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Von der Bewegung zur Begegnung - Die Bedeutung der Beziehung zwischen Jugendlichen und Betreuer in Individualpädagogischen Auslandsmaßnahmen der Jugendhilfe

Magisterarbeit 2008 71 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Forschungsstand

C. Der delinquente Jugendliche
1. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter
2. Bedürfnisse in der Adoleszenzphase
3. Abweichendes Verhalten von Jugendlichen
3.1 Ursachen von abweichendem Verhalten
3.2 Interiorisierendes und exteriorisierendes Risikoverhalten
4. Die Bedeutung einer stabilen Beziehung für die positive Entwicklung eines Jugendlichen
5. Merkmale einer pädagogischen Beziehung in der Intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung
6. Zusammenfassung

D. Die Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung im Ausland
1. Die Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung im Ausland nach § 35 KJHG und weitere rechtliche Rahmenbedingungen
2. Formen individualpädagogischer Auslandsmaßnahmen
2.1 Segel- bzw. Schiffsprojekte
2.2 Reiseprojekte
2.3 Standprojekte
3. Die Auslandsmaßnahmen aus erlebnispädagogischer Perspektive
3.1 Geschichte und Idee der Erlebnispädagogik
3.2 Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung
4. Die beziehungsorientierte Perspektive der Auslandsmaßnahmen
5. Zusammenfassung

E. Interviewanalyse
1. Auswahl der Interviews und Methode
2. Serda
2.1 Objektive Daten Serda
2.2 Fallstrukturhypothesen nach Tautorat
2.3 Interpretation Serda (Zeile 377-392)
2.3.1 Thematische Einbettung der Textstelle
2.3.2 Interpretation
2.4 Zusammenfassung
3. Marcel
3.1 Objektive Daten Marcel
3.2 Fallstrukturhypothesen nach Tautorat
3.3 Analyse und Interpretation Marcel (Zeile 139-176)
3.3.1 Einbettung der Textstelle
3.3.2 Analyse und Interpretation
3.3.3 Weitere relevante Textstellen
3.4 Zusammenfassung

F. Resümee

Literatur

A. Einleitung

Inspiriert von Erfahrungen während eines Praktikums in Nicaragua und einer erlebnispäda-gogischen Zusatzausbildung entstand das Thema für diese Arbeit. Bei der Recherche nach erlebnispädagogischen Projekten in Nicaragua stieß ich auf ein Projekt der Jugendhilfe, in dessen Rahmen eine Gruppe „schwer erziehbarer“ Jugendlicher durchschnittlich zwei Jahre im Dschungel des mittelamerikanischen Landes von deutschen Pädagogen betreut wird (vgl. Jaspersen 2006, In: ZfE, Heft10/2006, S. 58-60; www.bismunapedagogia.com/de/index/htm (Stand 18.10.07)). Diese exotische Idee weckte großes Interesse in mir und es ging auch eine gewisse Faszination von diesem ungewöhnlich und innovativ erscheinenden Ansatz aus, zumal ich mit dieser Thematik bis zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise vertraut war. Im gleichen Atemzug stieß ich auf starke Kritik an den Projekten, was mein Interesse nur noch verstärkte. Leider war es nicht möglich, ein Projekt zu besuchen um dort Beobachtun-gen und Forschungen anzustellen, was unter anderem dadurch begründet wurde, dass die Projekte in der vergangenen Zeit einem starken öffentlichen Interesse ausgesetzt waren und man nun wieder zum „Alltag“ mit den Jugendlichen zurück kehren wolle.[1] Von den meisten Trägern derartiger Projekte kam keine Reaktion auf meine Anfrage. Viele waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die Befragung und Beobachtung durch Wissenschaftler der Universität Lüneburg eingebunden, welche momentan eine breit angelegte Erhebung und Befragung aller Träger durchführen (vgl. Pforte/Wendelin 2007, In: ZfE 2007, Heft 1, S. 23-41). End-gültige Ergebnisse dieser Studie werden aber erst Anfang des Jahres 2008 veröffentlicht.

Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung im Ausland ist eine Maßnahme der Jugend-hilfe nach § 35 KJHG. Darin heißt es, dass die Einzelbetreuung in „Ausnahmefällen auch im Ausland durchgeführt werden“ kann (§ 35, Abs. 19, SGB VIII,). Obwohl die Auslands-maßnahmen nur 1,4% an den gesamten Jugendhilfemaßnahmen ausmachen (vgl. Pfor-te/Wendelin 2007, S. 125), haben sie in den letzten Jahren nicht nur in Fachkreisen heftige Diskussionen ausgelöst. Kritische Medienberichte und aufsehenserregende Vorfälle[2] rück-ten die Projekte auch für die breite Öffentlichkeit ins Licht und setzten eine verstärkte wis-senschaftliche Debatte über Konzepte, Standards und Auswirkungen in Gang. Denn diese Aspekte sind bisher nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht und überwiegend von Pra-xisberichten einzelner Träger oder Hypothesen der Beteiligten geprägt.

Immer wieder taucht im fachlichen als auch im medialen Kontext der Begriff „erlebnispä-dagogische Maßnahmen“ auf, der auch im KJHG verankert ist (§ 35, Abs. 19, SGB VIII).

Auch die Medien verwenden in den negativen Berichterstattungen diese Bezeichnung, was zur Folge hat, dass die Erlebnispädagogik in der Öffentlichkeit stark in Verruf gebracht wird. Mit Schlagzeilen wie „Risiko am Rio Coco“ und „Straßenbau und Prügelei“ wird er-lebnispädagogischen Trägern vorgeworfen, jugendliche Straftäter im Ausland zu „beloh-nen“, sie „abzuschieben“, „Probleme in alle Welt zu exportieren“ und mit schwer erziehba-ren Kindern eine „lukrative Einnahmequelle“ gefunden zu haben.[3] Frontal21 bezeichnet die Maßnahme gar als „Kinder-Land-Verschickungsmarkt“. Anklang in der Öffentlichkeit fin-den solche Berichte vor allem aufgrund der Tatsache, dass es tatsächlich keine befriedigen-de theoretische Fundierung von Projekten dieser Art gibt.

