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Wilde Kinder. Anthropologische Untersuchung von Kindern in außergewöhnlichen Lebensumwelten

Ausgewählte Fallbeispiele

Diplomarbeit 2008 118 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anthropologische Grundlagen
2.1. Die Mängel und der Reichtum des Menschen
2.2. Die Kultur des Menschen
2.3. Umwelt und soziale Mimesis

3. Experimente
3.1. Die „Ursprache“ des Menschen
3.2. Der Affe und das Kind

4. Wilde Kinder
4.1. Isolierte Kinder
4.1.1. Victor von Aveyron
4.1.1.1. Entdeckung
4.1.1.2. Ausgangszustand des Jungen
4.1.1.3. Wissenschaftler und Fürsorgende
4.1.1.4. Entwicklung, Fortschritte und Rückschläge
4.2. Wolfskinder
4.2.1. Amala und Kamala
4.2.1.1. Entdeckung
4.2.1.2. Ausgangszustand der Mädchen
4.2.1.3. Wissenschaftler und Fürsorgende
4.2.1.4. Entwicklung, Fortschritte und Rückschläge
4.3. Eingesperrte Kinder
4.3.1. Genie
4.3.1.1. Entdeckung
4.3.1.2. Ausgangszustand und Vergangenheit des Mädchens
4.3.1.3. Wissenschaftler und Fürsorgende
4.3.1.4. Entwicklungen, Fortschritte und Rückschläge

5. Gemeinsame Besonderheiten zwischen den Wilden Kindern

6. Das literarische Bild des Wilden Kindes

7. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„[…], während ein Tier nach Ablauf einiger Monate das ist, was es sein ganzes Leben lang sein wird, und seine Gattung nach tausend Jahren das, was sie im ersten Jahr dieser tausend Jahre war. Warum ist der Mensch allein der Möglichkeit unterworfen, schwachsinnig zu werden?“[1] So hat schon Jean-Jacques Rousseau im Jahre 1754 in seiner zweiten Preisschrift Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen über den Menschen und seinen vermeintlichen Naturzustand philosophiert, und sich gefragt, wieso der Mensch das einzige Lebewesen ist, das sich in jede erdenkliche Richtung entwickeln und formen kann. Auch im 21. Jahrhundert ist die anthropologische Urfrage, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht und inwieweit dieser durch seine genetischen Grundlagen determiniert ist oder welchen verhaltens- und wesensändernden Einfluss die Umwelt bei der Entwicklung des Säuglings zum erwachsenen Menschen hat, immer noch nicht definitiv beantwortet. Aufgrund der Vielschichtigkeit und Komplexität einer solchen Fragestellung scheint eine eindeutige Beantwortung allerdings auch praktisch unmöglich. Nichts desto trotz bemühen sich anthropologische Wissenschaftler seit Jahrhunderten den Menschen und seine Eigenschaften, Besonderheiten und außergewöhnlichen Fähigkeiten zu analysieren und die elementaren Unterschiede, die in seiner Natur liegen und einzigartig im Vergleich zu allen anderen Tieren auf der Welt sind, herauszuarbeiten, um das Wesen des Menschen zu bestimmen. Besondere Eigenheiten, die dem Menschen zugeschrieben werden, und die ihn in einmaliger Art und Weise vom Tier abgrenzen, sind allen voran die Sprache, die Kultur, die Entscheidungsfreiheit und Weltoffenheit, die Vorstellungskraft und die Geschichtlichkeit des Menschen. All diese Eigenschaften des einzelnen Menschen und seiner gesamten Gattung sorgen für die Vormachtstellung des Menschen in der Natur, und werden in Kapitel 2 eingehend diskutiert. Die Frage ist nun, was bedeutet die Aussage, dass diese elementaren Unterschiede in der Natur des Menschen liegen, und welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen? Schlummern diese Eigenschaften schon im Säugling ab dem Zeitpunkt seiner Geburt, und warten nur darauf sich entwickeln zu dürfen, oder bedarf es einer bestimmten Umwelt, die diese anfangs verborgenen Merkmale des Menschen erst zum Vorschein bringen? Und welche Rolle spielt dabei die Erziehung? In diesem Zusammenhang sind auch die zwei größten gegensätzlichen Menschenbilder zu nennen, die die pädagogische Anthropologie in zwei Lager teilt: Ist der Mensch wie eine Pflanze, die von selbst gedeiht, wenn man sie nur ausreichend gießt? Oder muss der Erziehende als eine Art Bildhauer fungieren, der nach persönlichem Ermessen, seinen Zögling zurechtformt und prägt? Entsprechend dem Bild, das der Erziehende vom Menschen hat, wird sich auch seine Erziehungspraxis an dieses Bild anpassen: Erziehung folglich entweder im Sinne eines »begleitenden Wachsen lassen« oder als ein »herstellendes Machen«.[2] Sicher ist, dass der Mensch eine menschliche Umwelt in seiner Entwicklung braucht, um die allgemeinen, grundlegenden menschlichen Fähigkeiten, wie z. B. Sprache oder einen aufrechten Gang, zu erwerben. Eine verwandte Frage, die auch in diesem Zusammenhang relevant ist, ist die, nach dem Beginn des Menschseins – nicht zu verwechseln mit dem Beginn des Lebens eines Menschen. Ist der Mensch zum Zeitpunkt seiner Geburt oder gar schon im Mutterleib ein Mensch oder wird dieser erst im Laufe seiner Entwicklung und im Umgang mit anderen Menschen zu einem „vollkommenen“ Menschen? Es ist äußerst schwierig, diese Frage zu beantworten, vor allem da es auch keine einheitliche Definition des Menschseins gibt, und eine Interpretation immer im Ermessen des Einzelnen liegt.

Aber wie könnte man diese Frage besser beantworten, als einen Menschen zu betrachten, der ohne menschlichen Kontakt, abseits von Gesellschaft und Zivilisation und ohne je zu irgendetwas erzogen worden zu sein, aufwächst. Ist der Mensch alleine überhaupt überlebensfähig? Diese Thematik hat seit jeher die Menschen interessiert und einige sind auch nicht davor zurückgeschreckt grausame Experimente mit Säuglingen zu unternehmen, die das naturhafte Wesen des Menschen bestimmen sollten, wie z. B. der Versuch von Friedrich II im Jahre 1211, der jedoch anstatt die alles entscheidende Antwort zu finden, sieben Neugeborenen das Leben kostete. In Kapitel 3. 1. wird dieses Experiment näher beschrieben.

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Erzählungen und Berichte von Kindern, die aus verschiedensten Gründen ohne menschlichen Kontakt, in völliger Isolation oder sogar im Verbund mit Tieren aufgewachsen sein sollen. Bereits in den Mythen der Antike finden sich etliche solcher Geschichten, die damals von den Menschen geglaubt wurden, denen heute jedoch kein authentischer Gehalt nachgewiesen werden kann, wie z. B. „Der wild aufgewachsene Cyrus; die Aussetzung des Moses am Fluss; die Kindheit der Semiramis, der Gründerin Babylons, die von Vögeln großgezogen wurde; die Geschichte des Ödipus, dem man als Säugling die Füße durchstochen und ihn dann auf den Berg Kithairon ausgesetzt hat; die Kindheit der Zwillinge Amphion und Zethos, die von ihrer Mutter im Gebirge ausgesetzt wurden; der von seinem Vater auf dem Berg Ida ausgesetzte Paris, den fünf Tage lang eine Bärin säugte; die Geschichten des Tyrons, des Neleus und des Pelias; der junge Aleas, den eine Hirschkuh säugte; und sogar die Geburt Christi.“[3] Allein die zahlreiche Fülle dieser Erzählungen deutet auf die Faszination und das große Interesse hin, das die zivilisierte Bevölkerung an diesen „wilden Menschen“ hatte. Sicherlich sind diese Mythen erfundene Geschichten, aber die Tatsache, dass ab ungefähr dem 12 Jahrhundert tatsächliche Berichte von Kindern auftauchten, die isoliert in der Wildnis aufgefunden, oder in der Gruppe mit wilden Tieren gesichtet wurden, wirft die Frage auf, ob diese alten Mythen wirklich nur frei erfundene Gedankenexperimente sind, oder nicht vielleicht doch zum Teil einen wahren Kern aufweisen könnten. Die Authentizität dieser Sagen ist jedoch trotzdem sehr fraglich.

Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, bemühen sich interessierte Wissenschaftler und Anthropologen, die leider meist nur aus zweiter Hand, überlieferten Berichte von wilden Kindern aus den vergangenen Jahrhunderten, auf ihre Echtheit und Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen. In vielen Fällen ist dies äußerst schwierig, doch in einigen Berichten existieren detaillierte Aufzeichnungen und sogar Fotos, wie im Falle von Amala und Kamala, die eigentlich die Existenz dieser wilden Kinder belegen sollten. Dennoch gibt es – auch bei diesen relativ sicheren Quellen – immer Skeptiker, die die Glaubwürdigkeit dieser Fälle bzw. vielmehr die Schlussfolgerungen, die aus der Existenz der wilden Kinder gezogen werden, anzweifeln. Sicher ist nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten Überlieferungen bisher nie vollständig verifiziert werden konnten, sowie dass die daraus gezogenen Konsequenzen immer nur subjektive, spekulative Interpretationen waren, und deshalb auch nicht als wissenschaftliches Faktum gelten konnten. Dennoch wäre es ein großer Verlust für die Forschung, gar nicht erst zu versuchen, diese faszinierenden Geschichten zu durchleuchten, deren sinnstiftenden Gehalt herauszufiltern und für die Zwecke der anthropologischen Wissenschaft zu nutzen. So entschied sich auch der bedeutende Anthropologe Adolf Portmann sich in dem Vorwort zu dem Tagebuch des Missionars Singh, der die beiden Wolfskinder von Midnapore, Amala und Kamala, gefunden hatte, zu äußern: „Im Wechsel der Stimmungen dieser Jahre waren indessen zwei wesentliche Konstanten entscheidend: einmal die Überzeugung, der Bericht des Reverend Singh verdiene in seinem Kern Vertrauen, dann aber die Gewissheit, es sei unrichtig, wenn ein solches Dokument – wie man auch zu ihm stehen mag – nicht wenigstens allgemein zugänglich wäre.“[4]

So lassen sich heute in den Medien, seien es Bücher, Internet oder Filmdokumentationen, zahlreiche Berichte von wilden Kindern und deren Interpretationen finden, die der Öffentlichkeit diese Thematik näher bringen wollen. Bei der Betrachtung derartiger Darstellungen sollte eine kritische Grundstellung jedoch immer bewahrt werden.

Der Überbegriff „Wilde Kinder“ umfasst drei verschiedene Kategorien von Kindern, die abseits der Gesellschaft aufgewachsen sind:

1. Isolierte Kinder, die eine Zeit lang in der Wildnis, ohne menschliche oder tierische Hilfe gelebt haben.
2. Wolfskinder, die nicht zwangsläufig mit Wölfen, jedoch im Verbund mit Tieren aufgewachsen sind.
3. Eingesperrte Kinder, die vorsätzlich eingesperrt und ohne Kontakt zur Gesellschaft aufgewachsen sind.

Die folgende Arbeit wird zunächst allgemeine anthropologische Grundlagen darlegen, sich mit elementaren Besonderheiten der menschlichen Natur beschäftigen, sowie die Anlage – Umweltproblematik anreißen, um dem Phänomen der extremen Wesens- und Verhaltensänderung der wilden Kinder eine wissenschaftliche Basis zugrunde zu legen. Das eigentliche Zentrum des Interesses dieser Arbeit liegt in der Analyse und der vergleichenden Untersuchung ausgewählter Fallbeispiele wilder Kinder, unter anderem mit dem Ziel, Gemeinsamkeiten und ähnliche Entwicklungsmuster bei den verschiedenen, von der Gesellschaft isolierten Kindern festzustellen und auch anthropologische, sowie philosophisch - pädagogische Frage- und Problemstellungen, die mit dem Blick auf derartige Einzelschicksale aufgeworfen werden, eingehend zu diskutieren.

2. Anthropologische Grundlagen

2.1. Die Mängel und der Reichtum des Menschen

„Zu den bedeutsamsten Befunden gehört die Auffassung des Aachener Kultursoziologen Arnold Gehlen: Der Mensch – ist im Vergleich zum Tier – ein »Mängelwesen«. Ihm fehlt weitgehend die verhaltensleitende Instinktausstattung der Tiere, seine Organausstattung (keine Flucht- oder Schutzorgane oder natürlichen Waffen) ist ungenügend, die meisten Tiere verfügen über schärfere Sinnesorgane, ohne Haarkleid und ohne Schutz vor Witterung ist er weitgehend schutzlos usw. Er ist – mit einem Wort Nietzsches ein »nicht – festgestelltes Tier«.[5]

Einer dieser ausschlaggebenden Mängel besteht also darin, dass der Mensch nur sehr bedingte Instinkte besitzt, nach denen sich sein Handeln richten kann; zudem sind seine Reiz – Reaktionsmechanismen sehr eingeschränkt und treten vor allem in den ersten Lebensmonaten auf, wie z.B. beim Saug- oder Greifreflex. Das Tier reagiert im Gegensatz dazu immer auf bestimmte Reize mit einem bestimmten Verhalten, wobei diese ausgelösten Mechanismen innerhalb einer Tiergattung gleich ablaufen. Der Mensch kann in einer Situation auf unterschiedlichste Art und Weise reagieren, sein Verhalten hängt einzig und allein von ihm ab, und nur er ist verantwortlich für sein Handeln und seine getroffenen Entscheidungen. Der Mangel an fehlenden Instinkten birgt nämlich zugleich eine einzigartige Eigenschaft des Menschen in sich – seine Entscheidungsfreiheit.

Diese muss wohl auch Herder im Sinn gehabt haben, als er vom Menschen als dem ersten »Freigelassenen der Schöpfung« sprach. Er ist das einzige Lebewesen, das die Möglichkeit hat, nach eigenem Ermessen zu handeln und seine Entscheidungen im Leben frei zu treffen. Sicherlich sind diese Entscheidungen auch immer an bestimmte Umstände, Personen und die konkrete Lebenssituation gebunden, und dadurch eventuell beschränkt, aber eine Wahl, hat der Mensch immer – auch wenn sich seine Entscheidungsfreiheit in extremen Situationen auf ein Minimum reduzieren kann, z. B. wenn der Betroffene im Gefängnis sitzt. Das Tier, so scheint es, hat als instinkthaftes Wesen weder Wahl noch Freiheit, es handelt lediglich nach eintreffenden Reizen und Impulsen. Dafür hat es – wie oben schon erwähnt – meist die bessere körperliche Ausstattung, um in der Natur zu überleben. Die Sinne des Menschen sind schwach, sein Körper ist nicht mit natürlichen Waffen ausgestattet, mit denen er sich wehren könnte, und er ist auch nicht schnell genug, um vor einer Gefahr fliehen zu können. Trotzdem ist er allen anderen Tieren überlegen und kann nahezu an jedem Ort der Welt überleben. Verantwortlich dafür, ist seine ungeheure Lernfähigkeit, die all diese mangelhaften, physischen Voraussetzungen mit Leichtigkeit kompensiert. Intelligente Tiere haben zwar auch die Fähigkeit bestimmte Dinge zu lernen, aber der Mensch verfügt über diese Fähigkeit in nahezu unbeschränktem Maße. Ob und wie viel ein gesunder Mensch dann tatsächlich aufnehmen und lernen kann, hängt allerdings wieder stark von seiner Umwelt und Erziehung ab. Die Lernfähigkeit bedingt nämlich zugleich auch die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen. Wird ein Mensch nicht erzogen, wird ihm nichts beigebracht, gezeigt, erklärt oder gelehrt, verkommen seine Fähigkeiten und er wird zu einem hilflosen Wesen, das nur sehr schlechte Überlebenschancen hat. Diese Hilfe und Förderung durch Erwachsene sieht auch Adolf Portmann als zwingend notwendig an, da er den Menschen als eine »physiologische Frühgeburt« betrachtet, der auf sich allein gestellt nicht lebensfähig wäre. „Ein hilfloser Nestflüchter – so erscheint der neugeborene Mensch dem Zoologen. Ist uns bewußt, daß diese Tatsache die Regel der Säugetiere durchbricht?“[6] Weiter heißt es: „Der neugeborene Mensch, seinem Grundplane nach ein Nestflüchter, gerät in eine besondere Art von Abhängigkeit, weshalb wir ihn als einen »sekundären Nestflüchter« bezeichnet haben (Portmann 1942). In dieser besonderen Abhängigkeit steht der Mensch in der Gruppe der Säuger allein.“[7]

Der menschliche Säugling kommt also einige Monate zu früh auf die Welt, und bedarf deshalb gerade zu Beginn seines Lebens einer intensiven Pflege und Betreuung, um nach und nach selbstständiger zu werden. Dieser Umstand birgt sowohl wieder die Lernfähigkeit, als auch die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen in sich. Eine weitere Besonderheit des Menschen ist die Tatsache, dass er das einzige Lebewesen ist, das einem Gegenstand, einer Sache und auch sich selbst mit einer gewissen Distanz entgegentreten kann. Diese Distanz befähigt ihn auch den Gehalt eines Gegenstandes zu erfassen. Nur so kann der Mensch die Welt erfahren und sie sich erschließen. Er weiß, dass er ein Mensch ist, er weiß, dass er lebt und eines Tages sterben wird, und er weiß auch, dass es immer ein „morgen“ geben wird. All das macht die einzigartige, exzentrische Position des Menschen aus – wie Helmut Plessner sie bezeichnet hat – im Gegensatz zur zentrischen Position des Tieres. Als ichhaftes und reflektierendes Wesen nimmt er diese besondere Position ein und hebt sich so von der „tierischen Unmittelbarkeit“ ab: „Das Tier steht in einem unvermittelten Wirklichkeitsbezug: es nimmt unter erheblichen perspektivischen Verkürzungen konkret gegebenes wahr und reagiert instinktiv oder aufgrund von Lernleistungen darauf; dem Menschen hingegen gelingt ein denkendes Erfassen und Bewältigen der Wirklichkeit, was nicht nur Rückblicke, sondern auch planendes Vorausdenken, Fragen, Zweifeln, Begriffsbildung und dgl. beinhaltet“[8]

Sicher ist der Mensch nicht frei von Trieben und lässt sich teilweise auch bedingt von diesen leiten, jedoch hat er im Gegensatz zum Tier die Möglichkeit, Distanz zwischen Antrieb und Handlung zu legen; beispielsweise muss er nicht essen, wenn er hungrig ist, und ein angerichtetes Mahl vor Augen hat. Eine derartige Verhaltensweise ist dem Tier nicht vorbehalten.

