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Strukturen der Bildung und Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Schweiz

Deskriptive und komparative Annäherungen und Analysen auf der Basis der internationalen Heil- und Sonderpädagogik

Examensarbeit 2009 54 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen und Fragen der internationalen Heil- und Sonderpädagogik als methodologische Basis der deskriptiven und komparativen Analyse
2.1 Begriffliche Dimensionen
2.2 Bezug zu anderen Wissenschaften
2.3 Merkmalsbereiche der int. Heil- und Sonderpädagogik
2.3.1 unmittelbare Merkmale
2.3.1.1 Personenkreis
2.3.1.2 Methoden
2.3.1.3 Personal
2.3.1.4 Institutionen
2.3.2 mittelbare Merkmale
2.4 Ziele und Aufgabenschwerpunkte der internationalen Heil- und Sonderpädagogik
2.4.1 Beitrag zur Erkenntniserweiterung
2.4.2 Politik- und Praxisberatung
2.4.3 Internationale Verständigung
2.5 Probleme internationaler Heil- und Sonderpädagogik
2.6 Perspektiven der int. Heil- und Sonderpädagogik

3. Kontextdimensionen und Strukturen des Bildungssystems in der Schweiz
3.1 Grundlegende Informationen zur Schweiz und S. 14 ausgewählte Kontexte
3.2 Bildungswesen in der Schweiz
3.2.1 Generelle Aspekte
3.2.2 Das 3- Säulen- Modell

4. Strukturen der Bildung und Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf
4.1 Geschichte der Schweizer Heilpädagogik
4.1.1 Historische und terminologische Entwicklung der europäischen Heil- und Sonderpädagogik
4.1.2 Spezifische Historik der Schweizer Heilpädagogik
4.2 Rechtliche Grundlagen
4.2.1 Die Invalidenversicherung
4.2.2 Der Neue Finanzausgleich (NFA)
4.2.2.1 Zweck, Mittel und Ziele der NFA
4.2.2.2 Interkantonale Vereinbarung über Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik
4.3 Konzeption der Integration
4.3.1 Wie integriert sind Menschen mit Behinderungen in der Schweiz?
4.3.2 ‚Inclusive Education’ – Ein Modell für die Schweiz?
4.4 Entwicklungen und Perspektiven sonderpädagogischer Förderung
4.4.1 Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren
4.4.2 Das WASA- Projekt

5. Komparative Überlegungen zur sonderpädagogischen Förderung in der Schweiz und in Deutschland anhand ausgewählter Vergleichsmerkmale
5.1 Personenkreis
5.2 Institutionen – Stellenwert der Integration
5.3 Bildung
5.4 Sonderpädagogik allgemein
5.5 Bevölkerung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit will die Strukturen der Bildung und Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Schweiz näher beleuchten. Da die Schweiz im europäischen Raum einen gewissen Sonderstatus innehat und sich zudem das Land in Bezug auf (sonderpädagogische) Bildung und Förderung in einem grundlegenden Wandel befindet, entwickelte sich ein großes Interesse meinerseits, mich mit diesem Thema intensiver zu befassen. Die Schweiz ist ein vergleichsweise kleines Land, welches in seiner großen Vielfalt eine große Faszination (auf meine Person) ausstrahlt. Diese Arbeit möchte aufzeigen, wie sich die schweizerische Bildungs- und Förderungssituation von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf aktuell darstellt und anhand der Änderungsdynamik des vergangenen Jahrzehnts hervorheben, dass sich der Kleinstaat in einem starken Veränderungsprozess befindet.

Kapitel 2 dient hauptsächlich einer Klärung der forschungsmethodischen Grundlage, welcher dieser Arbeit zugrunde liegt. Das Kapitel geht deshalb gezielt auf den Ansatz der internationalen Heil- und Sonderpädagogik nach Alois Buerli ein. Buerli gilt als federführend in diesem Bereich, nicht nur in der Schweiz selbst, vielmehr genießen seine Publikationen im gesamteuropäischen Raum hohes Ansehen.

Kapitel 3 soll die Rahmenbedingungen der Sonderpädagogik in den Vordergrund rücken. Hierzu gibt die Arbeit grundlegende Informationen zur Schweiz und führt ausgewählte Kontextdimensionen aus, bevor nachfolgend das schweizerische Bildungswesen kurz dargestellt wird.