Eine erste ausführliche mehrfaktorielle Studie führten Klawe und Bräuer 1998 durch: Sie befragten Jugendämter, Klienten, Betreuer und Eltern und stellten fest, dass wesentliche Bedingungen für die erfolgreiche Durchführung eines Auslandsprojektes die Zusammenar-beit und Einbeziehung aller Beteiligten, die intensive Vor- und Nachbereitung sowie der Transfer der im Ausland gemachten Erfahrungen in den Alltag, die Transparenz von Ent-scheidungen und vor allem die Beziehung zwischen Betreuer und Jugendlichen sind (vgl. Klawe/Bräuer 1998/2001, S. 173-177). In der vorliegenden Arbeit soll der Schwerpunkt der Betrachtung aber nicht die Vor- oder Nachbereitung der Maßnahme sein, sondern im Fokus steht die Zeit während der Maßnahme und der in diesem Zeitraum entscheidende Wirkfak-tor.[4]

In der Literatur und in Trägerkonzepten findet man verschiedenste Ansätze und Begründun-gen für die Erfolgsgarantie der Auslandsmaßnahmen: Der Abstand zum Herkunftsmilieu, die Ausbildung von Kompetenzen und der damit verbundenen positiven Selbstbestätigung, die Befriedigung des Bedürfnisses nach Abenteuer und Risiko, die Strukturierung des All-tags oder der Kontakt mit Einheimischen. Es wird behauptet, dass all diese Faktoren oder eine Kombination aller einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen ha-ben.[5]

Was aber hat ausschlaggebenden Einfluss auf den Erfolg einer Intensiven sozialpädagogi-schen Einzelbetreuung im Ausland? Ist es die erlebnispädagogische Komponente, die auf den Jugendlichen wirkt und ihm Selbstbestätigung und -erfahrung durch Ausbildung von Kompetenzen und Grenzerfahrungen vermittelt und ihm in einem ausgelagerten Setting die Möglichkeit gibt, seine Fähigkeiten zu entfalten, oder ist es die Beziehung zwischen dem Betreuer und dem Jugendlichen, welche eine bestimmende Größe für die Verbesserung der Lebensbewältigung der gefährdeten Jugendlichen ist?

Jugendliche, die in einem Auslandsprojekt betreut werden, haben meist verschiedene her-kömmliche Institutionen der Jugendhilfe erfolglos durchlaufen. Somit sind sie zusätzlich zu den bestehenden Problemen in den Herkunftsfamilien von einem häufigen Betreuungswech-sel und wiederholten Beziehungsabbrüchen belastet.[6] Die Auslandsprojekte haben aufgrund ihres erlebnispädagogischen Aspekts einen besonders hohen Aufforderungscharakter inne, da sie die Sehnsucht der Jugendlichen nach Risiko und Abenteuer zunächst bedienen und sich von anderen Jugendhilfeeinrichtungen wie Heimen und Wohngruppen unterscheiden. Für viele Jugendliche wird aber erst durch die erstmalige Konstanz eines Betreuers und das ausgelagerte Setting mit erschwertem Kontakt zum Herkunftsmilieu der Aufbau einer Be-ziehung zu einem Betreuer ermöglicht Klawe und Bräuer stellten fest, dass die räumliche Distanz als Wirkfaktor, der Abstand zum Herkunftsmilieu, welche in vielen Projekten als „konstituierendes Element erlebnispädago-gischer Arbeit“ angesehen wird, bisher nicht empirisch bestätigt werden konnte (Kla-we/Bräuer 1998/2001, S. 188-189). Sie geben auch den Hinweis, dass der entscheidende Wirkfaktor die Beziehung zwischen Betreuer und Jugendlichen ist (vgl. ebd., S. 189). Die These der Autorin schließt sich diesem Ergebnis an und erweitert es: Entscheidend für den erfolgreichen Verlauf einer Auslandsmaßnahme ist nicht der erlebnispädagogische Aspekt, sondern die gelungene Beziehung zwischen Betreuer und Jugendlichem. Die Erlebn]ispäda-gogik schafft den Rahmen, in dem sich diese Beziehung entwickeln kann, verliert aber im Verlauf der Maßnahme an Bedeutung, während der Aufbau einer Beziehung an Bedeutung zunimmt.

Zunächst soll untersucht werden, ob eine konstante Bezugsperson delinquente Verhaltens-weisen[7] bei Jugendlichen, die durch häufige Beziehungsabbrüche und stark negative Erfah-rungen in der Familie gezeichnet sind, abwenden kann. Ausgehend von den besonderen Bedürfnissen eines Menschen in der Entwicklungsphase der Jugend, den Ursachen von de-linquenten Verhalten und der Bedeutung einer stabilen Beziehung für die positive Entwick-lung eines Jugendlichen, werden die strukturellen Gegebenheiten der Maßnahme untersucht. Dabei soll darauf eingegangen werden, was den erlebnispädagogischen Charakter eines Auslandsprojektes ausmacht und welche Rolle die Beziehung zwischen Klient und Betreuer spielt.

Auf der Grundlage der theoretischen Recherchen über die Bedürfnisse delinquenter Jugend-licher und den strukturellen Gegebenheiten, die ihnen die Maßnahme bietet, werden zwei konkrete Fälle von Jugendlichen, die an einem Auslandsstandprojekt teilgenommen haben, untersucht.[8] Anhand der Analyse narrativer Interviews wird überprüft, ob der These der Verfasserin im Hinblick auf die Bedeutung der Beziehung für den Erfolg der Maßnahme Geltung verliehen werden kann. An dieser Stelle sei Doreen Czerny ein besonderer Dank für ihre Unterstützung bei der Analyse der Interviews ausgesprochen.

B. Forschungsstand

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, ist die wissenschaftliche Fundierung der Auslands-maßnahmen bisher ungenügend. Es lässt sich feststellen, dass die Praxis der Theorie voraus ist, da die Literatur überwiegend aus deskriptiven Praxisberichten besteht, aus Texten aus der Praxis für die Praxis.[9] Da die Projekte bisher vor allem aus der erlebnispädagogischen Perspektive betrachtet wurden, gilt auch für sie, dass es keine „systematische Übersicht über die Handlungsfelder, Ansätze und Methoden“ sowie keine „systematische Fundierung bzw. Auseinandersetzung“ gibt. Diese Problematik besteht nicht nur für die Auslandsmaßnah-men, sondern auch für die Erlebnispädagogik in der Sozialen Arbeit im Allgemeinen (vgl. Fromme 2007, S. 257-271).

