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Peter Hacks´ Drama 'Die Sorgen und die Macht' und die darin bearbeiteten gesellschaftlichen Fragestellungen

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Peter Hacks (1928 – 2003) – eine biographische Skizze

3. Das Drama „Die Sorgen und die Macht“ im Überblick
3.1. Kurzer Abriss der Handlung
3.2 Wirkungsgeschichte des Dramas
3.3. Zur Problematik des „Bitterfelder Weges“

4. Gesellschaftliche Fragestellungen im Stück
4.1. Ökonomische Fragen im Übergang von kapitalistischer zu sozialistischer Produktionsweise
4.2. Schwierigkeiten der Planung
4.4. Klassenbewusstsein und Übergangsgesellschaft
4.6. Produktionsverhältnis und Geschlechterverhältnis

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Peter Hacks` Theaterstück „Die Sorgen und die Macht“ produzierte Anfang der 1960er Jahre einen Theaterskandal, der sich im Wesentlichen um die Behandlung der gesellschaftlichen Widersprüche in der DDR und den politisch-künstlerischen Umgang mit diesen drehte. Während Hacks´ Haltung der DDR gegenüber als bürgerlich und seine Charakterisierung der Figuren im Stück als scheindialektisch charakterisiert wurde, nahm die westdeutsche Literaturkritik dies abwechselnd und je nach politischem Standort zum Anlass, entweder „Die Sorgen und die Macht“ eine fundamentalkritische Brisanz zu unterstellen, die der Autor zumindest so nicht beabsichtigt hatte, oder in Häme zu verfallen ob der offensichtlichen Unfähigkeit der SED-Führung, ein Theaterstück als konstruktiv-kritisch den Aufbau des Sozialismus begleitend und bejahend zu akzeptieren, dessen Autor keinen Zweifel an seiner der DDR positiv gegenüberstehenden politischen Haltung gelassen hatte. Im Folgenden soll nun weniger den ästhetischen Besonderheiten des Stückes nachgegangen, als vielmehr untersucht werden, wie Hacks die gesellschaftliche Situation der DDR dramatisch behandelt und welche Charakterisierung dabei die Partei, das Klassenbewusstsein, die Schwierigkeiten der Planung und die Vorstellung des Kommunismus erhalten. Aus dieser Untersuchung soll sich eine Einschätzung ableiten lassen, ob Hacks den eigenen, aus der Rezeption des wissenschaftlichen Sozialismus und dem Selbstverständnis eines kommunistischen Autors im Umwälzungsprozess einer Gesellschaft hin zum Sozialismus entstehenden, Anforderungen an einen sozialistischen Begriff von den Aufgaben der Literatur entspricht.

2. Peter Hacks (1928 – 2003) – eine biographische Skizze

Als Sohn eines antifaschistischen Elternhauses verbrachte Hacks seine Kindheit und Jugend bis 1944 in Breslau und versuchte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, sich dem Kriegsdienst zu entziehen, wobei er in die Gefangenschaft der Waffen-SS geriet und nur mit Glück überlebte. Nach Kriegsende und Abitur in Wuppertal studierte und promovierte er in München, wo er dann auch von 1951 bis 1955 als Schriftsteller lebte. Er knüpfte von dort aus Kontakt mit Bertolt Brecht. Schließlich fragte er bei Brecht an, ob es ratsam sei, in die DDR zu ziehen. Dieser jedoch fühlte sich dadurch, wie Werner Mittenzwei schreibt, in eine „fürchterliche Situation gebracht“:

„So sehr er die DDR als ein Land verstand, in dem eine neue menschliche Produktivität freigesetzt wurde, , den besten Platz für einen jungen eigenwilligen Dramatiker sah er derzeit in der DDR nicht. Kaum in einem anderen Brief hat sich Brecht so gewunden und 'diplomatisch' ausgedruckt, wie in dem an Peter Hacks vom 15. Januar 1952: 'Gute Leute sind überall gut (und können überall besser werden).' Im Klartext hieß das, er riet ihm ab, in die DDR überzusiedeln. Es spricht für Hacks, daß er dennoch kam.“[1]

