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Postmoderne Vorstellungen zur Modernisierung: Bruno Latour

Hausarbeit 2008 13 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Abgrenzung des Autors

3. Ontologische Darstellung der Nicht-Moderne

4. Politisches Plädoyer für eine gemeinsame Welt

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Modernisierungstheorien beschreiben und erklären umfassende Transformations-prozesse von ursprünglich traditionellen Gesellschaften. Konstitutive Merkmale der modernen Epoche sind die Rationalisierung, Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaften. Historisch setzen diese Prozesse ab dem 17. Jahrhundert ein, zeitgleich mit der Aufklärung. Da die Thematik des sozialen Wandels grundlegende Fragen auch über die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung stellt, ist das In-teresse der Sozialwissenschaftler an dieser Problematik im Zuge der vergangenen Dekaden nie gesunken. Heute existieren verschiedene soziologische Strömungen nebeneinander, die jeweils der Modernisierung mit unterschiedlichen Thesen und Argumenten gegenübertreten. Als wichtigste sollen an dieser Stelle die reflexive Moderne, die Postmoderne und die Antimoderne genannt werden.

Der französisches Philosoph, Anthropologe und Soziologe, Bruno Latour ist einer der umstrittenen Kritiker der klassischen Moderne. Er kritisiert ihre Postulate und unterbreitet in seinen Werken abstrakte und komplexe Modernisierungsvorschläge. Als verhängnisvollen Ursprung der Moderne nennt er den modernen Dualismus, die Große Trennung von Natur und Kultur, und die daraus resultierende Repräsenta-tionsregime Natur/Gesellschaft und Wissenschaft/Politik (vgl. Pick 2003:24). Mit transdisziplinärer Methodik entwickelt er eine These über die Existenz und Rolle von Mischwesen, die sich zwischen den konstruierten und sich bedingenden Extremen von Natur und Kultur ausbreiten. Seine Philosophie verfolgt dabei den Zweck Mensch und Natur miteinander zu versöhnen und wieder zu vereinen, indem er die klassischen und tradierten Dichotomien der Moderne sprengt (vgl. Jonas 2000:4). Seine radikale Schlussfolgerung wir seien nie modern gewesen dient als Ausgangs-punkt der folgenden Erörterung. Weil Bruno Latour komplexe Gedankengänge ausführt, kann seine Logik nur durch basale Fragen angenähert werden. So lauten die vereinfachten Fragestellungen: Welche Bedeutung hat die Moderne bei Latour? Warum sind wir, ihm zufolge, nie modern gewesen? Welche Weltanschauung liegt Latours Ausführungen zugrunde? Um mit gezielten Vorkenntnissen direkt in die Argumentation Latours einzusteigen, wird zunächst versucht sein Gedankengut aus soziologisch-philosophischer Perspektive in eine distinkte Strömung einzuordnen.

2. Abgrenzung des Autors

Weil Bruno Latour die Grundannahmen der klassischen Moderne konsequent in Frage stellt, wird sein Denken häufig dem radikalen Zweig der Postmoderne zuge-ordnet. Er selbst wehrt sich jedoch gegen die Etikettierung „post-modern“, da er nicht nur die Prämissen der Moderne in Frage stellt, sondern ebenfalls die einzelnen Stränge der postmodernen Kritik (Naturalisierung, Sozialisierung, Diskursivierung) angreift (vgl. Pick 2003:34, vgl. Latour 1991:13). Die Postmoderne sei ein Symptom und keine Lösung. Sie glaube zwar nicht mehr an die Garantien der modernen Ver-fassung, aber sie lebe nach wie vor unter jener Ordnung der Dinge. Dies bedeutet, dass sie die Epocheneinteilung der Moderne akzeptiert und jede empirische Arbeit als Illusion und enttäuschenden Szientismus verwirft (vgl. Latour 1991:65).

Latour verabschiedet sich von dem universellen Glauben der Modernen, in dem er die Paradoxen der modernen Verfassung aufzeigt und auf die Existenz von Hybri-den aus Natur und Kultur, oder anders formuliert, aus Werten und Tatsachen, verweist. Er bemängelt, dass seit der Aufklärung von Kant, über Hegel bis Haber-mas, der menschliche Geist stets weiter von der Natur entfernt worden ist (vgl. Pick 2003:24). Zweifellos integriert er vormodernes Gedankengut in seine Welt­anschauung und er versucht mittels einer symmetrischen Anthropologie die Einheit von Natur und Kultur neu herzustellen. Zwischen Realismus und Konstruktivismus schlägt Latour einen dritten erkenntnistheoretischen Weg ein, in dem er den Begriff der Nicht-Moderne oder Hyper-Moderne für sich beansprucht (vgl. Hagner 2006:129). „ Nicht modern ist, wer sowohl die Verfassung der Modernen berück-sichtigt als auch die Populationen von Hybriden, die sich unter dieser Verfassung ausbreiten, aber von ihr verleugnet werden “ (Latour 1991:66).

