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Die Erdgasversorgung der EU im 21. Jahrhundert

Wie abhängig wird die EU zukünftig von Russland sein? Stellt die geplante Nabucco-Pipeline eine sinnvolle Alternative dar?

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die globale Erdgasverteilung

3. Die Erdgasversorgung der EU
3.1. Aktueller Bedarf und Beschaffungsweg
3.2. Prognostizierter Bedarf

4. Europäische Energieaußenpolitik
4.1. Russland, der wichtigste Erdgaslieferant
4.1.1. Die Haltung der EU gegenüber Russland
4.1.2. Das Transitproblem
4.1.3. Erweiterung des russischen Pipelinenetzes
4.2. Die Alternative „Nabucco“
4.2.1. Daten & Fakten
4.2.2. Potentielle Herkunft des Nabucco-Gases
4.2.3. Interessenkonflikt: Politik vs. Wirtschaft

5. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sieht sich der „alte“ Kontinent Europa mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert.

Der ohne Zweifel markanteste Unterschied zu den Herausforderungen vergangener Jahrhunderte ist die Einsicht der europäischen Staaten, dass nur ein gemeinsames, strukturiertes Handeln zur Erreichung langfristiger Zielsetzungen führen kann. Diese Erkenntnis ist die logische Konsequenz aus den Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts und die unumgängliche Anpassung an eine zunehmend globalisierte Welt.

Als Paradebeispiel für die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Handelns ist die Energieversorgung Europas anzusehen. In kaum einem anderen Sektor sind die Vorzüge einer starken Interessengemeinschaft so deutlich zu erkennen. Eine stärkere Verhandlungsposition, kostengünstigerer Einkauf und die Realisierung kostenintensiver Investitionsprojekte sind nur einige der nennenswerten Vorteile.

Ein weiterer Grund für eine gemeinsame europäische Strategie bezüglich der Energieversorgung ergibt sich aus der fast in allen europäischen Ländern vorherrschenden Ressourcenarmut (abgesehen von der aus der Mode gekommenen Stein- bzw. Braunkohle) und der daraus folgenden Abhängigkeit von externen Bezugsquellen. Dies bezieht sich neben dem Erdgas natürlich auch auf andere konventionelle Energieträger wie Erdöl oder das zur Gewinnung von Kernenergie notwendige Uran. Im weiteren Verlauf soll jedoch das Hauptaugenmerk auf der Erdgasversorgung liegen, da die Bezugnahme auf weitere Energieträger den Rahmen dieser Ausarbeitung sprengen würde.

Auf Grund des enormen Reichtums an Erdöl und vor allem –gas und der geographischen Nähe gilt Russland als der wichtigste Importeur von Energieträgern in die EU.

Aus diesen strategischen Vorzügen Russlands ergibt sich jedoch auch die Gefahr einer zunehmenden Abhängigkeit von einem einzigen Energielieferanten, welcher sich seiner Macht bewusst ist und diese im Preisbildungsprozess und auch in anderen politischen Angelegenheiten zu seinen Gunsten einsetzen könnte.

Deshalb ist es nur allzu verständlich, dass die EU alle geeigneten Mittel und Wege sucht, um die Energieimporte sinnvoll zu diversifizieren. Ein in diesem Zusammenhang oft gebrauchtes Stichwort lautet „Nabucco“.

Inwieweit diese in Planung befindliche Erdgaspipeline eine sinnvolle Alternative darstellt und die Klärung der Frage, wie sehr die EU tatsächlich auf Russland als Energie- und speziell als Erdgaslieferant angewiesen ist, soll in dieser Ausarbeitung genauer erläutert werden.

2. Die globale Erdgasverteilung

Um sich ein Bild von der Abhängigkeit Europas von Erdgasimporten machen zu können, ist ein Blick auf die weltweite Erdgasverteilung notwendig.

