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Der Internationale Währungsfonds - Aktuelle Reformansätze mit Kritik

Diplomarbeit 2002 112 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Abgrenzung des Themas

2. Der Internationale Währungsfonds (IWF) - Die Institution
2.1. Geschichte und Entstehung
2.1.1. Gründung
2.1.2. Der Wiederaufbau und die Goldene Ära
2.1.3. Der Kollaps des Bretton-Woods Systems und die 1970er Jahre
2.1.4. Die achtziger Jahre
2.1.5. Der Washington Konsens
2.2. Organisation, Aufgaben und Funktionsweise
2.2.1. Organisation und Beschlusstätigkeit
2.2.2. Aufgaben und Funktionalität
2.2.2.1. Finanzierung
2.2.2.2. Überwachung
2.2.2.3. Dienstleistung und technische Hilfe

3. Die Krisen der 1990er Jahre und die Rolle des IWF
3.1. Die Mexiko-Krise
3.1.1. Die Krise
3.1.2. Der „Tequilla-Effekt“
3.1.3. Die Rettung
3.1.4. Fazit
3.2. Die Asien-Krise
3.2.1. Süd-Ost Asien vor der Krise
3.2.2. Der Verlauf der Krise
3.2.3. Fazit
3.3. Die Russland-Krise
3.3.1. Der Beginn der Transformation
3.3.2. Die Krise
3.3.3. Fazit

4. Der Internationale Währungsfond – Eine Problemanalyse
4.1. Organisation und Aufgaben
4.1.1. Die satzungsmäßigen Hauptaufgaben des Fonds
4.1.2. Die Aufgabenteilung mit Weltbank und WTO
4.1.3. Die Finanzinstrumente des Fonds
4.1.4. Die Rechenschaftspflicht des Fonds
4.2. Wirtschaftspolitische Ausrichtung
4.2.1. Die internationale Finanzarchitektur
4.2.2. Marktbeeinflussung durch „Bail-out“
(die „Moral Hazard“ Problematik)
4.2.3. Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen des Fonds
4.2.4. Die Dimension heutiger Finanzmärkte und deren Kontrolle
4.2.5. Die Bedeutung von Institutionen im marktwirtschaftlichen Entwicklungsprozess
4.3. Politische Problematik
4.3.1. Demokratieverständnis und Machtverteilung in den BWIs
4.3.2. Konditionalitäten als Druckmittel und deren Wirksamkeit
4.3.3. Das „Good Governance“ Problem

5. Aktuelle Reformansätze mit Kritik
5.1. Einordnung der Reformansätze
5.2. Die Reformansätze mit Kritik – Ein Forderungskatalog
5.2.1. Demokratisierung der Machtverhältnisse.
5.2.2. Verringerung der Handlungskompetenzen.
5.2.3. Restrukturierung der Finanzierungsfunktion
5.2.4. Verringerung des „Moral Hazards“
5.2.5. Einführung von Standards und Verhaltenskodizes
5.2.6. Neuordnung der Finanzarchitektur
5.3. Abschließende Einschätzung

6. Persönliche Schlußbetrachtung

Anhang Tabellen
Anhang Abbildungen
Anhang Definitionen
Literaturverzeichnis
Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Stimmverteilung im IWF

Abbildung 2: Ausstehende Kredite des IWF

Abbildung 3: Zunehmende Häufigkeit von Krisen

Abbildung 4: Einbruch des mexikanischen Peso

Abbildung 5: Einbruch der Wechselkurse in Asien

Abbildung 6: Auswirkung der Asien-Krise auf die Armut

Abbildung 7: Russland‘s BIP zu Marktpreisen

Abbildung 8: Einbruch des russischen Rubels

Abbildung 9: Bedeutung von IWF Krediten

Abbildung 10: Entwicklung der Gesamtverschuldung von Entwicklungsländern

Abbildung 11: Rückgang des mexikanischen BIP

Abbildung 12: Zinssätze in Asien um 1998

Abbildung 13: Reform der Stimmrechte nach Huffschmid

Abbildung 14: Entwicklung von Wechselkurssystemen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Private Kapitalzuflüsse in Schwellenländer

Tabelle 2: Durchschnittliches Wachstum der Tiger-Staaten

Tabelle 3: Auswirkungen auf die russische Volkswirtschaft

Tabelle 4: Aussenverschuldung der Tiger-Ökonomien

Tabelle 5: Makroökonomische Daten der Tiger-Ökonomien

1. Einleitung

Der Internationale Währungsfonds wurde geschaffen um Wachstum und Wohlstand seiner Mitglieder zu sichern und zu mehren. Er sollte nach den Jahren der Weltwirtschaftskrise durch Bereitstellung von Hilfskrediten für Stabilität und Sicherheit sorgen. Doch für was steht der IWF heute?

Der Fonds ist nun seit über zehn Jahren ins Fadenkreuz der öffentlichen Kritik geraten. Er hat sich für viele zum Feindbild gewandelt. Er steht heute für einen ungerechten und unmenschlichen Globalisierungsprozess, gegen den, wie zuletzt in Genua, Hunderttausende auf die Straßen gehen. Die Aktionen des IWF stehen wie noch nie im Fokus der Öffentlichkeit und werden von allen Seiten harsch kritisiert. Zu den Dauergegnern des Fonds vom linken politischen Spektrum haben sich seit einigen Jahren auch Kritiker aus dem konservativem Lager gesellt und es scheint, als würden seine Aktionen bereits vorher zum Scheitern verurteilt. Für die einen ist er der Verkünder des amerikanischen „Raubtier-Kapitalismus“, für die anderen der „Geldautomat“ wirtschaftlich schlecht geführter Länder mit korrupten und diktatorischen Regimen. Praktisch für jede Seite ist der IWF eine „böse“ Institution. Regierungen sehen sich durch seine Kreditprogramme in ihrer Souveränität verletzt. Globalisierungsgegner kritisieren ihn für seine unsozialen Strukturanpassungs- und Sparprogramme. Marktfundamentalisten sehen in ihm den Brandstifter der letzten Wirtschaftskrisen, da er die Märkte am effizienten Funktionieren hindere. Politiker der G7 Staaten sehen ihre Gelder ohne Wirkung verschwendet. Man könnte sagen, der IWF ist der unbeliebteste „Feuerwehrmann“ der Welt. So hat es der IWF im vergangenen Jahrzehnt geschafft, fast alle negativen Schlagzeilen aus der Weltwirtschaft mit seinem Namen zu verbinden. Dabei sind vor allem die Wirtschaftskrisen der 1990er Jahre im Gedächtnis geblieben. Die Krisen in Mexiko, Russland , Südost-Asien, Brasilien und zuletzt, seit 2001 in Argentinien, führten zu Massendemonstrationen gegen Fonds und Länderregierungen. Durch die sozialen Folgen der IWF Programme kam es in Ländern wie Indonesien (1997) und Argentinien (2001) zu politischen Unruhen und Politikwechseln.

