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Widerstand gegen den Nationalsozialismus als Thema des italienischen Neorealismus

Renata Viganó, Natalia Ginzburg, Elsa Morante

Studienarbeit 2006 113 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der italienische Faschismus: die historischen Hintergründe des Neorealismus
1.1. Der Zweite Weltkrieg in Italien
1.1.1. Überblick über die Entwicklung des Faschismus von 1922-1943
1.1.2. Der vorläufige Fall des Faschismus im Juli 1943
1.2. Die Geschichte der Resistenza
Exkurs: „Giustizia e libertà“

2. Der Neorealismus: eine literarische Strömung der Nachkriegszeit
2.1. Die Problematik des Neorealismus als literarischer Epochenbegriff, Begriffsgeschichte und Datierung.
2.2. Konzepte und Merkmale des literarischen Neorealismus
2.2.1. Der Neorealismus und das Zentralereignis des 2. Weltkriegs
2.2.2. Neorealismus als gesellschaftliche Reformbewegung
2.2.2.1. Sozialkritik im Neorealismus
2.2.4.Textuelle Merkmale des Neorealismus

3. Renata Viganò: L’Agnese va a morire
3.1. Die politischen Wirren des Sommers 1943 und Palitas Tod – Wurzeln für Agneses Engagement für die Partisanen
3.2. Palitas Tod auf der Deportation
3.3. Die Tätigkeit Agneses bei den Partisanen
3.4. Darstellung der Gegner im Krieg: Deutsche, Faschisten und Partisanen und Allierte im Text
3.4.1. Die Partisanen und die Allierten
3.4.2. Die deutschen Besatzer
3.4.3. Die italienischen Faschisten
3.4.3.1. Das Kollektiv: Die Faschisten im Dorf
3.4.3.2. Repräsentantin der Kollaboratuere im Text: die Minghina
3.5. Agneses Mord am deutschen Besatzer

4. Natalia Ginzburgs Tutti i nostri ieri
4.1. Der Romantitel und intertextuelle Bezüge zu Shakespeares Macbeth
4.1.1. Epigraph/ Titel
4.1.2. Das Motiv des Flecks als Bewusstsein des Todes, Erinnerung an den Tod
4.2. Die Histoire- und Discoursebene in Tutti i nostri ieri
4.2.1. Die Erzählsituation im Roman: Anna als Zentrum
4.2.2. Figurenrede im Roman
4.2.3. Die Figurenkonstellation im Roman
4.3. Die Darstellung des Widerstands gegen den Faschismus bei Ginzburg
4.3.1. Der Widerstand des Vaters: das libro di memorie
4.3.2. Der Widerstand in der Kleingruppe: Emmanuele, Ippolito und Danilo
4.3.3. Die politischen Widerstandsgruppen
4.3.4. Danilo: politischer Aktivist, Partisan,Politiker
4.3.5. Passiver Widerstand: Ippolitos Selbstmord
4.3.6. Darstellung der Resistenza
4.4. Die Gegner: Darstellung der Anhänger Mussolinis und des Faschismus
4.4.1. Die Sbaracagna: Anhänger des Faschismus
4.4.2. Bewertung des Faschismus und der Monarchie als poltisches System
4.5. Sozialkritik im Roman
4.5.1. Emmanuele und sein Verhältnis zu den Arbeitern
4.5.2. Cenzo Rena: Sozialreformer, Retter verfolgter Juden und Antifaschist
4.5.2.1. Die Darstellung Süditaliens am Beispiel von Borgo San Costanzo
4.5.2.2. Die Nord-Süd-Problematik und ihre Behandlung im Text
4.6. Die Darstellung der Verfolger und der Verfolgten: Juden und Deutsche im Roman 74
4.6.1. Franz als „Antiheld“ im Roman
4.6.2. Die „tre vecchiette“ und der Türke
4.6.3. Die Darstellung der deutschen Besatzer im Roman und Mord am deutschen Soldaten

5. Elsa Morante La Storia
5.1. La Storia- semantische Ambivalenz und die Chronik vor jedem Kapitel
5.2. Ida als Protagonistin des Romans und ihre „geheime“ jüdische Herkunft
5.3. Idas Vergewaltigung durch einen deutschen Soldaten
5.4. Davide Segre - ein weiterer Repräsentant des Judentums im Text
5.5. Die Darstellung des Faschismus im Text
5.6. Darstellung der Partisanen
5.7. Der Mord am deutschen Soldaten
5.8. Das Ende der Partisanen

6. Résumé

7. Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit untersucht das Wechselspiel von Politik und Literatur unter der Fragestellung, in welchem Maß der Neorealismus das zentrale Ereignis seiner Zeit rezipiert: den Widerstand gegen den Faschismus, sowie gegen die deutsche Besatzung. Im Rahmen dieser Fragestellung müssen im ersten Kapitel die relevanten historischen Ereignisse erläutert werden. Besonderes Gewicht liegt dabei auf der Entwicklung von organisiertem Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Italien. Im zweiten Kapitel soll dann auf die aus der Resistenza hervorgegangene Bewegung des Neorealismus eingegangen werden. Für die Frage nach der Darstellung von deutscher Besatzung und Widerstand bieten sich drei Romane italienischer Autorinnen besonders an. Im dritten Kapitel wird der 1949 erschienene Roman L’Agnese va a morire der aus Bologna stammenden Autorin Renata Viganò interpretiert. Dieser schildert den Kampf einer einfachen Frau in einer Partisanengruppe. Tutti i nostri ieri, ein Roman von Natalia Ginzburg, bietet dem Leser ein Panorama der gesamten Epoche anhand einer ineinander verwobenen Familiengeschichte. Das historisch- politische Gewicht des Romans fand in der Kritik bisher wenig Beachtung. Das vierte Kapitel wird insbesondere die Darstellung des Widerstands beleuchten. Elsa Morantes 1974 erschienener Roman La Storia drückt bereits das historische Thema des Romans im Titel aus. Gemeinsames Element und Vergleichspunkt der drei Romane ist der Mord am deutschen Soldaten, der Schlussfolgerungen über eine mögliche und unterschiedliche Bewertung der Schuldfrage in den Texten erlaubt. Eine Gegenüberstellung der drei Romane erfolgt im abschließenden sechsten Kapitel.

Alle Romane wurden von italienischen Schrifstellerinnen abgefasst und die Texte reflektieren eine „weibliche“ Perspektive auf Krieg und Widerstand. Deswegen ist es notwendig, auch gelegentlich Genderfragen zu thematisieren, denn bei der Analyse wird deutlich werden, dass die Resistenza auch in Bezug auf die Stellung der Frauen innerhalb der italienischen Gesellschaft einen Wendepunkt markierte.Wie Sharon Wood ausführt, waren 43000 Frauen aktive Kämpferinnen bei den Partisanenverbänden, und unzählige mehr unterstützten die Resistenza.[1] An die Frage nach der Darstellung der Resistenza in den Romane der drei Autorinnen knüpfen sich zusätzliche Fragestellungen: in diesem Kontext stellt sich nicht nur die Frage nach der Darstellung der Partisanen, sondern auch, wie die Anhänger Mussolinis und dessen deutsche Verbündete sowie der Holocaust dargestellt werden. Des Weiteren soll der interessanten Fragestellung, die auch gerade im Rahmen der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts von Bedeutung ist, nachgegangen werden: in welchem Maß nehmen die Texte eine Bewertung vor? Werden die Deutschen explizit als „Tätervolk“ verurteilt oder geschieht dies auf subtilere Art und Weise?

