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Über den Begriff der Nation in Johann Gottlieb Fichtes 'Reden an die deutsche Nation'

Hausarbeit 2007 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Nation und ihre Definitionen
2.1 Die Adelung'sche Definition
2.2 Die Definition im Grimm’schen Wörterbuch
2.3 Definitionsversuch im Historischen Wörterbuch der Philosophie
2.4 Eine aktuelle Definition – Das Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland
2.5 Versuch eines eigenen Konstruktes

3 Fichtes Begriff der Nation

4 Schluss

5 Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Im Rahmen meines Lehramtstudiums nahm ich im Wintersemester 2006/2007 an dem Proseminar „Einführung in die Klassische deutsche Philosophie“ teil, in dessen Mittelpunkt die Auseinandersetzung mit Schriften Johann Gottlieb Fichtes stand. Im Verlauf des Seminars befassten wir uns unter anderem auch mit den „Reden an die deutsche Nation“. Hier interessierte mich besonders der Begriff der Nation, den Fichte in den Reden[1] verwendet. Dass Fichte einen Nationenbegriff hat, ist notwendig daraus zu schließen, dass er sich mit seinen Reden an eine Nation, genauer gesagt an die deutsche Nation, richtet. Was aber bedeutet für Fichte der Begriff „Nation“? Beim arbeiten mit den Reden erging es mir teilweise wie SACK, einem der Berliner Zensoren, der nach der Lektüre der 3. Rede schrieb: „Mir ist die Weißheit des H. Fichte zu hoch und gänzlich ungenießbar. Ich verstehe ihn nicht, und kann ihn also nicht beurteilen.“[2] Dennoch habe ich mich von den Stellen, die mir dunkel geblieben sind, nicht entmutigen lassen, mich mit dem Begriff der Nation in den Reden auseinander zu setzen. Um mich der begrifflichen Ebene meines Untersuchungsgegenstandes zu nähern, werde ich mir zunächst ein begriffliches Grundgerüst erarbeiten, welches ich aus der Schnittmenge verschiedener Definitionen von Nation gewinnen möchte. Als Quellen sollen mir dabei Einträge aus Wörterbücher dienen, die aufgrund ihres unterschiedlichen Erscheinungsdatums und ihrer unterschiedlichen wissenschaftlichen Pointierung, einen Begriff von Nation entstehen lassen, der weder zeitlich, noch thematisch einseitig ist. Bei der Arbeit mit den Wörterbucheinträgen werde ich chronologisch vorgehen, beginnend mit dem ältesten Wörterbuch. Auf der Basis dieses Grundgerüstes strebe ich einen Vergleich an, in dessen Verlauf, Fichtes Begriff der Nation immer wieder an dem Begriff der Nation, den ich als Essenz aus verschiedenen Definitionen gewonnen hab, gemessen wird. Als Produkt dieses Vergleichs soll Fichtes Begriff der Nation als Ansammlung von Übereinstimmungen und Abweichungen von dem, von mir erstellten Begriff der Nation entstehen, mit dem ich mich im Schlussteil auseinander setzen werde, um die Frage zu beantworten: „Was bedeutet für Fichte Nation?“

2 Die Nation und ihre Definitionen

Der Begriff „Nation“ ist, seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts, der Zeit seiner lexikalischen Manifestierung in der deutschen Sprache, einer der schillerndsten Begriffe in Philosophie und Politik und Religion. Seine verschiedenen Ausdeutungen ließen im Laufe der Zeit ein Spannungsverhältnis zwischen dem Verständnis von Nation als Kulturnation und dem Verständnis von Nation als Staatsnation entstehen. Während z.B. die „Franzosen [...] seit J.J. Rousseau und E.J. Sieyès in der N. Eine historisch geformte Willensgemeinschaft [verstehen], die in der Einheit des Staatswesens hervortritt“[3], betonten die „deutschen Denker der klass. und romant. Epoche [...] die volkhaft-kulturelle vorstaatliche Nation.“[4]

Um einen begriffliches Grundgerüst von „Nation“ zu erhalten, an welchem ich den Fichte'schen Begriff desselben erhellen möchte, werde ich eine begriffliche Schnittmenge aus verschiedenen Definitionen von Nation erstellen. Diese Schnittmenge sollte weder durch das erste Extrem der begrifflichen Ausdeutung von Nation , noch das zweite Extrem einseitig bestimmt sein. Ich erhoffe mir daraus, einen Begriff von Nation zu erhalten, der möglichst allgemein und umfassend bleibt, so dass ich den Fichte'schen Begriff mit Elementen meines Grundgerüstes füllen kann, um letztlich zeigen zu können, welchen Begriff von Nation Fichte verfolgt.