Diese Distanz, die der Mensch also auch sich selbst gegenüber einlegen kann, macht ihn zu einem reflexiven Wesen. Er steht in einem gedanklich vermittelten und vermittelnden Verhältnis zur Realität.

Reflexivität und Selbstbestimmung, wobei letzteres mit der oben diskutierten Entscheidungsfreiheit einhergeht, sind zwei wesentliche Merkmale des Menschen, die Max Scheler nun in einem Begriff zusammenfasst – die Weltoffenheit des Menschen. „Weltoffenheit ist der Gegenbegriff zur tierischen „Trieb- und Umweltgebundenheit“ und besagt, daß durch keine Instinktausstattung festgelegt ist, auf welche Empfindungen (Reize) der Mensch reagiert und auf welche Ziele sein Verhalten ausgerichtet ist.“[9] Diese Weltoffenheit bzw. Umweltungebundenheit, die auch Jacob von Uexküll als grundlegende menschliche Eigenschaft herausgestellt hat, steht also wieder in engem Zusammenhang mit der Instinktlosigkeit und Triebentbundenheit des Menschen. Trotz dieser Weltoffenheit darf man jedoch nicht vergessen, dass der Mensch sehr wohl an bestimmte Dinge gebunden ist, wie z.B. an verinnerlichte Einstellungen, Gefühle, Meinungen, seinen Lebensstil, die unmittelbare Umwelt und Situation, Personen, seinen Beruf oder Überzeugungen, die er im Laufe seiner Entwicklung zu seinen eigenen gemacht hat. Rothacker beschreibt diese spezifische, an die jeweilige Person gebundene Weltsicht sehr anschaulich an einem Beispiel: „Der Wald ist „für den Bauern Gehölz, für den Förster ein Forst, für den Jäger ein Jagdgebiet, für den Wanderer kühler Waldesschatten, für den Verfolgten ein Unterschlupf, für den Dichter Waldesweben und … für den Spekulanten ein Spekulationsobjekt, für die kämpfende Truppe eine Stellung, für den Geologen ein Forschungsobjekt, für den Maler ein Sujet.“[10]

Auf der anderen Seite hat das Tier wiederum keinerlei Möglichkeiten die Welt auf verschiedene Art und Weisen zu betrachten. Es kann sie besser gesagt überhaupt nicht betrachten – es lebt einfach nur in ihr und handelt nach seinen naturgegebenen Instinkten. Es lebt in einem unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit. Der Mensch hingegen handelt nie unmittelbar in der Wirklichkeit – er steht immer in einem symbolisch vermittelten Bezug zu dieser. „Darstellung von konkreter Wirklichkeit in ihrer Konkretheit vollzieht der Mensch mit Hilfe sinnlicher Zeichen (Symbole) nicht nur in der Kunst. Er stilisiert sich, wie schon angemerkt, im Umgang mit anderen Menschen durch äußere Merkmale, er stellt sich durch Benehmen und Insignien als Inhaber bestimmter sozialer Rollen dar, er lebt nicht nur Freundschaftsbindungen, sondern verleiht der Tatsache einer Freundschaft auch symbolischen »Ausdruck« durch Gesten, Geschenke und dgl., er verhält sich Gott und seinen Göttern gegenüber und vollzieht diese seine Handlungen zumeist in den vorgeprägten Symbolen seiner Religion.“[11] Aufgrund dieser symbolischen Vermittlung, die immer zwischen Mensch und Welt steht, bezeichnet Ernst Cassirer den Menschen als »animal symbolicum«. Die symbolische Form seines Denkens und Verhaltens findet vor allem in der Sprache seinen Ausdruck. Die Fähigkeit überhaupt symbolisch zu denken, sowohl Gegenstände als auch Ungreifbares zu benennen, also abseits der realen Wirklichkeit in unseren Gedanken virtuelle Bilder zu schaffen, verdankt der Mensch seiner Einbildungskraft. „Fantasie, Imagination, Einbildungskraft sind drei Begriffe für das menschliche Vermögen, Bilder von außen nach innen zu nehmen, also Außenwelt in Innenwelt zu verwandeln, sowie für die Fähigkeit, innere Bilderwelten unterschiedlicher Herkunft und Bedeutung zu schaffen, zu erhalten und zu verändern.“[12] Ohne diese Fähigkeit wäre der Mensch nicht in der Lage die komplexen Strukturen unserer Sprache zu beherrschen – und ohne die Sprache, wäre die Grundvoraussetzung und Basis aller menschlichen Kultur verloren.

2.2. Die Kultur des Menschen

Um in der Gesellschaft überleben zu können, muss der Mensch in diese hineinwachsen, deren Gewohnheiten, Bräuche, Riten und Sitten kennen lernen, um als anerkanntes Mitglied einen Platz zu finden. „Menschliche Entwicklung bedeutet die Aneignung der Handlungskompetenzen, die für das Leben im menschlichen Ökosystem nötig sind. Diesen Prozess nennt man Enkulturation.“[13] Dieser Begriff umfasst sowohl Sozialisation, als auch Erziehung, also die Gesamtheit des Erwerbs kultureller Basisfähigkeiten, wobei Sozialisation als eine passive „Sozialwerdung“ zu verstehen ist, wohingegen Erziehung ein aktiver Prozess ist, der auch immer bestimmte Ziele, Normen und Werte beinhaltet. Die Aneignung dieser kulturellen Basisfähigkeiten ist in besonderer Weise ausschlaggebend für die Entwicklung des Menschen zum Menschen, „also das Erlernen der Teilnahme an Sprache, gefühlsmäßigen Ausdrucksformen, Rollen, Spielregeln, Arbeits- und Wirtschaftsformen, Künsten, Religion, Recht, Politik usw., […]. Ohne Kultur – kein menschliches Überleben, so können wir zusammenfassen.“[14]

Die Schwächen des Menschen haben – wie im vorherigen Kapitel beschrieben – jeweils eine Kehrseite, die die Mängel ausgleicht und den Menschen befähigt auf einzigartige Weise in der Welt zu agieren. Es steht einem also offen, von welcher Seite aus man den Menschen betrachtet, folglich seinen Reichtum oder seine Armut in den Vordergrund stellt. Bei näherer Betrachtung der Kultur des Menschen wird sein Reichtum in der Fülle und Vielseitigkeit der kulturellen Inhalte deutlich. Konkrete Inhalte wurden bereits angesprochen - was Kultur für den Menschen in abstrakter Form bedeutet, versuchten indes zahlreiche Autoren zu definieren:

Böhm ist der Ansicht, „Kultur stellt die »zweite Natur« des Menschen dar, ohne die er nicht menschenwürdig, ja wohl überhaupt nicht zu leben vermöchte.“[15]

„Herskovits (1948) definiert Kultur als den vom Menschen gemachten Anteil der Umwelt.“[16]

„Segall et al. (1990) meinen, Kultur ist das Insgesamt all dessen, was Personen von anderen Personen lernen. Diese Inhalte sind adaptiv und generationsüberdauernd.“[17]