1. Der italienische Faschismus: die historischen Hintergründe des Neorealismus

1.1. Der Zweite Weltkrieg in Italien

1.1.1. Überblick über die Entwicklung des Faschismus von 1922-1943 Die faschistische Diktatur in Italien begann mit der Ernennung Benito

Mussolinis zum Ministerpräsidenten am 31.10.1922, die nach dem Marsch der Faschisten auf Rom erfolgt war. Mussolini war in Allianz mit den konservativen Kräften um das Königshaus herum an die Macht gelangt. Im Laufe der Jahre schaffte er es, seine Stellung im Gran Consiglio di Fascismo immer stärker auszubauen, wurde dabei allerdings stets von bürgerlich- konservativen Kräften unterstützt. Die kommunistisch- liberalen Oppositionsparteien wurden von Mussolini schrittweise ausgeschaltet. Nach dem Bündnisschluss der Achse Rom-Berlin war Italien am 10./11.06. 1940 an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten. Italienische Truppen kämpften zusammen mit den Deutschen in Russland, aber auch in den Wüsten Nordafrikas.

Hinsichtlich ihres Antisemitismus unterschieden sich beide Länder: anfangs stand Mussolini Hitlers Rassenideologie kritisch gegenüber und äußerte anfangs sogar öffentlich seine Symphatie zum Judentum. Im Jahr 1938 wurde ohne ausdrückliche Aufforderung durch Deutschland eine antisemitische Gesetzgebung, das „Manifesto del razzismo italiano“, erlassen, das den Nürnberger Gesetzen in nichts nachstand. Es sorgte z.B. dafür, dass ausländische Juden, die nach 1919 die italienische Staatsbürgerschaft erhalten hatten, diese mit verloren und dazu aufgefordert wurden, innerhalb eines halben Jahres das Land zu verlassen.[2] Im November 1938 wurden ausländische Juden in Lagern interniert, und Juden italienischer Staatsbürgerschaft wurden der staatlichen Bildungseinrichtungen verwiesen, durften nicht mehr im Staatsdienst arbeiten, und ihre Fabriken sowie großer Agrarbesitz wurden enteignet. Doch unter dem Einfluß der katholischen Kirche wurde ihnen die Möglichkeit der Konversion offen gelassen.

Nach und nach begann sich innerhalb der faschistischen Partei und im Militär eine starke Opposition auszubilden, die sich gegen die bedingunglose Unterwerfung Mussolinis gegenüber Deutschland, gegen den von Goebbels nach der Schlacht von Stalingrad propagierten „totalen Krieg“ und die immer schlechtere Versorgung der italienischen Bevölkerung richtete.[3] Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten brachte neue Bewegung in den Vormarsch der Alliierten. Diese beschlossen auf der Konferenz von Casablanca, nach der Kapitulation der Achsenmächte in Afrika, in Sizilien einzumarschieren, da dies der am wenigsten militärisch gesicherten Randbereich des faschistischen Europas war.

1.1.2. Der vorläufige Fall des Faschismus im Juli 1943

Dem Einmarsch der Alliierten in Italien kommt für die folgenden politischen Verwirrungen große Bedeutung zu. In diesen turbulenten Monaten des Sommers 1943 begann sich großangelegter, organisierter Widerstand gegen den Faschismus und die Deutschen herauszubilden. Zwei Wochen nach der Invasion Siziliens wurde in einer Nachtsitzung des faschistischen Großrats zwischen dem 24. und 25.07.1943 beschlossen, die Befehlsgewalt über die italienischen Streitkräfte wieder in die Hände des Königs, Vittorio Emmanuele III, zu geben. Beim Verlassen des Königspalasts wurde Benito Mussolini verhaftet, im „Campo Imperatore“ auf dem Gran Sasso d’Italia inhaftiert und seine Regierung abgesetzt. Der frühere Generalstabschef Pietro Badoglio wurde zum Nachfolger des Duce ernannt. Allerdings bedeutete dieser Wechsel keinen völligen Bruch mit dem Faschismus, sondern zeigte, dass „ein schleichender Übergang zur alten Form der parlamentarischen Monarchie[4] vorgesehen war. Die neue Regierung bestand ausschließlich aus Militärs, Beamten und Diplomaten, die unter Mussolini Karriere gemacht hatten. Badoglios Regierungszeit ging als Periode der „45 giorni“ in die italienische Geschichte ein. In dieser Zeitspanne versuchte die Regierung, sowohl mit den Deutschen, als auch mit den Allierten, Verhandlungen zu führen. Primäres Ziel war es, den Fortbestand der Monarchie in Italien zu sichern, indem die Verhandlungsführer einerseits versuchten, die Deutschen von ihrer Bündnistreue zu überzeugen, andererseits die Forderung der Allierten nach einer bedingungslosen Kapitulation abzumildern: Da Deutschland und Italien nach wie vor Verbündete waren, gewährte die Regierung Badoglio den Deutschen nach wie vor freien Zugang zu italienischem Territorium. Gleichzeitig führte Italien Verhandlungen mit den Allierten, um günstige Bedingungen für einen Friedensschluss zu erzielen. Trotz des Hasses der Bevölkerung auf die Deutschen wagte es die Regierung nicht, Deutschland den Krieg zu erklären, aus Angst, dadurch den Vormarsch der kommunistischen Sowjetunion zu unterstützen. Dieses doppelte Spiel führte zu einer einzigartigen historischen Konstellation. Am 03.09.1943 unterschrieb Badoglio den bedingungslosen Waffenstillstand mit den Allierten in Cassibile. Bis heute ist in der Geschichtswissenschaft nicht geklärt, wieso Badoglio die Bekanntgabe des Waffenstillstands bis zum Abend des 08.09.1943 hinauszögerte. Die Bevölkerung und die Streitkräfte reagierten völlig überrascht. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand flohen König Vittorio Emmanuele III, Badoglio und die Regierung in den von den Allierten befreiten Süden und ließen das Heer, Rom und das übrige Italien im Stich. Damit verschärfte sich die Kluft zwischen König und Volk. Der Faschismus hatte als Massenbewegung von Bauern und Arbeitern begonnen, verlor aber in dieser Zeit in zunehmendem Maße die Unterstützung der Massen. An die Stelle dieser Massenbewegung konnte dann teilweise die Resistenza treten. Am Tag der Waffenstillstandsverkündigung landeten die Allierten auf dem Festland bei Salerno, kamen aber bereits im Oktober an der sogenannten Gustavlinie zwischen Salerno und Rom zum Stehen. Alle Gebiete nördlich dieser Linie waren deutsches Besatzungsgebiet. Mussolini wurde wenig später von deutschen Fallschirmjägern aus seinem Gefängnis befreit. Er gründete mit deutscher Unterstützung die Repubblica Sociale Italiana in Salò. Sein Herrschaftsbereich umfasst das italienische Festland nördlich der Front. Von diesem Moment an war Italien ein durch die Front geteiltes Bürgerkriegsland, im Norden herrschte der von den Deutschen unterstütze Mussolini, im bereits befreiten Süden Badoglio. Am 13.10.1943 erklärte dann die Regierung Badoglio Deutschland den Krieg.

1.2. Die Geschichte der Resistenza

Der Begriff Resistenza kann auf zwei verschiedene Weisen aufgefasst werden; meistens wird damit der bewaffnete Partisanenkampf zur Schwächung der Besatzer Italiens zwischen 1943 und 1945 bezeichnet. Manche verstehen hingegen unter Resistenza jede Art des Widerstands gegen Mussolini. Diese Arbeit folgt dem ersten Verständnis.

