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Die Genese des Falunmotivs in der deutschen Literatur

von Hendrik Fieber (Autor)

Hausarbeit 2007 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der historische Kern der Falungeschichte

3. Schubert als Wegbereiter für die literarische Bearbeitung des Falunstoffes

4. Johann Peter Hebels Unverhofftes Wiedersehen

5. Achim von Arnims Ballade Des ersten Bergmanns ewige Jugend

6. E.T.A Hoffmanns Novelle Die Bergwerke zu Falun

7. Abschied von der Wiedersehensszene: Hugo von Hofmansthals Drama Das Bergwerk zu Falun

8. Schluss

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte des Bergmannes von Falun gehört zu den großen Motiven der deutschen Literatur und hat nicht ohne Grund Einzug in Elisabeth Frenzels dichtungsgeschichtliches Lexikon Stoffe der Weltliteratur gefunden. Die Überlieferung des Schicksal von Mathias Israelson, der 50 Jahre nach seinem Tod unter Tage als konservierte Leiche geborgen und von seiner ehemaligen Verlobten identifiziert wurde, beruht auf historischen Tatsachen und ist vor allem im 19. Jahrhundert von „nicht weniger als dreißig Autoren“ (Gold 1990, 115) bearbeitet worden.

Die literaturwissenschaftliche Forschung hat viele dieser Werke, die zum Teil von namhaften Dichtern wie E.T.A Hoffmann, Johann Peter Hebel oder Hugo von Hofmansthal verfasst worden sind, genau untersucht. Allerdings gehen diese Untersuchungen in der Regel nur von jeweils einem Werk aus, das in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt und genauestens auf mögliche Bedeutungsebenen abgeklopft wird. Im günstigsten Fall werden ein oder zwei Referenzwerke innerhalb des Falunthemas genannt, zu dem sich intertextuelle Bezüge im vorliegenden Werk feststellen lassen. Kaum beachtet wird in der wissenschaftlichen Forschung hingegen die Frage, in wie fern das Falunmotiv in der Literatur von den frühen Werken bis zu den späten Adaptionen eine auf Intertextualität basierende Entwicklung durchgemacht hat.

Diese Arbeit geht von der These aus, dass sich in den Bearbeitungen der bedeutenden Autoren für das Falunmtov eine stringente Genese feststellen lässt, die sowohl einen Ausgangspunkt als auch einen Endpunkt aufweist und in der gegenläufige Tendenzen so gut wie nicht festzustellen sind. Um der Fülle der Bearbeitungen Herr zu werden beschränkt sich diese Arbeit auf die Untersuchung der fünf bedeutendsten Werke der Autoren Schubert, Hebel, von Arnim, Hoffmann und von Hofmansthal, verweist aber an einigen Stellen auf weitere Werke innerhalb des Themas.

Darüber hinaus soll in dieser Arbeit außerdem eine weitere These vertreten werden, die davon ausgeht, dass das bekannteste Werk innerhalb der Faluntradition, Johann Peter Hebels Unverhofftes Wiedersehen, für die Genese des Motivs keine entscheidende Rolle spielt und dass stattdessen die Entwicklung des Motivs den anderen hier bearbeiteten Autoren zuzusprechen ist.

2. Der historische Kern der Falungeschichte

Der Adaption des Falunstoffes in der deutschen Literatur liegt der von mehreren Quellen bezeugte Leichenfund aus dem Jahr 1719 im Bergwerk von Falun in Schweden zu Grunde. Der ausführlichste Bericht trägt den Titel Acta litteraria Svecia Upsalae und wurde im Jahr 1722 vom Bergassessor Adam Leyel verfasst.

Leyel zu Folge wurde im Dezember 1719 beim Anlegen eines Durchbruchs zwischen zwei Schächten die Leiche eines männlichen Bergmannes gefunden. Der Leichnam „wies Verletzungen an beiden Beinen, dem rechten Arm und dem Hinterkopf auf und lag gänzlich in einer Flüssigkeit“ (Gold 1990, 107). Diese Flüssigkeit wurde später als Eisenvitriol identifiziert. Eisenvitriol hat konservierende Eigenschaften, die im Falle der Faluner Leiche dazu führten, dass keine Verwesungserscheinungen einsetzen konnten, so dass der aufgefundene Leichnam noch genauso aussah wie am Todestag.

