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Fußball und Gesellschaft - Die Entwicklung des Fußballspiels aus sozio-kultureller Sicht

Examensarbeit 2009 80 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine kleine sozialgeschichtliche Einführung in das Fußballspiel
2.1 Ansto– Wer spielt wo?
2.2 Der gepflegte Ball – Fußball an den Public Schools
2.3 Die Regeln des Spiels
2.4 Gesunde Härte – Fußball und Gewalt
2.5 Ballannahme – Die Verbreitung des Fu balls

3. Fußball und Arbeit
3.1 Fußball wird zum Arbeitersport
3.1.1 Fußball als Kompensation
3.1.2 Fußball als analoge Handlungsformen zur Arbeit
3.2 Einer von uns vs. Judas – Die Rolle des
Fußballspielers im Wandel
3.2.1 Der Amateur
3.2.2 Der Profi

4. Auf den Tribünen ist die Hölle los - Fußballfans
4.1 Die historische Entwicklung des Zuschauers
4.2 Zuschauer und ihre Handlungen – Versuch einerEinordnung in das menschliche Handlungssystem
4.2.1 Physiologische Prozesse
4.2.2 Psychische Einstellungen
4.2.3 Soziale Erwartungen
4.2.4 Kulturelle Werte
4.2.5 Die physisch-organische Umwelt
4.3 Fußballfankultur
4.3.1 Die neuen Traditionalisten – Die Ultras
4.3.2 Die dritte Halbzeit – Die Hooligans

5. Fußball als Show – Die Folgen der Kommerzialisierung

6. Abseits – Frauen und Fußball

7. Fußball ist Kultur?!
7.1 Ist Sport Kultur?
7.2 Das soziokulturelle Kapital des Fußballs

8. Abpfiff – Fazit

9. Literaturverzeichnis

Ich möchte mich bei meinen Eltern bedanken, die mir dieses Studium ermöglichen und mich immer unterstützen.

Mein herzlicher Dank gilt außerdem Frau Prof. Dr. Irene Woll-Schumacher, die mein Interesse an der Soziologie geweckt und mich während des Verfassens meiner Arbeit betreut hat.

Außerdem danke ich meiner Frau Anne, die geduldig und mit großem Einsatz extra für mich ein großer Fußballfan geworden ist.

Wennein Spiel rund um den Globus Millionen Menschen mobilisiert, dann hört es auf, nur ein Spiel zu sein. Fußball ist niemals nur Fußball. Fußball zählt zu den großen kulturellen Institutionen, die rund um den Globus nationale Identitäten formten und zementierten. Fußball besitzt die Kapazität und bietet eine Bühne, um die kulturelle Identität und Mentalität eines Dorfes, einer Stadt, einer Region, eines Landes oder sogar eines Kontinents zu definieren und zu zelebrieren.“1

1. Einleitung

Die vorliegende Staatsarbeit wurde im Rahmen des Ersten Staatsexamens geschrieben und trägt den Titel: „Fußball und Gesellschaft. Die Entwicklung des Fußballspiels aus sozio-kultureller Sicht“.

Da das Thema breit gefächert und sehr umfangreich ist, erhebt diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr wurden zentrale Aspekte des Themas ausgewählt und differenziert bearbeitet.

Fußball wird überall auf der Welt gespielt und er ist solch ein Bestandteil des Lebens, von dem wir uns kaum vorstellen können, dass es ihn einmal nicht gegeben hat, auch wenn für manche die Begeisterung für diesen Sport irrational erscheint.

Unbestritten ist jedoch die Tatsache, dass er ein Produkt der Gesellschaft ist. Als ein solches wirkt er auch auf Besagt zurück und diese Wirkung kann die unglaublichsten und verschiedensten Folgen mit sich bringen.

Als positives Beispiel dafür sei an dieser Stelle an die Stimmung und Atmosphäre in Deutschland während der Fußballweltmeisterschaft 2006 erinnert.

