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Die Risikogesellschaft heute

Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit risikosoziologischer Implikationen

Hausarbeit 2009 28 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Risikogesellschaft

2.1 Risikobegriff
2.2 Erste Moderne
2.3 Reflexive Modernisierung
2.3.1 System und Verantwortung
2.3.2 Konstruktion von Risiken
2.3.3 Globale Risiken und Bumerang Effekt

3. Die globale Risikogesellschaft
3.1 Ökonomie und Risiko
3.1.1 Subprime market: Virulenz der Risiken
3.1.2 Not ist hierarchisch, Swaps sind demokratisch
3.2 Ökologie und Risiko
3.2.1 Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch
3.2.2 Der Klimawandel ist hierarchisch und demokratisch
3.3 Konstruktion und Dekonstruktion heutiger Risiken
3.4 Die Erfindung des Politischen: Der Transnationalstaat

4. Individualisierung
4.1 Die Entzauberungsdimension
4.2 Die Freisetzungsdimension
4.3 Die Reintegrations- und Kontrolldimension
4.4 Entgrenzung von Arbeit und Alltag heute

5. Zusammenfassung und Resumee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zur Zeit des Erscheinens der Risikogesellschaft Mitte der 80er Jahre war der gesell- schaftliche Risikodiskurs maßgeblich bestimmt von der Entdeckung neuer "Gifte der Woche" (Beck: 2007), der Antizipation atomarer Katastrophen und der individuellen Bedrohung durch Massenarbeitslosigkeit. Im Sinne dieses Rückblickes konstatiert Beck (2008/1) heute, "dass vieles von dem, das jetzt im Realkabinett der Weltwirtschaft und Weltpolitik stattfindet, weit über das hinausgeht, das mir im Studierzimmer eingefallen ist".

Mit dieser Hausarbeit möchte ich der Frage der wissenschaftlichen Übertragbarkeit, von Becks risikosoziologischen Annahmen, in die Gegenwart nachgehen. In Kapitel 2 stelle ich deshalb, die mir zur Klärung am wichtigsten erscheinenden theoretischen Grundlegungen vor. Da Beck leider etwas dazu neigt Begriffe nicht sehr klar voneinan- der abzugrenzen, verzichte ich in dieser Arbeit auf die Verwendung der Begriffe "zwei- te" und "reflexive Moderne" und ersetze sie (in noch darzustellender Weise) durch die von ihm weitgehend synonym verwanden Bezeichnungen "reflexive Modernisierung" und "Risikogesellschaft".

In Kapitel 3 übertrage ich diese Annahmen soweit möglich auf die zur Zeit drängensten Probleme der Gegenwart: die Weltwirtschaftskrise und den Klimawandel. Die von Beck in seinem neuesten Buch Weltrisikogesellschaft ebenfalls bearbeitete Terrorismusproblematik, habe ich mich, nicht zuletzt aus Platzmangel, entschlossen auszuklammern. Sie passt sich zwar recht gut in seine Risikodefinition ein, jedoch ist mir nicht ganz klar, worin ihre gesellschaftliche Verursachung liegen soll.

Der Individualisierungsproblematik (Kap. 4) habe ich, gemessen an ihrer Bedeutung die sie in den 80ern hatte, hier relativ wenig Platz eingeräumt. Viele ihrer Phänomene (Bastelbiographie, prekäre Arbeitsverhältnisse, Single-Gesellschaft, ...) sind, meiner Meinung nach, im Bewusstsein und der Wahrnehmung der heutigen Generation bereits als so selbstverständlich eingelagert, dass ihnen angesichts der gegenwärtigen globalen Gefahrenlagen, eine eher nachgeordnete Bedeutung zukommt .

Mir liegt darüber hinaus sehr daran hier den systemischen Charakter der heutigen Risiken in den Vordergrund zu stellen, dessen (Nicht)wahrnehmbarkeit und Offenheit im Verlauf eine vollkommen neue Risikodimension darstellt und in sofern auch ganz neue Anforderungen an die (Welt)gesellschaftlichen Akteure stellt.