Die Kritik am IWF ist einhellig, wenn es aber um dessen Reform geht, scheiden sich die Geister. Von der Abschaffung des Fonds bis zur Ausweitung seiner Aufgaben ziehen sich zahllose Vorschläge hin. Aber wo befindet sich der derzeitige Stand der Diskussion und wo sollten Reformen ansetzen? Genau dazu soll diese Arbeit einen Beitrag leisten.

1.1. Problemstellung

Diese Arbeit soll die Debatte um die Reform des IWF auf dem derzeitigen Stand darstellen. Dabei sollen die internen Zusammenhänge des Fonds ebenso Berücksichtigung finden wie die Felder auf denen er agiert. Aus der vor allem aus den letzten zehn Jahren resultierenden Kritik sollten die Probleme des Fonds herauskristallisiert und übersichtlich erläutert werden. In einer Zusammenfassung werden die verschiedenen Reformvorschläge mit deren Unterschieden dargestellt und durch eigenes Konzepte ergänzt.

1.2. Abgrenzung des Themas

Es konnten in dieser Arbeit nur die wichtigsten Probleme, mit denen der IWF aufgrund seiner Aufgaben konfrontiert ist, behandelt werden. Ebenso wurden nur die wichtigsten Punkte der Reformdiskussion und Reformvorschläge erörtert. Tiefergehende Analysen hätten den Rahmen dieser Arbeit gesprengt, weshalb sie nicht im Detail ausgeführt wurden. Jedoch wurden die Erkenntnisse aus diesen Analysen aufgenommen.

2. Der Internationale Währungsfonds (IWF) – Die Institution

Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Kritik und der daraus resultierenden Reformansätze muss zunächst einmal die Geschichte, Struktur und Funktionsweise dieser Institution ausreichend erklärt werden. Diese Grundlagen sind für das weitere Verständnis der Arbeit dringend erforderlich. Der geschichtliche Überblick endet in den 1980er Jahren. Die Krisen der folgenden Jahre sind in den anschließenden Ausführungen dargestellt.

2.1. Geschichte und Entstehung

2.1.1. Gründung

Die Ursprünge des Fonds reichen zurück bis in die 1930er Jahre, in die Zeiten der großen Depression. Zu dieser Zeit gingen tausende von Firmen und Banken bankrott. Die Preise fielen unter die Erzeugerkosten, Ersparnisse wurden wertlos. Deutschland wurde von einer Hyperinflation überrollt und Heere von Arbeitslosen waren auf der Suche nach Jobs. Der Kapitalismus schien gescheitert.[1]

Diese Zeit hatte weitreichende Folgen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es existierte keinerlei Vertrauen mehr in Papiergeld, in der Folge stieg die Nachfrage nach Gold. Die meisten Währungen wurden nur noch in Gold bewertet. Das Tauschgeschäft florierte sogar zwischen Staaten (eine Lokomotive gegen 100 t Kaffee). Des weiteren wurde wieder verstärkt auf protektionistische Maßnahmen wie Zölle und Handelsbarrieren gesetzt. Der internationale Handel brach zwischen 1929 und 1932 um 63% ein.[2] Mehrere internationale Konferenzen waren nicht in der Lage, die Währungsprobleme der Weltwirtschaft zu lösen.

In der Bevölkerung kam es zu sozialen Unruhen aufgrund einer immensen Zahl an Arbeitslosen. Die wirtschaftlichen Probleme führten in mehreren europäischen Ländern zu politischen Unruhen und trieben die verarmte Bevölkerung in die Hände von extremistischen Parteien (wie der NSDAP in Deutschland). In der Folge kam es 1939 erneut zum Krieg in Europa.

Noch während des zweiten Weltkriegs kamen die Wirtschaftsexperten der westlichen Alliierten zusammen, um über eine neue Finanzarchitektur nach dem Krieg zu beraten. Unter der Federführung der USA und Großbritanniens führten diese Treffen schließlich zur Konferenz von Bretton Woods, einer Kleinstadt im Staate New Hampshire, im Juli 1944. Grund für diese Kooperation war vor allem die Erkenntnis aus den vergangenen Jahrzehnten, dass sowohl ein strenger Goldstandard als auch vollständig flexible Wechselkurse nicht in der Lage waren, ein stabiles Währungssystem zu gewährleisten.[3] Ziel der Konferenz war es deshalb, eine neue internationale Finanzarchitektur zu schaffen, die stabile Wechselkurse gewährleisten konnte und Raum für nationale Vollbeschäftigungsprogramme bot.[4] Dieses Konzept wurde unter dem Namen „embedded liberalism“ bekannt.

Der us-amerikanische Ökonom Harry Dexter White und der Brite John Maynard Keynes waren dabei federführend. Innerhalb der Verhandlungen gelang es den Amerikanern, durch finanzielle Zusagen an die Briten eine dominierende Position zu erlangen. Großbritannien, durch den 2. Weltkrieg hoch verschuldet und geschwächt, war auf die USA angewiesen, die neue Weltmacht, die als Sieger aus dem Krieg hervorgegangen war.[5]

Während der Verhandlungen wurden deutliche Unterschiede zwischen den Vorschlägen Keynes und White‘s deutlich. Keynes‘ Plan basierte vor allem auf der Idee, den Welthandel durch die Bereitstellung von Liquidität zu fördern, trotzdem aber Handelsrestriktionen zuzulassen und auch Wechselkursanpassungen vorzunehmen. Letztendlich sollten diese Maßnahmen dazu dienen, wieder mehr Beschäftigung zu schaffen. Kernstück von Keynes‘ Plan war eine supranationale Zentralbank. Diese sollte umfassende Zahlungsbilanzfinanzierung gewährleisten und ein internationales Geld einführen, dessen Wert in Gold festgelegt würde. Außerdem sollten Kapitalverkehrskontrollen wilde Spekulationen gegen die Währungsparitäten verhindern. Demgegenüber stand der Plan von White, der wesentlich mehr Wert auf Wechselkursstabilität als auf Liquiditätsbereitstellung legte. Erste Priorität hatte die volle Konvertierbarkeit aller beteiligten Währungen. White war gegen eine internationale Zentralbank und für die Einrichtung eines Stabilisierungsfonds unter dem Dach der Vereinten Nationen.[6]

Letztendlich führten die Verhandlungen von Bretton Woods zu einem Kompromiss. Die wichtigsten Beschlüsse finden sich im folgenden Schaukasten 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaukasten 1: Beschlüsse von Bretton Woods [7]