Diesem Sportereignis ist es gelungen, einer Nation, die Möglichkeit einzuräumen, durch die Präsentation von Nationalflaggen an Fenstern und Autos, sportliche Einheit und Nationalstolz zu demonstrieren, ohne in der Betrachtung der übrigen Nationen auf historisch negative Konnotation reduziert zu werden. So konnte die Bundesrepublik als multi-kultureller Gastgeben erstrahlen, bei dem das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ nicht nur Motto blieb.

Dagegen kann man an dieser Stelle aber auch die tragische Geschichte des früheren kolumbianischen Nationalspielers Andrés Escobar als Negativbeispiel anführen.

Dieser erzielte bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA ein folgenschweres Eigentor, welches dem kolumbianischen Team nicht nur das Weiterkommen, sondern ihn selbst sein Leben kostete. Escobar wurde nach der Rückkehr in Kolumbien von Humberto Muñoz Castro erschossen.

Als Grund für seine Tat, nannte dieser, Zeugenberichten zur Folge, das erzielte Eigentor. Ob der, mittlerweile aus der Haft entlassene, Täter nur als enttäuschter Fan oder als Auftragsmörder der kolumbianischen Wettmafia handelte, konnte nie zweifelsfrei aufgeklärt werden, die Frage nach dem Motiv verblasst jedoch hinter der Tatsache, dass ein Mensch aufgrund des Ausgangs eines Spiels, sein Leben verlieren musste.

Demnach drängt sich die Frage auf, ob Fußball eine Entwickelt durchlaufen hat, die ihn zu mehr als einem Spiel werden ließ?2

BILL SHANKLEY, früherer Manager des englischen Fußballvereins FC Liverpool, sagte einmal: „Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es weit ernster ist.“3

Diese Aussage ist im Kontext eines Spiels übertrieben und doch scheint der Fußball mehr zu sein, als nur ein Spiel von 90 Minuten. Als Indikator dafür sind die im Schnitt über 40.000 Menschen zu betrachten, die jedes Wochenende zu einem der Spiele der Fußballbundesliga aufbrechen.

Warum sie das tun und wie sich der Fußball zu diesem Zuschauermagneten entwickelt hat, wo und warum er entstand und wie er auf die Gesellschaft, die ihn erfunden hat, zurückwirkt, sind nur eine Auswahl der Fragen, mit der sich die vorliegenden Arbeit beschäftigt.

Zunächst erfolgt eine sozialgeschichtliche Einführung in das Fußballspiel, bei der vor allem die zivilisatorische Entwicklung des Fußballspiels im Vordergrund steht.

Im nächsten Kapitel „Fußball und Arbeit“, werden nicht nur die Entwicklung des Spiels zu einem Arbeitersport, sondern auch die Zusammenhänge dieser beiden scheinbar unterschiedlichen Begriffe aus soziologischer Sicht betrachtet.

Zudem soll auch die Entwicklung des Amateurs zum Profi Gegenstand der Betrachtung sein. Wie bereits erwähnt, ist der Fußball ein Zuschauermagnet, daher ist auch ein Blick über den Spielfeldrand hinaus auf die Tribünen interessant. So wird im vierten Kapitel die Rolle des Zuschauers und seine Entwicklung zum Fan untersucht. Dabei soll vor allem sein Handeln in den Fokus treten und die sogenannte „Fußballfankultur“ untersucht werden.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den Folgen der Kommerzialisierung des Fußballs und dessen Entwicklung zu einer Art Show.

Um ein möglichst lückenloses Bild des Fußballs aufzuzeigen, befasst sich das sechste Kapitel, welches provokativ mit „Abseits – Frauen und Fußball“ betitelt wurde, mit dem Frauenfußball.

Trotz großer Erfolge im internationalen Wettbewerb des Frauenfußballs, scheint es unbestritten, dass dieser nur „Abseits“ des Fußballs ein Nischendasein fristet, was nicht nur durch seine eigene Terminologie hervorgehoben wird.

Um die Frage zu beantworten, ob Fußball tatsächlich mehr als ein Spiel ist, geht das siebte Kapitel der Frage nach, ob Fußball Kultur sei und welches soziokulturelle Kapital darin zu finden ist.

