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Der Nationalsozialismus in der Kinder- und Jugendliteratur

Facharbeit (Schule) 2009 59 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung im Hinblick auf das heutige Nationalbewusstsein in Deutschland

II. Grundlegende Aspekte der Thematik
1.) Bedeutung der KJL im Wandel der Zeit
1.1. Zeit der Aufarbeitung und Auseinandersetzung
1.2. „Erziehung nach Auschwitz“
1.3. Rechtzeitiger Zugang des Kindes zur Thematik
2.) Voraussetzungen für die Vermittlung des Holocaust
2.1. Frage nach Überforderung des Kindes im Zeitalter der Medien
2.2. Zugänglichkeit der Themenaspekte auf der jeweiligen Entwicklungsstufe
2.3. Aspekt der gegenseitigen Bedingtheit von Zukunft und Vergangenheit

III. Beispiele für KJL über den Nationalsozialismus
1.) Hoestlandt Jo/ Kang Johanna: Die große Angst unter den Sternen
1.1. Zusammenfassung vor geschichtlichem Hintergrund
1.2...Sichtweise der Kinder und Jugendlichen auf den Roman
1.3...Entwicklung der Hauptfigur im Hinblick auf Familie und Gesellschaft
1.4...Literarische Gestaltung
1.4.1. Position des Erzählers
1.4.2. Stilistische Besonderheiten und kindgerechte Sprache
2.) Pressler Mirjam: Malka Mai
2.1. Zusammenfassung vor geschichtlichem Hintergrund
2.2. Sichtweise der Kinder und Jugendlichen auf den Roman
2.3. Entwicklung der Hauptfigur im Hinblick auf Familie und Gesellschaft
2.4. Literarische Gestaltung
2.4.1. Position des Erzählers
2.4.2. Kindgerechte Sprache und stilistische Besonderheiten
3.) Gedanken zu Joanne K.Rowlings Heptalogie Harry Potter
4.) Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Seid ihr stolz, deutsch zu sein?“

Auf diese Frage sprachen sich nach einer Studie der Bundeszentrale für politische Bildung[1] im Rahmen der Fussballweltmeisterschaft 2006 rund 61 Prozent der 14-bis 18- Jährigen als stolze deutsche Jugendliche aus.

Eine weitere repräsentative Studie des Jugendmagazins Spiesser im Jahre 2008 zeigt, dass die Tendenz der Jugendlichen, welche stolz darauf sind, deutsch zu sein, auf 86 Prozent[2] angestiegen ist. Als positive Gründe hierfür werden die guten Bildungschancen innerhalb Deutschlands und dessen politisches System als Sozialstaat genannt.

Viele der Befragten finden jedoch die deutsche Vergangenheit, den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Nationalsozialismus, als zu problematisch, um von deutschem Nationalstolz sprechen zu können. Darüber hinaus wurden die Begriffe Stolz und Nationalismus im Dritten Reich neu definiert und von ihrer eigentlichen Bedeutung zweckentfremdet.

Daher fällt es heute leichter, von „Stolz auf die eigene Leistung“ und „gegen Stolz auf die Nation“[3] zu sprechen.

Der Soziologe Ulrich Rosar erklärt diese Problematik folgendermaßen: „Zeigen wir im Alltag Nationalstolz, dann hat das einen sehr merkwürdigen Anklang. Den Deutschen wird ihr Stolz auf die Nation einfach nicht zugestanden.“[4]

Im Gegensatz dazu sei es weit einfacher, Europäer zu sein, denn dies sei für uns eine unproblematische Ersatzidentität.[5]

Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus und die unvorstellbar grausamen Ereignisse des Holocaust bestimmen auch heute immer noch das Denken der deutschen Bürger, die selbst in der dritten Generation nach dieser Zeit noch damit zu kämpfen haben, unter die nationalsozialistische Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen.

Der Autor Torsten Körner beschäftigt sich in seinem Jugendbuch „Die Geschichte des Dritten Reiches“ mit der Frage, ob sich die Vergangenheit bewältigen lässt und spricht zu seinen

jugendlichen Lesern am Ende seines Buches folgende nachdenkliche Worte:

„Nur wenn man sich mit der dunklen Geschichte des Dritten Reichs beschäftigt und aus ihr lernt, kann man verhindern, dass sich ähnliche finstere Kapitel in der Zukunft wiederholen. […] Neue Wege und bessere Möglichkeiten tun sich nur dann auf, wenn man sich die Irrwege und schrecklichen Beispiele der Geschichte vor Augen führt. Wie wir unsere Zukunft gestalten, müssen wir selbst bestimmen. Das ist unsere Verantwortung. Wie sie nicht aussehen soll, hat uns die Geschichte des Dritten Reiches gezeigt. Die Erinnerung an diese Zeit, die wir nicht selbst erlebt haben, müssen wir deshalb wach halten“[6].

