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Hannah Arendts Verständnis des Politikbegriffes

Seminararbeit 2006 14 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes

2. Arendts Politikverständnis
2.1. Pluralität
2.2. Handeln
2.2.1. Das politische Handeln
2.3. Politische Freiheit

3. Niedergang der Politik?
3.1. Politik und Macht
3.2. Sinn und Ziel von Politik

4. Schluss

5. Zusammenfassung/ Abstract

Literaturverzeichnis

1. Einleitendes

In der Politik der heutigen westlich-europäischen Gesellschaft scheint alles fest strukturiert und kontrollierbar zu sein, gleich einem großen Uhrwerk, dessen Zahnradgetriebe, bestehend aus unendlich vielen Zahnrädern welche präzise aufeinander abgestimmt sind, gut geölt ist. Fällt ein Rädchen aus oder quietscht es gar, sind für solche Fälle längst Schmieröl und Zange nebst Ersatzrädchen griffbereit, der Schaden wird behoben und gerät nach einiger Zeit in Vergessenheit. Mit anderen Worten: Politische Ereignisse wie bspw. ein Regierungswechsel vor Ablauf der Legislaturperiode oder ein gescheitertes Referendum zum Europäischen Verfassungsvertrag können zwar unvorhersehbar sein und die Arbeit des politischen Uhrwerks kurz unterbrechen, aber Verhandlungsöl, Abstimmungszange und ein neues Koalitionsrädchen bringen das komplizierte Getriebe im politischen Kreislauf wieder in Gang. Es scheint, als ob die Hinterfragung des Phänomens Politik überflüssig sei, da alles schon seinen festen Platz mit dazugehöriger Funktion besitzt. Der simplen aber auf den Grund gehenden Frage, was Politik sei, widmete sich im 20.Jahrhundert die Verfasserin normativer politischer Theorie, Hannah Arendt. Denn für sie funktionierten die „Zahnräder“ nicht reibungslos. Hierfür differenziert und erläutert sie Grundbegriffe wie Pluralität, Handeln, Freiheit und Politik. In ihrem Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ geht sie der Frage nach, „was wir eigentlich tun, wenn wir tätig sind.“ (Arendt 1960: 12). Zu diesem Zweck erläutert Arendt die Grundbedingungen menschlicher Existenz und ordnet die drei Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln spezifischen Bereichen des menschlichen Lebens zu.

Gegenstand dieser Arbeit ist es, Hannah Arendts Politikverständnis zu erläutern, dazu soll besonders auf die Rolle ihrer zentralen Grundbegriffe Pluralität, Handeln, Politik und Freiheit eingegangen werden unter Zuhilfenahme ihrer Werke „Was ist Politik?“ (Arendt 1950) und „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (Arendt 1960) um ein Verständnis für Hannah Arendts normativen Begriff des Politischen zu entwickeln. Daher muss auch geklärt werden, was die Philosophin meint, wenn sie von einer Degradierung des Politischen spricht und wie ihres Erachtens politische Freiheit durch Handeln realisiert wird.

Die Arbeit hat zum Ziel, Antworten auf genannte Fragen vorweisen zu können und mit einer Auswertung des Vorangegangenen abzuschließen.

2. Arendts Politikverständnis

Hannah Arendt versucht, „die Wurzeln des modernen Begriffs von Politik freizulegen, um zu zeigen, inwieweit unser heutiges Verständnis von Politik gegenüber den begriffsgeschichtlichen Ursprüngen verkürzt ist.“ (Bonacker 2002: 187).

Arendts normatives Politikverständnis basiert auf freien, gleichen und zugleich völlig verschiedenen Menschen, gemeint ist Pluralität, die im Zusammen- und Miteinander-Handeln immer das Wohl des Gemeinwesens im Auge haben (Arendt 1950: 9-11).

