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Johann Heinrich Pestalozzi - Einleitende biographische und ideengeschichtliche Kontexte zu seinem Leben und Werk

Wissenschaftlicher Aufsatz 1989 28 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Biographischer Kontext

2. Ideengeschichtlicher Kontext

Bildnachweis

1. Biographischer Kontext

Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Januar 1746 als Sohn des verarmten Chirurgen Johann Baptist Pestalozzi und dessen aus begüterter Familie stammenden Frau Susanne als zweites von drei Kindern in Zürich geboren.[1] Mit fünf Jahren verlor er seinen Vater, der an einem heimtückischen Fieber starb. Fortan war seine Mutter auf die finanzielle Unterstützung durch ihre Verwandten angewiesen.[2] Trotz der bescheidenen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, erfuhr Johann Heinrich eine zärtliche Erziehung[3] durch seine Mutter, deren Liebe ebenso wie deren protestantisch-pietistische Religiosität prägenden Einfluss auf ihn ausübten.[4] Jene wurde bei der Erziehung Johann Heinrichs von der treuen Magd Babeli unterstützt, die der Familie bis zu ihrem Tode diente.[5]

Das Vorherrschen weiblicher Einflüsse in seiner frühen Erziehung ist von Pestalozzi einerseits an verschiedenen Stellen bedauert worden[6], andererseits muss er aber die von jenen erzeugte „Wohnstubenatmosphäre“ als einen so beglückenden Umstand erfahren haben, dass er diese zu einem wesentlichen Teil seines Erziehungsverständnisses erhoben hat.[7]

Nach dem Besuch der Elementarschule kam er als Sohn eines mit Bürgerrechten ausgestatteten Vaters in den Genuss höherer Bildung: 1761 trat er in das Collegium Humanitas ein, eine dem heutigen Gymnasium vergleichbare Bildungsanstalt.[8] Anschließend (1763-1765) absolvierte er ein Studium mit philologischen und philosophischen Schwerpunkten am Züricher Collegium Carolinum, einem universitätsähnlichen Institut.[9]

War er in seinem Elternhaus und in den frühen Jahren des Schulbesuchs noch nach den Idealen des Pietismus erzogen worden, so geriet er durch seine gymnasiale und universitäre Bildung, zu der maßgeblich Lehrer wie Johann Jakob Bodmer (1698-1783) und Johann Jakob Breitinger (1701-1776) beitrugen, unter den Einfluss der von Frankreich ausgehenden Aufklärung.[10]

Der geistige Boden für die Aufnahme der Gedanken Rousseaus war bereits früh bereitet worden: Schon während häufiger Besuche bei seinem Großvater Andreas Pestalozzi, der in Höngg bei Zürich einen Hof besaß, hatte er die Rechtlosigkeit, Unterdrückung und Armut der Landbevölkerung unter feudaler Herrschaft wahrgenommen.[11] Umso mehr beflügelten ihn als Heranwachsenden die Leitmotive des contrat social, „welche in der Stärke und Freiheit jedes Menschen die Hauptwerkzeuge seiner Erhaltung sehen“ und von der gleichen Würde aller Menschen ausgehen[12] sowohl zur anfänglichen Anprangerung des Unrechts im ERINNERER[13] als auch zu seinem späteren Engagement für die Ärmsten der Armen.[14]

Den Ideen Rousseaus von einer natürlichen Lebensweise zugetan, beseelt von dem Gedanken, den Ärmsten im Lande zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen und beeinflusst von den Lehren der Physiokratie[15], begann Pestalozzi eine etwa einjährige landwirtschaftliche Lehre und erwarb 1768 den Neuhof in der Nähe von Brugg.[16] 1769 heiratete er Anna Schulthess, die ihm 1770 einen Sohn gebar: Hans-Jakob („Jean-Jacques“), der nach den Lehren Rousseaus erzogen wurde, beruflich scheiterte und schon 1801 an Epilepsie starb.[17]

Als der Neuhof zu einem wirtschaftlichen Misserfolg zu geraten und im Ruin zu versinken drohte, fasste Pestalozzi den Entschluss, auf dem Neuhof eine Armenanstalt einzurichten, um „armen Kindern auf einem Landhause Auferziehung und Arbeit zu geben.“[18]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Johann und Anna Pestalozzi beim Unterricht in der Erziehungsanstalt Neuhof (Holzstich v. 1882; unbekannter Künstler)

Diese Anstalt, die von ihrer pädagogischen Konzeption her der pietistischen Tradition nahestand[19], sollte sich durch die Handarbeit der Zöglinge selbst erhalten:

[...]


[1] Vgl. Reinert, Gert-Bodo u. Peter Cornelius: Johann Heinrich Pestalozzi. Anthropologisches Denken und Handeln. Ein Konzept für unsere Zeit. Düsseldorf, 1. Aufl., 1984, S. 12f.