Dieses Wachhalten der Erinnerung ist in besonderem Maße bei den Kindern und Jugendlichen erforderlich. Denn schon Wilhelm von Humboldt bemerkte: „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft!“[7]

Um dies zu verwirklichen, bietet die Kinder- und Jugendliteratur (KJL) eine ideale Möglichkeit, der jüngeren Generation die Zeit des Nationalsozialismus näher zu bringen, ohne sie dabei mit der Frage der Schuld zu konfrontieren.

Die Kinder und Jugendlichen können sich dementsprechend vorurteilsfrei und offen diesem schwierigen Thema stellen.

Wie kann die NS-Vergangenheit angemessen festgehalten werden, ohne dabei zu einseitig auf gewisse Blickfelder einzugehen? Auf welche Weise soll den nachfolgenden Generationen schonend und doch nicht realitätsfern das schrecklichste Kapitel der deutschen Menschheitsgeschichte beigebracht werden? Welche Themenbereiche des Holocaust sind auf welcher Entwicklungsstufe des Kindes zugänglich, um es nicht zu überfordern oder gar zu traumatisieren?

Auf diese Fragen möchte ich in der vorliegenden Arbeit näher eingehen. Anhand von zwei konkreten Kinder- und Jugendbüchern werde ich aufzeigen, wie dort der Nationalsozialismus thematisiert und auf welche Weise er aufgearbeitet wird.

II. Grundlegende Aspekte der Thematik

1.) Bedeutung der KJL im Wandel der Zeit

Die Literaturwissenschaft hat sich in den letzten Jahren immer intensiver mit der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt. Als Grundlage für verschiedenartige pädagogische Studien dient hierfür das im Jahre 1960 in Frankreich veröffentlichte Buch „Geschichte der Kindheit“ des Historikers Philippe Ariès[8]. Darin untersucht dieser die mittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Vorstellungen von Kindheit, Kindsein und Kindlichkeit, womit lange Zeit soziale Abhängigkeit und die sogenannte „Gotteskindschaft“, ein besonders religiöses Verhältnis mit Gott, assoziiert wurden. Stellten im Mittelalter Kinder oft nur „in der Größe reduzierte Erwachsene“ dar, so änderte sich diese Gleichgültigkeit gegenüber Kindern erst durch die Erziehungsschriften des Erasmus im 18.Jahrhundert grundlegend.

In diesen wird richtiges und falsches Verhalten seitens der Erwachsenen demonstriert, um Kinder und Jugendliche auf diese Weise „ins Leben einführen“[9] zu können.

Erst in den späteren Jahrhunderten begann die KJL eine wichtige Rolle als Medium der Sozialisation zu spielen, in der Kindern unmittelbar gezeigt werden sollte, welche Handlungsweisen im Leben richtig und welche falsch sind.

Bis in die Mitte des 20.Jahrhunderts hinein repräsentierte die KJL dann meist eine euphemistische ‚Heile-Welt-Literatur’, die ein harmonisiertes, beschönigtes Bild der Realität zeichnete. Man vermied es vielmehr während der ersten Nachkriegsjahre, sich der Wirklichkeit zu nähern und besann sich stattdessen auf die Häuslichkeit und das private Familienleben.

Ab der Mitte des 20.Jahrhunderts änderte sich die Tradition der kritischen, sozialistisch-

humanistischen Literatur der Weimarer Zeit, zu welcher insbesondere phantastische Erzählungen von Otfried Preußler und James Krüß zählen. Stattdessen wandte man sich nun hin zum „guten Jugendbuch“[10], welches in erster Linie den Anspruch erfüllen sollte, pädagogisch wertvoll zu sein.