Bisher gibt es zwei umfassende empirische Studien, die von Klawe und Bräuer im Jahr 1998 [10] und 2007 [11] (somit auch die aktuellste empirische Untersuchung) durchgeführt wur-den. Die einzelnen Ergebnisse dieser Befragungen werden im Verlauf der Arbeit mehrmals aus verschiedenen Perspektiven für die Betrachtung herangezogen.

Im Jahr 1993 führte Peter Sommerfeld eine Analyse zweier erlebnispädagogischer Hand-lungsfelder in Form von Segelschiffen durch.[12] Interessantes Ergebnis dieser Studie war, dass innerhalb der konkreten pädagogischen Handlungsfelder der zwei Schiffe verschiedene „Spiele“ in Bezug auf Macht und Kooperation entstanden, die zur Folge hatten, dass die Jugendlichen sich von den Betreuern nicht verstanden fühlten, sie keine befriedigenden Par-tizipationsmöglichkeiten für sich sahen und sich permanent in einem Zustand des „latenten Widerstands“ befanden. Durch Zwang der Betreuer wurde Anpassung auf Seiten der Ju-gendlichen bewirkt, was diesen Widerstand zur Folge hatte. Schwerpunkt der Untersuchung Sommerfelds waren die Aspekte Macht und Kooperation im Erziehungsprozess (vgl. ebd., S. 193-205).

Zur Einzelbetreuung in der Jugendhilfe allgemein hat Fröhlich-Gildhoff 2003 eine Studie veröffentlicht,[13] allerdings wird die Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung im Aus-land in diesem Rahmen nicht betrachtet.

Petra Tautorat untersucht in ihrer Doktorarbeit[14] die Wirkung von Auslandsstandprojekten auf die Lebensbewältigungsstrategien vier junger Erwachsener. Ihrer Dissertation ist das Interviewmaterial entnommen, welches in der vorliegenden Arbeit im Hinblick auf die Be-deutung der Beziehung zwischen Betreuer und Jugendlichem analysiert werden soll. Nähere Erläuterungen zu dieser Arbeit werden im Kapitel C vorgenommen.

Der aktuelle Band „Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion“[15] gliedert sich in zwei Teile: zum einen wird die „Theorie und Empirie Intensivpädagogischer Aus-landsprojekte“ beleuchtet und zum anderen wird die „Praxis Intensivpädagogischer Aus-landsprojekte“ beschrieben. Dirk Villány und Matthias D. Witte stellen im genannten Buch in ihrem Phasenmodell Überlegungen zur wissenschaftlichen Fundierung der Intensivpäda-gogik an (vgl. ebd., S.29-47). Dieses Modell trägt deutlich zu einem besseren Verständnis der Strukturierung und Prozesse der Projekte bei und kann als Grundlage für die genaue Erforschung der einzelnen Phasen dienen.

Viel von der Diskussion über die Auslandsmaßnahmen wird in Fachzeitschriften geführt, allen voran die „Zeitschrift für Erlebnispädagogik“[16], die am Institut für Erlebnispädagogik an der Universität Lüneburg herausgegeben wird, und die Zeitschrift „el. erleben und ler-nen“[17], Herausgeber sind Prof. Dr. Michael Jagenlauf und Prof. Dr. Werner Michl.

Wie bereits erwähnt, wird an der Universität Lüneburg momentan eine umfassende Studie zu den Auslandsmaßnahmen durchgeführt, deren endgültige Ergebnisse aber erst Anfang des Jahres 2008 veröffentlicht werden.[18] Außerdem in Arbeit ist die Dissertation von Mat­thias D. Witte, der die Auslandsprojekte im Hinblick auf die „Ermöglichung biografischer Handlungserweiterung durch Transnationalität“ untersucht.[19] Hinweise zu erlebnispädago-gischen oder individualpädagogischen Projekten in der ausländischen Literatur finden sich spärlich. Grund dafür ist, dass diese Projekte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten sind, zum einen vom Standpunkt der Jugendhilfe und dem Umgang mit „schwer erziehba-ren“ Jugendlichen, zum anderem aus dem Standpunkt der Erlebnispädagogik, die in anderen Ländern oft nicht als solche bezeichnet wird. Dies wäre ein gesondertes Forschungsprojekt wert. In den Nachbarländern Österreich und Schweiz finden sich zahlreiche erlebnispädago-gische Projekte (el, Heft 5/2006; ZfE, Heft 56/2004) und auch in Skandinavien (el, Heft 34/2002) sowie den USA finden sich Ansätze für den Umgang mit gefährdeten Ju-gendlichen, die erlebnispädagogische Elemente vereinen (ZfE, Heft 56/2004, S. 114-116). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es momentan immer mehr Wissenschaftler gibt, die sich mit dem Thema der Auslandsmaßnahmen auseinandersetzen, bisher aber immer noch klar von einem Theoriedefizit und einem „empirischen Forschungsdesiderat“ (vgl. Villá-ny/Witte 2007, In: Witte/Sander 2007, S. 35) gesprochen werden kann. Das Handeln der Beteiligten ist erfahrungsgeleitet und es lassen sich kaum Aussagen über die Prozesse selbst machen. Die vorliegende Magisterarbeit möchte im Rahmen ihrer Möglichkeiten diesem Theoriedefizit entgegen wirken und einen Beitrag zur Praxiserforschung leisten, indem sie die These einbringen und belegen will, dass der entscheidende Faktor für das Gelingen einer Auslandsmaßnahme die Beziehung zwischen dem Jugendlichen und dem Betreuer ist.

C. Der delinquente Jugendliche

„In der Erziehung zählt das Urteil des Opfers. Ein System, das gar nicht hinhört, was diese sagen, das nicht sehen will, was diesen geschieht, kann sich nicht selbst einschätzen, vermag sich nicht selbst zu korrigieren und wird ihnen alle Folgen der eigenen Verkehrtheit aufla-den“ (v. Hentig 1982, S. 223).

