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Die Fischer-Kontroverse als Teil der Vergangenheitsbewältigung

Seminararbeit 2009 14 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kontroverse

3. Reaktionen der Deutschen und Ursachen für die Kontroverse

4. Die Fischer-Kontroverse im Zusammenhang mit der Vergangenheitsbewältigung und die resultierenden Effekte der Diskussion

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

In den frühen 1960er Jahren löste der Hamburger Historiker Fritz Fischer mit seiner Monographie „Der Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/ 18“[1] eine der heftigsten Debatten in der deutschen Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit aus. Seine bis dahin revolutionären Thesen, die das Deutsche Reich zum Hauptschuldigen für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges machten, beschäftigten über einen langen Zeitraum die nationalen und teilweise sogar internationalen Medien; auch die Politik setzte sich mit der Debatte um Fritz Fischer und seiner Publikation auseinander.

Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, wie ein wissenschaftliches Buch sowohl in der Wissenschaft selbst als auch in der breiten Öffentlichkeit eine derart leidenschaftliche Kontroverse auslösen konnte. Warum waren Fischers Thesen für das deutsche Volk so brisant?

Zur Beantwortung dieser Frage sind zunächst die äußeren Umstände des 1960er-Jahre-Deutschlands zu untersuchen. Was ging zu dieser Zeit in den Köpfen der Deutschen vor? Welche Rolle spielte das Ende des Zweiten Weltkrieges? Wie ging die Bevölkerung mit dem Bau der Mauer 1961 – dem Jahr der Veröffentlichung von Fischers Monographie – um?

In dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern die Fischer-Kontroverse als Teil der Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands zu verstehen ist, bzw. wie und in welchem Maße diese Kontroverse zur Vergangenheitsbewältigung beitrug.

Sowohl eine Zusammenfassung der wichtigsten Thesen Fischers und der seiner Kontrahenten als auch die Darstellung des Verlaufs der Kontroverse sollen einen Überblick über die Thematik verschaffen. Anschließend wird auf die Situation in den frühen 1960er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland eingegangen, um danach zu den Gründen für die Auslösung dieser Kontoverse zu gelangen. Ein weiteres Kapitel widmet sich schließlich einer Untersuchung der Auswirkungen dieser Kontroverse und wie diese zur Vergangenheitsbewältigung des Nationalsozialismus in West-Deutschland beigetragen haben.

2. Die Kontroverse

Die Debatte begann mit der Veröffentlichung der Monographie „Griff nach der Weltmacht“ und erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1964.[2] Bereits 1959 hatte Fischer seine grundlegenden Thesen in einem Aufsatz der Historischen Zeitschrift veröffentlicht.[3] Diesem Aufsatz folgte zwei Jahre später Fischers Aufsehen erregender „ Griff nach der Weltmacht“.[4] In diesem knapp 900-Seiten-starken Werk wiederholte Fischer zunächst die Thesen seines Aufsatzes von 1959, nämlich zum einen die Annahme, dass Deutschland sich durch die Zurückdrängung Frankreichs und Russlands eine langfristige Weltmachtstellung sichern wollte, und zum anderen, dass diese Weltmachtpolitik von breiten Gesellschaftsschichten bis in die Reichsregierung hinein reichte.[5] Darüber hinaus stellte Fischer seine Ergebnisse akribischer Untersuchungen neuer Quellen vor, aus denen er schlussfolgerte, dass das deutsche Kaiserreich – entgegen der bisherigen Theorie des reinen Verteidigungskrieges – schon zu Kriegsbeginn weitreichende Kriegsziele formuliert hatte. Dabei stützte er sich auf das sogenannte „Septemberprogramm“ Bethmann Hollwegs (damaliger Reichskanzler). Diese neuen Hypothesen in Fischers Werk lauteten, dass dieses Weltmachtstreben noch in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück reichte und gleichzeitig weit über die Zeit des Krieges hinaus ging.[6] Diese Kontinuitätstheorie stellte die Thematik in einen größeren historischen Zusammenhang und knüpfte damit eine Verbindung zwischen dem Weltmachtstreben im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. In seinem Werk kam Fischer zu dem Schluss, dass Deutschland mit der bewussten Inkaufnahme einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland „einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges“[7] trage.

Es gab in der Presse vielfältige Reaktionen, die einen großen Meinungsstreit erahnen ließen. So schrieb beispielsweise „Der Spiegel“:

„An das gute Gewissen der Deutschen ist eine Mine gelegt. Ein vermeintlich bewältigtes und integres Kapitel deutscher Vergangenheit, der Erste Weltkrieg, dürfte so unbewältigt sein wie die Hitlerzeit. [...] Das Kaiserreich, so hieß es, habe nicht einmal ein konkretes Kriegsziel gehabt, ausgenommen den verständlichen Wunsch, sich gegen die Mißgunst seiner Feinde zu behaupten. Heute, fast 50 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erweist sich diese schon längst auf der Haben-Seite des deutsche Moralkontos verbuchte Rechnung als falsch.“[8]

Auch „Die Zeit“ sah voraus, dass das Buch „Gegenstand eines lebhaften Meinungsstreites werden “ würde.[9] Diese Prophezeiung sollte sich bald bewahrheiten. In der Fachwelt entwickelte sich eine heftige Diskussion, in der sich besonders Gerhard Ritter als entschiedener Gegner der Thesen Fischers hervor tat. In einem Aufsatz in der Historischen Zeitschrift von 1962 fragte er:

„Die Stoffülle des 896 Seiten starken Buches ist enorm; [...]. Wir erhalten also rein stofflich eine sehr weitgehende und dankenswerte Aufklärung über die deutsche Kriegszielpolitik. Aber wird sie auch richtig gedeutet, werden ihre Motive und Folgewirkungen richtig eingeschätzt?“[10]

Wie Ritter stellten sich die meisten deutschen Historiker gegen Fischer und übten scharfe Kritik an seinen Thesen. Nachdem das öffentliche Interesse zurück gegangen war, wurde eine lebhafte Diskussion unter den Geschichtswissenschaftlern fortgeführt, bis sich im Sommer 1964 der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum fünfzigsten Mal jährte. Nun erreichte der Meinungsstreit um Fischer erneut die Medien und damit eine breite Öffentlichkeit. Die großen Tages- und Wochenzeitungen berichteten jetzt regelmäßig über die Auseinandersetzung um Fischer. Der Hamburger Historiker ließ Ausschnitte aus seinem Buch in einer Spiegel-Serie veröffentlichen und machte so seine Thesen einem größeren, nicht-wissenschaftlichen Publikum zugänglich.[11] Die Diskussion um Fischer erreichte schließlich ihren Höhepunkt, als eine Vortragsreihe des Hamburger Professors in den USA kurzfristig abgesagt wurde, weil das Auswärtige Amt die Finanzierung zurück nahm, da es glaubte nicht verantworten zu können, dass Fischer mit seinen revolutionären Thesen die deutsche Geschichtswissenschaft im Ausland repräsentiere. Hierzu erschien ein Protestbrief von 12 in den USA lehrenden Historikern in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie warfen dem Auswärtigen Amt „bürokratische[n] Hochmut, falsch verstandene[...] Staatsräson und Instinktlosigkeit gegenüber der Reaktion des Auslandes“ vor.[12] Die Vortragsreise konnte dann schließlich doch noch durch andere, U.S.-amerikanische, Gelder finanziert werden.

Auf dem deutschen Historikertag im Herbst 1964 musste sich Fischer abermals seinen Kontrahenten stellen, wurde aber auch vielfach mit großer Zustimmung begrüßt. Der Publikumsandrang auf diesem Historikertag in Berlin war enorm. Hier konnte man erstmals erahnen, welche Auswirkungen Fischers wissenschaftliche Monographie auf die Meinungsbildung in der Bevölkerung hatte und auch, dass die Öffentlichkeit Teil haben wollte an der Bewältigung der eigenen Vergangenheit. „Die Zeit“ berichtete über dieses „Medienspektakel“:

„Wo hat es das je in Deutschland gegeben, daß wissenschaftliche Kontroversen vor einem Forum von mehr als 1500 Zuhörern, vor den Fernsehkameras und Rundfunkmikrophonen ausgetragen wurden? [...] Aber die leidenschaftliche Anteilnahme der Öffentlichkeit war doch am Streit der Gelehrten ein bemerkenswertes Novum in deutschen Landen.“[13]

Später veröffentlichte Fischer noch zwei weitere Monographien, in denen er seine Thesen zur Kontinuitätstheorie untermauerte bzw. weiter ausbaute.[14]

[...]


[1] Fritz Fischer: Der Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961.

[2] Einen ausführlichen Überblick über den Verlauf der Kontroverse gibt Klaus Große Kracht: Fritz Fischer und der deutsche Protestantismus. in: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte 2003, Bd. 10, S. 224-252.

[3] Fritz Fischer: Deutsche Kriegsziele. Revolutionierung und Separatfrieden im Osten 1914-1918 (aus: HZ 188, 1959), in: Ernst Wilhelm Lynar (Hg.): Deutsche Kriegsziele 1914-1918. Eine Diskussion, rankfurt a.M. 1964, S. 18-83.

[4] Die wichtigsten Thesen Fischers sind zusammen gefasst bei Klaus Große Kracht: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Berlin 2004, S. 47-67.

[5] Fritz Fischer: Deutsche Kriegsziele, S. 23.

[6] Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht, S. 855 f.

[7] Fritz Fischer: Deutsche Kriegsziele, S. 97.

[8] Wilhelm der Eroberer. in: DER SPIEGEL, 29.11.1961.

[9] Paul Sethe: Als Deutschland nach der Weltmacht griff. in: DIE ZEIT, 17.11.1961.

[10] Wiederabdruck: Gerhard Ritter: Eine neue Kriegsschuldthese? in: Ernst W. Lynar (Hg.): Deutsche Kriegsziele 1914-1918, West-Berlin 1964, S. 121.

[11] Fritz Fischer: Jetzt oder nie – Die Julikrise 1914. in: DER SPIEGEL, 20.5.1964, 27.5.1964, 3.6.1964.

[12] Ein Protestbrief. in: DIE ZEIT, 24.4.1964.

[13] Karl-Heinz Janßen: Gladiatoren, Claque und Galerie. Deutsche Historiker in Berlin. in: DIE ZEIT, 16.10.1964.

[14] Fritz Fischer: Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911 bis 1914. Düsseldorf 1969, und Fritz Fischer: Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945, Düsseldorf 1979.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640382569
ISBN (Buch)
9783640382897
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132166
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Neueste Geschichte/ IMIS
Note
1,1
Schlagworte
Fischer-Kontroverse Teil Vergangenheitsbewältigung

Autor

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