Diese Reformbewegung stellte schließlich die Grundlage zur Durchsetzung der sozialistischen, antiautoritären Kinder- und Jugendliteratur dar, deren Kernfrage darin lag, ob KJL politisch aufklären oder der bloßen Funktion der Unterhaltung und literarischen Erziehung dienen sollte. Ein literarischer Perspektivenwechsel setzte daraufhin ein, in welchem man die traditionellen Mädchenbücher von ihren Backfischidealen befreite und auf die notwendige Bewusstwerdung verwies, politisch zu handeln, beziehungsweise mit der Veränderung bei sich selbst zu beginnen.

Die KJL zum Thema Nationalsozialismus hat es sich zum Ziel gemacht, die Vergangenheit der deutschen Geschichte, welche lange Zeit verdrängt wurde, zu enttabuisieren.

Den Autoren der Holocaustliteratur geht es dabei in ihren autobiographischen oder fiktionalen Erzählungen stets um das Wachhalten der Erinnerung an den Holocaust, denn „die Ereignisse drohen zur Legende zu werden und das Dritte Reich wird von vielen nur in Bruchstücken wahrgenommen“[11].

Dieses oft fehlende Verständnis im Hinblick auf den Nationalsozialismus ist auf die Gesellschaft der alten Bundesrepublik zurückzuführen, die die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte verweigerte. Erst in den 90er Jahren setzte die Erinnerungskultur an den Holocaust ein und man realisierte, dass die Wahrnehmung und das Gedenken der jüngeren Generationen an die deutsche Geschichte notwendig sei.

Die KJL spielt innerhalb dieses Erinnerungsprozesses eine große Rolle. Daher bemühen sich die Schriftsteller mit besonderem Interesse um möglichst spannende Geschichten, in welche sie vielfältige Informationen über politische und soziale Gegebenheiten einbetten, um letztlich einen Beitrag zur politischen Bildung der Kinder und Jugendlichen zu leisten. „Nur auf der Basis solider Informationen kann die Beschäftigung mit belasteter Geschichte geführt werden“[12], so die Meinung des Autors Wolfgang Benz im Vorwort zu seinem Buch „Das Dritte Reich“. „Denn nur gesichertes Wissen ermöglicht den klaren Blick auf die Vergangenheit, der nötig ist, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu meistern“[13].

1.1. Zeit der Aufarbeitung und Auseinandersetzung

„Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen“[14].

Es stellt sich nun aber die Frage, auf welche Weise Kinder und Jugendliche mit der Ideologie des Nationalsozialismus und seinen unmenschlichen Auswüchsen konfrontiert werden sollen, ohne sie dabei psychisch zu sehr zu belasten. Ernst Cloer stellt in seinem Buch „Das Dritte Reich im Jugendbuch“[15] ein Beurteilungsraster für eine umfangreiche Analyse solcher Jugendbücher auf, die genau diese Art der Literatur thematisieren.

Dabei zeigt sich deutlich, dass alle Darstellungen des Dritten Reiches davon ausgehen, dass Kinder und Jugendliche sich nur mit etwa gleichaltrigen Protagonisten in idealer Weise identifizieren und deren Emotionen nachempfinden können. Die Reduzierung auf die Kindheitsperspektive lässt sich infolgedessen in vielen Büchern, die sich mit der Aufarbeitung des Holocaust beschäftigen, vorfinden.

Einen wichtigen Aspekt hierfür spielt sicherlich der pädagogische Gesichtspunkt, Kinder und Jugendliche aufklären zu wollen, sie dabei jedoch nicht zu überfordern. Stattdessen will man in den jungen Menschen ein historisches sowie politisches Bewusstsein wecken, wobei die Literatur nicht zur Instrumentalisierung benutzt werden darf, um Kinder und Jugendliche politisch zu beeinflussen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Autoren in ihren Büchern stets ihre eigenen politischen Vorstellungen und ihre eigene Sichtweise auf die Ereignisse während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur vermitteln.

Sie müssen jedoch darauf achten, dass die KJL vor allem objektiv bleibt, andererseits die Darstellung des Holocaust nicht trivialisiert.

Eine verharmlosende, allzu kindgerechte Erzählweise über den Nationalsozialismus ermöglicht es den Kindern und Jugendlichen nicht, sich intensiv mit dieser schwerwiegenden Thematik und deren Konsequenzen auseinanderzusetzen. Es sind Gefühle wie Angst, Trauer und Verzweiflung, welchen den Kindern dann vorenthalten bleiben und ihnen den emotionalen Zugang zum Buch verwehren.

