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Wahrheitstheorien - Ein Überblick aus linguistischer Sicht

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kohärenztheorie

3. Konsenstheorien
3.1. Verifikationstheorie der Erlanger Schule
3.2. Diskurstheorie von Jürgen Habermas

4. Redundanztheorie

5. Korrespondenztheorien
5.1. Die ersten vertiefenden Definitionen durch Russel und Wittgenstein
5.2. Tarskis semantische (Korrespondens-) Wahrheitstheorie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage nach der Wahrheit ist so alt wie die Philosophie selbst. Sogar der Begriff Philosophie lässt sich im ursprünglichen und eigentlichen Sinn als „[…] Suche nach Wahrheit, Bemühen um Wahrheit, Forschen nach Wahrheit, kurzum die theoretische wie lebenspraktische Ausrichtung des Menschen auf Wahrheit […]“ (Gloy 2004: S. 2) interpretieren. Große Philosophen wie Platon, Sokrates oder Aristoteles begannen die Suche nach „alētheia“ und schufen durch ihre Überlegungen ein Verständnis der Wahrheit, welches über lange Zeit hinweg als grundlegend galt. So entwickelte sich erst in den vergangenen beiden Jahrhunderten die Vielfalt an Theorien, wie sie heute zu konstatieren ist. Deswegen ist es Ziel dieser Arbeit einen Überblick über die wichtigsten Wahrheitstheorien zu geben und dabei etwas genauer auf die im Wesentlichen von Aristoteles begründete Korrespondenztheorie der Wahrheit einzugehen.

Da die Frage, worum es in der philosophischen Wahrheitsdiskussion eigentlich geht, selbst im Mittelpunkt der Wahrheitsdiskussion steht, fällt es nicht leicht, einen sinnvollen und logischen Kurzüberblick über das weite Feld der Wahrheitstheorien zu geben. Jede Theorie setzt Bedingungen und Annahmen voraus, die teils sehr enggefasst, teils sehr weitläufig sind und sich in wenigen Worten nicht hinreichend zusammenfassen lassen.[1] Dennoch soll der oben angedeutete Überblick über die neben der Korrespondenztheorie wichtigsten theoretischen Strömungen wie die Konsenstheorien und die Kohärenztheorie gegeben werden. (vgl. Skirbekk 1977: S. 10 & S. 65f.)

Bevor mit der Kohärenztheorie der Wahrheit begonnen wird, ist es zur Vereinfachung des weiteren Vorgehens erforderlich einige grundlegende Annahmen vorauszusetzen. Einerseits wird davon ausgegangen, dass die Frage nach der Wahrheit nicht anhand von Wahrheitskriterien, sondern durch Fragen nach dem Wahrheitsbegriff und somit nach einer Definition der Wahrheit beantwortet wird. Andererseits werden hier nur Theorien behandelt, welche die Wahrheit anhand von z. B. Korrespondenz oder Konsens zu erklären versuchen und somit nicht nach der Bedeutung von Sätzen mit Hilfe von Wahrheitsbedingungen fragen.

Des Weiteren wird vorausgesetzt, dass die sprachliche Äußerung als Voraussetzung für Wahrheit gilt und reine Erkenntnistheorien somit hier nicht behandelt werden. Infolgedessen bleiben die Theorien von z. B. Gadamer, Popper oder Heidegger unbehandelt, was jedoch auch auf weitere Theorien wie den Pragmatismus oder die Disquotation zutrifft, obwohl sie einen sprachanalytischen Ansatz verfolgen. Speziell auf den Pragmatismus als Richtung als auch auf Peirce eigene, eher pragmatische Ansätze soll hier nicht eingegangen werden.

Dieses Vorgehen ist erforderlich, da es größtenteils sehr unterschiedliche Zuordnungen und Kategorisierungen gleicher Theorien in unterschiedliche Subkategorien gibt und es für eine eigene Auswahl der Theorien unerlässlich ist, aus den verschiedenen Kategorisierungen die Theorien auszuwählen, welche zusammenhängend und für die Arbeit von Wichtigkeit sind. Als Beispiel lässt sich die Redundanztheorie der Wahrheit anführen, die bei Franzen als einzelne Theorie zu finden ist, während Gloy sie als den Korrespondenztheorien zugehörig klassifiziert. Auf die Redundanztheorie wird jedoch erst später eingegangen und an dieser Stelle mit der Kohärenztheorie der Wahrheit begonnen. (vgl. Franzen 1982: S. 18ff.)