2. Das Konzept der Risikogesellschaft

Die Theorie reflexiver Modernisierung reagiert auf Gegenwartsphänomene wie Globali- sierung, Individualisierung, ökologische Bedrohung, oder auch sehr aktuell der Infrage- stellung der nationalen Wirtschaftssysteme, bzw. der internationalen Wirtschaftsord- nung und ihrer Verteilungsgerechtigkeit. Reflexive Modernisierung beschreibt genau- genommen nicht die Struktur einer Gegenwartsgesellschaft, sondern einen Transforma- tionsprozess, innerhalb dessen die erste Moderne durch "eine zweite, noch namenlose" (Beck: 1993, 57), also zu erwartende und daher unbekannte abgelöst wird .

2.1 Risikobegriff

In der Risikogesellschaft verwendet Beck (1986) den Risikobegriff noch in einer eher beschreibenden, als definierenden Art. Die von ihm hervorgehobenen Merkmalsausprä- gungen beziehen sich auf die Aspekte der Entscheidungsabhängigkeit, der Freiwillig- keit und der Wahrnehmbarkeit. Moderne Risiken werden bewusst in Kauf genommen, aus dem Kalkül heraus, dass der aus ihnen resultierend Nutzen die verursachten Kosten ("Der Preis des Fortschritts") übersteigt, bzw. die Kosten durch technische Weiterent- wicklung relativiert werden können. Sie werden gesellschaftlich selbst erzeugt, und sind als solche auch selbst zu verantworten. Vorindustrielle Risiken hingegen lagen außer- halb der menschlichen Möglichkeiten der Einflussnahme. Von Naturkatastrophen etwa, war man einfach betroffen. Sie waren in sofern entscheidungsunabhängig. Die Verant- wortungszuweisung externalisierbar auf das Wirken der Natur, der Götter oder Dämo- nen. Bei dem Kriterium der Freiwilligkeit gibt es zumindest zwischen den spät- und den vorindustriellen Risiken Gemeinsamkeiten. Dem Risiko eines Reaktorunfalls kann sich der moderne Mensch (als Individuum) ebenso wenig entziehen, wie der Vormoderne einem Erdbeben. Wie gerade aktuell bei der Finanzkrise zu sehen ist, hat sich die Art der Risiken hinsichtlich ihrer Wahrnehmbarkeit drastisch gewandelt.

"Risiken, wie sie in der fortgeschrittenen Stufe der Produktivkraftentwicklung erzeugt werden (...) setzen systematisch bedingte, oft irreversible Schädigungen frei, bleiben im Kern meist unsichtbar, basieren auf kausalen Interpretationen, stellen sich also erst und nur im (...) Wissen um sie her, können im Wissen verändert, verkleinert oder vergrößert, dramatisiert oder ver- harmlost werden und sind in sofern offen für soziale Definitionsprozesse" (Beck: 1986, 29f.).

Die virtualisierten Risiken wie sie sich etwa aus strukturierten Wertpapieren ergeben, können heute bestenfalls von Wirtschaftswissenschaftlern verstanden werden (zumindest im nachhinein), von normalen Menschen werden lediglich ihre Folgen wahrgenommen, etwa in Form ihres Verlustes von Vermögen oder Arbeitsplatz.

2.2 Erste Moderne

Dem Begriff der Modernisierung legt Beck keine spezielle Sichtweise zugrunde, wie etwa Weber (Rationalisierung) , Marx (Kapitalakkumulation) oder Luhmann (funktio- nale Differenzierung). Bei der Beschreibung der Ausdrucksformen dieses Prozesses, in der ersten industriellen Moderne, greift er jedoch häufig auf diese Klassiker zurück. Zentrale Rationalitätsannahme der industriellen (ersten) Moderne ist, dass technische Weiterentwicklung und Produktionssteigerung die Vorraussetzung für Wohlstand und soziale Sicherheit darstellen. Die mitproduzierten Risiken durch die Erkenntnisfähigkeit der Wissenschaft und die Entwicklung neuer technischer Möglichkeiten beherrsch- und kontrollierbar sind. Die Modernisierung selbst gewissermaßen die Wunden heilt, die sie sich selbst zugefügt hat.

Ganz allgemein sieht er Modernisierung als einen Prozess innerhalb dessen sich gesellschaftliche Strukturen auflösen und so die Gesellschaft allmählich von einem Aggregatzustand in den nächsten überführt. Was auch die zeitliche Abgrenzung einzelner Phasen sehr erschwert.

