Lade Inhalt...

Soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht und die Frage der Intersexualität

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht?
2.1 Geschlechterverhältnis und Geschlechterdifferenz
2.2 Geschlecht Natur oder Kultur
2.3 Sex und Gender
2.4 Geschlechterattribution und Geschlechtersozialisation

3. Intersexualität
3.1 Das Biologische Geschlecht
3.2 Geschlechtliche Norm

4. Wandel im Geschlechterverhältnis

5. Kritische Schlussbemerkung/ Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Die Frage nach dem Geschlecht wirkt zunächst so, als läge die Antwort auf der Hand. „Ein Mann ist ein Mann und eine Frau ist eine Frau“, ist so-mit aber tautologisch und verdient es hinterfragt zu werden. Unsere heuti-ge Gesellschaft, bestimmt durch soziale und kulturelle Konstruktion, Poli-tik, Wissenschaft und Religion die Geschlechterdichotomie. Eine binäre Geschlechtlichkeit ist gegeben und von Geburt an werden Kinder und He-ranwachsende, ihrem Geschlecht „gerecht“ sozialisiert. Mädchen spielen mit Puppen, Barbies, schminken sich und tragen rosafarbene Kleidung. Den Jungen hingegen wird internalisiert, dass „ein Indianer keinen Schmerz kennt“, Handwerken toll ist und Spielzeugautos das „richtige“ Spielzeug für einen Jungen sind. Diese Ansichten sind nur kleine Beispie-le für die soziale Konstruktion von Geschlecht und zeigen, dass das Ge-schlecht auch in unserer Gesellschaft sozialen und kulturellen Stellenwert hat. Demnach scheint es ein gesellschaftlich fundiertes Interesse zu ge-ben, welches Geschlecht ein Individuum hat und einen optionalen dritten Geschlechtseintrag gibt es nicht. Die Frage, ob es allerdings doch mehr als nur diese beiden Geschlechter gibt bleib offen. Diese Hausarbeit ver-sucht der sozialen und kulturellen Konstruktion von Geschlecht nachzuge-hen, betrachtet das Geschlecht vor dem Hintergrund Natur und Kultur, den Gender-Aspekt und schaut auch auf die „Grauzonen“ die sich beispiels-weise bei der Intersexualität finden.

Aufgabe der Anthropologie ist es, einerseits allgemeingültige Wesensbe-stimmungen des Menschen zu liefern und auf der anderen Seite dessen kulturelle Besonderheiten zu definieren, daher bietet sich auch der Aspekt der Geschlechtszugehörigkeit als Diskussion an. Vor dem Hintergrund von kulturellen, sozialen und biologischen Aspekten und der Frage, welchen Einfluss die gesellschaftliche Verortung von Geschlecht bzw. die Ge-schlechterdifferenz auf dieses hat, soll hier nachgegangen werden. Des Weiteren soll Intersexualität als „ Zwischenform“ der Geschlechter be-leuchtet werden, daher gilt es zu klären, in wie weit die kulturell geformte Zweigeschlechterordnung in einen anderen Fokus gelangen kann und auch alternative Geschlechter bestehen. Denn auch in unserer Gesell- schaft werden eben diese alternativen Geschlechter diskutiert. Das erste inhaltliche Kapitel stellt die soziale Konstruktion von Geschlecht dar, be-trachtet das Geschlechterverhältnis und die Geschlechterdifferenz. Des Weiteren wird das Geschlecht als Natur und Kultur Konstrukt beschrieben und dieser Aspekt mit den Sex und Gender Begriffen abgleichen. Zum Ende des ersten Kapitels wird dann die Geschlechterattribution und ge-schlechtsspezifische Sozialisation angerissen um dann im folgenden Kapi-tel, Intersexualität, das biologische Geschlecht und in der westlichen Ge-sellschaft bestehende geschlechtliche Normen zu besprechen. Danach folgt ein Blick auf den bisherigen Wandel im Geschlechterverhältnis und eine krische Schlussbemerkung reflektiert dann nochmals die zu Grunde liegende Fragestellung.