Diese Beschlüsse vom Juli 1944 führten schließlich zur Gründung der Weltbank und des IWF. Im Mai 1946 nahm der IWF mit anfangs 39 Mitgliedsstaaten in Washington D.C. seine Arbeit auf. Der IWF wurde mit einem Startkapital von 8,8 Mrd. $ ausgestattet, das die Mitgliedsländer in Landeswährung (75%) und Gold (25%) als Währungsreserve zur Verfügung stellten. Die Satzung des IWF findet sich in den „Articles of Agreement“ wieder. Zum leichteren Verständnis der Weiterentwicklung des Fonds findet sich im Schaukasten 2 ein kurzer Überblick über das mittlerweile veränderte Satzungsfundament des IWF.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaukasten2 : The Articles of Agreement (AoA)[8]

2.1.2. Der Wiederaufbau und die Goldene Ära

Die ersten Jahre des IWF waren vor allem vom Wiederaufbau Europas geprägt. Die dortigen Volkswirtschaften waren am Boden und bedurften intensiver finanzieller Zuwendung, um wieder Wachstum generieren zu können. Ziel war es in erster Linie, eine funktionsfähige Produktion und einen Exportsektor zu schaffen. Durch den US-amerikanischen Marshall-Plan wurden zu diesen Zwecken letztlich 13 Milliarden US-$ zur Verfügung gestellt.[9]

Zu Beginn waren auch die sozialistischen Länder mit einbezogen worden. Allerdings machte „die gesamte politische Logik der Konstruktion der beiden Bretton-Woods-Institutionen als Systempfeiler einer kapitalistischen Weltordnung den sozialistischen Staaten, die sich doch als bessere Alternative verstanden, eine Teilnahme unmöglich.“[10] So verließen schließlich alle sozialistischen Länder in den 50er Jahren den Fonds wieder.

Die Amerikaner versuchten in den ersten Jahren auf eine schnelle Umsetzung der Beschlüsse von Bretton-Woods hin zu wirken, vor allem auf die volle Konvertierbarkeit aller Währungen. Die amerikanische Politik bemühte sich intensiv um die Umsetzung einer "Open-Door-Policy", die im Streben nach einem freien, liberalen, multilateralen Handelssystem manifestiert wurde.[11]

Wirtschaftlich stellten sich aber zu Beginn bereits einige Probleme ein, die sich im Laufe der Zeit weiter ausweiten sollten. So gelang es Großbritannien nicht, das Pfund als internationale Reservewährung zu etablieren. Durch die angeschlagene britische Volkswirtschaft, eine relativ hohe Inflation und eine defizitäre Leistungsbilanz geriet das Pfund schnell unter Abwertungsdruck.[12] Schließlich wurde das Pfund abgewertet und die Amerikaner wichen kurzzeitig von ihrer Forderung nach voller Konvertierbarkeit ab. Folglich dominierte der Dollar klar das Pfund als Reservewährung. Ein weiteres Problem der Fixierung an den US-$ war, dass die Wirtschaftspolitik der USA weitreichende Auswirkungen auf die Währungen der anderen Staaten hatte. So konnte eine expansive Geldpolitik der USA dazu führen das alle Paritäten unter Druck gerieten. Ein Abwertungsdruck auf den Dollar führte dazu, dass andere Länder, zum Beispiel Deutschland, dazu verpflichtet waren, vermehrt Dollar nachzufragen, um dessen Kurs zu stützen. Durch diese Stützungskäufe (z.B. in DM) mußte die inländische Geldmenge erhöht werden, was wiederum zu einer importierten Inflation führen konnte. Letztlich wurde es den nationalen Zentralbanken durch die Dollar-Anbindung unmöglich gemacht, eine eigenständige Geldpolitik zu betreiben.[13]

Vorerst wurde aber durch die amerikanische Hilfe ein deutliches Wirtschaftswachstum in Europa forciert. Diese Erfolge führten schließlich 1958 zur vollen Konvertierbarkeit aller Währungen innerhalb der IWF-Mitglieder.[14]

In der Zeit ab 1959 verzeichneten Europa und auch Japan einen deutlichen Anstieg des Wirtschaftswachstums, getragen von ihrer ausgedehnten Exporttätigkeit. Dies führte zu einem Abbau der Dollarlücke in den Währungsreserven. Die amerikanischen Warenexporte sanken und die Kapitalexporte zogen stark an, es kam zu einem immer weiter steigenden Zahlungsbilanzdefizit in den USA. Dies wiederum hatte zur Folge, dass andere Staaten ihre Dollar-Reserven erhöhen konnten. 1964 überstiegen schließlich die US-Dollar-Reserven im Ausland die Goldreserven des US-amerikanischen Finanzministeriums, was zu einer Gefährdung des Gold/Dollar Standards führte.[15] Eine Aufwertung, vor allem der DM und folglich eine Abwertung des Dollars schienen unausweichlich. Die Amerikaner befürchteten jedoch einen Vertrauensverlust des Gold/Dollar Standards durch eine solche Neubewertung. Obwohl im Paritätenkonzept von Bretton-Woods Anpassungen durchaus zulässig gewesen wären, lehnte die USA dies ab. Als Folge wurde in der Zeit von 1949 bis 1967 praktisch kaum eine Anpassung durchgeführt, was sich als schwerwiegendes Problem herausstellen sollte. Die USA griff unter der Kennedy-Administration zu Gegenmaßnahmen, indem sie Kapitalexportkontrollen und eine Zinsausgleichssteuer einführte. Diese Maßnahmen brachten allerdings nicht den erhofften Erfolg. „Es zeichnete sich zunehmend ab, dass das eigentliche Problem im Goldstandard selbst lag“[16]

Der IWF erhöhte in den 1960er Jahren seine Finanzierungsreserven um erst 50% dann nochmals um 25%. Auf Drängen der Europäer wurde schließlich 1967 die Schaffung einer neuen Reservewährung des IWF beschlossen, die sogenannten Sonderziehungsrechte (SZR)[17], die eine autonome Basis internationaler Liquidität darstellen sollten.[18] Die SZRs sollten außerdem die Dominanz des Dollars abschwächen.

Da in den 1960er Jahren vermehrt Dollar in Gold konvertiert wurden, geriet die US-Notenbank unter verstärkten Druck, den Goldstandard aufrecht zu erhalten.[19] Das Ende der „Goldenen Ära“ war von politischen und wirtschaftlichen Krisen gekennzeichnet und der Dollar/Goldstandard wurde mehr und mehr zum Problem.