Nachdem die Leiche aus der Grube geschafft worden war, wurde sie zunächst durch den alten Bergmann Magnus Johannssen identifiziert. Dieser erkannte in dem Toten den im Herbst 1670 alleine in den Schacht eingefahrenen und seitdem verschollenen Bergmann Mathias Israelsson. „Diese Angaben bekräftigten durch gleichlautende Aussagen der Bergmeister Erik Michelsen und der Seiler Erik Petersen“ (Lorenz 1969, 251). Erst nachdem der Tote durch drei verschiedene Bergleute identifiziert wurde, trat die ehemalige Verlobte des Bergmanns auf den Plan, die die Angaben bestätigte und als letzte Angehörige die Herausgabe der Leiche zwecks Bestattung forderte. Dieser Bitte wurde schlussendlich stattgegeben.

Der Bericht von Leyel, so ausführlich er auch sein mag, muss als eine Interpretation der wirklichen Ereignisse gesehen werden, bei der ein entscheidendes Element fehlt. Ob unabsichtlich oder wissentlich, Leyel erwähnt mit keinem Wort den Handel, der im Anschluss an den Leichenfund zwischen der ehemaligen Verlobten und der medizinischen Fakultät der Kopenhagener Universität vereinbart wurde. Wie aus den Kopenhagener Zeitschriften Nye Tidender öm lärde Sager und Extrait des Nouvelles aus dem Jahr 1720 hervorgeht, endete der Handel damit, dass sich die ehemalige Verlobte „schließlich herbeiließ, den Leichnam gegen eine Geldentschädigung der Fakultät zu überlassen.“ Es bleibt aus heutiger Sicht zumindest fragwürdig, ob die Geschichte des Bergmanns von Falun ähnlich rezipiert worden wäre, wenn die Verfasser der literarischen Werke zu diesem Thema Kenntnis von diesem Handel gehabt hätten. Vor allem die Fokussierung auf die selbst durch den Tod nicht zu erschütternde romantische Liebe zwischen Bergmann und Verlobter, die, soviel sei vorweg genommen, vor allem in den frühen Adaptionen des Themas eine große Rolle spielt, erscheint im Kontext des beschriebenen Handels mehr als unwahrscheinlich.

Darüber hinaus weist Helmut Gold in seiner Monographie Erkenntnisse unter Tage auf eine andere, „gänzlich unromantische Version der Geschichte“ (Gold 1990, 108) hin. Demnach habe der Wissenschaftsjournalist Gerd Dependorf im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks bei seinen Recherchen herausgefunden, dass sich gleich mehrere, angebliche Verlobte des aufgefundenen Bergmannes gemeldet hätten. Der geschichtliche Hintergrund sei, dass die Bergmannswitwen in dieser Zeit als eine Art von Hinterbliebenenversorgung die Konzession für eine Gastwirtschaft erhalten hätten. Dies erkläre den Umstand, dass es gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der 3000 Einwohner Stadt Falun annähernd 200 Gastwirtschaften gegeben habe.

Diese alternativen Versionen der Geschichte fanden unter anderem auch deshalb keinen Einzug in die literarische Rezeptionsgeschichte des Themas, weil der Falunstoff nach dem Bericht von Leyel in der deutschen Literatur zunächst fast 90 Jahre lang weitgehend unbeachtet blieb. Erst im Jahr 1808 wurde das Thema vom Naturphilosophen und Arzt Gotthilf Heinrich von Schubert wieder aufgegriffen.

3. Schubert als Wegbereiter für die literarische Bearbeitung des Falunstoffes

Gotthilf Heinrich von Schubert gehört streng genommen nicht in die Riege der Autoren, die sich der Geschichte des Bergmanns von Falun literarisch angenommen haben. Schuberts Zugang zu diesem Thema ist ein naturwissenschaftlicher, er interessiert sich in seinem viel beachteten Werk Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften in erster Linie für die konservierende Wirkung des Eisenvitriols. „Er beschäftigte sich damit im Zusammenhang mit seiner These, dass sich der menschliche Körper rascher zersetze als der tierische“ (Gold 1990, 109). Dennoch hat Schubert in zweierlei Hinsicht maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Falunmotives.

Erstens verlässt Schubert an einer Stelle seinen nüchternen, naturwissenschaftlichen Blickwinkel und gestaltet die Wiedersehensszene zum ersten Mal in der Rezeptionsgeschichte des Themas dichterisch aus. Bei Schubert heißt es hierzu:

„Da kömmt an Krücken und mit grauem Haar ein altes Mütterchen, mit Thränen über den geliebten Toden, der ihr verlobter Bräutigam gewesen, hinsinkend, die Stunde segnend, da ihr noch an den Pforten des Grabes ein solches Wiedersehen gegönnt war...“ (Gold 1990, 109). Diese erste Version der Wiedersehensszene hatte einen erheblichen Einfluss auf nachfolgende

Ausgestaltungen dieser Szene, wie sie sich unter anderem bei Hebel und von Arnim finden. Beide Autoren werden an späterer Stelle noch genauer untersucht.

