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Krankensalbung in der Seelsorge

Examensarbeit 2009 49 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Von der Seelsorge zur Krankensalbung
2.1. Zum Begriff der Seelsorge
2.2. Krankenhausseelsorge – Der Raum der Krankensalbung
2.3. Krankheit und Kranksein
2.3.1. Krankheit in der Bibel
2.3.2. Das Erleben von Krankheit heute
2.3.2.1. Interne Erlebniswelt
2.3.2.2. Externe Erlebniswelt
2.3.2.3. Seelsorge und Krankheit
2.4. Relevanz der Leiblichkeit – Relevanz der Krankensalbung I

3. Von der Krankensalbung zur Seelsorge
3.1. Salbung in der Bibel
3.1.1. Salbung im Alten Testament
3.1.2. Salbung im Neuen Testament
3.1.3. Die Krankensalbung in Jak 5,14-16
3.2. Kirchengeschichtliche Entwicklung der Krankensalbung
3.3. Die gegenwärtige Praxis der Krankensalbung
3.3.1. Krankensalbung in der römisch-katholischen Kirche
3.3.2. Krankensalbung in der orthodoxen Kirche
3.3.3. Krankensalbung in der anglikanischen Kirche
3.3.4. Krankensalbung in der evangelischen Kirche
3.4. Krankensalbung als Leibsorge
3.4.1. Das sinnliche Erleben
3.4.1.1. Haptisch
3.4.1.2. Olfaktorisch
3.4.2. Das rituelle Erleben
3.4.2.1. Die Krankensalbung als Ritual
3.4.2.2. Bemerkungen zur Praxis der Krankensalbung
3.5. Relevanz der Leiblichkeit – Relevanz der Krankensalbung II

4. Fazit – Krankensalbung und Seelsorge

5. Ausblick – Die Neuentdeckung der Krankensalbung

6. Anhang

I. Formalia

II. Abkürzungsverzeichnis

III. Literaturverzeichnis
a. Quellen und Hilfsmittel
b. Monographien
c. Aufsätze in Zeitschriften
d. Aufsätze in Sammelbänden
e. Lexikonartikel
f. Elektronische Medien

1. Einleitung

„Die evangelische Kirche entdeckt einen alten biblischen Brauch wieder: Die Salbung mit Öl.“[1]

Dieser erste Satz eröffnet die Ausführungen zur Salbung in der Handreichung der NEK und zeigt auf, dass die Salbung mit Öl keine Selbstverständlichkeit in der evangelischen Kirche darstellt. Weiter gibt die Handreichung Informatio-nen zur Entwicklung und Anwendung der Salbung. Sie beschränkt sich jedoch auf das Wesentliche und behandelt die Salbung im Allgemeinen. In dieser Ausarbeitung soll es speziell um die Krankensalbung im Kontext der Seelsor-ge und um die Fragen, die der o.g. Satz impliziert, gehen: Es soll geklärt wer-den, was unter dem „alten biblischen Brauch“ zu verstehen ist und warum dieser durch die evangelische Kirche erst wieder „entdeckt“ werden muss. Dazu stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit des Brauches, also der seel-sorglichen Relevanz.

Die Arbeit setzt sich aus drei Teilen zusammen: Um aufzuzeigen, dass die Krankensalbung aus der Seelsorge heraus eine Begründung erhält, beschäftigt sich der erste Teil „Von der Seelsorge zur Krankensalbung“ mit den Begriffen der Seelsorge und der Krankheit. Dabei soll die Relevanz der Leiblichkeit in der Seelsorge aufgezeigt werden. Der zweite Teil „Von der Krankensalbung zur Seelsorge“ geht den umgekehrten Weg und entwickelt aus der Geschichte und dem Verständnis der Krankensalbung die seelsorgliche Notwendigkeit. Auch hier wird abschließend wieder der Aspekt der Leiblichkeit hervorgeho-ben. Der dritte Teil beinhaltet die Zusammenfassung und die abschließenden Gedanken.

