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Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei Norbert Elias im Vergleich mit strukturalistischen und individualistischen Ansätzen

Essay 2003 4 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei Norbert Elias im Vergleich mit strukturalistischen und individualistischen Ansätzen

Noch heute versteht man den Begriff „Individualität“ vor allem als Absetzung von der Masse, von „den Anderen“ oder der Gesellschaft. Dabei ist dieser Dichotomismus spätestens seit Norbert Elias überholt. Bereits 1939 entwickelte Elias in seinem Buch „Die Gesellschaft der Individuen[1] “ eine Theorie, die Individualität nicht im Gegensatz zu Gesellschaft definiert, sondern sie vielmehr in notwendigen Zusammenhang mit ihr setzt. Der einzelne Mensch und sein soziales Umfeld erscheinen bei ihm nicht mehr als antagonistische Begriffe, sondern als Kehrseiten einer Medaille – als unterschiedliche Aspekte des „gleichzeitigen Daseins mehrerer Menschen in Beziehung zueinander“[2]. Dieser Ansatz stellte zum Zeitpunkt der Publikation einen Wendepunkt im sozialwissenschaftlichen Denken dar. Elias wandte sich explizit gegen das vorherrschende sozialwissenschaftliche Paradigma, das in unterschiedlichen Ausprägungen von der – so Elias – „stehenden Antithese von Individuum und Gesellschaft“[3] ausging, sowie der Annahme, eins von beiden müsse anfänglich und unabhängig von dem anderen existiert haben. Konkret bezieht sich Elias auf zwei antagonistische Hauptströmungen, die man als strukturalistisch oder objektivistisch und als individualistisch bezeichnen kann. Theoretiker der ersten Richtung wie Hegel, Spengler oder Marx sahen das menschliche Individuum als von verschieden gearteten immer jedoch als überindividuell und substanziell angesehenen gesellschaftlichen Ausformungen geprägt und gelenkt, während das Gegenmodell des Individualismus die Gesellschaft als von Menschen absichtlich und nach Maßstab der Zweckmäßigkeit geschaffenes Konstrukt beschreibt. Was Elias an beiden Ansätzen zunächst rein inhaltlich kritisiert, ist das Fehlen einer theoretischen „Brücke[4] “ zwischen individuellen Handlungen und gesellschaftlichen Ausprägungen sowie das fehlende Erklärungspotential für die Ursache historischer Änderungen von Gesellschaften. Er kommt in der Folge zu dem Schluss, dass die theoretischen Grundüberlegungen beider Ansätze korrigiert werden müssten. Ausgehend von der Beobachtung ahistorischer Erscheinungen – empirischen Phänomenen also, die in unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Sozialisation oder zu verschiedenen Zeiten auftreten – konstatiert er, angesichts deren regelmäßiger Wiederholungen könne man Gesellschaft nicht hinreichend mit den Einzelentscheidungen konkreter Individuen erklären. Sie müsse folglich „mehr“ sein als die rein „additive Häufung von Individuen“[5], ihren Handlungen und Entscheidungen. Dennoch dürfe sie auch nicht als eigenständiges, substantielles Phänomen nach Art des Hegelschen Weltgeistes verstanden werden - Gesellschaft bestehe rein substanziell aus nichts anderem als aus Menschen. „Aus den Beziehungen von Einheiten geringerer Mächtigkeit, ergibt sich eine Einheit höherer Mächtigkeit, die nicht verstanden werden kann, wenn man ihre Teile isoliert und unabhängig von diesen Beziehungen zueinander betrachtet“[6] – das ist der Schlüsselsatz, mit dem Elias unter Rückgriff auf die Erkenntnisse der Gestalttheorie die Differenz zwischen gesellschaftlicher Ganzheit und der Summe ihrer menschlicher Einzelteile erklärt. Zwischenmenschliche Beziehungen – synonym verwendet er die Begriffe Funktionen oder Interdependenzen - sind es, die er verantwortlich zeichnet für Wesen, Ursprung und Veränderung von menschlichen Gemeinschaften. Gesellschaft definiert er in der Folge als „Zusammenhang der Funktionen, die Menschen füreinander haben“[7], er verwendet das Bild eines „Netzgeflechts“[8], das zwar von der Gestalt jeden einzelnen Fadens bestimmt wird, vor allem jedoch von dem Spannungssystem, das sich aus der Beziehung der Fäden zueinander ergibt und fordert „entgegen dem allgemeinen Stand des Denkens“[9] – womit er sich auf das angesprochene Paradigma von Individualisten und Strukturalisten bezieht – einen „radikalen Bruch mit dem Denken in einzelnen isolierbaren Substanzen und (den) Übergang zu einem Denken in Beziehungen und Funktionen“[10]. Es müsse ein Verständnis dafür herausgebildet werden, dass nicht substantielle Phänomene oder Kräfte die Träger gesellschaftlicher Strukturen oder Gesetzmäßigkeiten seien, sondern dass diese Folgeerscheinungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Gleichzeitig jedoch gesteht er ein, dass dieser Gedankenwechsel sich als „außerordentlich schwierig“ erweise, beschreibt die von ihm verwendeten metaphorischen Vergleiche als „spröde und unzulänglich“[11].

[...]


[1] Elias, Norbert: „Die Gesellschaft der Individuen“, 1939.

[2] S.40

[3] S. 26

[4] S.20

[5]

[6] S.23

[7] S.34

[8] S.54

[9] S.34

[10] S.38

[11] S.54

Details

Seiten
4
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640418053
Dateigröße
349 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132392
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Schlagworte
Verhältnis Gesellschaft Individuum Norbert Elias Vergleich Ansätzen
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Titel: Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum bei Norbert Elias im  Vergleich mit strukturalistischen und individualistischen Ansätzen