Kapitel 4 stellt das Herzstück dieser Arbeit dar. Hier soll zunächst auf geschichtliche Aspekte eingegangen werden, daran schließt sich eine Betrachtung der rechtlichen Situation von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz an. Additiv wird diskutiert, wie weit fortgeschritten sich die Integration darstellt und abschließend werden Entwicklungsperspektiven sonderpädagogischer Förderung gegeben.

In Kapitel 5 sollen komparative Überlegungen zur sonderpädagogischen Förderung in der Schweiz und in Deutschland auf der Basis ausgewählter Vergleichsmerkmale gemacht werden. Daran schließt sich Kapitel 6 an, in welchem ein Fazit bezüglich der vorgestellten Thematik gezogen werden und abschließend kurz aufgezeigt werden soll, wie die Zukunft des Bildungswesens in der Schweiz aus heutiger Sicht zu sehen ist.

2. Grundlagen und Fragen der internationalen Heil – und Sonderpädagogik als methodologische Basis der deskriptiven und komparativen Analyse

2.1 Begriffliche Dimensionen

Um sich einen Zugang zu Fragen der internationalen Heil – und Sonderpädagogik zu ermöglichen, ist es zwingend notwendig, sich eingangs grundlegend mit wichtigen Begriffen dieser Thematik zu befassen. Zunächst sei an dieser Stelle erwähnt, dass sich die Bezeichnungen Heilpädagogik ’ und Sonderpädagogik heutzutage im internationalen Diskurs in der Regel synonym verwenden lassen. Dieses trifft bei dieser Arbeit uneingeschränkt zu, da in der Schweiz in aller Regel ausschließlich der Begriff Heilpädagogik benutzt wird. Von internationaler Heil – und Sonderpädagogik spricht man im Allgemeinen dann, wenn man Aussagen über mehr als eine Nation machen möchte.

In dieser Hinsicht unterscheidet die Literatur zwischen einem normativen und einem deskriptiven Aspekt eines Vergleichs mehrerer Nationen (Buerli 1997, S.12).

Es handelt sich um einen normativen Aspekt, wenn Gemeinsamkeiten in einem bestimmten, untersuchten Bereich noch zu entwickeln sind.

Ein deskriptiver Aspekt ist dann gegeben, wenn mehrere Länder sich unter einem spezifischen Bezug gemeinsam beschreiben lassen.

Von einer Vergleichenden Sonderpädagogik ist dann die Rede, wenn man Länder in Bezug auf einen bestimmten Aspekt miteinander in Beziehung setzt und vergleicht. Die Geschichtsschreibung stellt gewöhnlich Vergleiche auf historischer Ebene an, im sonderpädagogischen Bereich hingegen werden oft auch Aspekte innerhalb einer Nation miteinander verglichen.

Bei einem Vergleich zweier Nationen nennt man dies Sonderpädagogik des Auslands, ein Vergleich von mehr als zwei Ländern stammt aus dem Bereich International vergleichender Sonderpädagogik (ebd., S.12).

„Generell zeigt internationale Sonderpädagogik Tendenzen auf, macht gemeinsame und unterschiedliche Merkmale deutlich. Dies sollte aber nicht völlig unabhängig und isoliert von ihrem jeweiligen Kontext geschehen.“ (Buerli 1997, S.12). Die Arbeit wird auf diese Punkte in ihrem Verlauf eingehen und ist versucht, sie hinreichend zu beleuchten.

2.2 Bezug zu anderen Wissenschaften

Bei dem Versuch, diese Wissenschaftsdisziplin in Bezug zu anderen Wissenschaften zu setzen, ist auffallend, dass erstgenannter generelle wissenschaftliche Grundlagen fehlen. Eine Begründung dafür kann durchaus in der starken Ausrichtung auf die Politik- und Praxisberatung gesehen werden. Additiv fehlt ein gewinnbringender Bezug der international- vergleichenden Heil- und Sonderpädagogik zur Allgemeinen Heil- und Sonderpädagogik. Erschwerend erweist sich in diesem Kontext auch die Tatsache, dass vieles „als Faktum betrachtet“ (Buerli 2006, S.32) wird, anstatt es zu hinterfragen. Bei der international- vergleichenden Heil- und Sonderpädagogik handelt es sich um eine eigenständige Teildisziplin (Erdélyi 2006, S.48). Wenn auch- wie bereits erwähnt- ein ausgeprägter gewinnbringender Bezug wünschenswert und noch zu realisieren ist, so besteht selbstverständlich eine grundsätzliche Verbindung zwischen Heil- bzw. Sonderpädagogik auf der einen und der Erziehungswissenschaft auf der anderen Seite. Die vergleichende Heil- und Sonderpädagogik sowie die Vergleichende Erziehungswissenschaft sind jeweils Unterdisziplinen, die sich zwar hinsichtlich ihrer Vergleichsgegenstände unterscheiden, jedoch gemeinsame Ziele, Aufgaben, Kriterien und Methoden des Vergleichs haben.