Die Adressaten von Individualpädagogischen Maßnahmen im Ausland sind zumeist delin-quente Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, mit einer deutlichen Spitze bei 15 Jahren (vgl. Klawe/Bräuer 2001, S. 99). Der Maßnahme wird unterstellt, für die Jugendlichen die-ses Alters im besonderen Maße geeignet zu sein und vor allem für stark gefährdete Jugend-liche die Möglichkeit zu bieten, Veränderungen im Verhalten zu bewirken. Zu diesem Zweck allerdings muss definiert sein, was die Bedürfnisse eines Jugendlichen, insbesondere eines delinquenten Jugendlichen, sind. Aus diesem Grund werden im ersten Teil der Arbeit die besondere Lebensphase des Jugendalters und die Ursachen von abweichendem Verhal-ten genauer betrachtet.

Ein Großteil der Jugendlichen ist vor dem Eintritt in die Maßnahme bereits straffällig ge-worden und hat Erfahrungen in verschiedenen Einrichtungen der Jugendhilfe gemacht. In 74,2 % der Fälle ging der Auslandsmaßnahme Heimerziehung voraus, in 21,6 % Kinder-und Jugendpsychiatrie (vgl. Klawe/ Bräuer 1998/2001, S.100). Nach Angaben der Jugend-ämter sind die Zuweisungsgründe für eine Individualpädagogische Betreuung im Ausland vor allem die Unfähigkeit der Jugendlichen, tragfähige soziale Beziehungen aufzubauen, Perspektivlosigkeit, aggressives und wiederholt kriminelles Verhalten bei Jungen und Selbstgefährdung bei Mädchen (vgl. Klawe/Bräuer 1998/2001, S. 101).

Wie kommt es nun in der Phase der Jugend, die gekennzeichnet ist durch verschiedenste Veränderungen und Entwicklungen im psychischen, physischen und sozialen Bereich, zu abweichendem Verhalten? Ist einer der Gründe die Nichterfüllung des Bedürfnisses nach einer stabilen und tragfähigen Beziehung zu zumindest einer Person? Und gibt es Chancen, dass mit der Herstellung einer Beziehung dieser Art abweichendes Verhalten verhindert oder gemindert werden kann? Dazu sollen zunächst die besonderen Merkmale der Jugend-phase und die besonderen Bedürfnisse der Jugendlichen in dieser Zeit untersucht werden. Im Anschluss werden Ursachen abweichenden Verhaltens betrachtet und die Bedeutung einer Beziehung für die positive Entwicklung beleuchtet.

1. Entwicklung und Entwicklungskrisen im Jugendalter

Nachfolgend soll von einem umfassenden Adoleszenzbegriff ausgegangen werden, der die Altersgruppe vom 12. bzw. 14. bis zum 25. Lebensjahr umfasst (vgl. Remschmidt 1992, S. 2).

Dieser Lebensabschnitt ist unter verschiedenen Aspekten zu betrachten: Zum einen umfasst die Adoleszenz biologisch gesehen die Gesamtheit der somatischen Veränderungen, die sich am augenfälligsten in der körperlichen Entwicklung und der sexuellen Reifung zeigen. Psy-chologisch betrachtet, umfasst diese Phase die Gesamtheit der individuellen Vorgänge, die mit dem Erleben, der Auseinandersetzung und der Bewältigung der somatischen Wandlung sowie den sozialen Reaktionen auf diese verbunden sind. Zusätzlich spielen psychosoziale Faktoren eine Rolle für die Entwicklung eines Jugendlichen, da in der Gesellschaft mehr oder weniger präzise Vorstellungen davon bestehen, was als Kindheit oder Erwachsenensta-tus zu bezeichnen ist (vgl. ebd., S. 2). Aus soziologischer Perspektive wird die Adoleszenz als ein Zwischenstadium betrachtet, in dem die Jugendlichen mit der Pubertät die biologi-sche Geschlechtsreife erreicht haben, ohne in den Besitz der allgemeinen Rechte (durch

Heirat oder Berufsfindung) gekommen zu sein, welche die verantwortliche Teilnahme an wesentlichen Grundprozessen der Gesellschaft ermöglichen und erzwingen (vgl. ebd., S. 2 ff).

Die zeitlichen Grenzen der Adoleszenz sind sowohl nach unten als auch nach oben un-scharf, die untere Grenze wird häufig mit dem Eintritt der ersten Menstruation bzw. der ers-ten Ejakulation oder erster augenfälliger körperlicher Veränderungen definiert. Die obere Grenze ist äußerst variabel und unterliegt weitaus stärkeren gesellschaftlichen Einflüssen und Definitionen. Man geht immer mehr davon ab, feste Altersgrenzen zu bestimmen und geht dazu über, die obere Grenze nach sozialen Kriterien zu definieren. Weitgehend aner-kannt ist die Auffassung, die Adoleszenzphase in mehrere Stadien zu unterteilen.

Remschmidt unternimmt eine Einteilung in zwei Phasen (vgl. ebd., S. 5): In der ersten Pha­se unterliegt der Jugendliche einer Fülle von Veränderungen im somatischen, psychischen und psychosozialen Bereich, es kommt zu einem mehr oder weniger plötzlichen Verlust des Status der Kindheit und der jugendliche Mensch hat unrealistische Vorstellungen von den Statusprivilegien der Jugendlichen sowie der Erwachsenen. Sie sind nicht mehr Kind, haben aber auch in der Subkultur der Jugendlichen noch nicht Fuß gefasst.

Die zweite Phase bezeichnet er als die Phase der Reorganisation: Die in der ersten Phase im Vordergrund stehende Beunruhigung und Verunsicherung nimmt ab, die Jugendlichen ha-ben an Orientierung gewonnen, Kontakt zu Gleichaltrigen gefunden, den Status der Kind-heit weitgehend abgestreift, die Übernahme des Erwachsenenstatus ist aber noch nicht ge-lungen. Sie haben Probleme mit der Identitätsfindung und eine Auseinandersetzung mit her-kömmlichen Strukturen der Gesellschaft setzt ein.