Auch muss zwischen spontanem Widerstand Einzelner oder kleinerer Gruppierungen und organisiertem Widerstand aus den Reihen der politischen Parteien unterschieden werden. In Tutti i nostri ieri wird beides dargestellt: Cenzo Rena ist ein Einzelner, der sich, ohne eine politische Organisation im Rücken, den Deutschen entgegensetzt, wohingegen sich Emmanuele und Ippolito in einer Kleingruppe zusammenschließen, die wohl Unterstützung von „Giustizia e libertà“. Vor dem 08.09.1943 hatten sich die italienischen Oppositionsgruppen in geringem Maß organisiert. Der traditionell stärkste Gegner Mussolinis, die Kommunistische Partei Italiens (KPI), war geschwächt, denn ihr Führer Togliatti befand sich seit 1926 im Exil in der Sowjetunion. Auch war sich die Partei über den Grad der Nähe zu Stalin uneinig, wobei das Bündnis zwischen Stalin und Hitlerdeutschland viele Parteianhänger zusätzlich verunsicherte. Neben den Kommunisten zählten aber auch Anarchisten, militante Mitglieder der linken Parteien, Liberale und einige Katholiken zu den überzeugten Regimegegnern. Vor 1943 war die Opposition in zu kleine Gruppen zerstreut und unfähig, Mussolini zu schaden. Deren Hauptarbeit bestand bis dahin im Verteilen regimekritischer Schriften. Im Gegensatz zu Hitler, der von Anfang an mit äußerster Brutalität gegen politische Gegner vorging, war in Italien das „confinamento“ gängige Praxis: Regimegegner, aber auch Juden wurden bei Kriegsbeginn in Dörfer in entlegenen Provinzen verbannt, wie z.B. Leone Ginzburg, Carlo Levi oder Cesare Pavese. Die Arbeiterstreiks im März 1943 waren dann erste Zeichen einer organisierten Massenbewegung gegen das Regime. Auslöser dafür waren der Unmut der Bevölkerung über die militärische und politische Abhängigkeit von Deutschland, welche den vom Faschismus propagierten Traum von einem starken Italien zu nichte machte sowie die sich abzeichnende militärische Niederlage. Der Anfang einer überparteilichen Widerstandsbewegung liegt im September 1943. Einen Tag nach der Verkündung des Waffenstillstands wurde das Comitato delle Opposizione in Comitato della Liberazione Nazionale (CLN) umbenannt, das fünf antifaschistische Parteien umfasste: der PCI, der PSI, die Liberalen, die erst 1942 gegründete Democrazia Cristiana sowie der Partito d’Azione.[5] Das CLN wird heute in der Geschichtsschreibung als „Keimzelle des zukünftigen Staates[6] angesehen. Diese verschiedenen Gruppen hatten sich trotz politischer Differenzen auf den gemeinsamen Kampf gegen die Besatzer und italienische Faschisten einigen können. Ihr politisches Programm wurde jedoch, im Gegensatz zur Résistance in Frankreich, nie schriftlich fixiert. Die Widerstandsgruppen hatten erfolglos versucht, Kontakt mit Badoglio aufzunehmen, um gemeinsam mit dem italienischen Heer gegen die Deutschen zu kämpfen. Daraufhin traten sie in Kontakt mit den Allierten, die sie mit Waffen unterstützten. Damit entstand eine Gegenbewegung zu Badoglio, die die wichtigsten Oppositionsparteien in sich einte, zusammen auf der Basis ihres gemeinsamen Traums von einem neuen, antifaschistischen Italien. Die Hauptverbände der Resistenza waren die kommunistischen Brigate Garibaldi, die sozialistischen Brigate Matteotti sowie die Brigate Autonome, in denen frühere Militärs vereinigt waren. Ein Sammelbecken liberaler Kräfte außerhalb der politischen Parteien bildete die Organisation „Giustizia e Libertà“, der NataliaGinzburgs Brüder und ihr Ehemann Leone angehörten. Ein Schwerpunkt des Partisanenkampfs lag in den gebirgigen Zonen Nord- und Mittelitaliens. In den Städten formierten sich die sogenannten GAP („Gruppi di azione Patriottica“), die Sabotageakte gegen die Deutschen, Guerilliakämpfe sowie politische Propaganda betrieben. In Fabriken entstanden parallel dazu die SAP („ Squadre di Azione Patriottica“), die durch organisierte Streiks die Industriezentren im Norden Italiens im Frühjahr 1944 lähmten. Im Juni 1944 erfolgte die offizielle Militarisierung der Partisanen, an deren Spitze General Raffaele Cadona stand. Die Zeit der Resistenza endete am 29.04.1945, als das deutsche Heer bedingungslos kapitulierte. Zwei Tage zuvor wurde Mussolini in Donga, in der Nähe der Schweizer Grenze, von Partisanen erkannt, gefangengenommen, am 28.04.1945 zu Tode verurteilt und hingerichtet.

In Bezug auf die Resistenza gab es Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien. Der Süden wurde rasch und ohne eigenes Zutun befreit, wohingegen im Norden der Partisanenkampf tobte, der für die Ausbildung der ersten italienischen Republik von zentraler Bedeutung sein sollte.

Auch diese regionale Divergenz wird in Tutti i nostri ieri thematisiert. Wichtig im Kontext dieser Arbeit ist auch die Tatsache, dass, statistisch gesehen, die Resistenza keine reine Männerbewegung war. In den Reihen der Partisanen kämpften ungefähr 35000 Frauen.[7] Der Kampf dieser Frauen in den Truppen wird eindrücklich von Renata Viganò geschildert und soll an dieser Stelle eingehender betrachtet werden.

Die Erfahrung der Resistenza war für eine gesamte Generation prägend und fand ihren Niederschlag im Neorealismus, der im folgenden Kapitel untersucht wird. Gemeinsames Ziel beider Bewegungen ist es, ein neues Italien nach dem Krieg zu schaffen.Dies hatte sich die Bewegung Giustizia e libertà auf ihre Fahnen geschrieben. Ihr kommt im Rahmen dieser Arbeit besonderes Gewicht zu, da deren politische Ideale sich im Werk Natalia Ginzburgs wieder finden.

Exkurs: „Giustizia e libertà“

„Giustizia e libertà“ wurde 1929 von Carlo Rosselli in Paris als Forum für alle demokratischen Kräfte im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus gegründet. Die Bewegung verstand sich als Sammelbecken für alle, die eine aktive und effiziente Opposition gegen den Faschismus anstrebten. Ihr Ziel war es, solche Voraussetzungen für eine antifaschistische Revolution in Italien zu schaffen, die keine Rückkehr zu einer parlamentarischen Monarchie bedeuteten, sondern die italienische Gesellschaft in eine fortschrittliche Demokratie mit sozialer Gerechtigkeit umwandeln. Die politischen Ansichten von „Giustizia e libertà“ finden sich in Natalia Ginzburgs Werk wieder.[8] „Giustizia e libertà“ engagierte sich auch im Spanischen Bürgerkrieg von 1936, in dem viele Italiener kämpften. In diesem Krieg entstand auch die gemeinsame Kampftruppe der Kommunisten, Sozialisten und Republikaner, die „Brigata Garibaldi“, der zusammen mit „Giustizia e libertà“ eine Schlüsselrolle im bewaffneten Kampf gegen die Deutschen zukommt. Im Januar 1943 entstand aus den Reihen der Bewegung der „Partito d’Azione“. Dieser umfasste Kräfte aus Giustizia e libertà, sowie Sozialisten und Demokraten. Die Partei richtete sich gegen das faschistische und präfaschistische, d.h. monarchistische Italien. Sie setzte sich für eine pluralistische Gesellschaft mit liberalen Werten ein, in Gegensatz zu den Kommunisten, die Italien nach Kriegsende in einen Staat nach dem Vorbild der UdSSR umwandeln wollten. Auch „Giustizia e Libertà“ organsierte Partisanenbanden, und nach dem 08.09.1943 entstand auch die namensgleiche Brigade. Ausschlaggebend für die Bewegung ist auch die Forderung nach einer antifaschistischen, sozialen Revolution, die die italienische Gesellschaft von Grund auf erneuern sollte.