2.3 Merkmalsbereiche der internationalen Heil- und Sonderpädagogik

Im folgenden Abschnitt sollen Merkmalsbereiche der internationalen Heil- und Sonderpädagogik aufgezeigt werden. Merkmale werden in diesem Zusammenhang gemeinhin als solche Eigenschaften bezeichnet, die beschreibend und feststehend sind. Letzteres unterscheidet Merkmale von Tendenzen, welche eine Entwicklungsrichtung beschreiben. Im vorliegenden Kontext lassen sich Merkmalsbereiche in unmittelbare sowie mittelbare Merkmale differenzieren. Dieses ist von daher so bedeutsam, als dass sich ansonsten ein Problem der Übersichtlichkeit hinsichtlich Merkmalen und Tendenzen ergeben könnte.

Die Literatur sieht hierbei eine Unterteilung in:

- die Sonderpädagogik im Allgemeinen
- die Theorien der Sonderpädagogik
- sowie Prinzipien und Grundlagen der Sonderpädagogik vor.

Ferner lässt sich eine weitere Subdifferenzierung in vier Unterbereiche vornehmen:

2.3.1 unmittelbare Merkmale

2.3.1.1 Personenkreis

Mit dem Personenkreis ist die Zielpopulation der Sonderpädagogik gemeint. Diese sind Menschen mit Behinderungen. Es wird hinterfragt, wie sie erfasst werden, wie sie sich charakterisieren lassen und welche gesellschaftlich- soziale Position sie haben (Buerli 1997, S.20). Die Klientel zeigt eine erhöhte individuelle Bedürfnisorientierung. Die Zielperson muss eigenständig in ihrer Individualität erfasst und ihr muss ferner ein Bildungsrecht zugestanden werden. Der jeweilige besondere Förderbedarf der Zielpopulation der Sonderpädagogik soll erkannt werden und dementsprechend der jeweiligen Person zukommen. Zusätzlich stellt sich bei dem Merkmal des Personenkreises die Frage, wie sich die quantitative Entwicklung darstellt. Es gilt also zu untersuchen, ob es zu einer Ab- bzw. Zunahme bezüglich der Anzahl von Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf kommt, ebenso wie die Frage der Klassengröße (im Sinne einer individuellen Förderung) sehr relevant ist (ebd, S.25). Ferner bedeutsam ist die Frage nach qualitativen Aspekten der Zielpopulation. Hierbei stellt sich z.B. die Frage, ob die Klientel sich multikulturell zusammensetzt, welche Aufgaben daraus resultieren. Eine weitere Frage ist die des Einbezugs Schwerstbehinderter in den Personenkreis, wie auch das Problemfeld älterer bzw. arbeitsloser Menschen mit Behinderungen. Von besonderer Bedeutung ist ferner die Position, die das Individuum in der Gesellschaft einnimmt- ob es etwa sozial integriert ist, oder doch eher ausgegrenzt lebt.

Die Frage nach Partnerschaften von Menschen mit besonderem Förderbedarf kann ebenfalls eine durchaus berechtigte wie wichtige Frage sein.

2.3.1.2 Methoden

Dieser Unterbereich befasst sich mit Abläufen und Vorgehensweisen, beispielsweise bezüglich des Unterrichtes oder therapeutischen Vorgehensweisen (Buerli 1997, S.20). Wichtigste Bezugspunkte sind in diesem Kontext die möglichst frühe methodische Erfassung und eine damit schnell einsetzende Förderdiagnostik. Auf das Unterrichtsgeschehen bezogen sind Schlagwörter wie

- ganzheitliche Förderung
- Sonderdidaktik
- Innere Differenzierung
- Individualisierung
- Lernzielorientierung
- Offenes Lernen
- Handlungsorientierung
- Integrativer Unterricht
- Teamteaching
- Computer- Unterstützung (Buerli 1997, S.24)

als sehr wünschenswerte Vorgehensweisen zu begrüßen.

