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Der Einfluss des Vaters in der Entwicklung des Kindes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1.1 Vorwort
1.2 Begriffserklärung
1.2.1 Die Phylogenese, die Ontogenese und die Aktualgenese
1.2.2 Allgemeine Entwicklungstheorien
1.2.3 Stufenkonzepte

2 Forschungstraditionen
2.1 Korrelationsstudien
2.2 Studien über väterliche Abwesenheit oder Scheidung
2.3 Erhöhte väterliche Miteinbeziehung

3 Väter im Familienkontext
3.1 Einrahmung des Vaters in den Familienkontext
3.2 Die Rolle des Vaters
3.3 Kulturelle Einbettung

4 Niveaus des väterlichen Engagements
4.1 Charakteristiken von väterlichem Verhalten
4.2 Determinanten von väterlichem Verhalten
4.2.1 Die Motivation
4.2.2 Unterstützung
4.2.3 Fertigkeiten und Selbstvertrauen
4.2.4 Institutionelle Gewohnheiten

5 Schlussdiskussion

6 Literatur

1 Einleitung

1.1 Vorwort

In der vorliegenden Proseminararbeit werde ich den Einfluss der Väter in der Entwicklung der Kinder vorstellen. Mein Interesse dafür wurde geweckt, nachdem in meinen Vorlesungen hauptsächlich die Mutter erwähnt wurde. Tatsächlich war die Mutter lange Zeit im Mittelpunkt der Forschung. Doch war es unerlässlich, auch den Einfluss des Vaters im Prozess der Entwicklung der Kinder miteinzubeziehen, vor allem nachdem sich unser soziales System verändert hat und dem Mann ein anderer Stellenwert übertragen wurde.

Im ersten Teil der Arbeit gehe ich auf die Forschungstraditionen ein, da sich diese im Laufe der Zeit wesentlich verändert haben und daher der Informationsgehalt vieler Studien relativiert werden muss. Im zweiten und dritten Teil werde ich den Vater von verschiedenen Perspektiven beleuchten, d.h. ihn in den Familienkontext einbetten und versuchen, seine inneren Überzeugungen und Motivationen zu verstehen.

Zu erwähnen ist, dass die meiste Literatur aus Übersee kommt und daher hier und da ein paar Unstimmigkeiten entstehen. Doch im grossen und ganzen ist der Einfluss des Vaters auf die Entwicklung des Kindes in diesen zwei Kontinenten ziemlich gleich.

1.2 Begriffserklärung

Jean Piaget, welcher sich mit dem Prozess der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beschäftigt hat, definierte Entwicklung als eine strukturelle Veränderung im Verhalten, gemessen über die Zeit (Piaget, 1970).

In den nachfolgenden Abschnitten erläutere ich wichtige Begriffe zum Thema Entwicklung, beginnend mit den unterschiedlichen Arten von Entwicklungen, gefolgt von den allgemeinen Entwicklungstheorien und den Stufenkonzepten.

1.2.1 Die Phylogenese, die Ontogenese und die Aktualgenese

Es gibt unterschiedliche Arten von Entwicklungen. Die Phylogenese (die Stammesgeschichte), die Ontogenese (die individulle Entwicklung) und die Aktualgenese (die situative Entwicklung (Oerter & Montada, 1995). Letztere ist für die Erklärung des Einflusses des Vaters auf die Kinder die Entscheidende, da diese nur verschiedene spezifische Ausschnitte einer individuellen Biografie beschreibt und die Stimulation der Umwelt eine wichtige Komponente ist. Ein wichtiger Teil der Entwicklung sind auch die vererbten Gene der Kinder.