2. Der Neorealismus: eine literarische Strömung der Nachkriegszeit

2.1. Die Problematik des Neorealismus als literarischer Epochenbegriff, Begriffsgeschichte und Datierung

Kaum ein Begriff in der italienischen Literaturgeschichte wird in der Forschung ähnlich kontrovers diskutiert wie der des Neorealismus. Im Gegensatz zum Verismo handelt es sich beim Neorealismus nicht um eine Schule mit ausformuliertem Programm. Es gibt nicht einmal eine fest umrissene Gruppe von Autoren, die sich als Neorealisten bezeichnet haben. Des weiteren ist der Neorealismus keine primär literarische Erscheinung.[9] Eigentlich wurde der Begriff zunächst für den Film verwandt, und erst sekundär auf die Literatur übertragen. Da es kein poetologisches Programm des Neorealismus gibt, wurden anhand einer für typisch befundenen Textauswahl bezeichnende Merkmale definiert, welche je nach Literaturkritiker dementsprechend unterschiedlich ausfielen.Carlo Bo hat sich mit diesem Problem im Band Inchiesta sul neorealismo, der aus einer Sendereihe im italienischen Radio entstanden ist, ausführlich befasst. Er fasst er die unterschiedlichen Definitionen und Meinungen zusammen, die er von namhaften Autoren und Literaturwissenschaftlern der 50er Jahre erhielt. An diesem Band wird die Uneinigkeit über den Begriff Neorealismus deutlich, denn jeder der befragten Autoren und Kritiker hebt andere Merkmale hervor. Diese Arbeit versucht die Merkmale und Konzepte des Neorealismus in Hinblick auf zentrale Themen und textuelle Merkmale auszurichten.

In dieser Sendereihe kommt Ellio Vittorini auf die Problematik der Begriffsgeschichte und der Definition zu sprechen: „In sostanza tu hai tanti neorealismi quanti sono i principali narratori […]“[10] Dies ähnelt Calvinos Auffassung, dass der Neorealismus nur ein „insieme di voci“ sei, was ihn von den literarsichen Schulen abgrenzt. Es gibt Autoren, die nur mit einem Teil ihres Werks dem Neorealismus zuzuordnen sind, wie z.B. Natalia Ginzburg, deren Frühwerk teilweise in die neorealistische Blütezeit fällt. Ihr Spätwerk, das mit Lessico Famigliare beginnt, entwickelt sich in neue Richtungen, wozu beispielsweise die Entdeckung der Gattungen des Briefromans und der Komödie zählen.

Es ist auffallend, dass im Neorealismus der Fokus auf der Narrativik, im Besonderen auf der Gattung des Romans liegt. Die übrigen Gattungen spielten im Neorealismus eine untergeordnete Rolle.

In der Sekundärliteratur werden Beginn und Ende des Neorealismus auf unterschiedliche Art und Weise datiert, was auch mit der ungenauen Abgrenzung zwischen neorealistischer Literatur und neorealistischem Film zu tun hat. Die wohl ausführlichste Erklärung zur unklaren Begriffsgeschichte liefert Maria Corti[11]. Sie führt aus, dass sich in Deutschland die neue Sachlichkeit als Gegenbewegung zum Expressionismus herausgebildet hatte.[12] Das italienische Pendant Neorealismo wurde dann auf Alberto Moravias Roman Gli indifferenti angewandt, kam erst später wieder auf und wurde auf Visontins Film Ossessione von 1942 angewandt. Somit können eine enge und eine weite Definition unterschieden werden. Nach der weiten Definition beginnt der Neorealismus bereits im Jahr 1929 mit Moravias Roman Gli indifferenti. Die enge Definition setzt den Beginn des Neorealismus erst mit Viscontis Film Ossessione. Sie erweist sich als angemessener, sie den Neorealismus zeitlicher näher zu dessen prägends Zentralereignis, den Zweiten Weltkrieg, setzt. Dessen Erfahrung versucht der Neorealismus mit neuen literarischen Ausdrucksformen auszudrücken. Das Ende des Neorealismus ist klar festgelegt worden; in der Forschung wird als letzter neorealistischer Roman Pratolinis Metello von 1955 angesehen.

Die meisten Kritiker sehen aber heute in diesem Werk das letzte exemplarische Beispiel eines engagierten neorealistischen Romans, der in seinem linksorientierten, klassenkämpferischen Optimismus zugleich noch einmal viele Stimmungen und Hoffnungen der Nachkriegszeit zusammenfasste.[13]

Nach Metello schlug die italienische Literatur, von einigen späten Werken wie z.B. Morantes La Storia abgesehen, mit der neoavantgardistischen Literatur völlig neue Wege ein. Der vom deutschen „neue Sachlichkeit“ abgeleitete Begriff Neorealismus wird somit der Epoche zwischen 1942 und 1955 zugeordnet und beschreibt eine künstlerische Bewegung, die ihren Ausdruck zunächst im Film und dann in Literatur und Kunst fand.

2.2. Konzepte und Merkmale des literarischen Neorealismus

Eine Beschreibung wichtiger Ideen und Konzepte des Neorealismus muss auch dessen bevorzugte Erzählstrukturen berücksichtigen. Sie kann nur anhand der wenigen literaturtheoretischen Äußerungen aus der Zeit des Neorealismus erfolgen, zu denen die folgenden Texte zählen: Italo Calvinos Vorwort zur zweiten Auflage seines Resistenzaromans I sentieri dei nidi di ragno von 1964 und Elio Vittorinis Aufsatz „Una nuova cultura“, der in der von Giulio Einaudi herausgegebenen Zeitschrift Il Politecnico veröffentlicht wurde. Zunächst einmal ist die Bedeutung des Zweiten Weltkriegs als geschichtlicher Hintergrund für den Neorealismus zu skizzieren.

2.2.1. Der Neorealismus und das Zentralereignis des 2. Weltkriegs

Neorealismus und der Zweite Weltkrieg können schlecht voneinander getrennt betrachtet werden, denn die 20 Jahre zwischen Aufstieg und Fall des Faschismus hat das Lebensgefühl einer gesamten Generation geprägt, wovon auch die Literatur dieser Zeit nicht unberührt bleiben kann. Bereits im neorealistischen Film wird die Thematik des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung behandelt, meist in Verbindung mit der Erfahrung der Resistenza, die Italien bis in die Nachkriegszeit hinein spezifisch geprägt hat. Auch der Holocaust und die Deportation italienischer Juden werden thematisiert.[14] Texte mit dem selben thematischen Schwerpunkt waren bereits während der letzten Kriegsphase entstanden. Diese dokumentierten den Widerstand gegen die Deutschen aus Sicht der Partisanen. Diese emotional verfassten „racconti partigiani“ sind zusammen mit Briefen, Tagebüchern und Soldatenliedern historische Dokumente. Intention dieser Texte ist der Austausch von Erfahrungen und Erlebnissen nach Kriegsende als kommunikative Erfahrung, „die von Mund zu Mund geht.“[15] Neben diesen unmittelbaren Zeugnissen entstand Ruth Mader zufolge eine „letteratura di testimonianza“ aus „nachträglich verfaßte autobiographische oder fiktionale Werke[16], welche die Resistenza rückblickend glorifizierten. Diese racconti resistenziali erschienen nach Kriegsende in linksgerichteten Tageszeitungen wie z.B. L’Unità. Aus der Erfahrung der Wirren des Zweiten Weltkriegs und der antifaschistisch/kommunistischen Resistenza geht auf der politischen Ebene eine „antifaschistisch-demokratisch-kommunistische Erneuerungs- bewegung[17] hervor, deren Ziel eine „gerechte, an den materiellen und geistigen Bedürfnissen des einfachen Volkes orientierte Gesellschaft[18] sei. Dieser Geist findet sich auch im Neorealismus wieder, und zwar in seiner Sozialkritik und der Forderung nach einer neuen Gesellschaft. Aber ebenso wichtig ist für ihn die Aufarbeitung der Zeitgeschichte, in der Hoffnung und mit dem Ziel, dazu beizutragen, dass sich die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs nie mehr wiederholen.