2.3.1.3 Personal

Mit der Begrifflichkeit des Personals lässt sich hier unter anderem das Fachpersonal sowie betroffene Eltern zusammenfassen (Buerli 1997, S.20). Wichtige Gesichtspunkte sind die Ausbildung des Fachpersonals und das Berufsfeld. Zusätzlich wichtig sind Eltern und Familien, da diese in persönlichem, intensivem Maße mit dem Personenkreis von Menschen mit Behinderungen betroffen sind. Im Bereich der Ausbildung von beruflich mit dieser Klientel konfrontierten Menschen sind Themen wie Weiterbildungen und Spezialisierungen wichtig. Dieses führt zu einer Professionalisierung und einer großen Vielfalt an Berufsfeldern. In diesen Berufsfeldern sind Themen wie erhöhter Personalbedarf, Supervision, Arbeitsteilung sowie Burnout von großer Bedeutsamkeit. Aufgrund der Individualität des jeweiligen Förderbedarfs von Menschen mit Behinderungen bedarf es eines hohen personellen Aufkommens, um diesem Aspekt gerecht werden zu können. In einem solchen Beruf ist das Phänomen eines möglichen Burnouts ein durchaus nicht seltenes und damit nicht zu vernachlässigendes Phänomen. Eltern und Familie spielen eine gewichtige Rolle, da diese ihre Kinder in alltäglichen Situationen erleben, während Fachpersonal das Klientel meist in Lern- bzw. therapeutischen Situationen antrifft und betreut.

2.3.1.4 Institutionen

Ein weiterer unmittelbarer Merkmalsbereich der Sonderpädagogik sind Institutionen wie Systeme, Strukturen und im schulischen Kontext Bildungsstufen. Großen Raum in diesem Bereich gilt es im systemischen Kontext der Bedürfnisorientierung der Zielpopulation zu widmen (Buerli 1997, S.24). Ein flächendeckender Ausbau ist hierbei ebenfalls ein wichtiger Kontext, um dem Bedarf gerecht werden zu können. Zu strukturellen Aspekten seien folgende Schlagwörter erwähnt:

- Kooperation zwischen Sonder- und Regelschule
- Differenzierung
- Institutionelle Vielfalt
- Flexibilität
- Dezentralisierung
- Integrationsformen

Diese Schlagwörter zeigen, dass es einer ganz individuellen Komponente bei jedem einzelnen betroffenen Menschen bedarf, welcher flexibel differenziert gefördert werden soll. Der Kooperation zwischen Regelschulen auf der einen, und Sonderschulen (heute: Förderschulen) auf der anderen Seite kommt eine ganz elementar wichtige Rolle zu.

2.3.2 mittelbare Merkmale

Ebenso wie unmittelbare haben auch mittelbare Merkmale eine große Bedeutung im sonderpädagogischen Bereich, da gesellschaftliche Möglichkeiten und Bedingungen den Umgang mit Behinderungen stark prägen. Die acht existierenden mittelbaren Merkmalsbereiche sind:

- Weltanschauung
- Bildung
- Gesundheit
- Soziales
- Wirtschaft
- Politik
- Gesellschaft
- Bevölkerung

Diese Arbeit geht diesbezüglich an dieser Stelle nicht ins Detail. Es wird auf das Kapitel 3.1 verwiesen, in welchem relevante Informationen zu Kontextdimensionen gegeben und direkt in Bezug zu der jeweils vorzufindenden Situation in der Schweiz gesetzt werden.

2.4 Ziele und Aufgabenschwerpunkte der internationalen Heil- und Sonderpädagogik

Die Literatur weist der internationalen Heil- und Sonderpädagogik übereinstimmend drei Zielbereiche zu:

- Beitrag zur Erkenntniserweiterung
- Politik- und Praxisberatung
- Internationale Verständigung (Liesen 2008, S.540)

2.4.1 Beitrag zur Erkenntniserweiterung

Ein Ziel der internationalen Heil- und Sonderpädagogik besteht darin, Einsichten zu vermitteln und Zusammenhänge darzustellen. „Sie (Die Erkenntnisweiterung) erweitert den Horizont, vermittelt Übersicht und Einsichten, deckt Zusammenhänge auf. Im Kontrast mit dem Fremden wird das Eigene deutlich.“ (Buerli 1997, S.13). Dieses Zitat zeigt sehr deutlich, welch große Bedeutung die internationale Heil- und Sonderpädagogik im Bereich der Erweiterung von Erkenntnissen besitzt.

