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Goethes Liebeslyrik im Wandel

Gedichtvergleich von „Nähe des Geliebten“ und „Wiederfinden“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Erstes Gedicht: Nähe des Geliebten (1795).
2.1.1 Vorbemerkungen
2.1.2 Gedichtaufbau
2.1.3 Paraphrasierter Inhalt und Interpretationsansätze
2.1.4 Weitere Interpretationen und Schlussbemerkung
2.1.5 Überleitung und Vorbemerkungen zum zweiten Gedicht
2.2 Zweites Gedicht: Wiederfinden (1819)
2.2.1 Gedichtaufbau
2.2.2 Paraphrasierter Inhalt und Interpretationsansätze
2.2.3 Schlussbemerkung

3. Schluss

4. Literatur

1. Einleitung

Eine Welt zwar bist du, o Rom, doch ohne die Liebe

Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom[1]

Die Liebe: Ein anscheinend unerschöpfliches Thema. Seit jeher beschäftigen sich Menschen mit diesem facettenreichen Gefühl. Philosophen, Künstler, Musiker und Autoren aller Epochen widmeten ihre Aufmerksamkeit und ihr Schaffen den zwischenmenschlichen Wahlverwandtschaften. Insbesondere Vertreter der Liebeslyrik schöpften generationen- und kulturübergreifend aus dieser unendlichen Stoffquelle. Dichter ermüdet es bis heute nicht, das Ewiggleiche und schon etliche Male zuvor Formulierte in immer wieder andere Wortgewänder zu verpacken. Reale Erfahrungen, zu lieben und/oder geliebt zu werden oder auch nur das Gefühl, sich nach beidem zu sehnen, stifteten und stiften nicht selten den Antrieb für künstlerische Produktivität. Somit schafft die (körperliche) Liebe nicht nur Leben, sondern das Gefühl kann auch, an- oder abwesend (Sehnsucht), eine Befruchtung der Kunst bewirken. Aufgrund dieser ewig-möglichen Wechselwirkung zwischen Liebe im Leben und Kunst, ist die Stoff- und Inspirationsquelle als unendlich einzustufen.