2.2.2. Neorealismus als gesellschaftliche Reformbewegung

2.2.2.1. Sozialkritik im Neorealismus

Volker Kapp[19] führt in seiner Literaturgeschichte aus, dass der bürgerliche Intellektuelle Träger des Neorealismus sei. Für diesen sind zwei Elemente charakteristisch: der Versuch, Zeitgeschichte aufzuarbeiten sowie ein Bewusstmachen der sozialen Probleme Italiens über die Literatur. Auf der textuellen Ebene äußert sich diese Sozialkritik in der Themenauswahl der Romane, die oft das Leben der benachteiligten Schichten, wie das der Bauern des Südens oder das der einfachen Arbeiter schildern[20]. Dieser sozialkritische Aspekt ist auch in Ginzburgs Wahl von Borgo San Costanzo als Schauplatz ihres Romans zu erkennen. Auch Morante wählt die einfache Bevölkerung Roms als Protagonisten ihres Romans. Viganòs Romanhandlung situiert sich in den Dörfern der Emilia-Romagna.

Wichtig für den Neorealismus ist eine starke Ausrichtung auf den bürgerlichen Intellektuellen als Träger der neuen Bewegung, die sich auch in Natalia Ginzburgs Roman wiederfindet. Die Konzentration auf den Bürger bedeutete auch eine klare Absage an den Monarchismus, der den Aufstieg des Faschismus unterstützt hatte. In den Texten findet sich deswegen oft eine scharfe Polemik gegen die Monarchie. Kombiniert mit der Forderung nach einer neuen Gesellschaftsordnung ist auch die Entdeckung und Akzeptanz der Pluralität der italienischen Gesellschaft, die der Faschismus zu vereinheitlichen versucht hatte. Calvino schreibt dazu: „Il neorealismo non fu una scuola. Fu un insieme di voci, in gran parte periferiche, una molteplice scoperta delle diverse Italie, anche-o specialmente- delle Italie fino allore più inedite per la letteratura.”[21] Die Entdeckung der „diverse Italie“ bringt ebenfalls ein verstärktes soziales Bewusstsein (z.B. für den verarmten Süden) mit sich, welches eng an die Vorstellung von einer engagierten Literatur gekoppelt ist. Corti führt dazu aus, dass aus dieser moralischen Spannung die dritte Konstituente der neorealistischen Literatur entstanden sei: „il programma di engagemen , la coscienza di un impegno come modello comportamentistico assolute dell’intellettuale e dell’artista.“[22]

Durch das starke soziale Bewußtsein besteht zwischen dem Neorealismus und dem Verismo des 19. Jahrhunderts eine thematische Verwandtschaft. Unter französischem Einfluß bildete sich die dem Realismus entsprechende Strömung des „Verismo“ heraus, dessen Hauptvertreter Verga und Capuana waren. Zentrales Element im literarischen Realismus war die naturgetreue Abbildung der menschlichen Lebenswirklichkeit in all ihren Aspekten. Dieser Grundaspekt eint Neorealismus und Realismus, wenn auch, wie Calvino ausführt, die Darstellung der Probleme der ländlichen Regionen allenfalls den Ausgangspunkt des Neorealismus darstelle. Er möchte vielmehr, dass sich die gesamte Welt („tutto il vasto mondo[23]) in dieser Abbildung erkenne.[24] Eine Verbindung zwischen Zweitem Weltkrieg und Sozialkritik stellt Elio Vittorini mit seinem Artikel Una nuova cultura her, in dem er eine neue Kultur als Reaktion auf die Gräueltaten des Faschismus fordert. Nach Vittorini war die Vorkriegskultur unzureichend, denn sie begnügte sich damit, die Menschen zu (ver-) trösten, anstatt Missstände zu beseitigen.[25] Somit gibt Vittorini eine soziologisch begründete Antwort auf die Frage nach dem „warum“ des Kriegs. Das Problem dieser Gesellschaft liegt ihm zufolge in der Tatsache begründet, dass sie durch den Trost, die Schreckenstaten des Faschismus nicht verhindert habe. Daraus folgt Vittorini zufolge, eine Opposition zwischen Kultur und Gesellschaft „La società non è cultura perché la cultura non è società.”[26] Er fordert eine Erneuerung der Gesellschaft, die das Leiden der Menschen verringern soll. Er möchte, dass alle Intellektuelle, unabhängig von ihrer politischen Überzeugung, sich für folgendes einsetzen: „Occuparsi del pane e del lavoro è ancora occuparsi dell’anima.“[27] Damit wird die Gewichtung zwischen Politik und Sozialreform deutlich. Eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen ist allen politischen Zielen übergeordnet. Die Frage, in welchem Maß der Neorealismus politisch ist, erweist sich als schwierig zu beantworten. Er möchte sich jedoch von der politischen Propaganda absetzen, indem er einen sozialkritischen Impuls setzt. Die damit verbundenen gesellschaftlichen Mißstände werden Thema des Neorealismus. In den Texten werden die schlechten Lebensumstände der Menschen, dokumentarisch beschrieben, aber nicht ideologisch gewertet. Meines Erachtens ist es charakteristisch für diese Strömung, nicht selbst bewerten zu wollen und nach 6 Jahren Krieg und 20 Jahren faschistischer Herrschaft, in der reihenweise propagandistische Texte publiziert worden waren, Literatur nicht mit Ideologie belegen zu wollen. Zu einer pluralistischen Gesellschaft, die der Neorealismus anstrebt, soll eine Offenheit der Lektüre gehören.

2.2.3. Die Verbindung zur europäischen und amerikanischen Literatur

Es gilt nun noch die Frage nach den Vorläufern und Wurzeln des Neorealismus zu beantworten. Vielen Kritikern zufolge bezieht sich der Neorealismus auf Werke der europäischen und amerikanischen Literatur. Neben Marcel Proust, James Joyce oder Anton Tschechow als europäischen Autoren[28], wurde auch die amerikanische Literatur der 30er Jahre, vertreten durch Ernest Hemingway, John Steinbeck und William Faulkner[29] zum Vorbild des Neorealismus. Hier ist auffällig, dass sich die Schriftsteller an der Literatur Amerikas orientieren. Mussolini hatte die USA als „paese demo-pluto-massonico[30] bezeichnet. Sehr wahrscheinlich liegt an der starken Orientierung an der amerikanischen Literatur die Absicht, sich von der faschistischen Ideologie abzugrenzen. Wichtige Autoren des Neorealismus, wie Pavese und Vittorini, waren als Übersetzer amerikanischer Literatur tätig.

2.2.4. Textuelle Merkmale des Neorealismus

Nun stellt sich im Rahmen einer Erläuterung des Neorealismus die abschließende Frage, wie sich die ideologischen Konzepte der neuen Bewegung in den Texten äußern. Die filmische und literarische Bewegung des Neorealismus sucht nach einer Sprache, welche sich am Realismus orientiert, jedoch in ihren Ausdrucksmöglichkeiten die „außergewöhnlichen Ereignisse“ des Kriegs und der Nachkriegszeit abbilden kann.