2.1 Die Adelung'sche Definition

Die älteste, mir zugängliche Definition von Nation, die ich bei meiner Literatur finden konnte entstammt dem Adelung'schen Wörterbuch[5], aus dem ich im folgenden zitieren werde. Aufgrund seines Erscheinungsdatums kann man annehmen, dass die hier beschriebene Bedeutung des Wortes Nation, dem Verständnis der Zeit Fichtes entspricht.

Die Nation, plur. die -en, aus dem Latein. Natio, die eingebornen Einwohner eines Landes, so fern sie eine gemeinschaftliche Sprache reden, sie mögen übrigens einen einzigen Staat ausmachen, oder in mehrere vertheilet seyn.

Zunächst wird hier, mit dem Verweis auf die lateinische Sprache, die Wortherkunft erklärt. Nation wird somit als Fremdwort deklariert. Die erste Bedeutung des Wortes liegt nah an der lateinischen Bedeutung, die, wörtlich übersetzt, Abstammung durch die Geburt bedeutet. Eine Nation besteht somit aus Menschen gleicher Abstammung. Ein zweites Element der Definition ist die räumliche Begrenztheit, durch die sich die Nation bestimmt, die in dem Wörterbucheintrag mit „Einwohner eines Landes“ deutlich gemacht wird. Allerdings wird diese Beschreibung im, sich anschließenden Nebensatz, durch den Hinweis auf eine gemeinsame Sprache sogleich eingeschränkt. Schließlich wird in diesem ersten Auszug herausgestellt, dass sich eine Nation nicht über das Vorhandensein eines Staates definiert, da eine Nation auch über „mehrere“ verteilt sein kann.

Auch besondere Zweige einer solchen Nation, d.i. einerley Mundart redende Einwohner einer Provinz, werden zuweilen Nationen genannt, [...].

Im zweiten Auszug aus der Adelung'schen Definition wird eine andere Grundbedeutung von Nation beschrieben. Hier meint Nation einen bestimmten Teil einer Nation, der sich durch besondere Eigenheiten, wie z.B. die Verwendung einer bestimmten Mundart, von den anderen Menschen derselben Nation abgrenzt.

Ehe dieses Wort aus dem Latein. entlehnet wurde, gebrauchte man Volk für Nation, [...]. Wegen der Vieldeutigkeit dieses Wortes aber hat man es in dieser Bedeutung großen Theils verlassen [...].

In einem letzten Auszug aus dem Adelung'schen Wörterbuch wird die Nähe des Wortes Nation zum Wort Volk thematisiert, indem darauf verwiesen wird, dass das Wort Volk synonym für das Wort Nation verwendet wurde, ehe Nation aus dem Lateinischen entlehnt wurde, dass sich aber zunehmend eine Differenzierung vollziehe, in deren Folge das Wort Volk die Bedeutung von Nation nicht mehr adäquat wiedergibt.

2.2 Die Definition im Grimm’schen Wörterbuch

Der zweite Definitionsversuch, auf den ich mich stützen werde, entstammt dem Grimm'schen Wörterbuch[6]. Wegen der Aufopferung der beiden Brüder für die deutsche Sprache schien es mir notwendig, Auszüge aus deren Wörterbuch in meine Betrachtung mit einzubeziehen.

NATION, f. das (eingeborne) volk eines landes, einer groszen staatsgesamtheit; seit dem 16. jahrh. aus dem franz. nation, ital. nazione (vom lat. natio) aufgenommen: […].

In der Definition des Begriffs Nation aus dem Grimm'schen Wörterbuch klingt zunächst der Bezug zur Abstammung durch die Geburt an. Mit dem Verweis auf das Volk eines Landes wird die räumliche Begrenztheit als ein Element der Definition herausgestellt. Außerdem wird die semantische Nähe von Nation und Volk deutlich, wie sie schon im Adelung'schen Wörterbuch Anklang fand. Eine Nation ist demnach zunächst die Menge von Menschen, also das Volk, welches in einem Land geboren ist. Bemerkenswert ist allerdings, der Bezug auf eine Staatsgemeinschaft, der zwar nicht als notwendige Voraussetzung für das Bestehen einer Nation angesehen wird, dennoch aber, durch das Komma getrennt, als eine mögliche Voraussetzung in Betracht gezogen wird. Dieser Bezug tauchte im Adelung'schen Wörterbuch noch nicht auf. Der erste Definitionsabschnitt endet mit dem Verweis auf den Ursprung des Wortes als eine Entlehnung aus dem Französischen und somit auf seinen Fremdwortcharakter.

nation, volck, eins lands erborne. […]; nation, ein volck das in einem lande erborn ist, ein gantz geschlecht oder menge eins volck im landt. [...]; nation, [...] ein volck, so einerlei sprache, gesetze und regierung hat.