Da der Umfang dieser Ausarbeitung begrenzt ist, können nur ausgewählte Themenbereiche behandelt werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Kranken-hausseelsorge,[2] daher kann nicht explizit auf Salbungsgottesdienste oder auf die Situation von kranken Menschen zu Hause eingegangen werden.[3] Zudem wird die Salbung für Tote nur im Zusammenhang mit der kirchengeschichtli- chen Entwicklung behandelt, da zum einen in dieser Arbeit eindeutig die Kranken salbung im Vordergrund steht, zum anderen eine Abgrenzung bzw. Ausdifferenzierung zu einer Totensalbung die Aufgabe einer eigenständigen Ausarbeitung wäre, um diesem sensiblen Thema gerecht zu werden.

2. Von der Seelsorge zur Krankensalbung

Um aufzuzeigen, dass die Krankensalbung seelsorgliche Relevanz besitzt, ist es notwendig, die Voraussetzungen für diese These zu erörtern. Zum einen muss geklärt werden was unter ‚Seelsorge’ zu verstehen ist und zum anderen muss der Raum für die Krankensalbung in der Seelsorge beschrieben werden. Dieser findet sich in der Krankenseelsorge, die dann in Kranken haus seelsorge präzisiert wird. Weiter ist der Begriff ‚Krankheit’ zu erörtern, indem das Krankheitsverständnis in der Bibel dem von heute gegenübergestellt wird. Die Erläuterungen zu den internen und externen Erlebniswelten von kranken Men-schen im Krankenhaus geben Aufschluss darüber, in welchem Kontext eine mögliche Krankensalbung stattfände. Ohne schon näher auf die Salbung ein-zugehen, wird 2.4. die positiven Aspekte der Krankensalbung vorwegnehmen, die sich allein aus der Situation der kranken Menschen begründen lassen.

2.1. Zum Begriff der Seelsorge

Der Begriff ‚Seelsorge’ hat einen säkularen Ursprung, ist aber im heutigen Sprachgebrauch auf eine kirchliche Praxis bezogen. Dieser kirchliche Bezug findet sich schon bei Basilius von Caeserea und hat durch Martin Luthers Gebrauch „zentrale Bedeutung für die kirchl. Amtspraxis erlangt“[4]. Beach-tenswert ist der platonische Einfluss, der durch seinen Dualismus die Unter-scheidung zwischen ‚Seelsorge’ und ‚Leibsorge’ zu verantworten hat.[5]

Neben den konfessionell bedingten unterschiedlichen Gebräuchen des Seel-sorgebegriffs von der cura animarum generalis und der cura animarum speci-alis, ist eine Differenzierung in die intentionale Seelsorge, die funktionale Seelsorge und die dimensionale Seelsorge hilfreich,[6] da es den Seelsorgenden helfen kann, sich bewusst zu machen, dass ihre seelsorgliche Arbeit in ver-schiedenen Dimensionen stattfindet. Die Reflexion darüber, ob das vereinbarte Gespräch andere Vorgehensweisen erfordert als das seelsorgliche Handeln innerhalb eines Kasus oder als integraler Bestandteil, wie etwa in Predigt oder Unterricht, ist notwendig, um eine veritable und profilierte Konzeption zu entwickeln.

Auch wenn Seelsorge aus einer Veranlassung heraus geschieht, ist noch nicht geklärt, was Seelsorge eigentlich ist. Neben den landläufigen, deutlichen Vor-stellungen über eine Definition ist in der Poimenik die Begrifflichkeit diffus.[7] Da Seelsorge nicht nur Gespräch bedeutet – und falls doch, dann ist die Frage wie ein Gespräch seelsorglich qualifiziert ist[8] – erfordert es zum einen, Seel-sorge als Konstrukt zu betrachten und zum anderen, eine inhaltlich weite Defi­nition zu verwenden: „Seelsorge ist christliche Unterstützung der Lebensges-taltung.“[9] Dadurch wird Seelsorge nicht nur dimensional beschrieben, sondern auch gefordert. Vorteil kann hier beim initialen Gebrauch der Seelsorge sein, dass sie sich immer an der dimensionalen Beschreibung verifizieren lässt, also einer Kontrollfunktion gleichkommt.