L’idea di una virtualità narrativa nuova, suggerita dagli straordinari eventi, si accompagna dunque all’idea di una virtualità espressiva da attuare nei testi con mezzi rinovati in quanto la lingua letteraria della tradizione prosastica e la lingua comune delle relazioni culturali, della scuola provengono entrambe del passato fascista, lo hanno per così dire attraversato, conservando del passaggio inevitabili tracce.[31]

Es gibt viele Texte, die auf autobiographischen Erfahrungen beruhen, wie beispielsweise Carlo Levis Cristo si è fermato a Eboli oder Primo Levis Se questo è un uomo, die im Italienischen mit dem Terminus „cronaca[32] bezeichnet werden. Diese „cronache“ sind an den Erfahrungen einzelner im Krieg interessiert, wie beispielsweise Berichte über Schicksale im Resistenzakampf oder in der Zeit der Verbannung. Sie stehen in Kontrast zu distanzierteren Formen des Erzählens.Um in fiktionalen Texten diesen Anschein von Authenzität und Unmittelbarkeit zu wahren, spielt in neorealistischen Texten die Instanz des homodiegetischen Erzählers eine wichtige Rolle, der seine vermeintlich subjektive Erfahrung äußert. Wenn keine homodiegetische Erzählweise gewählt wird, findet man oft das Mittel der Fokalisation, um die subjektive Erfahrung angemessen wiederzugeben. Anhand dieses Aspekts wird der Unterschied zwischen Neorealismus und Verismo besonders deutlich, denn die subjektive Erfahrung einer gegebenen Wirklichkeit ist im Neorealismus zentrales Thema der Darstellung. Im Verismo hingegen soll jede Art von subjektiver Erfahrung ausgeschlossen werden, da die impersonalità als bedeutendstes Erzählverfahren dominiert. Was diese Subjektivität zusätzlich betont, ist, dass die Sprache neorealistischer Literatur dem gesprochenen Italienisch sehr nahe steht. Oft werden auch Regionalismen verwandt, um die sprachliche Wirklichkeit korrekt wiederzugeben. Erzählerisch bevorzugt der Neorealismus den Dialog. Um die neuen Werte und die Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung wiederzuspiegeln, bemühte sich der Neorealismus auch um eine neue Sprache, die nicht literarisch ist, sondern nahe am gesprochenen Italienisch bleibt. Dies findet sich beispielsweise bei Ginzburg, die in einem einfachen Stil ohne Hypotaxe schreibt, der den gesamten Roman durchzieht und sich von der kunstvollen Prosa anderer Autoren abhebt. Somit versucht der Neorealismus eine neue Literatursprache und Ausdrucksform zu finden. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Neorealismus aus einer „esplosione letteraria“[33] von Romanen nach dem Krieg entstand, deren Aufkommen er mit der Kriegserfahrung der jungen Generation erklärt.

L’essere usciti da un’esperienza-guerra, guerra civile-che non aveva risparmiato nessuno, stabiliva un’immediatezza di communicazione tra lo scrittore e il suo pubblico: si era faccia a faccia, alla pari, carichi di storie da raccontare, ognuno aveva avuto la sua, ognuno aveva vissuto vite irregolari drammatiche avventurose, ci si strappava la parola di bocca.“[34]

Thema des „neuen Realismus“ ist „l’Italia reale“.[35] Doch erstreckt sich der Neorealismus nicht nur auf die Kriegserfahrung, sondern geht über sie hinaus. Diese „scoperta delle diverse Italie“[36] ist zentral für den Neorealismus. Auch Maders Formulierung der „antifaschistisch- demokratisch-kommunistischen Erneuerungsbewegung“ ist höchst relevant für den Neorealismus. Mader stellt die Verbindung zwischen Kriegserfahrung und dem Streben nach einer gerechten Nachkriegsgesellschaft detailiert dar:

„Bemerkenswert ist, daß insbesondere viele Intellektuelle in der Nachkriegszeit das Bedürfnis verspürten, an der Herausbildung eines kollektiven Bewußtseins im Sinne einer politisch linksgerichteten, von den Partisanen unterstützten und verbreiteten volksnahen und global gefaßten Kulturauffassung mitzuwirken, die der Nachkriegsgesellschaft zu neuer Hoffnung verhelfen […] soll.“[37]

Der Neorealismus thematisiert politische Fragestellungen, doch Calvino lehnt hingegen die Nähe zur „letteratura impegnata“ im Sinne des französischen Existentialismus ab. „Invece quello che si chiamava l’engagement, l’impegno, può saltar fuori a tutti i livelli, …”[38]

Wohl auch aus der Erfahrung mit der Literatur des Faschismus weigern sich die Schriftsteller des Neorealismus, ihre Literatur als Illustration einer bereits zuvor festgelegten These zu verstehen. Die plurale Gesellschaft, die er anstrebt, gehören auch pluralistische Deutungsmöglichkeiten. Gerade in Abgrenzung zur Literatur des Faschismus soll Literatur jede Polemik und Restriktion meiden. Damit macht der Neorealismus eine politische Aussage, aber ohne polemisch oder ideologisierend zu wirken. Er strebt eine neue, pluralistische Gesellschaft an, in der die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig verbessert werden.

Den Neorealismus zeichnet also eine Konzentration auf den Zweiten Weltkrieg, die Darstellung der subjektiven (Kriegs-) Erfahrung einer Generation mit neuen sprachlichen Mitteln, sowie eine Offenheit der Texte, die frei von ideologischen Zielsetzungen sind, aus. Im Folgenden soll deutlich werden, wie unterschiedlich die drei Autorinnen das neorealistische Thema des 2. Weltkriegs, der Resistenza und des Holocaust bearbeiten und wiedergeben. Als erstes wird Renata Viganòs L’Agnese va a morire betrachtet werden, der bereits 1949 veröffentlicht wurde.

3. Renata Viganò: L’Agnese va a morire

L’Agnese va a morire ist der älteste der drei in dieser Arbeit untersuchten Romane. Er erzählt die Geschichte der einfachen Bäuerin Agnese, die sich nach dem Tod ihres Mannes einer Partisanentruppe anschließt und schließlich von den Deutschen gefangengenommen und hingerichtet wird. Agnese ist Protagonistin des Romans. Sie fungiert nicht als Erzählerin, sondern ein heterodiegetischer Erzähler gibt die Ereignisse aus ihrer Sicht wieder.Dadurch erhält der Leser einen subjektiven Eindruck Agnese wohnt zu Beginn der histoire zusammen mit ihrem Ehemann Palita in dessen Elternhaus in den Valli di Comacchio in der Romagna. Alle Ortsnamen werden durch den Anfangsbuchstaben wiedergegeben, was der Tatsache Rechnung trägt, dass sich die geschilderten Ereignisse überall abgespielt haben könnten. Palita ist schwer krank, er war wegen einer nicht näher beschriebenen Krankheit für lange Zeit im Sanatorium und musste deswegen seine Schulausbildung abbrechen. Palita wird als Mann geschildert, der sich durch seine Bildung vom bäuerlichen Milieu unterscheidet.[39] Agneses einfache Herkunft spiegelt sich auch in ihrer Sprache wieder. Wegen seiner Erkrankung kann er nur Körbe und Besen flechten, womit er zum Einkommen beiträgt. Agnese führt den Haushalt und wäscht für andere Leute. Die Protagonistin entstammt somit im Gegensatz zu Ginzburgs und Morantes Figuren eindeutig dem armen, bäuerlichen Milieu. Ursprünglich lebte die Familie von der Landwirtschaft, aber aufgrund Palitas Krankheit mussten sie eine Hälfte des Hauses und ihr Gut verkaufen. Desweiteren ist Palita Anhänger der Kommunistischen Partei. Das Ehepaar hat ein Haustier, eine schwarze Katze, die Palita bei seiner Festnahme der Obhut seiner Frau anvertraut. Sie wird für Agnese zum Symbol für ihren Mann; die letzte Erinnerung an ihn, die ihr noch geblieben ist.In der anderen Hälfte des Hauses wohnt nun die Minghina, die sich zu Agneses Gegenspielerin entwickeln wird.

Agneses Tod wird im Romantitel proleptisch vorweggenommen. Am Ende ist sie allein, gerät in eine Routinekontrolle der Deutschen und von einem deutschen Soldat, der bei der Minghina lebte, erkannt und für den Mord an Kurt erschossen.

