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Frauen- und Mädchenbildung im deutschen Hochmittelalter: Klösterliche und weltliche Bildung im Vergleich

Am Beispiel der Biographien Hildegards von Bingen und Agnes' von Böhmen

Seminararbeit 2009 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt:

Einleitung

1. Kurzer Einblick in das Männer- und Frauenbild zur Zeit des deutschen Hochmittelalters

2. Das Kloster als Bildungsstätte adliger Mädchen und Frauen
2.1. Inhalte klösterlicher Bildung — die Gelehrsamkeit der Hildegard von Bingen

3. Der Hof als Bildungsstätte
3.1. Inhalte höfischer Bildung — Fertigkeiten und Wissen der Agnes von Böhmen

4. Fazit

Literatur und Quellen

Einleitung

Dass Frauen und Mädchen während des Mittelalters vollkommen von Bildung und Ausbildung ausgeschlossen waren, ist ein Vorurteil, das bis heute Bestand hat. Weibliche Lebensbereiche scheinen zwischen Küche, Schlafgemach und — schlimmstenfalls — Bordell gelegen zu haben.

In einer Epoche, die gemeinhin als dunkles Zeitalter betrachtet wird, was Bildung, Wissenschaften, überhaupt Wissen angeht, in der die Frauen rechtlos waren und als Eigentum ihrer Ehemänner galten, in einer abergläubischen, analphabetischen Gesellschaft, scheint das weibliche Geschlecht kaum Möglichkeiten gehabt zu haben, sein geistiges Potenzial zu entfalten.

Dieses Vorurteil ist pauschal und darum teilweise zutreffend; aber eben nur teilweise. Christiane Brokmann-Nooren nennt im ersten Kapitel ihrer Schrift über die weibliche Bildung im 18. Jahrhundert, in welchem auch die Bildungsmöglichkeiten von Frauen im Mittelalter angesprochen werden1, ein weiteres Vorurteil über Frauen und Bildung, das nach ihrer Auffassung im Mittelalter selbst existierte: dass die Gelehrsamkeit als „pfäffisch und weibisch“ galt.

Sie bezieht sich hier auf Lily Braun, Angehörige der ersten Welle der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die in ihrem bekanntesten Werk „Die Frauenfrage“2 schreibt:

Im frühen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die Gehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad, von Bildung, der \war an sich gering genug war, aber immerhin den der Männer im allgemeinen übertraf Hieß es doch, daß Gelehrsamkeit den Mann furchtsam und weibisch mache und dahermöglichstgu vermeiden sei.3

Es wird also ersichtlich, dass die Bild einer weiblichen Lebenswelt fernab jeder Gelehrsamkeit im Mittelalter nicht grundsätzlich haltbar ist. Zumindest Frauen der höheren Stände, womit Adel und Klerus bezeichnet werden sollen, müssen Zugang zu Bildung gehabt haben und somit den Männern in dieser Hinsicht ebenbürtig oder gar überlegen gewesen sein — denn auch Männern waren ja die gelehrten Künste nur dann zugänglich, wenn sie ebendiesen Ständen angehörten.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Art der Bildung Frauen im Hochmittelalter genossen, auch soll es darum gehen, unter welchen gesellschaftlichen Umständen Frauen lernten, und welche Unterschiede in den Bildungsinhalten aus den jeweiligen Bildungsstätten entsprangen.

Bezugnehmend auf die Werke von Christiane Brokmann-Nooren und Eva Schirmer4 soll ein Vergleich gezogen werden zwischen den Orten der Frauenbildung Kloster und Hof. Wie wurden Frauen wo ausgebildet, und zu welchem Zweck dienten ihnen die verschiedenen Arten ihrer Ausbildung?

Konnten gelehrte Frauen des hohen Mittelalters ihren männlichen Zeitgenossen tatsächlich überlegen sein?

Um diese Fragen zu klären, sollen hier die Biographien verschiedener weiblicher Persönlichkeiten des Hochmittelalters miteinander verglichen werden, immer unter dem Gesichtspunkt ihrer jeweiligen Bildung. Es sei nochmals gesagt, dass ausschließlich Frauen der höheren Stände Gegenstand der Untersuchung sind, da die Bildung zu jener Zeit nun einmal tatsächlich dem Adel und dem Klerus vorbehalten war, und zwar unabhängig vom Geschlecht.

