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Leben in Metaphern

Die kognitive Metapherntheorie von Lakoff/Johnson

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Fragestellung

2 Die Rhetorik der Metapher
2.1 Die Metapherntheorie nach Aristoteles
2.2 Kritik an der Theorie

3 Die traditionellen linguistischen Metapherntheorien
3.1 Die Substitutionstheorie
3.2 Die Interaktionstheorie

4 Metapherntheorie von Lakoff/Johnson
4.1 Grundlegende Annahmen
4.2 Arten von Metaphern
4.2.1 Strukturmetaphern
4.2.2 Orientierungsmetaphern und das Prinzip der kulturellen Kohärenz
4.2.3 Ontologische Metaphern
4.2.4 Sonderfälle: Personifikation, Metonymie, Synekdoche

5 Kritik
5.1 Kritik an den traditionellen Theorien
5.2 Kritik an der Metapherntheorie Lakoff/ Johnsons

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Fragestellung

In diese Arbeit will ich mich mit der Metapher als solcher und vor allem ihrer Behandlung als sprachwissenschaftliches Phänomen beschäftigen. Trotz der Tatsache, dass die ersten Abhandlungen über die Metapher bereits vor knapp zweitausend Jahren verfasst wurden, so stellen sich trotzdem Philosophen, Rhetoriker, Literaturwissenschaftler und Linguisten bis heute die Frage, was es mit dieser sprachlichen Figur eigentlich auf sich hat.

„Von Metaphorik spricht man, wenn ein sprachlicher Ausdruck nicht im «wörtlichen» Sinne verwendet wird, so dass nur einige Merkmale des Ausdrucks erhalten bleiben.“[1] So simpel diese Erklärung aus Heinz Vaters Einführung in die Sprachwissenschaft auf den ersten Blick erscheinen mag, so viele Fragen ergeben sich wiederum aus ihr: Wie entstehen Metaphern? Benutzen wir sie bewusst oder eher automatisch? Was für einen Sinn macht es, einen Ausdruck nicht im wörtlichen Sinne zu verwenden? Warum benutzen wir überhaupt Metaphern und wie können sie verstanden werden?

Diese Arbeit kann sicherlich nicht das Ziel verfolgen, die Gesamtmenge dieser Fragen zu beantworten, mit denen sich Wissenschaftler seit so langer Zeit beschäftigen. Vielmehr soll sie einen Überblick über die wichtigsten Metapherntheorien bieten. Zunächst wird die Arbeit sich daher der klassischen Rhetorik zuwenden, da bereits Aristoteles grundlegende Kenntnisse über die Metapher formulierte, die bis heute kaum etwas von ihrer Gültigkeit eingebußt haben. In der jüngeren Sprachwissenschaft werden in der Regel zwei zentrale Metapherntheorien unterschieden, die Max Black 1962 in Anlehnung an Ivor Armstrong Richards darlegte. Die Substitutionstheorie als auch die Interaktionstheorie sind seit den 1980-er Jahren die vorherrschenden Metapherntheorien und schufen wegweisende Ausgangspunkte in der Metaphernforschung. Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll jedoch auf der Theorie von George Lakoff und Mark Johnson liegen, die 1980 ihr metapherntheoretisches Werk „Metaphors we live by“ publizierten, dem ein großer Anteil an der Begründung kognitiv- linguistischer Forschung zugeschrieben werden kann. Hierbei soll nach der allgemeinen Beschreibung der Theorie eine Darstellung der drei Metaphernarten folgen, zwischen denen sie unterscheiden. Ein weiterer Unterpunkt thematisiert der Vollständigkeit halber knapp die Sonderfälle der Personifikation, Metonymie und Synekdoche. Abschließend soll eine kritische Hinterfragung der traditionellen und kognitiven Theorien in der Metaphernforschung erfolgen.

2 Die Rhetorik der Metapher

2.1 Die Metapherntheorie nach Aristoteles

Die Metaphernforschung existiert, wenn auch nicht in der Ausprägung von heute, beinahe seit zwei Jahrtausenden und wurde durch Aristoteles entscheidend vorangetrieben. Die klassische Definition über die Metapher und ihre rhetorischen Eigenschaften sind in seiner Poetik (~335 v. Chr.) enthalten: „Metapher ist die Übertragung eines fremden Nomens, entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung oder von einer Art auf eine andere oder gemäß der Analogie.“[2] Aristoteles war es auch, der die Metapher einen „verkürzten Vergleich“ nannte, eine Definition, die sich bis heute gehalten hat.[3] Die Metapher war jedoch für Aristoteles simpel gesagt „etwas, das mit einem Wort geschieht“[4], sie ist selbst nicht mehr als ein Wort. Er sah sie als ein Mittel der alltäglichen, vor allem aber der poetischen Redeweise.[5] Dabei bezeichnete der Philosoph sie als „weitaus das wichtigste“ dieser poetischen Mittel und betonte, die Metapher setze die Fähigkeit voraus, „Verwandtes“ im Verschiedenen erkennen zu können.[6] Die Metapher füllt eine lexikalische Lücke, das heißt sie ersetzt ein anderes Wort. Ihre Übertragungsfunktion wurde in der antiken Rhetorik, die der Poetik folgte, so formuliert: „Die Bedeutung eines Wortes wird dabei identifiziert mit dem Gegenstand, den es bezeichnet. Es ist gewissermaßen dessen Etikett.“[7] Metaphern entstehen also durch eine Übertragung, bei der ein Wort, statt zur Bezeichnung des Begriffes, zu dem es eigentlich korrespondiert, zur Bezeichnung eines anderen Begriffs benutzt wird.[8] Aristoteles unterschied dabei vier verschiedene Arten der Metapher hinsichtlich ihrer Übertragung:

a) Von der Gattung zur Art/ Vom Allgemeinen zum Besonderen (Deduktion): Hier steht mein Schiff. Gattung: Stehen, Art: Vor Anker liegen.
b) Von der Art zur Gattung/ Vom Besonderen zum Allgemeinen (Induktion): Odysseus hat zehntausend edle Dinge vollbracht. Art: Zehntausend, Gattung: Viel
c) Von Art zu Art: (Wenn vom Präsidenten die Rede ist) Unser König ist sehr weise. Art: Staatsoberhaupt (Präsident, König)
d) Übertragung nach einer Analogie: Lebensabend.[9]