Fasst man die nachgewiesenen Erdgasreserven aller EU-Mitgliedsstaaten zusammen, so kommt man auf eine Summe von rund 2.840 Mrd. m³, was einem Anteil an den weltweiten Reserven von gerade einmal 1,6 % entspricht.[1] Sie sind somit geringer als allein die Reserven Norwegens, welches mit knapp 3.000 Mrd. m³ die europaweit stärksten Erdgasvorkommen besitzt, jedoch kein Mitglied der EU ist.[2]

Bereits zur Jahrtausendwende prognostizierte die Europäische Kommission, dass die (Erdöl- und) Erdgasvorkommen der Nordsee, welche den deutlich größten Beitrag der gemeinschaftlichen Reserven darstellen, bei gleich bleibenden Fördervolumen im Jahr 2025 erschöpft sein werden.[3] Aktuelle Statistiken, die von einer Reichweite von aktuell 14 Verbrauchsjahren ausgehen[4], sehen das Ende des EU-Erdgases im etwa gleichen Zeitraum. Naturgemäß ergibt sich daraus eine jährlich steigende Importabhängigkeit, sofern man nicht gänzlich in absehbarer Zeit auf den Energieträger Erdgas verzichten möchte.

Wie aus nachfolgender Grafik deutlich wird, befindet sich die Europäische Union bezüglich der Gasreserven in einer nahezu exklusiven Nachbarschaftslage.

Abbildung 1 Quelle: www.nord-stream.com

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allein der unmittelbare Nachbar Russland verfügt über mehr als ein Viertel aller weltweit nachgewiesenen Gasreserven. Somit ist Russland auch mit deutlichem Abstand die Nation mit den größten Erdgasreserven. Ebenfalls deutlich aus dieser Grafik zu entnehmen ist die Tatsache, dass eine gewisse Bündelung der bedeutsamsten Gasfelder innerhalb einer Region zu erkennen ist.

Diese Region, welche im Norden durch den westlichen Teil Russlands, im Süden durch die arabische Halbinsel, im Osten durch Kasachstan und im Westen durch die Türkei begrenzt wird, nennt man auf Grund seiner Bedeutung auch „Strategische Ellipse“.

In ihr befinden sich ca. 69% der globalen Erdgasreserven und in etwa 71% der konventionellen Welterdölreserven.[5]

Dem nachfolgendem Diagramm sind die sieben erdgasreichsten Nationen mit ihren jeweils nachgewiesenen Reserven zu entnehmen. Die fünf bestplatzierten Länder sind Bestandteil der „Strategischen Ellipse“.

Abbildung 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften

3. Die Erdgasversorgung der EU

3.1. Aktueller Bedarf und Beschaffungsweg

Wie eben bereits geschildert, verfügt die Europäische Union inzwischen nur noch über sehr überschaubare eigene Erdgasvorkommen, welche sich zum größten Teil in den Gewässern der Nordsee befinden. Da der Verbrauch an Erdgas in der EU jedoch mit rund 482 Mrd. m³ p.a. deutlich die eigenen Fördermengen von knapp 192 Mrd. m³ übertrifft,[6] ist eine Importierung die logische Konsequenz. Die EU-Länder verfügen über ein stark ausgebautes und verzweigtes Pipelinenetzwerk, worüber ein Großteil der Erdgasimporte von externen Lieferanten bezogen wird. Generell lassen sich drei für die EU wesentliche Routen unterscheiden: Die Ost/West Route, welche von Russland Richtung EU verläuft; die Nord/Süd Route, welche Gas aus Norwegen liefert und die Süd/Nord Route, welche Europa mit Gas aus Algerien und Libyen versorgt.[7]

Aktuell werden 61 % des Bruttoinlandsverbrauchs der EU an Erdgas importiert.[8] Diese Einfuhren stammen hauptsächlich aus den oben genannten Ländern. Zur Veranschaulichung sei auf die nachfolgende Grafik verwiesen, welche die jeweiligen Anteile an den Erdgasimporten der EU prozentual wieder gibt.[9]

Abbildung 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf Grund der enormen Bedeutung und des hochsensiblen Konfliktpotenzials werden die handelspartnerschaftlichen Beziehungen zu Russland an späterer Stelle noch genauer erläutert.