Ein kurzes Fazit beendet schließlich die vorliegende Staatsarbeit.

2. Eine kleine sozialgeschichtliche Einführung in das Fußballspiel

2.1. Anstoß – Wer spielt wo?

ERIC DUNNING unterteilt die Entstehung des Fußballsports in vier Phasen. Dabei fällt auf, dass sich im Laufe der Jahre ein Spielverhalten entwickelte, welches durch komplexe und formalisierte Regeln und Organisation gestützt wurde. Des Weiteren enthalten diese Phasen, laut Dunning, „ ... eine Tendenz zu ‚zivilisierteren’ Verhaltensformen.“4

Die erste Phase, zeitlich vom 14. bis zum 20. Jahrhundert einzugrenzen, wird in diesem Kapitel einer genaueren Betrachtung unterzogen. Der Fußball war laut Dunning ein „ ... vergleichsweise simples, wildes und unreguliertes Volksspiel, das nach ungeschriebenen, tradierten Regeln gespielt wurde.“5

Es erweist sich als schwierig, die wirkliche Geburtsstunde und den Geburtsort des Fußballs, so wie wir ihn in der heutigen Zeit verstehen, zu bestimmen. Verschiedene Quellen chinesischer Sporthistoriker deuten zum Beispiel auf eine Entstehung im alten China hin. Können wir demnach China als das Mutterland des Fußballs ausrufen?

HANS ULRICH VOGEL (2000) erläutert hierzu:

Dieser Anspruch kann kaum aufrecht erhalten werden. Da das Spiel mit dem Ball, unter Zuhilfenahme von Fuß, Hand, anderen Körperteilen oder unter Einbeziehung eines Gegenstandes, eine universelle kulturelle Erscheinung ist, die nicht immer unbedingt schriftlich festgehalten wurde, kann die erste schriftliche Erwähnung eines Ballspiels unter Zuhilfenahme der Füße kaum als Indiz für den tatsächlichen Ursprung gewertet werden. (S.11)

Zudem darf behauptet werden, dass diese Form des Fußballs nicht viel mit dem gemein hat, was wir unter modernen Fußball verstehen.6

Verschiedenste Quellen scheinen sich jedoch mittlerweile darin einig zu sein, dass England „ ... in vielfacher Hinsicht Mutterland und Pionier des Fußballspiels“7 sei. Am häufigsten findet der Fußball, „ ... in königlichen Edikten und obrigkeitlichen Erlassen, die das Spiel verbieten“8 etwa seit dem 14. Jahrhundert9 Erwähnung.

Der Fußball formte sich im Laufe der Zeit aus englischen Volksspielen, wieFolk FootballoderVillage Football. Bei diesen Spielen suchen wir jedoch vergeblich nach Gemeinsamkeiten zum heutigen Fußball.

Das Volksspiel „ ... basierte auf simplen, ungeschrieben Gewohnheitsregeln und kannte keine präzise Begrenzung des Spielfelds, der Spieldauer und der Zahl der Spieler.“10 Gespielt wurde hauptsächlich an Feiertagen und Gegner waren benachbarte Dörfer, aufgrund der beschränkten Reisemöglichkeiten der damaligen Zeit.

Bereits in dieser frühen Zeit lässt sich eine Funktion des Spiels herausfiltern. Durch die nachbarschaftliche Rivalität und damit verbundenen und auch heute noch gelebten Derby-Charakter, der Begriff geht zurück auf ein traditionelles Spiel in der Ortschaft Derby, war es in der Lage „ ... lokale Identität zu stiften und zu demonstrieren“.11

Wir sprechen jedoch über ein Spiel, welches im Wesentlichen durch Gewalt beeinflusst und bestimmt war. Roh und mit variierenden, ungeschrieben Regeln wurde es zu meist von unteren Schichte betrieben und von höheren Schichten missachtet.12 Wie bereits erwähnt, wurde eher versucht es zu verbieten. Im Jahre 1313 war es König Edward II. vorbehalten das Spiel erstmalig zu untersagen und es folgten weitere Verbotsversuche mit angedrohten Strafen für Gesetzesbrecher bis ins Jahr 1615.13