2. Soziale Konstruktion von Geschlecht?

TREIBEL schreibt „das was wir an Frauen-Männer-Beziehungen vorfinden, haben wir selbst gemacht und konstruieren wir täglich neu“ (TREIBEL, 2004, S. 280). Sie stellt hiermit den Geschlechterdualismus und die Ge-schlechterstereotype als soziales Konstrukt heraus. Auf der anderen Seite wird von der Ethnomethodologie, diese Klassifikation von zwei Geschlech-tern (Mann vs. Frau) bezweifelt und die Frage nach Zwischenformen auf-geworfen (vgl., ebd.). Die Frage nach Beziehung zwischen den Ge-schlechtern beantwortet die Anthropologie von zwei, sich aber nicht aus-schleißenden Perspektiven „Geschlecht kann zum einen als symbolisches Konstrukt und zum anderen als Sozialbeziehung verstanden werden“ (MOORE, 1990, S.38). In diesem Kapitel wird der Versuch unternommen, der sozialen und kulturellen Konstruktion von Geschlecht nachzugehen.

2.1 Geschlechterverhältnis und Geschlechterdifferenz

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau war von Anfang an Gegenstand der Anthropologie. Das hierarchische Verhältnis zwischen Mann und Frau beschreibt auch CONNELL.

Familie, Haushalt, sexueller Kodex und Statuszuweisungen findet man bei der Stereotypisierung und Kategorisierung der Geschlechterrollen immer wieder vor, ist aber von der jeweiligen Kultur und sozialen Konstruktion von Geschlecht internalisiert. Der Körper dient als Ort kultureller und so-zialer Interpretation (vgl., MAIHOFER, 1997, S.41). Der Mann, als das han-delnde Geschlecht auf der einen Seite und das schwache weibliche Ge-schlecht auf der anderen Seite, ist ein seit Jahren vorherrschendes Ver-hältnis, welches sich nur äußerst langsam zu wandeln scheint. Frausein und Mannsein hat viele Seiten und nicht alle stehen im Gegensatz zuei-nander. Wie später noch beschrieben wird, sind es nicht nur die femininen oder maskulinen Attribute und Verhaltensweisen, die diesen Unterschied bestimmen, sondern durchaus der jeweiligen Kultur spezifische Begeben-heiten, die das Geschlechterverhältnis ausdrücken. Die beiden Ge-schlechter werden konstruiert. Die Menschen ordnen sich wie selbstver-ständlich der weiblichen oder männlichen Seite zu. In unserer Kultur wird die Zweigeschlechtlichkeit als eindeutig verstanden und in der Regel nicht hinterfragt.

„Das soziale Geschlecht ist eine Art und Weise, in der soziale Praxis geordnet ist. In Geschlechterprozessen wird der alltägliche Lebensvollzug organisiert in Relatio-nen zu einem Reproduktionsbereich, der durch körperliche Strukturen und men-schliche Reproduktionsprozesse definiert ist. Dieser Bereich beinhaltet sowohl se-xuelle Erregung und Geschlechtsverkehr, also auch das Gebären und aufziehen von Kindern, die körperlichen Geschlechtsunterschiede und -gemeinsamkeiten“ (CONNELL, 2000, S. 92).

Im eigenen Lebenslauf erfährt man, wie und auf welche Art und Weise das Geschlechterverhältnis der eigenen Kultur organisiert ist.

Die Unterscheidung, und damit impliziert auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau, ist für heutige Gesellschaften fundamental. Die eindeutige Zuordnung zu einem der beiden Geschlechtern ist ihnen wichtig. Ist diese Einordnung nicht gegeben, wirkt es verunsichernd auf die Menschen (vgl., TREIBEL, 2004, S. 122). In wie weit sich der Aspekt, der eindeutigen Ei-nordnung in die Geschlechterdichotomie, ausweitet und sich geschlechts- spezifische habituelle Eigenschaften herausbilden wird in den nächsten Punkten deutlich werden.

2.2 Geschlecht Natur oder Kultur

Moderne Gesellschaften gehen also von dem Vorhandensein zweier na-türlicher Geschlechter aus. Diese symbolische Zweigeschlechtlichkeit ist allerdings nicht in allen Kulturen zu finden. In Indien beispielsweise herrscht die Jahrtausend währende Tradition des Eunuchentums.1