Aufgrund der Erkenntnisse über physische, psychische und psychosoziale Besonderheiten wird die Adoleszenz als eigenständige, anstatt als Übergangsphase vom Kind zum Erwach-senen betrachtet (ebd., S. 6). Jugendliche sind eine Gruppe mit spezifischen Bedürfnissen, Problemen und Sorgen, die phasenspezifische Verhaltensweisen, Normen, Einstellungen, Gesellungsformen, Rollenverhalten und Konflikte zeigen. Ihre Konflikte und Probleme bringen für die Gesellschaft die Verpflichtung mit sich, die Vorgänge in dieser Phase genau zu untersuchen und Hilfestellung anzubieten. Legislative Maßnahmen tragen diesem Ge-sichtspunkt in verschiedenen Bereichen bereits Rechnung (Jugendarbeitsschutzgesetz, Ju-gendwohlfahrtsgesetz, Jugendgerichtsgesetz, Jugendstrafrecht) (vgl. ebd., S. 6).

2. Bedürfnisse in der Adoleszenzphase

Remschmidt unternimmt die Klassifizierung der „normalen“ Bedürfnisse der Jugendlichen auf der Grundlage der Bedürfnispyramide von Maslow (vgl. Remschmidt 1992, S. 101). Ein bestimmtes Bedürfnis zeigt sich danach erst, wenn die Rangordnung der tieferstehenden befriedigt wird. Demzufolge hat ein Jugendlicher physiologische Bedürfnisse nach körperli-cher und sexueller Betätigung, er will hinsichtlich der eigenen Körperlichkeit anerkannt werden. Sein Sicherheitsbedürfnis sucht er eher in der Gruppe der Gleichaltrigen zu befrie-digen, deren Einfluss zeitweilig größer ist als derjenige familiärer und außerfamiliärer Be-zugsgruppen. Außerdem hat er einen hohen Drang nach Unabhängigkeit, welcher sich durch den Zuwachs an kognitiven Möglichkeiten verstärkt und zur Auseinandersetzung mit den Eltern führt, intrafamiliäre Konflikte hervorruft und Normen, Regeln und Gewohnheiten in Frage stellen lässt. Der Jugendliche sehnt sich nach Zugehörigkeit, er kehrt sich vom El-ternhaus ab und hat dort das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Einerseits will er unab-hängig sein, andererseits aber verspürt er ein hohes Verlangen nach Liebe und Zuneigung, begünstigt durch die sexuelle Reifung, was ein Gefühl der Einsamkeit und des Nicht-Verstanden-Werdens hervorruft. Der Jugendliche kann eine hohe Leistungsmotivation ent-wickeln, er will seine neuen kognitiven Fähigkeiten erproben und durch Leistung, Achtung und Wertschätzung erlangen. Wenn all die bisher beschriebenen Bedürfnisse befriedigt sind, kann sich das Bedürfnis der Selbstverwirklichung und Ich-Entwicklung entfalten, der Ju-gendliche zeigt dann die Motivation zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, welche verknüpft ist mit der Leistungsmotivation und mit dem Bedürfnis korreliert, anerkannt und akzeptiert zu werden.

Schon hier zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: Während Mädchen ein höheres Bedürfnis nach Sicherheit haben, weniger gruppenorientiert sind und einem höheren Angst-pegel unterliegen, zeigen Jungen ein geringeres Sicherheitsbedürfnis, sie sind stärker leis-tungsorientiert und eher geneigt, dem Reglement straff organisierter Gruppen zu folgen (vgl. ebd., S. 102).

Die Bedürfnisse von Jugendlichen sind sehr komplex und teilweise auch paradox, wie im Falle des Strebens nach Unabhängigkeit auf der einen Seite und dem Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung auf der anderen Seite zu sehen ist. Ob die Nicht-Erfüllung von konkreten Bedürfnissen als Ursache für deviante Entwicklungen gelten kann, soll nachfolgend unter-sucht werden.

3. Abweichendes Verhalten von Jugendlichen

3.1 Ursachen von abweichendem Verhalten

Um den Begriff der Devianz für die weitere Verwendung zu definieren, soll folgende Beg- riffsbestimmung von Varbelow übernommen werden: „Deviante Handlungen sind spezifi- sche Formen eines zusammenhängenden sozialen Handelns, die sich innerhalb individuell abweichender Verhaltensweisen bis hin zum delinquenten Handeln ausbreiten.“ (Varbelow 2000, S.2). Es sollen nachfolgend sowohl Devianz als auch Delinquenz betrachtet werden, da die Grenzen fließend sind und deviantes Handeln oft erst dann in den Fokus von Eltern, Jugendämtern und Pädagogen tritt, wenn es auch strafrechtlich auffällig wird.

Grundannahme ist, dass selbst deviante Entwicklungen ihren „Sinn“ und eine nachvollzieh-bare Logik haben, da Krisen und Probleme nicht plötzlich entstehen, sondern sich in der Regel oft aus harmlos erscheinenden konkreten Belastungen und Lebenshaltungen heraus entwickeln. Deviante Verhaltensweisen befriedigen teils Bedürfnisse, die alle Kinder und Jugendlichen bewegen und sind oft auf Ziele gerichtet, die man meist nicht akzeptieren, aber zumindest nachvollziehen kann. Die Unterschiede zwischen Jugendlichen mit mehr oder weniger großen Problemen sind gradueller Natur (vgl. Fend 2003, S. 421).

Kinder- und Jugendkriminalität beruht auf sich wechselseitig verstärkenden Faktoren. Von unterschiedlichen wissenschaftlichen Standpunkten aus werden biologisch-genetische Vor-raussetzungen, Persönlichkeitsmerkmale, individuelle Sozialisationsmerkmale, sozial-strukturelle und sozial-räumliche Lebensumstände untersucht (vgl. Raithel/Mansel 2003, S. 25-40). Im Sicherheitsbericht der Bundesregierung 2001 heißt es, dass schwierige familiäre Verhältnisse, Armut und Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund, eine ungünstige Wohnsi-tuation und Wohnumfeld, die Zugehörigkeit zu delinquenten Jugendgruppen, die Tolerie-rung von Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung und negative Medieneinflusse als besonders gewichtige Hintergrundsbedingungen gelten.[20] Jugenddelinquenz wird auch als ein alters-spezifisches Phänomen bezeichnet, als episodenhaftes Geschehen, was erst dann besonders problematisch wird, wenn delinquente Handlungen sich mehrfach wiederholen oder sich in kriminellen Karrieren verfestigen (vgl. Raithel/Mansel 2003, S. 25).