Doch genau diese Gratwanderung zwischen der gefühlsmäßigen Auseinandersetzung des Kindes mit der Thematik und deren schonende und doch realitätsnahe Aufarbeitung muss in der KJL stattfinden.

Der Spagat zwischen Perspektivlosigkeit und Hoffnung im Hinblick auf den Schutz der kindlichen Integrität muss geschafft werden.

Dabei muss jeder Versuch einer Darstellung des Holocaust als Verharmlosung erscheinen, wenn jugendliche Leser durch unterhaltsames Erzählen von der Thematik gefesselt und ihnen gleichzeitig wichtige Informationen über die Judenverfolgung erschlossen werden.

Jedoch dürfen Jugendbücher nicht nur deshalb gelesen werden, weil sie den Nationalsozialismus anschaulicher darstellen als Geschichtsbücher, sondern auch, weil sie Inhalt mit literarischer Gestaltung vereinen. James Edward Young bekräftigt dies in seinem Buch „Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation“[16], in welchem er analysiert, dass trotz aller Realitätstreue immer auch Tendenzen der Fiktionalisierung und der Interpretation dieser Ereignisse vorzufinden seien. Das Zitat des Autors Robert Antelme: „[...] die Wahrheit anzuhören kann ermüdender sein als eine erfundene Geschichte. Ein Stück Wahrheit würde genügen, ein Beispiel, eine Vorstellung“[17] verdeutlicht, wie wichtig das richtige Auswählen, das Andeuten, sowie das Beispielhafte für Kinder und Jugendliche sind. Darin unterscheidet sich KJL folglich grundlegend von Geschichtsbüchern, in welchen lediglich unkommentierte Fakten aufgezeigt werden. „Schon durch die Funktion, Lehrbuch zu sein, sieht der Schüler in dem Inhalt nur noch ‚Stoff’, der vermittelt werden soll. Er wird mit Zahlen und Fakten konfrontiert, findet aber keinen emotionalen Zugang. Dieses ist u.E. aber eine wichtige Vorbedingung dafür, dass sich Jugendliche mit dem deutschen Nationalsozialismus beschäftigen“[18].

1.2. „Erziehung nach Auschwitz"

„Die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte ist heute dringender denn je: Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit haben das Dritte Reich nicht nur überdauert: sie nehmen in Deutschland inzwischen wieder ein beängstigendes Ausmaß an“[19] .Die Aufgabe der KJL ist es daher, Kindern und Jugendlichen klar zu machen, wie wichtig Werte - Demokratie, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit - in der heutigen Gesellschaft sind, um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten.

Die Erkenntnis, „das Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten ist noch immer das wirksamste Gegenmittel gegen Rechtsextremismus“[20] ist nicht von der Hand zu weisen.

Indem der Jugend die geschichtliche Vergangenheit Deutschlands also aufgezeigt wird, wird sie dazu bewogen, sich an die Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern und sich selbstkritisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno vereinte im Jahre 1966 in dem Begriff „Erziehung nach Auschwitz“[21] sämtliche Tendenzen von Erinnerungsarbeit. Sein Standpunkt, die Aufklärung über das Geschehene müsse dem Vergessen entgegenarbeiten, bekräftigt die prinzipielle Notwendigkeit des Erinnerns. Auch stellt Adorno die Forderung, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“[22], als die höchste Zielsetzung der „Erziehung nach Auschwitz“ dar.

„Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole“[23] lautet sein zielstrebiger Anspruch im Hinblick auf die Art und Weise der Erziehung.

Die „Erziehung nach Auschwitz“ muss es sich folglich zum Ziel machen, eine Wiederholung solcher Gewalt und Grausamkeit, wie sie die nationalsozialistische Ideologie praktizierte, zu vermeiden. Adorno sieht mögliche Ursachen für den Holocaust „im Fehlen von Wärme und dem Unvermögen zur Identifikation“[24] mit den damaligen Geschehnissen. Seiner Meinung nach liegt der Grund, weshalb die nationalsozialistische Diktatur solch großes Ansehen innerhalb des deutschen Volkes genoss, in der lieblosen Distanz der Bürger zu den Opfern des Holocaust.

Damit fehlten den deutschen Bürgern, aus Angst oder Überzeugung heraus, die Kraft, der Mut sowie die Einsicht, zu Unrecht behandelten Menschen wie den Juden zu helfen. „Das Dritte Reich sollte […] als unmittelbares Beispiel dafür verstanden werden, wohin es führt, die Demokratie abzulehnen, den Rechtsstaat preiszugeben und die Grundsätze von Toleranz und Humanität zu verhöhnen“[25].