1.2.2 Allgemeine Entwicklungstheorien

Die Auffassung, dass sowohl die Umwelt als auch die Gene für die Entwicklung der Kinder wichtig sind, wurde nicht immer einstimmig vertreten. Man kann drei Richtungen unterscheiden. Die endogenistischen Theorien nehmen an, dass die Entwicklung auf die Entfaltung eines angelegten Planes des Werdens (die Gene) basiert und darum nicht beeinflussbar ist. Die exegonistischen Theorien besagen, dass die Entwicklung vollständig durch externe Reize kontrolliert werden kann und sie damit grösstenteils beeinflussbar ist. Die interaktionistischen Theorien gehen davon aus, dass die Teilsysteme Mensch und Umwelt im Austausch stehen und sich deswegen gegenseitig beeinflussen, d.h. beide Systeme sind aktiv. Letztere Theorie hat sich in der Forschung mittels Zwillingsstudien durchgesetzt (Oerter & Montada, 1995). Das „bio-ökologische Paradigma“ mit seinem begrifflichen Kernstück der „proximalen Prozesse“, womit stabile, dauerhaft erlebte und regelmässig stattfindende Interaktionen zwischen Individuum und Umwelt in einer gleichbleibenden Umgebung bezeichnet werden, ist ein Beispiel dafür (Bronfenbrenner & Ceci, 1994).

1.2.3 Stufenkonzepte

Sowohl Piaget (1970) als auch Erikson (1976) gehen bei der Entwicklung der Kinder von einem Stufenkonzept aus. Während sich Piaget bei seinem vierstufigen Konzept auf die geistige Entwicklung von Kindern konzentriert, unterteilt Erikson den Lebenszyklus in acht Stufen, die sich jeweils durch eine bestimmte Entwicklungskrise auszeichnen. Für Erikson ist eine „Krise“ keine Katastrophe, sondern eher ein Wendepunkt, ein Zeitabschnitt, in dem ein gesteigertes Potential mit erhöhter Anfälligkeit zusammenfällt. Der Übergang von einer Stufe zur nächsten kann durch erweiterte Leistungsfähigkeit gekennzeichnet sein, sofern der Übergang erfolgreich bewältigt wird, oder aber durch Fehlanpassung, wenn er unvollständig bleibt oder gar misslingt. Werden die Entwicklungsaufgaben einer Stufe nicht gemeistert, erzeugt dies ein pathologisches Muster auf der nächsten.

Die Kinder durchleben eine sehr vielseitige und intensive Entwicklung. Diese alleine zu meistern wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Da die Entwicklung sowohl vom Kind selbst als auch von der Umwelt beeinflusst wird, zeigt uns, dass auch der Vater, als Teil der Umwelt, diese beeinflusst. Die Frage ist also nicht, ob Väter die Entwicklung beeinflussen, vielmehr lautet die Frage, in welchem Ausmass dies geschieht.

2 Forschungstraditionen

In den letzten zwanzig Jahren sind in der Forschung grosse Fortschritte, was die Entwicklung von Schulkindern anbelangt, gemacht worden. Hunderte von Studien haben die empirische Literatur bereichert, während Theoretiker den konzeptuellen Rahmen für das Verständnis der väterlichen Rolle aufgestellt haben.

Diese Studien und Theorien zeigen uns, dass

- Väter in der Entwicklung von Kindern eine Rolle spielen
- Väter im Leben der Kinder oft wichtig sind
- Väter die Entwicklung der Kinder wesentlich beeinflussen, sowohl in schlechter als auch in guter Hinsicht (Lamb, 1997).

Weiterhin verbreitete Annahmen sind:

- Väter sind gefühlsmässig und formal für Kinder wichtig.
- Die Anerkennung, dass Väter komplexe, multidimensionale Rollen spielen.
- Dass viele Muster der Beeinflussung indirekt sind.
- Weil die sozialen Konstrukte in den historischen Epochen und der kulturelle Kontext variieren, hat sich der Einfluss der Väter wesentlich verändert und ist deshalb in der Welt nicht einheitlich (Lamb, 1997).

In den weiteren drei Unterkapiteln werde ich die unterschiedlichen Forschungstraditionen erläutern, welche die Forschung in den letzten Jahrzehnten beeinflusst haben.

2.1 Korrelationsstudien

Viele der ersten Studien von väterlichem Einfluss wollten Korrelationen zwischen väterlichen und kindlichen Charakteristiken identifizieren. Die meisten dieser Studien wurden zwischen 1940 und 1970 durchgeführt, als die Rolle des Vaters als Geschlechterrollen-Modell für das Wichtigste gehalten wurde. Dadurch fokussierten Studien (Biller, 1971, 1993) die Entwicklung der Geschlechterrolle, vor allem bei Söhnen. Das Design dieser Studien war einfach: Die Wissenschaftler schätzten die Männlichkeit bei den Vätern und bei den Söhnen und dann stellten sie fest, wie stark diese zwei Werte miteinander korrelierten. Es war eine grosse Überraschung, als sie herausfanden, dass keine konsistenten Korrelationen existierten.