Werden die verschiedenen Handlungsfelder[10] in der heutigen Seelsorgepraxis betrachtet, so erscheint es wenig überraschend, dass die Konzeptionen und Methoden mindestens genauso vielseitig sind. Zwar spiegelt sich in einer Viel-zahl der Ansätze die Idee der Seelsorgebewegung[11] wider, es kann jedoch nicht von einer aktuellen übergreifenden konzeptionellen Strömung gesprochen werden. Neben Einflüssen aus der Psychologie und der Soziobiologie haben die gegenwärtigen Konzepte die Tendenz sich auf Schwerpunkte zu verlagern und erheben daher keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit; Seelsorge ist „unübersehbar pluralisiert“[12]. Die Konzepte bewegen sich z.T. in einer eindeu- tigen Thematik, so z.B. die Interkulturelle Seelsorge oder die Feministische Seelsorge, z.T. aber auch in einer Alltagswahrnehmung, in der die Biografie, die Lebensgeschichte als Erzählung seelsorgliche Relevanz erhält. Die Kon-struktion bzw. die Rekonstruktion von Lebensgeschichte kann und sollte dann Aufgabe von Seelsorge werden.

Krankheit ist schon paradigmatisch als Lebenskrise zu beschreiben, gilt und galt in verschiedenen Gesellschaften als außerordentlich und wird subjektiv als Grenzerfahrung wahrgenommen.[13] Soll Seelsorge Rekonstruktion von Le-bensgeschichte sein, so muss auch der Umgang in der Krise der Krankheit rekonstruktionell wirken; sie sollte aktiv bei der Lebensgestaltung helfen. Dass dies durch das Gespräch möglich ist, kann und soll nicht negiert werden. Den-noch ist aktive Gestaltung ‚nur’ durch Gespräch möglicherweise nicht ausrei-chend. Zumindest soll die These aufgestellt werden, dass zusätzliche rituali-sierte und/oder leibliche Aspekte in der Seelsorge eine tiefere emotionale Wir-kung hervorbringen. Außerdem sollte Seelsorge als Hilfe zu]r christlichen Le-bensgestaltung auch stets das Evangelium verkünden; sie muss neben Bera-tung auch Kerygma sein, denn „Beratung wird nicht mehr als Kommunikati-onsform des Evangeliums verstanden, ist in dieser Sicht kein im Wesen der communio sanctorum veranketer Lebensvollzug mehr.“[14]

Um die Relevanz von den Möglichkeiten einer Krankensalbung, die eine Form der aktiven Gestaltung von Lebensgeschichte sein kann, aufzuzeigen, ist es nötig den Ort der Krankensalbung zu beschreiben. Die Krankensalbung ist Teil der Seelsorge im Allgemeinen und Teil der Krankenseelsorge im Speziellen. In den nächsten Abschnitten soll die Krankensalbung ihre prinzipielle Begrün-dung aus der Seelsorge bzw. aus der Krankenseelsorge erhalten. Es wird dar-um gehen, aufzuzeigen, dass Leiblichkeit relevant für die Seelsorge ist und dass Seelsorge auch Leibsorge sein kann. Die Krankensalbung steht dann pa-radigmatisch für eine Seelsorge, die biblisch ihre Begründung und Ursprüng-lichkeit hat und grundlegenden menschlichen Bedürfnissen nachkommt.[15]