Gleichgültig welcher Definition man mehr Beachtung zollt – fest steht, der Mensch selbst hat im Laufe seiner geschichtlichen Entwicklung seine Kultur geschaffen und ohne sie wäre er nicht mehr als ein Tier. Grundlegend für das Vermögen des Menschen überhaupt eine Kultur zu entwickeln, ist die Geschichtlichkeit des Menschen. Jede Generation profitiert vom überlieferten Wissen der vorherigen Generation. Das gesammelte Wissen wird aufbereitet, verbessert, weiterentwickelt und systematisch für die Nachwelt festgehalten. Diese Tatsache hat den entscheidenden Vorteil, dass der Mensch mit Hilfe dieses überlieferten Wissens auch selbst in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln, die Gattung Mensch zu „verbessern“ – betrachtet man z. B. die durchschnittliche Lebensdauer, die ein Mensch noch vor 100 Jahren zu erwarten hatte, im Vergleich zur heutigen. „[…], wir als Einzelne profitieren vom tradierten und selektierten Wissen aller vorigen Generationen, um zu überleben; uns bleibt nur die Chance, nicht den Genen zu vertrauen, sondern einem Leben, das die Gene überschreitet.“[18] Die entscheidende Prämisse, die die Geschichtlichkeit und somit auch die Kultur des Menschen überhaupt erst ermöglicht, ist die hochkomplexe, ausgereifte Kommunikation zwischen den Individuen, zu der er wiederum ohne die Fähigkeit zur Imagination – wie oben bereits erläutert – nicht in der Lage wäre. Die Sprache, als das herausragende Merkmal des Menschen, ermöglicht einen exakten und detaillierten Austausch von Informationen, der nicht nur Wissen vermittelt und tradiert, sondern auch die Beziehungen der Menschen sozialer werden lässt, da sie mit Hilfe der Sprache ihren Gedanken und Gefühlen treffenden Ausdruck verleihen können. Zudem ist Sprache die grundlegende Basis der Bildung des Menschen. „Sprache ist Voraussetzung von Bildung und erlaubt es, sich die Welt zu erschließen und durch die Welt erschlossen zu werden. Sie schafft ein individuelles Welt- und Selbstverständnis.“[19] Die Fixierung der Sprache in schriftlicher Form ermöglicht eine weltweite Verbreitung von Informationen und Wissen, das über die Jahrhunderte und Generationen hinweg erhalten bleibt und jederzeit abgerufen werden kann. Wenn hier in verallgemeinerter, abstrakter Form von der Kultur und der Sprache die Rede ist, versteht es sich von selbst, dass diese Begriffe eine Vielzahl unterschiedlichster Kulturen und Sprachen fassen. Jeder Mensch wächst in einer ganz bestimmten Kultur auf und lernt die spezifische Sprache, die die Menschen in seiner nächsten Umwelt sprechen. Da Kultur etwas vom Menschen selbst Geschaffenes ist, und sich nicht auf natürliche Weise schlicht entwickelt, ist die Weitergabe kultureller Inhalte und Traditionen an die nachkommende Generation unbedingt notwendig. Nur durch die Gemeinschaft und Kommunikation mit anderen Menschen wird die Ausbildung von Kultur möglich. Ein Kind, das ohne menschlichen Kontakt aufwächst, wird – wenn es überlebt – wohl kaum auf die Idee kommen, irgendeinen Gott zu verehren, Verhaltensregeln aufzustellen oder eine bestimmte, politische Idee zu verfolgen. Es wird ohne menschliche Umwelt keinerlei Kultur entwickeln. Genauso wenig wird ein Kind, das ohne sprachliche Umwelt aufwächst, jemals von sich aus, beginnen zu sprechen. Zwar besitzt es die genetischen Voraussetzungen, aber diese können sich nur unter bestimmten Bedingungen entwickeln. Fest steht:

„Die Sprache ist humanspezifisch und hat eine biologische Basis.

Das Kind ist für den Spracherwerbsprozess vorbereitet.

Ohne eine sprachliche Umwelt wäre der Erwerbsprozess nicht möglich.

Die inneren Voraussetzungen des Kindes und die äußeren Faktoren müssen im Sinne einer gelungenen Passung zusammenwirken.“[20]

Ohne eine menschliche und somit auch sprachliche Umwelt wird es einem jungen Menschen folglich niemals gelingen, Sprache zu erwerben, bzw. wird dieser es auch gar nicht erst versuchen, da es ohne die Gemeinschaft mit anderen auch gar keinen Grund gibt, eine derartig komplizierte Form der Kommunikation zu erlernen. Wilde Kinder, die im Verbund mit Tieren und von der Menschheit abgeschieden aufwachsen, haben demzufolge auch weder die Möglichkeit, noch das Bedürfnis, Sprache oder Kultur zu erlernen. Trotzdem kommunizieren sie mit den Lebewesen in ihrer Umwelt; würden sie das nicht tun, hätten sie wohl kaum eine Chance, in der Wildnis zu überleben. Verliert das wilde Kind nun mit dem nicht stattfindenden Spracherwerb schon an Menschlichkeit oder kehrt es nur zum Ursprung unseres menschlichen Daseins zurück und ist im eigentlichen Sinne viel menschlicher als wir, da es natürlicher ist? Menschen, die aufgrund von Krankheit, Unfall oder Behinderung nicht in der Lage sind, Sprache zu erwerben, sind ja aufgrund dieses Defizits auch keineswegs unmenschlicher. Aber ein Kind, das von seinen biologischen Voraussetzungen her völlig gesund ist, und sich „nur“ durch die extremen Umweltbedingungen zu etwas entwickelt, das mehr tierische als menschliche Wesenszüge erkennen lässt, führt zu der schon oft diskutierten Frage, ob nun die Gene oder die Umwelt des Menschen größeren Einfluss auf dessen Entwicklung haben. Sicher ist, dass Merkmale, die der Mensch selbst als ausschlaggebend und kennzeichnend für das menschliche Wesen markiert hat, in erster Linie nicht schlicht in der Natur des Menschen liegen, sondern erst im Zusammenspiel mit der passenden, menschlichen Umwelt zur Entfaltung kommen.

2.3. Umwelt und soziale Mimesis

Genetisches Erbgut definiert und determiniert den Menschen immer nur bis zu einem bestimmten Grad, jedoch bietet die Anlage einer bestimmten Fähigkeit auch immer nur die Möglichkeit zum Erlernen oder Ausprägen dieser Fähigkeit – wie sich diese Anlagen dann tatsächlich entwickeln, ist eine Frage der äußerlichen Einwirkungen. Dieser bestimmte Grad ist ein Kernpunkt der gesamten Anlage – Umwelt – Diskussion. Doch die Tatsache, dass der Mensch in einer speziellen Umwelt aufwächst, und sich dementsprechend zu einer speziellen, einzigartigen Person entwickelt, macht es unmöglich zu überprüfen, ob dieser Mensch eventuell andere Wesens- und Charakterzüge entwickelt hätte, wenn er in einer anderen Umwelt groß geworden wäre. Jedoch ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass ein Kind, das in einem afrikanischen Dorf aufwächst, vollkommen andere Werte, Traditionen, Einstellungen und auch Wesenszüge verinnerlicht, als ein europäisches Kind, das einer modernen, technisierten Konsumgesellschaft ausgesetzt ist. Doch wie unterschiedlich und entgegengesetzt die Völker dieser Erde auch sein mögen – es sind ausnahmslos alle dazu in der Lage, aufrecht zu gehen, zu denken, zu sprechen, zu lernen und nicht nur innerhalb ihrer Gesellschaft sozial und aktiv handelnd in der Welt zu agieren. Wenn ein Kind jedoch nun in einer nicht menschlichen Umwelt aufwächst, also in tierischer Gesellschaft oder Isolation lebt, stellen wir fest, dass nicht einmal diese grundlegenden menschlichen Fähigkeiten entwickelt werden. Das Wesen und Verhalten dieser wilden Kinder erinnert mehr an eine tierische, als an eine menschliche Herkunft, da sie neben vielen anderen Eigenheiten, zumeist weder in der Lage sind zu sprechen, noch aufrecht zu gehen. Dieser Umstand legt den Verdacht nahe, dass der Nachahmung, der sozialen Mimesis, beim Erlernen wesentlicher, menschlicher Basisfähigkeiten eine entscheidende Rolle zukommt. Also nicht einmal der aufrechte Gang steckt in unseren Genen, sondern wird dem Anschein nach erst durch Beobachtung und deren Verinnerlichung erlernt. Es klingt verlockend, dieses Phänomen der wilden Kinder, als das fehlende Beweisstück anzuführen, das alle offenen Fragen in der Anlage – Umweltproblematik beantworten könnte, da diese Kinder ja eigentlich den »Menschen an sich« widerspiegeln könnten. Jedoch sind die Belege und Berichte dieser Einzelschicksale der Wissenschaft nicht Beweis genug, da die Erzählungen oft Fragen offen lassen und deren Glaubwürdigkeit nicht bis ins Detail bewiesen werden kann. Abgesehen davon – ist diese Bezeichnung »Mensch an sich«, wirklich zutreffend für einen Menschen, der nichts von dem verkörpert und besitzt, was der Mensch selbst als grundlegend menschlich bezeichnet?

Trotz alledem sind diese Dokumente für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert und bieten die hervorragende, und in dieser Form einzigartige Chance über die Grenze zwischen Mensch und Tier zu philosophieren.