Begründet wurden diese Verbote mit dem geringen militärischen Nutzen des Spiels. Es stärke zwar die Ausübenden des Spiels, es bestünde jedoch auch andauernd die Gefahr, schwerwiegender Verletzungen oder Todesfälle, die auch auf Kosten der Militärtauglichkeit gingen.14

Trotz dieser Verbote konnte der Fußball nicht aufgehalten werden. „Es gelang nicht, ein Verhalten, das man soziologisch als ‚abweichendes Verhalten’ bezeichnen würde, unter Kontrolle zu bringen.“15

Da das Spiel häufig an Feiertagen gespielt wurde, gehörte es zu den Institutionen der damaligen Gesellschaft. „Ohne eine Vorstellung von den häufig ausbrechenden Gewalttätigkeiten im Leben der mittelalterlichen Menschen sind die Fußballspiele als eine Form institutionalisierter Gewalt nicht zu verstehen.“16

Die Menschen in den mittelalterlichen Gesellschaften in Europa waren viel stärkeren Gefühlsschwankungen ausgesetzt als wir heute. Menschliche Beziehungen unterlagen Affekthandlungen, da internalisierte Gebote der damaligen Zeit noch instabil waren. Trotzdem spricht zum Beispiel NORBERT ELIAS davon, dass Fußball bereits damals eine Stufe des Zivilisationsprozesses gewesen sei. Das mag verwirrend, sogar widersprüchlich klingen, ist für die damalige Gesellschaft jedoch normal.

Fußball kann man in diesem Kontext als „ ... bewährte Institution zur Kanalisierung der Konflikte“17 betrachten.18

Die Affektausbrüche erklären zudem, dass Regeln veränderbar und somit situationsbedingt waren. Trotzdem kann gesagt werden, dass Traditionen und Brauchtum damals eine ähnliche Funktion hatten, wie heutige Gesetze.19

Bedeutend ist, um der Frage nachzugehen, wer im Mittelalter hauptsächlich Fußball spielte, den sozialen Hintergrund zu beleuchten.

Bisher wurde der Fußball relativ unspezifisch der unteren Schicht zugeordnet, während er von der höheren Schicht eher abgelehnt wurde. Wichtig für die gesellschaftliche Zusammensetzung Großbritanniens der damaligen Zeit war die Veränderung der bisherigen leibeigenen Bauern zu mehr oder weniger freien Bauern. Daneben existierten die Klassen der adeligen Grundherrn und der reichen bürgerlicher Großgrundbesitzer.20

NORBERT ELIAS und ERIC DUNNING (2003) beschreiben den sozialen Hintergrund, vor dem der Fußball gespielt wurde folgendermaßen:

Die ländliche Bevölkerung einer bestimmten Gegend, mehr oder weniger freie Bauern, feierten Feste, die von zumeist nicht-adeligen Grundherrn, den Gentleman aus der Gentry, wenn auch nicht ausschließlich, wesentlich gestützt wurden. Man verstieß ganz offensichtlich gegen königliche Gesetze und missachtete die Verbote der örtlichen Vertreter der Krone, doch dies hinderte die Bauern und die Grundherrn ebenso wenig, wie unvermeidliche Knochenbrüche und gelegentlich tödliche Verletzungen, an dem Spiel festzuhalten. (S.334)

Spiele galten demnach als relativ kontrollierte Handlungsfolgen zur Konfliktbewältigung und Teil der gesellschaftlichen Affektkontrolle. Es gab keine Regeln die einen eindeutigen Sieger bestimmten, was die These unterstützt, dass es hierbei nicht um ein messendes Ergebnis, sondern um die Handlung als solche ging.21

2.2 Der gepflegte Ball - Fußball an den Public Schools

In der zweiten Phase des Modells von DUNNING, die etwa von 1750 bis 1840 reicht, spricht er den Aufgriff des Spiels durch die englischenPublic Schoolsan. Ein Umstand, der für die Geschichte und die damit verbundene zivilisatorische Wirkung des Fußballs von besonderer Bedeutung und damit wichtig für eine genauere Betrachtung ist.