2.1.3. Der Kollaps des Bretton-Woods Systems und die 1970er Jahre

Nach den sich bereits in den 1960er Jahren abzeichnenden Problemen kam es schließlich im Frühjahr 1971 zu einer Kapitalflucht vom Dollar in die unterbewertete DM. Schließlich gab Deutschland den Kauf von Dollars zur Stützung des Wechselkurses auf und ging als erstes Land zum „freien Floaten“[20] über.[21] Im darauffolgenden Sommer schlossen die Amerikaner erstmals das „Goldfenster“, d.h. sie hoben die Verpflichtung auf, Gold gegen Dollar zu tauschen. Der Dollar wurde im Dezember 1971 erstmals abgewertet und die Schwankungsbreite für Wechselkurse wurde auf 2,25% erweitert. Das Problem war dadurch aber offenkundig nicht behoben, denn bereits 1973 wiederholte sich die Situation und der Dollar mußte erneut abgewertet werden. Das System fester Wechselkurse von Bretton Woods war gescheitert.[22]

Mit der Einführung flexibler Wechselkurse definierte sich auch die Rolle des IWF neu. Der Aufbau Europas war geglückt und die festen Wechselkurse abgeschafft, somit waren die ursprünglichen Hauptaufgaben weggefallen. Der IWF wurde in den folgenden Jahren mehr und mehr zu einer Liquiditätsquelle für unterentwickelte Länder in Zahlungsbilanzschwierigkeiten. Eine weitere neue Aufgabe war die Inflationsbekämpfung. In den 1970er Jahren wurde unter anderem auch vom McCracken-Report eine expansive Wirtschaftspolitik empfohlen, um das abgeschwächte Wachstum wieder anzukurbeln. Diese Maßnahmen basierten vor allem auf dem Glauben an die „Philips-Kurve“, die besagt, dass mit einer höheren Inflation auch mehr Beschäftigung einhergehen würde. Leider stellte sich dies als Trugschluß heraus. Letztendlich führten die expansive Fiskalpolitik und strukturelle Probleme zu relativ hohen Inflationsraten auch in den westlichen Industrienationen. Da auch viele ärmere Länder schwerwiegende inflationäre Probleme nicht beseitigen konnten, wurde die Vermeidung von Inflation in den Zielkatalog der „Articles of Agreement“ aufgenommen (Artikel IV (i)).[23]

Darüber hinaus übernahm der Fonds erstmals auch entwicklungspolitische Verantwortung. Die in den 1970ern vorherrschende Dependenztheorie veranlasste den Fonds, Entwicklungsländern Mittel zur Verfügung zu stellen, um die sog. importsubstituierende Industrialisierung voran zu bringen. Das bedeutet, dass Länder aufgrund ihrer Abhängigkeit von den westlichen Kernländern versuchen sollten, wichtige Importprodukte selbst herzustellen. Diese Umorientierung war teuer und erforderte Mittel des Fonds. Erst die Überschuldungskrise in den achtziger Jahren beendete diese Handlungsaktivitäten.[24]

2.1.4. Die achtziger Jahre

Die achtziger Jahre waren geprägt von rasanten und grundlegenden Änderungen in Politik und Wirtschaft, ausgelöst durch schwerwiegende Probleme der westlichen Industrienationen, vor allem der USA. Amerika sah sich einem Rückgang des Bruttosozialprodukts, der Arbeitsproduktivität und der Investitionen gegenüber. Außerdem stieg die Inflation in den meisten Ländern an und erreichte aufgrund des zweiten Ölschocks in den USA 13,5 %. Des weiteren erhöhten sich auch die Haushaltsdefizite durch die nachfrageorientierte expansive Fiskalpolitik.[25]

Die Lage der Weltwirtschaft schien Veränderungen zu erfordern. Diese vollzogen sich auf breiter Ebene. In den USA wurde Ronald Reagan und in Großbritannien Margret Thatcher zu Regierungschefs gewählt. Durch diesen Machtwechsel „löste die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik endgültig die nachfrageorientierte, ab.“[26] Zu Beginn der achtziger hatten die Monetaristen um Milton Friedman das Ruder in Hand genommen, um den lahmenden Kapitalismus wieder auf Vordermann zu bringen. Dies sollte durch einen Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, steuerliche Entlastungen und eine Inflation bekämpfende Geldpolitik gewährleistet werden. Die Reagan-Regierung verabschiedete 1981 ein Wirtschaftsprogramm mit dem Namen „America`s new beginning“, damit war die ideologische Wende in der Wirtschaftspolitik eingeleitet.

Auch bei IWF und Weltbank veränderten sich Führung und Ausrichtung. So wurde William Clausen 1981 neuer Weltbankpräsident und bereits 1978 wurde Jaques de Larosiere neuer geschäftsführender Direktor beim IWF. In der Folge änderten sich auch die ideologische Ausrichtung und die Empfehlungen der Bretton Woods Institutionen.[27] So empfahl der IWF den Ländern mit wirtschaftlichen Problemen vor allem den Abbau des Staatsdefizits und der Subventionen, eine Inflationsbekämpfung, Zinserhöhungen sowie Stärkung der Exporttätigkeit. Diese freihandelsorientierte Liberalisierungspolitik war weit entfernt von den Ideen Keynes. Auch das in den siebziger Jahren favorisierte Konzept der Importsubstitution für Entwicklungsländer war nach den Misserfolgen beerdigt worden, da sich die Importsubstitutions-Politik als mitverantwortlich an der Schuldenkrise der achtziger Jahre herausstellte. Die Staaten versuchten eine starke Binnenwirtschaft aufzubauen, dadurch entstand erheblicher Liquiditätsbedarf, dieser wurde von ausländischen Banken und nicht zuletzt vom IWF finanziert. Wegen struktureller Probleme und exogener Schocks (z.B. Ölkrise) konnten die Investitionen kein Wachstum schaffen. Deshalb konnten die Kredite nicht zurückbezahlt werden. Ein weiteres Problem war, dass durch die restriktive Geldpolitik der USA der Dollar stark aufgewertet wurde und die, in Dollar aufgenommenen Kredite, nun deutlich teurer waren. So verachtfachten sich die Schulden der Entwicklungsländer in der Zeit zwischen 1975 und 1985[28].