Es brauchte ziemlich lang, bis die Psychologen realisierten, dass sie sich fälschlicherweise gefragt haben: Warum sollten die Jungen so wie ihre Väter sein wollen? Vermutlich sollten sie nur ihren Väter gleichen wollen, welche sie liebten und respektierten und mit ihnen eine warme und positive Beziehung hatten. Tatsächlich hat sich herausgestellt, dass die Vater-Sohn Beziehung eine vermittelnde Variable ist: Wenn die Beziehung der maskulinen Väter mit ihren Söhnen gut war, so waren die Jungen in der Tat maskuliner. Spätere Forschungen wiesen sogar darauf hin, dass die Qualität der Vater-Kind Beziehung viel wichtiger ist, als die Männlichkeit der Väter. Auch das Setzten von Grenzen, sofern es mit Mass angewendet wird, fördert auch die Geschlechterrollen-Präferenz im Vorschulalter und in der Adoleszenz. Die Entscheidungsgewalt des Vaters in der Familie ist auch ein sehr guter Prädiktor für die Männlichkeit des Sohnes bereits im Grundschulalter. Aber fast den bedeutendsten Beitrag zur väterlichen Männlichkeit leistet die Liebe zu seiner Frau (Lamb, 1997). Patterson‘s und Chan‘s (1997) Studien gehen sogar weiter, indem sie zeigen, dass homosexuell orientierte Väter nicht die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass ihre Kinder homosexuell, unmännlich oder verhaltensgestört sein werden.

2.2 Studien über väterliche Abwesenheit oder Scheidung

Gleichzeitig mit den oben erwähnten Korrelationsstudien entstand eine andere Art der Forschung, nämlich jene, welche die Rolle des Vaters in Familien ohne Väter untersuchte. Die Annahme (dazu Biller, 1974, 1993) war, dass durch einen Vergleich vom Verhalten und von der Persönlichkeit von Kindern, aufgewachsen mit oder ohne Väter, die Art des väterlichen Einfluss geschätzt werden könnte. Die ersten Studien dieser Art wurden in der gleichen Zeit gemacht wie die Korrelationsstudien. Nicht überraschend ist, dass sie fast die gleichen Ergebnisse erlangten, da sie die gleichen Implikationen hatten und mit den dazumal populären Annahmen konsistent waren. Hetherington und Stanley-Hagan (1997) wiesen darauf hin, dass Junge, welche ohne Vater aufgewachsen waren, in den Bereichen von Geschlechterrollenübernahme, Identitätsentwicklung, schulische Leistung, psychologische Regelung und vielleicht in der Kontrolle von Aggressionen „Probleme“ haben könnten. Die Auswirkungen auf die ohne Vater aufgewachsenen Mädchen waren weniger gut erforscht worden und sie schienen weniger dramatisch und weniger konsistent zu sein (Lamb, 1997).

Zwei Faktoren müssen bei der Evaluation der Ergebnisse von solchen Studien beachtet werden. Erstens, wenn die Wissenschaftler die Schlussfolgerung akzeptieren, dass es Unterschiede gibt zwischen Kindern, bei denen der Vater anwesend und bei denen der Vater abwesend war, müssen sie sich Frage, warum diese Unterschiede existieren, und wie diese interpretiert werden sollten. Zweitens ist es wichtig sich dessen zu erinnern, dass die Existenz von Unterschieden in Gruppen von Jungen, welche mit oder ohne Vater aufgewachsen sind, nicht heissen muss, dass jeder Junge, der ohne Vater aufgewachsen ist, Probleme in der Entwicklung haben wird, oder dass jeder Junge, der mit einem Vater aufgewachsen ist, eine „normale“ Entwicklung durchmacht. Nun muss man sich fragen, was die Unterschiede in diesen verschiedenen Gruppen ausmachen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640394753
ISBN (Buch)
9783640394388
DOI
10.3239/9783640394753
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Basel – Psychologie
Erscheinungsdatum
2009 (August)
Note
5
Schlagworte
Einfluss Vaters Entwicklung Kindes

Autor

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Titel: Der Einfluss des Vaters in der Entwicklung des Kindes