Nach Heitmeyer et al. (1995) sind einige Ursachenmuster für Gewaltbefürwortung und Ge-walttätigkeit milieutypisch, d.h. deren Ursache liegt in der spezifischen Zusammensetzung des Milieus (vgl. ebd., S. 28). Es gibt soziale Einflussgrößen für die Entwicklung eines Ju-gendlichen und für die Entwicklung der Delinquenz. Die Familie ist die primäre Sozialisati-onsinstanz und für die Entstehung und Entwicklung von Delinquenz im Kindes- und Ju-gendalter von zentraler Bedeutung. Individuelle Problemlagen der Jugendlichen können in ihr oder durch sie abgepuffert oder auch verstärkt werden (vgl. ebd., S. 25-26).

Unmittelbare Risikofaktoren für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung der Kinder im Zusammenhang mit höherer Gewalttätigkeit und Kriminalität sind fehlende emo-tionale Unterstützung, defizitäre und konfliktgeladene familiäre Interaktionen und Eltern- Kind-Konflikte, sowie ein zurückweisender, bestrafender, inkonsistenter, restriktiver oder gewalttätiger Erziehungsstil (vgl. ebd., S. 26). In mehrfaktoriellen Studien erweist sich die familiäre Situation als eine der aussagekräftigsten Prädiktoren für die Erklärung jugendli-cher Gewalt und Delinquenz. Heitmeyer et al. 1995 stellten fest, dass Jugendliche, die in ihrer Kindheit Gewalt ausgesetzt waren, Gewalt in höherem Maße befürworten. Wird Ge-walt vor allem in der Familie erfahren, wird sie als Mittel zur Durchsetzung eigener Interes-sen oder zur Erreichung spezifischer Ziele auch in andere Handlungskontexte übertragen. Jugendliche, die in ihrer Kindheit Opfer von Gewalt waren, werden mit hoher Wahrschein-lichkeit später selbst gewalttätig (vgl. ebd., S. 26-27).

Auch Peer-Groups gewinnen mit zunehmendem Alter an Bedeutung für die Herausbildung und Festigung von Normen, Einstellungen und Verhaltenstendenzen. Dies kann sowohl po-sitiv im Sinne eines unterstützenden Netzwerks als auch negativ bei der Herausbildung ei-nes delinquenzbegünstigenden Umfelds wirken. Fehlende Wertschätzung und Anerkennung erlangen Jugendliche unmittelbar durch delinquentes Verhalten im Kontext delinquenter Peer-Groups. Es gilt die Annahme, dass sich diese Jugendlichen viel stärker und massiver von ihren Eltern abgrenzen wollen, wofür sich delinquentes Verhalten als ein brauchbares Mittel darstellt. Wenn Jugendliche in deviante Peer-Groups eingebunden sind, ist dies mit der Erhöhung delinquenter Aktivitäten sowie kriminalitätsbefürwortender Einstellungen verbunden.

Die Wahl der Peer-Group erfolgt nicht ausschließlich zufällig, familiäre Sozialisationsbe-dingungen und Peer-Group-Beziehungen stehen in Relation miteinander (vgl. ebd., S. 27­28). Im Hinblick auf die Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung im Ausland findet sich hier ein erster Hinweis, warum der Abstand zum Herkunftsmilieu und somit auch zur Familie und der delinquenten Peer-Group ein wichtiger Wirkfaktor zum Schutz vor delin-quenten Verhaltensweisen sein könnte.

Auch die Schule hat Einfluss auf delinquentes Verhalten, worauf an dieser Stelle aber nicht näher eingegangen werden soll, da schulische Sozialisationserfahrungen seltener zu unmit-telbaren Gewalthandlungen führen, sondern sich primär über die Gewaltbereitschaft vermit-teln und sich nur indirekt in Gewaltausübung niederschlagen (vgl. ebd., S. 28). Aussagen über die Wirkung und Nutzung speziell von gewalttätigen Medieninhalten lassen sich nur bedingt treffen, da die Rezeptionswirkung von Medien persönlichkeits- und sozialisations-abhängig ist (vgl. ebd., S. 28-29). Auch Viktimisierung gilt als eine der Ursachen delinquen-ten Verhaltens, da Opfererfahrungen ein kritisches Lebensereignis darstellen und häufig mit eigenem Gewalthandeln in Zusammenhang stehen. Man unterscheidet zwischen Opfern, die körperliche Gewalt erfahren haben und jenen, denen eine materielle Schädigung durch Raubdelikte widerfahren ist. Viktimisierung von Kindern und Jugendlichen findet am häu-figsten zu Hause statt und erfolgt durch die Eltern oder nahe stehende Personen (vgl. ebd., S. 30-31).

Weitere Ursachen von Delinquenz sind auch in individuellen Bedingungen, erworbenen Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltenstendenzen zu finden. So lassen sich neuropsy-chologische Auffälligkeiten, die zu erhöhter Aggressivität führen nicht ausschließlich auf ungünstige Sozialisationsbedingungen zurückführen, sie leisten einen eigenen Beitrag zu Delinquenzentwicklung (vgl. ebd., S. 31). Allerdings kann, auch wenn es genetische Auffäl-ligkeiten gibt, jede Entwicklung unter günstigen Bedingungen gelingen (vgl. Fend 2003, S. 421).

3.2 Interiorisierendes und exteriorisierendes Risikoverhalten

Risikoverhaltensweisen werden in interiorisierende und exteriorisierende Verhaltensweisen eingeteilt. Die interiorisierende Form äußert sich vor allem bei Mädchen in Form von Medi-kamentenkonsum, Suizid oder Fehlernährung. Jungen neigen eher zu exteriorisierenden Verhaltensweisen, z.B. Alkohol-, Drogen- oder Zigarettenkonsum sowie risikokonnotativen Aktivitäten wie Mutproben, S-/U-Bahn-Surfen usw.. Drogenkonsum gilt als Ausdruck der Devianz und ist somit im Kontext der geschlechts- (und milieu-) spezifischen Sozialisation zu verstehen (vgl. Raithel/Mansel 2003, S. 32-33).