2. Kohärenztheorie

Der tragende Grundpfeiler der Kohärenztheorie ist die Idee eines abgeschlossenen Systems, demzufolge alle Aussagen in einem systematischen Zusammenhang stehen und das System als Summe aller Aussagen „die Wahrheit“ darstellt. Um als wahr zu gelten, muss eine einzelne Aussage widerspruchslos in die Gesamtheit der Aussagen eingeordnet werden können, also mit diesem System von Aussagen kohärent sein. Der Term der Kohärenz, so wie er in den Kohärenztheorien benutzt wird, ist nie präzise definiert worden, jedoch lässt sich sagen, dass die oben angeführte Vorgehensweise bei der Falsifikation bzw. Verifikation einer Aussage in der Literatur als gemeingültige Erklärung der Kohärenz gilt. (vgl. Gloy 2004: S. 184, Russel 1912: S. 65, Kirkham 1992: S. 104)

Die Kohärenztheorie scheint in sich logisch, doch sie sieht sich zwei schwerwiegenden Kritikpunkten ausgesetzt, die Russel in seinem Aufsatz „Wahrheit und Falschheit“ von 1912 zusammenfasst. Er argumentiert, dass schon die Grundannahme eines allgemeingültigen Aussagensystems den ersten großen Kritikpunkt der Kohärenztheorie darstellt. Russel kritisiert hier zurecht, dass „[…] es keinen Grund für die Annahme [gibt], dass überhaupt nur eine Gesamtheit kohärenter Meinungen möglich ist.“ (Russel 1912 S. 65) Ebenso ist es in der Wissenschaft sogar üblich, dass zwei oder mehr konkurrierende Hypothesen als Erklärung für alle über einen Gegenstand bekannten Tatsachen existieren. Zwar suchten die Wissenschaftler in diesem Fall solange nach einer neuen Tatsache, bis nur noch eine Hypothese Gültigkeit besitzt, „[…] aber es gibt keinen Grund, warum sie damit immer Erfolg haben sollten.“ (Ebd.)

Als zweiten schwerwiegenden Kritikpunkt führt er an, dass die Beurteilung von Kohärenz bzw. Inkohärenz einer Aussage auf den Gesetzen der Logik basiert, das Ergebnis dieser Überprüfung sich allerdings nicht mehr diesem „Kohärenztest“ unterziehen lässt. Ein Vergleich zwischen einem wahren und einem falschen Satz, die sich beide auf den gleichen Gegenstand beziehen, würde das Ergebnis hervorbringen, dass sie sich widersprechen. Würde man nun versuchen, den Satz vom Widerspruch selbst anhand der Logik zu untersuchen, würde im Falle einer Verneinung des Widerspruchs überhaupt keine Inkohärenz zwischen Sätzen festgestellt werden können. „Die Gesetze der Logik bilden also das Skelett oder den Rahmen, innerhalb dessen wir Sätze auf Kohärenz testen können, sie selber können nicht mehr durch einen solchen Test geprüft werden.“ (Ebd., vgl. Kirkham 1992: S. 107f.)

Durch oben angeführte Kritik erwies sich die definitionsbezogene Kohärenztheorie nicht mehr als haltbar, jedoch griff Nicholas Rescher 1973 die kohärenztheoretischen Ansätze auf und erweiterte sie zu seiner vielbeachteten „Coherence Theory of Truth“. Diese verstand er allerdings nicht als definitionsbezogene, sondern konzipierte sie explizit als kriterienbezogene Wahrheitstheorie, was er folgendermaßen begründete:

Selbst wenn eine bestimmte Wahrheitsauffassung sich nicht als Definition eignet und daher die Frage nach der Bedeutung nicht beantwortet, bleibt es doch wichtig, ihren Nutzen unter dem kriterienbezogenen Aspekt zu prüfen. (Rescher 1973: S. 339)

Diese Entwicklung stellte für die Kohärenztheorie eine entscheidende Wendung dar, jedoch soll, wie in der Einleitung erwähnt, auf die Kriterien hier nicht weiter eingegangen werden. (vgl. Kirkham 1992: S. 27f., Gloy 2004: S. 185, Rescher 1973: S. 340f,)

Es lässt sich zum definitionsbezogenen Teil der Kohärenztheorie festhalten, dass hier von einem abgeschlossenen System ausgegangen wird, in welchem alle Aussagen miteinander in einem systematischen Zusammenhang stehen. Einen mit dieser Theorie vergleichbaren Ansatz stellt die Konsenstheorie dar, in dem Wahrheit ebenfalls als Übereinstimmungen der Aussagen definiert wird, dieses allerdings nicht durch Abgleich mit einem Aussagensystem, sondern durch Übereinstimmung der Gesprächspartner geschieht. Auf diesen Ansatz soll in nun folgendem Punkt eingegangen werden.