Der IWF wurde im Zuge dessen zum Hauptakteur bei der Lösung dieses Problems, vor allem bei der Umsetzung des Baker- und später des Brady-Plans. Diese Pläne sollten eine nachhaltige Schuldensenkung erwirken. Doch diese Versuche schlugen fehl, wohl auch wegen der Skepsis der Entwicklungsländer. Es wurde immer deutlicher, dass neben den teilweise unverantwortlichen und korrupten Regimen auch Strukturprobleme und der anhaltende Preisverfall (z.B. Kaffee) für die Misere der Entwicklungsländer verantwortlich waren. Deswegen sah der IWF seine Aufgabe darin, seine Kreditkunden zu weitreichenden Strukturanpassungen zu bewegen.[29] Die Kreditkonditionen wurden erweitert und Strukturanpassungen gestrafft (Einführung der „Erweiterten Strukturanpassungsfazilität“ ESAF 1987). Dies verstärkte aber das Misstrauen der ärmeren Länder gegenüber dem Fonds weshalb die Durchführung solcher Anpassungen von den Regierungen kaum umgesetzt wurden.[30] Ein Scheitern war vorprogrammiert. Deshalb spricht man heute in Afrika und Südamerika vom verlorenen Jahrzehnt der Entwicklungsländer.[31]

Aber auch die Maßnahmen der neu gewählten Regierungen waren nicht vom Erfolg gekrönt. So führte die restriktive Geldpolitik zwar zu einem Rückgang der Inflation, durch die hohen Zinsen wurde aber der Dollar aufgewertet, was der Exportwirtschaft zu schaffen machte. Es kam zu einem großen Handelsbilanzdefizit der USA. Außerdem hatten die Steuersenkungen nicht die gewollten Auswirkungen und das Haushaltsdefizit war schließlich in den Achtzigern durchschnittlich doppelt so hoch wie in der Dekade zuvor, das sogenannte Twin Deficit.[32]

Während sich in den westlichen Industrienationen und den Entwicklungsländern die Probleme weiter verschärften, taten sich Länder in Südost-Asien durch enorme Wachstumsraten hervor. Insbesondere Japan stieg endgültig zur Weltwirtschaftsmacht auf. Auch die sogenannten Tiger-Staaten (Südkorea, Indonesien, Thailand, Hongkong u.a.) hatten ein starkes Wachstum bei relativ geringer Inflation. Diese Entwicklung bezeichnete man als „Asian-Miracle“. In den USA wurde bereits vom „American decline“ gesprochen, der eine Wachablösung in der Weltwirtschaft zu Gunsten Asiens heraufbeschwor. Allerdings wurde durch die folgende Asien-Krise klar, dass dies eine Fehleinschätzung war. Japan bekam dennoch einen weiterreichenden Einfluß im IWF zugesprochen (Erhöhung der Quote und des Stimmanteils).

Die Probleme der US-Wirtschaft und der Entwicklungsländer führten zu der Neuformulierung einer Wirtschaftpolitik, die auf Privatisierung, Außenhandels-liberalisierung und fiskalischer Disziplin basierten. Diese Ausrichtung ist in den 1990er Jahren vor allem im Zusammenhang mit dem IWF zu einem feststehenden Begriff geworden.

2.1.5. Der Washington-Konsens

Die gesamte wirtschaftspolitische Diskussion des vergangenen Jahrzehnts ist unweigerlich mit dem Begriff des „Washington Consensus“ verbunden. Der US-Ökonom John Williamson formulierte 1989 Eckpunkte für eine sinnvolle volkswirtschaftliche Reformpolitik, die er zu dieser Zeit als konsensfähig bei IWF, Weltbank, US-Regierung und der Mehrheit der Ökonomen ansah.[33] Damals bezogen sich diese Eckpunkte in erster Linie auf Lateinamerika zur Stützung des Brady-Plans. Der Begriff selber hat sich im Laufe der Jahre, in Verbindung mit der Politik des IWF zu einem Inbegriff neoliberalistischer Politik gewandelt.[34] Die Eckpunkte betreffen sehr grob bestimmte zur Stabilisierung einer Volkswirtschaft beitragende Empfehlungen (siehe Schaukasten 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaukasten 3: Der Washington-Konsens [35]

Problematisch wurde der Begriff in erster Linie durch die scheinbare Anwendung dieser Prinzipien durch den IWF in den Krisen der 90er Jahre. Bei genauerer Analyse der Konditionspolitik des IWF ist allerdings zu sehen, dass die dortigen Maßnahmen, zum Beispiel in der Asien-Krise weit über die oben genannten Punkte hinausgehen.[36] Die Verbindung der Politik des IWF und bestimmter neoliberaler Kreise mit dem von Williamson kreierten Begriff sind also nicht unbedingt gerechtfertigt. Die Politikempfehlungen des IWF scheinen aber trotzdem in gewisser Hinsicht standardisiert, dies wird im weiteren Verlauf noch erläutert werden.

2.2. Organisation, Aufgaben und Funktionsweise des IWF

Nach dem geschichtlichen Einblick der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen seit Bestehen des IWF sollte weiterführend eine Betrachtung der Aufgaben, Organisation und Funktionsweise auf dem heutigen Stand erfolgen. Diese Erläuterungen sollen keine tiefergehende Betrachtung der hoch komplexen Strukturen des IWF sein, sondern die wichtigsten Instrumente, Organe und Aufgaben darstellen. Dies ist zum weiteren Verständnis der Reformansätze unabdingbar.

2.2.1. Organisation und Beschlusstätigkeit

Zu den leitenden Organen des IWF gehört der Gouverneursrat, der das Fundament bildet. Darin sind alle Mitgliedsländer mit einem Gouverneur vertreten. Der Rat trifft sich allerdings nur einmal jährlich, um grundsätzliche Fragen, wie die Erhöhung der Quote oder die Aufnahme neuer Mitglieder, zu klären. Die laufende Geschäftstätigkeit hat der Gouverneursrat dem Exekutivdirektorium übertragen.[37] Das Exekutivdirektorium besteht aus 24 Direktoren, die als Ländervertreter Beschlüsse fassen. Gegenwärtig repräsentieren acht Exekutivdirektoren einzelne Länder: China, Deutschland, Frankreich, Japan, Russland, Saudi-Arabien, Großbritannien und die USA. Die restlichen 16 Direktoren sind gewählte Vertreter aus den restlichen 175 Mitgliedsstaaten.[38] Dem Exekutivdirektorium steht ein geschäftsführender Direktor vor. Dieser ist in der Regel Europäer, um ein Gegengewicht zum US-amerikanischen Präsidenten der Weltbank zu bilden (derzeitiger geschäftsführender Direktor ist der Deutsche Horst Köhler). Ein weiteres Organ ist der Währungs- und Finanzausschuss (IMFC), der dem Fonds als Beratungsgremium zur Seite steht, dieser tagt halbjährlich.