Norwegen und Algerien gelten bislang als relativ zuverlässige Lieferanten, was sicher auch dem Umstand zu verdanken ist, dass beide Länder nicht auf Transitwege durch Nicht-EU-Gebiet angewiesen sind. Wohl auch deshalb schloss die EU mit den Regierungen dieser beiden Nationen 2007 langfristige Verträge, die eine Erhöhung der Gaslieferungen in die Mitgliedsländer garantieren sollen.[10]

Die Summe der restlichen Importe setzt sich hauptsächlich aus Lieferungen von Erdgas in verflüssigter Form, kurz LNG (Liquefied Natural Gas), zusammen.[11] Dieses Verfahren zur Liquidierung gasförmiger Stoffe gilt als relativ kosten- und zeitintensiv.

Da jedoch auch das Kosten/Nutzen-Verhältnis für den Pipelinebau ab einer gewissen Entfernung kaum noch bzw. überhaupt nicht mehr rentabel ist, sind Expertenmeinungen zu Folge LNG-Transporte mit moderner Technik ab einer Entfernung von 3000 km vorteilhafter als der konventionelle Pipelinebau.[12]

Hierzu muss jedoch bedacht werden, dass diese Annahme auf Grund von Mengenvorteilen nur bei Transporten mit Großtankern auf See realitätsnah ist und somit nicht für alle Exportländer eine sinnvolle Option darstellt.

Dennoch ist, bedingt durch den technischen Fortschritt und den damit einhergehenden sinkenden Transformationskosten, LNG eine oftmals sinnvolle Möglichkeit der Gasbeförderung mit beachtenswertem Potential.

Neben Ländern wie Nigeria, Ägypten und Oman exportierte auch Algerien als einer der größten Erdgaslieferanten 2007 rund ein Drittel seiner Lieferungen „liquidiert“ in die EU.[13]

3.2. Prognostizierter Bedarf

Auch in Zukunft wird die EU auf Erdgasimporte angewiesen sein, und dies noch stärker als es aktuell der Fall ist.

Gründe hierfür liegen neben der eigenen rückläufigen Förderung und dem jährlich um 1-2 % steigenden Gasverbrauch u.a. in umweltpolitischen Zielen und auch in der Tatsache begründet, dass die Nachfrage nach Kraftwerksgas deutlich zunehmen wird. Diese beeinflusst in erheblichem Maße die Gesamtnachfrage nach Erdgas.[14] Laut aktuellen Berechnungen der EU wird die Importquote von derzeit 61 % bis zum Jahr 2020 auf 73 % ansteigen.[15] Schon fünf Jahre später wird dieser Wert voraussichtlich auf über 80 % ansteigen, wie in nebenstehender Grafik dargestellt wird.[16]

[...]


[1] BP Statistical Review of world energy June 2008, S. 22

[2] Ebd., S. 22

[3] Grünbuch der Europäischen Kommission 2001, S.19

[4] BP Statistical Review of world energy June 2008, S. 22

[5] Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Dezember 2007

[6] BP Statistical Review of world energy June 2008, S. 24-27

[7] Karlheinz Bozem, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 58. Jg. 2008 Heft 4, S. 51-52

[8] Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2. Überprüfung der Energiestrategie, 19.11.2008, S. 4

[9] Ebd. S. 4

[10] Karlheinz Bozem, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 58. Jg. 2008 Heft 4, S. 53

[11] Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2. Überprüfung der Energiestrategie, 19.11.2008, S. 4

[12] Karlheinz Bozem, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 58. Jg. 2008 Heft 4, S. 53

[13] BP Statistical Review of world energy June 2008, S. 30

[14] Karlheinz Bozem, Energiewirtschaftliche Tagesfragen 58. Jg. 2008 Heft 4, S. 50

[15] Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2. Überprüfung der Energiestrategie, 19.11.2008, S. 4

[16] Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Green Paper, 08.03.2006, S. 3

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