[2] Vgl. Soetard, Michael: Johann Heinrich Pestalozzi. Sozialreformer - Erzieher – Schöpfer der modernen Volksschule. Eine Bildbiogra phie. Zürich, 1987, S. 10.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. z. B. Pestalozzi, Johann Heinrich: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten in Briefen, 1801, in: Ders. : Sämtliche Werke, hrsg. v. Arthur Buchenau, Eduard Spranger u. Hans Stettbacher. Berlin u. Leipzig 1927ff.), Bd. XIII, S. 349. [Im Folgenden wird die soeben zitierte Ausgabe des Gesamtwerks zugrunde gegelegt. Die römischen Ziffern verweisen auf den entsprechenden Band.) – An dieser Stelle führt die Erinnerung an die Mutter zu einem emotionalen Ausbruch während des Schreibens: „Mutter! Mutter! heilge du mir den Übergang von deinem Herzen zu dieser Welt durch die Erhaltung deines Herzens! – Lieber Freund! Ich muß schweigen, mein Herz ist gerührt, und ich sehe Tränen in meinen Augen.“

[5] Vgl. Soetard, Michael, a. a. O. , S. 10; vgl. ferner: Reinert, Gerd-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S.12, unter Rekurs auf Pestalozzi, XXVIII (Schwanengesang, 1826), S. 213.

6Vgl. Pestalozzi, XXVIII, S. 212: „Mein Vater starb mir sehr frühe, und ich mangelte von meinem sechsten Jahre an in meinen Umgebungen alles, dessen die männliche Kraftbildung in diesem Alter so dringend bedarf.“; vgl. auch ebd., wo er sich als „Weiber- und Mutterkind“ bezeichnet. Vgl. auch Reinert, Gerd-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S. 13.

[7] Vgl. Pestalozzi, XIII (Über den Aufenthalt in Stanz. Briefe Pesta lozzi’s an einen Freund, 1799), S. 7f.: „Jede gute Menschenerziehung fordert, dass das Mutteraug in der Wohnstube täglich und stündlich jede Veränderung des Seelenzustandes ihres Kindes mit Sicherheit in seinem Auge, auf seinem Munde und seiner Stirn lese.“ – Das Bild seiner Mutter war für Pestalozzi sicherlich auch Vorlage für die Gestalt der Gertrud in Lienhard und Gertrud, 1781f. (vgl. Pestalozzi II u. III).

[8] Vgl. Reinert, Gerd-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S. 13.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. ebd., S. 16. Obwohl die genannten Lehrer Pestalozzis ursprünglich auf der antiken Philosophie und pietistischem Denken fußten, eröffneten sie ihren Schülern doch den Zugang zu zeitgenössischen Philosophen, zu Leibniz und Wolff ebenso wie zu Rousseau (vgl. auch: Brühlmeier, Arthur (Hg.) in seiner Einlei tung zu: Johann Heinrich Pestalozzi, Auswahl aus seinen Schriften, Bd. I. Bern u. Stuttgart, 1977, S. 8f.

[11] Vgl. Reinert, Gert-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S. 17; vgl. ferner: Soetard, Michael, a. a. O. , S. 15f.

[12] Vgl. Rousseau, Jean-Jacques: Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechtes, übers. v. H. Denhardt. Stuttgart, 1974, S. 117.

[13] Vgl. Rang, Adalbert: Der politische Pestalozzi. Frankfurt/M., 1967, S. 19; unter Bezugnahme auf DER ERINNERER. Eine moralische Wochenschrift, Bd. I . Zürich, 1765, S. 146, S. 192, S. 226f., S. 287f.

[14] Vgl. Pestalozzi, XXVIII, S. 224; vgl. auch Reinert, Gert-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S. 18.

[15] „ Physiokratie oder Physiokratismus (gr.: Herrschaft der Natur) ist die von François Quesnay im Zeitalter der Aufklärung be gründete ökonomische Schule. Sie entwickelte erste systemati sche Ansätze zur Erklärungen volkswirtschaftlicher Strukturen und Prozesse, der Tableau économique ist die erste Darstellung des Wirtschaftskreislaufs. Ausgangspunkt der Physiokraten war einerseits der Niedergang der Landwirtschaft durch die merkantilistischeWirtschaftspolitik Jean-Baptiste Colberts sowie die wirtschaftlichen Turbulenzen, die ausgelöst waren durch die Spekulationsgeschäfte John Laws.“ (Wipikedia: „Physiokratie“, letzter Zugriff: 21.07.2009).

[16] Vgl. Reinert, Gert-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S. 19f. ;

vgl. ferner: Russ, Willibald: Geschichte der Pädagogik. Bad Heilbrunn /Obb. , 9. , verb. Aufl. , 1973, S. 93 u. Soetard, Michael, a. a. O. , S. 21f.

[17] Vgl. Reinert, Gert-Bodo u. Peter Cornelius, a. a. O. , S. 20f.; vgl. ferner: Soetard, Michael, a. a. O. , S. 50.

[18] Vgl. Pestalozzi, I, S. 137.

[19] Vgl. Soetard, Michael, a. a. O. , S. 24. – Hier finden sich Anmerkungen zum Einfluss August Hermann Franckes auf das Denken Pestalozzis.

Details

Seiten
28
Jahr
1989
ISBN (eBook)
9783640407477
ISBN (Buch)
9783640407507
Dateigröße
936 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v133645
Note
Schlagworte
Johann Heinrich Pestalozzi Pietismus Aufklärung Einfluss Rousseaus Stans Neuhof

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