2.2. Krankenhausseelsorge – Der Raum der Krankensalbung

Die Sorge für die Kranken ist elementar innerhalb jeglicher Seelsorgekonzep-tion. So geht Doris Nauer in „Seelsorgekonzepte im Widerstreit“[16] innerhalb jeder vorgestellten Konzeption auf das „Menschenbild und Krankheitsver-ständnis“ ein. Die Krankensorge ist biblisch begründet (z.B. Mt 25,31-46) und war von Anfang an besondere Aufgabe in den christlichen Gemeinden. In der weiteren geschichtlichen Entwicklung veränderte sich mit fortschreitenden wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen auch der Umgang mit Krankheit. Dies kann an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden.[17] Ich möchte jedoch einige Punkte zu dieser Thematik hervorheben. Zum einen richtete sich in den frühen christlichen Gemeinden die Sorge um die Kranken auf alle Menschen, da aus dem christlichen Liebesverständnis heraus auch alle Menschen als Geschöpfe Gottes zu bezeichnen sind. Diese Fürsorge schlug sich in den konstitutiven Elementen der Krankenseelsorge nieder: Gebet, Sal-bung, Beichte und Sündenvergebung. Weiter erscheint es m.E. wichtig zu betonen, dass die Erwartung in der Mitte des 19. Jh. alle kranken Gemeinde-mitglieder zu besuchen und die zu einseitig kerygmatische Haltung der Seel-sorgenden „zu einer weitgehenden Beziehungslosigkeit in der Krankenseelsor-ge“[18] führten, welche wiederum eine „Neuordnung der Seelsorge“[19] in der zweiten Hälfte des 20. Jh. hervorrief und letztendlich mit den Besonderheiten des Krankenhauses zusammen zu einer Spezifizierung des Begriffes ‚Kran-kenseelsorge’ hin zum Begriff ‚Krankenhausseelsorge’ führte. Die Begleitung der Kranken wurde vor die Verkündigung gestellt, so dass dahingehend eine spezielle Qualifizierung nötig wurde.[20] Außerdem sollte sich die Seelsorge nicht mehr allein auf den kranken Menschen beziehen, sondern auch auf das Personal der Klinik bis hin zum ganzen System der Klinik hinsichtlich ihres „Betriebsklimas“.[21]

Dies bedeutet, dass Krankenseelsorge heute einen festen Ort und Raum hat: Das Krankenhaus und das Krankenzimmer. Das heißt nicht, dass Krankenseel-sorge ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, denn nicht jeder kranke Mensch muss oder will im Krankenhaus behandelt werden. Dennoch ist die Spezialisierung in Hinblick auf erkrankte Menschen ein wichtiges gesell-schaftliches Merkmal, dem die Kirche und insbesondere die Seelsorgenden Rechnung zu tragen haben. Außerdem zeigt sich gerade im Kontrast zu der wissenschaftlichen, hochkomplexen und nach Effizienz arbeitenden Institution Krankenhaus die besondere Aufgabe der Seelsorge sowie ihre Besonderheit an sich. So sind in dieser Hinsicht ihre Aufgaben, die Patienten vor Vernachlässi-gung (z.B. bei Informationsdefiziten) zu schützen, die Gefühlsarbeit in Bezie-hung zu pflegerischem und ärztlichem Personal immer wieder zu stärken und zu einem zweckfreieren Umgang in den zu funktionierenden Abläufen zu wir-ken.[22]

Dennoch soll die Verkündigung (s.o.) nicht außer Acht gelassen werden. Klessmann insistiert zu Recht darauf, dass Verkündigung beziehungsorientiert sein soll und daher gemeinschaftliches Suchen bedeutet und die Neubelebung von Abendmahl und Krankensalbung als Teil einer ganzheitlichen Kranken-seelsorge gesehen werden kann. Das ist der Ansatz, der Krankensalbung in den Kontext der Krankenhausseelsorge stellt. Die Krankensalbung als alter bibli-scher Ritus steht geradezu konträr zur modernen Institution Krankenhaus, dennoch treffen sich beide Pole in einem Punkt - in der Leiblichkeit des Pati-enten. Für die Medizin und die Salbung ist der Körper des Menschen unab-dingbar. Natürlich möchte die Krankensalbung mehr sein als ein rein körperli-ches Erleben, aber es ist hervorzuheben, dass die Salbung überhaupt auch ein körperliches Erleben ist. Sie kann für die Seelsorge eine Dimension, die der Leiblichkeit, erreichen, welche gerade im Umgang mit Kranken von besonde-rer Qualität ist.

Dazu zählt auch der Aspekt des Raumes. Kategorisiert man wie Josuttis den Leib als Leibraum, der sich innerhalb eines Ortraumes und Zeitraumes befin-det,[23] dann kann die Krankensalbung als Ritual und somit als „gestalteter Zeit-raum“[24] Vergegenwärtigung des Göttlichen bedeuten. Das Hineinführen in bestimmte Wirklichkeiten kann mit Hilfe der Salbung der Seelsorge dienlich sein, damit Seelsorge sich nicht nur mit dem Gespräch begnügt. Stattdessen „wird [sie] auch rituelle Zeiträume und symbolische Krafträume einsetzen, um ihren Auftrag und ihren Möglichkeiten gerecht zu werden“[25].