„Ich möchte damit ausdrücken, was ich im Innersten fühle“, ist ein häufig geäußerter Satz von Kunstschaffenden, ziehen wir hierfür moderne Musiker, expressionistische Künstler oder Poeten als Beispiele heran. Solchen aberwitzigen Ansprüchen kann das Werkzeug der Mitteilung, die Sprache, gar nicht gerecht werden. Ein Gefühl bleibt ein Gefühl. Die unmittelbare Verwandlung der Liebe in ein Bild, eine Melodie, Gesprochenes oder schwarze Punkte, Kringel und Striche auf Papier kann niemals gelingen. Die ursprüngliche Form, besser gesagt: ursprüngliche Formlosigkeit, bleibt selbst für den eifrigsten und talentiertesten Künstler immer unerreichbar. Er kann dem Gefühl lediglich ein Bild, ein Lied oder ein Gedicht widmen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das höchstmögliche Ziel eines Künstlers kann nur sein, seine Rezipienten in den Genuss von gelungener Kunst kommen zu lassen, nicht aber, ihnen lebhaft gefühlte Zustände zu präsentieren. Die unter Literaturwissenschaftlern oder Historikern geläufige Bezeichnung „Erlebnislyrik“ für Gedichte, die angeblich den Anschein der Unmittelbarkeit des Dargestellten erwecken können, ist von daher unsinnig. Der Begriff entbehrt allerdings nicht einer gewissen Komik. Es herrscht weitläufig die Vorstellung, dass die Texte in einem Zug geschrieben und im Nachhinein durch Reflexion nicht mehr verändert wurden. Grotesk-lustig, angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit, dass die als Erlebnislyriker Bezeichneten oftmals viele Stunden, Tage, Wochen, gar viele Monate über den Endfassungen ihrer Gedichte brüteten. Auch bei genauer Betrachtung und Analyse der Metaphorik, des Rhythmus oder der Strukturen der Gedichte, wird diese Vorstellung, die durch die Genieästhetik im Sturm und Drang geprägt wurde, unwahrscheinlich. Als Inbegriff der Erlebnislyrik gelten vor allem die frühen Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Ihnen wird ein durchweg subjektiver Charakter zugeschrieben. Das Gedicht Mir schlug das Herz wird bis heute in Schulklassen als Musterbeispiel der Erlebnislyrik serviert. Nach dem Lesen vermittelt es vielleicht tatsächlich zuerst den Eindruck, beim Ritt des erlebenden, lyrischen Ichs durch die anbrechende Nacht, unmittelbar dabei zu sein. Bei genauerer Betrachtung und der Konzentration auf den Text wird jedoch offensichtlich, dass das erzählende, lyrische Ich sich nur sehr nah an der Stimmung des erlebenden, lyrischen Ichs bewegt und dessen Stimmungen nachträglich noch einmal inszeniert. Das von Goethe gewählte Präteritum, das unaufhörlich Vergangenes bezeichnet, ist der offensichtlichste und nicht zu widerlegende Beweis hierfür. In der folgenden Arbeit möchte ich mich daher von dem Begriff der Erlebnislyrik distanzieren. Ich werde zwei (wahrlich gelungene) Kunst produkte, in denen Goethe - wie so oft - die Liebe als Gegenstand wählte, analysieren, interpretieren und hinsichtlich einiger Punkte vergleichen: Das Gedicht Nähe des Geliebten (1795) und das später im West-Östlichen Divan (1819) veröffentlichte Gedicht Wiederfinden aus dem Buch Suleika. Dabei halte ich mich (weitestgehend) an die überlieferten Texte, mögliche biographische Bezüge spreche ich beim zweiten Gedicht, aus gegebenem Anlass, lediglich kurz an. Anhand des Gedichtvergleichs wird deutlich, dass Goethe seine Liebeslyrik in der Zwischenzeit der beiden Veröffentlichungen auf eine höhere Stufe brachte. Der Gegenstand des ersten Gedichts, die Liebe in Gestalt der bitter-süßen Sehnsucht, ist noch fest im Irdischen verankert. Im später veröffentlichten Gedicht erweitert der Mittsechziger seinen Blick auf die Liebesthematik um eine kosmische Dimension. Er lässt sein lyrisches Ich die Liebe zum Weltprinzip erklären. Was wäre die Welt ohne die Liebe? Mit einer kosmogonischen Begründung deutet er im Gedicht Wiederfinden die Antwort auf diese rhetorische Frage an, die er einst in den Römischen Elegien überschwänglich aufwarf.

2. Hauptteil

2.1 Erstes Gedicht: Nähe des Geliebten

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege

Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen

Die Welle steigt.

Im stillen Haine geh` ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!

Die Sonne sinkt; bald leuchten mir die Sterne.

O wärst du da![2]

2.1.1 Vorbemerkungen

Das Liebesgedicht Nähe des Geliebten schrieb Goethe während seiner Zeit in Weimar im Jahr 1795. Ich möchte zur Einführung, wenn auch nur sehr kurz, Goethes biographische Situation erwähnen. Sechs Jahre vor Entstehung des Gedichts, im Dezember 1789, gebar ihm Christiane Vulpius den Sohn August, der als einziger von fünf Sprösslingen das Kindesalter überlebte. Durch das 1788 aufgenommene Verhältnis zu Christiane war der Bruch zwischen Goethe und seiner Frau von Stein endgültig. Erst 18 Jahre nach der ersten Begegnung mit Christiane legalisierte Goethe die in der Öffentlichkeit nicht gern gesehene, unkonventionelle Lebensgemeinschaft durch die offizielle Eheschließung. Die Freundschaft des damals 46-Jährigen zu Friedrich Schiller war kurz nach der Entstehung des Gedichts am Aufblühen. In die Geschichtsbücher ging diese Schaffenszeit (1794 bis 1805) im eng gefassten Sinne[3] als Weimarer Klassik ein. Seine Abgrenzungsbestrebungen zum Sturm und Drang und die Hinwendung zum klassischen Altertum, der Welt der Antike und Renaissance, gingen ineinander über. Auf die politische Situation, in der unruhigen, unsicheren Zeit nach der Französischen Revolution, deren Auswirkungen auch das deutsche Reich nicht unberührt ließen, möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Ich komme stattdessen gleich zur Analyse des ersten Gedichts.