Instinktreduktion und die vorzeitige Geburt des Menschen sind – wie bereits erörtert – auch der Grund für die ausgeprägte Lernfähigkeit des Menschen. In diesem Zusammenhang spielt auch die Fähigkeit zur Mimesis eine besondere Rolle, da der Mensch sehr vieles und vor allem Grundlegendes im Zuge der Nachahmung und dessen Verinnerlichung lernt. „Schon Aristoteles weist darauf hin, dass Mimesis dem Menschen angeboren ist; »sie zeigt sich von Kindheit an, und der Mensch unterscheidet sich von den übrigen Lebewesen, dass er in besonderem Masse zur Nachahmung befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung erwirbt – als auch durch Freude, die jedermann an Nachahmung hat.«“[21]

Jedoch darf Mimesis nicht als bloße Imitation verstanden werden, sondern vielmehr als geistig und körperlich nachvollzogene Handlung, die sich zwar auf die beobachtete Umwelt bezieht, aber das individuelle Innere des Einzelnen ebenfalls berücksichtigt und beide Komponenten in der körperlich dargestellten Handlung zum Ausdruck kommen lässt. Gesten und Rituale werden auf diese Art und Weise gelernt und sind somit stark von der kulturellen Umwelt abhängig und dementsprechend verschieden. Im Laufe seiner Entwicklung und im Umgang mit anderen Menschen lernt das Kind die für seine Kultur typischen Gesten, sozialen Umgangsformen und gesellschaftlichen Regeln. Zu Beginn seines Lebens spielt die unmittelbare, soziale Umwelt eine entscheidende Rolle, da es hier unter seinen direkten Bezugspersonen, Vorbilder sucht, auf die seine ersten mimetischen Prozesse Bezug nehmen können. Ein interessantes Fallbeispiel liefert in diesem Zusammenhang Alfred Nitschke, der in seinem Buch Das verwaiste Kind der Natur über ein 3 – jähriges Mädchen berichtet, das bei völliger körperlicher Gesundheit einen Gehfehler entwickelte, der allein aufgrund fehlgeleiteter Nachahmung entstand. Wie sich herausstellte, hatte der Vater des Mädchens aufgrund einer Kriegsverletzung den exakt gleichen Gehfehler – und da dieser für das Kind die wichtigste Bezugsperson darstellte, ahmte es die Bewegungen des Vaters nach und entwickelte so seine spezielle Gangart. „In der Übernahme des pathologischen Gangs zeigt sich zugleich die Variabilität der menschlichen Bewegungsgestalten, die selbst dann übernommen werden, wenn sie die Bewegungsabläufe erschweren.“[22] Nitschke bezeichnet dieses Phänomen als »motorisches Mitvollziehen« und betont die Rolle der Vorbildperson innerhalb mimetischer Prozesse, da diese keineswegs willkürlich ausgewählt wird. „Bewegungsformen in Sprache, Gebärde, Mimik, Haltung und allgemeiner Körpermotorik werden nicht beliebig von irgendwem übernommen, sondern bevorzugt von ausgezeichneten als vorbildhaft empfundenen Personen.“[23] Nach Betrachtung dieses Fallbeispiels, ist es nicht schwer nachzuvollziehen, dass ein Kind, dessen unmittelbares Vorbild und nächste Bezugsperson ein Wolf ist, nicht von sich aus beginnt aufrecht auf zwei Beinen zu gehen, sondern wie es in seiner menschlichen Natur liegt, seine Umwelt nachzuahmen, und sich somit auf allen Vieren fortzubewegen. Auf die gleiche Art und Weise lernt das wilde Kind mit seinen Sozialpartnern zu kommunizieren. Es beobachtet die Gebärden, imitiert diese und nimmt sie in sein Verhaltensrepertoire auf, um sich angemessen verständigen zu können. Die Sprache hat ohne menschlichen Kontext weder einen Grund, noch eine Möglichkeit sich zu entwickeln. „Die Brücke zwischen Sprache und Welt wird mit Hilfe der sozialen Interaktion zwischen Mutter und Kind errichtet. Indem sie Laute artikuliert, verweist die Mutter mit ihrem nonverbalen Verhalten, also mit Körperhaltung, Gestik, Mimik, und Blickbewegungen auf gemeinte Objekte.“[24] Findet diese soziale, menschliche Interaktion nicht statt, bleibt das Kind isoliert und ohne Sprache. Zwischen einem wilden Kind und dessen tierischem Mutterersatz finden ohne Zweifel ebenso Kommunikation und Interaktion statt. Das wilde Kind vermag in tierischer Umwelt zwar nicht sprechen zu lernen, jedoch imitiert es die Laute und das Verhalten, der in seiner direkten Umwelt lebenden Tiere, und passt sich den gegebenen Umständen an, um in dieser besonderen sozialen Gemeinschaft anerkannt zu werden. Genauso verändern sich auch die menschlichen Sinne, sowie das Sexual- und Essverhalten in Anbetracht der extremen Umweltbedingungen. Diese Besonderheiten der wilden Kinder werden an anderer Stelle eingehend diskutiert. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit verschiedenen Experimenten, die zum Ziel hatten, mehr über den Menschen zu erfahren, ohne dabei jedoch auf grundlegende menschliche Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, sowie ohne dem Leben eines Menschen überhaupt Achtung und Respekt zu zollen.

3. Experimente

3.1. Die „Ursprache“ des Menschen

Im heutigen Zeitalter und innerhalb einer aufgeklärten Gesellschaft ist es vollkommen undenkbar und vor allem kriminell, wissenschaftliche Untersuchungen und Experimente mit Menschen zu unternehmen, die diesen auch nur ansatzweise schaden könnten. Im 13. Jahrhundert war die derartige Sichtweise auf das Leben des Menschen jedoch oft nicht so Menschen achtend wie heute, sondern eher verachtend. Vor allem Herrscher, die genug Macht und Einfluss besaßen, betrachteten ihre Untertanen oft als Eigentum und behandelten sie dementsprechend würdelos. So auch der damalige Stauferkönig Friedrich II im Jahre 1211, der wissenschaftlich sehr interessiert, nicht davor zurückschreckte, Experimente mit Säuglingen durchzuführen. In zahlreicher Literatur und zeitgenössischen Berichten[25] zu finden, jedoch wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist folgende Begebenheit: Friedrich II hatte das Ziel vor Augen, herauszufinden, welche Sprache dem Menschen angeboren sei – folglich welche Sprache die natürliche und somit auch älteste Sprache des Menschen sei, da sich die damaligen Gelehrten nicht einigen konnten, ob der Ursprung der Sprache nun vom Hebräischen, Griechischen oder Lateinischen herrührt. Um dieses Problem zu lösen, ließ er einige, wahrscheinlich elternlose Neugeborene, ohne sprachliche Umwelt aufwachsen. Die Kinder wurden dabei zwar von Ammen körperlich gepflegt und versorgt, jedoch war es diesen verboten in Gegenwart der Kinder zu sprechen, oder ihnen in irgendeiner Form Liebe und Zuneigung zukommen zu lassen. Nach einiger Zeit wurde das Experiment abgebrochen, da alle Kinder starben. „Denn sie könnten nicht leben ohne das Händeklatschen und Winken, das fröhliche Lächeln und die Koseworte ihrer Ammen und Näherinnen.“[26] Ausschlaggebend für diesen drastischen Ausgang des Experiments war also nicht in erster Linie die fehlende Sprache, sondern die fehlende Liebe und nonverbale Kommunikation zwischen Mutter und Kind. „In der frühen Kindheit bildet die Mutter (Pflegeperson) – Kind – Interaktion den wichtigsten und fast ausschließlich bedeutsamsten Teil des Ökosystems.“[27] Belsky et al. nennt in diesem Zusammenhang einige Bedingungen, ohne die das Kind in seiner Entwicklung erheblich gestört werden könnte, wie z. B. Aufmerksame Zuwendung, Körperkontakt, Verbale Stimulierung, Materialanregung, Responsivität und Wärme.[28] Das Ziel Friedrich II, der Ursprache des Menschen auf den Grund zu gehen, schlug fehl, da ohne eine sprachliche Umwelt, kein Mensch überhaupt das Sprechen zu lernen vermag. Doch seit diesem überlieferten Experiment hat man Grund zur Annahme davon auszugehen, dass der Mensch ohne körperliche Liebe und Zuneigung in den ersten Lebensmonaten nicht fähig ist, überhaupt zu überleben. Der authentische Gehalt dieser Geschichte sei dahingestellt, jedoch ist bei der Anzahl der sehr ähnlich überlieferten Erzählungen sicherlich ein wahrer Kern zu vermuten. Zudem ist das Experiment von Friedrich II nicht das einzige seiner Art. Auch der ägyptische König Psammetichos soll einen derartigen Versuch mit Kindern aus ähnlichen Gründen unternommen haben, wobei zwei Kinder ohne menschliche Sprache inmitten von Ziegen aufgewachsen sein sollen, die nach gewisser Zeit ebenso wenig sprachen, als vielmehr Ziegenlaute von sich gaben.[29] Sicher ähneln solche Berichte eher Mythen, als wahren Begebenheiten, aber das Ergebnis dieser Experimente bzw. die Schlüsse, die daraus gezogen wurden, würde die heutige Wissenschaft in keiner Weise anzweifeln. Ohne eine sprachliche Umwelt, kann ein Kind keine Sprache entwickeln, und ohne zwischenmenschliche Interaktionen kann das Kind als soziales Wesen nicht überleben. Dessen war sich auch C. G. Jung bewusst, der dem Menschen als isoliertes Wesen keinerlei Überlebenschancen zugestand: „Der Mensch kann nicht ohne die Sozietät existieren, ebensowenig, wie er auch nicht ohne Sauerstoff, Wasser, Eiweiß, Fett usw. sein kann. Wie diese, so ist auch die Sozietät eine der notwendigen Existenzbedingungen.“[30]