Die Beschlüsse des Fonds werden im Exekutivdirektorium getroffen. Der Stimmenanteil der jeweiligen Vertreter hängt von ihrer „Quote“ ab. Die Berechnungsgrundlage der Quote ist eine Formel, in die mit unterschiedlicher Gewichtung Volkseinkommen, Reserven an Gold und Devisen, Größe des Außen-handels sowie Exportabhängigkeit eines Landes eingehen.[39] Die Quote wird in den

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Stimmverteilung des IWF

Sonderziehungsrechten (SZR) ausgedrückt. Die SZR sind somit die Rechnungs-einheit des IWF und bilden einen Querschnitt der führenden Währungen (Dollar, Pfund, Euro, Yen). Momentan beträgt der Wert eines SZR ca. 1,3 $. Die Höhe der Quote definiert den Stimmenanteil der einzelnen Länder. Jedes Land hat 250 Basisstimmen und je eine weitere Stimme für 100000 SZR. Für die wichtigsten Beschlüsse wie Aufnahme neuer Mitglieder und Quotenerhöhungen sind 85 % der Stimmen nötig (AoA Artikel III,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Section 2 (c)). Wie in Abb.1 zu sehen, verfügen die USA über das einzige Veto-Recht, da sie mit ihren 17% Stimmenanteil eine Entschei-dung blockieren können. Auf der anderen Seite haben Länder wie Süd-Korea nur 0,76% an Stimmen, ein

ganzer Kontinent wie Afrika sogar nur 5,4%.[40]

Die Quote hat des weiteren die Funktion, die Höhe der Einlage eines Mitglieds beim Fonds zu definieren. Alle Quoten zusammen bilden die gesamte Geldreserve, auf die der IWF zurückgreifen kann. Derzeit verfügt der Fonds über 240 Mrd. SZR, um seinen Aufgaben nachzugehen.

2.2.2. Aufgaben und Funktionalität

„Die Hauptaufgabe des IWF ist es, seinen Mitgliedsländern mit finanziellen Überbrückungshilfen über kurzfristige Lücken in der Zahlungsbilanz zu helfen, um zu verhindern, (... ), dass Defizitländer zu Maßnahmen greifen, die den internationalen Handels- und Zahlungsverkehr beschränken.“[41] Außerdem sollen finanzielle Mittel zur Stabilität der Währungen eingesetzt werden, um inflationäre Ansteckung zu vermeiden.

Die Hauptaufgaben lassen sich in drei Bereiche unterteilen:

- Finanzierung
- Überwachung
- Dienstleistung und technische Hilfe.

2.2.2.1. Finanzierung

Die Finanzierung stellt das Grundgerüst der IWF-Aktivitäten dar. Jedes Mitglied darf in wirtschaftlich schwierigen Situationen vom Fonds Kredite leihen. Diese werden in Prozent der jeweiligen Quote bewilligt und in Raten ausbezahlt. Je nach Höhe des Kredits ist dieser mit bestimmten Empfehlungen oder strikten Auflagen verbunden, den sog. Konditionen. Zur Ziehung von Krediten stehen den Mitgliedern unterschiedliche Finanzfazilitäten zur Verfügung. Anfangs (1952) gab es nur eine Fazilität, die sog. Bereitschaftskreditvereinbarung zur Überbrückung kurzfristiger Liquiditätsprobleme. Im Laufe der fünf Jahrzehnte kamen weitere Fazilitäten dazu und teilweise auch wieder gestrichen (wie die Ölfazilität zur Überbrückung der Ölkrise). Aktuell gibt es acht Finanzfazilitäten. Die neueste ist die sog. vorbeugende Kreditlinie CCL (1999) als Sonderfazilität; damit soll Zahlungsbilanzschwierigkeiten im Vorfeld entgegengewirkt werden, um eine Ausbreitung von Krisen zu verhindern[42] Je nach Situation können die Mitglieder unterschiedlich hohe Kredite bekommen, die je nach Fazilität bestimmten Modalitäten unterliegen. Für die Inanspruchnahme der Kredite sind entsprechende Gebühren und Zinsen zu entrichten, die knapp unter den marktüblichen Sätzen liegen.[43]

Eine Auflistung der derzeit bestehenden Fazilitäten mit ihren Laufzeiten und Gebühren ist im Schaukasten 4 zu sehen.

Als problematisch bei der Kreditvergabe gilt in erster Linie die Konditionalität, weil damit Druck auf das Empfängerland ausgeübt werden kann. Der IWF verweist in seinen Informationspapieren allerdings wiederholt darauf, dass es sich bei den Anpassungsprogrammen „um ein Programm des Landes und nicht des Fonds“[44] handele. Dies wird von einigen Ökonomen (vgl. Stiglitz) aber nach wie vor angezweifelt.

In den letzten Jahren nutzten die Mitgliedsländer trotz der zunehmenden Konditionen, verstärkt die Finanzierung durch den IWF, um ihre Schwierigkeiten zu beseitigen. In der Abb. 2 ist eine Auflistung der ausstehenden Kredite bis zum Jahr 1998 zu sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaukasten 4: Finanzfazilitäten des IWF[45]

Seit 1999 hat der IWF mit der Einführung einer neuen Sonderfazilität seine Kompetenzen auch auf die Armutsbekämpfung ausgeweitet. Er beteiligt sich somit auch an dem von der UNO beschlossenen Entwicklungsziel, die extreme Armut bis zum Jahre 2015 zu halbieren.[46] Des Weiteren beteiligt sich der IWF an der, von bilateralen und multilateralen Gläubigern beschlossenen HIPC-Initiative zur Schuldenerleichterung für besonders arme Länder. In diesem Programm befinden sich derzeit 22 Länder.[47] Die Initiative wurde nötig, weil durch ihren Schuldendienst nicht mehr in der Lage waren, Wachstum zu generieren.[48]

Diese für den IWF völlig neue Aufgabe im Bereich der Entwicklungspolitik stellt eine außergewöhnliche Kompetenzerweiterung dar, die in Fachkreisen kontrovers diskutiert wurde und wird.