2.4.2 Politik- und Praxisberatung

Ein weiteres ausgewiesenes Ziel liegt in der Politik- und Praxisberatung. Es ist zu erwähnen, dass dieser Bereich früher stark ausgeprägt war. (ebd, S.13). Man war versucht, gesammelte Erkenntnisse und Befunde sofort praktisch in der Bildungspolitik bzw. Schulpraxis umsetzen zu können. Im Laufe der Zeit zeigte sich jedoch mehr und mehr, dass scheinbar gefundene Patentlösungen – losgelöst aus ihrem Zusammenhang- sehr oft nicht auf eine andere Situation übertragbar gewesen sind. Positiv anzumerken ist jedoch in diesem Kontext, dass durch die Beschäftigung mit fremden Bildungsansätzen die eigenen Probleme offenkundiger werden können.

2.4.3 Internationale Verständigung

Die internationale Verständigung ist im untersuchten Bereich dadurch ermöglicht worden, dass im Zuge der Globalisierung zunehmende Begegnung und vermehrter Umgang mit anderen Kulturen zustande gekommen ist. Somit kann auch die internationale Sonderpädagogik bei der internationalen Zusammenarbeit hilfreich sein. Bei der vergleichenden Sonderpädagogik nimmt die internationale Verständigung keinen so großen Raum ein (ebd, S.13). Aufgrund fortschreitender Globalisierung sind Schulen und Bildungssysteme jedoch ständig mit Menschen aus anderen Kulturen konfrontiert. Vergleichende Studien können in diesem Zusammenhang helfen, interkulturelle Zusammenarbeit gewinnbringend zu fördern.

Grundsätzlich lassen sich bezüglich der internationalen Heil- und Sonderpädagogik vier unterschiedliche Aufgabenschwerpunkte differenzieren:

- international- deskriptiv

Dieser Zielschwerpunkt beschreibt nationale oder länderübergreifende Merkmale und Tendenzen der Heil- und Sonderpädagogik.

- international- komparativ

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt hinsichtlich der Ziele internationaler Heil- und Sonderpädagogik liegt im systematischen Erheben von Gemeinsamkeiten und Unterschieden beim Vergleich ausgewählter Nationen.

- international- normativ

In diesem Kontext geht es um eine gemeinsame Erarbeitung von Empfehlungen, Richtlinien und Deklarationen, die zu Verbesserungen führen sollen.

- international- kooperativ

Additiv sei der international- kooperative Aspekt erwähnt, welcher auf gegenseitige Zusammenarbeit, Beratung und Unterstützung verschiedener Nationen untereinander abzielt.

2.5 Probleme internationaler Heil- und Sonderpädagogik

Bei der international vergleichenden Heil- und Sonderpädagogik geht es vorwiegend darum, Merkmale in Bezug zueinander zu setzen, um sie miteinander zu vergleichen. Vergleichsmerkmale können in diesem Kontext das Umfeld, das entsprechende Personal, ausgewählte Institutionen, das betreffende Klientel selbst, wie auch Methoden im Umgang mit diesem, sein. Die Arbeitsweise erfolgt nach dem „problem approach“, es werden also ausschließlich für den jeweiligen Vergleich relevante Gesichtspunkte miteinander verglichen. Der gegenteilige Vorgang wäre die „total analysis“, bei der ein absoluter Vergleich stattfinden würde. Eine Problematik bei Vergleichen nach dem Prinzip des problem approach liegt darin, dass eine Nation in der Regel als Einheit gesehen wird- regionale Unterschiede, die teils groß ausfallen können, werden oftmals vollkommen unberücksichtigt zurückgelassen. Mögliche Quellen des Vergleiches sind beispielsweise Literatur, Interviews, Fallstudien oder jahrelange Auslandsaufenthalte. Es ist generell durchaus vorteilhaft, zahlreiche Quellen zu nutzen, andererseits birgt dies eine erhöhte Gefahr potentieller Widersprüche. Eine weitere mögliche Problematik mag in der nicht realisierbaren völligen Objektivität eines Komparatisten liegen. Da nach dem problem approach vorgegangen wird, könnte auch eine bedeutsame Kontextdimension unberücksichtigt bleiben, wodurch eine Verfälschung denkbar wäre. Eine andere denkbare Schwierigkeit kann in einer „Idealisierung ausländischer Verhältnisse“ (Buerli 1997, S.36) liegen, indem negative Eindrücke anderer Nationen mitunter einfach ausgeblendet werden.

