundenheit zu autochthonen Völkern auszudrücken versucht[38]. Vom jetzigenPräsidenten ist in dieser Frage einiges zu erwarten, zu seiner Wiederwahl[39] im Juni 2006sagt er:

"Lasst uns auf eine soziale Entwicklung drängen, besonders im Süden des Landes, auf eine Entwicklung, die die Lösung der Probleme wieTrinkwasserversorgung, Analphabetismus und Hunger vorantreibt"[40]

[...]


[1] Steckbauer 2000: 14.

[2] vgl. Gugenberger 2004: 22.

[3] Auch heute noch hat das Quechua vor allem eine regionale „lingua franca-Funktion“ (Gugenberger 2004: 9)

[4] vgl. von Gleich 1987: 15.

[5] vgl. Lindig 1992: 91.

[6] Die Angaben hierzu variieren beträchtlich: Zwischen 40 und 92 Sprachen soll es nach Sprachforschern in Peru geben (Gugenberger 2005: 3). Unter denQuechua-Varietäten befinden sich laut „The Ethnologue“ ( http://www.ethnologue.com/show_family.asp?subid=90769) 46 Varianten.

[7] Verlässliche Statistiken zu den Quechuasprechern sind rar, letzte gefundene Statistik von 1981: Quechua (Monolinguale, Bilinguale) insgesamt: 4,4Mill (24,09% der Bevölkerung Perus), Von Gleich (2004) S. 113, gibt eine Zahl von 3,2 Mill. Monolingualen Quechuasprechern aus dem Jahre 1993 an,hinzugefügt: Die DINEBI (siehe 5.1 in dieser Arbeit) gibt eine Zahl von 4.195.000 Quechuasprechern im Jahre 2007 an

[8] The Ethnologue, 28.01.2008, http://www.ethnologue.com/show_country.asp?name=PE

[9] vgl. von Gleich 1997: 102.

[10] vgl. von Gleich, Utta 1997: 102.

[11] UNESCO 2004: 18.

[12] Doch erst im 18. Jh. mit der Schließung der Quechua-Lehrstühle, dem Verbot der indigenen Sprachen und einer ausdrücklichen Kastilisierungspolitikerreichte man die Unterdrückung des Quechua (vgl. Weiss 2003: 35).

[13] Zur Missionierung der Spanier werden Ordensbrüder in einheimischen Sprachen unterrichtet (vgl. von Gleich 1987: 16 und ebd. 2004: 112).

[14] vgl. von Gleich 1987: 19.

[15] vgl. Gugenberger 1996: 164.

[16] vgl. Lindig 1992: 114.

[17] vgl. Kremnitz 1996: 4f.

[18] „Schließlich ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, daß jede Veränderung der Herrschaftssituation in einem Gebiet auch eine Veränderung derKommunikationsbedingungen mit sich bringt.“ (Kremnitz 1996: 6)

[19] vgl. Kremnitz 1996: 9.

[20] vgl. Gugenberger 2004: 7.

[21] Mols 1992: 154

[22] vgl. von Gleich 1987: 22

[23] vgl. Steckbauer 2000: 117ff

[24] vgl. Steckbauer 2000: 131ff

[25] vgl. von Gleich 2004: 119

[26] vgl. von Gleich 1987: 23

[27] “politische Bewegung zur Verteidigung der Rechte der Indios und zur Wahrung ihres Kulturguts” Universelles Wörterbuch Spanisch 2005: 411

[28] vgl. Gugenberger 1996: 172

[29] Kleine Ländereien, eine Familie sollte mindestens 3 Hektar Land besitzen

[30] vgl. 2000: 27 und siehe Seligmann 1995:184

[31] vgl. Gugenberger 2004: 7

[32] vgl. 2000: 27ff.

[33] vgl. von Gleich 2004: 119.

[34] „Ley General de Educación“ (1982) annullierte das Recht auf Ausbildung der autochthonen Völker in ihrer Muttersprache (vgl. Steckbauer 2000: 31f.)

Gugenberger 1996: 174, merkt an, dass dies bereits mit Amtsantritt Belaunde Terrys geschieht, da hier in der neuen Verfassung Spanisch als einzigeAmtssprache angegeben ist. Quechua und Aymara werden als Sprachen des „uso oficial“ für bestimmte Zonen angesehen. Dies stellte einen deutlichenRückschritt dar.

[35] „Der Grad an Organisationen in der peruanischen Zivilgesellschaft wird als Vorreiter unter den Andenstaat betrachtet“ (Weiss 2003: 48)

[36] vgl. von Gleich 2004: 121f.

[37] vgl. von Gleich 2004: 124

[38] Toledo benutzt oft indigenes Vokabular und verspricht den autochthonen Völkern viele Reformen. (vgl. Weiss 2003: 49)

[39] García regierte bereits von 1985-90 zum ersten Mal das Land.

[40] http://www.tagesschau.de/ausland/meldung114158.html13.02.2006, 19:19

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640361960
ISBN (Buch)
9783640362226
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130042
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
Interkulturelle Bildungschancen Quechua-Völkern Peru

Autor

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Titel: Interkulturelle Bildungschancen und -defizite bei den Quechua-Völkern in Peru