Interessant ist, dass Viganò im Epilog „La storia di Agnese non è una fantasia” beschreibt, Agnese unter einem anderen Namen wirklich begegnet zu sein, als sie sich während der Gefangenschaft ihres Mannes allein in einem Dorf der Bassa aufhielt. Sie gibt an, das Geschehen zwar fiktionalisiert zu haben, aber die tatsächlich erlebte Atmosphäre und die Lebensumstände detailiert wiedergegeben zu haben. Auch über die Herkunft der Schlüsselszene des Romans, als der Deutsche Agneses Katze erschießt, gibt sie darin Auskunft. Dies habe, Viganò zufolge, sowohl die reale Agnese als auch sie selbst erlebr. Die reale Agnese hat in letzter Konsequenz ebenfalls den deutschen Soldaten ermordet. Die Absicht dieses Berichts ist es, den Roman in die Nähe der „cronache“ zu setzen und ihm damit faktische Authenzität beim Leser zu verleihen. Ziel des Buches ist es, so Viganò, Agnese ein Denkmal zu setzen, da diese kein Grab besitze.[40] Dies macht eine heterodiegetische Erzählweise nötig, da der Roman einen faktischen Anspruch erzählt. Eine andere Person muß Agneses Geschichte erzählen. Das Buch beleuchtet exemplarisch Agneses Resistenzaktivität, die wie die vieler Frauen völlig im Verborgenen ablief und von der Historiographie übergangen wird.

3.1. Die politischen Wirren des Sommers 1943 und Palitas Tod – Wurzeln für Agneses Engagement für die Partisanen

Der Roman beginnt mit der Begegnung zwischen Agnese und einem italienischen Soldaten, der ihr das Ende des Kriegs mit den Worten „La guerra è finito. Io vado a casa.“[41] mitteilt. Durch die Zeitangabe „una sera di settembre[42] wird dem Leser deutlich, dass es sich um den Waffenstillstand vom 08.09.1943 handelt. Agnese weiß dies bereits, denn am Vorabend haben alle gefeiert, als die Nachricht des Waffenstillstands im Radio gesendet wurde. Dies macht zu diesem frühen Zeitpunkt der Histoire deutlich, dass wenige Faschisten im Dorf leben. Agnese traut der allgemeinen Euphorie nicht : „Io credo che i guai peggiori siano ancora da passare.“[43] Daran wird deutlich, wie unvermittelt der politische Wandel über die Menschen kam.

Über das Mittel des Botenberichts wird der plötzliche Einmarsch der Deutschen in Norditalien beschrieben: „Dovete subito mandar via quel soldato. Le mie figlie hanno detto che sono arrivati molti tedeschi in paese.“[44] Agnese weigert sich, den Soldaten wegzuschicken. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der histoire wird deutlich, welche Rolle den Töchtern der Mighinia zukommt: sie werden zu Geliebten und Helfershelfern der Deutschen. Dies beginnt, als sie in der „casa del fascio“ geholfen haben, den Deutschen Wein auszuschenken. Als Agnese am nächsten Morgen von einem Jungen die Warnung erhält, dass die Deutschen kommen, schickt sie den Soldaten in ein sicheres Versteck. Ihr Haus wird durchsucht und ihr Mann, nach dem die Deutschen gezielt suchen, mit den Worten „Voi Ottavi Paolo venire con noi[45] verhaftet und zum Arbeitsdienst nach Deutschland fortgebracht. Aus Ärger spuckt sie auf den Boden vor der „casa del fascio“, dem symbolischen Sitz des Faschismus vor Ort. Dies ist die erste ihrer Protesthandlungen, deren Ausmaß sich im Lauf des ersten Teils des Romans immer weiter steigert. Von Anfang an weiß Agnese intuitiv, dass ihr Ehemann tot ist. Dies wird allerdings erst spät von einem textinternen Erzähler bestätigt. Dieser hypodiegetische Erzähler[46], der Sohn des Cencio, war zusammen mit Palita deportiert worden und erzählt von der Deportation in versiegelten Viehwaggons nach Deutschland. Der Tod Palitas während der Deportation wird zum Auslöser für Agneses Engagement bei den Partisanen und für ihren bedingungslosen Haß auf die Deutschen und Faschisten. „Nasceva invece in lei un odio adulto, composto ma spietato, verso i tedeschi che facevano da padroni, verso i fascisti servi, nemici essi stessi fra loro, e nemici uniti contro povere vite come la sua, di fatica, inermi, indifese.”[47] Hier wird ein Modell ausgedrückt, das für den Text bestimmend wird; die Deutschen werden als eitle Herren der Welt geschildert, die italienischen Faschisten als deren feige Helfer („fascisti servi“) die die einfachen Menschen unterdrücken. Als Agnese Besuch von zwei Parteigenossen ihres Mannes bekommt, nimmt sie dessen früheren Platz bei den Partisanen ein. Im zweiten Kapitel des Romans tritt deutlich hervor, dass im damaligen Bewusstsein Politik eine reine Männerangelegenheit war, die Frauen nicht interessierte. Agnese weiß zwar, dass ihr Ehemann der KPI nahesteht, jedoch nicht, dass er zu den Partisanen gehört; doch sie interessiert sich nicht weiter für die politische Arbeit ihres Mannes.

Mio marito ne parlava, ma erano cose di politica e di partito, cose da uomini. Io non ci badavo. So che ha sempre voluto male ai fascisti, e dopo anche ai tedeschi, e diceva che i comunisti ci avrebbero pensato loro per tutti, anche per i padroni che ci sfruttano, a fare piazza pulita.[48]

Dem Text nach gibt es eine Unterteilung in “cose da uomini” und “cosa da donne”. Politik interessiert Frauen nicht und har sie nicht zu interessieren: ihr Bereich ist der Haushalt und das tägliche Leben. Interessanterweise überschreitet Agnese diese Grenze durch ihre Mitarbeit bei den Partisanen, aber auch dort fällt sie, wie Bernadette Luciano herausgearbeitet hat, wieder in die ihr vertraute Rolle als Ehefrau und Mutter zurück: sie kocht für die Partisanen und sorgt für die Behaglichkeit der Männer.[49]

Nach dem Besuch der beiden Männer und dem Verlust ihres Mannes, bringt sie sich immer stärker bei den Partisanen ein, sie beginnt als Botin und bekommt zunehmend wichtigere Aufträge. Der Mord am deutschen Soldaten ist ein Wendepunkt und erfordert schließlich, dass sie ihre gewohnte Lebenswelt verlässt und sich ganz den Partisanen anschließt. Wie Luciano zutreffend beobachtet, engagiert sie sich „ […] out of wifeley obligation, out of a desire to continue the work of her dead husband. Agnese draws her strength from visions she summons, dreams in which her husband appears before her, reminding her that she had been a good wife and encouraging her to carry on his cause.”[50] Diese Träume, in denen Palita ihr erscheint, sind ein Leitmotiv des Romans. Nachdem sie vom Tod ihres Mannes erfahren hat, erscheint er ihr regelmäßig im Traum und billigt ihre Handlungen.Dadurch fühlt sie sich über seinen Tod hinaus ermutigt; er wirkt beinahe wie ein allwissender Schutzgeist. Der Tod ihres Mannes, das Bewußtsein, sein Erbe fortzuführen und der daraus resultierende Haß auf die Deutschen sind die einzige Motivation für Agnese, sich den Partisanen anzuschließen. Nicht ihre eigene politische Überzeugung ist dafür ausschlaggebend, sondern einzig ihr Wunsch, die Sache ihres Mannes über dessen Tod hinweg weiterzuführen. Damit entspricht Agnese dem typischen Rollenmodel l- sie als Frau interessiert sich prinzipiell nicht für Politik und ist in diesem Bereich nur Handlanger der Männer.