2.3. Krankheit und Kranksein

Da die Krankensalbung allein schon durch ihre Bezeichnung explizit auf kran-ke Menschen bezogen ist, muss näher auf den Aspekt „Krankheit“ eingegan-gen werden. Es soll hier erst gar nicht der Versuch unternommen werden, Ge­sundheit und Krankheit zu trennen oder sich gar mit einer Definition von ‚Krankheit’ zu begnügen. Wichtiger ist die Zustandsbeschreibung von kranken Menschen – welche Veränderungen zieht eine Krankheit nach sich. Auf Grundlage des biblischen Zeugnisses werden die Besonderheiten der externen und internen Erlebniswelten von kranken Menschen in Beziehung gesetzt, so dass sich ein Bild von den Voraussetzungen zur Krankensalbung ergibt, bei denen stets zu beachten ist, dass Krankensalbung keinem Selbstzweck dient, sondern einem Bedürfnis zugute kommt. Sie soll als Dienst an Kranken ver-standen werden und kann daher in Anspruch genommen werden.[26]

2.3.1. Krankheit in der Bibel

In den biblischen Texten zeigt sich, dass Krankheit stets im Zusammenhang mit dem Verhältnis zu Gott gesehen wird. Krankheit wird als direkter Aus-druck dieses Verhältnisses verstanden. Im Alten Testament wird Jahwe als Alleinverursacher von Krankheit bestimmt (Dtn 32,39) und somit findet sich Krankheit in dem Denksystem von Schuld und Strafe wieder (Ps 38).[27] Was zunächst auf das Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Gott im Kriterium der in der Welt allgemein herrschenden Sünde betrachtet wurde, entwickelte sich in der weisheitlichen Literatur zu einem individuellen Tun-Ergehen-Zusammenhang, der Krankheit als Strafe für persönliche Sünden deutete.[28]

Konkret gestaltet sich das Empfinden von Krankheit in der altorientalischen Welt dahingehend, dass das Erleben des Krankseins stark durch den mikro-strukturellen Erfahrungsrahmen (Familie, enges soziales Umfeld) geprägt ist und auch dort die Ursache der Krankheit liegen kann, da möglicherweise das Verhältnis der gesamten Gemeinschaft zu Gott gefährdet ist.[29] Klemens Rich­ter bringt dies auf eine einfache Formel: „Es geht also in der Krankheit letzt-lich immer auch um den Dialog mit Gott.“[30]

Auch im Neuen Testament spielt sich Krankheit in diesem kleinen Erfahrungs-rahmen ab. Sind Menschen erkrankt, kümmern sich Angehörige und Nachbarn um sie (z.B. Mt 8,6; Mk 2,3f. oder Apg 5,15).[31] In dieser Gemeinschaft, ent-stehen entsprechende Heilungsriten, wie etwa die Salbung der Kranken (Jak 5,14-16).[32] Mit dem Wirken Jesu änderte sich das Verständnis von Krankheit, da dieser den persönlichen Tun-Ergehen-Zusammenhang ablehnte und nicht die Frage nach dem Sinn von Krankheit stellte, sondern ihr als widergöttliche Macht begegnete (2. Kor 12,7).[33] Daher spielen die Dämonenaustreibungen im Neuen Testament eine bedeutende Rolle. In ihnen zeigt sich der bereits voll-zogene kosmische Machtwechsel (Lk 11,20).

Es ist zu erkennen, dass die Interpretation von Krankheit dem jeweils aktuellen theologischen Zeitgeist entspricht, der seinen Ausdruck aber immer in der Beschreibung des Gottesverhältnisses findet. Krankheit ist eine Konstante im menschlichen Dasein; sie findet in „einer geradezu naturgesetzlichen Regel-mäßigkeit“[34] statt. Daneben gibt es auch die anthropologische Konstante, dass Krankheit als Krise und Schwäche erlebt wird. Die Krankheit des Einzelnen hat unmittelbaren Einfluss auf seine Umgebung und fordert sie heraus. Eine der möglichen Reaktionen darauf war schon in biblischer Zeit die Salbung. Es ist nun zu ermitteln, ob die Salbung auch heute noch eine adäquate Reaktion ist und die genannte anthropologische Konstante auch heute noch als solche zu verstehen ist.