Der Begriff der Pluralität spielt insofern eine wichtige Rolle, als er für Arendt die Grundbedingung des Handelns, und damit des Politischen ist. Pluralität meint „die Tatsache, dass nicht ein Mensch, sondern viele Menschen auf der Erde leben und die Welt bevölkern.“ (Arendt 1960: 14).

Erst durch Pluralität, also vielfältiges Vorhandensein von Menschen zusammen und miteinander, kann nach Arendt Politik überhaupt erst entstehen, da der Einzelne, das Individuum, von vornherein, also mit seiner Geburt, a-politisch ist.

„Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen (Arendt 1950: 11). Hier widerspricht sie Aristoteles (Arendt 1950: 11), dessen Metaphysik sie sonst vertritt, für den der Mensch ein Zoon politikon, also bereits mit der Geburt ein politisches Lebewesen ist. Für Arendt ist der Mensch „ein auf Gemeinsinn angelegtes Lebewesen, das aber aktiv werden muß, damit seine Geselligkeit [...] öffentliche Ausdrucksformen gewinnt.“ (Negt 1993: 64). Dieser „angelegte Gemeinsinn“ ist etwas Natürliches und spielt auf die Pluralität an, während Politik das „Produkt öffentlicher Ausdrucksformen“ und der Sinn von Politik Freiheit ist (Arendt 1950: 28). Im folgenden Kapitel wird näher auf den Begriff der Pluralität eingegangen.

2.1. Pluralität

Pluralität ist die Grundbedingung für Politik. Durch das Zusammenkommen mehrerer Individuen kann es zu einem politischen Vorgang kommen; so schreibt Arendt in Vita activa von den „spezifisch politischen Formen des Zusammenseins, in denen man sich untereinander bespricht, um dann in Übereinstimmung miteinander zu handeln.“ (Arendt 1960: 148).

Das Zusammensein impliziert die Gemeinschaft, es ist öffentlich. Sie spricht von „politischen Formen des Zusammenseins“, durch Pluralität bedingte Politik impliziert demnach Besprechung untereinander, Einigung durch Übereinstimmung und somit die Möglichkeit des Handelns. Politik ist für Hannah Arendt öffentliches Handeln. Auf die Begriffe öffentlich und Handeln wird später differenzierter eingegangen.

Pluralität bezeichnet bei Arendt ein „prä-politisches Existenzial“ (Greven 1993: 79), es ist die Vorbedingung der Möglichkeit politischen Handelns (Bonacker 2002: 190) und ergibt sich aus der Personalität der Menschen, aus deren Vielheit und Verschiedenheit.

Im Zusammenhandeln erst wird künstlich das Gemeinsame der res publica hervorgebracht (Greven 1993: 79), das (politische) Handeln ist folglich eine künstliche Erzeugung durch die natürliche Pluralität der Menschen, die darin besteht, „das Wesen von einzigartiger Verschiedenheit sich von Anfang bis Ende immer in einer Umgebung von ihresgleichen befinden.“ (Arendt 1960: 167).

Des Weiteren impliziert Pluralität sowohl Gleichheit als auch Verschiedenheit (Arendt 1960: 164). Dabei meint Verschiedenheit die individuelle Persönlichkeit eines jeden Einzelnen, wohingegen Gleichheit bzw. Gleichartigkeit mit „gleicher Art“ gedeutet werden kann: „[Sprechen] realisiert die spezifisch menschliche Pluralität, die darin besteht, das Wesen von einzigartiger Verschiedenheit sich [...] immer in einer Umgebung von ihresgleichen befinden.“ (Arendt 1960: 167).

Da es ohne eine Verschiedenheit der Menschen weder Sprache noch Handeln bedürfe zur Verständigung (Arendt 1960: 164), meint eine Gleichartigkeit wohl auch das gleiche Werkzeug zum Sprechen, den menschlichen Sprachapparat.