Erst 1955 übersiedelte Hacks in die DDR und ließ sich in Berlin nieder, wo er zunächst für das Berliner Ensemble arbeitete. Eine ständige Zusammenarbeit zwischen ihm und Brecht ergab sich allerdings nicht, was offenbar in erster Linie an Hacks lag, dessen Arbeitrsweise und persönliche Autonomieansprüche sich schlecht mit der Absorbierung durch Brecht und das Ensemble vertrugen. Ab 1960 arbeitete Hacks dann als Dramaturg am Deutschen Theater, an dem auch mehrere seiner Stücke aufgeführt wurden. Mit dem Intendanten Wolfgang Langhoff, der neben seiner Theaterarbeit auch hohes Ansehen als antifaschistischer Widerstandskämpfer und Autor des autobiographischen Berichts „Die Moorsoldaten“ genoss, kam es zu einer produktiven Kooperation. Als die Inszenierung seines Stückes „Die Sorgen und die Macht“ 1962 scharfe Kritik und politische Verurteilung der SED auslöste, gab Hacks 1963 seine Stellung auf und lebte von da an wieder als freischaffender Schriftsteller, zumal der scharfe Verriss durch die Partei, die Wolfgang Langhoff immerhin seine Stelle gekostet hatte, nicht etwa seine sonstige literarische Arbeit oder die Aufführungen seiner weiteren Stücke gefährdete.

Das Verhältnis der DDR zu Hacks blieb allerdings widersprüchlich. Hacks wurde von vielen Funktionären und Dichterkollegen auch weiterhin und vor allem im Zuge der Hacksschen Entwicklung hin zur „sozialistischen Klassik“ als „bürgerlicher“ bzw. „aristokratischer“ Dichter wahrgenommen, zugleich aber wurde seinen literarischen Erfolgen Anerkennung gezollt und seine Außenseiterrolle im Literaturbetrieb der DDR wurde anerkannt: 1964 – also recht kurz nach dem Skandal um „Die Sorgen und die Macht“ - wurde er in das P.E.N.-Zentrum der DDR gewählt, 1972 dann in die Akademie der Künste der DDR, 1974 wurde ihm der Nationalpreis der DDR zweiter Klasse und drei Jahre später derselbe erster Klasse verliehen. Er hielt sich mit Artikulationen seiner politischen Haltung nicht zurück: So begrüßte er 1976 in einem Artikel in der „Weltbühne“ die Ausbürgerung Wolf Biermanns und wurde als Reaktion darauf von vielen Vertretern des westlichen Kunstbetriebs scharf angegriffen und boykottiert.

Der Untergang und Anschluss der DDR war für Hacks, der diesen als historische Niederlage ansah, im Gegensatz zu zahlreichen Autoren und Künstlern kein Grund, von seiner kommunistischen Überzeugung Abstand zu nehmen. 1991 erklärte er seinen Austritt aus der Akademie der Künste und weigerte sich, am Kulturbetrieb des vereinigten Deutschland teilzunehmen. Gegen Ende der 1990er Jahre trat er vor allem in linken Szenepublikationen wie „Konkret“ wieder verstärkt in Erscheinung. Hacks starb im Jahr 2003 in Groß-Machnow bei Berlin.

3. Das Drama „Die Sorgen und die Macht“ im Überblick

3.1. Kurzer Abriss der Handlung

Eine Brikettfabrik liefert – weil als Kriterium für die Erfüllung des Plans die Quantität der Produktion allein entscheidend ist – massenhaft schlechte und für ihre Abnehmer unbrauchbare Briketts an die benachbarte Glasfabrik. Diese muss damit arbeiten, kann es jedoch nicht wegen der schlechten Qualität. Das Ergebnis und damit Ausgangspunkt des Stücks ist, dass die Arbeiter, die die Schundware produzieren, Prämien erhalten, während die Kollegen von der Glasfabrik unterdurchschnittlich viel verdienen. Die Lösung des Widerspruchs wird eingeleitet dadurch, dass sich der Brikettarbeiter Max Fidorra in die Glasarbeiterin Hede Stoll verliebt und ihr zuliebe – nicht etwa aus Einsicht in das gesamtgesellschaftlich ökonomisch Notwendige - dafür sorgt, dass sein Betrieb bessere Briketts produziert. Dadurch entsteht zunächst ein neuer Widerspruch, die Umkehrung des bisherigen, denn jetzt verdienen die Glasarbeiter gut, weil sie mit guten Briketts arbeiten können, während die Brikettarbeiter darben, weil sie hervorragende und entsprechend wenige Briketts produzieren. Doch auch dieser Widerspruch wird schließlich gelöst durch eine technische Verbesserung, die sowohl Qualität als auch Quantität ermöglicht.