Aus geschlechtstypischen Problem- bzw. Belastungsverarbeitungsformen die im Kontext einer „Kultur der Zweigeschlechtlichkeit“ zu verstehen sind, ergeben sich geschlechtstypi-sche Differenzen. Männer und Frauen reproduzieren unterschiedliche Wirklichkeiten, Mäd-chen entwickeln und reproduzieren ihre Geschlechtsidentität hauptsächlich über ein integ-rierendes Körperverständnis, Jungen reproduzieren dies über ein instrumentelles Körperver-ständnis, was sich auch im Risikoverhalten widerspiegelt. Extreme Formen der öffentlichen Präsentation von Männlichkeit, die auf körperlicher Kraft und Dominanz beruhen, wählen insbesondere marginalisierte Jungen, gerade für solche aus sozial benachteiligten Milieus dient delinquentes Risikoverhalten und insbesondere die (körperbezogene) Gewalt als Ge-schlechtsidentitätsreproduktion (vgl. ebd., S. 33-34).

Beide Verhaltensweisen haben etwas Zerstörerisches an sich und sind Abweichungen einer produktiven Entwicklung: Die eine ist selbstschädigend, die andere schädigt andere, die erste besteht im Rückzug, in der Selbstreduktion, die zweite im Angriff. Beide Typen kön-nen Ausdruck derselben Problematik sein (vgl. Fend 2003, S. 422-442).

In der umfassenden und heterogenen Gruppe des Problemverhaltens nimmt das antisoziale, insbesondere aggressive Verhalten eine zentrale Stellung ein, wenn von Devianz gesprochen wird, kommt das Kriterium der Abweichung von einer sozialen Norm zum Tragen.

Generell gilt die Jugendphase als das wichtigste Eintrittsfenster in Problemverhalten, vor allem das frühzeitige Auftreten eines Problems verweist auf Gefährdungen, da in frühen Phasen verschiedene Problemindikatoren eng zusammen hängen, später, wenn es „fast alle tun“, verlieren sie ihren Hinweischarakter auf Risikoentwicklung (vgl. ebd., S. 438).

In einem anderen Forschungszusammenhang wäre es sehr interessant, die Auslandsmaß-nahmen im Hinblick auf die Gender-Problematik zu untersuchen, da in den Projekten mehr männliche als weibliche Jugendliche betreut werden: 66,2 % der Klienten sind männlich (vgl. Klawe/Bräuer 2007, S. 14). Dies könnte zum einen darin begründet sein, dass exterio-risierende Verhaltensweisen eher auffällig werden als interiorisierende. Allerdings wird der Erlebnispädagogik generell und somit auch den Auslandsmaßnahmen eine bessere Eignung für die Bedürfnisse männlicher Jugendlicher vorgeworfen, da sie deren Suche nach Aben-teuer, Risiko und körperlicher Selbstbestätigung bedient (vgl. Heckmaier/Michl 2004, S. 236-244).

Zusammenfassend kann man sagen, dass frühe Delinquenz vor allem mit pädagogischen und normativen Defiziten im Elternhaus korreliert. Im Jugend- und Erwachsenenalter wir-ken sich zudem der Kontakt zu delinquenten Peer-Groups, Wertorientierung und der Schul-erfolg auf die Wahrscheinlichkeit des Auftretens delinquenten Handelns aus. Im Zusam-menhang mit der Delinquenzentwicklung ist aber die familiäre Sozialisation, die elterliche Beziehungsfähigkeit, deren erzieherische Kompetenz vor dem Hintergrund sozialer Rah-menbedingungen, die Belastungen und die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung prägend. Soziale Ausgrenzung und Etikettierung in Schule und Peer-Group stehen im reziproken Verhältnis dazu. Die genannten Bedingungen tragen zum Aufsuchen und Verbleib in devi-anten Gruppen bei und steigern somit die Wahrscheinlichkeit devianten Verhaltens. Gerät der Jugendliche in eine „Verurteilungskarriere“, so steht dies vor allem mit familiären und schulischen Defiziten in Verbindung, die Risikofaktoren im Jugendalter scheinen stärker mit der Delinquenz assoziiert sein, als jene im Kindesalter (vgl. Raithel/Mansel 2003, S. 34-35). Vertiefend zu diesen Befunden soll nun die Bedeutung einer stabilen Bindung für Kinder und Jugendliche untersucht werden, da diese einen wichtigen Schutzfaktor vor delinquen-tem Verhalten darstellt.

4. Die Bedeutung einer stabilen Beziehung für die positive Entwicklung eines Jugendli-chen

Der häufigste Zuweisungsgrund in ein Auslandsprojekt ist die Unfähigkeit des Jugendli-chen, tragbare Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen (vgl. Klawe/Bräuer 1998/2001, S. 101). Eine lang dauernde emotionale Bindung an eine Bezugsperson und die interessierte Aufmerksamkeit einer wichtigen Person in späteren Lebensphasen, sowie das Gefühl, dass jemandem viel am Wohl der eigenen Person gelegen ist, gilt als wichtigster allgemeiner Schutzfaktor gegen die Entwicklung von Delinquenz (vgl. Fend 2003, S. 451). Eine sichere Bindungsorganisation ist Ausgangspunkt eines Entwicklungspfades zur Kom-petenz, ist gleichzeitig ein Risikopuffer zur Förderung der psychischen Stabilität und Be-lastbarkeit (Resilienz), wogegen eine unsichere Bindungsorganisation im Sinne einer erhöh-ten Störbarkeit für Risikofaktoren wirksam werden kann (vgl. Ettrich/Ettrich 2006, S. 29). Bereits im Kindesalter lassen sich Unterschiede zwischen Kindern mit sicherer und Kindern mit unsicherer Bindungsorganisation erkennen: Im Gegensatz zu unsicher gebundenen fällt es sicher gebundenen Kindern leicht, auf andere Kinder zuzugehen, deren Spielideen auf-zugreifen und im Interesse der Gemeinschaft umzusetzen.