3.2. Palitas Tod auf der Deportation

Im Text wird die Bestätigung von Agneses Ahnung, dass Palita tot ist, langezeit vom Erzähler elliptisch ausgespart. In einer Analepse wird vom hypodiegetischen Erzähler über Palitas weiteres Schicksal berichtet. Nach einer Untersuchung werden alle Verhafteten für fähig befunden, zur Arbeit nach Deutschland zu gehen, auch der fieberkranke Palita. Der Arzt spiegelt jene bereits beschriebene Haltung der Deutschen, sich als „Herrenvolk“ zu sehen, wieder: „Gli battevano una mano sulla spalla e parlavano in tedesco, l’interprete traduceva: Dicono che la Germania ti farà bene, è un bel paese, il più bello e grande del mondo, e rideva quel porco.”[51] Diese Worte des Arzts sind in höchstem Maß zynisch, denn Palita wird auf der Fahrt nach Deutschland sterben. Der Arzt weiß wohl bereits, dass Palita in ein deutsches Vernichtungslager kommen soll. Somit wertet er die Fahrt nach Deutschland als gerechte Strafe für den Kommunisten. Am Bahnhof werden die italienischen Gefangenen nach und nach in Züge verladen, nur Palita, der Erzähler und zwei andere Männer kommen in Viehwaggons, jene „treni piombati“, die für Cenzo Rena in Tutti i nostri ieri pars pro toto für den Holocaust stehen. Darin spielen sich infernalische Szenen ab: als die Soldaten die Türen öffnen, möchte eine Frau ihr totes Kind herausgeben, damit dieses begraben wird. Doch die deutschen Soldaten verwehren ihr diesen Wunsch, im Waggon wird sie ihre Tochter über eine Lucke hinausbugsieren und sich dann das Leben nehmen, in dem sie ihren Kopf gegen die Lucke hämmert.

[...]


[1] Sharon Wood (ed.), Italian Women Writing, Manchester 1993, S.3.

[2] Vgl. Ruth Mader, “E bello raccontare i guai passati”? Konstanten einer “Literatur der Gezeichneten” im Kontext des italienischen Faschismus am Beispiel dreier jüdischer Zeitzeugen; Primo Levi, Giorgio Bassani, Natalia Ginzburg, Inaugural-Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 1999, S.11.

[3] Am 2.12.1942 hatte Mussolini in einer Rede Bilanz gezogen: 40.000 Soldaten waren im Krieg gefallen, 230 000 Italiener befanden sich in Kriegsgefangenschaft. (vgl. Friedricke Hausmann, Kleine Geschichte Italiens von 1943 bis Berlusconi, Berlin 2004, S.13)

[4] Hausmann, S.14.

[5] Roberto Battaglia, Storia della Resistenza Italiana - 8 settembre 1943-25 aprile 1945, Turin 1964, S.82 für ihr Dekret: Nel momento in cui il nazismo tenta restaurare in Roma e in Italia il suo alleato fascista, i partiti antifascisti si constituiscono in Comitato di liberazione nazionale, per chiamare gli italiani alla lotta e alla resistenza e per riconquistare all’Italia il posto che le compete nel consesso delle libere nazioni.“

[6] Volker Kapp (Hg.), Italienische Literaturgeschichte, 2.Aufl., Stuttgart 1994, S.351.

[7] vgl. Centro di Studi della Resistenza, La Guerra Poploare di Liberazione- la Resistenza Le Cifre [http://www.romacivica.net/anpiroma/resistenza/cifre.html] abgefragt 12.05.2006.

[8] Der Turiner Gruppe hatten sich die Brüder von Natalia Levi, sowie ihr späterer Ehemann Leone Ginzburg angeschlossen. Leone Ginzburg wurde am 06.11.1934 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt und später mit seiner Familie in die Verbannung nach Pizzoli, ein Dorf in den Abruzzen, gesandt, wo Natalia Ginzburg zu schreiben begann.

[9] Auch in Kunst und im Film spricht man von neorealistischen Werken. Klassiker des neorealistischen Films sind die Trilologia della guerra von Roberto Rossellini oder Vittorio De Sicas Ladi di biciclett.e Als Hauptvertreter neorealistischer Kunst wird oft Renato Guttuso (1911-87) angeführt.

[10] Carlo Bo, Inchiesta sul neorealismo, Rom 1951, S.27.

[11] Maria Corti, Il Viaggio Testuale, Turin 1978, S.28.

[12] Die neue Sachlichkeit wird von Corti folgendermaßen beschrieben (Corti, S.29) La neue Sachlichkeit fu un movimento di netta reazione all’espressionismo: cioè al sogno di un umanitarismo generoso ma vago e tumultario (quale era nel programma degli espressionisti) si oppose nella Germania del primo tragico dopoguerra, la dura realtà del momento; al linguaggio delle esclamazioni e delle grida incomposte si oppose la descrizione dura “sachlich” della vita, delle lotte e delle difficoltà di ogni giorno.”

[13] Manfred Hardt, Geschichte der italienischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Frankfurt a.M. 2003 , S.739.

[14] So beispielsweise in Roberto Rosselinis 1945 entstandenem Film Roma città aperta.

[15] Walter Benjamin, Der Erzähler, Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows, in: Ders., Gesammelte Schriften, Band II/2, Frankfurt a.M. 1977, S.239.

[16] Mader,S.27.

[17] Mader, S.28.

[18] ebd.

[19] Kapp, S.351.

[20] Dies findet sich auch in Rossellinis Film Roma città aperta wieder, wo die Protagonistin ebenfalls aus der römischen Unterschicht stammt.

[21] Calvino, S.9.

[22] Corti, S.35.

[23] Calvino, S.9.

[24] Dies war auch bereits Honoré de Balzacs explizite Zielsetzung in La Comédie Humaine, was sich dort allerdings auf die Spannbreite der sozialen Realität in Paris bezog.

[25] Vittorini, S.20: “Pensiero greco, pensiero latino, pensiero cristiano di ogni tempo, sembra non abbiano dato agli uomini che il modo di travestire e giustificare, o addirittura di rendere tecniche le barbarie dei fatti loro.”

[26] Ebenda, S.21.

[27] ders., S.22.

[28] Vgl.dazu Natalia Ginzburg , Prefazione ai Cinque Romanzi Brevi, Turin 1964, S.5 : “Il mio nume era Cecov.”

[29] Bo,S.57.

[30] Elena Clementelli, Invito alla lettura di Natalia Ginzburg, Mailand 1972, S.17.

[31] Corti, S.91.

[32] F. Gavino Olivieri, Storia della Letteratura Italiano, Ottocento, Novecento, Genua o.J., S.240.

[33] Calvino, S.7.

[34] ebd.

[35] Giuseppe Leonelli, “Politica e cultura. La letteratura tra impegno e sperimentazione” in: Malato (Hg.), Storia della Letteratura Italiana IX, Rom 2000, S.692.

[36] Calvino, S.8

[37] Mader, S.28.

[38] Calvino, S.13.

[39] Viganò, S.12/13: “Mi [Agnese M.U.] ha voluto perché ero più istruito degli alrri,- disse.”

[40]Renata Viganò, L’Agnese va morire, Turin 1994, S.246.

[41] Viganò, S.11.

[42] ebd.

[43] Viganò, S.11.

[44] Viganò, S.13.

[45] Viganò, S.15.

[46] Shlomith Rimmon-Kenan. Narrative Fiction. Contemporary Poetics. London 1983, S.91-93.

[47] Viganò, S.20.

[48] Viganò, S.21.

[49] vgl. Bernadette Luciano, “Women Writing History: Female Novels of the Resistance” in: Matia Ornella Marotti, Gabriella Brooke (Hgs.), Gendering Italian Fiction. Feminist Revisions of Italian History, Fairleigh, London 1999, S.154.

[50] Luciano, a.a.O.

[51] Viganò, S.35.

Details

Seiten
113
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640368969
ISBN (Buch)
9783640369355
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130858
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Neuphilologische Fakultät, Romanisches Seminar, Lehrstuhl für italienische Literaturwissenschaft
Schlagworte
Widerstand Nationalsozialismus Thema Neorealismus Renata Viganó Natalia Ginzburg Elsa Morante

Autor

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Titel: Widerstand gegen den Nationalsozialismus als Thema des italienischen Neorealismus