2.2.2.2. Überwachung

Eine weitere in den AoA aufgeführte Aufgabe des Fonds ist die Überwachung seiner Mitglieder. In sog. Artikel-IV-Konsultationen (AoA Article IV Section 1) werden die jeweiligen Mitgliedsländer in der Regel einmal jährlich von IWF Mitarbeitern besucht. Dabei werden innerhalb von zwei Wochen volkswirtschaftliche Daten gesammelt und ausgewertet, um eine Einschätzung des wirtschaftlichen Fortschritts geben zu können. Neben Gesprächen mit hochrangigen Regierungsvertretern über die Wirtschaftspolitik des Landes erfolgt eine Analyse anhand wirtschaftlicher Indikatoren.[49] Abschließend erstellt der IWF einen Bericht über die wirtschaftliche Situation eines Landes. Im Jahre 2001 wurden 130 Artikel-IV-Konsultationen durchgeführt.[50] Es können des weiteren außerordentliche Überwachungen stattfinden, wenn ein Land „ein Verhalten an den Tag zu legen scheint, das dem Interesse anderer Mitgliedsländer zuwiderläuft.“[51]

Um das internationale Finanzsystem zu stärken, versucht der IWF in den letzten Jahren verstärkt sinnvolle Standards und Kodizes zu entwickeln, die zum einen eine realistischere Analyse der wirtschaftlichen Fortschritte ermöglichen und zum anderen helfen Finanzkrisen im Vorfeld zu erkennen und zu vermeiden. Die vom IWF entwickelten Standards zur Datenveröffentlichung (SDDS/GDDS) wurden seit 1999 vom dafür geschaffenen Financial Stability Forum (FSF) um weitere auch außerhalb der IWF-Kompetenz liegende Standards erweitert.[52] Damit sollen vor allem bestimmte Minimum-Standards für eine solide Wirtschaftspolitik geschaffen werden, die Finanz- und Bankenkrisen unwahrscheinlicher machen.[53]

Außerdem wurde 2001 ein Programm zur Bewertung des Finanzsektors (FSAP) ins Leben gerufen. Im Kern soll so eine Gesundheitsprüfung des Finanzsektors erfolgen, um mögliche Krisenanfälligkeiten zu erkennen und davor zu warnen. Dieses Programm bildet letztendlich die Lehre aus der Asien-Krise, die u.a. auch durch Störungen im Finanzsektor ausgelöst wurde. Die Überprüfung erfolgt durch Stress-Tests und Frühwarnindikatoren, die bereits früher Krisen ankündigten. Diese scheinen aber derzeit noch nicht weit genug entwickelt, um verlässlich Krisen vorauszusagen.[54]

Des weiteren will der IWF für sich und seine Mitglieder eine größere Offenheit und Transparenz fördern, um Funktionalität der Märkte zu gewährleisten und mögliche Verschleierung der Politik vor Ort zu verhindern.[55] Problematisch ist die Überwachung und Bewertung von Mitgliedsländern durch den IWF allerdings durch die psychologischen Effekte auf die Marktteilnehmer. Warnungen und Empfehlungen des Fonds könnten sofortige Reaktionen der Märkte in Form von Investoren-Panik hervorrufen. Deshalb ist dabei äußerste Vorsicht geboten.

Neben der allgemeinen Einschätzung eines Landes wird auch die Einhaltung der Konditionen der bewilligten Kredite regelmäßig geprüft. Weitere Zahlungen werden nur bei bestimmter Zielerreichung bewilligt. Dabei ist auch innerhalb des IWF eine Diskussion entbrannt, welche Zielindikatoren tatsächlich primär zu erreichen sind. In Zukunft wird es vor allem darum gehen solche Indikatoren besser zu definieren und durch Standards eine deutlich tiefere Transparenz zu erreichen.

2.2.2.3. Dienstleistung und technische Hilfe

Die dritte Aufgabe des Fonds besteht darin, den Mitgliedsländern sein Know-how zur Verfügung zu stellen. Deshalb unterhält er ein eigenes Bildungsinstitut mit Sitz in Washington. Den Mitgliedsländern soll entsprechendes Fachwissen in den Bereichen der öffentlichen Finanzen und des Zentralbankwesens vermittelt werden. Auch auf anderen Gebieten (Verwaltung, Buchführung, Bankenregulierung, Entwicklung von Kapitalmätkten, Statistik etc.) besteht Bedarf an technischer Hilfe. Darüber hinaus werden statistische Quellen zur Verbesserung der Transparenz allen Mitgliedern zugänglich gemacht.[56]

Außerdem startete der IWF in den letzten Jahren verstärkt Ausbildungsprogramme im Nahen Osten und Afrika, Fortbildungsinstitute sind in Singapur und im südlichen Afrika.[57]

Die technische Hilfe verbraucht mittlerweile fast 1/5 des Gesamtbudgets. Dies unterstreicht die Wichtigkeit dieser Aufgabe, die eine Verbesserung des Dialogs zwischen dem Fonds und den Regierungen der Mitgliedsstaaten zum Ziel hat.

Eine besondere Rolle kam der technischen Unterstützung im Rahmen der Markttransformation der ehemaligen Ostblock-Staaten zu. Vor allem die Vermittlung von Kenntnissen über Institutionen und deren Überwachung, sowie Vorbedingungen für funktionierende Marktwirtschaften waren in diesem Zusammenhang wesentliche Schulungsschwerpunkte.

Die Dienstleistungen und technischen Hilfen sollten als eine Art Hilfe zur Selbsthilfe für die entsprechenden Regionen verstanden werden.

3. Die Krisen der 1990er Jahre und die Rolle des IWF

Nach dem sogenannten verlorenen Jahrzehnt in den 1980er Jahren und dem ideologischen Wandel der Superinstitutionen IWF und Weltbank, folgten in den 1990er Jahren mehrere unterschiedlich heftige Währungs- und Bankenkrisen. Auffällig ist vor allem, dass der starke Anstieg in den Achtzigern begann und sich in die Neunziger fortsetzte (siehe Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Weltwirtschaft scheint in den letzten 20 Jahren deutlich anfälliger für solche Krisen geworden zu sein. Gründe dafür liegen sicher in der rasant zunehmenden Vernetzung der Weltwirtschaft und der gewachsenen Kapitalmobilität. Durch die erhöhte Ansteckungsgefahr für andere Volkswirtschaften läßt sich auch das Ausmaß der letzten Krisen erklären, da diese sich wie Flächenbrände über eine ganze Region ausbreiteten.

Die Krisen der 1990er Jahre sollen hier nicht in ihrer vollen Bandbreite geschildert werden, vielmehr soll klar werden, wie es zu ihnen kam und wo die Ursachen zu finden sind. Die Betrachtung der Krisen soll die Probleme der Weltwirtschaft, mit denen der Fonds in der jüngsten Vergangenheit konfrontiert war, herauskristallisieren. Des Weiteren soll die Rolle des IWF während der Krisen (vor allem in Asien und Russland) genauer betrachtet werden, um die Grundlage für den Reformbedarf zu erläutern. „Es ist zu fragen, ob der IWF in den Krisen Schlimmeres verhindert hat oder ob die Politiken des Fonds die Krisen letztlich nicht sogar beschleunigt und vertieft haben.“[58] Viele Kritiken zielen in diese Richtung. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, beschränke ich mich bei dieser Analyse auf Mexiko, Asien und Russland. Die gegenwärtige, noch anhaltende Argentinien-Krise werde ich in meiner Schlußbemerkung aufgreifen.