Es grenzt fast an Ironie, dass gerade die Klassen, die seit dem 14. Jahrhundert gegen den Fußball vorgingen, nun entscheidend an dessen Modernisierung und Erhalt beteiligt waren und dafür sorgten, dass dieser Gesellschaftsfähig wurde. Public Schoolswaren nicht öffentliche, private Schulen, die im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit gegründet wurden, um Kindern des Bürgertums eine Schulbildung zu ermöglichen. Sie wurden jedoch von derGentryübernommen, was eine Verschiebung der traditionellen Autoritätsverhältnisse zur Folge hatte. Die Lehrenden waren von den Eltern finanziell abhängig und standen sozial unterhalb ihrer Schüler.22

Man entwickelte innerhalb der Schülerschaft ein System, welches, bestimmt durch Alter und physische Kraft, Herrschaft und Unterwerfung symbolisierte. Das so genannte „Primaner-Fuchs-System“ fand sich auch im Fußballspiel wieder. Die jüngeren Schüler dienten als Torpfosten, Spielfeldbegrenzungen oder Torhüter und waren allerhand körperlichen Bedrohungen ausgesetzt. Die Schüler nutzten das Fußballspiel, ohne die Zustimmung der Lehrer, zur „ ... Konstituierung einer eigenständigen Hierarchie innerhalb der Schülerschaft.“23 Diese Entwicklung wurde von den Eltern mit Zustimmung bedacht, da ihre Kinder so zu Männlichkeit, Führertum und Unabhängigkeit erzogen wurden.24

In den 1830er und 1840er Jahren begann die Industrialisierung indirekt, jedoch komplex Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen. Diese führte zu einer Veränderung in den bisherigen Machtverhältnissen, da das Bürgertum immer mehr an diesen gewann.

In diesen Verbürgerlichungsprozess fiel auch der Kontrollkampf um die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen, zu denen derzeit auch die angesprochenPublic Schoolsgehörten. Eine daraufhin einsetzende Krise forderte Reformen, die auch das „Primaner-Fuchs-System“ betrafen.25

Vorreiter unter denPublic Schoolswar hierbei Rugby. Unter ihrem Direktor THOMAS ARNOLD konnten Reformen durchgeführt werden, die beispielhaft für andere Schulen wirkten. Als Hauptinstrument nutzte er das „Primaner-Fuchs-System“, indem er es in ein geregeltes, indirektes Herrschaftssystem modifizierte. Er stellte dadurch die Autorität der Lehrkörper wieder her und ließ den Schülern gleichzeitig einen angemessenen Grad an Freiheit. Rechte und Pflichten wurden schriftlich fixiert und von der Schule kontrolliert.

Er nutzte so die älteren Schüler als verlängerten Arm der Schulleitung und übertrug ihnen mehr Verantwortung.

Aufbauend auf seinen eigenen religiösen Vorstellungen, verfolgte er dabei ein Konzept der Erziehung zu ‚christlichen Gentleman’, die sich durch Rücksicht aufeinander auszeichneten und Gefahren, Niederlagen oder kritische Situationen mit Haltung hinnahmen.26

Die sozialen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft, in Folge der Industrialisierung, die eine gegenseitige Anpassung der aufsteigenden und etablierten Mächte forderten, setzten einen ungeplanten sozialen Prozess in Gang, der dafür sorgte, dass sich das Fußballspiel stark veränderte.