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Aristoteles auch Synekdoche[10], Metonymie[11] und Personifikation als Formen der Metapher nennt, letztere dabei als Sonderfall der Übertragung nach Analogie. Er nimmt jedoch eine Abgrenzung zwischen Metapher und Metonymie vor, da erstere ihm zufolge auf einer Übertragung beruht, die durchaus willkürlich sein kann, die Metonymie hingegen eine reale, nicht allein begriffliche Beziehung voraus setzt. Zu ihr zählt auch die rhetorische Figur des Pars pro toto, wenn beispielsweise ein Ort für ein Ereignis steht (Waterloo war ein einschneidendes Ereignis), eine Person für ein Unternehmen (Er hat sich einen Peugeot gekauft), ein Körperteil für eine Person (Viele Köpfe führten eine hitzige Diskussion) oder Ähnliches. Während also bei der Metapher ein Sachverhalt durch die Darstellung in einem anderen Sachverhalt verständlich gemacht wird , können wir mittels der Metonymie „eine Sache mittels ihrer Beziehung zu einem anderen Sachverhalt konzeptualisieren.“[12] Der Kontext spielt nach Aristoteles’ Auffassung hinsichtlich der metaphorischen Funktion kaum eine Rolle. Die Metapher bedeutet lediglich die Übertragung eines Nomens aus einer ursprünglich anderen lexikalischen Position. Zu den Nomen zählt er dabei nicht nur Substantive, „sondern alle Wörter, die nominalisierbar sind, also auch Verben und Adjektive.“[13]

2.2 Kritik an der Theorie

Obwohl die aristotelischen Theorien zur Metapher richtungweisend waren und trotz ihres Alters immer noch gültig sind, lassen sich einige Schwachpunkte in der Argumentation erkennen, die an dieser Stelle ebenfalls kurz Erwähnung finden sollen. Aristoteles’ Rhetorik tendierte dazu, die poetische, und somit die metaphorische Redeweise, aus einer Differenz zur alltäglichen zu erklären. Dabei missachtete er jedoch, dass auch die alltägliche Redeweise voller Metaphern steckt, und hier insofern keine Differenz vorliegen kann.[14] Diese Problematik ergibt sich bei jedem Versuch, die Sprache der Poesie als Abweichung der Alltagssprache zu sehen; die Kategorisierung entsprach jedoch nun einmal der antiken rhetorischen Denkweise. In Anlehnung an Ricœur kritisiert Kurz, dass Aristoteles’ Theorie auf einer zu abstrakten Wortsemantik beruhe, bei der die stetige Einbettung der sprachlichen Äußerung in einen konversationellen Kontext missachtet werde.[15] Auch heute gibt es noch Versuche, den metaphorischen Gebrauch dem wörtlichen gegenüberzustellen, wobei hier jedoch erneut die Probleme des aristotelischen Ansatzes auftauchen, was mitunter auch an der Schwierigkeit im Gebrauch des Wortes „wörtlich“ liegt. Oft wird angenommenen, es handele sich dabei um eine ursprüngliche, etymologische Bedeutung, dabei meint „wörtlich“ eben gerade die spezifische Bedeutung, die eine Äußerung in einem bestimmten Kontext einnimmt.[16] Auch die Einschränkung auf die Bedeutungserzeugung der Metapher durch eine Ähnlichkeit oder Analogie wird den vielfältigen Möglichkeiten ihrer Entstehung nicht gerecht. Diese Vorstellung gibt vor, dass wir zunächst nach Ähnlichkeiten suchen würden, aus denen dann ein metaphorischer Ausdruck entsteht, dabei ist es häufig viel eher zu beobachten, dass Metaphern in einem kreativen Sprachprozess quasi von selbst entstehen, sich uns aufdrängen, und damit weniger wir sie finden, sondern sie uns.[17]

[...]


[1] Vater, 1994, 14

[2] Kurz, Pelster, 1976, 7

[3] Vgl. Schlüter, 1974, 31 f.

[4] Kurz, 2004, 9

[5] Vgl. Kurz, ebd., 8

[6] Vgl. Aristoteles, zitiert nach Kurz, 2004, 8

[7] Ebd., 9

[8] Vgl. Schlüter, 1974, 31

[9] Bis auf Beispiel c), das dem heutigen Sprachgebrauch angeglichen wurde, entstammen alle Beispiele aus Aristoteles: Rhetorik, zitiert nach Kurz/ Pelster, 1976, 16

[10] Synekdoche: Übertragung von der Gattung zur Art und umgekehrt, vgl. Kurz/ Pelster, 1976, 16

[11] Metonymie: Austausch eines Wortes durch ein anderes, dass zu ihm in einer «realen» Beziehung steht, vgl. ebd.

[12] Lakoff/ Johnson, 1998, 50

[13] Kurz, 2004, 9

[14] Vgl. ebd., 8 f.

[15] Vgl. ebd., 11

[16] Vgl. Kurz, 2004, 12

[17] Vgl. ebd., 21

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640392841
ISBN (Buch)
9783640393145
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v132928
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Leben Metaphern Metapherntheorie Lakoff/Johnson

Autor

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Titel: Leben in Metaphern