2.6 Perspektiven der internationalen Heil- und Sonderpädagogik

Da diese Arbeit in Kapitel 4 ausführlich auf die Perspektiven und Entwicklungstendenzen der Heil- und Sonderpädagogik – exemplarisch an der Schweiz dargestellt- eingeht, sollen an dieser Stelle einige grundsätzliche Bemerkungen zu dieser Thematik ausreichen. Nachdem die relativ neue Wissenschaftsdisziplin anfangs eher unbeachtet geblieben ist, hat sich dies in letzter Zeit deutlich geändert. Die internationale Heil- und Sonderpädagogik ist zwar noch ein gutes Stück davon entfernt, als gefestigt gelten zu können, jedoch befindet sie sich auf einem guten Weg dorthin. Sie ist dabei, sich einen festen Platz unter den wissenschaftlichen Disziplinen zu sichern. Am Offenkundigsten wurde diese Entwicklungsrichtung vielleicht auf dem sonderpädagogischen Weltkongress der UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) in Salamanca im Jahre 1994 (Buerli 1997, S.152). Diese Salamanca- Erklärung hat als wichtigstes angestrebtes Ziel, das Recht einer jeden Person auf Bildung geltend zu machen- völlig unabhängig davon, ob die Person eine Behinderung hat oder nicht. Durch dieses festgelegte Grundrecht auf Bildung ist eine Beschulung für alle Menschen zu gewährleisten. Eine weitere Forderung bezüglich der perspektivischen Entwicklung der internationalen Heil- und Sonderpädagogik ist beispielsweise das Fortschreiten der integrativen Bewegung, wodurch die Notwendigkeit einer Verbesserung und angepassten Weiterentwicklung der Lehrpläne an Regelschulen ersichtlich wird. (Buerli 1997, S.156). Generell gibt es in der internationalen Heil- und Sonderpädagogik eine Neuorientierung- weg von Separation, hin zu Partizipation. Die Arbeit wird im weiteren Verlauf noch gezielter auf diese Entwicklung (unter besonderer Berücksichtigung der Schweiz) eingehen.

3. Kontextdimensionen und Strukturen des Bildungssystems in der Schweiz

3.1 Grundlegende Informationen zur Schweiz und ausgewählte Kontexte

Die Schweiz ist ein Kleinstaat. In ihm leben ca. 6,5 Millionen Menschen, und es werden vier verschiedene Sprachen gesprochen (deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch). Das Land besteht aus 26 Kantonen und es ist ein Staatenbund- die Entscheidungshoheit liegt also bei den Kantonen, nicht beim Staat. Charakteristisch für die Schweiz ist ein hoher Grad an Vielfalt.

Nachfolgend werden wesentliche, ausgewählte mittelbare Merkmale der internationalen Heil- und Sonderpädagogik (siehe auch Kap. 2.3.2) vorgestellt und bezüglich der Schweiz mit Inhalt gefüllt.

Kontextdimensionen haben in der vergleichenden Heil- und Sonderpädagogik einen hohen Bedeutungsgrad, da kulturelle bzw. gesellschaftliche Einflüsse Förderung von Menschen mit Behinderungen mit prägen (Buerli 1997, S.22). Deshalb geht die Arbeit nun näher auf den gesellschaftlichen Kontext ein, wie er sich in ausgewählten Bereichen für die internationale Heil- und Sonderpädagogik in der Schweiz darstellt (EDK 2005, S.20).