Diese Handlung ist nicht rein fiktiv, sondern geht auf reale Debatten über die Widersprüche in der Produktivkraftentwicklung der DDR zurück, genauer: auf einen Leserbrief Brandenburger Stahlwerker, der am 26.2. 1958 im Neuen Deutschland erschien. Diesem entnahm Hacks den Grundkonflikt seines Stückes und stellt dabei den ökonomischen Widerspruch in eine Wechselwirkung mit den persönlichen Verhältnissen seines Helden, des Brikettarbeiters Max Fidorra.[2]

3.2 Wirkungsgeschichte des Dramas

Während der westdeutsche Literaturbetrieb die Literatur als Ware und ansonsten individualisiertes Kulturgut betrachtet, sah die SED in der Literatur und nicht zuletzt im Theater eine erhebliche Ressource, die zum Aufbau des Sozialismus beitragen konnte und auch sollte. Diese Bedeutung, die der Kultur beigemessen wurde, spiegelte sich durchaus auch im Selbstverständnis eines großen Teils der Autoren wider, wie im Fall Hacks´ die zum Teil aus eigenem Antrieb erfolgte, zum Teil jedoch auch durch ungünstige Kritiken erzwungene Umarbeitung von "Die Sorgen und die Macht" zeigte. Das Stück konnte nach einer ersten Aufführung in Senftenberg 1960 erst zwei Jahre später in einer mehrmals überarbeiteten Fassung in Berlin gespielt werden..Trotz erster positiver Kritiken und beträchtlichem Erfolg bei den Theaterzuschauern wurde das Stück plötzlich abgesetzt und es begann eine Kampagne der SED gegen Hacks und führende Theaterleute wegen angeblicher 'Verunglimpfung der führenden Rolle der Arbeiterklasse'.

Zu grau in grau sei das Bild der Gegenwart und eine Beleidigung der Arbeiterklasse. Ulbricht, auf den Hacks in durchaus positiver Weise den Titel seines Stückes gemünzt hatte, schätzte ein, dass hier die "dramaturgische Meisterschaft" noch nicht erreicht ist und dass eine kleinbürgerliche Auffassung vom Sozialismus zu einem falschen Bild vom wirklichen Leben führt.

„Der junge Autor müsse lernen, der Regisseur an sich arbeiten. Der Kulturfunktionär Kurella spricht Klartext: Wenn Parteimitglieder nach jahrelangen, mit Geduld geführten Überzeugungsversuchen auf ihrem Standpunkt beharren, dann kommt einmal der Augenblick, wo man daraus Konsequenzen ziehen und sich von ihnen trennen muss. Dazu kommt es nicht. Denn, wie Wolfgang Langhoff in seiner Selbstkritik vor dem Politbüro sagt, sein ganzes Sinnen und Trachten, seit er ein bewusstes Leben lebt, war seiner Partei gewidmet. Er unterwirft sich, bezichtigt sich, verrät sich. Langhoff muss als Intendant gehen. Hacks verliert seine Stelle als Dramaturg und Hausautor des Deutschen Theaters.“ [3]

3.3. Zur Problematik des „Bitterfelder Weges“

Bereits seit Mitte der 1950er Jahre war versucht worden, die Rolle der Schriftsteller und Kulturschaffenden beim Aufbau des Sozialismus neu zu definieren und die Verbindung von Literatur und Arbeiterklasse enger werden zu lassen. Waren etwa aus den Arbeiter- und Bauernfakultäten, dem Versuch, Angehörigen der Arbeiterklasse den Zugang zu Abitur und Studium zu ermöglichen und das Bildungsprivileg der bürgerlichen Klasse zu brechen, Autoren wie Hermann Kant hervorgegangen, so wurde mit dem Bitterfelder Weg noch einen Schritt weitergegangen, indem der Anspruch formuliert wurde, dass Literatur sich auf die realen Produktionsbedingungen einzulassen habe, und zugleich Arbeiterinnen und Arbeiter ermutigt wurden, literarisch produktiv zu werden. Beschlossen wurde das Programm bei der 1. Bitterfelder Konferenz 1959. Literaturzirkel, Arbeitertheater und andere Einrichtungen wurden gegründet. Insgesamt war das Ergebnis eher schwach, nur wenige Autoren, die sich als solche längerfristig etablierten, kamen aus dieser Bewegung.

[...]


[1] Mittenzwei 1997, Bd.2, S. 602f)

[2] Vgl. Jäger 1986, S. 1

[3] Knauth 2001

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640399123
ISBN (Buch)
9783640398621
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133234
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Peter Hacks´ Drama Sorgen Macht Fragestellungen

Autor

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Titel: Peter Hacks´ Drama 'Die Sorgen und die Macht' und die darin bearbeiteten gesellschaftlichen Fragestellungen