Im zweiten Definitionsabschnitt werden zunächst wieder das Element der Abstammung durch Geburt und die räumliche Begrenztheit als Eigenschaften einer Nation angeführt. Eine Nation ist das Volk „das in einem Lande erborn ist“. Wieder wird hier die semantische Nähe zum Wort Volk deutlich. Darüber hinaus konnte sich Nation aber auch nur auf einen bestimmten Teil des Volkes eines Landes beziehen, wie der weitere Verlauf des Wörterbucheintrags zeigt. Schließlich werden neue Elemente ins Spiel gebracht: Sprache, Gesetze, Regierung. Demnach kann Nation ein Volk bezeichnen, dass die selbe Sprache, die selben Gesetze und die selbe Regierung hat. Bemerkenswert ist hier, dass die Nation nicht nur über eine gemeinsame Sprache definiert wird, sondern auch über gemeinsame staatliche Strukturen, wie Gesetze und Regierung. Damit eröffnet sich neben der Abstammung durch die Geburt ein weiteres Bedeutungselement, nämlich gemeinsame staatliche Strukturen als Eigenschaften von Nation.

diejenige menge oder auch theil derselben, welche sich durch gemeinschaftliche abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen ganzen erkennt, heiszt nation.

Im weiteren Verlauf des Wörterbucheintrages wird ein weiteres neues Element in die Definition von Nation einbezogen. Nicht nur das, was derselben Abstammung durch Geburt ist, heißt Nation, sondern auch das, was sich als gemeinschaftliches Ganzes erkennt, vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen. Verwunderlich ist der Bezug zum Bürgertum nicht, denn mit der Etablierung des Bürgertums an der Spitze der Gesellschaft seit Beginn des 19. Jahrhunderts, wurden auch seine Werte- und Normenvorstellungen zu gesellschaftlichen Maßstäben. Das Bürgertum konnte sich gerade dadurch, dass es sich als einheitliches Ganzes formierte, vom Rest der Gesellschaft abheben. Nation definiert sich als ein Ganzes, was von seinen Teilen auch als ein solches erkannt wird.

[...] auch von einem bestimmten stande oder geschlechte, die leute desselben: [...]. mundartlich verbindet man mit dem worte gerne die vorstellung des untüchtigen, lumpigen, boshaften: [...].

Der letzte Teil der Definition offenbart weitere Bedeutungen von Nation. Zum einen kann Nation wie auch schon bei Adelung einen bestimmten Teil des Volkes bezeichnen, zum anderen, und das ist neu, kann es auch abwertend verwendet werden, da aber auch im Hinblick auf einen bestimmten Teil der Bevölkerung, der sich durch bestimmte negative Eigenschaften vom Rest des Volkes unterscheidet.

[...]


[1] Mit den Reden ist im weiteren Verlauf stets ein Verweis auf Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ gemeint

[2] Schneider Stefan: Nation ohne Quellen? oder Der Anfang vom Anfang einer deutschen Bewegung. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades (Dr. phil.); Vorgelegt der Geisteswissenschaftlichen Sektion der Universität Konstanz, Fachbereich Geschichte und Soziologie 2002; S. 117

[3] Vorauslexikon zur Brockhaus-Enzyklopädie; 19. Auflage; Mannheim 1986; Band 3; S. 666

[4] Ebd.; S. 666

[5] Adelung, Johann-Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundarten, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen; Dritte Theil, von M-Scr; Leipzig 1798; S. 439

[6] Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch; 7. Band; bearbeitet von Dr. Matthias von Lexer; München 1991

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640378319
ISBN (Buch)
9783640378739
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131973
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Begriff Nation Johann Gottlieb Fichtes Reden Nation

Autor

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Titel: Über den Begriff der Nation in Johann Gottlieb Fichtes 'Reden an die deutsche Nation'