Goethes Nähe der Geliebten basiert auf dem Gedicht Ich denke dein von der damals anerkannten Dichterin Friederike Brun (1765-1835). Beide Werke durchzieht das Motiv der Sehnsucht - der abwesenden Liebe. Den Ausdruck „Ich denke dein“ übernahm Goethe wörtlich aus dem Gedicht von Brun, ebenso die Strophenform. Der Dichter wählte allerdings andere Bilder und ließ sein lyrisches Ich andere, weniger melancholische, Vorstellungen vertreten. Im Ganzen sind auch seine Variierungen im Schema „kunstvoller“ gestaltet.

2.1.2 Gedichtaufbau

Goethes Nähe des Geliebten gliedert sich in vier Strophen mit jeweils vier Versen. Auf eine Langzeile folgt jeweils eine Kurzzeile. Das Metrum ist hierbei ein abwechselnd fünf- und zweihebiger Jambus. Das Reimschema wird aus regelmäßigen, reinen Kreuzreimen (abab) mit abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen gebildet. Die Gedichtstruktur erinnert an den Aufbau eines Liedes. Die Kernaussage „Ich denke dein“ wiederholt sich in jeder Strophe in einer Variation, ähnlich wie der Refrain eines Liedes. Die abwesende Person wird dem lyrischen Ich in Gedanken präsent, wenn es eine bestimmte oder unbestimmte Gegebenheit in seinem Umfeld wahrnimmt. Diese beständig wiederkehrende, variierende Formel verleiht dem Gedicht die narkotische Wirkung einer Litanei. Im Verlauf des Gedichts ergreift die wiederholte Formel die Sinnesebenen des Hörens, Sehens und Fühlens. Die Aussage wirkt daher immer dringlicher. In der Schlusspointe, dem Ausruf „O wärst du da“ (Z.16), findet das Gedicht seinen Höhepunkt.

Der Liedcharakter legte eine Vertonung des Textes nahe. Unter anderem setzte Franz Schubert 1815 Goethes Gedicht in Musik um. Der Dichter ließ Schuberts Stück, wie auch andere Vertonungen, allerdings unkommentiert.[4]

2.1.3 Paraphrasierter Inhalt und Interpretationsansätze

Das lyrische Ich erzählt in dem Gedicht, bei welchen Gelegenheiten es an eine (körperlich) abwesende Person denkt. Dabei spricht es, ich vermute dahinter eine fiktive Frauengestalt, den abwesenden Geliebten[5] direkt an: Sie sagt nicht „Ich sehe ihn“ oder „Ich höre ihn“, sondern „Ich sehe dich“ (Z.5), beziehungsweise „Ich höre dich“ (Z.9). Die erste Langzeile in der Anfangsstrophe, die Goethe aus dem Gedicht von Brun übernommen hatte, lautet „Ich denke dein“(Z.1). Hier räumte der Dichter wohl mitunter der Form den Vorzug vor der grammatikalischen Richtigkeit ein. Der Archaismus verstärkt allerdings auf ästhetische Weise die Intensität der empfundenen geistigen Nähe. Ich paraphrasiere den Satzteil nach dem heutigen Sprachgebrauch mit „Ich denke an dich“. Das lyrische Ich denkt in der ersten Strophe an den Geliebten, wenn die Sonnenstrahlen sich im Meer und der Mondschein sich in Quellen reflektieren. Ihre Gedanken beschäftigen sich also, sowohl bei Tag, als auch in der Nacht, mit ihm. Die Sehnsucht, die ihren inneren Seelenzustand dominiert, findet sie jederzeit in ihrer Umgebung widergespiegelt durch den Abglanz von Sonne und Mond im Wasser.