3. Konsenstheorien

Die Konsens- oder auch Konsensustheorien der Wahrheit zählen zu den neueren Wahrheitstheorien und sind, auch aufgrund ihrer Popularität, die mit am meisten diskutierten Ansätze in der aktuellen Debatte. Zurückführen lässt sich dieses Verständnis der Wahrheit auf Charles Sanders Peirce, der zwar von vielen vorrangig als Begründer des modernen Pragmatismus angesehen wird, allerdings zugleich als erster den Begriff der Wahrheit konsenstheoretisch zu definieren versuchte.[2] (vgl. Hoven 1989: S. 151, Becker 1987: S. 313)

Er ging davon aus, dass ein Sachverhalt dann und nur dann wahr ist, wenn jeder der diesen Sachverhalt untersucht ihm auch zustimmen würde. Analog dazu definierte er Wahrheit in eben jenem neuen Sinn, der später zum konsenstheoretischen Ansatz weiterentwickelt werden würde:

The opinion which is fated to be ultimately agreed to by all who investigate is what we mean by truth. (5.407) (Peirce nach Kirkham 1992: S. 81)

Zwar wurde bei der Entwicklung der Konsenstheorien nicht explizit auf Peirce Wahrheitsdefinition eingegangen,Dieses Verständnis der Wahrheit war grundlegend und wurde, wenn auch nicht explizit, bis zum Entstehen der Konsenstheorie dennoch diente sie als Vorlage für die entstehende Konsenstheorie der Wahrheit. Vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewannen diese Ansätze an Bedeutung, wobei sich besonders zwei Theorien hervorheben lassen. Zum einen ist das die interpersonale Verifikationstheorie der Erlanger Schule um Kamlah und Lorenzen, welche in Punkt 3.1. vorgestellt werden soll und die Diskurstheorie von Jürgen Habermas, auf welche in Punkt 3.2. genauer eingegangen wird.

3.1. Verifikationstheorie der Erlanger Schule

Die Erlanger Philosophen Kamlah und Lorenzen stellten 1969 ihre konstruktivistische Wahrheitstheorie vor, welche ebenso unter dem Namen Spieltheorie oder interpersonale Verifikationstheorie bekannt ist. Ihnen geht es in erster Linie um einen begründeten wissenschaftlichen Gebrauch der Termini „wahr“ und „falsch“, deren intersubjektiv anerkannte Bedeutung durch die Verwendung einer konstruktivistisch konstruierten Wissenschaftssprache sowie der Logik gewährleistet werden soll. Um dieses zu erreichen, definieren sie jedoch einen Wahrheitsbegriff der dem von Peirce ähnelt und gehen somit den ersten Schritt in Richtung einer Konsenstheorie.

[...]


[1] Eine schöne aber natürlich nicht vollständige Übersicht und Klassifikation der Wahrheitstheorien findet sich bei Kirkham 1992: S. 37

[2] Auf die oben angedeutete und von Peirce entwickelte sprachpragmatische Wahrheitstheorie soll hier nicht weiter eingegangen werden, da die 1946 wiederum von Betrand Russel veröffentlichte vehemente Kritik an William James, neben Peirce einer der dezidiertesten Vertreter dieser Theorie, die Schwächen und Ungereimtheiten dieser Auffassung aufgezeigt hat. Stattdessen soll ausschließlich Peirce Definition von wahr und Wahrheit für den weiteren Verlauf dieses Kapitels verwendet werden. (vgl. Gloy 2004: S. 223ff., Russel 1946: S. 63ff.)

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640387656
ISBN (Buch)
9783640387557
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132276
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Wahrheitstheorien Sicht

Autor

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Titel: Wahrheitstheorien - Ein Überblick aus linguistischer Sicht