Die zweite und bedeutenderer Leistung von Schubert ist es, dass durch seinen Bericht das Falun Thema erst in den Fokus des dichterischen Interesses gerückt wurde. Nachdem das Thema fast 90 Jahre unbearbeitet blieb, veröffentlichte Schubert seinen Bericht 1809 in der Zeitschrift Jason unter dem Titel „Dichter Aufgabe“. Mit dem Artikel verknüpft war die explizite Aufforderung, sich des Themas dichterisch anzunehmen, der ab dem Jahr 1810 mehr als zwanzig Autoren folgten.

Von Interesse ist bei der Betrachtung der Rolle Schuberts auch die Frage, in wie fern er in seinem Bericht von den historischen Fakten abweicht. Schubert reduziert die Wiedererkennungsszene auf die ehemalige Verlobte, die Identifizierung durch die Bergmänner wird in keinem Wort erwähnt. Hierbei ist allerdings zu erwähnen, dass Schubert diese historische Ungenauigkeit seinerseits nur übernommen hat. Schubert stützt sich, wie Helmut Gold nachweist (vgl. Gold 1990, 109) bei seiner Arbeit nicht auf den Bericht von Leyel, sondern auf eine 1762 erschienene Chronik von Hülfer, bei der dieser historische Fehler bereits implementiert ist. Durch die Übernahme dieser Version der Geschichte trägt Schubert dazu bei, den Mythos von der Erstidentifizierung durch die ehemalige Verlobte zu zementieren. Dieser Mythos wurde von nahezu allen späteren Werken übernommen. Gleiches gilt für die Zeitspanne zwischen Verschwinden und Fund des Bergmanns. Diese beträgt nachweislich 49 Jahre, doch bereits bei Schubert heißt es: „Fünfzig Jahre hatte derselbe in einer Tiefe von dreihundert Ellen [...] gelegen“ (Lorenz 1969, 251). Stillschweigend wird die Zeitspanne auf ästhetisch wirksamere 50 Jahre aufgerundet, was sich ebenfalls bei allen späteren Falunbearbeitungen wiederfindet.

4. Johann Peter Hebels Unverhofftes Wiedersehen

Im Jahr 1810, ein Jahr nach Schuberts Aufforderung, sich des Falunstoffes anzunehmen, wurde Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen veröffentlicht. Diese Kalendergeschichte ist bis heute eine der bekanntesten und beliebtesten Beschäftigungen mit dem Thema. Der Philosoph Ernst Bloch bezeichnete sie als „die schönste Geschichte von der Welt“ (Gold 1990, 110) und auch Hebels Zeitgenosse Goethe lobte das unverhoffte Wiedersehen in höchsten Tönen.

In der wissenschaftlichen Forschung ist umstritten, wie diese Kalendergeschichte innerhalb der Falun Forschung einzuordnen ist. Elisabeth Frenzel zählt Hebels Beitrag in die Riege der

Werke, die neben dem Leichenfund auch die Vorgeschichte verarbeiten (vgl. Frenzel 1962, 78). Gold hingegen betont, „dass es Hebel besonders auf die Wiedererkennungsszene ankam“(Gold 1990, 110). Tatsächlich sind beide Positionen nicht ganz abwegig. Das unverhoffte Wiedersehen gehört definitiv nicht zu der Gruppe der, zumeist unbekannten, Adaptionen, die erst beim Fund der Leiche einsetzen und die Vorgeschichte gänzlich unerwähnt lassen. Hebel schildert sowohl das Eheversprechen zwischen den namentlich nicht näher bestimmten Hauptfiguren, als auch das Verschwinden des Bergmannes. Hierzu heißt es:

„Denn als der Jüngling den anderen Morgen in seiner schwarzen Bergmannskleidung an ihrem Haus vorbeiging, der Bergmann hat sein Totenkleid immer an, da klopfte er zwar noch einmal an ihrem Fenster, und sagte ihr guten Morgen, aber keinen guten Abend mehr“ (Hebel 2006, 253)

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640375912
ISBN (Buch)
9783640375684
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131745
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fakultät III - Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Genese Falunmotivs Literatur

Autor

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    Hendrik Fieber (Autor)

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