Die Kinder- und Jugendliteratur möchte junge Menschen von der Unfähigkeit zur Identifikation wegführen und sie dazu auffordern, Dinge zu reflektieren und zu hinterfragen, damit sie sich schließlich ihre eigene Meinung über gewisse Sachverhalte bilden können. Die „Erziehung nach Auschwitz“ innerhalb der KJL sieht also vor, Kinder und Jugendliche zur Selbstreflexion anzuregen und ihr Verantwortungsbewusstsein und Selbstvertrauen zu stärken.

Auf diesem Weg kann die Jugend dazu angehalten werden, eine kritische Sichtweise auf die Ideologie des Holocaust zu entwickeln, um letztlich einen toleranten und besseren Umgang miteinander zu erzielen. „ Sie [die KJL] vermag mit Hilfe anschaulich – erlebnishafter Darstellungen und durch ihre Identifikationsangebote eine Vorstellung der Nazi-Zeit zu wecken, ein Hineinversetzen in die damalige Situation und ihre Probleme erleichtern und eine emotionale wie kognitive Auseinandersetzung in Gang zu setzen“[26].

Denn gerade heute, in einer Gesellschaft, die zunehmend von Desinteresse und Egoismus geprägt ist, ist es wichtig, Kinder und Jugendliche zur Verantwortung zu erziehen und in ihnen ein politisches und gesellschaftliches Bewusstsein zu entwickeln. Die Forderung, miteinander und nicht gegeneinander zu leben, stellte auch der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8.Mai 1985 an junge Menschen: „Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen. […] Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“[27].

1.3. Rechtzeitiger Zugang des Kindes zur Thematik

Wann eine solche „Erziehung nach Auschwitz“ beginnen soll und wann den Kindern die Zeit des Nationalsozialismus zugänglich gemacht werden kann ist eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang zwingend stellt. Der Erziehungswissenschaftler Malte Dahrendorf ist der Ansicht, Kinder schon früh mit dem Holocaust zu konfrontieren; denn Aufklärung und Information über dieses fast unglaubliche Stück unserer Geschichte seien notwendig und daher dürfe man damit nicht so lange warten, bis die Kinder groß genug dafür seien[28].

Daher sollte Kindern bereits im Grundschulalter ein erster emotionaler Zugang zur Thematik des Holocaust verschafft werden.

Dabei werden ihnen die Sachverhalte aufgezeigt, ohne dass sie sie bereits in ihrer vollen Tragweite verstehen können. Es findet aber bereits eine ‚Frühprägung’ statt, sich für Gemeinschaft und gegen Ausländerfeindlichkeit einzusetzen.

Der Autor vertritt zudem die Anschauung, dass in den Kindern eine Grundlage geschaffen werden müsse für eine spätere tiefgründigere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. „Denn […] wo ist die Grenze, ab wann ist es erlaubt? Erfahrungen, die derart an die Substanz gehen wie der Nationalsozialismus, lassen sich sowieso nicht verbergen, und dann sollte man sie lieber offen angehen“[29] lautet seine zielsichere Haltung gegenüber der Ausbildung von geschichtlichem Denken bei Kindern.

Außerdem wird ihnen ihre eigene heile Welt, in welcher sie aufwachsen, bewusst gemacht, indem ihnen gezeigt wird, dass Geborgenheit, Wärme und Sicherheit nicht immer selbstverständlich waren. Darüber hinaus ist es von Bedeutung, den Kindern schon in der Grundschule geschichtliches Denken zu vermitteln, damit diese erkennen, dass es vergangene und zukünftige Zeiträume gibt.

Um diese Entwicklung zu fördern, müssen sie dazu herausgefordert werden, eigene Fragen über die Zeit des Nationalsozialismus zu stellen.

Geschichte erschließt sich den Kindern nicht nur durch Aufzeigen von Informationen und Fakten, sondern vor allen Dingen durch ihre Fragen, die sie selbst stellen. In diesem Sinne wird die Grundlage zur Persönlichkeitsbildung der Kinder schon früh gelegt, indem Ausgrenzung, Machtmissbrauch und die Geschichte des Holocaust auf gerechte Weise thematisiert werden.