1. Kurzer Einblick in das Männer- und Frauenbild zur Zeit des deutschen Hochmittelalters

Das Hochmittelalter war eine Epoche, in der die Ideale des höfischen Uebens, einerlei wie unerreichbar sie für den Großteil der Bevölkerung waren, das Ueben beeinflussten. Es war die Zeit der höfischen Dichtung, in der in ganz Europa Ritterromane und Versepen, die die Geschichten schillernder Helden erzählten, kursierten. Die Ursprünge dieser Dichtungen, welche Ideale nicht nur popularisierten sondern auch konstituierten, lagen in Frankreich, wo die höfische Kultur, wie sie auch im deutschsprachigen Raum gelebt wurde, entstanden war.

Zur Zeit der deutschen Romantik, als das gesamte Mittelalter als wundersame und märchenhafte Epoche sozusagen im Trend war, wurden viele Motive der mittelalterlichen Dichtung aufgegriffen, und aus diesen Motiven wurde ein Bild des Hochmittelalters konzipiert, das heute noch bekannt ist: schöne, tugendhafte Burgdamen werden von edelmütigen und ebenso tugendhaften Rittern vor den Unbillen des Uebens beschützt. Erstere sitzen stickend und sinnend am Fenster ihrer Kemenate, während letztere in schimmernder Rüstung in den Kampf gegen Drachen oder Moslems ziehen.

Dieses Bild ist überspitzt, idealisiert und überzogen — beschäftigt man sich aber mit der Literatur des Hochmittelalters, kann man den Eindruck gewinnen, dass es auf tatsächlichen Umständen basieren könnte.

Inzwischen weiß man, dass dem nicht so ist; ein solches Mittelalterbild war, wie gesagt, schon zur Zeit seiner Entstehung ein Ideal. Nichtsdestotrotz prägte es, ausgehend von Frankreich als Hochburg mittelalterlicher höfischer Kultur, auch die Lebensumstände des deutschen Adels und somit die Auffassungen von den Tugenden der Geschlechter. Es ist bekannt — deswegen wird hier nur kurz darauf eingegangen — , dass Männer des Adels sich in erster Linie durch Tapferkeit, Mut und kämpferische Ambitionen auszeichnen sollten, während adligen Frauen am Hof die Verantwortung für die Mußestunden der Männer oblag. Frauen mussten schön sein — wobei das Schönheitsideal des Hochmittelalters auf Grund der Religiosität dieser Zeit ein sehr ätherisches war — , sie mussten sich mit den schönen Künsten wie Musik und Dichtkunst befassen — wobei es mehr um den Vortrag dichterischer und musikalischer Werke ging als um die Produktion von Kunst — , sie mussten in der Lage sein, die Männer am Hof zu unterhalten. Die adlige Frau war in dieser Hinsicht der Schmuck der höfischen Gesellschaft. Sie inspirierte, aber sie forschte nicht, sie sang vielleicht Heldenlieder, aber komponierte sie nicht selbst. Es mag den Anschein haben, dass zu solchen Aufgaben im Leben der adligen Frauen nicht viele Fähigkeiten von Nöten waren; betrachtet man aber die hohen Ideale von höfischem Umgang, höfischer Konversation und höfischen Tugenden im Hochmittelalter, so wird deutlich, dass zum Leben und zur Bildung der Frauen doch mehr gehören musste als sticken.

2. Das Kloster als Bildungsstätte adliger Mädchen und Frauen

Die ersten Frauenklöster wurden im deutschsprachigen Raum bereits im 8. Jahrhundert gegründet; schon zu dieser Zeit wurde damit ein Grundstock für die Bildung von Frauen gelegt. Schon die Mönchsklöster des frühen Mittelalters gelten bis heute als Bewahrungsorte des Wissens; verfügten sie doch über die ersten Bibliotheken, in welchen sich neben geistlichen Werken auch naturwissenschaftliche und philosophische, sowie historische Bücher fanden.

[...]


1 Brokmann-Nooren, 1. Kapitel, Die Entwicklung der Mädchen und Frauenbildung in Deutschland vom Mittelalter bis Ende des 17. Jahrhunderts, S. 23, Fußnote 6.

2 Braun, Lily: Die Frauenfrage. Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite, 1. Aufl. Leipzig, 1901.

3 Zitiert aus dem Nachdr. der 1. Aufl., Bonn 1979. Braun zitiert hier ohne nähere Angabe Weinhold, vermutlich Weinhold, Karl: Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, 2. Aufl., Wien 1882.

4 Schirmer, Eva: Mystik und Minne. Frauen im Mittelalter, Berlin 1984.

Details

Seiten
13
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640390564
ISBN (Buch)
9783640390861
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130468
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,7
Schlagworte
Frauen- Mädchenbildung Hochmittelalter Klösterliche Bildung Vergleich Beispiel Biographien Hildegards Bingen Agnes Böhmen

Autor

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Titel: Frauen- und Mädchenbildung im deutschen Hochmittelalter: Klösterliche und weltliche Bildung im Vergleich