2.3.2. Das Erleben von Krankheit heute

Das heutige Erleben von Krankheit wird im Folgenden durch zwei Perspekti-ven dargestellt. Die interne Erlebniswelt wird mit Hilfe des Begriffs Krise beschrieben und stellt den kranken Menschen in seiner Selbstwahrnehmung in den Vordergrund. Die externe Erlebniswelt umfasst den Raum um den kranken Menschen herum, d.h. die Interaktion mit anderen Menschen sowie der Ein-fluss von räumlichen und zeitlichen Begebenheiten, die auf den kranken Men-schen einwirken, werden erläutert. Die Überlegungen zum internen Erleben habe ich bewusst vorangestellt, damit nicht der Eidruck entsteht, dass allein durch die äußeren Begebenheiten die innere Krise bestimmt ist.

2.3.2.1. Interne Erlebniswelt

Krankheit wird heute, wie auch in früheren Zeiten, als Krise verstanden. Sie ist ein grundlegendes und regelmäßiges Erlebnis und gleichzeitig eine Grenzer-fahrung.[35] Der Aspekt der Krise zeigt sich schon in der begrifflichen Ausei-nandersetzung in der Poimenik, wo seelsorgliches Handeln in Bezug auf Krankheit als „Krisenintervention“[36] beschrieben werden kann. Dass mit der Krankheit heute häufig ein Aufenthalt im Krankenhaus einhergeht, ist schon erläutert worden.[37] Die Kenntnis der inneren und äußeren Erlebniswelt des kranken Menschen ist für die Seelsorgenden unabdingbar, da das Zusammen-treffen von technisiertem Klinikalltag und interne Sinnsuche oder Verarbei- tungsbegehren für den erkrankten Menschen äußerste Labilität hervorrufen kann.[38]

Die interne Erlebniswelt, also die menschliche Grunderfahrung in Hinblick auf eine Erkrankung, ist die der genannten Krise. Das macht sich in der Tatsache bemerkbar, dass aufgrund einer körperlichen oder auch psychischen Schwäche das alltägliche Leben aus den Fugen gerät und nicht mehr zu bewältigen ist. Es äußert sich in Schwäche, Formen der Beeinträchtigung, Schmerzen und daraus resultierender Hilfsbedürftigkeit. Merkmale des aktiven Alltags, wie berufliche Karriere, Einkommen oder Fürsorge an der Familie, treten oftmals in den Hin-tergrund. Die entsprechende Gegenbewegung ist die der Familie und Angehö-rigen, die dem Verhalten nach dem biblischen Befund entspricht: Es sind die unmittelbar nahestehenden Personen, die dem erkrankten Menschen zur Seite stehen bzw. dafür in Anspruch genommen werden: „Krank ist man also nie allein; das jeweilige System, in dem man lebt, ist immer mit betroffen.“[39] Die interne Krise ist zugleich immer auch eine Systemkrise; die Orientierungen und Handlungen, die bisher funktionierten, zerbrechen oder sind bedroht.[40] Hinzu kommt die Krise der Identität; das Selbstverständnis ist betroffen, was zu einer Ich-Schwäche führen kann, in der die eigene Rationalität einge-schränkt ist.

Krankheit wird also als Störung eines als harmonisch verstandenen Lebens wahrgenommen und hat die Qualität einer Bedrohung für das eigene Ich.[41] Dies äußert sich im bestimmten Erleben von Strukturelementen wie Verunsi-cherung und Angst, unterschiedlichen Gefühlsregungen, Verengung des Hori-zontes und Auswirkungen auf die sozialen Gegebenheiten.[42] Die Angst resul-tiert aus der Erfahrung der Verletzbarkeit und der eigenen Begrenztheit; oft ist mit Krankheit auch Todesangst verbunden. Verstärkt wird dies durch die Er-krankungen gegebenen Veränderungen von Alltag und sozialer Rolle.

[...]