3.2. Der Affe und das Kind

Wesentlich authentischer als diese eher einleitende Geschichte gestaltet sich das Experiment von Dr. Winthrop Kellogg im Jahre 1933, das später unter dem Namen the child and the ape veröffentlicht wurde. Der wissenschaftlich interessierte Arzt ließ seinen zehn Monate alten Sohn Donald mit dem ca. sieben bis acht Monate alten Affen Gua aufwachsen. Er wollte herausfinden, wie sich der Affe entwickelt, welche Fähigkeiten er erwirbt und welche Wesenszüge zum Vorschein kommen, wenn dieser Affe nicht in seiner natürlichen, tierischen Umwelt aufwächst, sondern in einer ausschließlich menschlichen Umgebung. Entscheidend dabei war, dass der Affe und das Kind vollkommen gleich behandelt und erzogen werden sollten, sodass Dr. Kellogg aufgrund der „Konstante“ Erziehung die genetischen und biologischen Unterschiede zwischen Mensch und Tier genauestens beobachten konnte. Da es in dieser Zeit bereits ethisch nicht vertretbar gewesen wäre, ein menschliches Kind allein in tierischer Umwelt aufwachsen zu lassen, um wissenschaftliche Erkenntnisse in der Anlage – Umwelt – Problematik zu gewinnen, hat dieser Arzt folglich das Experiment umgekehrt, also den Affen in menschlicher Umwelt aufwachsen lassen. Nichts desto trotz gab es auch damals Kritiker, die diesen Versuch für bedenklich hielten und eine Gefahr für das Menschenkind fürchteten. Diese Sorgen teilte auch seine Frau Luella, die anfangs dagegen war ihr eigenes Kind als Versuchsobjekt zu missbrauchen, doch der energische Arzt, der mittlerweile Professor für Psychologie an der Indiana University war, setzte sich durch, und die Familie zog für die Dauer des Experimentes in unmittelbare Nachbarschaft des Affenparks von Orange Park in Florida.[31] Ab dem Zeitpunkt des Eintreffens Guas, widmete das Ehepaar all seine Zeit und Aufmerksamkeit dem außergewöhnlichen Experiment. Sowohl körperliche, als auch geistige Verfassung, wurden täglich überprüft und die Ergebnisse minutiös festgehalten. Auch die Sinne und Motorik der beiden Kinder wurden häufig getestet und die Probanden mussten sich ständig Aufgaben und Prüfungen unterziehen, um deren Entwicklungsfortschritte und Unterschiede in den einzelnen Fähigkeiten beobachten und festhalten zu können. „Both were toilet trained, with Donald acquiring this skill about 15 days sooner than Gua. Gua proved able to discover how to extract her hand from a loop and to position a chair so as to obtain a cookie much more rapidly than Donald. She learned to eat with a spoon by 13½ months, whereas Donald did not achieve this feat until age 17½ months. Gua also proved more advanced than Donald in learning to use a hoe to rake a desired item into reach, although both required some instruction in this task. Tests of spatial memory, using a delayed-response paradigm, indicated that Donald could negotiate delays of only 9 min at 10½ months of age, whereas Gua could negotiate delays of 30 min at 8 months of age.”[32] In ähnlicher Art und Weise wurden die Ergebnisse der unzähligen Tests und Übungen für die Nachwelt festgehalten. Erstaunlicherweise kam es nicht selten vor, dass der Affe bestimmte Aufgaben besser und schneller bewältigte als das ca. gleichaltrige Menschenkind Donald. Beispielsweise war Gua, wie in dem Zitat berichtet, bereits vier Monate vor Donald in der Lage, Essen mit einem Löffel aufzunehmen. Eine Fähigkeit, die eindeutig nicht in der Natur des Tieres liegt, sondern ausschließlich durch Erziehung erlernt wird. Gua passte sich in bemerkenswerter Art und Weise an ihr menschliches Umfeld an; sie befolgte Befehle besser als Donald, machte sich rechtzeitig bemerkbar, wenn sie zur Toilette musste und bat sogar mit einem Handkuss um Verzeihung.[33] Was die Sprache betrifft, hielten sich die Erfolge stark in Grenzen. Der junge Affe war zwar sensibel für die menschliche Sprache und in der Lage einige Begriffe zu verstehen, jedoch in keinster Weise fähig, aktiv zu sprechen. „Although Gua in her turn could form several vowels and although she seemed to be able to manipulate her lips and tongue with perhaps greater facilitiy than the boy, no additional sounds were ever observed beyond those which she already possessed when we first made her acquaintance. There were no “random” noises to compare with the babys prattle or to the apparently spontaneous chatter of many birds.”[34] Erstaunlich ist, dass Donald bis zu seinem ungefähr 14. Lebensmonat weniger unterschiedliche Wörter verstand als Gua. Erst danach überholte er den Affen in derartigen passiven Verstandesleistungen. 19 Monate lang dauerte das Experiment, und am Ende war der junge Sohn des Arztes in der Lage 3 Wörter zu sprechen[35], was in diesem Alter weit unter dem durchschnittlichen sprachlichen Entwicklungsstand liegt. „Um den 18. Monat erreichen die Kinder die magische 50-Wörter-Marke. Von jetzt an lernen sie neue Wörter sehr viel schneller als zuvor, so dass wenige Monate später ihr Wortschatz schon um die 200 produktive Wörter umfasst.“[36] Diese retardierte Entwicklung in den sprachlichen Fähigkeiten des Jungen veranlasste wahrscheinlich auch das Ehepaar, den Versuch abzubrechen. Es wird zwar nicht explizit in der Veröffentlichung des Arztes berichtet, was der wahre Grund für das vorzeitige Ende des Experiments war, aber die anfänglichen Bedenken Luellas und die nicht zu leugnenden Störungen in der Sprachentwicklung Donalds lassen vermuten, dass es selbst Dr. Kellogg unter diesen Umständen als unverantwortlich empfunden haben muss, das gewagte Experiment auf Kosten seines Sohnes weiterzuführen. Zudem muss es wohl beängstigend gewesen sein, dass der junge Donald statt zu sprechen, vorzugsweise die Affenlaute seines tierischen Freundes nachahmte. In einem Punkt war das Menschenkind nämlich von Anfang an besser – in der Nachahmung. Wie schon in Kapitel 2. 3. erläutert, ist der Mensch in ganz besonderer und einzigartiger Weise fähig, sein Umfeld und seine Umwelt nachzuahmen. Da der Affe und das Kind ununterbrochen zusammen waren, entstand zwischen den beiden eine sehr enge Bindung, wobei der Affe Gua in dieser Beziehung anscheinend die führende Rolle einnahm. Donald orientierte sich stark an dem Verhalten des Affen, vielleicht auch, weil dieser ja in einigen Bereichen schnellere Entwicklungsfortschritte machte. Abgesehen davon ist der Mensch ohne Zweifel der bessere Imitator und zur sozialen Mimesis veranlagt. „Die klare Bedeutung von Nachahmung hat Mimesis nur im Kontext ihrer anthropologischen Fundierung als dem Menschen angeborener Trieb. Sie wird dadurch zu einem Wesensmerkmal des Menschen und darüber hinaus pädagogisch bedeutsam für die ersten Lebensjahre, […].“[37] Sicher ist dabei zu bedenken, dass der Mensch nicht nur bloß imitiert, sondern immer nachahmend interpretiert. Diese Nachahmung muss dabei keineswegs immer gleichzeitig geschehen, sondern kann ohne weiteres zeitverzögert, auf kognitiven Bildern basierend, stattfinden. Symbolfähigkeit und Vorstellungskraft spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Wie in Kapitel 2. 1. erläutert, steht der Mensch immer in einem vermittelten Bezug zur Wirklichkeit und schafft es erst mit Hilfe von Symbolen sich die Welt zu erschließen. „Das Kind eignet sich nicht rational-begrifflich seine Welt an; ebenso wenig beschränkt sich die Entwicklung auf sensumotorische Anpassungsleistungen seiner Organe oder auf die Entfaltung motorischer Kompetenzen; vielmehr befindet sich das Kind von Anfang an in einem Verhältnis zur Wirklichkeit, das vorrangig von Symbolisierungsprozessen geprägt ist.“[38] Sobald der Affe einen Löffel in die Hand nimmt, um damit zu essen, steht er nicht mehr - wie es eigentlich in seiner tierischen Natur liegt - in einem unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit. Er lernt menschliche, soziale Verhaltensregeln, wie z. B. einen Handkuss zur Entschuldigung, und stellt somit eine Geste bzw. ein Symbol zwischen sich und die Wirklichkeit. Ist diese Symbolfähigkeit also nicht nur dem Menschen vorbehalten, sondern sind auch Tiere dazu in der Lage? Es ist schon lange bekannt, dass der Affe ein sehr intelligentes Tier ist, und auch dem Menschen gar nicht so unähnlich. Er ist fähig bestimmte menschliche Verhaltensmuster zu lernen, allerdings nur, wenn ein Mensch sie ihm beibringt. Zudem sind die Lernfähigkeiten eines Affen natürlich wesentlich beschränkter, als die eines Menschen, und sprechen lernen, würde ein Affe wohl nie. Der Grund dafür liegt zum einen in der Tatsache, dass dem Affen die physiologischen Voraussetzungen fehlen, die er bräuchte um menschliche Laute zu produzieren und zum anderen liegt es daran, dass Affen in freier Natur zum Zusammenleben keine komplexe Sprache benötigen. Die Frage stellt sich, ob ein Affe, der einem Umfeld ausgesetzt ist, das von ihm eine komplexere Sprache fordert, in der Lage ist diese Sprache zu lernen. Ein Mensch, der von seinen biologischen Voraussetzungen her, nicht fähig ist zu sprechen, findet andere Wege sich mitzuteilen und sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Er kommuniziert mit Zeichen, die ihm andere beigebracht haben. Vor ca. 30 Jahren machten Wissenschaftler eine unglaubliche Entdeckung. Es gelang einigen Gorillas und Schimpansen eine Art Zeichensprache zu lernen, mit der sie sich mit Menschen und teilweise sogar anderen Affen verständigen konnten. „Washoe und Nim Chimpsky, zwei Schimpansen, und Koko, eine Gorilladame, sind die bekanntesten der »sprechenden« Affen, wobei die nunmehr dreißigjährige Koko das erfolgreichste dieser Tiere geblieben ist. Sie verfügte um die Jahrhundertwende über rund 1000 Handzeichen und verstand 2000 englische Worte. Sie ist in der Lage, viele Wünsche zu äußern, erkennt namentlich jede Menge Gegenstände, macht Witze, schimpft und lügt sogar.“[39] Diese intelligenten Tiere scheinen ein Beweis dafür zu sein, dass nicht nur der Mensch Vorstellungskraft besitzt, mit Symbolen kommuniziert und die Welt so aus einer anderen Sicht betrachten kann. Wie dieser Gorilla die Welt wahrzunehmen vermag, welche Zusammenhänge er versteht und ob er eine Vorstellung vom Tod hat, ist unklar. Die Pflegerin der Gorilladame ist sich in dieser Hinsicht sicher und übersetzt ein Gespräch, das sie mit Koko führt, als sie gemeinsam das Bild eines Gorillaskeletts ansehen:

„Patterson (mit Handsignalen und sprechend): Lebt der Gorilla oder ist er tot?

Koko (mit Handsignalen): tot, wieder sehen.

Patterson: Wie fühlt sich ein Gorilla, wenn er stirbt, glücklich, traurig, ängstlich?

Koko: schlafen.

Patterso: Wohin gehen Gorillas, wenn sie sterben?

Koko: gemütliches Loch. Wiedersehen.

Patterson: Wann sterben Gorillas?

Koko: Sorgen, alt.“[40]

Sicherlich sollte man diesem Gespräch zunächst kritisch gegenübertreten, da aus den Antworten des Gorillas noch lange nicht hervorgeht, ob dieses Tier wirklich eine Vorstellung von Leben und Tod besitzt, oder ob es nur auf sprachliche bzw. taktile Reize reagiert hat, die es in diesem Zusammenhang gelernt hat, oder ob es sogar ein einstudiertes Gespräch war. Vielleicht hat der Mensch aber auch nur Angst davor etwas zu glauben, was die Vormachtstellung des Menschen in der Natur in Gefahr bringen könnte. Zunächst bleibt diese Frage jedoch ungeklärt.

In jedem Fall sind die syntaktischen Strukturen und Themen der »sprechenden Affen« stark begrenzt, aber das war die Sprache des Menschen in ihrem Ursprung auch einmal. Die Tatsache, dass diese Gorilladame auch mit einem anderen Affen in der vom Menschen gelehrten Zeichensprache kommunizierte, bedeutet fast schon ein kleines Stück Evolution. Die Frage, ob sie von sich aus diese Zeichensprache an ihren Nachwuchs weitergeben würde, steht allerdings noch aus. Falls ja, wäre das ein unglaublicher Schritt in der Evolutionsgeschichte der Gorillas. Gleichzeitig würde das auch bedeuten, dass sie von nun an Kultur besäßen, und diese an die nächste Generation weitergäben. Könnte ein derartiges Szenario zur Realität werden? Sicherlich muss man dies als sehr fragwürdig beurteilen. Fest steht, dass Affen in freier Wildbahn, ohne menschliche Steuerung niemals anfangen würden, sich untereinander in einer derartig komplexen Zeichensprache zu verständigen. Aber genauso wenig, wie der Affe in freier Wildbahn auch nicht lernen würde mit Besteck zu essen, würde auch ein menschliches Kind, das ohne Menschen aufwächst, derartige soziale Verhaltensweisen nicht lernen. Und selbst mit einem menschlichen Umfeld, jedoch einem Affen als stärkste Bezugsperson, orientiert sich das Kind nicht an seiner menschlichen Umwelt, sondern in erster Linie an seinem tierischem Vorbild. Ohne den bewussten, menschlichen Einfluss, seine Erziehung, Kultur und Sozialisation, wäre der Mensch sicherlich nicht das, was er heute ist. Ohne das notwendige Umfeld und eine gezielte Förderung würden sich die komplexen Hirnstrukturen des Homo sapiens niemals auf so einzigartige Weise entfalten. Das wilde Kind, das ohne all diesen menschlichen Einfluss ist, begreift die Welt in ganz anderer Art und Weise – es steht, wie das Tier, in einem unmittelbaren Bezug zur Wirklichkeit. Es bedarf keiner Vermittlung zur Welt, es lebt schlicht in ihr. Der Biologe Robert Uexküll erfasst diesen Gedanken der tierischen Unmittelbarkeit in seinem Funktionskreis des Lebewesens, wobei das Tier in seiner Umwelt lediglich bestimmte Reize wahrnimmt, und entsprechend seiner Gattung auf diese Reize spezifisch reagiert. Ernst Cassirer nutzt diesen Gedanken, und überträgt den Funktionskreis des Lebewesens mit einer qualitativen Änderung auf den Menschen.

„Der Mensch hat gleichsam eine neue Methode entdeckt, sich an seine Umgebung anzupassen. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz, die uns bei allen Tierarten begegnen, finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir alle als »Symbolnetz« oder Symbolsystem bezeichnen können. Diese eigentümliche Leistung verwandelt sein gesamtes Dasein. Verglichen mit den anderen Wesen, lebt der Mensch nicht nur in einer reicheren, umfassenderen Wirklichkeit; er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit.“[41]

Laut Cassirer hat also nur der Mensch, die Fähigkeit eine Reaktion auf einen Reiz zu verschieben, und mit Hilfe des als Medium wirkenden Symbolnetzes, anstatt einer Reaktion, eine Handlung auszuführen. Des Weiteren hat er nicht nur die Fähigkeit, sondern gar keine andere Möglichkeit, als die Welt als eine symbolisch vermittelte wahrzunehmen.

Das wilde Kind ist zwar ein Mensch und besitzt wahrscheinlich auch die Fähigkeit zu dieser spezifisch, menschlichen Symboltätigkeit, aber ohne menschlichen Einfluss scheint sich diese Fähigkeit nicht entfalten zu können, vielmehr noch droht das wilde Kind im tierischen Funktionskreis stecken zu bleiben. Ohne menschlichen Einfluss scheint der heranwachsende Mensch nicht mehr zu sein, als ein Tier.

Das Experiment des energischen Arztes wollte von einem umgekehrten Standpunkt aus, die Kraft des menschlichen Einflusses messen. Obwohl sich sicherlich einiges daran kritisieren lässt, haben sich so dennoch interessante und diskussionswürdige Fragen ergeben, die ohne das Experiment gar nicht erst entstanden wären.

Dr. Kellogg hatte versucht einen Affen zum Menschen zu erziehen, jedoch war er dabei im Begriff einen Menschen zum Affen zu erziehen. Nach 19 Monaten wurde das Experiment abgebrochen, der experimentierende Arzt harscher Kritik ausgesetzt und Dr. Kellogg sah sich gezwungen, sich in der Öffentlichkeit für seine Taten rechtfertigen zu müssen. Dazu schrieb er später, „dass diese Art Forschung einen »entschlossenen Wissenschaftler« verlange, der jenen gegenübertreten könne, die das Experiment lächerlich machten, weil sie es missverstünden.“[42]

Nach Abbruch des Experiments konnte Donald seine Defizite in der Sprachentwicklung leicht aufholen, und diese besondere Erfahrung schien keine dauerhaften Spätfolgen hervorgerufen zu haben – er studierte Medizin an der Harvard Medical School und wurde Psychiater. Allerdings nahm er sich nur einige Zeit nach dem Tod seiner Eltern das Leben, was jedoch nicht zwangsläufig dem fehlgeschlagenen Experiment seines Vaters zugeschrieben werden muss.

4. Wilde Kinder

Im Folgenden werden die verschiedenen Gruppen der wilden Kinder näher kategorisiert, sowie deren kennzeichnenden Besonderheiten jeweils an konkreten Beispielen, sowohl detailliert und ausführlich erläutert, als auch interpretiert. Die Kriterien zur Auswahl der Fälle bezogen sich in erster Linie auf den Grad der Vollständigkeit, Ausführlichkeit und angenommenen Authentizität der Originalberichte.