In der zweiten und dritten Strophe nennt sie zeitlich konkretere Beispiele. Zuerst spricht sie davon, dass sie ihren Geliebten dann sieht, wenn „auf dem Wege/ Der Staub sich hebt“ (Z.5 u.6). Das lyrische Ich glaubt nicht nur, in der Staubwolke den Geliebten zu sehen, sondern es spricht ausdrücklich davon, ihn tatsächlich zu sehen. Ihr Verstand täuscht sie. Dessen ist auch sie sich bewusst, sonst würde sie in der letzten Gedichtzeile nicht ausrufen: „O wärst du da!“. Die Kraft ihrer Gedanken formt die feinsten, festen Partikel zu der vermeintlichen Gestalt ihres Geliebten. Zudem geschieht dieses „Im-Geiste-Sehen“[6] auch noch in der Ferne. Die Vorstellungskraft, die das lyrische Ich in dieser Textpassage aufzubringen vermag, lässt erahnen, wie groß ihre Sehnsucht sein muss. Sogar alltäglicher Staub in der Ferne, dem die Mehrheit der Menschen keine oder nur kaum Beachtung schenkt, macht ihr den abwesenden Geliebten in Gedanken präsent und weckt ihren Trennungsschmerz. Dasselbe passiert auch im zweiten Abschnitt der Strophe beim Anblick eines Wanderers auf einem schmalen Steg in tiefer Nacht. Sie weist gleich auf zweierlei Gefahren hin: Zum einen den Balanceakt auf dem Steg (auch noch im Dunkeln), zum anderen die diversen Gefahren, die in der Nacht zu befürchten sind. Das Beben des Wanderers verstehe ich daher als ängstliches Zittern. Selbstverständlich verspürt der Wanderer angesichts dieser Situation Angst. Da das lyrische Ich alles im Verhältnis zum Geliebten sieht, überträgt sich die Selbstverständlichkeit in diesem Beispiel in gewisser Weise auf ihre Sehnsucht. Sie spricht hier von irgendeinem Wanderer, nicht von dem wandernden Geliebten, denn sie glaubt zu sehen. „Der Wanderer“ (Z.8) hat keinen Namen und sie lässt ihn in einer gewissen Unbestimmtheit stehen, beziehungsweise beben. Womöglich könnte der eine Wanderer, den sie benennt, auch stellvertretend für alle Wanderer gelten, die angesichts der Gefahren in der Nacht zittern. Versteht man die Verse derart musterhaft, steigert sich ihr Gehalt an mitschwingender Wehmut. Wanderer in der Landschaft würde ich nicht wirklich als eine Außergewöhnlichkeit bezeichnen - in den Zeiten als dieses Gedicht entstand sowieso nicht. In etwas vollkommen Gewöhnlichem, etwas Selbstverständlichem sieht sie also auch ihren Trennungsschmerz widergespiegelt.

[...]


[1] Römischen Elegien I von Johann Wolfgang von Goethe. Zitiert aus: Lexikon der Goethe Zitate, hrsg. von Richard Dobel, Zürich/Stuttgart: 1968, S.770.

[2] Siehe: Karl Eibl (Hrsg): Johann Wolfgang von Goethe Gedichte 1756 – 1799, Frankfurt a. Main: 1987, S.647. In: Deutscher Klassiker Verlag: Johann Wolfgang von Goethe Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, I. Abteilung: Sämtliche Werke, Band 1, hrsg. von ders. u.a., 2.Auflage, Frankfurt a. M.: 1998. Im weiteren Verlauf der Arbeit beziehe ich mich auf diese Textvorlage. Alle verwendeten Zeilenangaben zum Gedicht Nähe des Geliebten) berufen sich hierauf.

[3] Weiter gefasste Definitionen versammeln unter der Weimarer Klassik das ganze Wirken des Viergestirns Wieland, Goethe, Herder und Schiller in Weimar oder lassen die Epoche schon nach Goethes erster Italienreise (1786) beginnen. Informationen hierzu erhalten aus: Metzler Goethe Lexikon, hrsg. von Benedikt Jeßing u.a., Stuttgart/ Weimar:2004, S.242, 464 ff.

[4] Goethe sprach sich generell gegen das Durchkomponieren von Liedern aus, in denen sich Lyrik und Musik nicht in einem harmonischen Gleichgewicht befinden, sondern die Musik den Text nur als Rohmaterial betrachtet.

[5] Der Titel des Gedichts veranlasst mich, von einem Mann auszugehen.

[6] Vgl. Hermann August Korff: Goethe im Bildwandel seiner Lyrik, 2.Band, Leipzig: 1958, S.35.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640447060
ISBN (Buch)
9783640447633
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132912
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Goethes Liebeslyrik Wandel Gedichtvergleich Geliebten“

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