Unter dem Aspekt des sozialen Lernens werden sie dahingehend gefördert, sich für Solidarität stark zu machen, für Schwächere einzutreten und sich gegen vermeintlich Stärkere zu behaupten. Die KJL bietet also ein optimales Medium zur Vermittlung von Werten, in welchem die Kinder schon früh an einen toleranten, sozialen Umgang mit ihren Mitmenschen herangeführt werden können und ihr Sinn für Gerechtigkeit geschärft wird. Respekt und Toleranz gegenüber den Mitmenschen bilden die Basis, sich später innerhalb der Gesellschaft zurechtfinden zu können.

2. Voraussetzungen für die Vermittlung des Holocaust

Lange Zeit wurde der Nationalsozialismus in der KJL nicht aufgegriffen geschweige denn bearbeitet, da man dem traditionellen Erwartungs- und Gewohnheitsmuster der Verdrängung der Vergangenheit folgte. Man hegte unpolitische Ansprüche an Kinder- und Jugendliteratur, da man nicht wusste, wie man den nachfolgenden Generationen die Geschichte des Holocaust angemessen vermitteln sollte, geleitet von der Angst, Kinder mit den grausamen Details des Nationalsozialismus zu überfordern.

Um eine solche Überbelastung des Kindes zu vermeiden, stellt besonders die Bereitschaft der Erwachsenen, dieses heikle Thema angemessen zu vermitteln, eine wichtige Voraussetzung dar; denn gerade bei der Rezeption von Holocaust- Literatur ist es wichtig, Kinder und Jugendliche damit nicht allein zu lassen. Nur indem man über die Zeit des Nationalsozialismus offen spricht, kann diese in adäquater Form vermittelt werden.

Dies kann beispielsweise durch symbolhafte Geschichten von Gut und Böse erreicht werden, in welchen Not, Unterdrückung, Leid und Ausgeschlossenheit zentrale Themen darstellen. Eine Erzählung vom schwarzen Schaf beispielweise, das von den anderen weißen Schafen ausgegrenzt wird, bringt dem Kind das Gedankengut der nationalsozialistischen Ideologie – Antisemitismus und Rassenhass - näher, ohne, dass es bereits unmittelbar mit den realen Geschehnissen dieser Zeit konfrontiert wird. Solidarität und Humanität werden anhand von Beispielen inhaltlich aufbereitet, um den Kindern einen gefühlsmäßigen Zugang zum Geschehen zu verschaffen. Selbst ein kleines Kind in seiner einfachen Denkweise kann sich in die Situation hineinversetzen und sich eigene Überlegungen dazu machen.

Ein vorsichtiges Dosieren der thematischen Inhalte sowie die Vorbereitung eines späteren Gesprächs über das Gelesene, in dem mögliche Reaktionen und Fragen der Kinder in Betracht gezogen werden müssen, sind also erforderlich, um eine angemessene, nichtsdestoweniger intensive Auseinandersetzung des Kindes mit dem Nationalsozialismus allmählich herbeizuführen. Dabei ist es besonders wichtig, eine Möglichkeit zur Identifikation für das Kind zu schaffen, damit es lernt, die Geschichte des Holocaust zu begreifen. Dabei ist das Kennenlernen von Biografien notwendig, in denen Menschen vor Beginn der ‚Endlösung’ ein völlig normales Leben geführt haben und dabei glücklich waren. In diesen Schicksalen können Kinder und Jugendliche erkennen, dass sich unter dem Zwang des Rassenhasses das ursprüngliche Bedürfnis der Menschen nach Güte und Hilfsbereitschaft zum Bösen gewandelt hat. Wenn ihnen anhand solcher erschreckender Biografien vor Augen geführt wird, dass immer wieder Menschen einander ungeheures Leid zufügen, wie dies auch in der Gegenwart noch geschieht, kann in ihnen die eigene Sehnsucht nach einem gelungenen, glücklichen Leben geweckt werden.

Eine zusätzliche Voraussetzung hierfür liegt darin, dass vor allem Kinder zwischen Phantasie und Realität unterscheiden können, denn der Holocaust darf keinesfalls nur als böses Märchen erscheinen. Erzählungen aus der Familie oder persönliche Erfahrungsberichte – von Seiten der Großeltern oder Urgroßeltern – können dem Kind dabei helfen, das Thema als realistisch und tatsächlich Geschehenes zu begreifen. Die Kinder- und Jugendliteratur kann ihren Beitrag dazu leisten, dass sich das Kind mit der Romanfigur identifizieren und dessen Gefühle nachempfinden kann.