Die erste Modernisierung, im 19. Jahrhundert, beschreibt zunächst die Auflösung der ständischen Agrarordnung, "einer traditionalen Welt der Überlieferung, einer Natur, die es zu erkennen und zu beherrschen galt" (Beck: 1986, 14). Also einer normintegrierten Welt, deren sozialer Kitt aus Rechten und Pflichten, Geboten und Verboten bestand und deren wirtschaftlichen Triebkräfte der nutzenoptimalen Ausbeutung natürlicher Res- sourcen entsprangen. Kennzeichnend und prägend für ihren Wechsel in die industrielle Moderne war die Veränderung der Produktionsweise, welche wiederum den Kern des sozialen Wandels ausmachte. Mit der Industrialisierung setzte ein sich wechselseitig verstärkender Prozess der Entwicklung neuer Techniken, des Einsatzes von immer mehr Kapital und den daraus resultierenden Risiken ein. Diese waren zu Beginn eher persön- licher Natur und stark an die soziale Lage gebunden. Existentielle Risiken, die aus dem Produktionsprozess erwuchsen (Invalidität, Arbeitslosigkeit), waren, zumindest in der frühen Moderne, ausschließlich Klassenrisiken. Insofern unterschieden sie sich auch nur graduell von den Alltagsrisiken, welche die Lebenswirklichkeit des Feudalismus präg- ten. Kennzeichnend für die erste Moderne ist der Rückgang dieser ständischen Restrisi- ken, ebenso wie ihrer tradierten Sozialformen (Geschlechterbeziehungen, Familien- strukturen)und religiösen Bindungen an Normen und Wertvorstellungen. (ebd.. 25 ff.)

In ihrer Entwicklung bezog die erste Moderne weithin ihre Legitimation aus der Man- gelbeseitigung, dem Aufbau sozialer Sicherungssysteme, der Schaffung gesellschaftli- chen Wohlstands und der Ermöglichung individueller Freiheiten. Diese zusätzliche Pro- duktion eines "Mehr und Besser" verursachte allerdings auch zusätzliche Kosten in Form von "systematisch mitproduzierten Risiken und Gefährdungen" (ebd. 26), deren Legitimation ersetzt wurde durch ihre Verharmlosung, Wegverteilung und Neudefiniti- on, so dass der Modernisierungsprozess weder behindert, noch die Grenzen des Zumut- baren überschritten wurden. Die Rationalitätsgrundlagen der Entscheidungskalküle (die "Logik der Reichtumsverteilung") innerhalb der Systeme- Wirtschaft, Politik, Wissen- schaft- wurden allerdings mit der Zunahme großindustrieller Gefahrenlagen zusehends brüchiger.

2.3 Reflexive Modernisierung

Die Eingangs kurz erwähnte Rationalisierung von Max Weber (1913) "bedeutet (...) den Glauben daran, dass man (...) alle Dinge - im Prinzip - durch berechnen beherrschen könne". Diese Beherrschbarkeit wurde jedoch in dem Maße hinfällig, als sich Risikola- gen entwickelten (Atomkraft, Gentechnologie, ...) die zeitlich und räumlich nicht mehr eingrenzbar waren, sich nach den Regeln von Schuld und Haftung kaum noch zurech- nen ließen und in sofern auch finanziell nicht mehr kompensierbar (also versicherbar) waren. Die Folge war systematisch hergestellte Unsicherheit, zumal die neu entstande- nen Gefahrenlagen auch nicht mehr an den Ort ihrer Produktion zurückgeführt werden konnten Es entstand ein Zustand "organisierter Unverantwortlichkeit" (Beck: 1988), in dem Risiken dadurch legitimiert werden, dass man sie eigentlich gar nicht gewollt hat. (vgl. Beck: 1986, 40-45)

In dem Moment als die latenten Nebenwirkungen und Kosten, den Nutzen und die in- tendierten Folgen industrieller Entwicklung zu übersteigen drohten wurde der Moderni- sierungsprozess "sich selbst zum Thema und Problem" (ebd. 26) Indem er die Probleme mit denen er sich konfrontiert sah, weitgehend selbst hervorgebracht hatte wurde er re- flexiv.