Ein Mensch und ein Tier wären folglich nicht gleichartig und trotz ihrer Verschiedenheit und dem damit einhergehenden Verständigungsbedürfnis würden sie nie eine gemeinsame Sprache finden. Eine etwas andere Interpretation gibt Bonacker: Gleichheit bedeutet, dass Menschen die Bedeutung von Handlungen verstehen können. Die Fähigkeit zu verstehen ist jedem gegeben, trotzdem existiert keine völlige Gleichheit, da ansonsten das Verständigungsbedürfnis überflüssig wäre (Bonacker 2002: 190).

2.2. Handeln

In Arendts Werk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ geht sie der Frage nach, „was wir eigentlich tun, wenn wir tätig sind.“ (Arendt 1960: 12). Hierzu erläutert Arendt die Grundbedingungen menschlicher Existenz und ordnet die drei Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln spezifischen Bereichen des menschlichen Lebens zu.

Das Handeln ist nach Arendt die politische Tätigkeit überhaupt und setzt sich von den anderen Grundtätigkeiten völlig ab.

Dies meint allerdings nicht, dass jedes Miteinander gleich Handeln und damit politisch ist, vielmehr ist es so, dass jedes Miteinander das Potential des Handelns in sich trägt.

Und Handeln ist nicht gleich Handeln, hier differenziert Arendt allgemeines und politisches Handeln. Menschliches Handeln im Allgemeinen, also nicht im politischen Sinn, ist „das freie Tätigsein eines Menschen bzw. die Verursachung von etwas durch einen Menschen“, wohingegen das politische Handeln „menschliches Tätigsein im Bereich des Politischen ist.“ (Wagenknecht 1995: 63,65). Nach Arendts Handlungstheorie ist Handeln immer öffentlich und findet nur innerhalb einer Gemeinschaft oder Gesellschaft statt (Negt 1993: 61).

Die Grundbedingung des Handelns ist die Pluralität: „Das Handeln des Menschen ist nicht in Isolierung möglich, sondern setzt immer ein soziales Umfeld voraus, die Mitwelt.“ (Wolf 1991: 124). Der Zweck des Handelns besteht in der Befreiung von der Logik einer Notwendigkeit, ganz im Gegensatz zu den anderen zwei Grundtätigkeiten, um unter dieser Voraussetzung sich auf etwas Gemeinsames zu einigen.

Handeln und Sprechen gehören für Arendt eng zusammen, nur mittels einer gemeinsamen Sprache kann man sich untereinander verständigen, besprechen und einigen.

„Der Mensch als gesellschaftliches [...] Wesen kann nur innerhalb der Menschengesellschaft handeln, das heißt, lediglich mit anderen Menschen zusammen vermag sich Handlungsfähigkeit herzustellen.“ (Wolf 1991: 113).

Das bedeutet, dass „der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, bevor er ein politisches werden kann.“ (Arendt 1960: 34). Für Arendt bedeutet Gesellschaft eine „Form des Zusammenlebens, in der die Abhängigkeit des Menschen von seinesgleichen um des Lebens selbst willen und nichts sonst zu öffentlicher Bedeutung gelangt, und wo infolgedessen die Tätigkeiten […] in der Öffentlichkeit nicht nur erscheinen, sondern die Physiognomie des öffentlichen Raumes bestimmen dürfen.“ (Arendt 1960: 47).

Und nur in der Kombination Handeln und Sprechen „unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein.“ (Arendt 1960: 165) und sind in dieser Hinsicht aber auch in der Lage, miteinander „gleichartig“ zu sein hinsichtlich Sprache und Pluralität. Durch kommunikatives Handeln ist es dem Menschen möglich, seine Interessen verständlich zu machen und politisch aktiv zu werden. Isoliertes Handeln ist nicht möglich, es bedarf eines ständigen Kontaktes.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640370474
ISBN (Buch)
9783640370511
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131097
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Hannah Arendts Verständnis Politikbegriffes

Autor

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Titel: Hannah Arendts Verständnis des Politikbegriffes