Allgemeingültig für moderne Gesellschaften kann aber angedeutet wer-den, „dass die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau erst innerhalb fester kultureller Wertesysteme bedeutsam werden, und ein An-satzpunkt, zum Beispiel für die ungleiche Stellung der Geschlechter auf Ebene kultureller Vorstellungen und Symbole gesehen werden kann“ (Moore, 1999, S. 38f). Demnach brachte zwar die „Natur“ offensichtlich eine Unterscheidung zwischen männlich und weiblich hervor, dennoch fühlt die „Kultur“ sich überlegen und bemüht sich zu transzendieren, für ihre Zwecke nutzbar zu machen und zu sozialisieren (vgl., ebd., S.40). Häufig wird in diesem Zusammenhang auch anders assoziiert, dann ist der Mann das Wesen der Kultur und die Frau das Wesen der Natur. Unter diesem Symbolaspekt wird dann deutlich, wie sehr das Geschlecht auch ein soziales Konstrukt ist. Dieses schlägt sich in den sozialen Tätigkeits-feldern nieder. Die Frau gesehen als die Gebärende und der Mann als der Statushöhere und Handelnde. Demnach wird der Frau die häusliche Sphäre und dem Mann der politische Wirkungskreis zugeordnet.

„Das Modell `Häuslichkeit kontra Öffentlichkeit‘ war und ist in der Sozialanthropolo-gie so wichtig, weil es die Möglichkeit bietet, die kulturellen Bewertungen, mit denen die Kategorie `Frau‘ jeweils belegt wird, mit den weiblichen Tätigkeitsfeldern in der Gesellschaft in Beziehung zu setzen“ (ebd., S. 51)

Eine solche Trennung bzw. Zuordnung ist auch in unser Gesellschaft rela-tiv deutlich nachzuvollziehen, allein wenn man sich beispielsweise, das Wahlrecht der Frau ansieht, welches erst 1918 in Deutschland eingeführt wurde um auch das weibliche Geschlecht in das politische Geschehen zu integrieren. Aber auch heute ist z.B. die Geschlechterverteilung in leiten-den wirtschaftlichen und politischen Positionen ausgewogen.

In wie weit sich dieser Natur-Kultur-Vergleich und Mann-Frau-Vergleich wandelt bzw. veränderbar ist, soll im Verlauf dieser Arbeit noch näher dis-kutiert werden und es wird deutlich werden, dass der naturgegebene Kör-per auch durch und durch ein kulturelles Konstrukt ist. Eine spezifische euro-amerikanische Konstruktion der Geschlechterdichotomie trägt zu un-serem Verständnis von dem was Mann und Frau ist bei. Klassifizierung und Attribution, sowie Sozialisationsinstanzen tragen hierzu bei. DE BEAU-VOIR sagt in diesem Zusammenhang, „man kommt nicht als Frau zur Welt sondern wird es“, dieses geschieht stets unter gesellschaftlichem Druck, welcher wiederum nicht vom anatomischen Geschlecht ausgeht (vgl. DE BEAUVOIR, 2007, S. 245 f). Diese Problematik fassen auch die Begriffe Sex und Gender weiter auf und sollen nun dargestellt werden.

2.3 Sex und Gender

Die Begrifflichkeiten „sex" und „gender" (aus dem angelo-amerikanischen stammende Unterscheidung), kann als Hilfestellung zur Unterscheidung von biologischen Geschlechtsmerkmalen einerseits und bisher als ange-borenen betrachteten Verhaltensweisen und Eigenschaften andererseits, angesehen werden.

„Der Begriff ´sex` bezeichnet das biologische Geschlecht, während ´gender` auf die kulturell und gesellschaftlich bedingten Identitätskonzepte verweist, die dem `Männlichen` und dem `Weiblichen‘ zugeordnet werden“ (BUTLER, 1991, S.15)

Davon ausgehend, dass sich die Geschlechterdifferenzen nur aus dem sozialen und kulturellen Geschlecht ergeben, nimmt „soziale Konstruktion von Geschlecht" diesbezüglich an, dass hier nur der „Gender-Aspekt“ (so-zio-kulturell) zum Tragen kommt. So gibt es eine disziplinär verankerte Trennung von Körper und Kultur, demnach Differenzierung nach biologi-schen und kultureller Ausprägung des Geschlechts. (vgl. LANG, 2006, S.27).

„Die (ethnologische) Geschlechterforschung überließ jahrzehntelang sex den Natur-wissenschaften und kümmerte sich nur um gender.

[...]


l Auf Grund des Umfangs dieser Arbeit kann bedauerlicher Weise nicht detaillierter auf diese Thematik eingegangen werden.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640398959
ISBN (Buch)
9783640398478
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133105
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Sozialpsychologie und Sozialanthropologie
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Konstruktion Geschlecht Frage Intersexualität

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht und die Frage der Intersexualität