Laut DUNNING (2003):

[Wurde der Fußball] ... strikter und formaler organisiert und die Komplexität und das Spielniveau stiegen. Zur selben Zeit begann man, die Regeln schriftlich festzulegen und das Spiel begann ‚zivilisierter’ zu werden, d.h. von den Spielern wurde ein höheres Maß an Selbstkontrolle im Spiel erwartet und einige der wilden Züge der älteren Spielformen wurden allmählich beseitigt. (S. 46)

Neben die Funktionen soziale Kontrolle und Disziplinierung trat auch Persönlichkeitsentwicklung als Ziel des Fußballspiels.27

2.3 Die Regeln des Spiels

In der dritten Phase des Entwicklungsmodells nach DUNNING, die von ungefähr 1830 bis etwa 1860 andauerte, transformierte sich das Spiel in eine festere und formalere Organisation. Es wurden Regeln entwickelt, die schriftlich fixiert wurden und den Spieler zu einer höheren Selbstkontrolle aufforderten. In dieser Zeit der Modernisierung, kristallisierten sich zwei verschiedene Arten des Ballspiels heraus: Fußball und Rugby.28

Diese bereits bekannten und auch neu entwickelten Regeln zivilisierten die Fußballteilnehmer weiter und bändigten die Spielform in einer Art „Scheinkampf“, in Form eines Wettkampfes auf höherem Zivilisationsniveau. Niedergeschrieben und veröffentlicht wurden diese Regeln 1845 in „The Laws of Football as Played in Rugby School“.

Zwei Abschnitte befassten sich mit Organisation und Disziplin auf der einen und den wichtigsten Grundsätzen zur Spielweise auf der anderen Seite. Den Verfassern ging es hauptsächlich darum, die bisher unregulierten Situationen, die eine Selbstkontrolle gefährdeten, zu regulieren. Zu nennen sind hier die Regelungen des „Abseits“, des „Zweikampfverhaltens“ und die Form der Ballkontrolle und –abgabe.

Fußball wurde in den 1840er Jahren zu einem regulierten Wettkampf, modernisiert in eine „ ... Spielform, die eine nicht besonders stabile Balance zwischen Gewalt und Fähigkeit, Spontaneität und Kontrolle beinhaltet[e]. Es blieb genügend Raum für ‚Individualität’ und ‚männliche’ direkte Auseinandersetzung.“29

Doch die fixierten Regeln sorgten dafür, dass die Spieler ihre Affekthandlungen soweit kontrollierten, dass die „zivilisierten“ Standards nicht zu weit übertreten wurden.30

Im Zentrum der Bemühung um eine Bändigung des Spiels stand die historisch absolut neue, jedoch mit der Durchsetzung bürgerlicher Werte und Normen korrespondierende Unterscheidung in illegitime und legitime Gewalt, die zur Selbstdisziplin (= Verzicht auf illegitime Gewalt) bei gleichzeitigem Durchsetzungsvermögen (= Anwendung legitimer Gewalt) erziehen sollte. (Dietrich Schulze-Marmeling, 2003, S. 22)

Neben der Gewalt wurden aber auch Spielerzahl, Spielfeldmaße, Tormaße und Spielzeitdauer festgelegt, was dafür Sorge tragen sollte, dass die organisatorischen Gegebenheiten die Konkurrenz zweier Mannschaften nicht positiv oder negativ beeinflussen sollten.31

Die Frage warum Regeln entstanden, ist jedoch nicht nur mit der zunehmenden Zivilisierung zu beantworten, sondern muss in diesem Zusammenhang weiter erläutert werden. Sicherlich waren Regeln eine gelungene Art und Weise die Autorität der Schulen, auf deren Gelände offiziell gespielt wurde, zu demonstrieren. Ein weiterer Aspekt waren jedoch Konkurrenzsituationen der Schulen untereinander. Jede Schule wollte das einzig wahre Spiel für sich proklamieren.

Diese Entwicklung deckt sich mit den Annahmen NORBERT ELIAS’, „ ... dass die Statuskonkurrenz zwischen Gruppen der Oberschicht und der aufsteigenden Mittelschicht eine wichtige Rolle im Zivilisationsprozess Europas gespielt hat.“32

Durch die Übernahme der Gewohnheiten und Standards der Oberschicht durch die Mittelschicht, sah sich die Oberschicht dazu gezwungen noch höhere Standards als Mittel zur Statusabgrenzung und Exklusivität zu erarbeiten, die noch mehr Selbstbeherrschung erforderten.33 Besonders bedeutsam werden diese Überlegungen in der Regulierung des Spiels mit den Händen.