Diese Reflexivität, im Sinne von "reflektiert", stellte sich allerdings erst in dem Moment der gesellschaftlichen Infragestellung der Handlungslogik ein, die zur Erzeugung der ökologisch-technischen Großrisiken führte, welche durch die herkömmlichen Siche- rungssysteme nicht mehr greifbar, und deshalb auch nicht mehr eingrenzbar, waren. Die Basisprämissen industrieller Entwicklung also im gesellschaftlichen Denken und Han- deln eine Hinterfragung (Reflexion) erfuhren. In dieser Momentaufnahme der reflexiven Modernisierung konstituiert sich die Risikogesellschaft.

Gerade die Wechselseitigkeiten zwischen Ursache und Wirkung moderner Großrisiken machen jeden Versuch eine Folgerichtigkeit in den Abläufen zu bestimmen unmöglich. Die aktuellen systemischen Probleme sind ein gutes Beispiel für unkontrollierbare, weil chaotische Prozessabläufe. Aus diesem Grund, soll hier kurz auf die Problematik nichtlinearer dynamischer Systeme eingegangen werden.

2.3.1 System und Verantwortung

Die Chaosforschung beschäftigt sich mit Systemen, deren Elemente (z.B. Wirtschafts- einheiten) in nicht linear (d.h. kausal) determinierter Wechselwirkung zueinander ste- hen. In ihnen ergibt die Summe zweier Lösungen, wieder eine Lösung, wodurch sich das Ganze aus mehr als der Summe seiner Einzelteile zusammensetzt (Emergenz). Stößt man auf einem Billardtisch eine Kugel mit einer anderen an, so ergibt sich eine klar definier- und berechenbare Ablauffolge von Aktion und Reaktion. In komplexen Sys- temen wie der Natur, der Wirtschaft oder der Gesellschaft definieren sich Beziehungen rekursiv, genauer: Die Reaktion koppelt auf die Aktion zurück, und verstärkt diese mul- tiplikativ. D.h. "In dynamischen Systemen können kleine Ursachen große Wirkungen haben. Sie treten in eine schwer prognostizierbare Übergangsphase ein" (Vgl. Schmidt- Denter: 1992, 3), in denen geringste Störungen zu nicht kalkulierbaren, chaotischen, Systementwicklungen führen können (Butterfly-Effekt)1.

Nach Niklas Luhmann (1994) sind soziale Systeme zudem autopoetisch, d.h. sie entstehen, erhalten und verändern sich ähnlich wie biologische durch Selbstorganisation. Sie sind energetisch offen, aber funktional geschlossen. D.h. sie koppeln sich von der Umwelt (anderen Systemen) ab und beziehen sich nur auf sich selbst. Sie folgen ihrer eigenen Logik, die sich an den systemspezifischen Imperativen (generalisierten Medien) ausrichtet (Geld, Macht, Wahrheit, etc.). Einflussnahme von Außen führt zur zunehmenden Ausdifferenzierung in Subsysteme (funktionale Differenzierung) und verringerter Steuerbarkeit. Ethik ist ihnen Wesensfremd.

Beck (1986, 42f.) sieht die Systeminterdependenz im wesentlichen darin zum Ausdruck kommen, dass Einzelursachen und Verantwortlichkeiten den Systemakteuren nicht mehr zurechenbar sind. "Jeder ist Ursache und Wirkung und damit Nichtursache. Die Ursachen verkrümeln sich in einer allgemeinen Wechselhaftigkeit von Akteuren und Bedingungen, Reaktionen und Gegenreaktionen". Persönliche Verantwortlichkeit kann so auf den generalisierten Anderen- das System- übertragen werden, das "in einem und durch einen selbst hindurch" handelt. Gleichzeitig wird die Wirtschaft selbstreferentiell, indem sie die selbstproduzierten Risiken in ihr System einbezieht und selbst wieder zum Geschäft (z.B. Versicherungswirtschaft) macht, "unabhängig von der Umwelt menschlicher Bedürfnisbefriedigungen" (ebd. 30).