Seine ontologische Auseinandersetzung mit der Welt und seine epistemologischen Überlegungen reihen sich in den breiten Strom der Kritik an die cartesisch-kantische ausdifferenzierte Moderne ein (vgl. Dirmoser 2004:1). Latour steht ebenfalls in der Tradition von Leibniz, die er von seinem geistigen Mentor Michel Serres und dem französischen Philosophen Gilles Deleuze übernommen hat: Subjekte und Objekte sind nicht zwei separate Pole, sondern komplementäre Produkte (vgl. Farshim 2002:172). Der Fehler der Modernen bestünde darin die Bedeutung der Misch-wesen bewusst unterschätzt, und sie immer erneut in Natur oder Gesellschaft auf-gespaltet zu haben (vgl. Latour 1991:50). Seine These über die Hybridisierung ist das Herzstück seiner Ausführungen, insbesondere seiner Akteur-Netzwerk Theorie

(ANT), die er zusammen mit Michel Callon entwickelt hat (vgl. Weber 2001: 50). Hervorzuheben ist, dass Latour keine Theorie per se entwickelt, sondern viel mehr eine Methode herauskristallisiert, die aufgrund ihres experimentellen Charakters teilweise an die Ethnomethodologie Harold Garfinkels zu erinnern vermag (vgl. Latour 2001:66 ).

3. Ontologische Darstellung der Nicht-Moderne

Dem latourschen Verständnis nach, kommt dem Begriff modern eine besondere Bedeutung hinzu. Er ist doppelt asymmetrisch, weil er erstens einen Bruch im regel-mäßigen Zeitverlauf kristallisiert und somit ein neues Regime aufkommen lässt, und zweitens, einen Kampf charakterisiert, in dem es Sieger und Besiegte gibt, Alte und Moderne. Darüber hinaus, stellt Latour die Hypothese auf, dass das Wort modern zwei völlig unterschiedliche Ensembles von Praktiken umfasst: die Übersetzungs-und die Reinigungsarbeit (vgl. Latour 1991:18f).

Das Ensemble der Übersetzung umfasst alle Interaktionen und Prozesse, die Netze oder Netzwerke von Mischwesen aus Natur und Gesellschaft, so genannte Hybriden oder auch, in Anlehnung an Michel Serres, Quasi-Objekte genannt, herausbilden (vgl. Farshim 2002:171). Die Reinigungsarbeit hingegen säubert die diffusen Konstrukte, indem sie zwei ontologisch klar getrennte Zonen von Menschen und nicht-menschlichen Wesen schafft, Objekte und Subjekte. Gemäß der modernen Verfassung müssen diese Ensembles von Praktiken klar geschieden bleiben. Beide Praktiken werden zwar immer eingesetzt, jedoch stets separat voneinander be-trachtet und gesondert repräsentiert. Für Latour ist dies besonders problematisch, weil beispielsweise die Reinigungsarbeit völlig leer und überflüssig wäre, wenn es zuvor keine Übersetzungsarbeit gegeben hätte. Dennoch schweigt sich die Moderne über diese Vermittlungspraxis aus (vgl. Latour 1991:19f). „ Nicht die Strategien der Reinigung definieren das Wirkliche, sondern die unzähligen Formen ihrer Ver-mittlung “ (vgl. Dirmoser 2004:1).

Die moderne Verfassung ist aus weiteren Gründen paradox. Gesellschaften wären beispielsweise ohne die Übersetzungs- und Reinigungsarbeit instabil, denn beide Praktiken schaffen ein Band, das die Gesellschaft zusammenhält (vgl. Pick 2003: 29). Indem die Modernen sich verbieten die Hybriden zu denken, zeitigen sie umso mehr ihre Kreuzung unterhalb der Oberfläche (vgl. Latour 1991:20). Anders ausge-drückt bedeutet dies, dass je weniger die Modernen die Hybriden denken, in umso größeren Unmengen produzieren sie sie (vgl. Farshim 2002:173). Die reinen Pole verschmelzen, ein Reich der Mitte spannt sich auf, und die Reinheitsgarantie der modernen Verfassung zerbröselt. Der Grund, weswegen die Modernen sich weigern diesen Ort der Mitte zu konzeptualisieren, ist darauf zurück zu führen, dass er ihren konstitutionellen Rahmen und ihre Logik sprengen würde. Da aber die Hybriden all-täglich real sind, schlägt Latour vor die horizontale, eindimensionale moderne Achse mit einer vertikalen Achse zu koppeln, die die Reinigungs- und Übersetzungspraxis gleichermaßen berücksichtigt. Dadurch erhalten die Hybriden einen legitimen Platz in Latours konzipierter Welt, die sich stark an die Vormoderne anlehnt (siehe Abbild 1). Gemeint ist damit, dass Latour die Unfähigkeit der Vormodernen bewahrt zwi-schen reinen Polen und Netzen zu differenzieren, und er sich wie die Vormodernen weigert Dinge und Zeichen voneinander zu trennen (vgl. Latour 1991:178f).

Abbildung 1: Die Reinigungs- und Vermittlungspraxis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: vgl. Latour 1991: 70

Unterhalb der horizontalen Achse bilden die Hybriden einen fruchtbaren Sumpf, nämlich diffuse soziotechnische Netzwerke unterschiedlicher Größe. In ihnen treffen Natur und Gesellschaft, Menschen und Dinge aufeinander, die in Verhandlung mit-einander treten. Die Übersetzungsarbeit, die innerhalb des Netzwerkes stattfindet, garantiert die Kommunikation und Anschlussfähigkeit der Hybriden, wodurch ihre Vermehrung ermöglicht wird. Durch diesen Prozess stabilisieren sich die Netze wie-der (vgl. Jonas 2000:5). Hybriden sind darin sowohl Agenten, die interagieren und somit einen Handlungsstatus erhalten, der üblicherweise nur Menschen zuge-sprochen wird, als auch das Resultat einer Netzwerkbildung (vgl. Bammé 2004:133).

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Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640397600
ISBN (Buch)
9783640398003
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133208
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Postmoderne Vorstellungen Modernisierung Bruno Latour

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