Im Jahre 1849 war es der Public School von Eton vorbehalten, ein eigenes Regelwerk zu veröffentlichen, bei dem insbesondere eine Regel auffiel, nämlich die, des Verbotes den Ball mit der Hand zu berühren. „Das Verbot des Handspiels addierte zum Verregelungsprozess ein weiteres, Selbstkontrolle verlangendes Disziplinierungselement.“34

Diese neue Regel trennte zwei ganz unterschiedliche Spielformen voneinander ab, welche in der weiteren Entwicklung zu Rugby und Fußball wurden. Durch das Streben nach Exklusivität und „zivilisatorischer Überlegenheit“ der eher „aristokratischen“ Etonianer waren die Grundlagen für den modernen Fußball geschaffen.35

Auch die vierte Phase des Entwicklungsmodells nach DUNNING, in der Zeit von 1850 bis etwa 1900, ist wichtig für die Verregelung des Fußballsports. Dunning spricht davon, dass sich der Fußball in dieser Zeit ungemein verbreitete und somit die Bildung von Institutionen forderte, die ihn förderten, organisierten und auf nationaler Ebene regulierten.

In diese Zeit fallen auch die Entwicklung des Zuschauerinteresses am Fußballspiel und die Professionalisierung der Spieler.36

Die Gründe für die Verbreitung des Fußballs in der Gesellschaft liegen in der Entwicklung dieser, zusammengefasst in der „ ... Expansion der Mittelschichten, die in Wechselbeziehung mit der kontinuierlichen Industrialisierung, Urbanisierung, Staatsbildung und Zivilisation stattfand und ... [in der] Ausbildungstransformation, die als ‚Kult der Privatschulspiele’ bezeichnet [wird]“37, was bedeutet, dass Fußball eine statusrelevante Aktivität für erwachsene „Gentlemen“ wurde.38

Durch die Ausbreitung wurde der Ruf nach einheitlichen Regeln lauter und so kam es zur Gründung derFootball Association. Am 26. Oktober 1863 wurde die FA ins Leben gerufen, um sich daraufhin in fünf weiteren Versammlungen mit einem Regelwerk zu befassen, welches am 08. Dezember 1863 verabschiedet wurde.

Am 19. Dezember 1863 fand schließlich das erste Fußballspiel nach Regeln der FA statt, bei dem sich Barnes und Richmond torlos unentschieden trennten.39

Das Phasenmodell DUNNINGS verläuft fließend, daher auch teilweise überschneidend und so ist die gerade angesprochene vierte Phase auch Teil der Betrachtung des Unterkapitels 2.5.

Bestimmt wurden diese Phasen „ ... durch die Dynamik des gesamtgesellschaftlichen Kontexts“40 in dem Fußball gespielt und entwickelt wurde.

2.4 Gesunde Härte - Fußball und Gewalt

Nicht eindeutig Bestandteil des Phasenmodells nach DUNNING, jedoch wichtig im Zusammenhang der Entwicklung des Fußballsports zu einem modernen Sportspiel, ist die Veränderung der körperlichen Gewalt innerhalb des Spiels, die an dieser Stelle einfügend betrachtet werden soll, da sie eng an die Verregelung des Spiels geknüpft ist.

Den folgenden Ausführungen, die sich auf einen Aufsatz von GUNTER A. PILZ, beziehen, liegt die These zugrunde, dass der Fußball kein gesellschaftlicher Freiraum, sondern ein Teilbereich des menschlichen Zusammenlebens ist. PILZ unterscheidet darin körperliche Gewalt in (a)expressive, affektiveGewalt und (b)instrumentelle, rationaleGewalt.

(a) AffektiveGewalt definiert er als gewalttätige Handlungen, die keine Belastung des Gewissens nach sich ziehen, die gesellschaftlichen Standards entspricht und Lustgewinn verschafft.

PILZ verwendet für diese Form der körperlichen Gewalt auch die Typologie von NORBERT ELIAS, in dem er sie mit ‚Angriffslust’ bezeichnet.