2.3.2 Konstruktion von Risiken

Zivilisationsrisiken zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich "typischerweise der Wahr- nehmung entziehen" (Beck: 1986, 28), sie treten sowohl ortspezifisch als auch unspezi- fisch universell auf und sind unberechenbar und unvorhersehbar in den "verschlunge- nen Wegen ihrer Schadenseinwirkung" (ebd. 36). Das Wissen um sie erschließt sich von daher ausschließlich über die Konstruktion wissenschaftlich fundierter Kausalitätsbe- ziehungen. D.h. sie sind definitionsabhängig. Sie sind Gegenstand von Definitions- kämpfen im Wissenschaftssystem, deren Ausgang von Außenstehenden kaum entschie- den werden. Sie stellen eine narrative Wirklichkeit dar, die einfach geglaubt werden muss (oder auch nicht). Gerade dieses Wissen (Bewusstsein) um das bestehende Risiko (Sein) bringt die Wissenschaft in die konfliktvolle Lage einerseits ihrem selbstgestellten Wahrheitsanspruch gerecht zu werden, und andererseits Notwendigkeiten zu folgen, die in ihrer Verstrickung mit den Systemen der Politik und Wirtschaft zum Ausdruck kommt (z.B. Forschungsfinanzierung). Durch ihr Wissensmonopol um moderne Groß- gefahren ergibt sich für sie die Möglichkeit, diese analytisch aufzuteilen und zu relati- vieren (kleinzureden), und sie so offen für soziale Definitionsprozesse zu machen. Diese lassen den Medien eine zentrale gesellschaftliche und politische Schlüsselstellung zu- kommen. (vgl. Beck: 1986, 28ff und hier: Kap. 3.2.2.)

2.3.3 Globale Risiken und Bumerang-Effekt

War die Moderne mit dem Anspruch angetreten "Zugewiesenheiten abzubauen" (Beck: 1986, 54), die das Schicksal der Menschen in der mittelalterlichen Ständegesellschaft bestimmte, so erfährt der moderne Mensch ein ähnliches Schicksal in Form einer welt- weiten Gefährdungszuweisung, die ihn seiner individuellen Entscheidungsfreiheit be- raubt In diesem Sinn sind Gefährdungslagen auch keine (oder nicht ausschließlich) Klassenlagen mehr. Die klassische Dichotomie von Besitzenden und Nicht- Besitzenden, wird überführt in eine globale "Klasse" der Betroffenen und der Noch- nicht- Betroffenen. Die Universalität und Globalität der neuen Gefährdungslagen macht weder vor Klassenschranken, noch vor Staatsgrenzen halt und "erwischen früher oder später auch die, die sie produzieren und von ihnen profitieren" (ebd. 48). Dieser egali- sierende "Bumerang- Effekt" schlägt sich allerdings nicht nur in gesundheitsschädigen- den ökologischen Gefährdungseffekten nieder, sondern auch in übertragenen Medien wie Geld, Besitz und Legitimation welche die Grundlagen der weltweiten Risikopro- duktion bilden.

Gleichwohl darf dieser Sachverhalt nicht darüber hinwegtäuschen, dass es innerhalb dieser "Risikogemeinschaft" durchaus soziale Ungleichheiten gibt. "Das Proletariat der Weltrisikogesellschaft siedelt (...) in den industriellen Zentren der Dritten Welt" (ebd. 55). Materielle Not und Risikoaversion schließen einander aus. Hunger ist direkt Er- fahrbar, Zivilisationsrisiken meist nicht einmal Wahrnehmbar, geschweige denn, dass sie für die Menschen an der Wohlstandsperipherie in ihren Folgen auch nur Ansatzwei- se abzuschätzen wären. Sie einzugehen stellt vielmehr oft die einzige Möglichkeit dar, der zugewiesenen Armut zu entgehen und sich zumindest einen kleinen Teil an Wohlstandsteilhabe zu sichern. Diese Bereitschaft stellt gleichzeitig die Legitimations- grundlage für die Konzerne dar, Risikoindustrien in diese Länder auszulagern. (vgl. Beck: 1986, 48-56)

[...]


1 Ein von dem Chaosforscher Edward N. Lorenz in den 60er Jahren verbildlichter Effekt: "Does the flap of a butterfly’s wings in Brazil set off a tornado in Texas?".

Details

Seiten
28
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640391769
ISBN (Buch)
9783640391646
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132910
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Risiko Gesellschaft Finanzkrise Klimawandel reflexive Moderne Ulrich Beck Risikogesellschaft

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Titel: Die Risikogesellschaft heute