So können einerseits historische Fakten vermittelt, aber andererseits auch Emotionen wie Betroffenheit ausgelöst werden sowie Reflexionen darüber, dass es in jener verbrecherischen Zeit immer noch Menschen gab, die sich gegen Entmenschlichung und Verrohung eingesetzt haben.

[...]


[1] Studie der Bundeszentrale für politische Bildung, 2006: Was meint die Jugend? Auswertung und Daten der Befragung „Fußball und Nation“ zur WM 2006, unter www.bpb.de/grafstat, Abb.9, aufgerufen am 28.12.08

[2] Jugendmagazin SPIESSER Heft 117, Forsa, Januar 2008. Repräsentative Umfrage im Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ unter 500 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren, S.5

[3] Kloeppel, Peter und Maischberger, Sandra, In. Spiesser Artikel, Heft 117: „Seid ihr stolz, deutsch zu sein?“, S.3

[4] Rosar, Ulrich, In: Spiesser Artikel, Heft 117: „Seid ihr stolz, deutsch zu sein?“, S.5 (keine Zeilenangabe vorhanden)

[5] Rosar, Ulrich, In: Spiesser Artikel, Heft 117: „Seid ihr stolz, deutsch zu sein?“, S.5 (keine Zeilenangabe vorhanden)

[6] Körner, Thorsten, 2000: Die Geschichte des Dritten Reiches, campus Verlag, S. 153

[7] von Humboldt, Wilhelm (1767-1835), dt. Philosoph u. Sprachforscher, www.zitate-online.de/autor/humboldt-wilhelm- von/, 2.Zitat, aufgerufen am 7.01.09

[8] s. Kaminski, Winfred, 1998: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur, 4.Auflage, Juventa Verlag, S.12

[9] vgl. Kaminski, Winfred, 1998: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur, 4.Auflage, Juventa Verlag, S.12

[10] Kaminski Winfred, 1998: Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur, 4.Auflage, Juventa Verlag, S.13

[11] Benz Wolfgang, Vorwort. In: Vinke, Hermann, 2005: Das Dritte Reich, Eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen, Ravensburger Verlag, S.6

[12] Benz Wolfgang, 2005, S.6

[13] Benz, Wolfgang, 2005, S.6

[14] Weizsäcker von, Richard, 1985. In: Vinke, Hermann, 2005: Das Dritte Reich, Ravensburger Verlag, S.214

[15] vgl. Cloer, Ernst, 1983: Das Dritte Reich im Jugendbuch. Braunschweig, 1983.

[16] Young, James Edward, 1988: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation, Frankfurt: Jüdischer Verlag 1992

[17] Antelme, Robert, 1957: Das Menschengeschlecht, Aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Frankfurt: Fischer 2001

[18] Heine, Klaus/ Klika, Dörle/ Prüße, Bianka, 1983: Kinder- und Jugendliteratur über das Dritte Reich. In: Cloer, Ernst Hrsg.), 1983: Das Dritte Reich im Jugendbuch. Braunschweig. S.410

[19] Vinke, Hermann, 2005: Das Dritte Reich, Ravensburger Verlag, S.8

[20] Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz 1966, In: Kadelbach, Gerd (Hrsg.),1971: Theodor W. Adorno – Erziehung zur Mündigkeit, Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959-1969,Frankfurt: Suhrkamp, S.88-104

[21] Adorno, Theodor W., 1966, In: Abram, Ido/ Heyl, Matthias, 1996: Thema Holocaust – Ein Buch für die Schule, Hamburg, S.11

[22] – (24 s. Abram, Heyl, 1996, S.11

[25] Benz, Wolfgang, Vorwort. In: Vinke, Hermann, 2005: Das Dritte Reich, Ravensburger Verlag, S.7

[26] Lange, Günter, 2000: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur, Bd.1, Grundlagen – Gattungen, Hohengehren, S.485

[27] Weizsäcker von, Richard, 1985. In: Vinke, Hermann, 2005: Das Dritte Reich, Ravensburger Verlag, S.214

[28] und

[29] Dahrendorf, Malte, In: Abram, Heyl, 1996, S.119

Details

Seiten
59
Jahr
2009
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132029
Note
12 Punkt
Schlagworte
Nationalsozialismus Kinder- Jugendliteratur Punkt

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