[1] Amt für Öffentlichkeitsdienst (AfÖ) zusammen mit dem Kirchenamt und dem Got-tesdienstinstitut der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche (Hg.), Salbung in der Evangeli-schen Kirche. Eine Handreichung. [Die Handreichung verfügt über keine Seitenzah-len]

[2] Vgl. 2.2. Krankenhausseelsorge – Der Raum der Krankensalbung.

[3] Jedoch habe ich an einigen Stellen durch Anmerkungen diesen Bereich nicht ganz außer Acht gelassen. Vgl. dazu die Vorschläge zur praktischen Durchführung von Peter Zimmerling: Zimmerling, Peter, Gebet und Salbung für Kranke. Überlegungen zu einem neuen liturgischen Angebot der evangelischen Kirche, in: Praktische Theo-logie 37 (2002), 227f.

[4] Ziemer, Jürgen, Art. Seelsorge. I. Zum Begriff, in RGG4 7 (2004), 1111.

[5] Vgl. Nauer, Doris, Seelsorge. Sorge um die Seele, Stuttgart 2007, 38.

[6] Vgl. Ziemer, Begriff, 1111.

[7] Vgl. Pohl-Patalong, Uta, Seelsorge. Konzeption/ Kontexte/ Lebensgestaltung/ Seel-sorgegespräch, in: Gräb, Wilhelm/Weyel, Birgit, Handbuch Praktische Theologie, Gütersloh 2007, [675].

[8] Diese Frage stellt sich natürlich immer beim seelsorglichen Handeln, jedoch ist m.E. jedes Gespräch seelsorglich qualifiziert. Zu diesem Themenkomplex verweise ich auf: Hauschildt, Eberhard, Alltagsseelsorge. Eine sozio-linguistische Analyse des pastora-len Geburtstagsbesuches (APTh 29), Göttingen 1996.

[9] Pohl-Patalong, Seelsorge, 676.

[10] Vgl. Ziemer, Begriff, 1116; vgl. Pohl-Patalong, Seelsorge, 681-685; Dies., Art. Seelsorge. III. Konzeption und Methoden, in: RGG4 7 (2004), 1116.

[11] Die geschichtliche Entwicklung der Seelsorge soll hier nicht ausgeführt werden, da dies an vielen anderen Stellen getan wurde und den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Bei Begriffen wie etwa ‚Seelsorgebewegung’ wird ein Vorverständnis voraus-gesetzt.

[12] Klessmann, Michael/Pohl-Patalong, Uta, Wahrnehmung und Klärung – zur Situati­on der Seelsorge, in: Praktische Theologie 40 (2005), 243.

[13] Vgl. Klessmann, Michael, Seelsorge im Krankheitsfall, in: Engemann, Wilfried (Hg.), Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, Leipzig 2007, [390]-392.

[14] Bobert-Stützel, Sabine, Beratung oder Verkündigung. Die Sicht auf eine aporetische Fragestellung der Poimenik von D. Bonhoeffers Seelsorgeverständnis her, in: PTh 84 (1995), 202.

[15] Vgl Ziemer, Jürgen, Seelsorgelehre. Eine Einführung für Studium und Praxis, Götti-gen 32008, 101 u. 125.

[16] Vgl. Nauer, Doris, Seelsorgekonzepte im Widerstreit. Ein Kompendium (PTHe 55), Stuttgart/Berlin/Köln 2001.

[17] Ich weise zu dieser Entwicklung auf einen Aufsatz von Michael Klessmanns hin: Klessmann, Michael, Von der Krankenseelsorge zur Krankenhausseelsorge – histori-sche Streiflichter, in: Ders. (Hg.), Handbuch der Krankenhausseelsorge, Göttingen 32008, [56]-64.

[18] Ders., Krankenseelsorge, 673.

[19] Doebert, Heinz, Neuordnung der Seelsorge. Ein Beitrag zur Ausbildungsreform und zur heutigen kirchlichen Praxis (Handbibliothek für Beratung und Seelsorge 5), Göt-tingen 1967.

[20] Vgl. Klessmann, Krankenhausseelsorge, 62f.

[21] Ebd., 63.

[22] Vgl. Ders., Seelsorge in der Institution „Krankenhaus“, in: Ders. (Hg.), Handbuch der Krankenhausseelsorge, Göttingen 32008, 18.