Nachweisbar ist der generelle Einfluss der Bindungsmuster auf die Identitätsfindung und die Entwicklung von Freundschafts- und Partnerbeziehungen. Es zeigt sich eine hohe Stabilität des einmal erworbenen Bindungsverhaltens (Grossmann 1995), das frühe Bindungsverhal-ten ist aber kein unabänderliches Schicksal und kann sich unter dem Einfluss von gravierend veränderten Interaktionsbedingungen im Lebensfluss verändern und unter therapeutischen Maßnahmen gezielt neu gestaltet werden. Dies kann eine sehr aufwändige und Zeit und E-nergie erfordernde therapeutische Intervention sein (vgl. Ettrich/Ettrich 2006, S. 29-32). In der Psychotherapie wird die Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten als der empi-risch am besten abgesicherte Wirkfaktor angesehen (vgl. Fröhlich-Gildhoff 2003, S. 42).

Auch in der (sozial)pädagogischen Fachdiskussion hat die Beziehung zwischen dem Päda-gogen und dem Klienten einen wichtigen Stellenwert. Fröhlich-Gildhoff betrachtet in seiner Studie zur Intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung Kategorien entwicklungsförder-licher Beziehungsgestaltung (vgl. ebd., S. 43 ff). Er geht in seiner Untersuchung davon aus, dass die Beziehung zwischen Betreuer und Jugendlichem entscheidender Wirkfaktor für den Erfolg der Jugendhilfemaßnahme nach § 35 KJHG ist, bezieht die „erlebnispädagogischen Projekte im Ausland“ aber nicht in seine Forschungen mit ein. Um an spätere Stelle die Wirksamkeit der Beziehung auch in diesen Projekten zu untersuchen, sollen hier die Bedin-gungen für eine erfolgreiche Beziehung näher beleuchtet werden.

[...]


[1] Aussage von Elmar Richter, Projektverantwortlicher in Deutschland, KJHV Kiel, Telefonat am 15.03.07.

[2] Z.B. der Mord an einem Betreuer durch seinen Klienten in Griechenland im Jahr 2004: http://www.linkhitlist.com/cgi/LHL_D.exe?G2LLinkNo=1121184ListNo=59056 (vom 18.10.07).

[3] Spiegel-Artikel „Risiko am Rio Coco“ (02.02.04), „Kamelritt ins Glück“ (2.9.1996), „Straßenbau und Prüge-lei“ (13.01.1997) sowie Frontal21 vom 03.04.07.

[4] Die grundlegende Problematik der Erforschung der Wirksamkeit pädagogischer Interventionen kann im Rahmen der Arbeit nicht weiter ausgeführt werden. Hierauf sei an dieser Stelle verwiesen. U.a. dazu auch Klawe/Bräuer 2007, S. 78.

[5] Vgl. u.a. Konzept von Bismunapedegogia auf www.bismunapedagogia.com/de/index.htm (Stand 18.10.07).

[6] Wodurch die Jugendlichen besonders gefährdet sind, siehe Kapitel A.

[7] Delinquenz: Straffälligkeit (Der kleine Duden, Fremdwörterbuch).

[8] Optimaler wäre die Untersuchung von zumindest vier Fällen, was durch den begrenzten Rahmen der Arbeit aber leider nicht möglich ist.

[9] Z.B. Scholl, S. (2004): „Aus dem macht ihr keinen Menschen mehr“ Mit deutschen Crashkids in Sibirien.; Kreszmeier, A. H. (1994): Das Schiff Noah. Dokumente einer therapeutischen Reise.; Flückiger Schüepp, M. (1998): Die Wildnis in mir. Mit Drogenabhängigen in den Wäldern Kanadas.

[10] Klawe, W./Bräuer, W. (1998): Erlebnispädagogik zwischen Alltag und Alaska. Praxis und Perspektiven der Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung. Weinheim und München: Juventa.

[11] Klawe, W./Bräuer, W. (2007): Evaluationsstudie. Jugendliche in Individualpädagogischen Maßnahmen. Durchgeführt vom Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) im Auftrag des AIM e.V..

[12] Sommerfeld, P. (1993): Erlebnispädagogisches Handeln. Ein Beitrag zur Erforschung konkreter pädagogi-scher Felder und ihrer Dynamik. Weinheim und München: Juventa.

[13] Fröhlich-Gildhoff, K. (2003): Einzelbetreuung in der Jugendhilfe. Konzepte, Prozesse und wirksame Fakto-ren. Münster-Hamburg-London: Lit Verlag.

[14] Tautorat, P. (2004): Auswirkungen einer Intervention der Jugendhilfe auf die Lebensbewältigungsstrategien von jungen Erwachsenen am Beispiel der Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuung (§ 35 SGB VIII) in Form eines Auslandsstandprojektes. Dissertation. Universität Dortmund.

[15] Witte, M. D./Sander, U. (Hrsg.) (2006): Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion. Hohen-gehren: Schneider Verlag.

[16] Insbesondere Heft 1, Januar 2007.

[17] Insbesondere Heft 34/2006.

[18] Weiterführend hierzu: ZfE, Heft 1, Januar 2007.

[19] Vgl. Witte, M. (2007): Intensivpädagogische Auslandsprojekte und die Ermöglichung biographischer Hand-lungserweiterung durch Transnationalität. Word-Dokument, persönlich per email geschickt, bis zum Zeitpunkt des Verfassens der vorliegenden Arbeit nicht veröffentlicht.

[20] Bundesministerium des Inneren/Bundesministerium der Justiz (2001): Erster Periodischer Sicherheitsbe-richt, S. 59.

Details

Seiten
71
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640442331
ISBN (Buch)
9783640442881
Dateigröße
995 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133451
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Bewegung Begegnung Bedeutung Beziehung Jugendlichen Betreuer Individualpädagogischen Auslandsmaßnahmen Jugendhilfe

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Titel: Von der Bewegung zur Begegnung - Die Bedeutung der Beziehung zwischen Jugendlichen und Betreuer in Individualpädagogischen Auslandsmaßnahmen der Jugendhilfe