[...]


[1] Vgl. Driscoll D. D. (1998): „Was ist der Internationale Währungsfond?“, International Monetery Fund, Publication Services, http://www.imf.org/external/deu, 24.04.2002, S. 4-5

[2] vgl. Driscoll D. D. (1998): S. 5-6

[3] vgl. Grabbe O. J.(1996): „The Rise and Fall of Bretton Woods“, in: Grabbe Orlin J. ed. International Financial Markets, 3. ed., Prentice-Hall, S.2

[4] vgl. Bordo M.D. (1992): „The Bretton Woods International Monetary System - A Historical Overview“, Working Paper No. 4033, National Bureau of Economic Research (NBER), Cambridge, http://www.nber.org, S.10

[5] Bordo M. D. (1992): S. 14

[6] vgl. Mildner S. (2000): „6. Die Entwicklung der internationalen Finanzbeziehungen“, in weltpolitik.net, Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik (DGAP), http://weltpolitik.net/sachgebiete/wirtschaft/article/545.html, 29.05.2002

[7] vgl. Bordo (1992): S. 18ff

[8] vgl. IMF (1990): „The Articles of Agreement“, http://www.imf.org/external/pubs/ft/aa/index.htm, 27.05.2002

[9] vgl. Mildner S. (2000): .../547.html

[10] Tetzlaff R. (1996): „Weltbank und Währungsfond – Gestalter der Bretton Woods Ära“, Leske + Budrich Verlag Opladen, S. 48

[11] vgl. Tetzlaff R. (1996): S. 45

[12] vgl. Mildner S. (2000): .../547.html

[13] vgl. Mildner S. (2000): .../546.html

[14] vgl. Grabbe O. J. (1996): S. 15

[15] vgl. Mildner S. (2000): .../549.html

[16] vgl. Mildner S. (2000): .../549.html

[17] siehe Definition 1 im Anhang

[18] Vgl. Gahlen B. u.a. (1983): „Volkswirtschaftslehre – Eine problemorientierte Einführung“, 14. Auflage, J.C.B. Mohr Verlag, Tübingen, S. 336

[19] vgl. Grabbe O. J. (1996): S. 23

[20] siehe Definition 2 im Anhang

[21] vgl. Grabbe O. J. (1996): S. 30f

[22] vgl. Grabbe O. J. (1996): S. 31

[23] vgl. Mildner S. (2000): .../896.html

[24] vgl. Mildner S. (2000): .../896.html

[25] vgl. Mildner S. (2000): .../897.html

[26] vgl. Mildner S. (2000): .../897.html

[27] vgl. Stiglitz, J.(2002): „Die Schatten der Globalisierung“, Siedler Verlag, Berlin, S. 27-30

[28] siehe Abb.10 im Anhang

[29] vgl. Bougthen, J. M. (2000): „The IMF and the Silent Revolution. Global Finance and Development in the 1980s“, International Monetary Fund Publication Services, S. 15f.

[30] vgl. Tetzlaff R.(1996): S. 94

[31] vgl. Singh A. (1999): „Asian Capitalism and the Financial Crisis“, in: Jonathan Michie and John Grieve Smith (ed.), „Global Instability - The Political Economy of World Economic Governance, London, S. 12-13

[32] vgl. Mildner S. (2000): .../897.html, S.3-4

[33] vgl. Schweickert R. (2000): „Was bleibt nach der Asienkrise vom Washington-Konsens?“, in Hengsbach F./Emunds B. (eds.), „Finanzströme in Entwicklungsländer – welche Form zu wessen Vorteil?“, Nell-Breuning-Institut, Frankfurt a. Main, S. 34

[34] vgl. Mildner S. (2000): .../897.html, S.3-4

[35] vgl. Williamson J. (1996): “Lowest Common Denominator or Neoliberal Manifesto? - The Polemics of the Washington Consensus“, in Auty R. M./Toye J. (eds.), Challenging the Orthodoxies, Basingstoke, Hampshire, S. 13-22

[36] vgl. Schweickert R. (2000): S. 37ff

[37] vgl. Tetzlaff, R. (1996): S. 81

[38] vgl. Driscoll D. D. (1998): S. 10-11

[39] Tetzlaff, R. (1996): S. 80

[40] vgl. IMF (2002): „IMF Members‘ Quotas and Voting Power, and IMF Governors“, http://www.imf.org/external/np/sec/memdir/members.htm, 20.06.2002

[41] Tetzlaff, R.(1996): S. 82

[42] vgl. IWF(2001): „Jahresbericht 2001“, http://www.imf.org/external/deu , S. 44-45

[43] vgl. Driscoll D. D. (1998): S. 24

[44] Dricoll D. D. (1998): S. 22

[45] vgl. IMF (2001): S. 46f.

[46] vgl. IMF (2001): S.56

[47] vgl. IMF (2001): S.56ff

[48] vgl. auch Abb. 10 im Anhang

[49] vgl. Driscoll D D. (1998): S. 15ff

[50] vgl. IMF (2001): S.10-11

[51] Driscoll D. D. (1998): S. 15

[52] dazu zählen u.a. Internationale Standards zur Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung, Grundsätze für eine wirksame Banken- und Wertpapieraufsicht, Verfahrenskodex zur fiskalischen Transparenz, Empfehlungen der Financial Action Task Force (FATF) zur Bekämpfung der Geldwäsche etc.

[53] vgl. Speyer B. (2001): „Standards und Kodizes: Tragende Pfeiler der Krisenprävention“, in Deutsche Bank Research Bulletin, http://www.dbresearch.de/, 20.09.2002, S. 21ff.

[54] Frenkel M./Menkhoff L. (2000): „Stabile Weltfinanzen? – Die Debatte um eine neue internationale Finanzarchitektur“, Springer Verlag Berlin Heidelberg, S. 25ff

[55] vgl. IMF (2001): S. 40

[56] vgl. Driscoll D. D. (1998): S. 26ff.

[57] IMF (2000a): „Der IWF auf einen Blick - Informationsblatt“, http://www.imf.org/external/np/exr/facts/deu/glanced.htm, 27.03.2002, S. 2-3

[58] Dieter H. (1998): „Die Asienkrise und der IWF: Ist die Politik des Internationalen Währungsfonds gescheitert?“, in INEF (Institut für Entwicklung und Frieden) Report Heft 29/1998, Gerhard – Mercator – Universität, Duisburg, S. 4

Details

Seiten
112
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638188364
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13090
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Rosenheim – FB VWL
Note
2,0
Schlagworte
Internationale Währungsfonds Aktuelle Reformansätze Kritik

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Titel: Der Internationale Währungsfonds - Aktuelle Reformansätze mit Kritik