[23] Vgl. Josuttis, Manfred, Segenskräfte. Potentiale einer energetischen Seelsorge, Gü-tersloh 2000, 127-177.

[24] Ebd., 132.

[25] Ebd., 133.

[26] Vgl. Kirchenleitungen der VELKD, Agende für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden. Band 3. Die Amtshandlungen. Teil 4. Dienst an Kranken, neu bear-beitete Ausgabe, Hannover 1994, 8.

[27] Vgl. Ebner, Martin, Art. Krankheit und Heilung. III. Biblisch, in RGG4 4 (2001), 1730.

[28] Vgl. Eibach, Ulrich, Art. Krankheit, in: LThK 6 (1997), 428.

[29] Vgl Gerstenbeger, Erhard S., Art. Krankheit, in: NBL 2 (1995), 542.

[30] Richter, Klemens, Krankheit im Alten Testament, in: Probst, Manfred/Richter, Kle-mens (Hg.), Heilsorge für die Kranken und Hilfen zur Erneuerung eines missverstan-denen Sakraments (Pastoralliturgische Reihe in Verbindung mit der Zeitschrift „Got-tesdienst“), Freiburg/Wien/Einsiedeln 1975, 12.

[31] Vgl. Hünermann, Peter, Das Apostolat für die Kranken und das Sakrament der Krankensalbung. Dogmatische Überlegungen anläßlich der römischen Instruktion vom 13.11.1097, in: ThQ 178 (1998), 30.

[32] Vgl. Kapitel 3.1.3. Die Krankensalbung in Jak 5,14-16.

[33] Vgl. Eibach, Krankheit, 428.

[34] Kertelge, Karl, Krankheit und Leid im Neuen Testament, in: Probst, Man-fred/Richter, Klemens (Hg.), Heilsorge für die Kranken und Hilfen zur Erneuerung eines missverstandenen Sakraments (Pastoralliturgische Reihe in Verbindung mit der Zeitschrift „Gottesdienst“), Freiburg/Wien/Einsiedeln 1975, 13.

[35] Vgl. Klessemann, Seelsorge, [390]. Dass der Begriff Krankheit und damit einherge-hend der Begriff Gesundheit nicht leicht oder gar unmöglich klar zu definieren ist, macht bspw. Jürgen Ziemer deutlich. Er nimmt Abstand von einem Idealbegriff der Gesundheit und macht auf die Vielschichtigkeit und Komplexität von Krankheit auf-merksam. Die Schwierigkeit des Begriffs wird m.E. durch die Verwendung des Beg-riffes Krise umgangen. Vgl. Ziemer, Seelsorgelehre, 269f.

[36] Winkler, Klaus, Seelsorge. 2., verbesserte und erweiterte Auflage, Berlin/New York 2000, 476.

[37] Vgl. Kapitel 2.2. Krankenhausseelsorge – Der Raum der Krankensalbung; vgl. Klessmann, Seelsorge, [390]; vgl. Winkler, Seelsorge, 476.

[38] Vgl. Rössler, Dietrich, Grundriss der Praktischen Theologie. 2. erweiterte Auflage, Berlin 1994, 188.

[39] Klessmann, Seelsorge, 391.

[40] Vgl. Preul, Reiner, Seelsorge als Bewältigung von Lebenssituationen, in: Scharfen-berg, Joachim (Hg.), Freiheit und Methode. Wege christlicher Einzelseelsorge (SVH 1), Göttingen 1997, 69f.

[41] Vgl. Eibach, Ulrich, Gesundheit und Krankheit. Anthropologische, theologische und ethische Aspekte, in: Klessmann, Michael (Hg.), Handbuch der Krankenhausseelsorge, Göttingen 32008, 230.

[42] Vgl. Winkler, Eberhard, Seelsorge an Kranken, Sterbenden und Trauernden, in: Becker, Ingeborg u.a. (Hg.), Handbuch der Seelsorge, Berlin 1983, 406-409.

Details

Seiten
49
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640400362
ISBN (Buch)
9783640400157
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133437
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche
Note
2
Schlagworte
Theologie Seelsorge Krankensalbung Salbung Praktische Theologie Leiblichkeit

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Titel: Krankensalbung in der Seelsorge