4.1. Isolierte Kinder

Als isolierte Kinder bezeichnet man eine Teilgruppe der wilden Kinder, die abseits der Gesellschaft und ohne menschlichen oder tierischen Kontakt, eine gewisse Zeit in der Wildnis verbracht haben. Wie diese Kinder in die Isolation geraten sind, ist meist unklar, da sie selbst keine Auskunft über ihre Herkunft geben können. Dies beruht zum einen auf Kommunikationsschwierigkeiten und zum anderen auf einem mangelnden Erinnerungsvermögen der Kinder. Die Vermutung liegt nahe, dass meist die Eltern Schuld am Schicksal ihrer Kinder tragen - sei es aus Nachlässigkeit und fehlender Fürsorge oder bewusster Absicht. Da die Kinder, wenn man sie irgendwann findet, befremdlich und zurückgeblieben auf die Menschen wirken, wird oft spekuliert, dass der Grund für ihre Retardiertheit nicht die Zeit in der Isolation sei, sondern umgekehrt. Deshalb gibt es in diesem Zusammenhang etliche Kritiker, die Berichte von wilden Kindern für wissenschaftlich untauglich halten, da sie der Meinung sind, dass diese Isolierten kein Bildnis des „Menschen an sich“ widerspiegelten, sondern schon von Geburt an in irgendeiner Form behindert seien, und dies überhaupt erst der Grund für ihre Aussetzung und Befremdlichkeit sei. „Im übrigen haben die Philosophen der »menschlichen Natur« nicht die Tatsache der Isolation an sich, sondern vielmehr ihre Bedeutung bestritten, und sogar Lévi-Strauss vermutet, daß » die Mehrzahl jener Kinder von Geburt an anormal gewesen sei und man im Schwachsinn, den sie fast einhellig zu zeigen schienen, die erste Ursache ihres Verlassenseins zu suchen habe und nicht, wie man es zuweilen möchte, sein Resultat«.“[43] Diese Vorstellung ist sicherlich die Unkomplizierte, da der wesensändernde Einfluss der Umweltbedingungen hier auf ein Minimum reduziert wird, und der Grund für dieses befremdliche Verhalten schlicht auf defekte Erbanlagen zurückgeführt wird. Zudem war es früher nicht unüblich, andersartiges Verhalten und fremde Kulturen als anormal, schwachsinnig oder abartig abzustempeln, da diese Art der Kategorisierung einfacher ist, als sich mit dem Neuen und Fremdem auseinanderzusetzen, folglich seinen Blickwinkel zu weiten – bedenke man nur das Verhalten „zivilisierter“ Entdecker beim Treffen auf traditionelle Stämme, Ureinwohner, sowie Völker, die abseits der Gesellschaft lebten. Ein Kind, das allein auf sich gestellt, in der Wildnis ums Überleben gekämpft hat, wird wohl auf die Menschen noch um einiges befremdlicher und „anormaler“ wirken.

Es ist sehr schwierig, diese Frage, nach dem ursprünglichen Gesundheitszustand, zweifelsfrei zu beantworten, da man zunächst einmal nicht alle wilden Kinder miteinander gleichsetzen kann, und zudem die behandelnden Ärzte im Nachhinein nicht mehr eindeutig feststellen konnten, welche Störung oder Verhaltensauffälligkeit durch welche entsprechende Ursache hervorgerufen wurde. Schließlich liegen diese Fälle zum Großteil bereits länger zurück, weshalb auch das erforderliche, technisch-medizinische Wissen noch nicht ausgereift war, um derartiges zweifelsfrei zu prüfen. Anderseits ist die Klärung eines solchen Problems auch heute nicht einfach.

Bei den hier untersuchten Fällen spricht jedoch etliches dafür, dass die Kinder keine genetisch bedingten Störungen aufwiesen. Unter anderem spielt dabei ihr genial angepasstes Verhalten an die Natur eine Rolle und sicherlich auch ihre Entwicklungsfortschritte und Lernerfolge, die sie im Zuge der „Resozialisation“ machten. Die Vorstellung, dass ein kleines Kind alleine in der Wildnis überleben kann, ist schon unfassbar, aber der Gedanke, dass sich ein behindertes, kleines Kind, isoliert von Gesellschaft und jeglicher Hilfe, alleine in der Wildnis zurecht finden soll, scheint utopisch.

4.1.1. Victor von Aveyron

4.1.1.1. Entdeckung

Im Jahre 1797 machten ein paar Männer in der Wäldern von Caune, in Südfrankreich, eine unglaubliche Entdeckung. Sie begegneten einem nackten, umherstreifenden, männlichen Kind von ungefähr 12 bis 13 Jahren, das sich ängstlich vor ihnen versteckte und sich auch trotz großer Bemühungen nicht einfangen ließ. 15 Monate später wurde er nochmals im Wald gesichtet und sogleich von Jägern erfolgreich in eine Falle gelockt. Bald darauf, ergriff das wilde Kind allerdings wieder die Flucht. Schließlich suchte der Wilde ein halbes Jahr später, vermutlich von Neugier angetrieben, diesmal freiwillig Kontakt zu den Menschen und betrat im Jahre 1800 das Haus eines Färbers, in der Nähe der Stadt St. Sernin. Da man fürchtete, er könne wiederum fliehen, versuchte man ihn festzuhalten, jedoch gleichzeitig zu pflegen und für sein Wohl zu sorgen. „Von hier aus brachte man ihn ins Hospiz von Saint-Affrique, sodann nach Rodez, wo man ihn mehrere Monate lang behielt. Während seines Aufenthaltes an diesen verschiedenen Orten zeigte er sich stets gleich wild, ungebärdig und unstet, versuchte immer wieder, zu entfliehen, und gab Anlaß zu den interessantesten Beobachtungen, die von glaubwürdigen Zeugen gesammelt wurden und die wiederzugeben ich nicht versäumen werde, und zwar an den Stellen dieses Berichts, wo sie mir am vorteilhaftesten zur Geltung kommen.“[44] Soweit berichtet Jean Itard von den ersten Kontakten zwischen dem wilden Kind und den Menschen. Dieser Mann war einer von mehreren, wissenschaftlich Interessierten, die sich des wilden Kindes für eine gewisse Zeit lang annahmen und versuchten dieses „außergewöhnliche Phänomen“ zu untersuchen. Zweifelsohne war Jean Itard jedoch derjenige, der am intensivsten, emotionalsten und längsten in diesen Fall verwickelt war.

[...]


[1] Rousseau 1754/ 41993, S. 70

[2] vgl. Gudjons 72001, S. 185 – 186

[3] Newton 2004, S. 13

[4] Portmann 1964. In: Singh 1964, S. 12

[5] Gudjons 72001, S. 176

[6] Portmann 31969, S. 57

[7] Portmann 31969, S. 64 – 65

[8] Hamann 31998, S. 103

[9] Zdarzil 1972, S. 45 - 46

[10] Rothacker zit. n. Zdarzil 1972, S. 46

[11] Zdarzil 1972, S. 51

[12] Wulf 2001, S. 124

[13] Oerter 52002, S. 78

[14] vgl. Gudjons 72001, S. 181

[15] Böhm 152000, S. 319

[16] Oerter 52002, S. 78

[17] ebd., S. 78

[18] Gudjons 72001, S. 177

[19] Wulf 2001, S. 74

[20] Oerter 52002, S. 537

[21] Wulf 2001, S. 78

[22] Süßmuth 1968, S. 109

[23] Nitschke 21967, S. 97

[24] Rickheit 2002, S. 117

[25] vgl. z. B. Chronik des Minoriten Salimbene von Parma. In: Heinisch 1987 oder Blumenthal 2005, S. 95 ff.

[26] Heinisch 1987, S. 197

[27] Oerter 52002, S. 96

[28] vgl. ebd., S. 96

[29] vgl. http://www.feralchildren.com/de/experiment.php. Empfangen am 2. 10. 07

[30] C. G. Jung 1945 zit. n. Lersch 21965, S. 13

[31] vgl. Schneider 2002. In: NZZ Folio 12/ 02. Empfangen am 8. 10. 07 von http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/82776467-8e78-4b4b-a1af-31424dfa3ba3.aspx

[32] Savage-Rumbaugh 1993, S. 4

[33] vgl. Schneider 2002. In: NZZ Folio 12/02. Empfangen am 8. 10. 07 von s. 29

[34] Kellogg 1967, S. 281

[35] vgl. Kellogg 1967, S. 297-306; vgl. auch Tabelle „communication and language“ im Anhang, S. 98-107

[36] Oerter 52002, S. 525

[37] Früchtl 1986, S. 12 – 13

[38] Nießeler 2003, S. 150

[39] Blumenthal 2005, S. 62

[40] ebd., S. 63 – 64

[41] Cassirer 1990, S. 49

[42] Schneider 2002. In: NZZ Folio 12/02. Empfangen am 8. 10. 07 von s. 29

[43] Malson 31972, S. 60 - 61

[44] Itard 1801. In: Malson 31972, S. 117

Details

Seiten
118
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640377459
ISBN (Buch)
9783640377831
Dateigröße
9.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132347
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für Pädagogik
Note
1
Schlagworte
Wilde Kinder Anthropologische Untersuchung Kindern Lebensumwelten Fallbeispiele

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Titel: Wilde Kinder. Anthropologische Untersuchung von Kindern in außergewöhnlichen Lebensumwelten