- Weltanschauung

In Bezug auf den Bereich der Weltanschauung wird oft argumentiert, dass die „Zunahme von Freiheit und Selbstverwirklichung“ (EDK 2005, S.22) durchweg als positiv anzusehen ist. In diesem Zusammenhang wird allerdings ein entscheidender Punkt außer Betracht gelassen. Richtig ist zweifellos, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung davon profitiert, jedoch sollte nicht vernachlässigt werden, dass sich dadurch potentiell im Verhältnis die Lage Benachteiligter- die davon nicht oder nicht in dem Maße profitieren können- verschlechtert. Eine weitere erwähnenswerte Thematik bezüglich der Klientel der Menschen mit Behinderungen ist die des Lebensrechtes von eben diesen Menschen. Es wird bedauerlicherweise nicht als selbstverständlich erachtet, dass auch diese Menschen ein Anrecht auf Leben besitzen, vielmehr treten in diesem Kontext oft gentechnologische Fragen auf, mit der Option darauf, „sog. verhinderbares Leiden zu eliminieren“ (EDK 2005, S.23).

Sofern die Gesellschaft allerdings versucht ist, auch Menschen mit Behinderungen an der fortschreitenden Zunahme an Freiheit zu beteiligen, kann sich dieses Phänomen natürlich positiv auf die Zielpopulation der Heil- und Sonderpädagogik auswirken.

- Bildung

Zentraler Punkt in diesem Bereich ist ohne jeden Zweifel die Bestrebung, dass allen Menschen der Zugang zur Bildung ermöglicht werden soll (EDK 2005, S.21). Es bedarf einer pädagogischen Vielfalt, um der Zielpopulation dieser Arbeit, nämlich den Menschen mit einer Behinderung, sowie additiv hochbegabten und fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern, möglichst zahlreich in die Regelschule zu integrieren. Es ist demnach eine herausragende Aufgabe der internationalen Heil- und Sonderpädagogik, dafür zu sorgen, dass in dieser Hinsicht weitergearbeitet wird. Angesichts zunehmender Heterogenität innerhalb der Schulen sowie den sich verbreitenden integrativen Schulformen ist eine ständige Verbesserung hinsichtlich effektiver Zusammenarbeit zwischen Regelpädagogik und Heil- und Sonderpädagogik zwingend notwendig.

- Gesundheit

Im gesundheitlichen Bereich lässt sich feststellen, dass die Gentechnologie die Zukunft der Medizin und bezogen auf Menschen mit Behinderungen auch in besonderem Maße deren Zukunft stark beeinflusst (EDK 2005, S.24f.). Im Grunde kommen die ständig verbesserte Medizin sowie die technischen Möglichkeiten der Klientel der internationalen Heil- und Sonderpädagogik zugute, denn dadurch wird es mehr und mehr möglich sein, Behinderungen einzuschränken und in günstigen Fällen sogar auszuschließen. Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang, dass beispielsweise durch die immer bessere Pränataldiagnostik Geburten von Menschen mit Behinderungen mitunter gar nicht mehr ausgetragen werden. Ebenfalls gilt zu bedenken, dass die ständig modernisierte Medizin sehr kostenintensiv ist (ebd., S.25), was dazu führt, dass ärmere Menschen diese oft kaum bis gar nicht in Anspruch nehmen können.

- Soziales

Die Armutsproblematik nimmt in der Schweiz stark zu (EDK 2005, S.26). Traditionelle Einrichtungen der karitativen Hilfe machen Bestrebungen der Integration, Rehabilitation, Lebensqualität und der Selbstverwirklichung für Menschen mit Behinderungen Platz. Dieses ist sehr begrüßenswert. Skeptisch ist zu sehen, dass Menschen, die Sozialleistungen empfangen, mit einer gewissen Grundskepsis bedacht werden. „Der ungenügende Kenntnisstand über die Entwicklung und die Situation behinderter Menschen in der Schweiz erschwert die Umsetzung gezielter und fundierter Lösungen“ (EDK 2007, S.27). Es ist der Schweiz sehr zu wünschen, dass diese Tendenz negiert werden kann und dauerhaft eine positive Richtung einschlägt. Der soziale Frieden zeigt sich als Konsequenz des Verteilkampfes um verfügbare Ressourcen in Gefahr, und es gilt, dem entschlossen entgegenzuwirken.

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Details

Seiten
54
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640387083
ISBN (Buch)
9783640386949
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132670
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
Schlagworte
Strukturen Bildung Förderung Kindern Förderbedarf Schweiz Deskriptive Annäherungen Analysen Basis Heil- Sonderpädagogik

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Titel: Strukturen der Bildung und Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der Schweiz