(b) InstrumentelleGewalt oder auchrationaleGewalt, definiert er als weniger lustbetonte, ungehemmt umgesetzte Handlung von gewalttätigen Bedürfnissen, die jedoch kalkuliert, geplant und rational eingesetzt werden und dabei gesellschaftliche und auch sportspezifische Gewaltstandards überschreiten und ein übergeordnetes Ziel verfolgen.

PILZ bezeichnet diese beiden Formen als Idealtypen, die nie als solche in Erscheinung treten, da der Mensch weder vollkommen affektiv, noch vollkommen rational agiert. Er behauptet jedoch, dass sich im Laufe der Entwicklung, die Balance mehr in Richtung rationaler Gewalt verschoben habe.

Wie bereits beschrieben, war die frühere Form des Sports härter, wilder und brutaler, was jedoch gesellschaftlich toleriert erfolgte.

Die Verhaltensstandards der damaligen Zeit schienen demnach nicht übertreten worden zu sein.41

Eine übersichtliche Darstellung der Wandlungen der Struktureigenschaften von Sportspielen bietet ERIC DUNNING im von WILHELM HOPF (1979) herausgegebenen Werk „Fussball – Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart“.

DUNNING stellt hier vierzehn Punkte zusammen, in denen er die Struktur der Volksspiele und die, der modernen Sportspiele gegenüberstellt und somit vergleichbar macht. Dort heißt es unter den Punkten 11, 12 und 14 folgendermaßen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Gegenüberstellung der Struktureigenschaften von Volksspielen und modernen Sportspielen. Verkürzte Darstellung aus: Eric Dunning (1979), S.17

[...]


1 Dietrich Schulze-Marmeling, (2003), S. 9f

2 vgl. http://www.zeit.de/2009/04/Medellin und http://www.ballesterer.at/index.php?art_id=584

3 Axel Nowak/Pascal Bernstein (2001), S. 16

4 Eric Dunning (1979), S.13

5 Ebd. S. 13

6 Vgl. Hans Ulrich Vogel (2000), S.11

7 Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 11

8 Ebd. S.11

9 Nobert Elias/Eric Dunning (2003), S. 316

10 Ebd. S.316

11 Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 12

12 Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 13

13 Vgl. Ebd. S. 14 und Norbert Elias/Eric Dunning (2003), S. 318f

14 Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 14f

15 Norbert Elias/Eric Dunning (2003), S. 318

16 Ebd. S. 322

17 Norbert Elias/Eric Dunning (2003), S. 325

18 Vgl. Ebd. S. 322ff

19 Vgl. Ebd. S. 327/328

20 Norbert Elias/Eric Dunning (2003), S. 334

21 Vgl. Norbert Elias/Eric Dunning (2003), S. 335f

22 Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 17f

23 Ebd. S. 18

24 Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 18

25 Vgl. Eric Dunning (1979), S. 46

26 Vgl. Ebd. S. 48f und Dietrich Schulze-Marmeling (2000), S. 20

27 Vgl Norbert Elias/Eric Dunning (2003), S. 46 und Dietrich Schulze-Marmeling (2003), S. 20f

28 Vgl. Eric Dunning (1979), S. 13

29 Eric Dunning (1979), S. 52

30 Vgl. Ebd. S. 51f

31 Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling (2003), S. 22f

32 Eric Dunning (2006), S. 36

33 Vgl. Ebd. S. 36

34 Dietrich Schulze-Marmeling (2003), S. 23

35 Vgl. Ebd. S. 24

36 Vgl. Eric Dunning (1979), S. 13

37 Eric Dunning (2006), S. 37

38 Vgl. Ebd. S. 37

39 Vgl. Dietrich Schulze-Marmeling (2003), S. 26

40 Eric Dunning (1979), S. 13

41 Vgl. Gunter A. Pilz (1983), S. 81ff

Details

Seiten
80
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640366286
ISBN (Buch)
9783640366033
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131054
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,8
Schlagworte
Fußball Gesellschaft Entwicklung Fußballspiels Sicht

Autor

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